Der Sinn des Lebens

Veröffentlicht in Beyond the Basics on 9. März 2017

Von Gavin Verhey

When Gavin Verhey was eleven, he dreamt of a job making Magic cards—and now as a Magic designer, he's living his dream! Gavin has been writing about Magic since 2005.

In einer Partie Magic fangt ihr mit zwanzig Lebenspunkten an. Die Salven an Zaubern und der Ansturm der Kreaturen des Gegners dienen dazu, eure Lebenspunkte abzutragen und euch langsam, aber sicher näher und näher an die Null zu bringen.

Was aber, wenn das gar nicht zwingend so sein muss?

Auftritt: Lebenspunktegewinn.

Es ist schon sehr verlockend, euren Lebenspunktestand ansteigen zu lassen. Zum einen finden Menschen es generell toll, dabei zuzusehen, wie Zahlen größer werden. Ob es sich dabei nun um euren Kontostand, eure Stufe in einem Rollenspiel oder die Lebenspunkte bei Magichandelt: Es ist immer schön, mehr von etwas zu haben.

Viel wichtiger jedoch: Wenn die Null der Punkt ist, an dem man verliert, will man sich davon doch eher so weit wie möglich fernhalten. Ein Sieg wird eurem Gegner wesentlich schwerer fallen, wenn ihr bei 42 statt bei 20 Lebenspunkten steht.

Aber ist das wirklich wahr? Nun ja, in gewisser Weise schon. Als Spieler habt ihr unter Umständen bereits eine ganze Menge über Lebenspunktegewinn gehört. Vielleicht hat man euch erzählt, dass das etwas Tolles ist. Vielleicht hat man euch erzählt, dass das etwas Furchtbares ist. Was soll man da als Magic-Spieler noch glauben?

Nun, im Grunde keine von beiden Aussagen.

Wie immer liegt der Schlüssel darin, informiert zu sein und dann anhand dieser Informationen die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Fangen wir also an!

Es ist euer Leben

Viele Spieler, die gerade erst mit Magic anfangen, sind sofort vom Lebenspunktegewinn begeistert. Und daher leiden Karten, durch die man Lebenspunkte hinzuerhalten kann, an einem gewissen Stigma. Viele Jahre, in denen neue Spieler solche Karten in ihre Decks hineingenommen haben, sowie viele Jahre, in denen erfahrenere Spieler ihnen geraten haben, genau diese Karten wieder rauszunehmen, haben diese Informationsschleife erzeugt.

Und sie beinhaltet auch tatsächlich viel Wahres. Das Problem ist nämlich folgendes: Ein Lebenspunktegewinn hilft nicht dabei, die Partie zu gewinnen.

Ein Lebenspunktegewinn hilft dabei, nicht zu verlieren – aber Nicht-Verlieren und Gewinnen sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Sagen wir, ihr spielt einen Segen der Kaplanin, um fünf Lebenspunkte zu erhalten.

Ihr habt zwar eine Karte aufgewendet, aber dabei nichts getan, was Einfluss auf das Board gehabt hätte. Ihr habt keinen Effekt auf das Treiben eures Gegners. Und sofern diese fünf Lebenspunkte nicht den Unterschied bedeuten, ob euer Gegner euch für tödlichen Schaden angreifen kann oder nicht – und sofern er das nächste Runde nicht einfach noch mal machen kann –, wird das keinen Einfluss auf die Partie haben.

Machen wir ein kurzes Gedankenexperiment. Stellt euch vor, ihr habt eine beliebige Kreatur. Das kann sogar eine 1/1-Kreatur für ein Mana sein.

Kann diese Kreatur so viel Schaden abfangen wie euer Zauber zum Hinzugewinnen von Lebenspunkten, dann ist sie schon genauso nützlich. Kann sie mehr Schaden blocken, ist sie sogar ein viel besserer Zauber zum Erhalt von Lebenspunkten wie der Segen der Kaplanin!

Und viel wichtiger noch: So eine Kreatur hat auch noch jede Menge anderer Funktionen! Sie kann angreifen, gegnerische Angreifer aufhalten, Fähigkeiten einsetzen, wenn sie welche hat, und so weiter. Ein Zauber kann andererseits nur eine einzige Sache.

Jede Karte, die ihr in eurem Deck spielt, geht zulasten einer anderen Karte. Wenn der Segen der Kaplanin wie von Zauberhand auf eurer Hand aufgetaucht ist, dann ist das eine Sache. Doch ihr werdet sie anstelle von etwas anderem ziehen, was ihr spielen könntet – anstelle von einer Karte, die sehr wahrscheinlich einflussreicher sein könnte.

Selbst wenn ihr in eine Lage geratet, in der diese fünf Lebenspunkte darüber entscheiden, die nächste Kampfphase zu überleben – wie oft muss das der Fall sein, um all die Male zu rechtfertigen, in denen das nicht so ist? Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass ihr in Situationen geratet, in denen jede beliebige Karte einer passenden Farbe, die durch die Zufallskartenfunktion im Gatherer auftaucht, besser sein dürfte. Die wenigen Male, in denen das funktioniert, werden die vielen Male, in denen das nicht der Fall ist, kaum rechtfertigen.

Also gilt das, was man euch vielleicht schon gesagt hat: Ein Lebenspunktegewinn ist schlecht und ihr solltet niemals damit spielen .

. . . oder?

Das Leben ist schön

Falsch.

Vielen Spielern wird schon früh erzählt, ein Lebenspunktegewinn wäre schlecht. Daher ziehen sie ihn niemals in Betracht und unterschätzen die Karten, mit denen man Lebenspunkte hinzuerhalten kann, die tatsächlich gut sind. Es gibt mehr als genug unglaublich starke Karten da draußen, mit denen man Lebenspunkte erhalten kann.

Wenn die einzige Kreatur, die ihr je gesehen hättet, der Eifrige Kadett wäre, wäre es ein wenig unfair, die Behauptung aufzustellen: „Kreaturen sind schlecht und man sollte sie nicht spielen.“ Er ist ja nur eine 1/1-Kreatur ohne Fähigkeiten! Es gibt jede Menge anderer toller Kreaturen da draußen.

Und das Gleiche gilt für den Lebenspunktegewinn.

Es gibt ein paar Dinge, die ihr im Blick behalten solltet, wenn ihr diese Art von Karten begutachtet. Gehen wir vier der wichtigsten Situationen durch, in denen ihr Karten zum Lebenspunktegewinn spielen wollt:

1. Die Karte macht mehr, als nur Lebenspunkte zu generieren

Ein Lebenspunktegewinn ist oft dann am besten, wenn er an etwas gekoppelt ist, was euch dabei hilft, euer Spiel voranzubringen. Man bekommt also nicht nur Leben, sondern es passieren noch andere Dinge.

Ein klassisches Beispiel für eine Karte aus dieser Kategorie ist eine Kreatur, die Lebenspunkte erzeugt.

Diese Kreaturen eignen sich hervorragend zum Angreifen und Blocken, und die Lebenspunkte sind eine nette Dreingabe. Meist würde man zwar keine 3/2-Kreatur für drei Mana spielen, aber die zusätzlichen Lebenspunkte und die Tatsache, dass sie von den Toten auferstehen kann, macht sie interessant.

Auch bei Zaubern ist das zu erkennen.

Dies sind Zauber, durch die ihr einen Haufen Lebenspunkte erhaltet, die aber noch etwas anderes tun. Beide sind mächtig – wie ihr seht, bringen sie euch in Sachen Ressourcen einen Vorteil. Hier ist der Gewinn an Lebenspunkten häufig an einen guten Effekt geknüpft.

Wisst ihr, was noch gut ist? Zusätzliche Karten. Wisst ihr, was richtig nervt, wenn man echt viel Zeit und Mana in zusätzliche Karten investiert hat? Wenn man stirbt, bevor man sie einsetzen kann. Ein Lebenspunktegewinn überbrückt diese Lücke und hilft dabei, sicherzustellen, dass ihr die Zeit habt, eure tollen Zauber auch auszuspielen.

Zudem gibt es noch einige Zauber, die euch Lebenspunkte verschaffen und euch Karten ziehen lassen, sobald ihr sie wirkt. Diese können eine solide Wahl sein, da sie euch nur Zeit, aber keine Karte kosten. Haben sie einen weiteren Effekt oder sind sie billig genug, können sie eine gute Option darstellen.

Es gibt sogar Länder, die euch Lebenspunkte verschaffen. Diese kosten euch nicht wirklich eine Karte, denn ihr müsst ja ohnehin Länder ausspielen, und dann mag der Lebenspunktegewinn – der ja praktisch umsonst ist – an irgendeinem Punkt durchaus relevant sein.

Dies ist bei Weitem die größte Kategorie und der beste Ort, um nach Karten zu suchen, die für Lebenspunkte sorgen.

2. Es geht um eine spezielle Paarung

Gegen manche Decks muss man nur lange genug am Leben bleiben, um zu gewinnen. In diesen speziellen Paarungen kann ein Lebenspunktegewinn sehr mächtig sein.

Sagen wir, ihr spielt gegen ein Branddeck, das sich um Karten wie den Lavastachel dreht, die euch einfach Schaden ins Gesicht feuern. Die gesamte Strategie dreht sich darum, alle Karten dafür auszugeben, euch so schnell wie möglich zu Asche zu verbrennen.

Dann erhaltet ihr in Runde Zwei acht Lebenspunkte.

Ihr habt nicht nur zwei oder drei Karten eures Gegners mit einer der euren negiert, sondern euch auch noch eine ganze Menge Zeit verschafft, um eure eigene Strategie umzusetzen. Und natürlich führt mehr Zeit auch zu einer höheren Chance, andere Zauber zu ziehen, die für Lebenspunkte sorgen, was eurem Gegner wiederum noch mehr Kopfschmerzen bereiten wird.

Karten mit Lebenspunktegewinn können also gegen Decks voller Direktschaden eine gute Wahl fürs Sideboard sein. Auch gegen kreaturenlastige Decks können sie effektiv sein, obwohl ich hierfür lieber Entfernungszauber oder gar eine gute eigene Kreatur bereithalte. Nutzt der Gegner viele wiederverwendbare Schadensquellen – wie etwa Kreaturen –, ist ein Lebenspunktegewinn deutlich weniger mächtig.

3. Man bekommt wirklich einen Haufen Lebenspunkte

Natürlich gibt es ein Verhältnis von Manakosten zu erhaltenen Lebenspunkten, bei dem man eine Karte, die Leben erzeugt, spielen wollen würde. Gäbe es eine Karte, die ein weißes Mana kostet und 100 Lebenspunkte erzeugt, könnte man diese definitiv ins Hauptdeck nehmen.

Tja, eine solche Karte wäre mit Sicherheit völlig irre, aber hin und wieder taucht eine relativ starke Karte dieser Art auf. Hier sind zwei Beispiele aus ferner Vergangenheit:

Die Märtyrerin des Sands erzeugt eine wirklich gewaltige Menge an Lebenspunkten. Für zwei Mana – eines zum Ausspielen und eines zum Opfern – ist es nicht ungewöhnlich, zwölf oder mehr Leben aus dieser häufigen Karte herauszuholen. (Und wenn man dann noch eine Verkündung der Wiedergeburt hatte, um sie zurückzubringen . . . Nun, irgendwo da draußen gibt es sicherlich ein altes Märtyrerin des Sands-Spiegelspiel im Standard, das immer noch nicht zu Ende ist.)

Der Puls der Felder kostet euch nicht wirklich eine Karte, wenn ihr es richtig anstellt, und er sorgt für eine Unmenge an Lebenspunkten im Verlauf der Partie. Spielt ihr ein Deck, das nicht vorhat, viel anzugreifen, kann er euch im Handumdrehen auf 20 Lebenspunkte zurückbringen.

4. Euer Deck ist darum herum aufgebaut

Es gibt einige beachtenswerte Karten, die euch dafür belohnen, eine Menge Lebenspunkte zu haben. Es macht häufig Spaß, Decks um sie herum zu bauen. Also will ich sie nicht auslassen!

Bei diesen Karten wollt ihr natürlich eine Möglichkeit in eurem Deck, an Lebenspunkte zu kommen. Karten aufzuwenden, um Lebenspunkte hinzuzugewinnen, ist wesentlich akzeptabler, wenn es auf irgendetwas Konkretes hinausläuft.

Es sei dringend angemerkt, dass man irgendeinen Vorteil davon haben muss, Lebenspunkte anzuhäufen. Einfach nur Lebenspunkte erschaffen und das Deck dann „Lebenspunkte-Deck“ zu nennen, wird die meiste Zeit nicht sonderlich gut funktionieren. Euer Gegner kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Genuss einer Unvermeidbarkeit, wenn ihr all eure Zeit und eure sämtlichen Ressourcen darauf verwendet, Lebenspunkte anzusammeln. Irgendeine Art von Vorteil wie durch den Felidar-Herrscher oder die Himmlische Eintracht ist wichtig.

So spielt das Leben

Wie viele Aspekte von Magic kann ein Lebenspunktegewinn für eure Strategie richtig oder falsch sein – je nachdem, was ihr vorhabt und was ihr erreichen wollt. Ein vernünftiges Verhältnis zwischen Lebenspunktegewinn und -verlust aufrechtzuerhalten, kann der Schlüssel zu einer wichtigen Strategie sein.

Oh, Lebenspunkteverlust? Nun, das ist ein Thema für einen anderen Artikel.

Und bis dahin ist diese Betrachtung zum Erhalt von Lebenspunkten erst einmal abgeschlossen. Falls ihr Fragen oder Anmerkungen habt, dann möchte ich gern von euch hören! Ihr findet mich immer auf Twitter oder Tumblr – oder schreibt mir doch einfach eine E-Mail auf Englisch an BeyondBasicsMagic@gmail.com.

Hoffentlich fühlt sich euer Magic-Leben – und euer Lebenspunktestand – jetzt etwas bereichert an. Übertragt das alles auf eure Strategie, passt eure Decks an und habt Spaß!

Wir sehen uns nächste Woche.

Gavin
@GavinVerhey
GavInsight

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