Es wurden Fehler gemacht

Veröffentlicht in Beyond the Basics on 1. September 2016

Von Gavin Verhey

When Gavin Verhey was eleven, he dreamt of a job making Magic cards—and now as a Magic designer, he's living his dream! Gavin has been writing about Magic since 2005.

Ihr seht euch das Feld an. Kein Rauch am Horizont ... Zeit also, diese zwei zusätzlichen Punkte Schaden durchzubringen.

Ihr legt die Hand auf eine eurer Kreaturen und lasst sie angreifen. Ihr blickt auf. Euer Gegner schaut euch etwas verwirrt an, denkt eine Sekunde nach und aktiviert seinen Simic-Lumpenwurm.

Ups.

Er blockt. Ihr habt ein Titanisches Wachstum auf der Hand, das ihr gerade gezogen habt. Was macht ihr?

Wie lautet eure Antwort? Denkt kurz darüber nach.

Heute sprechen wir über Fehler.

Ob es euch gefällt oder nicht: Wir alle machen bei Magic Fehler. Selbst die besten Spieler, die je eine Magic-Karte berührt haben, haben auf hochkarätigen Turnieren schon Fehler gemacht. Sie haben einen schlechten Angriff gestartet. Sie wollten einen Zauber neutralisieren, der sich gar nicht neutralisieren lässt. Sie wirkten einen Zauber für ein Mana mit einem Kelch der Leere im Spiel, auf dem ein Marker lag. Sie haben vergessen, ihr zweites Land zu spielen, nachdem sie in der zweiten Runde eine Gedankenergreifung gewirkt hatten. Ich habe tolle Spieler all das machen sehen. Manches davon ist mir auch schon selbst passiert. Und ganz egal, wie gut ihr seid, ihr seid nicht davor gefeit.

Lasst mich das noch einmal wiederholen: Ihr werdet Fehler machen.

Und das ist völlig verständlich. Magic ist ein komplexes Spiel. Und manchmal ist es in Runde Sieben nach einem langen Tag des Magic-Spielens sehr leicht, einen kurzen Aussetzer zu haben und zu versuchen, ein Manaleck auf einen Gegner zu wirken, wenn dieser dank ein paar Llanowarelfen das dritte Mana zur Verfügung hat, das er braucht.

Das kommt vor.

Nun, natürlich versucht keiner von von uns, absichtlich Fehler zu machen. Wir streben schließlich alle immer danach, so gut zu spielen, wie wir nur können! Aber noch mal: Fehler werden vorkommen. Wir alle machen Fehler.

Doch das Wichtigste ist:. Es geht immer nicht so sehr darum, wie Fehler entstehen, sondern in der Regel eher darum, wie wir mit ihnen umgehen.

Und das trifft nicht nur auf Magic zu – das gilt überall im Leben.

Vielleicht habt ihr jemandem, den ihr sehr gern mögt, etwas Verletzendes an den Kopf geworfen. Vielleicht habt ihr euren Flug verpasst, weil ihr die Zeit vergessen habt und zu spät losgegangen seid. Vielleicht seid ihr aus einem Ort weggezogen, denn ihr womöglich doch lieber nie verlassen hättet. Dies alles sind Fehler.

Doch was zählt denn nun in der chaotischen Verwirrung nach einem Fehler am meisten? Das, was man als Nächstes tut.

Ihr könnt nichts gegen die Kränkung unternehmen und alles noch schlimmer machen – oder ihr könnt euch entschuldigen und versuchen, die Situation noch zu retten. Ihr könnt die Fluglinienmitarbeiter anschreien, wie unverschämt das alles ist – oder ihr könnt versuchen, zum nächsten Schalter zu laufen und nachzufragen, ob es irgendeinen anderen Flug gibt, den ihr nehmen könnt. Ihr könnt den guten alten Zeiten hinterhertrauern – oder eine Möglichkeit finden, eure aktuelle Situation zu verbessern.

Es liegt ganz bei euch.

Und in Magic? Da liegt es sogar noch mehr bei euch als sonst. Immerhin steckt ihr da unmittelbar in der fraglichen Situation. Ihr werdet die laufende Partie entweder gewinnen oder verlieren. Wie also könnt ihr euch von diesem Fehler erholen, der euch unterlaufen ist?

Wohin geht die Reise?

Habt ihr einen Fehler in Magic gemacht, dann ist er passiert: Ihr müsst also den aktuellen Zustand der Partie analysieren und von da aus weitermachen.

Schauen wir uns die vorliegende Situation noch mal an.

Ihr habt da also ein Titanisches Wachstum. Setzt ihr es ein?

Es liegt in der menschlichen Natur, keine Fehler machen zu wollen. Die menschliche Natur sorgt dafür, dass ihr das Gesicht wahren wollt und das Titanische Wachstum spielt. Immerhin wollt ihr eure Kreatur nicht völlig umsonst verlieren. Wahrscheinlich will ein gewisser Teil in euch den Gegner nicht mal merken lassen, dass ihr gerade einen Fehler gemacht habt.

Nun, lasst mich die Stimme sein, die euch sagt, dass ihr euren Stolz herunterschlucken solltet.

Schaut euch den Zustand des Boards an. Dieser Simic-Lumpenwurm wird von eurer Mauer der Engel aufgehalten. Er tut gar nichts. Am wahrscheinlichsten ist es, dass ihr gegen dieses Luftelementar verliert. Ihr könnt nur noch zwei Treffer von ihm einstecken. Euer Gegner wird euch wahrscheinlich weiter angreifen, denn er wird wohl kaum darauf warten, dass ihr den perfekten Trick aus eurer Bibliothek fischt. In seiner nächsten Runde folgt also ein Angriff – und ihr könnt blocken und dieses Luftelementar bei lebendigem Leib auffressen. (Zumindest so lebendig, wie ein Luftelementar überhaupt ist.)

Doch das hängt von etwas sehr Wichtigem ab: Ihr braucht dazu euer Titanisches Wachstum!

Verschwendet ihr das Wachstum in der laufenden Runde, dann habt ihr nichts mehr, um mit dem Luftelementar fertigzuwerden. Und so schade es auch ist, euren Runenklauenbären hier abzuschreiben, so müsst ihr trotzdem aufpassen, dass ihr schlechtem Mana kein gutes hinterherwerft.

Im Allgemeinen ist es ratsam, dass ihr euch einen Moment Zeit nehmt und die Situation neu überdenkt, sobald ihr erkennt, dass ihr einen Fehler gemacht habt. Schaut euch eure Strategie an an und vergewissert euch, dass euer ursprünglicher Plan nach wie vor aufgehen kann. Vergewissert euch außerdem, dass eure erste Reaktion tatsächlich der richtige Spielzug ist. Ihr könnt es euch nicht leisten, dass euer nächster Zug ein weiterer Fehler ist, mit dem ihr euren ersten Fehler ausbessern wollt – dann das führt im weiteren Verlauf nur zu noch mehr Fehlern.

Korrekte Korrekturen

Das soll nicht heißen, dass ihr niemals versuchen solltet, einen Fehler auszubessern. Es ist nur wichtig, dass ihr euch dabei an den aktuellen Zustand des Boards anpasst.

Im Fall des Schnappschusses aus dem ersten Beispiel ist es also absolut richtig, das Titanische Wachstum noch zu behalten. (Und manche Spieler mögen sogar meinem, dass der Angriff einen durchaus sinnvollen Bluff darstellt, um den Gegner dazu zu bringen, mit dem Luftelementar anzugreifen. Das sehe ich allerdings anders, denn der Gegner würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohnehin damit angreifen.) Es gibt jedoch Momente, in denen es richtig ist, sich an die neue Situation anzupassen.

Schaut euch mal dieses Szenario an:

Ungeachtet dessen, warum das passiert ist, ist es eben passiert. Ihr habt angegriffen und sofort gemerkt, dass das ein Fehler war. Gleich werdet ihr euren Gewaltigen Baloth an diese Typhusratten verlieren!

Wenn ihr euch das Board nun anseht, merkt ihr sofort, dass ihr die Partie hättet drehen und gewinnen können, wenn ihr einfach das Jagd machen zwischen den Elfen und die Ratten geworfen hättet. Jetzt aber müsst ihr beide eurer Karten dazu einsetzen, um das mit dem Drehen der Partie noch zu schaffen!

Solltet ihr also den Baloth einfach mit den Ratten abtauschen lassen?

Auf keinen Fall!

Euer Baloth ist immer noch euer Ticket zum Sieg. Und auch wenn ihr gerade eine Gelegenheit zum Zuschlagen verpasst habt, ist es immer noch sehr wahrscheinlich, dass er die Partie für euch gewinnen wird. Ihr solltet den Nebel wirken und dann auf die Ratten Jagd machen, um sie aus dem Weg zu räumen. Hoffentlich könnt ihr dann in der nächsten Runde gewinnen. Vielleicht zieht der Gegner etwas, um mit eurem Baloth fertigzuwerden. In jedem Fall aber wollt ihr, dass der Baloth überlebt!

Es hängt wirklich alles davon ab, wie die Partie in dem Augenblick aussieht, in dem der Fehler passiert – und von dort aus gilt es dann, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Stellt euch einfach vor, ein Roboter (oder vielleicht auch Emrakul) hätte einen Augenblick lang euren Verstand kontrolliert und dafür gesorgt, dass ihr etwas Falsches getan habt. Ihr habt euch jetzt aber von diesem schädlichen Einfluss befreit und müsst von jetzt an unbedingt die richtigen Züge machen.

Es liegt immer an euch, was ihr als Nächstes tut.

Ein Tilt in die richtige Richtung

Als Magic-Spieler ist euch das Wörtchen „Tilt“ sicher schon mal untergekommen. Es bezieht sich auf eines der gefährlichsten Dinge, die einem in einer kompetitiv geführten Partie überhaupt passieren können: wenn eure Emotionen – ob positiv oder negativ – beginnen, euer Spiel stärker zu beeinflussen als eure Strategie. Das kann passieren, wenn ihr weit vorn liegt und davon überzeugt seid, dass ihr gar nicht mehr verlieren könnt. Dann beginnt ihr, genau deshalb Fehler zu machen. Und etwas allgemeiner und womöglich auch häufiger droht dieser Effekt, wenn euch egal zu welchem Zeitpunkt ein schlimmer Fehler unterläuft.

Von einem emotionalen Tilt gelähmt zu sein, führt dazu, dass ihr das Titanische Wachstum auf euren Runenklauenbären wirkt.

Von einem emotionalen Tilt gelähmt zu sein, führt dazu, dass euer Gewaltiger Baloth stirbt.

Lasst ihn nicht die Oberhand über euch gewinnen. Und indem ihr jede Situation nach einem Fehler neu bewertet, könnt ihr verhindern, dass genau das passiert. Holt tief Luft. Schätzt die Lage ein. Macht euch bereit, die neue Situation für euch zu nutzen und die richtigen Spielzüge zu machen.

Und dann? Geht los und gewinnt.

Ich hoffe, euch hat dieser kurze Blick auf Fehler in Magic gefallen! Falls ihr irgendwelche Anmerkungen und Rückmeldungen dazu habt, dann schickt sie mir bitte! Ihr findet mich auf Twitter und Tumblr – oder ihr schreibt mir einfach eine E-Mail an BeyondBasicsMagic@Gmail.com.

Wir sehen uns nächste Woche. Habt Spaß – und möget ihr stets einen Weg finden, euch auf begangene Fehler einzustellen.

Gavin
@GavinVerhey
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