61

Veröffentlicht in Beyond the Basics on 9. Februar 2017

Von Gavin Verhey

When Gavin Verhey was eleven, he dreamt of a job making Magic cards—and now as a Magic designer, he's living his dream! Gavin has been writing about Magic since 2005.

Es ist immer so verlockend.

Ihr baut ein Deck und da sind all diese wundervollen Karten, die ihr gern spielen wollt. Ihr versucht, nur die besten Optionen herauszupicken, aber die Wahl fällt euch schwerer und schwerer, je weiter ihr auf dem Entscheidungsbaum vorankommt. Ihr beschließt sogar, ein Land rauszunehmen – vielleicht entgegen eurem Bauchgefühl –, aber es reicht immer noch nicht.

Und dann passiert es. Ein unschuldiger kleiner Gedanke schleicht sich in euren Verstand: „Vielleicht spiele ich einfach mehr als 60 (oder 40) Karten.“

Ich habe das schon gemacht. Ihr habt das wahrscheinlich schon gemacht. Jetzt mal im Ernst: Wie schlimm kann das schon sein? Es macht wahrscheinlich kaum einen Unterschied.

Oder?

Hört. Sofort. Auf.

Das, was ihr da vorhabt, ist gefährlich. Es klingt vielleicht nicht danach, aber ihr sabotiert gerade eure Chancen auf den Sieg, indem ihr euren Kartenpool nicht weiter ausdünnt.

Wenn ihr euch alle erfolgreichen Turnierdecks anschaut, werdet ihr bis auf sehr, sehr, sehr, sehr seltene Ausnahmen keines mit mehr als 60 Karten finden. Selbiges gilt fürs Limited und 40 Karten.

Und warum? Warum funktioniert das Spiel so? Und kann es jemals richtig sein, diese Regel zu brechen?

Das wollen wir uns heute ansehen.

Erzähl mir immer, wie meine Chancen stehen

Nimm diese 61. Karte aus dem Deck, Han Solo.

Warum? Schauen wir es uns an.

In einem Magic-Deck kann man so viele Karten spielen, wie man will. Warum also spielen die Leute nicht sowieso andauernd mehr als das Minimum? Schließlich sorgen mehr Karten auch dafür, dass man Zugriff auf zusätzliche weitere Karten hat, und es kann sogar verhindern, dass man am Kartentod stirbt, falls die Partie in die entsprechende Richtung läuft.

Alles hängt von der Qualität der Karten ab.

In jedem Deck wird es einige Karten geben, die ihr häufiger als andere ziehen möchtet – eure „besten“ Karten. Selbstloser Geist, Grimmiger Schinder, Blitzschlag und all so was. Diese Karten sind im Allgemeinen stärker als diejenigen, die ihr zum Abrunden eures Decks nutzt.

Im Limited ist die Lücke hier sogar noch größer. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen eurer seltenen Bombe wie etwa dem Todbringenden Mechakoloss und dem ganz netten Gesetzlosen Zwischenhändler in eurem Deck.

Indem ihr mehr als die minimale Anzahl von Karten spielt, verringert ihr – wenn auch nur marginal – eure Chancen, eure starken Karten so oft wie möglich zu ziehen.

Die 61. Karte wird zudem ohnehin weniger gut passen als die Karten, die ihr beim Deckbau vor ihr ausgesucht habt. Ansonsten hättet ihr sie ja schon früher ins Deck genommen!

Stellt es euch so vor: Nehmt die Version eures Decks mit 60 Karten. Mischt es. Legt dann die 61. Karte obendrauf. Diese Karte macht es weniger wahrscheinlich, dass ihr irgendetwas zieht, was darunter liegt – die Karten also, die ihr lieber ziehen würdet. (Und nein, es gilt nicht, wenn man sagt, dass die 61. Karte ein Land oder eine Karte für ein Mana ist, um dieses konkrete Beispiel zu umgehen!)

In jedem Ziehsegment nehmt ihr das winzige Risiko in Kauf, etwas Schwächeres zu ziehen als die stärksten Karten im Deck.

Aber was, wenn ... ?

In meinen sechzehn Jahren als Magic-Spieler habe ich eine ganze Reihe von Gründen gehört, doch diese 61. (oder 41.) Karte ins Deck zu nehmen. In vielen Fällen war ich derjenige, der sie angeführt hat – ich erinnere mich da insbesondere an eine Autofahrt, auf der ich versucht habe, Leute davon zu überzeugen, dass sie 41 Karten spielen sollten, solange nur genug Brandrodungen im Deck waren.

Das ist ziemlich fragwürdig, ich weiß.

Wir alle kennen das. Und beinahe ebenso häufig habe ich fast jedes Argument, das ich oder jemand anders vorgebracht hat, bei genauerer Betrachtung in sich zusammenstürzen sehen.

„Meine 61. Karte lässt mich eine Karte ziehen. Also ist das so, als würde ich 60 Karten spielen, außer dass ich noch einen zusätzlichen Zauber bekomme.“

Na ja, nicht wirklich. Erstens muss man sich da fragen, was besser ist: 61 Karten zu spielen, bei der eine das Deck im Grunde zu einem 60-Karten-Deck macht, oder 60 Karten zu spielen, von denen eine das Deck effektiv auf 59 Karten reduziert? Wenn man sein Deck durchgehen will, um die besten Karten zu finden, dann ist der Weg dazu nicht, zusätzliche Karten zu spielen.

Zweitens wird das bei der Betrachtung von anderen Dingen wie etwa Mulligan-Entscheidungen hinfällig. Ist Sicht von unten auf eurer Starthand und nicht etwa die Karte, die unter ihr liegt, stehen eure Chancen schlechter, euer Ziehen korrekt abzuschätzen.

Zu guter Letzt kostet es noch immer Mana und Zeit (oder im Falle des Straßenwraith) Lebenspunkte), um sie einzusetzen. Es wird nicht immer die Karte sein, die direkt darunter liegt. Wenn ihr wollt, dass das passiert, dann solltet ihr einfach weniger Karten spielen.

„Ich werde als meine 61. Karte ein Land spielen, damit ich das perfekte Verhältnis von Ländern zu Zaubersprüchen habe.“

Euer Land-zu-Zauber-Verhältnis mag zwar mathematisch korrekter sein, aber ihr verringert damit noch immer eure Chancen darauf, die beste Karte zu ziehen.

Darüber hinaus gibt es mehr als genug Möglichkeiten, auf die Zahlen zu kommen, die ihr haben wollt. Denkt zum Beispiel darüber nach, als eure 60. Karte ein Land mit einer aktivierten Fähigkeit zu nehmen, wodurch ihr etwas erhaltet, was nach Bedarf wie ein Zauber und ein Land funktioniert.

„Meine 61. Karte ist das Ziel für einen Lehrmeister wie etwa die Trophäenmagierin, und es ist besser, sie im Deck zu haben, damit ich sie überhaupt finden kann, als sie gar nicht zu haben.“

Auf diese Weise macht ihr euer Deck gleich doppelt schlechter: Ihr spielt eine Karte, die ihr offensichtlich gar nicht so oft ziehen möchtet, und ihr verringert die Chance, die Karten zu ziehen, die ihr spielen wollt, nur umso mehr. Wenn ihr diese Karte haben wollt, dann nehmt dafür etwas anderes raus.

Die Zahl an Gründen, die man anführen kann, um mehr als das Minimum an Karten zu spielen, ist schier endlos – und für alle lassen sich scheinbar rationale Erklärungen finden.

Zwar gibt es ein paar Beispiele von Decks mit 61 Karten, die sich auf Turnieren gut geschlagen haben, doch selbst diese sind fragwürdig – und für jedes davon kann ich euch zwanzig andere des gleichen Archetyps zeigen, die sehr erfolgreich mit 60 Karten liefen. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass ihr einen überzeugenden Grund nennen könnt, die 60-Karten-Regel zu brechen – es sei denn, ihr seid Huey Jensen.

Wenn ihr gern mehr über die häufig angeführten Argumente (und warum diese nicht stimmen) lesen wollt:

Patrick Chapin hat einen tollen Artikel zu genau diesem Thema geschrieben, den ihr hier findet.

Anstatt weiter zu beschreiben, warum man das nicht tun sollte, möchte ich nun auf die sehr, sehr speziellen Gelegenheiten zu sprechen kommen, bei denen man richtigerweise versuchen kann, mehr als das Minimum an Karten zu spielen. Es gibt drei davon, bei denen ich sagen würde, dass sie am ehesten vorkommen (ohne die Worte „Geistiges Duell“ zu verwenden).

1. Bei Testpartien

Ja, ganz recht, die erste hat nicht einmal damit zu tun, ein Deck tatsächlich auf einem Turnier zu spielen. Aber es ist vernünftig, hier das Minimum zu überschreiten.

Testpartien sollten dazu dienen, Informationen zu erhalten. Wenn man sich nicht sicher ist, was man rausnehmen soll, oder wenn man einfach mal etwas ausprobieren will, dann kann das eine gute Möglichkeit dazu sein. Will man beispielsweise zwei verschiedene Karten ausprobieren und zu beiden Daten sammeln, kann das eine effektive Option darstellen, und zwar selbst dann, wenn man damit bei 61 landet.

Achtet nur darauf, wieder auf 60 zu kommen, sobald ihr tatsächlich auf eurem geplanten Event spielt.

2. Im Limited, um den Gegner in den Kartentod zu treiben

Im Constructed den Gegner an zu wenig Karten sterben zu lassen, weil ihr selbst 61 oder mehr Karten gespielt habt, ist wenig realistisch. Es ist in der heutigen Zeit nicht nur kaum wahrscheinlich, dass das passiert, sondern es ist außerdem sehr gut möglich, dass jemand einen Kartenzieheffekt oder Wucherndes Wachstum hat, um die Deckgröße in einer langen Partie auf diese Weise ohnehin zu verringern. In der Theorie ist das ein interessanter Diskussionspunkt, aber in der Praxis ist er irrelevant.

Im Limited kann das jedoch vorkommen. Ich möchte betonen, dass das kein häufiges Szenario ist. Ihr solltet also nicht anfangen, in jedes Deck eine zusätzliche Karte zu packen, nur damit sie euch nicht ausgehen.

Habt ihr jedoch ein extrem langsames Deck oder eines, das gewaltige Verteidigungsvorrichtungen aufbaut, kann ein Sieg durch Kartentod durchaus realistisch sein.

Es ist jedoch wichtig, hier alle Variablen im Kopf zu behalten. Beinhaltet euer Deck Karten, durch die ihr Karten ziehen oder nach Ländern suchen könnt? Dann funktioniert diese Strategie nicht, es sei denn, ihr wollt diese Karten gegebenenfalls gar nicht ausspielen.

Gibt es zufälliges Millen oder gezieltes Kartenziehen im Deck? Das kann nämlich den ganzen Plan zunichtemachen.

Es ist selten richtig, das zu tun, aber immerhin häufiger als im Constructed.

3. Weil ihr nicht wisst, was ihr machen sollt

Menschen sind ziemlich fehleranfällig. Es ist möglich, dass ihr ein Deck gebaut habt und nicht sicher seid, ob ihr erfahren oder gut genug seid, die richtige Wahl zu treffen. Anstatt etwas Entscheidendes rauszunehmen, spielt ihr lieber eine Karte mehr.

Das könnt ihr machen – solange ihr euch gegenüber ehrlich genug seid, zuzugeben, dass ihr euer Deck damit schlechter macht.

Ihr müsst sichergehen, dass das Verschlechtern eurer Chancen immer noch besser ist, als eine der Karten herauszunehmen, über die ihr nachdenkt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es irgendeinen redundanten Effekt gibt, auf den ihr verzichten könntet, aber wenn ihr euch wirklich unsicher seid, könnt ihr die zusätzliche Karte drinlassen.

Minima maximieren

Als ich damals meine alte Kolumne „Reconstructed“ schrieb und die Leser jede Woche dafür Decklisten einsandten, die ich begutachten sollte, bekam ich ständig Decklisten mit mehr als 60 Karten. Das kommt wesentlich häufiger vor, als man meinen sollte – und hoffentlich hält euch dieser Artikel davon ab, den gleichen Fehler zu machen.

Für die überzeugten 61+-Spieler: Ja, es gibt Beispiele, auf die ihr euch beziehen könnt. Doch für jedes Einsame Sandbank-Wahnsinn-Deck mit 61 Karten oder Elixier der Unsterblichkeit-Deck mit deutlich mehr als 60 Karten gibt es eine riesige Gruppe ähnlicher Decks, die mit 60 Karten auskommen. Das Minimum ist beinahe immer das Optimum.

Es sei denn, ihr spielt Geistiges Duell. In diesem Fall: Ihr rockt! Führt den spaßigen Kampf ruhig weiter!

Habt ihr Fragen oder Anmerkungen? Dann schickt mir doch einfach einen Tweet, stellt mir eine Frage auf meinem Tumblr oder schreibt mir eine E-Mail auf Englisch an BeyondBasicsMagic@gmail.com.

Wir sehen uns nächste Woche. Viel Spaß!

Gavin
@GavinVerhey
GavInsight

Latest Beyond the Basics Articles

BEYOND THE BASICS

20. Juli 2017

Die Berührung des Todes by, Gavin Verhey

Seit dem Buschbasilisken hat sich eine Menge verändert. Der Buschbasilisk, der damals in der Limited Edition (Alpha) erschien, hatte eine Art Proto-Todesberührung, die für einige sehr ...

Learn More

BEYOND THE BASICS

13. Juli 2017

Das Draften des Sideboards by, Gavin Verhey

Wenn ihr „Sideboard“ hört, denkt ihr sicherlich als Erstes an Decks aus 60 Karten. An die späten Abendstunden, in denen ihr sorgfältig diese fünfzehn Karten sortiert, die ihr zwischen den...

Learn More

Artikel

Artikel

Beyond the Basics Archive

Du willst mehr? Tauche ein in die Archive und lies tausende Artikel über Magic von deinen Lieblingsautoren.

See All