Etwas Böses kommt daher

Veröffentlicht in Feature on 17. Juni 2016

Von Cassie LaBelle

Cassie LaBelle is a freelance writer. When she's not at her keyboard dreaming up stories, you can find her playing with his cats, listening to records, or building yet another Magic deck.

Etwas Wahnsinniges geschieht auf Innistrad. Wer oder was ist eurer Meinung nach dafür verantwortlich?

Wenn ihr genug Schatten über Innistrad gespielt habt, dann wisst ihr bereits, wie groß die Veränderungen auf dieser Welt sind. Die Engel sind dem Wahnsinn verfallen. Die Werwölfe sind stärker als je zuvor. Die Landschaft wird von mysteriösen Gebilden, die man Kryptolithen nennt, verschandelt. Innistrad war schon immer ein unheimlicher Ort, doch das hier ist etwas vollkommen anderes. Kein Wunder, dass Jace so versessen darauf ist, das Rätsel zu lösen.

In spielerischer Hinsicht wird dies durch die Nachforschen-Mechanik dargestellt. Durch Nachforschungen erhält man Hinweis-Spielsteine, die man opfern kann, um eine Karte zu ziehen. Wie jedoch führt uns das Ziehen von Karten dichter an die Lösung des großen Mysteriums von Innistrad heran?

Nun, die Illustrationen zu Schatten über Innistrad stecken voller visueller Hinweise auf die Ursache des grassierenden Wahnsinns. Zwar offenbart keine Karte allein die Antwort, doch wenn man sich alle versteckten Hinweise auf den Karten im Set anschaut, beginnt die Lösung, nach und nach Gestalt anzunehmen. Je mehr Karten man zieht und betrachtet, desto dichter kommt man dem, was wirklich auf Innistrad passiert, auf die Spur.

In dieser Woche möchte ich einen genaueren Blick auf die fünf Arten von visuellen Hinweisen werfen, durch die die Illustratoren den kommenden Konflikt andeuten. Ich werde zwar heute noch nicht den Ursprung des Geheimnisses preisgeben, doch ich möchte euch dazu ermutigen, selbst ein bisschen Detektivarbeit zu leisten. Es sind noch jede Menge weiterer Hinweise in den Illustrationen zu Schatten versteckt, und es gibt eine Reihe spannender Fantheorien über die wahre Identität des Übeltäters. Setzen wir uns doch jetzt erst mal unseren Schlapphut auf, nehmen wir unser Vergrößerungsglas zur Hand und beginnen wir mit den Nachforschungen.

Eine verzerrte Welt

In den 1920ern beschloss eine Gruppe deutscher Künstler und Filmemacher, die Regeln des Horrors neu zu schreiben. Anstatt die Welt so wirklichkeitsgetreu wie möglich darzustellen, beschlossen sie, dass die Umgebung in ihren Werken die (oftmals von Angst oder Wahnsinn gezeichnete) Innenwelt ihrer Figuren widerspiegeln sollte. Ihre Gebäude beugten sich nicht den gewohnten Regeln einer natürlichen Perspektive. Türen und Fenster waren mit schroffen Spitzen versehen und verzerrt. Schatten waren von jeder Art von realistischer Lichtquelle losgelöst und häufig direkt auf die Wände und Böden der Kulissen gemalt. Schiefe Winkel und bizarre Perspektiven sorgten dafür, dass der Betrachter sich unbehaglich fühlte.

Diese Techniken des deutschen Expressionismus inspirierten den Look der Universal-Monsterfilme aus den 1930ern, den stilprägendsten Horrorfilmen aller Zeiten. Tatsächlich verdanken wir viele der Motive, die uns beim Gedanken an die Bildsprache des Horrors in den Sinn kommen, ebendiesen Künstlern. Selbst heute noch werden verzerrte Perspektiven und Schatten ohne sichtbare Ursache dazu verwendet, eine Umgebung zu erschaffen, die sowohl schaurig als auch geheimnisvoll wirkt.

Falls ihr einige der szenischen Verzerrungen in Schatten über Innistrad bemerkt, sie aber als expressionistische Kapriolen abgetan habt, dann kann ich euch das schwerlich verübeln. Der deutsche Expressionismus war zweifellos einer der wichtigen Einflüsse auf das Erscheinungsbild des Sets, doch das ist noch nicht alles. Genau genommen ist das Verzerrte in der Architektur und in der Landschaft Innistrads die erste Kategorie von visuellen Hinweisen, die dazu dienen soll, die Tatsache aufzuzeigen, dass die Welt seismische Veränderungen durchmacht – aber wodurch? Nun, das werden wir noch früh genug erfahren.

Beginnen wir damit, uns den Steinboden auf der Karte Bücher wälzen und die Steinwand auf Zwietracht in den Reihen genauer anzusehen. Keine der Verzerrungen ist offenkundig übernatürlich, aber sie helfen dabei, eine expressionistische Stimmung des Unbehagens zu erzeugen. Hier geht ganz offenkundig etwas Übles vor.

Ein etwas offensichtlicheres Beispiel dieser Veränderung findet sich auf den hölzernen Stützbalken des Gebäudes hinter Avacyn der Läuterin. Auf der Erzengel Avacyn-Seite der Karte wirken sie normal und ordentlich. Auf der anderen Seite – nachdem Avacyn dem Wahnsinn verfallen ist –, wirken sie schief und willkürlich gesetzt und damit wie das Werk eines verrückten Architekten.

Hier ist ein neues Wort des Tages für euch: die kleinen hölzernen Bretter, die die einzelnen Fensterscheiben voneinander trennen? Die heißen Sprossen. Sprossen sind in der Regel ziemlich gerade und bilden ein Raster, aber auf Innistrad ist das nicht mehr der Fall. Schaut euch nur die abfallenden Fachwerksprossen unten rechts auf der Verflüchtigenden Peinigerin und die wie willkürlich verstreuten Sprossen im Hintergrund des Anwerbers der Dämmerwache an!

Die Wälder Innistrads waren schon immer unheimlich, aber wenigstens haben sie sich an die Naturgesetze gehalten. Jetzt nicht mehr. Schaut euch nur die Nebenstraßen-Kurierin an, hinter der alle Bäume in eine zufällige Richtung zu deuten scheinen. Auch auf Verqueres Holz wirken die Baumstämme verzerrt und in einem solchen Winkel verkrümmt, dass es den Eindruck erweckt, als folgten sie dem Sog des Kryptolithen in der Bildmitte.

Zermalmende Tentakel

Visuelle Hinweise müssen nicht notwendigerweise in der Umgebung einer Szene zu finden sein so wie ein in Schieflage geratenes Fenster oder ein verkrümmter Baum. Bei unserer zweiten Kategorie an Hinweisen handelt es sich vielmehr um konzeptionelle Motive, die ihr unter Umständen nur dann bemerkt habt, wenn ihr die Illustrationen zu Schatten über Innistrad aus einem etwas abstrakteren Blickwinkel heraus untersucht habt.

Sobald ihr sie jedoch einmal gesehen habt, fallen sie euch wieder und wieder auf: Auf Innistrad gibt es jede Menge Tentakel.

Fangen wir klein an. Betrachtet einmal das Knäuel aus „Tentakeln“, das durch die schmiedeeiserne Tür und die Mistgabel hinter dem dahingekauerten paranoiden Soldaten erschaffen wird. Das mag euch zunächst noch wie eine Kleinigkeit erscheinen ... bis ihr den kleinen purpurnen Tentakel bemerkt, der aus dem Ärmel des Paranoiden Sprengelwächters kriecht. Glaubt ihr immer noch, es bestünde nicht der geringste Anlass zur Sorge?

Werfen wir einen Blick auf die tentakeleske Struktur ganz oben links. Sieht es nicht beinahe so aus, als deutete die Leiche darauf?

Die körperlich fassbaren Bewohner Innistrads teilen sich dieses gruselige Motiv mit der Landschaft. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber der Grabmaulwurf ist der einzige Maulwurf mit Tentakeln anstelle einer Schnauze, den ich je gesehen habe. Und was ist mit dem deformierten Gesicht des Angreifers auf Das Unbekannte herausfordern? Auf ihn kommen wir in ein paar Augenblicken noch mal zu sprechen.

Abgesehen davon, dass sie den Gesetzen der Natur trotzen, sind die Bäume auf der Nebenstraßen-Kurierin außergewöhnlich rankenartig. Ebenso die Zweige hinter der Verfluchten Hexe. Selbst die Strohhalme an Hals und Händen des Erntehelfers sehen für mich ziemlich tentakelig aus.

Die Kapuze und der Mantel des Ungeladenen Geists wirken zerschlissen und ausgefranst, während die beeindruckenden Schulterklappen der Pazifistin von Lammholt aus zerbrechlichen Zweigen gemacht zu sein scheinen. Die beiden Gewandungen könnten nicht unterschiedlicher sein, doch auf beiden findet sich das Tentakelmotiv.

Insel | Bild von Jonas De Ro

Wir haben klein angefangen. Hören wir also groß auf. Schaut euch die Wasserschleier an, die vom Himmel herabsinken – sie bilden zwar eine losere Ansammlung von Tentakeln als auf den meisten anderen dieser Karten, aber auf Innistrad? Da ist das ein Hinweis.

Auf der Suche nach Flechtwerk

Die dritte Kategorie visueller Hinweise ist die womöglich auffälligste. Sie beinhaltet eine biologische, beinahe pilzartige Gitterstruktur, die überall auf Innistrad zu finden ist. Vielleicht habt ihr schon bemerkt, dass sie sich hier und da eingeschlichen hat?

Auf manchen Karten erscheint das Geflecht als brandiger Schleim. Auf dem Verwegenen Ermittler wird er als handlungsträchtiger Grund für die Verwandlung der Kreatur gezeigt: Wenn der Verwegene Ermittler das Flechtwerk berührt, wird er zum Überbringer dramatischer Neuigkeiten. Hm ... Ich frage mich, welche Neuigkeiten das wohl sein mögen.

Das Flechtwerk ist allgegenwärtig, aber nicht immer sofort erkennbar. Schaut euch die Freundliche Fremde an: Euer Blick wird zwar wahrscheinlich zuerst auf die alte Frau und ihre Laterne gelenkt, aber eine genauere Betrachtung der Karte zeigt das geheimnisvolle Geflecht auf dem Ast im Vordergrund und dem großen Felsen links im Bild.

Das Geflecht scheint keinen Unterschied zwischen groß und klein beziehungsweise lebend oder tot zu machen. Der Hügel gleich hinter der Laterne an der Weggabelung scheint davon bedeckt zu sein, genau wie die Bäume im Vordergrund der Durchquerung des Ulvenwalds.

Auch die Kreaturen Innistrads sind vor dem schauerlichen Effekt des Flechtwerks nicht gefeit. Besonders deutlich wird dies auf Macht jenseits der Vernunft, wo ein Mensch zu versuchen scheint, übernatürliche Stärke aus dem Flechtwerk zu ziehen, das sich auf seinen Muskeln bildet. Das Gleiche widerfährt dem Hirnbrecher-Dämon, dessen Flügel von dem wahnwitzigen Muster verwandelt wurden. Auf dem Hengst vom Aschenmaul beginnt sich das Geflecht auf Kopf und Beinen des Pferds zu bilden. Die Tatsache, dass all diese Karten Delirium haben, ist kein Zufall: Das Flechtwerk ist auf den kürzlich dem Wahn verfallenen Bewohnern Innistrads am deutlichsten ausgeprägt.

Das Flechtwerk erscheint auch an Orten, an denen man nicht danach suchen würde. Ist es euch auf der Blitzaxt aufgefallen? Ich sah es erst, als ich die Axt mit der vorherigen Ausgabe dieser Karte verglich, aber danach konnte ich es für mich nicht mehr ungesehen machen.

Das gilt auch für diese beiden Ebenen. Sie zeigen den gleichen Ort, aber die erste stammt aus Innistrad, die zweite aus Schatten über Innistrad. Seht ihr den Unterschied? Ganz recht: Nicht mal der Himmel ist vor dem Geflecht, das die Welt überzieht, sicher.

Einer von uns

Das geheimnisvolle Flechtwerk ist nicht das Einzige, was Innistrads Kreaturen zu schaffen macht. Die vierte Kategorie visueller Hinweise umfasst die verschiedenen körperlichen Mutationen, die die Bewohner der Welt befallen haben. Werfen wir zunächst einen Blick auf eine der furchterregendsten Illustrationen im gesamten Set:

Der Effekt des „zersplitterten Spiegels“ auf der Karte verbirgt, was genau vor sich geht, doch es ist klar, dass etwas Schreckliches mit Gesicht und Händen dieses armen Kerls passiert. Abgesehen von der allgemeinen Bizarrheit dieses Anblicks erkennt man sowohl das geheimnisvolle Flechtwerk (über dem Mund ganz rechts) als auch das Tentakelmotiv (an den Fingern der rechten Hand und am Handrücken der linken Hand).

Die Mutationen auf Innistrad betreffen auffallend oft Gesichter. Schaut euch nur die verzerrte Grimasse des Abtrünnigen Apostels, den ausgehängten Kiefer und die zusätzlichen Augen des Geißelwolfs, den gigantischen Augapfel des Mannes auf Hinter den Kulissen und den Mund, der aus dem Ohr des Wahnsinnigen Propheten wächst, an!

Auch Gliedmaßen – sowohl menschliche als auch tierische – sind betroffen. Die Hand auf der Grotesken Mutation weist die offensichtlichste Veränderung auf: Nicht nur befindet sich dort ein entsetzlicher Mund, wo sich eigentlich nie ein Mund befinden sollte, sondern man kann auch noch Tentakel und Flechtwerk erkennen. Der Zahnsammler erscheint zunächst normal ... bis man den Tentakel bemerkt, der aus seinem linken Ärmel kriecht. Und wieder der Hengst vom Aschenmaul: ein Pferd im Delirium mit fünf (!) Beinen. Und das Vergrößerungsglas offenbart einen lidlosen Augapfel am Arm einer Frau, der von noch mehr Flechtwerk umgeben ist.

Zum Ausmalen

Die letzte Kategorie visueller Hinweise schließlich dreht sich um Farben. Wenn ihr bis jetzt gut aufgepasst habt, ist euch dieses Motiv sicherlich bereits aufgefallen. Viele der körperlichen Mutationen, Tentakel und Geflechte teilen sich ein Farbschema, das nicht zum Rest der Komposition passen will. Schauen wir uns das mal an:

Jede dieser Karten beinhaltet eine Menge Rosa. Achtet auf den rosa Flechtschleim auf der Inspektorin aus Thraben, die leuchtenden Lefzen und Gliedmaßen vom Hund der Weitmoore, die rosa, tentakelhafte Mutation auf Das Unbekannte herausfordern und die rosa Nase des Grabmaulwurfs.

Oft taucht auch Purpur auf: Ihr braucht euch nur die purpurnen Tränen auf Gedanken zerpflücken, die purpurnen Augen und Mähne des Hengsts vom Aschenmaul und den purpurnen Schleim oben auf dem Unaufhaltsamen Glibber anzuschauen.

Auf diesen beiden Karten finden sich Tentakel, die das gesamte Spektrum an außerweltlichen Farben abdecken: Tentakel, die von Rosa zu Purpur zu Blau reichen.

Und am 20. Juni wird das Geheimnis gelüftet werden. Schauen wir uns doch bis dahin noch einmal alle die hervorragende Arbeit beim Andeuten zukünftiger Ereignisse durch die Illustratoren von Schatten über Innistrad an.

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