Türen öffnen

Veröffentlicht in Feature on 28. Dezember 2016

Von Corbin Hosler

Andrew Mitchell saß ganz ruhig da. Er wartete vor der Tür, die ihm und allen anderen auf der Welt verschlossen war. Er kannte den weiteren Ablauf. Zorn würde nichts bringen. Auch irgendwelche Forderungen nicht. Keine der erwartbaren Reaktionen würde diese Tür öffnen. Und wenn er oder wer anders versucht hätte, sie aufzubrechen, hätte sich nur eine andere Tür für sie geschlossen.

Also wartete Mitchell. Und er lauschte.

Langsam begann das Kind auf der anderen Seite, mit ihm zu kommunizieren. Zögernd und mit mehr als nur ein bisschen Angst ließ das Kind Mitchell herein. Während die Tür sich Zentimeter um Zentimeter bewegte, ließ der Junge den Mann, der entschlossen war, ihm beizustehen, in sein Leben.

Mitchell ist es gewohnt, mit schwierigen Kindern zu arbeiten. Sowohl in seinem beruflichen als auch in seinem privaten Leben verbringt er seine Tage damit, mit Kindern zu arbeiten, die mit Problemen zu kämpfen haben, deren Lösungen die Möglichkeiten ihrer Familien überschreiten. Der geborene Marylander hat sein Leben der Aufgabe gewidmet, Kindern aus schwierigen Verhältnissen dabei zu helfen, trotz der Hürden, die sie in der Welt zu nehmen haben, aufzublühen.

Das heißt allerdings nicht, dass jeder Tag einfach wäre. Jener Tag, an dem dieses eine Kind sich hinter nur ein paar Zentimetern Holz – aber emotional hinter so viel mehr als bloß einer Tür – verschanzt hatte, war viel schwieriger als die anderen, selbst für einen ausgebildeten Jugendhelfer.

Dennoch blieb Mitchell geduldig, als er mit seinem Schützling hinter der Tür sprach. Schließlich durfte er den Raum betreten und begann vorsichtig, eine Verbindung zu dem Jungen aufzubauen. Dabei sah er sich genauestens um. Er befand sich nun in einem typischen Kinderzimmer ohne irgendwelche Auffälligkeiten. Während er das Gespräch mit dem Jugendlichen suchte, wurde ihm zunehmend klar, dass er kaum Fortschritte machte. Trotz seiner Bemühungen bekam er nur einsilbige Antworten und Kopfnicken zurück.

Also versuchte er etwas anderes.

„Ich sah ein paar Kisten mit Magic-Karten in seinem Zimmer. Ich hatte sie wiedererkannt, weil ich in der Grundschule auch gespielt hatte. Also erwähnte ich das“, erinnert sich Mitchell. „Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.“

Binnen weniger Augenblicke war das verschlossene und starrsinnige Kind, das sich nicht um die Erwachsenen um sich herum scherte, wie ausgewechselt. An seiner Stelle saß ein Kind, das ganz aus dem Häuschen darüber war, dass es einen der Lichtblicke in seinem Leben mit jemandem teilen konnte.

„Sein ganzes Gesicht hellte sich auf“, sagte Mitchell. „Und an diesem Tag haben wir stundenlang gespielt. Er hat mir wieder beigebracht, wie man spielt, und während er mich richtig vorführte, lernte ich ihn kennen. Er begann, mich als jemanden zu sehen, bei dem er vertrauen konnte, dass er ihm tatsächlich hilft.

Da wusste ich, dass ich da auf etwas gestoßen war.“

Sowohl für den Jungen als auch für den Erwachsenen war dieser Tag ein Wendepunkt. Das Kind hatte plötzlich einen Grund, auf die Zielsetzungen in seinem Verhalten hinzuarbeiten, die ihm vorgegeben worden waren. Erreichte es diese Ziele, winkten ihm neue Decks oder Gelegenheiten zum Spielen. Das erwies sich als greifbare Belohnung, um Zwischenziele zu schaffen und seinem Leben so eine neue Richtung zu geben. Der Junge gab sich größte Mühe, diese Ziele zu erreichen, und hat heute viele der Herausforderungen gemeistert, denen er sich damals gegenübersah.

Für Mitchell war es eine Offenbarung. Diese Erfahrung sorgte nicht nur dafür, dass er selbst wieder anfing, Magic zu spielen, sondern Magic wurde auch zu einem nützlichen Hilfsmittel in seiner Arbeit. Diesen Kindern das Spielen beizubringen, sorgte nicht nur dafür, dass sie etwas hatten, worauf sie hinarbeiten konnten. Es lehrte sie soziale Fähigkeiten, mit denen sie in ihrem Leben Schwierigkeiten hatten.

Dieser Ansatz hat Wunder gewirkt. Er funktionierte so gut, dass Mitchell sich mit einem befreundeten Lehrer namens Scott Swick zusammentat, um „Sword and Stone Tutors“ zu gründen und gemeinsam Magic dazu einzusetzen, Kindern dabei zu helfen, persönliche und schulische Erfolge zu feiern. Scott hält Magic für einzigartig in seiner Fähigkeit, jungen Menschen in der Entwicklung die Welt um sich herum näherzubringen.

„Ich habe mit Kindern mit verschiedenen Autismus-Spektrum-Störungen gearbeitet, und Magic hilft ihnen unglaublich viel weiter“, erläutert er. „Ein Großteil der Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen, hat damit zu tun, dass sie lernen müssen, wie sie angemessen auf die Welt um sich herum reagieren sollten. Oft versuchen sie, die richtige Antwort auf einen Stimulus zu finden, und können daher einen bestimmten Augenblick auch nicht auf die gleiche Weise erleben wie andere Kinder. Das bedeutet hohen sozialen Stress für sie, und das macht es ihnen schwer, sich anzupassen.

Magic ist deshalb so gut für diese Kinder, weil es eine Art festes Drehbuch gibt. In jedem Zug des Spiels wissen sie, was von ihnen erwartet wird – angefangen davon, sich zu Beginn vorzustellen, bis hin zum Händeschütteln und „Gutes Spiel“-Sagen am Ende. Auf diese Weise können sie die Dinge, die sie gelernt haben, auf eine Weise üben, die ihnen kein Klassenzimmer ermöglicht. Darüber hinaus lernen sie so auch andere nützliche Fähigkeiten, wie etwa bescheiden nach einem Sieg oder ein guter Verlierer zu sein. Zusammen mit den einfachen Anforderungen in Sachen Lesen und Mathematik, die Magic stellt, hat das alles schon einen gewaltigen Einfluss auf ihr Leben.“

Es ist aber nicht nur Magic, das hier etwas bewirkt. Der Dank gebührt ebenso Mitchell und Swick, die sich echt wahnsinnig ins Zeug legen, um ihren Schützlingen durch ihre Arbeit zu helfen. Sie haben eine Gemeinschaft aus ihren ehemaligen und derzeitigen Schülern aufgebaut, die nun freitagnachmittags den örtlichen Spieleladen mit Kindern und Jugendlichen füllt, die neue Freunde gefunden haben, die sie sonst nie kennengelernt hätten.

Wenn man an einem Freitagabend ins Dream Wizards in Rockville im US-Bundesstaat Maryland geht, dann sieht man keine Gruppe von Kindern vor sich, die einzigartige Herausforderungen gemeistert haben. Man sieht auch keine Gruppe von Kindern vor sich, die mit einer ganzen Flut albtraumhafter Szenarien zu kämpfen hatten – von zerrütteten Familienverhältnissen über Lernschwächen bis hin zu Leukämie.

Alles, was man sieht, ist eine Gruppe von Kindern, die genau das tut, was jeder andere Spieler auch tut: Freude am Spiel mit ihren Freunden haben. Man sieht sie im Commander wetteifern oder Strategien fürs Standard entwickeln. Man sieht ihre albernen Streits und ihre abgefahrenen Decks und wie sie lachen und sich abklatschen. Man sieht genau, wie viel Gutes Magic für ihr Leben bewirkt hat.

Und im Hintergrund sieht man die beiden Männer, die dies möglich gemacht haben, stolz über ihre Schützlinge wachen.

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