Das beste Team der Pro Tour

Veröffentlicht in Feature on 27. Oktober 2015

Von Corbin Hosler

Die Welt bestand nur noch aus Schmerz. Es war nicht das erste Mal, dass Brandon Burton das durchmachen musste, und es würde auch nicht das letzte Mal sein. Er fand kaum Schlaf, und die Nebenwirkungen der Medikamente waren alles andere angenehm. Genauso wenig wie der Gedanke daran, dass der Weg, den er noch vor sich hatte, nicht leichter werden würde – ein Gedanke, der ihn immer wieder überkam, wenn er viele Stunden lang flach auf dem Rücken lag.

Die Welt bestand nur noch aus einem kleinen Zimmer in einer kleinen Stadt. Ein paar Erinnerungsstücke, ein paar staubige Bücher, ein Laptop. Die üblichen Annehmlichkeiten eines Zimmers, die jedoch nur umso vertrauter wurden, wenn sie das Einzige waren, was man auf Wochen hin zu sehen bekam. Eine schwierige Operation, eine noch schwierigere Genesung – es war keine einfache Zeit für Burton. Doch welche Zeit ist schon einfach, wenn man elf Jahre alt ist und mit Zerebralparese lebt?

Es war für Brandon nichts Neues mehr, sich durch eine schwierige Zeit kämpfen zu müssen. Er hatte schon immer gekämpft, schon im Bauch seiner leiblichen Mutter, deren Drogenkonsum zu Komplikationen bei der Schwangerschaft geführt hatte. Das Leben war für Brandon nie einfach gewesen, doch es gab einige Dinge, die ihm Mut machten.

Er hatte Elizabeth Burton gefunden, jene Frau, die ihn als Säugling gerettet hatte, und die ihm alles gab, was sie nur geben konnte, um ihm ein erfülltes Leben zu ermöglichen. Und während er auf dem Rücken lag – während jede Bewegung ein Kampf und ein Triumph zugleich war –, hatte er die Welt von Magic entdeckt.

„Er meinte: ‚Es gibt da dieses Spiel. Es heißt Magic. Kann ich 10 Dollar haben?‘“, erinnert sich Elizabeth lächelnd. „Ich dachte mir, es wäre etwas Schönes, was ihn einige Tage lang beschäftigt hält.“

Als Brandon und Elizabeth für ein Feature-Match in Runde 6 auf der Pro Tour zu Kampf um Zendikar am Spieltisch Platz nahmen – vor Dutzenden Kontrahenten und Fans sowie Zehntausenden von Zuschauern im Netz –, entdeckte die Welt von Magic/em> sie.


Brandon und Elizabeth sind auf Magic-Turnieren ein wirklich einzigartiges Team. Brandon, der im Rollstuhl sitzt, hat Schwierigkeiten, beim Spielen den Tisch zu erreichen. Deshalb fungiert Elizabeth gewissermaßen als Erweiterung ihres Sohnes und legt die Karten so hin, wie Brandon seine Züge ansagt.

Brandon lernte schon in jungen Jahren Gesellschaftsspiele kennen. Dafür hatte Elizabeth gesorgt. Sie brachte ihm bei, Cribbage zu spielen. Andere Spiele erlernte er selbst. Obwohl medizinische Kämpfe oft über ihr Leben bestimmten, spielten die Burtons stets gemeinsam Spiele. Es war eine Flucht für sie, eine Abwechslung von den Wartezimmern und den Behandlungsräumen – eine Möglichkeit, sich in etwas Schönem zu verlieren. Brandon wuchs mit Spielen auf und hat seine Liebe zu ihnen nie verloren.

Es ist daher wenig überraschend, dass Brandon auf der Suche nach etwas war, was er spielen konnte, während er sich 2004 von einer Operation an der Wirbelsäule erholte. Bei seiner Suche stieß er auf Magic: The Gathering, ein Kartenspiel mit einer Online-Komponente, durch die er seinen Hunger auf ein spannendes Spiel stillen konnte, ohne jemals das Bett verlassen zu müssen, an das er die nächsten Wochen gefesselt sein würde.

Das neueste Set war damals Die fünfte Morgenröte, und Brandon war von Anfang an fasziniert.

„Ich mochte Spiele schon immer, und ich dachte, es würde Spaß machen. Also habe ich es ausprobiert“, sagt er. „Am Anfang nur, weil ich nichts anderes zu tun hatte, aber dann hat es mir wirklich gefallen. Und so habe ich weitergespielt.“

Als es Brandon langsam besser ging, durfte er das Bett verlassen. Doch er kehrte immer wieder zu Magic zurück.

„Ich habe mehr und mehr online gespielt, bis ich schließlich auch kompetitiv spielte“, sagt er kurz nach seinem vierten gewonnenen Match auf der Pro Tour zu Kampf um Zendikar, was ihm einen Platz am zweiten Tag des Turniers garantiert. „Ich fing an, an den großen Online-Turnieren teilzunehmen, und 2011 wurde ich dann Zweiter in der Magic Online Championship Series.“

Es war ein beeindruckender Erfolg, doch für Brandon wurde er letzten Endes zur Enttäuschung. Ein Sieg hätte ihm ein Flugticket zur Weltmeisterschaft beschert und eine Chance, sich auf der größten Bühne zu bewegen, die dieses Spiel bietet. Eine Niederlage brachte ihm zwar eine stattliche Online-Belohnung ein, aber eben nicht diesen ultimativen Preis.

Dann – keinen Monat vor dem Turnier – war das Glück Brandon doch noch hold.

„Er rief nach mir und zeigte mir diese E-Mail, in der stand, dass der Gewinner nicht teilnehmen könnte und dass nun er derjenige wäre, der nach San Francisco reisen und bei der Weltmeisterschaft spielen dürfte. Er fragte mich, ob ich sie für echt hielt. Ich sagte, es gäbe nur eine Möglichkeit, um das herauszufinden, und rief gleich bei Wizards of the Coast an.“

Sie war echt. Brandon hatte die Gelegenheit, an der Weltmeisterschaft teilzunehmen und mit echten Karten anstelle der digitalen zu spielen.

Es war ein Durchbruch für ihn, der allerdings seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich brachte.

Brandon sitzt im Rollstuhl. Physisch über den Tisch zu greifen, um Karten auszuspielen, ist etwas, was ihm nicht möglich ist. Es ist eine einzigartige Situation, die nach einer einzigartigen Lösung verlangte.

Wie schon sein ganzes Leben zuvor ist Elizabeth für Brandon da. Sie versteht nur die absoluten Grundlagen des Spiels, doch sie weicht nie von Brandons Seite, und in einem Feld voller Superstar-Teams stehen Brandon und Elizabeth ganz an der Spitze. Sie zieht die Karten – er liest sie.


Er sagt den Spielzug an – sie führt ihn aus.

„Daran bestand nie ein Zweifel“, sagt Elizabeth schlicht.

„Wenn ich etwas tun kann, um ihm zu helfen, dann tue ich es auch.“

Und sie haben vieles erreicht. Zusätzlich zur Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2011 – wo er sich zwar nicht in den oberen Ränge platzierte, aber immerhin Jon Finkel besiegte, der als einer der besten Spieler gilt, die dieses Spiel je gesehen hat –, konnte er verschiedene Geldpreise bei einigen großen Turnieren gewinnen und stand beim Grand Prix Chicago im Jahr 2009 eine Partie vor den Top 8.


Als Brandon 2009 begann, richtig Magic zu spielen, brauchte er jemanden, der ihm half, die Karten auszuspielen. Elizabeth ist seither immer für ihn da gewesen.

Es ist jedoch nicht immer leicht. Obwohl die Burtons sich freuen, dass bislang beinahe alle Spieler und Judges extrem zuvorkommend und verständnisvoll waren, gibt es doch Herausforderungen – Brandon hat schon Partien verloren, weil Elizabeth versehentlich eine zusätzliche Karte zog –, und das Paar muss lernen, sie zu meistern.

„Als ich anfing, mit ihm zu spielen, war das ausgesprochen interessant“, sagt Elizabeth. „Ich wusste nicht, was ich tat, und ich sagte im Grunde: ‚Ich werde nichts tun, solange du mir nicht genau sagst, was ich machen soll.‘ Wir mussten anfänglich ein paar Kinken ausmerzen, aber nach so vielen Jahren machen wir es immer noch genau so.“

Dank Brandons unermüdlichem Fleiß bei Magic Online gewann der 22-Jährige ein Online-Qualifikationsturnier und erhielt somit die Gelegenheit, die kurze Reise von Saint Anna in Illinois nach Milwaukee in Wisconsin anzutreten, um an der Pro Tour zu Kampf um Zendikar teilzunehmen.

Er hat das Beste daraus gemacht und genug Siege errungen, um auch am zweiten Tag des Wettbewerbs teilnehmen zu dürfen. Und nur Minuten, nachdem er ein nervenaufreibendes Feature-Match vor der Kamera gespielt hat, nimmt sich Brandon einen Augenblick Zeit, um darüber zu sinnieren, wie weit er seit jenem Tag in seinem Bett gekommen ist, als er Magic entdeckte – das Spiel, das nun ein Teil seines und Elizabeths Leben geworden ist.

„Ich bin so dankbar für die Unterstützung, die mir die Leute gegeben haben“, sagt er. „Alle waren wirklich nett, und ich freue mich, dass ich mich so gut bei der Pro Tour schlage. Manchmal kommen Leute zu mir und sagen mir, wie beeindruckend es ist, dass ich das alles erreicht habe, aber ich versuche, das einfach nur als ein ganz normales Magic-Turnier zu sehen. Ich bin nichts Besonderes.“

Unter der strahlend hellen Beleuchtung im Bühnenbereich der angesehensten Magic-Arena überhaupt spielt Elizabeth nach wie vor gemeinsam Spiele mit ihrem Sohn – genau, wie sie es ihm vor so vielen Jahren beigebracht hat.

„Ich wusste, dass er gern spielt, aber ich wusste nicht, wie gut er ist, bis andere Leute es mir gesagt haben. Hier zu sein und zu sehen, wie er spielt ... Ich glaube nicht, dass ich das wirklich schon verarbeitet habe“, sagt sie. „Aber viel stolzer bin ich darauf, wie er sich hier verhält. Er ist ein netter Junge und war schon immer ein Gentleman. Der soziale Aspekt macht ihm sehr viel Freude, und er hat hier Spaß. Und das ist das Wichtigste für mich.“

Darauf angesprochen, dass ihr Sohn sich nicht als etwas Besonderes wahrnimmt, lachte Elizabeth leise auf, ehe sie antwortet.

„Das sagt er wohl, aber ich bin so stolz auf das, was er erreicht hat – nicht nur im Spiel, sondern auch außerhalb. Er hat mehr erreicht, als er ahnt. Man bot ihm an, einen Artikel zu schreiben, aber er wollte es nicht machen. Er meinte: ‚Keiner will mir zuhören.‘“

Jetzt hört ihm die ganze Welt zu.

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