Die Erschaffung von Tyvar Kell

Veröffentlicht in Feature on 14. Dezember 2020

Von Gerritt Turner

Hallo zusammen! Ich bin Gerritt Turner, Senior Narrative Designer für Magic: The Gathering. Ich freue mich, dass Cynthia Sheppard (Senior Art Director) und Lake Hurwitz (Principal Concept Artist) heute hier sind, um mit mir gemeinsam über Tyvar Kell zu sprechen – einen der beiden neuen Planeswalker, die in Kaldheim ihr Debüt geben!

Gerritt Turner: Cynthia und Lake, schön, dass ihr hier seid! Fangen wir doch vielleicht mit ein bisschen Kontext an: Tyvar ist ein Elf aus Kaldheim. Vielleicht sollten wir darüber sprechen, was das für uns bedeutete, als wir mit seiner Entwicklung anfingen.

Lake Hurwitz: Schon früh während der Entwicklung von Kaldheim wussten wir, dass das Set einen Elf-Stammes-Planeswalker brauchte. Als wir den Charaktererstellungsprozess begannen, verbrachten daher wir viel Zeit damit, darüber nachzudenken, welches die gemeinsamen Elemente sind, durch die Elfen interessant werden. Letztlich machten wir drei Motive aus, die sich universell und allgemein akzeptiert anfühlten: eine gemeinsame Herkunft und Kultur, Einklang mit der Natur und ein eleganter Kampfstil. Wir wussten jedoch auch, dass die Elfen auf Kaldheim ein kleines bisschen … anders sein würden.

Cynthia Sheppard: Kaldheim ist eine an die nordische Mythologie angelehnte Welt. Sie steht ganz im Zeichen von Liedern und Geschichten, und ihre Bewohner verbindet ein gemeinsames Ethos: Es ist eine Welt voller Krieger, die sich mit ihren ruhmreichen Taten brüsten und die heldenhaft im Kampf fallen wollen. Krieger, die unerbittlich streiten und noch unerbittlicher feiern, und deren große Sagen im Lauf der Zeitalter zu Mythen werden. Das bedeutet, dass sich die Elfen Kaldheims ein bisschen von denen unterschieden, die wir aus der traditionellen Fantasy oder eben aus früheren Magic-Sets kennen.

GT: Sie sind etwas weltgewandter, und – wenn ich das so sagen darf – hitzköpfiger als die meisten Fantasy-Elfen?

CS: Genau! Wir haben uns von Eigenschaften von sowohl Wikingern als auch nordischen Göttern inspirieren lassen. Wie alle Bewohner Kaldheims (aber anders als die meisten Fantasy-Elfen) lieben sie es also, ausgiebig zu kämpfen und ihre Heldentaten zu feiern. Ihre Herkunft unterscheidet sie aber auch von den anderen Bewohnern Kaldheims, die von den Wikingern inspiriert wurden. Vor langer Zeit waren die Elfen als Einir bekannt, Götter über sämtliche Reiche in Kaldheim. Sie wurden jedoch von Emporkömmlingen besiegt, die man die Skoti nannte und die das derzeitige Pantheon aus Göttern bilden, welches euch in dem Set und in der Geschichte dazu begegnen wird. Nach ihrer Niederlage wurden die Anführer der elfischen Einir in Bäumen eingesperrt, und ihre Kultur spaltete sich in zwei Clans: Waldelfen (grün) und Schattenelfen (schwarz). Diese beiden Gruppen waren Jahrhunderte lang voneinander entfremdet – bis vor Kurzem ein Elf namens Harald die verfeindeten Clans einte und sich selbst zum König ausrief. Die Elfen trachten danach, einen Teil ihres verlorenen Ruhmes zurückzuerlangen, und das erneute Zusammenwachsen ihrer gespaltenen Kultur war ein erster Schritt in Richtung dieses Ziels. Kommen wir zu Tyvar zurück: Unsere Aufgabe war es, Verbindungen zwischen diesen beiden Weltenbauelementen und den universellen Motiven zu finden, die Lake vorhin erwähnt hat, um aus diesen Ideen dann eine Figur zu erschaffen, die sich sowohl vertraut als auch originell anfühlte.

GT: Und dies führte uns zu Tyvars Geschichte und Persönlichkeit. Tyvar ist König Haralds jüngerer Bruder, und er stand den Großteil seines Lebens im Schatten des Königs. Wo ein berühmter Bruder in manchen Eifersucht und Ablehnung hervorgerufen hätte, spornt Haralds Beispiel Tyvar jedoch nur dazu an, nach Ruhm zu streben, und befeuert eine beinahe unnatürliche Zuversicht, alles erreichen zu können, was er sich in den Kopf setzt. Er hat sich fest vorgenommen, dass seine eigenen Geschichten denen der größten Helden Kaldheims ebenbürtig sein (oder diese sogar übertreffen) sollen, und er scheut sich nicht, jedem, der zuhören will, von seinen Heldentaten zu erzählen. Er ist charismatisch und tollkühn – manch einer mag ihn sogar arrogant nennen –, doch unter all der Prahlerei schlägt ein gutes Herz und wohnt ein großmütiger Geist. Zwar ist er sicherlich mit dem Aufbau seiner eigenen Legende beschäftigt, doch dabei hat Tyvar ein eigentümliches Verhältnis zu Ruhm. So wie er die Sache sieht, hebt die steigende Flut der Glorie alle Boote empor. Nach einem epischen Kampf ist es nicht unwahrscheinlich, dass er ebenso leidenschaftlich Loblieder auf seine Verbündeten singt, wie er mit seinen eigenen Errungenschaften prahlt (wobei er Letzteres mit Sicherheit tun wird). Er ist im Grunde ein klassischer Extrovertierter, der die Kameradschaft unter Kriegern genießt. Er sucht immer wieder nach Verbündeten, die an seiner Seite kämpfen und nach einem ruhmreichen Kampf einen (oder drei) Becher heben.

CS: Tyvars Verspieltheit und fröhliche Prahlerei unterscheiden ihn von anderen Elfen und der Ernsthaftigkeit und Rätselhaftigkeit, die sie in der traditionelleren Fantasy zur Schau tragen. Er ist jene Art von charismatischem Geschichtenerzähler, mit dem jeder gern ein Horn voll Bier trinken würde. In seinem Äußeren finden sich zwar Eckpfeiler klassischer Elfendarstellungen – langes Haar und reich verzierte Kleidung –, aber ebenso wie seine Persönlichkeit wirkt auch sein Aussehen grell und übertrieben. Alles an ihm – von seinem muskulösen Körper über sein rotbraunes Haar bis hin zu seinen Tätowierungen – ruft: „Sieh mich an!“

Tyvar Kell
Tyvar Kell | Bild von: Chris Rallis

LH: Das Witzige an den meisten Elfen ist, dass sie auf den ersten Blick zart wirken, aber dann durch ihre unglaubliche Kraft und ihr Können überraschen. Als wir Tyvars Aussehen entwarfen, versuchten wir, dieses Schema aufzubrechen und ihm etwas mehr körperliche Präsenz zu verleihen, während wir gleichzeitig darauf achteten, dass er anpassungsfähig und leichtfüßig wirkt.

GT: Sein Körperbau sagt jedenfalls gleichzeitig „Macht“ und „Geschicklichkeit“. Es ist allerdings unschwer zu übersehen, dass er für einen Elfen (oder, na ja, eigentlich jeden) ziemlich durchtrainiert ist.

CS: Zwar fühlt sich Tyvar mit allen Elfen verbunden, doch seine eigene Herkunft ist die eines (grünen) Waldelfen. Waldelfen sind in der Regel kräftiger und muskulöser, und so besessen, wie er von Heldentum und Ruhm ist, hat Tyvar viel Zeit damit verbracht, sich körperlich zu ertüchtigen. Und das hat ihn ziemlich kräftig werden lassen, selbst für einen Waldelfen.

GT: Er ist außerdem ein ziemlicher Angeber, und er ist sich nicht zu schade, seinen außerordentlichen Körperbau für jeden sichtbar vorzuführen. Ich meine, der Kerl trägt fast nie ein Hemd. Er würde wohl sagen, dass es sich dabei in Anbetracht von Kaldheims frostigem Wetter um eine Demonstration der Stärke und der Beharrlichkeit handelt, aber ich glaube, wir wissen alle, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Ach ja, wo wir gerade von dem Hemd (oder vielmehr dessen Abwesenheit) sprechen, sollten wir auch die Tätowierungen erwähnen!

CS: Absolut! Tyvars verschlungene Tätowierungen spielen auf die kosmische Schlange Koma an. Alle Elfen auf Kaldheim verehren Koma, und viele von ihnen tragen Kleidung, die diese Verehrung zeigt: von Zöpfen, die wie Schuppen aussehen, über gewundene Verzierungen bis hin zu echter Schlangenhaut.

LH: Wir wussten, dass Tyvar diese Verbindung verstärken wollte. Deshalb bilden seine Tätowierungen eine visuelle Verknüpfung zu seinem kulturellen Erbe. Die Formen der Zwillingsdolche bilden, zusammen mit seinem zweischneidigen Schwert, Schlangenzähne sowie die Fähigkeit an, rasch vorzuschnellen und zuzustoßen.

CS: Wo wir gerade von dem Schwert sprechen: Die Elfen Kaldheims tragen Waffen und Rüstungen aus einem uralten bronzeähnlichen Material. Jede Waffe wird eigens für einen einzelnen Elfen angefertigt, der sie sein Leben lang trägt, ehe sie eingeschmolzen und für die nächste Generation in eine neue Form gebracht wird.

GT: Wir müssen vermutlich nicht weiter erwähnen, dass Tyvar ein formidabler Nahkämpfer ist. Was ihn jedoch von anderen Elfen unterscheidet, ist seine Fähigkeit, seinen eigenen Körper und seine Umgebung zu transmutieren. Er kann natürliche Substanzen (einschließlich seiner selbst) in andere natürliche Materialien verwandeln, vorausgesetzt, dass sich diese in der Nähe befinden. Dadurch ist er sich der Natur um sich herum besonders bewusst, und er hat ein besonderes Talent, seine Umgebung zu seinem Vorteil einzusetzen. So kann er sich zum Schutz in steinerne Rüstung hüllen, Dornen spießen lassen, damit man ihn nicht festhalten kann, oder sich sogar mit geschmolzener Lava bedecken (sofern welche in Reichweite ist). Alternativ kann er eben jene Lava abkühlen lassen und so einen Weg aus Obsidian durch gefährliches Terrain erschaffen oder die Erde unter den Füßen eines Gegners dazu bringen, Dornen wachsen zu lassen. Doch dies sind nur Beispiele. Tyvars Fähigkeiten sind sehr flexibel, aber darauf begrenzt, welche natürliche Umgebung gerade zur Hand ist. Dadurch ist es Tyvars Natur, im Kampf zu improvisieren, und er liebt die Kreativität, die ein solcher Kampf erfordert.

LH: Tyvars Kräfte beschränken sich allerdings nicht nur auf ihn selbst: Er kann diese Vorteile auch mit Verbündeten teilen. Wenn man berücksichtigt, dass er stets im Mittelpunkt stehen will, sorgt dies dafür, dass seine Fähigkeiten jedermanns Geheimwaffe sind, denn wenn seine Freunde aufgrund seiner Kräfte Großes erreichen, teilt er ja ihren Ruhm!

GT: Meiner Erfahrung nach gibt es bei jeder erfolgreichen Figurenerschaffung einen Moment, in dem man das Gefühl hat, dass die Figur „lebendig“ ist – wenn sie nicht länger nur eine Idee, sondern zu einer Persönlichkeit geworden ist, in die man sich verlieben könnte. Dieser Moment war bei Tyvar besonders greifbar. Wir hatten uns vorgenommen, einen Kaldheim-Elfen zu erschaffen, und entdeckten unterwegs diesen wunderbaren, tollkühnen und lebensfrohen Prahlhans, der irgendwie gleichzeitig nervig und liebenswert ist (zumindest meiner vollkommen objektiven Ansicht nach). Ich glaube, es ist Tyvars Großzügigkeit, die ihn davor bewahrt, dass man ihn schrecklich findet. Sicher, er ist darauf versessen, seine eigene Legende aufzubauen, doch die Tatsache, dass er nicht nur gewillt, sondern begierig darauf ist, seinen Ruhm mit seinen Kameraden zu teilen, macht ihn wahrlich liebenswert. Viele der Planeswalker in Magic haben einen deutlichen Makel, etwas, womit sie im Lauf ihres Lebens ringen. In Tyvars Fall handelt es sich um einen jungen Mann, der in einem Ringkampf mit seinem eigenen Ego feststeckt: Manchmal hält er es unten und manchmal ist es umgekehrt. Zu seiner Verteidigung sei allerdings gesagt, dass er gegenüber Kritik aufgeschlossen ist, und wenn seine Reisen ihn von Kaldheim wegführen, wird er viel Gelegenheit haben, um zu lernen, zu wachsen und die Grenzen seiner Kräfte – und seines Selbstvertrauens – auszuloten. Und natürlich wird er auch mehr als genug Gelegenheit haben, Sorge dafür zu tragen, dass die Skalden seine Heldentaten auf tausenden Welten besingen!

Obwohl Tyvar sicherlich wollen würde, dass wir ihm noch ein, zwei Seiten mehr huldigen (mindestens!), sollten wir es erst einmal hierbei belassen. Vielen Dank, Cynthia und Lake, dass ihr euch die Zeit genommen habt, euch mit mir zu unterhalten! Und ein dickes Lob an alle, durch deren harte Arbeit Tyvar zum Leben erwachen konnte! Wir hoffen, euch hat dieser erste Ausblick auf den neuesten Elfenhelden in Magic gefallen! Haltet auch die Augen nach der Vorschausaison zu Kaldheim offen – denn in den kommenden Tagen wird es noch viele weitere Enthüllungen geben!

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