Fight the Future!

Veröffentlicht in Latest Developments on 12. Dezember 2014

Von Sam Stoddard

Sam Stoddard came to Wizards of the Coast as an intern in May 2012. He is currently a game designer working on final design and development for Magic: The Gathering.

Während wir die Ergebnisse der Magic-Weltmeisterschaft weiter auswerten, möchte ich einen Blick darauf werfen, wie wir in der Entwicklungsabteilung an die Frage herangehen, wie die Zukunft für Magic aussieht und wie wir dafür sorgen, dass ihr alle Spaß daran habt.

Innenwelt vs. Außenwelt

Manche Leute haben ein bestimmtes Bild von der Entwicklungsabteilung im Kopf, bei dem wir Monate damit zubringen, die Stärke und Widerstandskraft oder die Manakosten einiger weniger Karten anzupassen – in Wahrheit jedoch ist das Tempo bei uns wesentlich höher. Während meiner allerersten Anfangszeit in der Magic-R&D hatte ich das erstaunliche Erlebnis, ein paar Decks für die FZL zu bauen, nur um dann zusehen zu müssen, wie sie danach binnen weniger Tage wegen diverser Downgrades praktisch nicht mehr existent waren. Das war während der ersten Tage, in denen das fragliche Set in die FZL kam, weshalb zu erwarten stand, dass einige Dinge noch ziemlich daneben waren. Große Veränderungen passieren allerdings auch danach noch so lange, bis wir unsere Stifte für ein bestimmtes Set weglegen müssen.

Stellt euch vor, ihr seid auf der Pro Tour und testet Khane von Tarkir für den Einsatz dort. Ihr stellt in eurer Testgruppe eine Auswahl dessen zusammen, was ihr für die besten Decks haltet, und ihr findet heraus, dass das wohl Abzan, Jeskai und RG Monster sein werden. Ihr steht kurz davor, euch endgültig für euer finales Deck zu entscheiden, da erhaltet ihr eine Nachricht von Wizards of the Coast:

Khane von Tarkir – Update:

1. Belagerungsnashorn ist jetzt WBG 3/4.

2. Wilde Stachelfaust kostet jetzt 1G zum Aufpumpen.

3. Sidisi macht jetzt jeweils einen Zombie beim Millen.

4. Erbe der Wildnis bekommt jetzt +2/+2 für Wildheit.

5. Mantis-Reiter ist jetzt 3/2.

Hm, das ändert das Testen schon ziemlich. Mit einem Mal sind die Decks, die ihr für die stärksten gehalten habt, eine ganze Ecke schlechter geworden, während andere, die ihr als weniger gut empfunden hattet, ordentlich zulegen konnten. Und außerdem müssen eure ganzen Decks natürlich auch noch an diese Updates angepasst werden. Die Pro Tour steht aber quasi schon vor der Tür, und ihr müsst noch herausfinden, wie viel von eurer Auswahl ihr retten könnt, was ihr rauswerfen müsst und ob es vielleicht auch total neue Decks gibt, die plötzlich möglich wären.

Und das ist im Grunde das, was in der FZL Woche für Woche passiert. Die Dinge ändern sich rasend schnell – vielleicht nicht so sehr für die besten Karten fürs Constructed, aber für alles andere schon. Wir suchen nach Karten, die Spaß machen, und versuchen, sie so anzupassen, dass sie noch mehr Spaß machen, ohne dabei im Constructed das Balancing zu zerschießen. Wir müssen unsere Decks wirklich oft umstellen und auch ganz neue Decks bauen, um ehedem schwache Karten zu testen, die in der Zwischenzeit richtig aufgebohrt wurden. Genau genommen testen wir niemals die finale Fassung im jeweiligen Standard. Zum Beispiel haben wir noch Karten für Khane von Tarkir geändert, als Schicksalsschmiede schon das aktuelle Set in der Ferne Zukunft-Liga war.

Reaktionen auf die Ergebnisse in der Außenwelt

Dieser Teil ist schwer und wird noch schwerer, sobald es demnächst gleich zwei Rotationen pro Jahr geben wird. Da viel Zeit für die Verpackung, den Druck, die Übersetzung, die Programmierung für Magic Online und so weiter eingeplant werden muss, beginnen wir mit der Entwicklung unserer Sets etwa zwei Jahre im Voraus und sind ein paar Monate vor Veröffentlichung damit fertig. Ich bin scharenweise auf Leute gestoßen, die glauben, wir hätten die Antwort auf Vormacht der Jeskai in Schicksalsschmiede geben können. Das wäre allerdings nur dann möglich gewesen, wenn wir in der Zeit zwischen der Fertigstellung von Khane und der Fertigstellung von Schicksalsschmiede gemerkt hätten, dass diese eine Karte zu mächtig ist. Das haben wir aber nicht. Diese Karte hatte sich ziemlich spät geändert, und ja, wir hatten so unsere Bauchschmerzen damit, haben sie jedoch im Standard nicht allzu oft gespielt.

Im Moment sieht es nicht danach aus, als würde Vormacht der Jeskai den Standard völlig kaputtmachen (ganz ausschließen lässt es sich jedoch nicht). Das liegt teilweise daran, dass wir unsere Umgebungen im Standard so robust aufbauen, dass sie damit fertigwerden, wenn eine Karte (oder zwanzig) sich als viel stärker herausstellen, als wir erwartet hatten, und andere wiederum sehr viel schwächer. Unser Ziel ist es, sicherzustellen, dass wir den Standard in der kurzen Zeit, in der wir mit den Karten spielen, nicht komplett lösen, und das bedeutet, es ist geradezu unvermeidlich, dass uns hier und da etwas entgeht. Wir müssen darauf achten, uns nicht in einem Szenario wiederzufinden, in dem uns etwas so Mächtiges durch die Lappen gegangen ist, dass gar keine anderen Decks mehr gespielt werden.

Intern waren wir davon überzeugt, dass alle fünf unserer Wedges im Standard vertreten sein würden. Wir waren uns allerdings nicht sicher, welche Decks sich als die besten herausstellen würden. Beim Feinschliff von Sets, bei denen das Veröffentlichungsdatum näher und näher rückt, verwenden wir die Informationen darüber, welche Karten und Decks dominieren, stutzen die Karten ein bisschen zurecht, die die Top-Wedges zu sehr stärken würden, und verleihen den Decks ein bisschen mehr Bums, die den Wedges helfen könnten, welche sonst nicht so häufig gespielt werden. Wir können hier zwar sicherlich keine größeren Kurskorrekturen mehr vornehmen, aber wir können versuchen, die Umgebung so zu gestalten, dass sie in den kommenden Monaten interessant bleibt.

Das Streuen von Antworten

Wir wandeln auf einem schmalen Grat zwischen „Die neue Sache darf nicht zu mächtig sein!“ und „Die neue Sache darf nicht zu schlecht sein!“. Wenn wir auf die Zeit vor dem Erscheinen des Theros-Blocks zurückblicken, so fällt auf, dass wir keine wirklich mächtigen Anti-Verzauberungskarten in den Rückkehr nach Ravnica-Block gepackt und bis zur Veröffentlichung von Reise nach Nyx gewartet haben, ehe wir Gottesmord druckten, damit die Götter auch stark genug waren, um im Standard gespielt zu werden. Wir spielen eine Menge im Standard, aber nicht so viel, dass wir alles wissen könnten. Infolgedessen versuchen wir, unbedingt dafür zu sorgen, dass es Sideboard-Karten gibt, die in der Lage sind, mit so ziemlich allem fertigzuwerden, was irgendwie passieren könnte. Ich glaube, kaum ein Spieler hätte beim Erscheinen von Theros In Vergessenheit geraten in sein grünes Hingabe-Deck getan und dabei vor Freude bis über beide Ohren gestrahlt, falls die Götter sich als viel zu stark erwiesen hätten. Trotzdem wäre man dann als Spieler dennoch froh über die bloße Existenz dieser Karte gewesen. Was wir dringend aus dem Standard heraushalten wollen, sind solche Dinge, die nicht nur sehr mächtig gegen die gerade veröffentlichten Karten sind, sondern gleichzeitig übermächtige Hauptdeckstrategien ermöglichen, die die anderen Decks davon abhalten, überhaupt eine Chance zu bekommen. Wenn neue Dinge stark werden, ist das gut, weil es für Dynamik sorgt, und es hilft dabei, das Spiel interessant zu halten, wenn man diesen Strategien Raum zur Entfaltung lässt, ohne ständig an der Machtschraube zu drehen.

Das größte Risiko, das wir eingehen, ist, dass wir eine Karte kriegen, die alles zunichtemacht, was sich die Designer für das nächste Jahr ausgedacht haben, und dass diese Karte auch noch eine der Top-Karten im Standard wird. Ein Beispiel: Hätten wir vor, einen Block mit einem Haufen Illusionskreaturen herauszubringen, würden wir uns vergewissern müssen, dass sich im Standard keine Kreaturen tummeln, die andere Kreaturen umsonst zu ihrem Ziel machen können – besonders dann nicht, wenn sie dazu wieder und wieder in der Lage sind. Dies würde selbst für solche Kreaturen gelten, die ansonsten recht schwach wirken. Bei manchen Dingen werden wir immer mal wieder falsch liegen, aber wenn wir einen Block voller Mechaniken ankündigen, die am Ende allesamt keinen großen Einfluss auf den Standard haben, weil sie von den existierenden Decks mühelos geschlagen werden können, dann hat daran niemand so richtig Spaß.

Beispielsweise hatten wir überlegt, Gnadenlose Vertreibung auf fünf Mana zu setzen. Am Ende haben wir uns dagegen entschieden, weil die Karte dadurch nicht nur unglaublich mächtig gegenüber den Göttern, sondern auch gegen Verzauberungen im Allgemeinen geworden wäre. Wir fanden zwar, dass die Karte selbst auf fünf insgesamt schwächer war als Oberster Richtspruch, wollten aber das Risiko nicht eingehen, sie so sehr zu schwächen, dass die Spieler sie nicht mehr in ihr Hauptdeck tun – und plötzlich kam ein Block, von dem wir Entwickler wussten, dass er sich „um Verzauberungen drehte“, in eine Umgebung, die dafür viel zu feindselig war. Daher mussten wir in diesem Punkt von der ursprünglichen Intention der Designabteilung für den ganzen Block abweichen, um etwas zu basteln, was auch im Standard noch Spaß machte. Daraus haben wir gelernt, dass keine einzige Karte es wert ist, das gesamte nächste Jahr im Standard für sie zu riskieren.

Ein Blick nach vorn

Das war‘s für 2014. Wir haben eine Menge erlebt: von Göttern über Fetchländer bis hin zu einer Verschwörung und einem neuen Draft-Format. Umso mehr freue ich mich schon jetzt auf all die Dinge, die ihr in Zukunft noch sehen werdet, und ich glaube, 2015 wird ein weiteres tolles Jahr für Magic werden. Wir haben einige grandiose Dinge vor, und ich kann es kaum abwarten, euch die Preview-Artikel dazu zu zeigen.

In den nächsten zwei Wochen gibt es einige „Best Of“-Artikel, damit euch die Zeit bis zum Erscheinen der neuen Inhalte nicht zu lang wird. Ich melde mich im neuen Jahr mit ein paar Previews zu Schicksalsschmiede zurück. Es ist so aufregend, das neue Jahr mit einigen zauberhaften Zeitreisegimmicks einzuläuten!

Bis dahin

Sam (@samstod)

Latest Latest Developments Articles

LATEST DEVELOPMENTS

29. April 2016

Zukunft ist Zukunft: Schatten über Innistrad by, Sam Stoddard

Hallo und willkommen bei einer weiteren Ausgabe von „Zukunft ist Zukunft“, dem Feature von Latest Developments, in dem ich über einige unserer Decklisten für die FZL spreche – und zwar di...

Learn More

LATEST DEVELOPMENTS

22. April 2016

FAQ: FZL by, Sam Stoddard

Etwa einmal pro Set poste ich gern einige unserer entsprechenden Decklisten aus der Ferne Zukunft-Liga. Dies führt oft zu einer Menge Fragen. Warum hattet ihr diese Karte? Warum hattet ih...

Learn More

Artikel

Artikel

Latest Developments Archive

Du willst mehr? Tauche ein in die Archive und lies tausende Artikel über Magic von deinen Lieblingsautoren.

See All