Die Teilnahme am ersten Grand Prix

Veröffentlicht in Feature on 24. November 2016

Von Maria Bartholdi

Maria is one half of the podcast Magic the Amateuring. When she's not working on the podcast, she's probably in an improv show, speaking Welsh, or thinking about popcorn. Rakdos is the true nature of her heart.

Nimm einfach rote Karten, Maria. Nimm einfach rote Karten.

Mir zitterten die Hände, als ich bei meinem allerersten Draft meinen allerersten Booster aufmachte.

Du spielst doch gern Rot – nimm einfach die roten Karten und irgendeine andere Farbe, die dazu passt. Ist diese Karte gut? Sie könnte gut sein! Sie ist rot! Nimm sie!

Meine Gedanken rasten, als ich hastig diesen Booster durchging, um die neuen Karten zu lesen. Ich genoss den Reiz des Unbekannten und den Duft einer frisch geöffneten Verpackung.

Brauche ich zu lange, um mich zu entscheiden? Auf welche Farbe setzt mein Nachbar?

Es war ein Draft zu Rückkehr nach Ravnica. Am Ende draftete ich ein tolles Rakdos-Deck, wenn auch zum Teil aus purem Zufall. Es war um die Mechanik Entfesselt herum gebaut, die eine Menge unfassbar schneller Partien erlaubte. In meinem letzten Match an diesem Abend hätte ich mit meinem Explosiven Aufprall um ein Haar eine Kreatur getötet, als mein Gegner ausgetappt und nur noch bei 5 Lebenspunkten war. Im plötzlichen Moment meiner aus der Panik geborenen Einsicht packte mich eine Hitzewallung und meine Hände waren schweißnass, als ich meine Länder tappte und fast den Explosiven Aufprall auf den Tisch fallen ließ.

Spiele ich das richtig?!

„5 mitten ins Gesicht?“, quiekte ich.

Meine Freunde, die sich zusammengefunden hatten, um sich das Match anzusehen, brachen in Jubel aus.

Dieser vom Adrenalin befeuerte Siegestaumel inmitten einer völlig neuen Erfahrung ist etwas, was ich nie vergessen werde. Als ich in die kühle Oktobernacht hinaustrat, ließ mein Lächeln den kompletten Block erstrahlen. Ich war mir sicher, dass mein inneres Leuchten noch für einen Stromausfall vor Ort sorgen würde.

In dieser Nacht träumte ich vom Draften.

Das Hochgefühl an jenem Abend war mit nichts in der Welt zu vergleichen. Sicher, es war nur ein Draft in meinem örtlichen Spieleladen – aber es fühlte sich viel, viel größer an.

Und das Beste an diesem aufregenden Gefühl? Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich es empfand.

Es war da, als ich es bei einem PPTQ zum ersten Mal unter die Top 8 schaffte.

Es war da, als ich meinen ersten Grand Prix spielte, und auch dann wieder, als ich es zum ersten Mal bis Tag 2 schaffte.

Und es wird auch für euch kommen. Ihr müsst euch nur weiter anstrengen und den Sprung wagen.

Schließt die Augen und springt

„So leicht man sich am Anfang vielleicht auch davon einschüchtern lässt: Es macht wirklich einfach nur einen Riesenspaß“, sagt Sam Ihlenfeldt, ein Spieler aus meinem örtlichen Spieleladen in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota. Heutzutage ist Sam schon eher ein Grinder: Er spielt viele PPTQs und andere Qualifier, um einen der begehrten Plätze bei der Pro Tour zu bekommen.

Doch das war nicht immer so.

„Es war mein Freund Greg, der mich davon überzeugte, auf meinen ersten GP zu gehen“, erzählt Sam. „Das war das Team-Sealed beim Grand Prix Detroit im Jahr 2015, und er hatte zu mir gemeint: ‚Ich brauche dich echt in meinem Team.‘“ Sam lächelt. „Ich beschloss, dass es sich wohl lohnen würde, mit meinen Freunden zu spielen – nicht gegen sie, sondern an ihrer Seite.“

Sam Ihlenfeldt
Sam mit seinem Team für den Grand Prix Detroit.

Sam und seine Teamkameraden wechselten sich auf der Fahrt von Minnesota nach Michigan am Steuer ab und hörten unterwegs Hörbücher.

„Die Halle war gewaltig groß“, erinnert sich Sam an den Augenblick, als das Trio zum ersten Mal einen Fuß in das Kongresscenter setzte. „Das war der größte Raum, in dem ich je gewesen war“, sagt er. „Es war überwältigend, aber auf eine positive Art. Wie wenn man sein Zulassungsschreiben vom College bekommt. Es bläst einen weg, wie aufgeregt man ist und wie sehr man sich freut.“

Er hält kurz inne.

„Es war auch deshalb so cool, weil es in der Halle nebenan eine große Hutmesse gab.“

Ich lache, weil ich das für einen Scherz seinerseits halte.

„Ich meine das hundertprozentig ernst“, sagt er. „Ich wünschte, ich hätte einen Hut dabeigehabt.“

Dieses Gefühl, gleichzeitig überwältigt zu sein und total unter Strom zu stehen, ist eines, von dem mir wieder und wieder berichtet wurde, wenn ich Spieler nach ihrem ersten Mal als Teilnehmer an einem großen Magic-Turnier fragte. Es erinnerte mich auch an diesen ersten Rakdos-Draft von mir.

Sam‘s Team schlug sich bei diesem GP nicht sonderlich gut, doch er meint, das hätte keine Rolle gespielt. Sie haben einfach bei den Tischen mit den Side-Events vorbeigeschaut und hingen in der Nähe des Bereichs für das Feature-Match ab, um einigen ihrer Lieblingsprofis und zwei ihrer Kumpel, die an diesem Wochenende erfolgreicher gewesen waren, dabei zuzusehen, wie sie ein paar Zauber raushauten.

„Das war toll, weil ich diesen Leuten zuschauen konnte, die ich sonst nur von zu Hause aus dem Internet kannte. Ich bin vor Nerdigkeit schier ausgerastet, weil vorher noch nie an einem Ort gewesen bin, an dem ich mit Magic-Stars hätte abhängen können.“

Es ist schon okay, vor Nerdigkeit schier auszurasten.
Es ist schon okay, vor Nerdigkeit schier auszurasten.

Auch wenn er sich unter Spielern aufhielt, die zu jener Zeit wesentlich kompetitiver spielten als er, meint Sam, er wäre sich nicht fehl am Platz vorgekommen.

„Es gibt nichts Besseres, als an einem Ort zu sein, an dem man von lauter anderen Leuten umringt ist, die demselben Hobby frönen wie man selbst“, sagt er. „Alle sind einfach auf der gleichen Wellenlänge.“

Vielleicht überrascht ihr euch selbst

Ich brauchte fünf Teilnahmen an verschiedenen Turnieren bei Grands Prix, bis ich es zum ersten Mal bis Tag Zwei schaffte. Für einen anderen Spieler aus Minneapolis und alten Freund von mir namens Jason Schousboe lag der Fall ganz anders: Ihm gelang, wovon viele Menschen träumen, und er schaffte es gleich bei seinem ersten großen Event bis Tag Zwei.

2009 beschloss Jason die lange Reise zum Grand Prix Chicago auf sich zu nehmen, weil er das Format (Legacy) liebte und Verwandtschaft in der Gegend hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nie an etwas so Großem wie einem Grand Prix teilgenommen.

„Das Turnier fand eine Stunde außerhalb von Chicago statt“, erzählt er. „Mein Bruder wohnte in der Stadt. Und ich dachte mir so: ‚Kein Ding. Ich fliege bei dem Turnier sowieso raus, fahre dann eine Stunde und übernachte einfach bei meinem Bruder.“

Das einzige Problem bei diesem Plan war, dass Jason es bis Tag Zwei schaffte – sehr zu seiner eigenen Überraschung.

„Ich war besser vorbereitet, als ich gedacht hätte“, lacht er.

Noch dazu hatte er sich bereit erklärt, an jenem Abend einen Draft mit ein paar Freunden zu spielen, die ebenfalls an dem Turnier teilnahmen.

„Ich hätte sagen sollen: ‚Ich bin bei Tag Zwei dabei. Also bin ich aus diesem Draft hier raus!‘ Aber das habe ich nicht gemacht“, sagt er und kann immer noch darüber lachen. „Das war ziemlich unverantwortlich.“ Und wie die meisten Magic-Spieler wissen, führt ein Draft zum nächsten. Ehe er sichs versah, war es fünf Uhr morgens.

„Ich denke mir: ‚Ich muss dringend schlafen!“, erinnert sich Jason. „Doch bis zu meiner Übernachtungsgelegenheit müsste ich eine Stunde mit dem Auto fahren. Also denke ich mir so: ‚Na schön. Dann schlafe ich eben in meinem Auto.‘“

„War es ein großes Auto?“, frage ich.

„Es war ein Honda Civic Baujahr 1999.“

Das innere Feuer finden

Für den brasilianischen Spieler Gabriel de Albuquerque Frassy ging es bei seinem Sprung zur Teilnahme an seinem ersten Grand Prix darum, die richtige Inspiration zu finden.

Gabriel spielte schon vier Jahre Magic, als sein Wunsch geweckt wurde, auf einem höheren Niveau zu spielen: Er sah, wie ein anderer brasilianischer Spieler namens Thiago Saporito bei der Pro Tour zu Khane von Tarkir am Ende den dritten Platz belegte.

„Das gab mir das Gefühl, dass man bei Magic etwas reißen konnte, auch wenn man in Brasilien lebte“, sagt Gabriel.

Sein erstes großes Turnier war der Grand Prix Porto Alegre im Jahr 2015, wo er die Gelegenheit hatte, einige seiner anderen brasilianischen Lieblingsspieler wie etwa Paulo Vitor Damo da Rosa und das Mitglied der Hall of Fame Willy Edel zu treffen.

Ein Treffen mit ein paar Helden.
Kein großes Ding. Nur ein Treffen mit ein paar Helden.

„Das war ein tolles Event“, sagt Gabriel. „Ich konnte mit meinen Freunden abhängen, bekam cooles Zeug an der Preiswand und hatte eine Menge Spaß mit Magic.“

Fliegen lernen und scheitern lernen

Für Ruby Caganoff aus Australien war es eine große Entscheidung, ob sie an ihrem ersten GP teilnehmen wollte oder nicht. Sie schrieb eine E-Mail an meinen Podcast „Magic the Amateuring“ und bat um Rat, ob sie mit einer Gruppe von Freunden zum GP Sydney fahren sollte oder nicht.

„Ich will beim Grand Prix spielen, aber ich habe echt Angst, dass ich es vermassele oder es mir so richtig gar keinen Spaß macht“, schrieb Ruby.

Angst vor dem Scheitern ist etwas, dem wir uns alle täglich stellen müssen – nicht nur in Magic, sondern in unserem Leben. Diese Furcht besiegen und sogar als etwas Positives annehmen zu lernen, ist überlebenswichtig.

Trotz der Tatsache, dass Ruby Magic erst seit fünf Monaten halb kompetitiv spielte, ermunterten meine Mitmoderatorin Meghan und ich sie zur Teilnahme. Die Chance, dass Ruby eine ganze Reihe von Matches verlor, war durchaus gegeben. Doch für einen Magic-Spieler ist es wichtig, damit kein Problem zu haben.

Bei meinem ersten GP (Sacramento damals im Jahr 2014) begann ich den Tag mit einem 0-2. Mir gelang es, den einen oder anderen Sieg einzufahren, aber bald erlitt ich meine dritte Niederlage und war raus. Ich machte sofort danach bei einem Side-Event des GP mit: ein Rebound, das ich nach harter Schlacht mit 4-1 abschloss. Auch wenn es sich gut anfühlte, das Event mit einem Erfolgserlebnis zu beenden, stellte ich fest, dass ich aus den Runden, die ich verloren hatte, mehr lernte als aus jeder Runde, die ich gewonnen hatte.

Bevor ich bei diesem GP mitmachte, war ich ziemlich festgefahren. Mein Spiel verbesserte sich nicht und ich wusste nicht, wie ich meine Grenzen austesten sollte. Indem ich diese Niederlagen verbuchen musste und so viel wie nur irgend möglich dadurch lernte, gegen Leute zu spielen, die besser waren als ich, erlebte ich ein Phänomen, das viele kennen, die ihr erstes großes Event spielen: Ich machte einen Leistungssprung.

Ruby stellt sich dem Grand Prix Sydney.
Ruby stellt sich dem Grand Prix Sydney.

Ruby gewann zwar keine Matches beim GP Sydney, aber sie nahm an allen neun Runden von Tag Eins teilt, was eine bewundernswerte Hartnäckigkeit und Antriebsstärke beweist.

„Sobald ich erst einmal die Runden Drei und Vier absolviert hatte und die ernsthafter agierenden Spieler zu den höheren Tischen abgewandert waren, stellte ich fest, dass meine Gegner und ich im gleichen Boot saßen“, sagt Ruby. „Am Ende habe ich sogar ein paar Freunde an den unteren Tischen gefunden.“

Ruby gewann über den Tag verteilt ein paar sehr harte Partien und hatte dabei jede Menge Spaß.

„Wenn man beim Hauptevent antritt, darf man sich nicht zu sehr auf die Vorstellung versteifen, dass alle Leute nur zum Gewinnen da sind“, sagt sie. „Manche Leute sind nur da, um Spaß zu haben und andere Leute zu treffen!“ Ungeachtet dessen sieht es so aus, als hätte Ruby sich das Turniervirus eingefangen.

Ihr Ziel für den nächsten GP?

„Wenigstens eine Runde zu gewinnen“, sagt sie lächelnd.

Wer noch unentschlossen ist, was die Teilnahme an seinem ersten Grand Prix angeht, dem rate ich, unbedingt hinzugehen.

Nicht nur deshalb, weil ich weiß, dass ihr einen Mordsspaß haben, euer Spiel verbessern und mit haufenweise tollen Geschichten zum Weitererzählen zurückkommen werdet – sondern weil dieses Spiel nicht ohne Grund Magic heißt.

Mit jeder neuen Herausforderung, vor die ihr euch selbst stellt, holt ihr euch dieses wunderbare Gefühl zurück, das ihr hattet, als ihr dem Spiel zum allerersten Mal begegnet seid. Und dem wohnt eine ganz besondere Magie inne.

Latest Feature Articles

FEATURE

10. November 2021

Prerelease-Artikel zu Innistrad: Blutroter Bund by, Gavin Verhey

Eine Hochzeit findet statt … und du stehst auf der Gästeliste! Die legendäre Vampirin Olivia Voldaren heiratet Edgar Markov. Die Mitglieder der High Society würden alles geben, um das Sp...

Learn More

FEATURE

28. Oktober 2021

Mechaniken von Innistrad: Blutroter Bund by, Matt Tabak

Die Mechaniken von Innistrad: Blutroter Bund erinnern mich sehr an die bevorstehende Vampir-Hochzeit, über die alle sprechen: Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes, etwas Blutgetränk...

Learn More

Artikel

Artikel

Feature Archive

Du willst mehr? Tauche ein in die Archive und lies tausende Artikel über Magic von deinen Lieblingsautoren.

See All