Der Himmel über Ghirapur

Veröffentlicht in Magic Story on 11. Januar 2017

Von Ari Levitch

Ari spent a few years as the herald of Dukos, the star-eating cosmic squid, before becoming a high school history teacher. Now that he has been inducted into the cabal of Magic creative writers, his parents are finally proud of him.

Was bisher geschah: Verbrennen

Während die Renegaten sich auf die Erstürmung des Ätherknotens vorbereiteten, verfolgte die Himmelspiratin Kari Zev einen anderen Plan: Äther auf die bestmögliche Weise zu beschaffen, die sie kannte, indem sie den begehrten Stoff direkt von den Schiffen des Konsulats abzapfte. Stets auf einen Ausweichplan bedacht begleitete Jace die junge Kapitänin auf ihrer Mission.

Als das Konsulat den Ätherknoten von den Renegaten zurückerobert, schränkt es den Luftverkehr ein und droht damit, den Plan der Renegaten, Tezzeret selbst anzugreifen, zum Scheitern zu bringen. Es ist nun an Jace und Kari, den Renegaten die Gelegenheit zu verschaffen, die sie brauchen.


Trotz ihrer gerade einmal fünfzehn Jahre war Kari Zev schon lange genug Piratin, um bereits mehr als genug sonderbare Dinge gesehen zu haben. Manchmal war sie an sonderbare Orte gereist und hatte sonderbare Leute getroffen, und manchmal war das Sonderbare auch zu ihr gekommen. Vielleicht gehörte das einfach zum Piratenleben dazu. Auch wenn Kari nicht mit Gewissheit zu sagen vermochte, wo der genaue Grund nun lag, hatte sie das Sonderbare immer rasch als eine ganz wunderbare Quelle ungeahnter Möglichkeiten aufgefasst.

Und deshalb befand sich die berüchtigte junge Kapitänin an Bord eines Luftschiffs des Konsulats, das Äther sammelte, und schmuggelte Kanister aus dessen Laderaum in ihr Schiff – und das Ganze unter dem wohlwollenden Blick von Handlangern des Konsulats, während sie dabei die ganze Zeit über die Stimme in ihrem Kopf zurate zog.

Natürlich sah das Konsulat nichts davon, zumindest nicht im eigentlichen Sinn. Was es zu sehen bekam, war ein verbündetes Schiff des Konsulats mit einer loyalen Mannschaft des Konsulats, die auf offizielle Order des Konsulats gekommen war, um Äther für das Konsulat abzuholen.

Das ist ein hübscher Trick, Jace. Ich kann kaum glauben, dass er funktioniert. Das ist die letzte Kiste“, dachte sie, obwohl es sich noch immer eigenartig anfühlte, etwas zu jemandem zu denken. Doch was war schon normal an diesem Auftrag?

Sie ging leicht in die Knie, drückte die Wange gegen das mit Drahtgeflecht verzierte Seitenpaneel der Kiste und hob ihr Ende davon an. Durch zusammengepresste Zähne stieß sie einen kurzen, abgehackten Atemzug aus. Als die Ladung sich von der polierten Oberfläche des Decks löste und das Gewicht der Kiste sich ihr in die Finger grub, erklang Jaces Stimme in ihrem Kopf.

Bringen wir das einfach hinter uns. Ich rate allerdings von weiteren Spielereien ab.

Spielereien?“ Sie schlurfte rückwärts, während sie die stumme Unterhaltung fortsetzte und vertraute auf ihren Kistenpartner, sie sicher über die Planke zu geleiten, die den Spalt zwischen diesem und ihrem Schiff überbrückte. „Was für Spielereien? Als loyale Kapitänin des Konsulats habe ich bloß meine Ansichten über diese dreckigen Renegaten kundgetan.“

Die Illusion, die dich, deine Mannschaft und dein Schiff verschleiert, wirkt nur auf einer rein visuellen Ebene. Ich sage nur, dass du ihnen keinen Grund geben solltest, misstrauisch zu werden. Links von dir befindet sich eine Wache. Der Mann ist über diesen Austausch nicht erfreut.

Kari musste nicht hinschauen, um zu wissen, dass die Wache sie beobachtete, aber natürlich tat sie es trotzdem. Es handelte sich um einen schlaksigen Offizier mit runden Schultern und Grau an den Schläfen. Kari nickte ihm zu, als sie auf die Planke traten.

Er folgt dir hinüber“, erklang Jaces Stimme erneut.

Ausgezeichnet“, dachte sie. „Ich habe noch viel mehr zu sagen.

Ich merke, wenn du Witze reißt, weißt du.

Aber es treibt dir schon den Schweiß auf die Stirn, oder?“, neckte ihn Kari.

Endlich befanden sie sich an Bord ihres Schiffes. Die Drachenlächeln sah jedoch gerade mehr wie ein Wolkenschnitter des Konsulats aus. Selbst Kari konnte Jaces Illusion nicht durchschauen. Hoffentlich konnte dieser Offizier, der nun auf sie zukam, als sie und ihr Partner die Kiste auf Deck absetzten, das ebenso wenig.

Kari rieb sich die tauben Finger und wandte sich zu dem Offizier, der einen ganzen Kopf größer war als sie. „Kann ich Ihnen helfen?“ Er blickte sich auf dem Schiff um, und zwar auf eine Weise, als wollte er sie wissen lassen, dass er nach etwas suchte.

Er ist ein Leutnant“, teilte Jace ihr telepathisch mit.

„Leutnant“, sagte sie und dann erneut: „Kann ich Ihnen helfen?“

Der Offizier neigte den Kopf nach unten, um sie anzuschauen. Er begann, etwas zu sagen, doch seine Worte wurden abgeschnitten, als ein Kreischen über sie hinwegfuhr, und er sprang zurück, als würde er einem Angriff ausweichen. „Ein Affe!“, sagte er und sah nach oben. Ein zweites Kreischen ertönte.

„Jupp“, bestätigte Kari. „Irgendwer muss das Schiff ja steuern.“

Offenkundig erleichtert stieß der Offizier ein nervöses Kichern aus. Kari konnte der Versuchung nicht widerstehen. „Was ist denn so witzig?“, fragte sie in völlig ernstem Ton. Ein langer Augenblick folgte, in dem das Lächeln des Offiziers nach und nach dahinschwand, bis er nur noch dastand und den Blick misstrauisch zwischen Kari und dem Affen hin und her pendeln ließ. Karis Gesicht blieb humorlos, und sie genoss jede Sekunde dieses Moments.

„Ich erlaube mir nur einen kleinen Spaß mit Ihnen, Leutnant“, sagte sie, hakte einen Daumen unter die Rangschärpe, die sie quer über der Brust trug, und brachte sie kräftig zum Schnalzen. „Das hier ist mein Schiff.“

Er legte den Kopf zur Seite und runzelte die Stirn. „Verzeihen Sie, aber Sie scheinen mir recht jung für eine Kapitänin.“

Kari setzte ihre beste Miene der Marke „Ich dulde hier keine Faxen“ auf. „Junge, es gibt hier zwei mögliche Realitäten: Entweder bin ich zu jung und daher keine Kapitänin. Oder ...“ Sie ließ erneut ihre Rangschärpe schnalzen. „Ich bin tatsächlich Kapitänin und Sie zweifeln gerade meine Autorität an. Nun, an welche dieser Realitäten ist es wohl sicherer für Sie zu glauben? Vielleicht gibt es einen Grund, dass Sie immer noch Leutnant sind. Denken Sie darüber mal nach.“

„Verzeihung, Kapitänin. Ich wollte Sie nicht beleidigen.“

Kari griff nach oben und tat, als striche sie dem Offizier ein Stäubchen von der Schulter. Sie musste ihre gesamte Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht laut loszulachen. „Ich weiß. Hätten Sie mich beleidigen wollen, hätten Sie eine völlig neue Art der Realität kennengelernt. Und nun weggetreten.“ Sie wandte ihm den Rücken zu und bellte niemand Bestimmtem einen Befehl zu: „Bereit machen zum Ablegen! Dieser Abschaum von den Renegaten muss büßen!“

Nachdem der Leutnant gegangen war, ließ Kari die Planke einholen. Bald wuchs der Spalt zwischen den Schiffen, als Kari ablegte. Kaum fand sie die Distanz ausreichend groß, dachte sie: „Du kannst den Trick jetzt fallen lassen. Wir sind weit genug weg.“ Und ehe sie ihre Gedanken zu Ende formulieren konnte, löste sich ihre Konsulatsuniform auf, gemeinsam mit den Flaggen des Konsulats an ihrem Schiff. Sie war nicht mehr Kari Zev, Blablabla des Konsulats, sondern wieder Kari Zev, die Piratin. „Beeindruckend, Jace. Wirklich. Und jetzt komm an Deck, wenn du unsere Beute begutachten willst.

Während sie auf den Mann mit der Kapuze wartete, tigerte sie an Deck umher. Obwohl es niemals wirklich fort gewesen war, war sie froh, ihr Schiff zurückzuhaben. Es war zwar nicht ihr erstes Schiff, doch aufgrund seines geschwungenen Bugs, dem es auch seinen Namen verdankte, war es ein wahrhaft wunderschönes. Sie liebte es. Mehr noch: Sie liebte es, hier oben zu sein. Hier war es frischer und freier, und alles gehörte ihr.

Steuerbords entdeckte Kari einen Schwarm Himmelswale, der nur wenige Meilen entfernt durch eine wirbelnde Ätherströmung schwamm. Es handelte sich um etwa ein Dutzend dieser prachtvollen Kreaturen, die dem Ätherfluss über den Himmel folgten. Unter ihnen waren Junge, die zwischen ihren gewaltigen Eltern mit einer Sorglosigkeit umhertollten, die Kari zum Lächeln brachte.

„Du hättest das vorhin nicht tun sollen“, sagte Jace, als er sich zu Kari gesellte, die bei den Kisten stand, und es dauerte einen Augenblick, bis sie sich an den tatsächlichen Klang seiner Stimme gewöhnt hatte. „Es war ein unnötiges Risiko, diesen Offizier zu reizen. Du weißt, dass dem so ist.“

„Ein Risiko? Ja, ich schätze schon. Aber ich hätte es mir andernfalls nie vergeben können.“ Ihre Hand deutete von der Richtung, aus der sie geflogen kamen, zu dem Stapel Kisten hinter ihr. „Du verstehst das, oder?“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das tue“, gab Jace zurück, doch Kari hörte schon nicht mehr zu. Der beschutzbrillte Affe Ragavan beobachtete ihren Wortwechsel von der Spitze des Kistenstapels aus, und Kari pfiff ihn zu sich herüber.

„Komm, Ragavan, mein Prinz. Werfen wir mal einen Blick hinein.“ Kari fummelte am Schloss, und als der Riegel zur Seite glitt, war es der Affe mit dem weißen Fell, der den Deckel anhob. Mit einem Lächeln begrüßte Kari das willkommene blaue Leuchten, das über sie alle hinwegwusch.

Bild von Sara Winters
Bild von Sara Winters

Sie fasste in die Kiste und zog die zylindrische Form eines Ätherkanisters daraus hervor. Das Licht, das von ihm ausging, stammte von einem Glasfenster in der Mitte seines Metallgehäuses, und Kari musterte seinen wirbelnden, gasförmigen Inhalt. Dann tauchte über ihrer Schulter Jaces Gesicht auf.

„Hast du etwas anderes als Äther erwartet?“

„Nein. Ich genieße nur den Augenblick. Das solltest du auch. Schließlich verdanken wir das alles deiner Illusion“, sagte sie und reichte Jace den Kanister, der ihn mit offenkundiger Neugier an sich nahm. Dann rief sie einen weiteren Befehl: „Sichern wir diese Ladung hier! Bringt sie nach unten!“

Nach einem kurzen Augenblick begann die Plattform in der Mitte des Decks sich in den Laderaum im Bauch der Drachenlächeln abzusenken. Kari schwang sich auf eine der anderen Kisten, setzt sich und ließ die Beine über die Kante baumeln.

An Jace gewandt, der die Fahrt nach unten nicht einmal wahrzunehmen schien, sagte sie: „Weißt du, als ich an Bord meines ersten Schiffs – der Sonnenjäger – war, sagte mein Kapitän mir immer, dass das, was einen guten Piraten ausmacht, sein Instinkt zum Aufspüren und Nutzen günstiger Gelegenheiten ist. Wenn man den nicht hat, meinte mein Kapitän, dann ist man nur ein Dieb mit einem Schiff.“ Sie hielt inne. „Was ich damit sagen will, ist, dass du mit uns kommen könntest, wenn diese Sache mit dem Konsulat und dem Großen Konsul vorbei ist. Jemand mit deinen Talenten ist bestimmt sehr nützlich.“

Keine Reaktion. Vielleicht hatte er sie nicht gehört. Die Plattform kam im engen Laderaum unter Deck zum Halten.

Kari setzte an, die Frage zu wiederholen, ließ es dann jedoch bleiben. Stattdessen sah sie zu, wie er den Zylinder in den Händen drehte, als inspizierte er ihn nach irgendeiner verborgenen Bedeutung, die in seinem Inneren versiegelt war. Es war nur Äther, doch Jace schien völlig entrückt.

Dann endlich kam von ihm ein „Entschuldige, hast du etwas gesagt?“

Nicht weiter wichtig, dachte sie. Stattdessen erwiderte sie: „Du bist nicht so von der Piratensorte, oder?“

Der Kanister hörte auf, sich in Jaces Händen zu bewegen. Er lächelte. „Nicht? Und wofür hältst du mich dann?“

„Na ja ...“ Kari lehnte sich vor, stützte die Ellenbogen auf die Knie und musterte Jace. „Jedenfalls nicht für einen Piraten.“

„Ich schätze nicht. Doch was bedeutet das genau? Ein Pirat zu sein? Wie kommt es, dass du Freude an diesem Lebensstil hast?“

„Wie kommt es, dass irgendwer irgendwas macht?“ Kari zuckte die Schultern. „Ich weiß bloß, dass ich mir nicht vorstellen könnte, etwas anderes zu machen. Was auch immer nötig ist, dass dieses Schiff weiterfliegen kann: Ich werde es tun. Und dieser ganze Äther“, sie hämmerte mit einer Faust auf die Kiste, auf der sie saß, „bringt mir genug ein, dass mir der Himmel zumindest noch eine kleine Weile offensteht.“

Jace legte den Kanister zurück an seinen Platz, als wäre er plötzlich kontaminiert. „Du hast vor, diesen Äther an die Renegaten zu verkaufen? Lass mich eines klarstellen: Ich bin mit dir gekommen, weil ich dachte, du könntest dabei helfen, das Blatt zu wenden. Ich kann dir bei deinen Besorgungen helfen, aber du solltest wissen, dass ich wegen Tezzeret hier bin.“

Das war etwas zu anklagend für Karis Geschmack. Besonders auf ihrem eigenen Schiff. „Pass auf, Jace. Pia und ich stehen uns ziemlich nahe. Sie ist wie eine zweite Mutter für mich. Aber sie kennt mich gut genug, um zu verstehen, dass ich nicht um die Freiheit kämpfe – und schon gar nicht umsonst. Ich werde für das Ziel der Renegaten auf Kaperfahrt gehen, aber die Wahrheit ist, dass dieses Schiff oder gar eine ganze Flotte nicht von selbst in der Luft bleiben kann.“ Sie hämmerte erneut mit der Faust auf die Kiste. „Das bedeutet es, Pirat zu sein!“

Ihr Gesicht wurde heiß und sie war sich bewusst, dass ihre Stimme in den letzten Sekunden um einiges lauter geworden war. Sie holte Luft. „Hör zu: Morgen kurz vor Tagesanbruch arrangiere ich die Übergabe mit einem von Pias Verbündeten. Du solltest mitkommen.“


Man nannte sie die Vogelhäuschen. Kari hatte Jace erklärt, dass es sich dabei um den Sammelbegriff für die Gruppe von Hangars auf den Dächern einiger der höchsten Gebäude Ghirapurs handelte. Dorthin war sie als kleines Kind gegangen, um tagaus, tagein den Luftschiffen zuzusehen. Das Ganze war ein einziges Wirrwarr aus Laufstegen und Treppen, die eine große Zahl von Lagerräumen und Werkstätten miteinander verbanden, deren Ausmaße von winzig bis höhlenartig reichten. Das alles erinnerte Jace an einen umgekehrten Ameisenhaufen.

Im Dämmerlicht war es düster, bis auf ein lang gezogenes Ätherwölkchen, das sich dicht an der Stadt vorbeibewegte. Jace war dankbar für sein blassblaues Licht, das genügte, damit er die Kanten und Konturen entlang ihrer kurvenreichen Route erkennen konnte.

Dann sah Jace, wie ein gelbrotes Licht im Raum vor Kari auftauchte. Sofort bereitete er den gleichen Illusionszauber vor, den er auch schon auf dem Konsulatsschiff verwendet hatte, und hielt sich bereit, sie beide zu verschleiern, falls es nötig werden sollte. Er wartete ab. Dann hörte er über den beißenden Wind Karis gedämpfte Stimme: „Ukti, bist du das?“

„Kari“, ertönte eine fremde Stimme, rau und hart. Sie klang nicht vollkommen unfreundlich – eine Tatsache, die Jace mit rasch zum Einsatz gebrachten telepathischen Fühlern als solche bestätigte. „Ich bin überrascht, dich hier zu sehen“, fuhr die Stimme fort.

„Warum? Was ist passiert?“, fragte Kari.

„Pias Gruppe hat den Ätherknoten verloren. Sie ist jetzt in alle Winde verstreut. Manche aus ihr sind hier aufgetaucht, aber nicht diejenigen, die du sehen willst.“

„Zeig sie mir“, sagte Kari. Die Tür schwang auf und gab den Blick auf eine alte Zwergin preis, das Gesicht voller Altersfalten, aber hoch aufgerichtet und kräftig.

Jace folgte Kari in einen großzügigen Raum mit niedriger Decke, der wie ein Restaurant mit runden Metalltischen eingerichtet war. Soweit Jace sehen konnte, umgaben breite Fenster den Raum, deren Vorhänge jedoch zugezogen waren.

„Das ist der Erste Start“, teilte Kari Jace mit. „Ein Restaurant und Klub für Aeronauten. Meine Eltern brachten mich ein paarmal hierher, als ich noch ein Kind war.“

„Du bist immer noch ein Kind, Kari“, fuhr Ukti das Mädchen an. „Was ist denn die Piraterie für ein Leben für eine Fünfzehnjährige?“

„Meins“, antwortete Kari mit so kühler Stimme, als hätte sie genau diese Antwort mit genau dem gleichen Grad an Rechtfertigung schon ein Dutzend Mal oder öfter gegeben. Einige Atemzüge lang war es, als wäre ein unsichtbares, starres Tau zwischen Karis Augen und denen der alten Zwergin gespannt, während sie einander eisig anstarrten.

Schließlich schnaubte Ukti und wandte sich um, um die beiden durch den Bewirtungsbereich zu führen und im Gehen Stühle zu verrücken. Bald betraten sie eine Vorratskammer. Die Regale waren nur halb gefüllt, doch anhand der Mischung aus Gerüchen, die ihnen entgegenschlug, hätte Jace etwas anderes vermutet. Am anderen Ende der Kammer griff Ukti hinter ein Gewürzregal und fand dort etwas an der Wand. Eine Reihe tiefer Klickgeräusche war zu vernehmen, offenbar aus dem Inneren der Wand heraus. Dann zog Ukti an einer Ecke des Regals, das auf Rollen lautlos nach innen schwang und den Weg in einen schwach erleuchteten, engen Raum freigab. Darin befand sich eine noch engere Treppe mit steilen, flachen Stufen, die zum Geräusch gedämpfter Stimmen hinaufführten. Jaces mentalem Sondieren nach waren dort oben fünf Bewusstseine.

„Hier entlang“, sagte Ukti mit einer müden Geste.

„Danke, Ukti“, sagte Kari. Sie setzte den Fuß auf die erste Stufe, doch ehe Kari die Treppe hinaufsteigen konnte, griff Ukti nach ihrem Handgelenk und warf ihnen einen gestrengen Blick zu.

„Hört zu“, sagte Ukti. „Ihr seid zwei von einer kleinen Handvoll Leute, die diesen Ort kennen. Er ist mein Heiligtum. Behandelt ihn mit Respekt.“

Jace stieg hinter Kari die Treppe hinauf. Unter ihnen schloss Ukti die Geheimtür. Nun kam das einzige Licht aus einem runden Loch in der Decke, wo die Stufen endeten. Während Jaces Füße nach jeder neuen Stufe tasteten, dachte er an sein eigenes Refugium auf Ravnica. Es war sein Rückzugsort vor der drückenden Verantwortung als Lebender Gildenbund und er hatte sich mehr und mehr darauf verlassen. Ihm war die Wichtigkeit eines solchen Ortes also bestens vertraut.

Sein Kopf tauchte durch das runde Portal in einem Raum auf, der viel zu klein für seine derzeitige Belegschaft war. Eine schnelle Zählung bestätigte seine erste Einschätzung: Kari mitgerechnet drängten sich nun sechs Leute auf einer Fläche, die nicht größer war als die der Vorratskammer, die sie gerade durchquert hatten. Alle sprachen durcheinander, und jeder schien mehrere Unterhaltungen gleichzeitig zu führen. Inmitten all dessen befand sich seine eigene Begleiterin. Der Lärm war ein wenig zu viel, und Jace beschloss, sich auf den letzten, unsicheren Schritt in den Raum hinein zu konzentrieren. Er dachte noch darüber nach, wie er ihn am besten anging, als sich ihm aus der Menge heraus eine breite, behandschuhte Hand entgegenstreckte. Dahinter eine Stimme: „Das ist knifflig. Nimm meine Hand.“

Jace tat, wie ihm geheißen. Ein starker Griff schloss sich um seine Hand und er wurde in den Raum gehievt.

Dann hörte er Karis vertraute Stimme. „Komm doch rein, Jace.“ Sie bahnte sich ihren Weg zu ihm herüber und sein Blick wanderte von ihr fort, um den überfüllten Raum in sich aufzunehmen. Jeder Zentimeter jeder Wand schien mit etwas bedeckt zu sein, was Jace als Ausrüstung und Werkzeug zum Fliegen ausmachte. Manches davon sah sehr alt aus. Zu seiner Linken erstreckte sich ein Regal, das zu einer Werkbank wurde, und auch dieses war von allen möglichen winzigen Metallteilen und Instrumenten bedeckt. In der hinteren Ecke saß jemand in einem alten, abgewetzten Sessel. Ein weiterer Sessel in der anderen Ecke nahm den verbleibenden Raum ein.

„Ich bin mir nicht sicher, dass ich noch weiter reinkommen kann.“

„Nein?“ Kari grinste und legte ihm einen Arm um die Schultern. „Krähen!“ Die Unterhaltungen im Raum wurden leiser, als sich alle Augen auf Kari richteten. „Das hier ist Jace. Er ist ein Freund der Ersten Renegatin, was bedeutet, dass er auch mein Freund ist. Er ist ein begabter junger Mann und ein vielversprechender Schmuggler.“

Als die Unterhaltungen nun wieder aufgenommen wurden, befand sich Jace mit einem Mal irgendwie mitten darin. Kari berichtete von ihrem Überfall zuvor, und danach kamen die Vorstellungen. Man nannte sie die Rennkrähen. Sie waren eine Aeronautengesellschaft gewesen, die Luftschiffrennen in der Stadt veranstaltet hatte, doch als sich die Dinge mit dem Konsulat zum Schlechteren gewandelt hatten, hatten sie als Gruppe beschlossen, sich aktiver in die Politik einzubringen. Sie waren mit Pia am Ätherknoten gewesen, als gestern alles in die Binsen gegangen war.

„Es ist folgendermaßen“, sagte Kari. „Ich soll heute noch eine Lieferung machen, aber wie es aussieht, stehen die Dinge etwas komplizierter, als ich gehofft hatte. Wie schlimm ist es?“

Eine Zwergin erhob sich. Um ihren Hals lag ein roter Schal mit purpurnen Verzierungen, und eine weiße Tätowierung zog sich von ihrem rechten Auge über Stirn und Wange. Sie hatte sich selbst als Depala vorgestellt. „Das Konsulat hat sich vom Bronzeviertel zum Turm ausgebreitet. Sie haben sich um die Himmelsfürst herum formiert.“

„Die Himmelsfürst“, wiederholte Kari nach einem kurzen Augenblick.

„Jaׅ“, sagte Depala nickend. „Schau es dir an. Laksha! Zeig ihnen, was du uns gezeigt hast.“

Die Frau, an die Depala sich gewandt hatte, drehte sich um und schob eine kleine Tür in Form eines Zahnrades auf. Jace hatte sie bei seinem ersten Blick durch den Raum übersehen, doch es handelte sich um eine sehr kleine Tür mit einer Öffnung, die der Frau gerade bis zur Brust reichte. Sie musste sich ducken, um hindurchzugehen. „Kommt schon“, sagte sie, aber Jace, Kari und Depala konnten sich nur um die Tür versammeln und zu der Frau hinauslugen, die sich über einen Apparat beugte, der auf einer niedrigen Plattform an der Außenseite des Dachbodens ruhte. Der Frau schien das alles nichts auszumachen.

„Dort“, sagte sie. „Seht es euch selbst an.“ Und dann zwängte sie sich zwischen ihnen hindurch zurück auf den Dachboden. Der Apparat war eine Ansammlung von Linsen in einem Messingrahmen, und als Jace an der Reihe war, durch sie hindurchzuschauen, war sein gesamtes Blickfeld von der Enormität dessen ausgefüllt, was nur die besagte Himmelsfürst sein konnte: ein gewaltiges Kriegsschiff, das schwer wie eine Sturmwolke in der Luft hing. In der wachsenden Helligkeit der Morgendämmerung konnte Jace Verbände kleinerer Geleitschiffe erkennen, die das Flaggschiff umkreisten.

Als er wieder zur Gruppe drinnen stieß, schüttelte Depala gerade den Kopf. „Auf keinen Fall kommt die Herz von Kiran da durch“, sagte sie und drehte den winzigen Propeller der Replik.

Danach sagte eine Weile lang niemand etwas, und das einzige Geräusch wurde von Laksha verursacht, die die Zahnradtür wieder schloss.

„Kari“, sagte die Zwergin. „Wir versuchen, eine Möglichkeit zu finden, der Herz von Kiran etwas Zeit zum Abheben zu verschaffen. Sie ist unsere größte Hoffnung gegen den Turm, aber diese Blockade hat die Renegaten komplett auf den Boden verdammt. Wir können nicht einmal unsere Rennschiffe erreichen.“

„Ihr habt also keinen Plan“, sagte Jace.

Depala warf die Hände in die Luft. „Genau das ist, woran wir hier tüfteln. Wir brauchen Schiffe – so einfach ist das.“

Zugegebenermaßen fühlte Jace sich angesichts all des Geredes über Luftschiffe ein wenig außerhalb seines Elements, doch ihm fiel etwas ein, was die junge Kapitänin nach ihrem gemeinsamen krummen Ding gesagt hatte. „Wie steht es um deine Flotte, Kari? Du hast vorhin deine Flotte erwähnt.“

„Ist das wahr?“, fragte er große Mann, der Jace in den Raum gehoben hatte. Ein Hauch von Zuversicht kam in seiner Stimme auf.

Kari warf Jace einen Blick zu. Er hatte das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben, doch seiner Frage folgte sogleich eine weitere. „Kannst du ihr eine Nachricht zukommen lassen? Kari?“

„Das würde nur wenig nützen.“ Sie lehnte sich gegen die Werkbank und blickte auf ihre Schuhe, während alle anderen sie anschauten. „Sie befindet sich in der Nähe von Lathnu“, sagte Kari. „Aber sie ist dieser Tage nicht gerade flugtauglich. Diese Himmelsfürst ist genau das, als was du sie beschrieben hast, Depala: ein Monster. Sie wurde als Piratenjäger entworfen, und das und mehr war sie auch. Als sie mit meiner Flotte fertig war, war die Drachenlächeln das einzige Schiff, das ihr entkommen ist. Ihr findet den Rest zu einer Million Teile zerschlagen in den Straßen des Dorfes, das sie zerstört hat, um an uns heranzukommen.“

Dann deutete Kari in die Richtung der Himmelsfürst, als würde sie sie durch die Wand hindurch spüren. „Ich konnte nur tatenlos dabei zusehen, wie dieses Ding einfach davongeschwebt ist, als wäre es auf einer Vergnügungsfahrt.“

Erneut herrschte Schweigen im Raum. Dann trat Jace auf Kari zu. „Waren es viele Schiffe?“, fragte er.

„Vierzehn, die Drachenlächeln mitgezählt.“

„Und wie gut kanntest du sie?“

„Sehr gut.“ Sie hob eine Augenbraue. „Warum?“

Jace erlaubte sich ein Lächeln. „Dann haben wir keine Zeit zu verschwenden. Ich habe da eine Idee.“


In der Nacht war die Ätherströmung nahe an die Stadt herangerauscht und hatte den gleichen Schwarm Wale mit sich gebracht, den Kari gestern während ihres krummen Dings gesehen hatte. Mit den Fingerknöcheln auf das Schandeck an Steuerbord gestützt lehnte sie sich vor, um die Giganten von der Seite ihres Schiffes herab zu betrachten. Mit offenen Mäulern wechselten sich die Wale dabei ab, große Mengen Äther einzusaugen, und auf ihrer Haut leuchteten zahllose Flecken im warmen Schein des Äthers auf.

Von dort aus schweifte Karis Blick über die weitläufige Stadt. Ein Aufwind peitschte ihr das ungleichmäßig lang geschnittene Haar derart plötzlich gegen die rechte Schulter, dass Ragavan unter einer Litanei verärgerter Töne auf die linke huschte. Unter dem Kiel des Schiffes ersteckte sich ein Schleier dünner Wolken über einen Großteil des Himmels, und jene Teile der Stadt, die durch ihn hindurch zu erkennen waren, wirkten beinahe ätherisch verklärt.

Selbst aus dieser Höhe konnte Kari den Turm mit der Doppelspitze erkennen, der als höchstes Gebäude der Stadt über Ghirapur aufragte. Er war von mehreren Schwadronen um ihn kreisender Luftschiffe der Vollstrecker umgeben, und so sehr Kari auch versuchte, sie zu zählen und sich ihre verschiedenen Bauweisen und Panzerungen einzuprägen, wurde ihr Blick wieder und wieder zu jener schwebenden Masse hinaufgezogen, die den Luftraum zwischen dem Turm und dem Bronzeviertel dominierte: die Himmelsfürst.

Alles, was sie tun mussten, war, sie lange genug von ihrer Stellung wegzulocken, um für ein ausreichend großes Fenster zu sorgen, damit das Luftschiff der Renegaten – die Herz von Kiran – einen Angriff auf den Großen Konsul im Turm selbst fliegen konnte. Der Plan bestand daher darin, das Flaggschiff des Konsulats abzulenken. Auf sie zu. Kari kam es vor, als verfolgte sie dieses Schiff über die ganze Welt, und nun sollte sie es mit offenen Armen willkommen heißen. Mit einem Mal war sie sich bewusst, wie kalt und dünn die Luft hier oben war, auch wenn ein Teil von ihr mehr Trost darin fand als in der Aussicht, sich erneut mit der Himmelsfürst anlegen zu müssen.

Und dann war da noch ein anderer Teil von ihr – der der Piratenkapitänin, der Genugtuung für die Vernichtung ihrer Flotte forderte. Es war jener Teil von ihr, der eine wütende Hitze ihren Hals hinaufsandte, bis diese in scharfen, gezischten Worten überbrodelte, die sich ihren Weg durch zusammengebissene Zähne bahnten. „Fürst des Himmels, ja?“ Ihr Blick wanderte zurück zu den fliegenden Walen. „Ich bin mir nicht sicher, ob sie das genauso sehen.“

Kari fand ihre Piraten im Laderaum, wo sie sich in zwei Reihen gegenübersaßen. Es war hier gedrängter als üblich, da ihre Beute aus Äther den meisten Platz einnahm.

Sieben der Piraten gehörten zur Mannschaft der Drachenlächeln, fünf waren Rennkrähen. Sie alle hatten Flugrucksäcke umgeschnallt, die sich jedoch vom Modell her von Pirat zu Pirat unterschieden. Kari nutzte den Augenblick, um die Kapitänin zu geben. Sie stolzierte den schmalen Gang zwischen den beiden Reihen auf und ab und nickte aufmunternd in alle Richtungen, bevor sie ihr Schwert zog und sich an ihre Leute wandte.

„Aufgemerkt! Unsere Aufgabe ist es, Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Für genug Aufruhr zu sorgen, damit ihr Flaggschiff uns bemerkt. Glaubt ihr, ihr schafft das?“ Begeisterte Zustimmung ertönte. „Gut. Denkt daran: Das hier ist die Drachenlächeln“, sagte sie und breitete die Arme zu beiden Seiten aus. „Heute ist jeder von euch einer ihrer blitzenden, spitzen Zähne! Und jetzt ist die Zeit reif, um dem Konsulat zu zeigen, wie scharf diese Zähne sein können!“

Der Jubel ihrer Piraten folgte ihr aus dem Laderaum, und sie ließ ihn noch einige Zeit in ihren Gedanken nachhallen, ehe sie sich auf den Weg auf die Brücke machte.

Bei ihrem Aufbruch aus den Vogelkäfigen an diesem Morgen hatte Depala mehr als deutlich gemacht, dass sie die Drachenlächeln während dieser Mission steuern wollte. Von Kari nach dem Grund gefragt hatte Depala einfach nur gesagt: „Weil du weißt, dass es der Platz ist, an den ich gehöre.“ Das entsprach wohl der Wahrheit. Kari hatte sie schon Rennen fliegen sehen, und es gab keinen Zweifel daran, dass die Zwergin eine der besten Pilotinnen Ghirapurs war.

Kari hatte ohnehin vorgehabt, Depala darum zu bitten, die Steuerung zu übernehmen, doch das hatte sie nie ausdrücklich gesagt. Als die Kapitänin nun die Brücke betrat, musste sie daher lächeln, als sie die Zwergin bereits am Steuerknüppel vorfand. Hinter ihr schnallte sich Jace in seinem Sitz fest.

Kari setzte Ragavan an seinen Platz in einer Nische über dem Pilotensessel. Nachdem sie sich angeschnallt hatte, fragte sie: „Seid ihr beide bereit?“

„Ich warte nur auf dein Zeichen“, sagte Depala.

„Jace?“, sagte Kari und drehte sich auf ihrem Sitz zu ihm.

„Wenn ich mich zwischen Ja und Nein entscheiden muss, dann neige ich zum Ja. Wenn es sich da aber eher um ein Spektrum handelt ...“

„Depala!“, rief Kari, während sie sich die Pilotenbrille über die Augen schob. „Mach uns den Meteor!“

„Sehr wohl, Kapitänin“, sagte die Zwergin, bevor sie sich durch das trichterförmige Ende einer Kommunikationsröhre, die von der Decke der Brücke hing, an die Mannschaft wandte. „Es geht los.“ Dann hielten die Maschinen mit einem tiefen Seufzen an, und noch ehe die Propeller das Drehen eingestellt hatten, fiel das Schiff in die Tiefe. Luft rauschte um den Rumpf herum, und binnen Sekunden erstickte ihr lauter werdendes Brausen alle anderen Geräusche. Ihr Gurt hielt Kari sicher an ihrem Platz, doch es fühlte sich an, als rollte ihr Magen lose in ihrem Unterbauch herum – eine Unannehmlichkeit, an die sie gewöhnt war, und selbst Jace, der mit geschlossenen Augen dasaß, schien damit fertigzuwerden, als wäre es nichts.

Jetzt wird die Zeit knapp, schätzte Kari. Jeden Augenblick würde Depala die Maschinen neu starten. Durch das runde Fenster der Brücke sah Kari nichts außer weißen Fetzen, die vor einem blauen Himmel vorbeirauschten. Wolken, vermutete sie, doch dafür schienen sie sich zu schnell zu bewegen. Wenn du bitte so freundlich wärst, Depala.

Dann senkte sich die Nase des Schiffes und die Brücke führte plötzlich einen Sturzflug an. Auf einmal kam die sich schnell nähernde Stadt in Sicht, ebenso wie die Oberseiten Dutzender Schiffe des Konsulats, die in mehrschichtiger Formation flogen und von ihrer Position aus unmöglich zu zählen waren. Die abrupte Änderung der Schwerkraft drückte Kari und ihr Innerstes in den Sitz, und alles, was sie tun konnte, war, die Panik zu beobachten, die innerhalb der Formation ausbrach, während die Schiffe sich ob ihres Herannahens hektisch verteilten. „Schau nur, wie sie auseinanderstieben“, drang Depalas Stimme durch ihr manisches Gelächter.

„Wie steht‘s mit den Motoren, Depala?“, sagte Kari auf eine Weise, die nur wenig mit einer Frage zu tun hatte.

„Sekunde noch.“ Sie hatte vielleicht ein bisschen zu viel Spaß hieran. „Und ...“ Die Hand der Zwergin schoss vorwärts und zog an dem Hebel, mit dem man die Motoren anließ. Das Schiff gehorchte, wie Kari es nie anders erwartet hätte, und sie spürte das Surren seiner vier Rotoren, wie sie im Einklang arbeiteten.

Die Drachenlächeln schwebte zwischen den ersten Schiffen des Konsulats und durch die Lücke in der Blockade hindurch. „Auf geht‘s!“, rief Depala laut. Sie zog am Steuerknüppel, und das Schiff flog eine enge Kurve, die es aus seinem senkrechten Sturzflug brachte. Dann war die Drachenlächeln inmitten der Flotte des Konsulats und die Pilotin musste sich zwischen den feindlichen Schiffen hindurchfädeln. Es war keine Zeit, Atem zu schöpfen, doch das galt auch für die Konsulatsschiffe, die noch immer mit ihrem kollektiven Ausweichmanöver beschäftigt waren.

Nun konnte die eigentliche Aufgabe beginnen. „Halte dich zwischen ihnen, bis wir ausschwärmen“, sagte Kari. „Sie werden kaum das Feuer eröffnen, wenn sie dabei ihre eigenen Schiffe treffen könnten.“

„Ich habe kaum eine andere Wahl. Sie sind überall!“, knurrte Depala. „Wenn du die Mannschaft ausschwärmen lassen willst, solltest du das lieber bald tun.“

Kari löste ihren Gurt. „Es bringt uns nichts, wenn die Himmelsfürst keine Notiz von uns nimmt. Versuche nur, so nahe wie möglich heranzukommen.“ Die junge Kapitänin erhob sich aus ihrem Sitz und griff sich das Sprachrohr. Ihre Worte hallten durch die schmale Röhre überall auf das Schiff und zu ihrer Mannschaft im Laderaum. „Macht euch bereit dort unten! Schwärmt aus, sobald sich die Luke öffnet! Seid wie Bienen – fallt über sie her!“

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dann drang eine blecherne Stimme aus der Röhre: „Bienen? Gerade eben waren wir noch Zähne. Spitze, scharfe Zähne. Was denn nun, wenn ich fragen darf, Kapitänin?“

Das war gut. Sie waren bester Dinge. „Wie wäre es mit Bienen mit Zähnen? Wie klingt das?“

„Ziemlich furchteinflößend.“

„Ausgezeichnet!“, wollte Kari sagen, doch das Wort wurde zu einem glucksenden Schlucken, als das Luftschiff sich jäh zur Seite neigte. Sie fing sich an der Lehne des Kapitänssessels auf. „Wie wär‘s nächstes Mal mit einer kleinen Vorwarnung?“, fragte Kari über Depalas Schulter gebeugt.

„Unwahrscheinlich, Kapitänin.“ Depala ließ das Schiff steil aufsteigen und dann heftig stampfen. „Schau es dir mal an.“ Es war nicht nötig, dass sie irgendwohin zeigte, denn als sie aus ihrer Kehre herauskamen, war Karis Blickfeld von der gewaltigen Masse der Himmelsfürst ausgefüllt. Sie hing dort beinahe vollkommen bewegungslos zwischen zwei Gebäuden in der Luft wie ein Raubvogel, der sich auf einem unsichtbaren Ast niedergelassen hatte.

„Da ist sie“, sagte die Kapitänin tonlos, während ihre Augen sich zu Schlitzen verengten.

Sie wandte sich an den Illusionisten, der noch immer reglos mit zusammengekniffenen Augen verharrte und nun weiß wie eine Marmorstatue war. Sie musste zugeben, dass er besser mit dem freien Fall fertig wurde, als sie angenommen hatte. „Jace! Jace!“ Als seine Lider sich öffneten, bellte Kari: „Bist du noch bei uns?“

Er nickte. „Ich bin bereit, sobald ihr mich braucht.“

„Das will ich wirklich hoffen. In der Zwischenzeit brauche ich dich, damit du die Luke zum Laderaum öffnest, um die Mannschaft auszusetzen. Drehe so lange an diesem Rad, bis es nicht mehr weitergeht.“ Sie deutete auf eine metallene Scheibe, die an der niedrigen Decke über Jaces Kopf hing. „Ragavan, zu mir!“ Der Affe eilte über die Netze an der Wand zu ihr herüber, und als er auf ihrer Schulter ankam, war Jace bereits mit seiner Aufgabe beschäftigt.

„Wo gehst du hin?“, rief er über das Quietschen des starrsinnigen Rades hinweg.

Sie streifte sich einen Flugrucksack über, und Ragavan musste ziemlich herumturnen, um den Riemen des Geschirrs zu entkommen. „Ich gehe nach oben und versuche, mein Deck sauber zu halten!“, sagte Kari und zog den letzten Riemen des Gerätes um ihre Taille zu. Dann stürmte sie davon. Ihre Stiefel hallten auf den Metallplatten des Hauptkorridors und einer steilen Treppe wider. Oben bahnte sie sich ihren Weg durch einen niedrigen, halbrunden Gang, der sich der chaotischen Szene öffnete, die sich um sie herum abspielte – allein ihretwegen.

Schiffe rasten aus allen Richtungen an ihnen vorbei, und Kari fühlte sich, als bewegte sie sich vor der hektischen Kulisse in Zeitlupe. Oder vielmehr so, als befände sie sich im Inneren eines ausgeklügelten Uhrwerks, das zu stark aufgezogen worden war. Flüge mit hohem Tempo waren nichts Neues für Kari, doch sie musste zugeben, dass Depala etwas aus der Drachenlächeln herausholte, was selbst sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Sie macht mir lieber nicht mein Schiff kaputt.

Am Heck des Schiffes angekommen war sie dankbar, die Kabine im Rücken zu haben, die sie vor den heftigsten Windböen schützte. Sie verankerte sich mit dem Kabel und der Winde an der Unterseite ihres Flugrucksacks an der Reling. Dann spähte sie nach unten, als die ersten ihrer Piraten sich aus dem offenen Laderaum warfen. Sie tauchten als verschwommene Punkte zu zweit oder zu dritt auf, bis alle zwölf von ihnen in der Luft waren, von Rucksäcken ähnlich ihrem eigenen getragen.

Gut gemacht, Jace, dachte sie.

Danke“, sagte Jace. Das Wort erschreckte sie mit seiner Unmittelbarkeit. Wie schon zuvor hatte es sich direkt in ihrem Verstand manifestiert, doch es war, als würde er die ganze Zeit hinter ihr stehen. „Dieses Rad war ziemlich störrisch.

Verdammt, Jace!“, dachte sie. „Wie lange lungerst du schon in meinem Kopf herum?

Ich lungere nicht. Ich wollte dich gerade wissen lassen, dass die Aufgabe erledigt ist.

Karis Blick huschte von einer Piratengruppe zur nächsten, während sie sich durch die Linien des Konsulats bewegten wie wütende ... Bienen. Dann wieder zu Jace: „Jetzt möchte ich, dass du die Luke wieder schließt. Bleib danach irgendwo, wo ich dich erreichen kann. Wenn ich das Zeichen gebe, weißt du, was du zu tun hast.

Natürlich.

Erinnerst du dich noch an alles, was ich dir gezeigt habe?

An jede Einzelheit.

Tja, dann wollen wir hoffen, dass wir es nicht brauchen.“ Kari sah dabei zu, wie ein Schiff des Konsulats unvermittelt ins Trudeln geriet, als ein benachbartes Schiff es mit einer Harpune traf, die für ein paar ihrer Piraten bestimmt gewesen war. Steuerbords kollidierten drei Konsulatsschiffe während einer wilden Verfolgung eines einzelnen Piraten – einem von Depalas Leuten, wie es aussah.

„Die Dinge laufen ganz gut so weit, meinst du nicht auch, mein Prinz?“ Kari stupste den Affen mit dem Kopf an. Ragavan keckerte zustimmend, während Kari rasch eine kleine Liste durchging.

Die Blockade durchbrochen? Erledigt.

Die Formation des Konsulats aufgebrochen? Erledigt.

Ihre Liste wurde jedoch von einer Explosion über ihr unterbrochen. Ragavan und sie wurden auf Deck geschleudert, und während sie einen Arm hochhielt, um ihr Gesicht zu schützen, schaute Kari auf und sah einen äthergeborenen Piraten aus einer sich schnell ausbreitenden Wolke von etwas springen, was einmal ein Konsulatsschiff gewesen war.

Der Äthergeborene salutierte lässig während seines Abstiegs, bevor er unsanft auf einem weiteren Schiff des Konsulats landete.

„Unglaubliches Chaos angerichtet? Das stimmt, Ragavan: Erledigt“, sagte Kari, während die Drachenlächeln ihren Flug durch die Blockade fortsetzte. „Aber noch nicht genug. Das Flaggschiff – das einzige Schiff, worauf es ankommt – hat sich noch nicht bewegt. Und nichts hiervon bringt irgendwas, wenn diese Himmelsschnecke nicht die Verfolgung aufnimmt. He!“ Karis Hand fuhr an ihren Kopf, wo Ragavan an einer Haarsträhne zog. Der Affe kreischte und deutete auf die Straßen unter ihnen.

„Schon gut. Du hast meine Aufmerksamkeit.“ Dutzende Vollstrecker des Konsulats mit Flugrucksäcken oder auf einsitzigen Gleitern stürzten sich in den Kampf. Die meisten flogen schützend vor die Schiffe. Doch nicht alle von ihnen.

Siehst du das, Kari?“, fragte Jace. „Depala hat eine Gruppe von Vollstreckern auf Abfangkurs entdeckt.

Sechs von ihnen, ja“, erwiderte Kari. Sie prüfte ihr Verankerungskabel mit einem kurzen Ziehen. „Können wir sie abschütteln?

Depala meint, sie tut, was sie kann.

Kari zog ihr Schwert. „Mein Prinz – nicht du, Jace – Gefechtsstation.“ Ragavan schob sich seine Schutzbrille vor die Augen und huschte in eine Tasche, die dort zwischen Karis Schulterblättern befestigt war, wo sich ihr Flugrucksack vom Rücken wegwölbte. „Es ist Zeit, dass wir bei diesem Kampf dabei sind.“

Als die ersten drei Vollstrecker an der Backbordseite der Drachenlächeln aufstiegen, war Kari bereits in der Luft. Die mechanischen Flügel ihres Rucksacks schwirrten wild, als sie sie über das Deck trugen, und während sie flog, rollte sich ihr Kabel mit einem hohen Surren ab.

Die drei Vollstrecker wurden von identischen Gerätschaften mit vier Propellern in der Luft gehalten und waren mit Netzwerfern des Konsulats bewaffnet, die sie eng an die Brust drückten. Es machte keinen Sinn, darauf zu warten, von diesen drei Nasen in die Zange genommen zu werden. Also hieß Kari sie mit aller Gastfreundschaft, die sich für eine Piratenkapitänin ziemte, an Deck willkommen. Sie raste direkt auf sie zu.

Oder vielmehr direkt an ihnen vorbei.

Wie erwartet stoben die Vollstrecker bei Karis Ansturm auseinander, und sie sauste geradewegs durch sie hindurch. Das Kabel schien eine Grenze in der Luft zu bilden und trennte zwei von ihnen vom dritten. Kari sah dies und lehnte sich in eine scharfe Wende um die zwei herum. Bevor das Kabel schlaff werden konnte, drückte sie die Kabelbremse und raste zurück auf das Schiff zu.

„Ragavan, halt dich fest!“, rief Kari. Ihr Kabel umfing den einen mit einem lauten Schnappen an der Brust, wodurch Kari auf den zweiten zugeschleudert wurde, einen verdutzten Zwerg, der seine Waffe nicht rechtzeitig heben konnte. Mit dem ersten Vollstrecker im Schlepptau taumelten Kari und der Zwerg auf das Deck der Drachenlächeln. Waffen schlidderten davon, und sie rangen in einem Wirrwarr aus Flügeln und Propellern miteinander, während das Schiff sich mal zur einen, mal zur anderen Seite neigte.

Es gab einen dumpfen Aufprall, als Karis Ellenbogen auf die Wange des Zwerges schlug, und eine halbe Sekunde lang war er außer Gefecht. Kari schubste ihn weg und war im nächsten Augenblick bereits wieder in der Luft.

Der erste Vollstrecker hatte sich gerade mit Hilfe des dritten aus Karis Kabel befreit, und sie verschwendete keine Zeit, sie beide umzustoßen.

Der Sieg war jedoch flüchtig, denn die drei anderen Vollstrecker auf Abfangkurs gesellten sich zu ihren Kameraden. Einer aus der Gruppe – scheinbar eine hochrangige Offizierin – schwebte vor Kari herab.

Kari sandte ihre Gedanken an Jace aus: „Irgendwelche Fortschritte?

Und als Antwort kam: „Die Himmelsfürst hat sich nicht bewegt. Wie steht es oben?

„Übergeben Sie Ihr Schiff“, befahl die Offizierin.

An Jace: „Nicht gut. Irgendeine Chance, dass du deinen Teil des Plans umsetzt?

Von Jace: „Gib mir einen Augenblick.

Kari trat auf die Offizierin zu. „Lassen Sie Ihre Konsuln wissen“, rief sie, „dass ich, Kari Zev, Kapitänin der Drachenlächeln, meine Flotte hierhergebracht habe, um die Stadt einzunehmen.“ Ich hab‘s gleich.

Ein blauer Blitz zuckte, und was auch immer die Offizierin entgegnen wollte, wurde von dem gewaltigen Spektakel erstickt, dass sich nun abzuspielen begann. Plötzlich trieben Schiffe hinter Gebäuden hervor. Keine Schiffe des Konsulats, sondern Piratenschiffe.

Sie bewegten sich zu zweit oder zu dritt, und wie die Vollstrecker auch konnte Kari nur zusehen – völlig gebannt, denn sie kannte jedes Einzelne von ihnen. Die Messinghammer und die Dämon von Vahd. Die Eiswind und die Drachen. Und weitere. Es kamen immer mehr. Selbst die Sonnenjäger – natürlich die Sonnenjäger. Ihre Flotte war zu ihr zurückgekehrt und sie versammelte sich, um den Luftraum über einem Platz der Stadt zu füllen, damit ihre Flanken von beiden Seiten von Gebäuden geschützt waren. Im einen Augenblick war die Drachenlächeln noch allein gewesen, und im nächsten nun war sie nur eines unter Dutzenden von Schiffen. Das war Jace. Das wusste sie. Oder vielmehr die Erinnerungen, die sie mit Jace geteilt hatte. Dennoch konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, dass das Konsulat nun deutlich unterlegen war. Die Vollstrecker schienen ihre Einschätzung zu teilen, denn überall um Kari herum erhoben sie sich in die Luft, um sich vor den Piratenschiffen zurückzuziehen.

Die Offizierin blickte von Kari zu den Schiffen und dann wieder zu Kari. Und noch ehe Kari die nächste spöttische Bemerkung über die Lippen kam, schoss der Netzwerfer. Seine Unvermitteltheit erwischte Kari völlig unvorbereitet, und einen Herzschlag lang stand sie einfach nur da, während das Netz sich entfaltete, um sie einzufangen.

Doch es sollte sie nie erreichen. Aus der Tasche auf ihrer Schulter heraus machte Ragavan einen Satz. Er stieß sich von Karis Kopf ab und warf sich in das heranfliegende Netz. Er verfing sich sofort darin und fiel ohne seine übliche Anmut mitsamt dem Netz auf das Deck.

Im nächsten Wimpernschlag machte sich die Offizierin davon – und mit ihr das Netz, in dem Karis Prinz gefangen war.

„Ragavan!“, kreischte Kari. Sie hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Sie machte vier Schritte, während derer sie ihr Schwert vom Deck klaubte, um dann an der Seite ihres Schiffes herunterzuspringen. Als die Flügel ihres Flugrucksacks zum Leben erwachten, durchtrennte ein Schlag ihrer Klinge das Kabel zum Schandeck.

Kari jagte der Offizierin nach, und die Entfernung zwischen ihnen verkürzte sich rasch. Sie flog niedrig heran und sah, dass Ragavan noch immer in dem Netz festsaß, das nun an der Hüfte der Offizierin hing. „Halte durch, mein Prinz. Ich komme dich holen“, murmelte sie und wünschte, der Affe wäre wie Jace in der Lage, Gedanken zu lesen.

Als Kari die Offizierin eingeholt hatte, flog sie von unten an sie heran, und noch ehe ihre Gegnerin reagieren konnte, hatte Kari sich an ihr festgekrallt, sodass sie Auge in Auge durch die Luft wirbelten. Die Offizierin wollte Kari abschütteln, doch diese schlang ihre Beine um die der Konsulatsdienerin.

„Runter von mir!“, spie die Offizierin aus.

„Nicht solange du meinen Affen hast!“

„Du wirst uns noch beide umbringen!“

Kari zwinkerte der Offizierin zu und rammte ihr Schwert in einen der vier wirbelnden Propeller, die die Soldatin in der Luft hielten. Abgehacktes Klacken und Klicken ertönte und Funken stoben, als der Propeller sich an Karis Klinge selbst in Stücke schlug. Sofort wurde ihre Flugbahn wirr – eine Entwicklung, die durch die Faustschläge, die die Offizierin Kari versetzte, noch verschlimmert wurde.

Doch Kari hielt sich fest und rammte den Kopf gegen den Kiefer der Offizierin. Schmerz durchzuckte ihren Schädel, aber die Schläge hörten auf und es gelang ihr, so weit die Kontrolle über ihre Flugbahn wiederzuerlangen, dass sie sie ein klein wenig beeinflussen konnte. Die unbeschädigten Propeller zogen den Rucksack zu einer Seite, und obwohl Kari mit ihrem eigenen dagegenhielt, flogen sie beide einen Halbkreis, der sie in Richtung eines der projizierten Piratenschiffe, durch den Rumpf der Sonnenjäger hindurch und hinter die Flotte führte.


„Kari antwortet nicht“, sagte Jace, der die Augen vor dem Wahnsinn, der sich auf der Brücke abspielen musste, geschlossen hielt. „Sie bewegt sich zu schnell, als dass ich ihr Bewusstsein erreichen könnte.“

„Konzentriere dich nur auf deine Projektionen!“, herrschte Depala ihn an.

Und natürlich war das genau das, was Jace tat. Er war zwar körperlich in seinen Sitz hinter der zwergischen Pilotin geschnallt, doch sein Verstand arbeitete fieberhaft daran, die gewaltige und komplexe Illusion aufrechtzuerhalten, die er allein aus Karis Erinnerungen erzeugt hatte – zuzüglich ein paar Duplikaten, um das Ganze so richtig spektakulär aussehen zu lassen. Es war eine große Anstrengung, die eine Menge Konzentration und einen Großteil seiner Aufmerksamkeit erforderte.

„Die Himmelsfürst wird niemals reagieren, wenn sie durchschauen, dass ...“, setzte Depala an, beendete den Satz jedoch nicht.

Jace wollte es nicht riskieren, die Augen zu öffnen – besonders nicht jetzt. „Was geht denn vor sich?“

„Das kannst du sicher erraten.“

Das konnte er, doch Depala sprach es trotzdem aus. „Die Himmelsfürst nähert sich mit einer Eskorte, um die Flotte anzugreifen. Falls die Leute der Ersten Renegatin ihre Gelegenheit nicht erkennen, werden sie und ich hiernach ernsthaft miteinander zu reden haben.“

„Wie soll unsere Flotte reagieren?“, fragte Jace.

„Halte sie an ihrer Position. Wir sollten nur eines von vielen Schiffen unter ihnen sein.“

Jace war sich plötzlich eines Lichts gewahr, das hinter seinen Augenlidern zuckte. Er versuchte, die visuelle Sinneswahrnehmung aus seinem Bewusstsein zu verbannen, doch dann schien die ganze Welt weiß zu werden und ein Geräusch, als würde der Himmel aufreißen, dröhnte ihm in den Ohren. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Illusion, um sie zusammenzuhalten, auch wenn er den metallischen Geschmack, der ihm den Mund füllte, nur schwerlich ignorieren konnte.

Von irgendwo weit entfernt hörte Jace seinen Namen. Das Geräusch klang panisch, während es sich immer und immer wieder wiederholte. Er zwang sein Bewusstsein zurück auf die Brücke, wo die Welt in der Schräge hing und Depala nach ihm rief.

„Ich bin hier, Depala“, sagte er, was nur bedingt stimmte. Ein Teil von ihm hielt noch immer die Flotte zusammen. „Wurden wir getroffen?“

„Jace! Ich bin blind!“, rief die Pilotin.

„WAS?!“

„Übernimm die Steuerung!“

Obwohl das Schiff sich aufbäumte und rollte, gefiel Jace die Aussicht, selbst am Steuerknüppel zu sitzen, ganz und gar nicht. Es war einfach nicht genug Zeit, das erforderliche Können aus Depalas Verstand zu ziehen. Stattdessen erwiderte er einen Gefallen. Während ihres freien Falls in die Blockade hatte Jace eine Panikattacke verhindert, indem er die vollkommene Zuversicht in Depalas Bewusstsein angezapft hatte. Nun holte er sie in seinen Verstand.

„Ich kann sehen!“, sagte Depala. Ohne einen Augenblick zu vergeuden, zog sie die Drachenlächeln anmutig nach oben.

„Was hat dich geblendet?“

„Die Blitzkanone auf diesem Ding!“ Und wie zur Veranschaulichung begann das Flackern aufs Neue. Diesmal wich Depala scharf aus, um dem Lichtbogen zu entgehen. Währenddessen schwebte die Himmelsfürst näher. Jace hatte in der Zwischenzeit das Gefühl, dass seine Kontrolle über die Illusion jeden Augenblick zusammenbrechen würde.

„Sie scheint uns trotz deiner Illusionen sehr zu mögen“, sagte Depala.

„Das hier ist immer noch das Schiff von Kapitänin Zev.“

„Ich will ihr nicht sagen müssen, dass wir es kaputtgemacht haben.“


Als Kari, Ragavan und die Offizierin des Konsulats auf der anderen Seite von Jaces Illusion auftauchten, waren sie noch immer in ihren wilden Luftkampf verstrickt. Die Offizierin trat wütend nach Kari, die versuchte, an das Netz mit Ragavan zu gelangen. Der Affe wiederum griff durch das Netz und beschäftigte sich damit, die Taschen der Offizierin zu filzen.

Kari war beinahe frei, als die Offizierin die junge Kapitänin mit der Sohle ihres schweren Stiefels am Knie erwischte und diese nach unten riss, sodass sie an Karis Schienbein entlangkratzte. Keuchend biss Kari sich auf die Lippen.

Der Schmerz unterbrach ihre Konzentration, und sie bemerkte, dass ihre Flugbahn sie in einen Ätherwirbel hineingeführt hatte. Und in diesem Strudel bewegten sich gewaltige Gestalten. Sie schwammen.

Himmelswale.

Es waren Kreaturen ohne Bosheit oder räuberische Triebe, doch das half nur wenig gegen das Gefühl von völliger Bedeutungslosigkeit, das Kari in diesem Augenblick erfasste. Plötzlich wurde ihr die Kehle trocken und sie bemerkte, dass ihr Mund offen stand.

Auch die Offizierin musste wohl mit irgendeiner Krise zu kämpfen haben, denn ihre Augen waren geweitet. In diesem Moment erinnerte sich Kari ihres Prinzen. Sie wand das Netz von der Hüfte der Offizierin und drückte sich von ihrer störrischen Widersacherin weg.

Sobald sie frei war, hielt sie Ragavan fest. Einer der Wale bewegte sich durch die Luft auf sie zu, und einen Moment lang blickte Kari ihm geradewegs ins Antlitz. Sein Maul schien endlos groß zu sein und die Barten, die seinen Unterkiefer säumten, wirkten wie Schluchten. Bei dem geringen Maß an Aufmerksamkeit, das der Wal auf sie verwendete, hätte sie ebenso gut ein Staubkorn sein können.

Dann erklang Jaces Stimme in Karis Kopf. Sie klang irgendwie weit entfernt, doch sie rief ihren Namen.

Jace!“, antwortete sie.

Die Himmelsfürst ist genau über uns. Die Herz von Kiran ist noch immer am Boden. Wir halten nicht mehr länger durch.“ Er klang ausgelaugt und ausgezehrt.

Nein!“ Sie würde nicht zulassen, dass der Drachenlächeln – dem letzten Schiff ihrer Flotte – das gleiche Schicksal widerfuhr. Sie warf dem Wal einen letzten Blick zu, wirbelte herum und raste auf ihr Schiff zu.

Doch dann hielt sie inne. Und plötzlich sah sie sie. Die günstige Gelegenheit.

Jace, öffne die Ladeluke. Und wenn ich das Zeichen gebe, soll Depala meine Ladung über Bord werfen und steil aufsteigen.

Den Äther über Bord werfen? Habe ich dich richtig verstanden?“, fragte Jace. Seine Worte drangen kaum bis in ihren Geist vor.

Das ist für meine Flotte.

Sie sauste aus der illusionären Flotte heraus und wurde vom gewaltigen Rumpf der Himmelsfürst vor sich erwartet, der drohend vor ihr aufragte. Er füllte den Himmel aus, ein metallenes Spiegelbild des Himmelswals hinter ihr.

Wir sind gleich unter dir, Kari“, sagte Jace, und Kari sah, wie ihr Schiff aufstieg, um ihr entgegenzufliegen.

Werft die Ladung ab!“, dachte Kari so laut sie konnte, während sie an den Gurten und Riemen ihres Rucksacks herumpfriemelte. Die Kisten fielen aus der Luke des Schiffs und überschlugen sich, sodass die Kanister selbst aus ihnen herauspurzelten.

Jetzt galt es. Kari riss sich den Flugrucksack von den Schultern und schleuderte ihn nach unten, sodass er in die Glaskanister krachte. Blaue Wölkchen stiegen auf, und als weitere Kanister zersprangen, wuchsen sie zu einer großen Wolke zusammen, die sich spiralförmig ausbreitete. Das sollte genug sein, um ihre Aufmerksamkeit zu erwecken.

In der Zwischenzeit drückte Kari sich Ragavan an die Brust und glitt auf das Deck der aufsteigenden Drachenlächeln. Ihr Schienbein schrie vor Schmerzen, als sie über die metallische Oberfläche des Decks schlidderte. Schließlich prallten Ragavan und sie hart gegen die hintere Reling.

Kurs halten“, dachte Kari und war froh, nicht laut sprechen zu müssen.

Ein paar Augenblicke verstrichen. Dann sah Kari zu, wie Jaces illusionäre Flotte – ihre Flotte – flackerte und zerplatzte, als einer der Himmelswale durch sie hindurch auf den Äther zuschwamm. Und gleich vor der riesigen Kreatur war die Himmelsfürst.

Während kleinere Schiffe des Konsulats noch ausweichen konnten, blieb der Himmelsfürst keine andere Wahl, als den Versuch zu unternehmen, ihrem Namen gerecht zu werden, als der Wal sie mit voller Kraft rammte. Es war kein ausgeglichener Kampf. Metall kreischte und wurde zusammengedrückt, und von überall stieg Rauch in den Himmel auf. Der Wal bewegte sich unbeeindruckt weiter, während das Flaggschiff des Konsulats einen Augenblick lang wie ein verirrter Ballon in der Luft hing, ehe es sich auf eine Seite neigte und langsam zu Boden driftete.

„Mein Prinz!“, sagte sie. „Komm schau dir das mit mir an.“ Sie half ihm, sich aus dem Netz zu befreien und setzte ihn sich auf die Schulter. Und dann legte Kari völlig erschöpft die Arme auf die Reling und sah sich die letzten Atemzüge des Monsters aus Metall an.

Sie nahm an, dass sie nun besser von hier verschwinden sollten. Sie wollte gerade den entsprechenden Befehl geben, als Jaces Stimme erneut ihr Bewusstsein fand. Diesmal waren seine Worte wesentlich lebendiger, als sie erwartet hatte. „Hast du das getan?

Das war der Wal, Jace. So hart schlage ich nicht zu.


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