Die Karte, die die Welt veränderte

Veröffentlicht in Beyond the Basics on 2. März 2017

Von Gavin Verhey

When Gavin Verhey was eleven, he dreamt of a job making Magic cards—and now as a Magic designer, he's living his dream! Gavin has been writing about Magic since 2005.

In den über 23 Jahren, die Magic nun schon auf dem Buckel hat, gibt es einige wenige Karten, von denen man mit Fug und Recht behaupten kann, sie hätten alles geändert.

Es ist unfassbar selten, dass eine einzige Karte einen gewichtigen Einfluss auf jedes einzelne Format ausübt, in dem sie legal ist. Eine solche Karte ist das ausschlaggebende Element in verschiedenen Decks in mehreren Farben und sorgt allein durch ihre Verwendung schon für größere Farbtupfer. Im normalen Sprachgebrauch von Magic haucht man ihren Namen nur in einer perfekten Mischung aus Understatement und absoluter Begeisterung, die einem ganz mühelos von der Zunge geht, aber dennoch enormes Gewicht besitzt.

Und da hätten wir sie nun. Einer der berühmtesten Magic-Karten, die je gedruckt wurde. Und in Modern Masters Edition 2017 ist sie zurück.

Ich brauche nur ihren Namen zu nennen, um in vielen von euch lebhafte Erinnerungen daran wachzurufen, wozu diese Karte fähig ist. Und wem keine solchen Bilder durch den Kopf schießen: Keine Sorge – bald gilt das auch für euch. Seid ihr bereit?

Tarmogoyf.

Sieht nicht nach viel aus, oder? Zwei Mana für eine Kreatur von zunächst offener Stärke und Widerstandskraft. Eigentlich sogar ein ganz niedliches Kerlchen.

Doch diese Bedrohung mit den vielen Zähnen war – und ist – ein Eckpfeiler von ganzen Formaten, die primäre Siegbedingung in unzähligen Decks sowie eine Karte, die man generell nie auf der gegnerischen Seite des Tischs liegen sehen möchte. Wie es sich für ein Set gebührt, das Modern Masters im Titel trägt, ist diese Karte eine der allerwichtigsten, die man für sein Modern-Deck besitzen kann.

Und warum? Was macht den Tarmogoyf selbst zehn Jahre später noch so mächtig? Wie wurde er zu jenem berühmten Teil der Magic-Geschichte, der er heute ist?

Der Tarmogoyf eignet sich für eine tolle Lektion in Sachen Kartenbewertung und Deckbau. Also lasst uns doch heute mal über ihn reden, ja?

Im Anfang war das Nichts

. . .  und dann war da der Tarmogoyf.

Es mag einen überraschen, dass diese inzwischen so berühmte Karte die Leute bei ihrem Debüt in Blick in die Zukunft gar nicht so sehr packte. (Und das nicht nur, weil sie ein unbelebtes Objekt ist und daher Dinge auch gar nicht wortwörtlich packen kann.)

Ehrlicherweise muss man allerdings auch sagen, dass Blick in die Zukunft ein Set voller ungewöhnlicher Papprechtecke war, die allesamt von sich behaupteten, zumindest technisch betrachtet Spielelemente für Magic darzustellen. Während die Leute sich angesichts solcher Karten wie dem Spruchweber-Schnörkel und dem Fleischverkrümmer leicht verwirrt am Kopf kratzten, bekam diese Kreatur, die „einfach nur aus Werten“ bestand, nicht sehr viel Aufmerksamkeit.

Ich erinnere mich noch daran, wie die Leute in den ersten paar Wochen Tarmogoyfs als „seltene Karte, die ich noch so obendrauf legte“ wegtauschten. Das kommt einem aus heutiger Sicht verrückt vor, aber damals mochten die meisten Leute diese Karte überhaupt nicht. Ich schnappte mir mein Playset relativ früh, weil ich zu jener Zeit ausgerechnet Ausgraben testete und damit herumspekulierte, dass eine gewisse Chance darauf bestand, dass der Tarmogoyf sich gut mit dem Golgari-Grabtroll vertragen könnte.

Ein großes Standard-Turnier mit dem schönen Namen Regionals kam und ging. (Zu jener Zeit konnte man sich über die Regionals für die entsprechenden Landesmeisterschaften qualifizieren.) Obwohl auf diesem Turnier Standard gespielt wurde, tauchten nur wenige Tarmogoyfs auf. Auch wenn einige weise Spieler den Code des Tarmogoyfs geknackt hatten, hatten einige der Decks weniger als vier Exemplare oder diese Karte nur im Sideboard. (Wer noch ein wenig länger in Erinnerungen schwelgen möchte, kann sich hier sämtliche Decklisten anschauen, die für die Regionals 2007 eingereicht wurden.)

Wie für viele andere auch ist der Grand Prix im Block-Constructed zu Zeitspirale in Montreal für mich einer der ersten Events, an den ich mich erinnern kann, bei dem der Tarmogoyf für Aufsehen sorgte – also in einem Format, in dem ausschließlich Karten aus dem Zeitspirale-Block legal waren. Ein paar Decks mit Tarmogoyf schafften es in die Top 8 und eines davon gewann am Ende sogar das Turnier. Werfen wir doch einmal einen Blick auf die Deckliste des Top 8-Teilnehmers Jason Imperiale an:

Jason Imperiales Grün-Weißes Beatdown Format: Zeitspirale-Block-Constructed

Download Arena Decklist

Jasons Deck ist ein grün-weißes Beatdown-Deck, das darauf abzielt, den Gegner dadurch zu besiegen, dass man effiziente Kreaturen ausspielt und mit diesen angreift. Was die jeweiligen Karten hier genau machen, ist gar nicht mal so wichtig – man muss jetzt nicht zwingend alles an dieser zehn Jahre alten Deckliste auswendig lernen –, aber es gibt einen bedeutenderen Punkt, den ich gern unterstreichen würde.

Der Tarmogoyf war als mächtige Karte identifiziert worden – solange man ihn nur ausreichend wachsen ließ. Betrachtet manche der Karten in Jasons Deck mal etwas näher.

Chromatischer Stern und Immerändernde Weite in einem zweifarbigen Set. Herbstanfang in einer Strategie, wo es jenseits von drei Mana nur sehr wenig für diese Karte zu tun gab. (Auch wenn sie zugegebenermaßen eine tolle Synergie mit Steinplatten von Trokair hatte.) Jason spielte einige dieser Karten einzig und allein deshalb, um den Tarmogoyf zu unterfüttern und dafür Sorge zu tragen, dass er sich lohnte.

Jason hatte erkannt, dass der Tarmogoyf eine unglaublich starke Karte sein konnte, wenn man sie schnell wachsen ließ, und er war bereit, ein paar schwächere Karten zu spielen, damit seine Tarmogoyfs so mächtig wie möglich werden konnten.

Das ist etwas, wonach gute Deckbauer immer streben: dafür zu sorgen, dass das Deck als Ganzes mehr ist als nur die Summe seiner Teile. Falls Ihr auf etwas richtig Starkes gestoßen seid, wozu euer Deck imstande ist, kann es sich lohnen, ein paar schräge Karten zu spielen, um eure Strategie zu optimieren. Das ist eine wichtige Deckbaulektion, die man stets im Hinterkopf behalten sollte.

Das war die erste Ära des Tarmogoyfs, doch es sollte beileibe nicht die letzte gewesen sein.

Die Evolution

So wie der Tarmogoyf in der Illustration rasch wuchs, wurde auch die Karte selbst mit der Zeit und im Zuge der von den Spielern hinzugewonnenen Erfahrung immer allgegenwärtiger.

Die Karte setzte sich in jeder Ecke des Standards fest. Wo die ersten Decks wie etwa auch das obige von Jason auf die Diversifizierung von Kartentypen setzten, um den Tarmogoyf ins Riesenhafte aufzupumpen, verwandelte sich dieser Trend schnell in eine simple Philosophie: „Spiele den Tarmogoyf einfach in allem.“

Auch wenn Jasons Deckbauinstinkte richtig damit lagen, die eigenen Karten mächtig zu machen (vor allem im Block-Constructed), stellte sich Folgendes heraus: Eine Karte, die zuverlässig in Runde Zwei eine Stärke von 2 oder mehr haben und im Lategame gewaltig wachsen konnte, war auch für sich allein schon ziemlich gut. Sie brauchte nicht viele Zugeständnisse beim Deckbau – volle Friedhöfe reichten ihr zum Loslegen.

Für mich kam der Wendepunkt, als sie zu einem festen Bestandteil im Extended wurde – einem Format, das ungefähr dem heutigen Modern entspricht. Dort saß sie neben Fetchländern und haufenweise billig zu wirkenden Karten, die man schnell auf den Friedhof bringen konnte. Dies zeigte, dass der Tarmogoyf nicht nur eine Eintagsfliege für Blick in die Zukunft war. Er sollte uns vielmehr allen erhalten bleiben.

Das war im Übrigen auch das Format, das meine persönliche Sichtweise – genau wie die vieler anderer Spieler – auf den Tarmogoyf für immer verändern sollte.

Bis dahin war er als Karte für Beatdown- und Midrangedecks erachtet worden. Eine große Kreatur, die ihresgleichen überragte. Patrick Chapin sollte das jedoch alles umkrempeln.

Patricks brillantes Deck namens Next-Level-Blau katapultierte nicht nur den Begriff „Next Level“ in die Magic-Lingosphäre, sondern rückte auch eine gesamte Generation neuer Decks ins Rampenlicht was die Pro Tour Qualifiers anbelangte.

Hier ist eine Version von Next-Level-Blau, wie sie vom damals ehemaligen und inzwischen wieder aktuellen Wizards-Designer Tom LaPille gespielt wurde:

Tom LaPilles Next-Level-Blau Format: Extended

Download Arena Decklist

Das ist ein blaues Kontrolldeck durch und durch: Es spielt den Gegenzauber und die Zauberschlinge als frühe Gegenmagie, das ewig mächtige Gegengewicht und den Weissagekreisel des Senseis, um den Gegner aus der Partie auszuschließen, und die Vedalken-Fesseln. Achtet auch auf diese schnieken Fäden der Untreue, die nur darauf warten, alle Tarmogoyfs zu stehlen, die dem Deck vor die Flinte kommen.

Es enthielt auch vier Exemplare einer einzigen grünen Karte im Hauptdeck, unterstützt durch ein paar klug eingestreute und leicht zu beschaffende Quellen. Eine Karte, die verriet, wie dieses Deck eine Partie zu beenden beabsichtigte.

Klar, zu diesem Zeitpunkt war der Tarmogoyf bereits in ein paar langsameren Decks aufgetaucht. Remi Fortiers Deck, mit dem er erst kurz zuvor die Pro Tour Valencia gewonnen hatte, war ein gutes Beispiel dafür. Es ist mit Sicherheit unfair, Chapin sämtlichen Ruhm zuzuschreiben. Doch das hier war das erste Deck, woran ich mich erinnere, das die PTQ-Saison erschütterte und sich wie etwas völlig Neues anfühlte, weil es so offenkundig nur des Tarmogoyfs wegen Grün spielte. (Auch wenn Chapins Originalversionen auch einen Lebenden Wunsch am Start hatten.)

Ein grundlegender Faktor dabei, das Deck zum Laufen zu kriegen, war der Umstand, dass der Tarmogoyf in seinen Manakosten nur ein einziges grünes Mana hat. Die ihm innewohnende Fähigkeit, ihn leicht überall einstreuen zu können, führte ihn an Orte, an die er sonst nie gelangt wäre.

Der Tarmogoyf war nun stark genug, um sich überall zu finden – und jeder wusste das.

Tarmotheoretisches

Heute und somit Jahre später ist der Tarmogoyf als Eckpfeiler in jedem Nicht-Vintage-Format gesetzt, in dem er legal ist.

Die Geschichte zeigte, dass er im Standard ziemlich stark war – sogar so sehr, dass er als einzige Nicht-Elfen-Kreatur in den Elfenstammesdecks zu Lorwyn auftauchte. Er bahnte sich seinen Weg durchs Extended bis ins Legacy hinein, wo er in einem Format, in dem quasi jede je gedruckte Kreatur legal ist, zu an dem meisten gespielten Kreaturen zählt.

Und im Modern sitzt der Tarmogoyf fest auf dem Kreaturenthron.

Von Jund über Bant bis hin zum Schatten des Todes und noch vielem mehr kämpft er an vorderster Front und löst Freude in seinen Wirkern und Furcht bei seinen Gegnern aus. Der Tarmogoyf geht so schnell nirgendwohin.

Sprechen wir über die drei Dinge, die man hieraus lernen kann.

Erstens können Kreaturen, die „einfach nur aus Werten“ bestehen, richtig mächtig sein. Falls mal wer das Gegenteil behauptet, ist der Tarmogoyf das beste Beispiel, worauf man verweisen kann.

Zweitens kann es völlig in Ordnung sein, so zu spielen, dass man seine anderen Karten stärkt, solange man nicht sein ganzes Deck eigens deshalb verbiegt (zumindest nicht in den allermeisten Fällen). Der Tarmogoyf setzte so früh wie möglich auf Unterstützung und Diversifizierung, um sein Potenzial voll auszuschöpfen. (Es gilt aber natürlich wie beim Tarmogoyf selbst: Falls du diese Unterstützung gar nicht brauchst, dann nimm sie ruhig raus!)

Und drittens: Wenn es den Anschein hat, als könnte etwas mächtig sein, dann habt keine Angst, es an Orten auszuprobieren, an die es „normalerweise“ nicht gehört. Der Tarmogoyf ist inzwischen in allen möglichen Decks in Erscheinung getreten – von hyperaggressiven Decks über Kontrolldecks bis hin zu Kombodecks. Der Geschwaderfalke ist eine ungewöhnliche Kontrollkarte, aber der Versuch, ihn in einem entsprechenden Deck auszutesten, führte zu einem der dominantesten Standarddecks aller Zeiten.

Wer weiß, welche neue Karte unter Umständen der nächste Tarmogoyf wird. Für den Moment jedoch könnt ihr euch einfach darüber freuen, wenn ihr in Modern Masters Edition 2017 beim Öffnen eines Boosters auf einen Tarmogoyf stoßt.

TL;DR: Der Tarmogoyf ist wieder da, Leute. (Da hast du mal ein Zitat für den ersten Post deines Threads, Reddit.)

Nächste Woche bin ich wieder mit noch mehr Beyond the Basics zurück. Mögen Eure Tarmogoyfs bis dahin immer genug Stärke zusammenkriegen, um die Exemplare eurer Gegner auszuschalten!

Gavin
@GavinVerhey
GavInsight

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