Die Verwandlung in Kiora

Veröffentlicht in Feature on 26. Dezember 2016

Von Maria Bartholdi

Maria is one half of the podcast Magic the Amateuring. When she's not working on the podcast, she's probably in an improv show, speaking Welsh, or thinking about popcorn. Rakdos is the true nature of her heart.

Schaumstoff aus einer Yogamatte. Ein Tutu. Sprühfarbe. Eine alte Baseballmütze. Panzertape.

Stunden hinter einer Nähmaschine. Stunden des Bemalens. Stunden des Anpassens.

„Soll ich hier noch eine Schicht draufmachen?“

Stunden vor dem Spiegel, um die Details richtig hinzubekommen.

„Wie wird meine Haut wohl auf den Klebstoff reagieren?“

Stunden der Recherche und des Geschichtenlesens.

Du erhaschst einen Blick auf dich im Spiegel. Ein Lächeln stiehlt sich auf dein Gesicht.

„Ja, das ist es alles wert.“

Du siehst nicht nur aus wie Kiora.

Du bist Kiora.

Es dauert eine ganze Weile, um aus diesem Haufen aus Yogamatten-Schaumstoff und dem Tüll des Tutus Kiora, die brandende Welle zu machen. Mehr als ein Jahr, um genau zu sein.

„Es war eine Menge Arbeit, und dann musste man immer wieder darauf warten, dass irgendetwas trocknet“, sagt Cosplayerin MJ Scott. Allein das Make-up für dieses Kostüm dauert drei Stunden.

MJ liebte es schon als Dreijährige sich zu kostümieren, doch bis vor Kurzem hatte sie nie darüber nachgedacht, sich als eine Figur aus einem Spiel zu verkleiden. „Ich dachte, sobald man erwachsen wird, verkleidet man sich nur noch an Halloween oder für Mottopartys.“ Ihre Meinung änderte sich rasch, als sie sah, wie sich andere Leute als Figuren aus Magic verkleideten – einem Spiel, das sie seit ein paar Jahren spielte.

„Ich dachte mir so: ‚Das sollte ich auch machen. Ich muss das auch machen.‘“

Doch wo fängt man an? Schließlich reicht es nicht, nähen oder kleben zu können oder Make-up aufzutragen, um zu einer Figur zu werden. Es reicht nicht, die wichtigsten Anekdotentexte der Figur zu kennen oder gern zu schauspielern.

Für MJ beginnt alles am Anfang: mit der Geschichte der Figur.

„Während ich das Kostüm baue, denke ich über die Figur nach, schaue mir Hintergrundinformationen an und lese die entsprechenden Magic-Geschichten noch mal durch“, sagt sie. „Manchmal denke ich mir eine Szene oder eine Geschichte aus, die mir dabei hilft, die Figur besser zu verstehen.“ Außerdem stellt sie sich die passende Musik zu der Figur zusammen, an der sie gerade arbeitet. Das erste Lied auf der Playlist für Kiora? „Pound the Alarm“ von Nicki Minaj.

Manchmal geht sie noch tiefer – und es wird kulinarisch! „Etwas, was mir enorm hilft, ist, wenn ich das esse und trinke, wovon ich glaube, dass die Figur es essen und trinken würde.“

Ich habe sie gefragt, was sie gegessen hat, als sie an ihrem Liliana-Cosplay arbeitete.

„Ein T-Bone-Steak, perfekt blutig.“

Klingt passend.

Wie viele Magic-Spieler liebt MJ Fantasy und alle Arten verschiedener Fantasywelten. Beim Cosplay jedoch zieht es sie ganz besonders zu Magic-Figuren hin. Das liegt nicht nur an den oft sehr ausgefeilten Geschichten, sondern auch an dem, wofür die Figuren stehen.

Magic arbeitet aktiv daran, Frauen, Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft und Leute, die nicht in das generische Fantasy/Scifi-Schema passen, darzustellen – oft auf künstlerisch sehr interessante Weise.“ Und das ist für MJ genau richtig. Tatsächlich ist es einer der wichtigsten Gründe, gerade für Kiora ein Kostüm zu bauen.

MJ verspürt einen tiefen Respekt vor dem Erbe der Ureinwohner von Inseln auf der ganzen Welt, besonders aber vor denen Hawaiis. Ihr Vater wuchs in Hawaii auf, und als Kind ist sie oft dort hingefahren. Das Design Kioras ist zwar nicht direkt von den Ureinwohnern Hawaiis beeinflusst, aber dem Vernehmen nach von anderen Inselbewohnern – den Maori auf Neuseeland.

„In Kiora sehe ich dasselbe Durchhaltevermögen“, sagt MJ. „Und diese transzendente, innige Verbindung zum Land, die man bei vielen indigenen Völkern findet. Ich glaube, Kioras Band zu Zendikar und die Tragödie mit den Eldrazi auf dieser Welt bilden eine starke Parallele zu den Erfahrungen vieler Ureinwohner. Ich machte es mir also zum Ziel, diese emotionale Schwere durch das Kostüm auszudrücken.“

MJ stellte sich vor, in der Brandung von Waikiki zu stehen, während sie malte, nähte und immer wieder Änderungen vornahm.

Trotz ihrer unbestreitbaren Liebe zu ihrem Land und seinen Bewohnern „ist es nicht leicht, Kiora zu mögen“, wie MJ zugibt. „Sie ist eine Planeswalkerin, die wir noch immer nicht vollends verstanden haben.“

Letzten Endes ist sie verantwortlich für den Tod einer beliebten Figur, selbst wenn dies ein Fehler war, der ihr mit den besten Absichten unterlief. Doch abseits ihres erbitterten Kampfes gegen die Eldrazi und ihrer kühnen Mission, die Waffe einer Göttin zu stehlen, wissen wir nicht viel über Kiora.

Wir wissen, dass sie mutig, tollkühn und zielstrebig ist. So wirkt sie bereits jetzt komplex und voller Konflikte und Tragik. Ihr Beiname „Die brandende Welle“ ist da schon ziemlich passend. Und das gefällt MJ.

„Ich mag diese Dualität“, sagt MJ. „Ich habe das Gefühl, dass ihr noch eine ganze Reihe epischer Abenteuer bevorsteht.“

„Habt keine Angst vorm Scheitern“, rät MJ angehenden Cosplayern.

Das ist ein einfacher Ratschlag, der nicht leicht zu beherzigen ist. Doch falls ihr nicht wisst, wo ihr anfangen sollt, dann schlägt MJ vor, euch eine Illustration, die euch anspricht, oder eine Figur, mit der ihr euch identifizieren könnt, zu suchen.

Ehe sie sich an Kiora gewagt hat, war MJ fast ausschließlich an Schwarzmagiern interessiert. Ihr gefiel die Art, wie sie über den Kampf zwischen selbstsüchtigen, zerstörerischen Trieben und dem Verlangen, andere zu lieben und Mitleid zu zeigen, sprachen. „Das ist für die meisten Leute ein Kampf, aber nur ein Schwarzmagier wird offen davon erzählen“, sagt MJ. Für sie geht es nicht nur um die Persönlichkeit der Figur, sondern auch um das, womit sie sich in ihrem eigenen Leben auseinandersetzt.

MJ hat noch einen zweiten Rat für all jene, die sich an Cosplays heranwagen wollen: Fangt klein an. „Scheut euch nicht, etwas Vorgefertigtes als Ausgangspunkt zu verwenden“, empfiehlt sie. Wählt solche Accessoires aus, wie die Figur sie tragen würde, ändert ein Kleidungsstück aus eurem Schrank oder modifiziert ein generisches Kostüm, das ihr in einem Halloween-Shop findet – auch das zählt immer noch als Cosplay.

Kioras Kopfbedeckung beispielsweise war nichts weiter als eine alte Baseballkappe. Sie schnitt den Schirm ab und färbte sie blau. Das Juwel formte sie aus Modelliermasse und klebte es mit elastischem Klebstoff fest. Als Nächstes kam der beste Teil: das Tutu. Das nähte sie verkehrt herum an die Kappe. Der letzte Schritt war dann das Anbringen einiger (echter!) Vogelfedern mit Schaumstoffknoten, um dem Stück die typischen Einzelheiten und die Tiefe in der Textur zu verleihen.

Die Reise auf dem Weg zum professionellen Cosplayer ist nicht jedermanns Sache. Vergesst es, euer Herz auf der Zunge zu tragen. Gewöhnt euch stattdessen daran, euer Herz in die Mitte einer vollen Messehalle zu tragen und es von Tausenden von Menschen fotografieren zu lassen. Das kann schon sehr aufreibend sein.

Auch MJ ist nicht vor dem damit verbundenen Stress gefeit. Sie müht sich jedes Mal ab, Kostümteile absolut vorlagentreu anzufertigen. „Ich werde ungeduldig, wenn ich nicht schnell genug Ergebnisse sehe“, sagt sie. „Ich muss mich ständig daran erinnern, Freude an dem Prozess zu haben und das Play in Cosplay nicht zu vergessen.“

Doch die wahre Feuerprobe eines Kostüms ist nicht die Prüfung seiner Einzelheiten. Sie findet nicht statt, wenn es am Kleiderbügel hängt oder über die Schneiderpuppe gestreift ist. Es ist der Moment, in dem das Kostüm zum Leben erwacht – wenn der Cosplayer es anzieht und sich in die Figur verwandelt.

Für MJ liegt Cosplay irgendwo zwischen Schauspielerei und Modeln. „Man spielt eine Figur, aber man versucht gleichzeitig, das Kostüm gut aussehen zu lassen“, sagt sie.

Ob sie in der Rolle auf Fans reagiert, hängt von der Figur ab, die sie darstellt. Als die Elfe auf der Karte von Die Wildnis absuchen beim Grand Prix Atlanta unterhielt sich MJ ganz normal mit den Besuchern, denn die Elfe hatte keinen Namen und keine bestimmte Hintergrundgeschichte. Im Sommer auf dem Grand Prix in Portland, wenn sie Liliana darstellt, wird dies jedoch anders sein. „Da werde ich definitiv in Rolle sein“, verspricht sie. „Und ich werde den Kettenschleier dabeihaben. Werdet also nicht frech.“

Cosplay ist für MJ sowohl eine sehr persönliche und gleichzeitig sehr öffentliche Liebe. Sie begeistert sich dafür, etwas zu erschaffen, was sowohl Aspekte ihrer eigenen Psyche als auch die globaler Probleme widerspiegelt. Es ist gleichzeitig klein und privat als auch groß und universell.

„Zumindest“, sagt MJ, „ist es eine harmlose Form von Eskapismus und Unterhaltung, die dazu dient, sich selbst Ausdruck zu verleihen. Bestenfalls ist es eine Kunst, die andere zu inspirieren versteht und Gemeinschaften aufbauen und Blickwinkel ändern kann.“

Solltet ihr MJ auf einem Event begegnen, sagt doch einfach mal Hallo! Denn schließlich sind Hunderte von Stunden voller Blut, Schweiß und Tränen in die Figur geflossen, die ihr vor euch seht und die an diesem Punkt eigentlich gar keine Figur mehr ist.

„Wenn ich nach der finalen Überprüfung meines Make-ups aus dem Badezimmer komme, bin ich bereit“, sagt MJ.

„An diesem Punkt bin ich diese Persönlichkeit.“

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