Das miserable Mahlwerk

Veröffentlicht in Beyond the Basics on 16. Februar 2017

Von Gavin Verhey

When Gavin Verhey was eleven, he dreamt of a job making Magic cards—and now as a Magic designer, he's living his dream! Gavin has been writing about Magic since 2005.

Geschätzte Leser,

ich beschwöre euch: Kehrt zur vorherigen Seite zurück.

Bitte drückt auf den schlangenförmigen Zurück-Knopf in eurem Browserfenster und begebt euch zur Startseite zurück. Ich bin sicher, ihr findet dort einen vergnüglicheren Text – eine Vorschau auf neue Karten vielleicht oder stimmungsvolle Unterfangen, die euer Gemüt heben. DailyMTG ist voll von derart wunderbaren Artikeln.

Seid ihr jedoch gewillt, euch weiter in diese traurige Geschichte zu vertiefen, so ist es meine oberste Pflicht, euch mitzuteilen, was die Nebenwirkungen sein könnten: Womöglich baut ihr eure liebsten Decks um und müsst dabei zusehen, wie gewisse Teile von Magic, die ihr dereinst so unbeschwert genossen habt, nun vor euren Augen zermalmt werden wie ein Käfer unter der Sohle eines Stiefels. Und letztlich wäre da noch – wie einige zweifellos anmerken werden – die garstigste Nebenwirkung von allen: Ihr könntet etwas lernen.

Ich würde es verstehen, wenn einige oder gar alle von euch nach diesem wahrlich düsteren Anfang sofort gehen würden. Nur zu. Ihr müsst nicht um meinetwillen bleiben. Es mag meine Aufgabe sein, so über die Geschehnisse zu berichten, wie sie sich zutrugen, doch es sollte niemand zum Zuhören gezwungen werden.

Jene jedoch, die kühn genug sind, dem wacker entgegenzutreten, mögen in diesen heiligen Hallen verweilen und weiterlesen.

In das Mahlwerk

Wie stark ist diese Karte?

Im Zauberbuch radieren millt fünf Karten. „Millen“ (vom Engl. „mill“ für Mühle bzw. mahlen; Anm. des Übers.) ist ein umgangssprachlicher Begriff, der von der Karte Mühlstein herrührt, welcher hier synonym mit „die oberste(n) Karte(n) von der Bibliothek eines Spielers auf den Friedhof legen“ verwendet wird.

So könnte man beispielsweise sagen: „Im Finale des Pro Tour Qualifiers hat Herbert Im Zauberbuch radieren gespielt, um meine letzten fünf Karten wegzumillen, damit ich keine Chance mehr hatte, in der Pro Tour zu spielen.“

Es gibt viele Spieler, die Im Zauberbuch radieren in ihren Decks haben. Und fairerweise muss man sagen, dass das auch nicht immer schreiend falsch ist.

Es ist jedoch einen Großteil der Zeit schlichtweg nur nicht korrekt.

Normalerweise solltet ihr nicht mit Im Zauberbuch radieren spielen. Und zwar deshalb, weil das Millen an sich keine sehr konstruktive Angelegenheit ist.

Ich bin sicher, dass einige Leser nun verblüfft dreinschauen. Viele von euch mögen das Millen heiß und innig lieben, und wie ich oben in der kleinen Warnung bereits angedeutet habe, besteht die Chance, dass ihr nach dem Lesen des Artikels eure Decks werdet ändern müssen. Wer jetzt einen Rückzieher macht, über den wird deshalb nicht schlechter geurteilt.

Jenen jedoch, die weiterlesen wollen, will ich meine Behauptung erklären.

Millen klingt so anziehend, weil man viele Karten des Gegners auf einmal „zerstören“ kann.

Wenn ihr Im Zauberbuch radieren wirkt und einen Strömenden Mechakoloss und ein Aberkennen des Gegners auf den Friedhof schickt, fühlt es sich so an, als hättet ihr euch dieser Karten entledigt. Ihr habt sie in eine Art Käfig gesperrt und sie so daran gehindert, sich weiter zu zeigen. Und wie wir alle wissen, entkommt nie etwas aus einem abgesperrten Käfig.

Es gibt jedoch drei wichtige Gründe, weshalb das nicht ganz wahr ist. Gehen wir sie durch.

1. Ihr habt keinen Einfluss auf das Board genommen

In Magic sollte jede Handlung, die ihr vornehmt, generell irgendeinen bedeutsamen Einfluss auf die Hand oder das Board haben.

Eine Kreatur zu spielen beispielsweise, gibt euch die Möglichkeit, anzugreifen und die Partie zu gewinnen. Euren Gegner Karten abwerfen zu lassen, verringert dessen verfügbare Optionen und hilft dabei, die Partie zu gewinnen. Diese Optionen bekommen einen fröhlichen Haken und einen dieser ungemein beliebten Smileys, die man immer in Textnachrichten findet.

Die weniger erfreuliche Nachricht ist, dass Millen keinen generellen Einfluss auf die Partie hat. Spielt ihr Im Zauberbuch radieren, spielt ihr eine 0-für-1-Karte aus.

Die „Zahl-für-Zahl“-Konstruktion wird in Magic eingesetzt, um auszudrücken, dass man eine gewisse Anzahl an Karten dazu ausgibt, um den Wert einer anderen Anzahl an Karten zu erhalten.

Wirkt ihr beispielsweise einen Anflug von Genialität, dann ist das eine 2-für-1-Karte. Habt ihr das Glück, ein Ausräuchern auf ein Board mit dreizehn Kreaturen des Gegners zu wirken, dann ist das eine 13-für-1-Karte. Beides sind tolle Resultate.

Eine 1-für-0-Karte hingegen heißt, dass ihr eine eurer Karten ausgebt, um mit null Karten des Gegners fertigzuwerden. Das kann man im Allgemeinen nicht als gutes Ergebnis bezeichnen.

Es sieht zwar so aus, als hättet ihr euch mithilfe von Im Zauberbuch radieren um fünf Karten des Gegners gekümmert, doch – wie so oft im Leben – trügt der Schein.

Ihr habt diese Karten zwar aus dem Deck des Gegners entfernt, aber nicht unbedingt seine verfügbaren Ressourcen dezimiert. Nichts hat sich hinsichtlich der verfügbaren Karten in der Hand oder auf dem Board des Gegners verändert.

Sofern ihr keine feste Vorhersage treffen könnt, ob die Partie dadurch beendet werden wird, dass dem Gegner die Karten ausgehen, könnten diese Karten ebenso gut unter der Bibliothek des Gegners liegen. Das Ergebnis wäre das gleiche.

Ihr würdet wahrscheinlich keine Karte spielen, die die obersten fünf Karten des Gegners einfach nur unter seine Bibliothek schickt – doch das ist genau das Äquivalent dessen, was reines Millen oft ist.

2. Ihr könnt nicht kontrollieren, was ihr millt

Es kann sehr konkrete Zeitpunkte geben, zu denen das Herausnehmen von Karten aus der Bibliothek des Gegners dessen Strategie völlig untergräbt.

Der Einsatz einer Karte wie Verlorenes Vermächtnis, um die entscheidenden Karten des Gegners aufzufressen wie die Löwen oder die Clowns in einem zerfleischungswütigen Zirkus, kann absolut verheerend sein, sofern er zum richtigen Zeitpunkt erfolgt. (Die Karte sollte jedoch dennoch mit Bedacht gespielt werden.)

Die Stärke einer Karte wie Verlorenes Vermächtnis ist, dass ihr entscheiden könnt, was ihr rausnehmen wollt. Ihr spielt dazu zwar oft eine 0-für1-Karte, aber das Entfernen aller Komboteile des Gegners kann das wert sein.

Wäre Millen das Gleiche, würde ich hier sitzen und euch mit Freuden verkünden, dass es sich gelegentlich durchaus lohnen kann. Und hinzufügen, dass das Wirken von Im Zauberbuch radieren, um dem Gegner dadurch jede Möglichkeit zu nehmen, die Partie noch zu gewinnen, eine Strategie ist, die oft von professionellen Spielern auf der ganzen Welt angewendet wird.

Dies ist jedoch nicht der Fall. Und daher fällt mir die undankbare Aufgabe des Informanten zu, der euch mitteilen muss, dass Millen eben nicht zu den gleichen zielgerichteten Effekten führt.

Wenn ihr euren Gegner millt, gibt es keine Garantie dafür, was ihr damit erwischt. Es ist, wie wenn man eine gut getarnte Schlange in einem Reptilienkäfig umherhuschen hört: Man kann man nicht sagen, ob es sich um eine harmlose Feldschlange oder eine ungemein gefährliche Klapperschlange handelt, die jeden Augenblick eure gute Freundin Beatrice beißen wird. Es könnten ebenso gut fünf Länder wie fünf Mechakolosse sein. Zum Zeitpunkt des Wirkens ist das unmöglich zu sagen.

Anders jedoch als das Gift einer Klapperschlange – das, wie die Wissenschaft herausgefunden hat, absolut tödlich für Menschen ist, wenn ein Biss nicht behandelt wird – ist das Millen am Ende vielleicht sogar dann völlig irrelevant, selbst wenn es die fünf besten Karten des Gegners erwischt. (Mehr dazu unter Punkt 1.)

Das bedeutet, dass ihr nicht nur oft gar nichts Gutes erwischen werdet, sondern dass es meistens auch gar keine Rolle spielt, wenn es denn mal so sein sollte.

Oder es bedeutet sogar noch Schlimmeres  . . . Nun kommen wir nämlich zum dritten Punkt.

3. Der Friedhof ist nicht das Ende

Im womöglich düstersten Verlauf der Ereignisse könnte das Millen des Gegners diesem sogar unfreiwillig helfen. Ja, ganz recht: Euer finsterer Plan, ihn seiner mächtigsten Karten zu berauben, hat diese geradewegs in ein feindliches Feldlazarett geschickt, wo sie nur auf ihre Wiederbelebung warten.

In der Welt des heutigen Magic gibt es so viele Möglichkeiten, etwas vom Friedhof zurückzuholen oder sich durch dessen Anwesenheit dort Vorteile zu verschaffen. Gehen wir noch einmal zu dem Beispiel vor einigen Absätzen zurück und schauen uns die beiden Karten an, die ihr gemillt habt:

Den Mechakoloss zu millen, ist, wenn der Gegner ein Constructed-Deck spielt, ein deutliches Zeichen dafür, dass er noch weitere Mechakolosse haben wird. Und da ihr dieses Aberkennen auf den Friedhof gelegt habt, kann er einen zukünftigen Mechakoloss nutzen, um es mühelos auszuspielen! Ihr habt eurem Gegner geholfen!

Und das ist nur das überschaubare Übel dessen, was alles passieren kann. Stellt euch nur mal vor, ihr spielt ein Milldeck gegen ein Deck, das sich um Delirium dreht!

Das Millen spielt der Strategie des Gegners unter Umständen genau in die Hände. Selbst im Limited ist es unglaublich gefährlich, denn Effekte, die Karten vom Friedhof wieder auf die Hand des Gegners zurückkehren lassen, sind recht häufig.

Ein Leuchtturm in der Nacht

In dieser brackigen, blutegelbefallenen Bucht der Verzweiflung gibt es jedoch einen winzigen Hoffnungsschimmer. Zwar habe ich viele Warnungen ausgesprochen, doch gibt es – sofern ihr diese im Hinterkopf behaltet – drei vorrangige Gelegenheiten, bei denen Millen die richtige Vorgehensweise ist. Wappnet euch mit dem bisher erworbenen Wissen und folgt mir mit höchstem Bedacht.

1. Wenn euer Deck ums Millen herum aufgebaut ist

In einem eigens dafür vorgesehenen Deck ist das Millen natürlich angemessen. Etwas anderes zu sagen, wäre so, als schlüge man vor, keine Milch in euer Müsli zu tun oder kein Dachsabwehrmittel auf eure Sumpfstiefel zu sprühen.

Als eine Unterkategorie hiervon folgen nun einige Gelegenheiten, bei denen zufälliges Millen eure anderen Karten aufwertet. Starrer vom sechsten Revier oder Jaces Traumwesen etwa. Konzentriert sich euer Deck auf solcherlei Karten, kann ein gewisses Maß an Millen sinnvoll sein, um sie zu stärken.

Falls euer Plan darin besteht, Millen auf eine dieser Weisen einzusetzen, dann macht das ruhig. Ein Wort der Warnung jedoch: Historisch betrachtet ist Millen nicht unbedingt eine starke, kompetitive Strategie.

Das soll nicht heißen, dass es das niemals war oder niemals sein wird oder dass ihr es nie verwenden solltet. Seid einfach nur vorsichtig und testet es ausgiebig, falls es etwas ist, was ihr bei einem großen Turnier versuchen wollt. Millen hat keinen Einfluss auf das Board, was bedeutet, dass es eure Karten sehr schwer haben werden, etwas anderes zu tun, falls euer vorrangiger Plan nicht aufgeht.

2. Ihr millt euch selbst.

Ja, das stimmt: eine wahrlich schockierende Wendung. Wisst ihr noch, wie wir vorhin über die vielen Gefahren beim Millen des Gegners sprachen? Nun, manchmal will man sich selbst aus den gleichen Gründen millen, aus denen es gefährlich ist, das beim Gegner zu tun. Karten in die grimme Grube eures Friedhofs zu schicken, kann von Vorteil sein.

Spielt ihr ein Deck, das sich um etwas wie Delirium oder Ausgraben dreht, dann wollt ihr euch selbst millen. (Der Dredge-Deck-Archetyp dreht sich um die Friedhofsmechanik Ausgraben, die dafür bekannt ist, aus weitestgehend unverständlichem Unsinn zu bestehen.)

In dem Fall, in denen der Friedhof gut für euch ist, dürft ihr euer Grab gern mit offenen Armen umfangen. Nicht wörtlich natürlich.

3. Wenn das Millen beiläufig geschieht.

Einige Karten machen etwas und millen zusätzlich. Schaut euch beispielsweise Abgeluchste Absichten an. Der primäre Effekt hier ist das Kartenziehen. Zudem wird ein Paar Karten gemillt.

Eure Absichten auf diese Weise abgeluchst zu sehen, ist keine angenehme Erfahrung, und meine schwammige Erinnerung daran ist, dass es einen einige Erinnerungen kostet.

In jedem Fall ist nichts falsch an Karten wie diesen, solange der primäre Effekt etwas ist, was ihr von sich aus spielen würdet. Ich würde den Bonus des Millens im Allgemeinen bei null oder sogar im negativen Bereich einstufen, falls ich dadurch riskiere, meinem Gegner zu helfen. Der Haupteffekt sollte also schon recht stark sein.

Ende

Bedauerlicherweise habt ihr nun alle Informationen in diesem Text gelesen. Sofern ihr von seinem Nachhall nicht in den Wahnsinn getrieben werdet, hoffe ich, dass ihr ihn nutzen werdet, um eure eigene Leistung in Sachen Magic zu steigern und nur noch dann millt, wenn es auch wirklich angebracht ist.

Solltet ihr Fragen, Anmerkungen, Beschwerden, Schauergeschichten oder Sonstiges haben, so sind mir diese höchst willkommen. Ihr findet mich in meinem widerlichen Weiler auf , Tumblr oder indem ihr mir eine E-Mail (bitte auf Englisch) an BeyondBasicsMagic@gmail.com zukommen lasst.

Nächste Woche werde ich euch eine weitere Geschichte erzählen. Bis dahin ist es meine aufrichtige Hoffnung, dass ihr etwas Erfreuliches voller Sonnenschein lest, was die Welt ein wenig heller und wundersamer erscheinen lässt als die unermessliche Trübnis dieses abscheulichen Artikels. Alles Gute auf eurem Weg.

Euer

Gavin
@GavinVerhey
GavInsight

Latest Beyond the Basics Articles

BEYOND THE BASICS

20. Juli 2017

Die Berührung des Todes by, Gavin Verhey

Seit dem Buschbasilisken hat sich eine Menge verändert. Der Buschbasilisk, der damals in der Limited Edition (Alpha) erschien, hatte eine Art Proto-Todesberührung, die für einige sehr ...

Learn More

BEYOND THE BASICS

13. Juli 2017

Das Draften des Sideboards by, Gavin Verhey

Wenn ihr „Sideboard“ hört, denkt ihr sicherlich als Erstes an Decks aus 60 Karten. An die späten Abendstunden, in denen ihr sorgfältig diese fünfzehn Karten sortiert, die ihr zwischen den...

Learn More

Artikel

Artikel

Beyond the Basics Archive

Du willst mehr? Tauche ein in die Archive und lies tausende Artikel über Magic von deinen Lieblingsautoren.

See All