Ich gebe auf

Veröffentlicht in Beyond the Basics on 20. Oktober 2016

Von Gavin Verhey

When Gavin Verhey was eleven, he dreamt of a job making Magic cards—and now as a Magic designer, he's living his dream! Gavin has been writing about Magic since 2005.

Drei Worte. Drei mächtige, kleine Worte.

Könnt ihr euren Gegner dazu bringen, sie auszusprechen, habt ihr den Sieg davongetragen. Sagt ihr sie, gesteht ihr eine Niederlage ein.

Ich gebe auf.

Diese Worte gehen oft dem Zusammensammeln von Karten voraus. Wir alle haben sie schon gehört und wahrscheinlich auch schon gesagt.

Manche Spieler kämpfen stolz nach dem Motto: „Nie aufgeben, nie verzagen!“ Andere sammeln ihre Karten schon immer eine Runde vor dem Erleiden des Todesstoßes ein.

Doch es sind mehr als Worte, mehr als etwas, was man sagt, wenn Flieger angreifen und tödlichen Schaden verursachen. Fast alles in Magic hat strategische Bedeutung – und das ist auch beim Aufgeben nicht anders.

Wann ist es richtig, aufzugeben? Wann sollte man weiterkämpfen? Was bedeutet beides?

Das wollen wir uns heute ansehen.

Gegen alle Widerstände

Ich habe zahllose Partien gewonnen, bei denen ich mich von einer scheinbar aussichtslosen Position zu einem Sieg durchgekämpft habe. Ebenso habe ich Partien gespielt, die ich nur deshalb gewonnen habe, weil der Gegner aufgegeben hat, ohne dass er das hätte tun müssen – wer weiß schon, was noch passiert wäre, wenn er durchgehalten hätte?

Im Allgemeinen solltet ihr nicht aufgeben.

Es kann allerdings schon verlockend sein, eine Partie Magic aufzugeben. Eine Menge Dinge können einen frustrieren: Man hat nicht genug Länder, der Gegner zieht perfekt oder man spielt einfach schon das siebte Mal an diesem Tag gegen den Reflexionsmagier. Und Magic soll doch Spaß machen, weswegen es ein bisschen kontraproduktiv ist, weiterzuspielen, wenn man frustriert oder maulig ist.

Angenommen jedoch, ihr spielt auf einem Turnier, dann müsst ihr durchhalten.

Eine Fußballmannschaft geht ja auch nicht einfach vom Platz, nur weil sie drei Tore hinten liegt.

James Bond gibt nicht auf, nur weil ein Laser auf ihn gerichtet ist.

Ich höre nicht mit den Bergtouren auf, nur weil ich einmal in einen Vulkan gefallen bin.

Und auch ihr solltet nicht aufgeben.

Sagen wir, ihr spielt die dritte Partie im Finale eines Turniers. Ich sage euch, dass eure Chance, die Partie zu gewinnen, genau 1 % beträgt. Solltet ihr aufgeben?

Natürlich nicht!

Auch wenn eure Chancen unglaublich schlecht stehen, lohnt es sich doch, für die Möglichkeit zu kämpfen, dass ihr in einem von hundert Fällen gewinnt! Denn obwohl ihr vielleicht mit 99 %-iger Wahrscheinlichkeit verliert, werdet ihr mit 100 %-iger Wahrscheinlichkeit verloren haben, wenn ihr aufgebt!

Wer weiß schon, wie eine Partie Magic am Ende genau ausgeht? Ihr könnt immer die perfekte Kartenabfolge ziehen. Euer Gegner kann einfach einen ganz dummen Fehler machen. So lange es noch eine Chance gibt, solltet ihr dafür kämpfen. Und euer Gegner sollte sich wenigstens ein bisschen anstrengen müssen, um euch zu töten.

Auf dem ersten PTQ schlug ich einen Spieler, der Begierde des Verstandes für sieben und dann elf in ein und derselben Runde spielte, einen Spieler, der mich tot auf dem Board hatte und das übersah, und im Finale jemanden, der den „harten Konter“ zu meinem Deck-Archetypen spielte. Hätte ich bei einer dieser Partien an irgendeinem Punkt aufgegeben, wäre ich aus dem Event geflogen.

Im Allgemeinen liegt die Beweislast bei euch, warum es strategisch korrekt ist, aufzugeben – die Frage ist nicht, warum es korrekt ist, weiterzuspielen.

Zeit zu siegen

„Der, der weiß, wann er kämpfen soll und wann nicht, wird siegreich sein.“ – Sun Tzu, Die Kunst des Krieges

So, nach alledem ist eines ziemlich klar: Ihr solltet niemals aufgeben, oder?

Falsch!

Es gibt Situationen, in denen es richtig ist, aufzugeben. Ich habe viele Leute sich stolz brüsten sehen, dass sie niemals aufgeben. Das mag zwar etwas sein, worauf sie stolz sind, und grundsätzlich auch die richtige Einstellung – wie oben ausgeführt –, aber ein bisschen mehr gehört doch noch dazu.

Bedenkt bitte: Es ist die Regel, niemals in einem Turnier aufzugeben. Gibt es jedoch einen strategischen Grund dafür, eine Ausnahme zu machen, müsst ihr diesen gegen die Wahrscheinlichkeit abwägen, dass ihr die Partie gewinnen könnt.

Es gibt drei dieser Gründe, auf die ich heute eingehen möchte. Der erste ist Zeit.

Time Walk
Time Walk | Bild von Chris Rahn

Für eine Partie Magic ist nur eine begrenzte Zeit vorgesehen. Am Ende des Zeitlimits erhaltet ihr, falls ihr noch immer spielt, ein paar Extrazüge. Am Ende dieser Züge gewinnt der Spieler, der mehr Partien in diesem Match gewonnen hat. Steht es 1-1, gilt das Match als unentschieden.

In einem Magic-Turnier ist es enorm wichtig, nicht nur eure Fähigkeit, die Partie zu gewinnen, im Auge zu behalten, sondern auch die, das Match für euch zu entscheiden.

Lasst es mich so ausdrücken:

Ein Midrange-Spiegelspiel wurde zu einem sehr langen Kampf. Du siehst, dass du noch 17 Minuten Zeit für das Match hast. Du liegst definitiv weit hinten, und auch wenn es so aussieht, als könntest du dich noch eine Weile über Wasser halten, ist es doch sehr unwahrscheinlich, dass du gewinnst. Du schätzt deine Chancen auf maximal 5 %.

Spielst du weiter, wirst du wahrscheinlich verlieren. Damit bleiben dir etwa 10 – 12 Minuten, um zwei weitere Partien und damit das Match zu gewinnen. Vielleicht gelingt es dir, eine Partie in 12 Minuten durchzuziehen. Aber zwei? Das ist unwahrscheinlich.

Dies ist eine Situation, in der es richtig ist, aufzugeben. So etwas kommt nicht vor, wenn man zu Hause trainiert, aber auf Turnieren ist es außerordentlich wichtig.

Manchmal sieht es aber auch ganz anders aus. In genau der gleichen Situation wollt ihr mit Sicherheit nicht aufgeben, wenn nur noch drei Minuten Spielzeit übrig sind, denn das ist nicht genug Zeit für eine zweite Partie. Hier könnt ihr ebenso gut auf eure 5 %-Chance auf den Sieg setzen. Es ist an euch, die Zeit abzuschätzen, um zu sehen, ob es sich lohnt, aufzugeben.

Ein Spiel um Informationen

„Eine Investition in Wissen bringt stets die besten Zinsen.“ – Benjamin Franklin

Ihr setzt euch zu einem Match Modern hin. Euer Gegner ist dran. Er behält seine Hand.

Ihr habt nicht so viel Glück. Ihr nehmt einen Mulligan. Ihr nehmt einen Mulligan. Ihr nehmt einen Mulligan. Und noch einen. Ihr behaltet eure Hand und wendet Hellsicht 1 an.

Das ist sicherlich nicht der beste Anfang.

Eure Starthand besteht aus Frühlingsblättertrommel, Memnit und Opalmox.

 

Euer Gegner ist am Zug. Er spielt Blühende Katakomben, findet eine Überwachsene Grabstätte und spielt Gedankenergreifung.

Was tut ihr?

Denkt einen Augenblick darüber nach.

Natürlich gibt es keine echten Aktionen im Spiel, die ihr machen könntet. Es ist ja nicht so, dass ihr einen kostenlosen Gegenzauber auf der Hand hättet. Aber es gibt schon etwas, was ihr tun könnt: aufgeben.

Die Chancen, diese Partie zu gewinnen, sind sehr, sehr gering. Es ist sicherlich möglich, falls der Gegner eine sehr schwache Hand hat oder ihr perfekt zieht, aber es sieht definitiv nicht gut aus.

Andererseits sind die größten Schwächen von Affinität unter anderem all die mächtigen Karten dagegen, die man aus dem Sideboard einwechseln kann. Steinerne Stille. Uralter Groll Hurkyls Erinnerung. Viele Decks haben diese Karten im Sideboard.

Spielt ihr auch nur eine Aktion mehr, wird der Gegner wissen, welche Art von Deck ihr habt und irgendeine dieser Karten einwechseln. Dadurch wird die zweite Partie wesentlich schwerer zu gewinnen und somit auch das Match.

Gebt ihr hingegen auf, dann, ja dann verliert ihr diese Partie. Doch die würdet ihr wahrscheinlich sowieso verlieren und das Aufgeben kann eure Chancen für Partie 2 drastisch erhöhen ... besonders deshalb, da ihr nun etwas mehr darüber wisst, was für einem Deck ihr euch gegenüberseht!

Auch das ist allerdings nicht immer wahr oder richtig. Stellt euch vor, eure Starthand hätte so ausgesehen: Insel, Tintenmotten-Nexus, Tintenmotten-Nexus. In diesem Fall wollt ihr eure Hand tatsächlich zeigen und versuchen, so zu tun, als wäret ihr ein Infizieren-Deck! Spielt ihr gleichermaßen ein Deck, das schwer zu kontern ist, dann nützt es euch mehr, mehr über das Deck des Gegners zu wissen, als ihm, etwas über eures zu wissen.

Dies trifft nicht nur auf den ersten Zug der Partie zu, sondern kann auch für einzelne Karten wichtig sein.

Das passiert gerade im Limited relativ häufig. Sagen wir, ihr habt eine mächtige Bombe, die den Gegner vollständig vernichtet, wenn er nichts von ihr weiß – Verheerender Mechakoloss etwa.

Ihr habt ihn spät in der Partie gezogen – aber selbst wenn ihr ihn ausspielt, werdet ihr wahrscheinlich verlieren. Es könnte geschickter sein, diese Information noch geheim zu halten und ihn für eine spätere Partie im Match aufzuheben, in der ihr euren Gegner damit erledigen könnt.

Denkt daran: Es geht darum, das Match zu gewinnen, nicht eine bestimmte Partie. Wenn ihr auf diese Weise aufgebt, ist es wichtig, dass ihr eure Siegchancen gewissenhaft abgeschätzt und das Gefühl habt, so das Match insgesamt besser gewinnen zu können. Ich habe gesehen, wie Leute zu clever mit Board-Sweepern umgehen wollten und mit ihnen auf der Hand und in Situationen, in denen sie noch leicht hätten gewinnen können, aufgegeben haben.

Denkt also darüber nach, wägt die Entscheidung ab und macht dann den Spielzug, der am vorteilhaftesten ist.

Langzeitpläne

„Jemand sitzt heute im Schatten, weil jemand anderes vor langer Zeit einen Baum gepflanzt hat.“ – Warren Buffett

Dieser letzte Punkt wird nur gegen sehr starke Spieler und je nach Situation relevant sein oder auch nicht. Es lohnt sich jedoch dennoch, darauf einzugehen und ihn im Hinterkopf zu behalten.

Wenn ihr gegen jemanden spielt, dann ist das, als würdet ihr eine Unterhaltung führen. Ihr seht, was das, was er spielt, über ihn und seinen Spielstil aussagt, und eurem Gegner geht es genauso mit euch. Jeder versucht, den anderen abzuschätzen und Schlüsse aus dem Beobachteten zu ziehen.

Es ist wichtig, das zu begreifen, und man kann es zum eigenen Vorteil nutzen.

Sagen wir, ihr spielt Limited. In der ersten Partie wisst ihr, dass ihr im nächsten Zug verloren haben werdet. Ihr steht tödlichen Fliegern gegenüber. Alles, was der Gegner tun muss, ist, mit seinen Luftkreaturen anzugreifen – was er sehr wahrscheinlich auch tun wird –, und ihr seid erledigt.

Verfolgt ihr nun das Prinzip, niemals aufzugeben, dann gebt ihr die Runde ab und lasst euren Gegner die Entscheidung treffen, euch anzugreifen. Nehmen wir jedoch für einen Augenblick an, dass ihr hier aufgebt.

Springen wir nun zwei Partien weiter. Ihr befindet euch in einer ähnlichen Lage: Ihr habt zwei Alpine Grizzlys im Spiel, die euren Gegner in der nächsten Runde töten werden, euer Gegner indes hat zwei Windsceadas.

Ihr seid bei 4, er ist bei 8. Es war ein knappes Rennen. Greift er an, wird er euch jedoch töten.

Dieses Mal allerdings gebt ihr den Zug ab, anstatt aufzugeben.

Das lässt beim Gegner Warnsignale aufleuchten. Warum hat er letztes Mal in dieser Situation aufgegeben, aber nicht jetzt? Könnte er irgendeinen Trick geplant haben? Sollte ich mich zurückhalten und abtauschen, um auf Nummer sicher zu gehen?

Die Idee ist es, eurem Gegner einen Floh ins Ohr zu setzen.

Selbst wenn es ein sehr falscher Spielzug von ihm wäre, besteht die Chance, dass er ihn macht.

Dies kann jedoch knifflig werden. Im Allgemeinen solltet ihr eure letzte Partie ohnehin nie aufgeben, denn hier gibt es keinen strategischen Vorteil mehr herauszuholen. Vielleicht habt ihr beim ersten Mal nur versucht, 30 Sekunden herauszuschlagen oder so. Umgekehrt kostet es euch wenig, kann euch jedoch vielleicht irgendwie weiterhelfen.

Es ist mit Sicherheit etwas, was man im Hinterkopf behalten kann.

Die Kunst des Aufgebens

„Wer nichts versucht, liegt nie daneben.“ – Cedric Phillips

Zum Aufgeben gehört eine Menge mehr, als es zunächst den Anschein hat. Und auch wenn ihr – wie oben erwähnt – fast nie eure letzte Partie in einem Match aufgeben solltet, gibt es in den ersten zwei Partien eine Menge zu bedenken.

Wir haben die drei häufigsten Gründe behandelt, doch das sind nicht die einzigen. Schaut immer auf zukünftige Partien oder in einigen Fällen auf zukünftige Matches.

Manchmal können diese Gründe so trivial – und dennoch so gewichtig – wie dieser sein: „Wenn ich jetzt aufgebe, habe ich noch Zeit, vor dem nächsten Match etwas zu essen. Wenn ich schlecht gespielt habe, weil ich hungrig war, erhöht das sicher meine Chancen im nächsten Match.“ Vielleicht tauscht ihr in den Top 8 keine Decklisten aus und wollt euer Sideboard geheim halten, bis ihr gegen diesen einen bestimmten Gegner im Finale antretet.

Was auch immer ihr für Gründe habt: Erhöht ein legales Aufgeben eure Chancen, das Turnier zu gewinnen, dann solltet ihr diese Option nach reiflicher Überlegung auch ziehen. Es gibt hier vieles zu bedenken.

Habt ihr eine Frage? Wollt ihr mehr wissen oder mir einfach nur eure Gedanken mitteilen? Dann möchte ich dringend von euch hören! Schickt mir gern einen Tweet oder stellt mir eine Frage auf meinem Tumblr. Ich schaue mir das dann auf jeden Fall an.

Wir sehen uns nächste Woche wieder! Möget ihr bis dahin im Leben und in Magic immer nur aus den richtigen Gründen aufgeben.

—Gavin
@GavinVerhey
GavInsight

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