Der Tempel im Unterwassergrab

Veröffentlicht in Magic Story on 6. April 2016

Von Mel Li

Was bisher geschah: Das Geheimnis des Markov-Anwesens

Jace Belerens Suche nach Sorin Markov ist gefährlich und hat mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gebracht. Seine Nachforschungen führten ihn zum verwüsteten Anwesen der Markovs, wo er unter den Trümmern ein Tagebuch fand. Er folgte der darin enthaltenen Beschreibung der Krypholithen – merkwürdig verkrümmter Steine, die er im Markov-Anwesen gesehen hatte – zu anderen Orten, an denen sie auf der Welt aufgetaucht waren.


Es war noch Abend, als er Gaven erreichte. Über ihm schien der Jagdmond durch die dichte Decke nebligen Regens, in die die Moorlande gehüllt waren.

Jace Beleren, der lebende Gildenbund von Ravnica und Gedankenmagier sondergleichen, trottete schweigend durch den Regen. Seine beispiellose Kontrolle über seine eigene Telepathie half ihm nur wenig, wie er nun hier die glitschigen Pfade halb hinunterrutschte, halb entlangstolperte. Er fand jedoch durchaus etwas Trost darin, die bedeutungsschweren Visionen des Markov-Anwesens hinter sich gelassen zu haben. Er war gefasst und seine Gedanken klar – zumindest fürs Erste.

Angesichts des Nebels schaffte es selbst das von ihm heraufbeschworene Licht nicht, mehr als ein paar Schritt des Weges vor ihm zu erhellen. Er konnte nicht weitergehen.

„Eine Welt voller Schatten und Geister ... und ich Narr jage ihnen auch noch nach“, sinnierte Jace laut, während ihm die Füße in den nassen Stiefeln schmatzten.

Er sandte einen sehnsuchtsvollen Gedanken zurück zu jenen Marschen, über die seine Gefährten auf Zendikar so kundig Wacht hielten. Die Stille und die Einsamkeit dieser Reise ohne sie begannen auf ihm zu lasten – ihre großen Fähigkeiten im Spurensuchen einmal ganz außen vor gelassen. Versonnen dachte er an die vertrauten und einzigartigen Muster ihrer Gedanken und an den Klang ihrer Stimmen. Er – unwillkürlich zuckte ihm der Mundwinkel – vermisste sie.

Während er den Mantel enger um sich zog, erspürten seine Hände das Gewicht des Tagebuchs in seiner Tasche. Ein kleiner, handlicher Foliant, in dunkles Leder gebunden und von einer kunstvollen Schnalle verschlossen. Das bleiche Gesicht jener Angehörigen des Mondvolks, die er im Anwesen gesehen hatte, blitzte in seinen Gedanken auf. Meine papierne Gefährtin, dachte er spöttisch.

Vorsichtig fuhr er mit der Fingerspitze über den Buchdeckel und die Schnalle. Es sprang auf, jede Seite so bleich wie ein geschälter Apfel unter einem Netz aus Schrift. Unfassbar sorgsam ausgeführte Zeichen füllten die Seiten, begleitet von Zahlen, die sauber in Tabellen eingetragen waren.

Jace atmete langsam aus und zog die Kapuze über das Buch, um es vor dem Nieselregen zu schützen, während er mit äußerster Behutsamkeit umblätterte.

Feine Skizzen fanden sich auf der nächsten Seite. Eine Engelsschwinge, die Einzelheiten einer jeden einzelnen Feder akribisch festgehalten. Eine Tabelle voller Skizzen flächig schraffierter Kreise unter der eingerahmten Überschrift „Materialzusammensetzung des Reihermondes“. Eine ganzseitige Zeichnung des Profils eines Wesens, das halb Mensch, halb Wolf war, erkannte Jace sofort als jene Art von Kreatur wieder, wie sein unglückseliger Fremdenführer vom Abend zuvor eine gewesen war.

„Na schön, Fremde. Verrate mir deine Geheimnisse“, sagte Jace, während er den Schmutz von einem Felsen in der Nähe wischte, sich hinsetzte und zu lesen begann.


Eintrag 433, Erntemond:

Ein stoischer Reiter auf einem grauen Apfelschimmel traf am heutigen Morgen unerwartet in meinem Arbeitszimmer ein und brachte mir eine höchst seltsame Lieferung. Ein in Rupfen gewickeltes Paket, deutlich größer als ein Mensch, bedurfte unser beider Anstrengungen, um in die Eingangshalle des Observatoriums gehievt zu werden. Der Reiter sprach wenig, wies jedoch mit der schmutzigen Stiefelspitze auf die Aufschrift, die in Jenriks Handschrift verfasst war: „Exemplar zur sofortigen Untersuchung.“

Beim Auspacken stockte mir der Atem, als ich Pelz, Klauen und einer Wolfsschnauze ansichtig wurde – ein Werwolf. Eine flüchtige Untersuchung ergab, dass er größer und besser erhalten war als alle anderen, die je den Weg zu mir gefunden hatten. Zu meiner nicht geringen Überraschung war der Körper eiskalt und bereits seit einiger Zeit tot. Die postmortale Rückverwandlung der Leichen von Lykanthropen in ihre menschliche Gestalt war eine weithin bekannte Tatsache, die in klarem Widerspruch zu dem Exemplar vor mir stand. Obgleich ich begierig war, meine Arbeit zu beginnen, bat ich um eine Quittung, die den Zeitpunkt des Empfangs bestätigte. Der Bote unterschrieb sie mit „R. Karolus“.

Das Exemplar war gesäubert, zur Ader gelassen und beschriftet. Ich begann mit der linken Schulter. Große Mengen dichten Pelzes mussten entfernt werden, um die Haut des Exemplars zum Vorschein zu bringen.

Es ist zwar bei solcherlei Prozeduren üblich, das Gesicht des Untersuchungsobjekts zu bedecken – sowohl zum Schutz vor Schaden als auch aus Rücksicht auf all jene von zarterem Gemüt –, doch ich kam nicht umhin, immer wieder seine Züge zu mustern. Die Augen waren weit aufgerissen und der Mund schien noch im letzten Augenblick nach etwas gerufen zu haben, was nicht sein Häscher gewesen sein konnte. Wahrscheinlich hatte dieser Lykanthrop, wie so viele andere, die mir bislang untergekommen waren, verzückt den Mond betrachtet.

Die Miene der Bestie rief mir Jenriks Worte ins Gedächtnis. „Wie genau ein Mensch sich den Fluch der Lykanthropie zuzieht, ist unbekannt“, hatte er gesagt, „obwohl er eng mit dem grundlegenden Wesen eines jeden Lykanthropen verbunden ist. Der Anblick des Mondes erfüllt sie mit schier unerträglicher Wildheit und Kraft, auch wenn die Berührung durch Silber wie Gift für sie ist.“

Ich erinnere mich noch deutlich an meine ersten Tage in Innistrad, einem Ort scheinbar endloser Winternächte – perfekt geeignet für meine lunaren Studien. Als ich zum Reihermond hinaufschaute, der so voll, klar und hell war, dass er die Sterne verdunkelte, war auch mein Herz von einer verzückten ... Wildheit ... erfüllt. Vielleicht war es die lebhafte Erinnerung an eine Vergangenheit, die nun Welten entfernt war. Vielleicht hatte der Lykanthrop an sich, der keinerlei Furcht zeigte, sich dieser Wildheit hinzugeben und an ihr festzuhalten, ja etwas Beneidenswertes. Vielleicht kennt er eine Ekstase, wenn die silbrigen Fluten der Mondmagie durch seine Adern strömen, wie wir sie niemals erleben werden.

Es schien, als hätte jemand versucht, die drei oberen Absätze auszuradieren, doch die tiefen Abdrücke des Stifts machten sie unter Jaces beschworenem Licht noch immer lesbar. Der Eintrag ging weiter:

Die charakteristischen Einfärbungen eines Heulerrudels aus Gaven waren am oberen Unterkiefer zu erkennen. Der Bereich war durch ein faseriges Bindegewebe verunstaltet, das sich um die Zähne gewunden hatte. Zum Zeitpunkt seines Todes musste es dem Betroffenen wohl unmöglich gewesen sein, die Kiefer zu schließen.

Nach dem Verlust dreier Skalpelle aus gesegnetem Silber erforderte der Versuch, den ersten Einschnitt in die Brust zu setzen, ein schwereres Werkzeug, genauer gesagt eine Holzfällersäge, die eilig beschichtet und von Avacyns Missionaren in der nächsten Stadt gesegnet wurde. Unter großen Anstrengungen wurde der Brustkorb geöffnet und das Exemplar vom Schlüsselbein zum Becken gespalten und seine Innereien der Luft ausgesetzt.

Ich habe das aufgeräumte Innere der Lykanthropen stets bewundert: Organe, die ordentlich in ihren Membranen ruhen, und weit verzweigte Blutgefäße, die in perfekten Pfaden verlaufen. Gewaltige Lungen für die Verständigung mit ihrem Rudel über große Entfernungen hinweg und für scharfe Spurts durch die Wälder. Eine unermüdlich arbeitende Leber, um das Fleisch ihrer Beute binnen Minuten verstoffwechseln zu können. Eng von Adern durchzogene Nebennieren, die jederzeit bereit sind, ihre Säfte in den Blutkreislauf zu ergießen. Eine verzerrte Spiegelung der menschlichen Gestalt, zum Idealbild eines räuberischen Jägers erhöht.

Dieser hier jedoch ... Dieser hier war ... neu. Es gab an ihm tatsächlich nur noch wenig, was von der menschlichen Gestalt übrig geblieben wäre.

Das Bauchfell war mit einem Netzwerk aus kräftigen Sehnen von verschiedener Dicke gefüllt, die in einem derartigen Ausmaß gewuchert waren, dass sie viele der Organe verdrängt hatten. Obwohl das Tier von außen größer so viel gewirkt hatte, bestand ein beachtlicher Anteil seiner Masse wohl offenkundig nur aus dieser Substanz. An manchen Stellen verbanden sich die Stränge zu dicken Wülsten und Knoten.

Der größte dieser Knoten befand sich dort, wo bei dieser Kreatur eigentlich die Leber hätte sein sollen, die ihrerseits auf das Doppelte ihrer üblichen Größe angeschwollen war.

Von dem Organ stieg ein fauliger Gestank auf – salzig, verwest und trotz meiner dicken Schutzmaske nur allzu aufdringlich. Es widerstrebte mir erstaunlich stark, das Ding zu untersuchen, obwohl die Neugier letztendlich über die Abscheu siegte.

Nachdem ich das Organ in zwei Hälften zerteilt hatte, legte ich in einer von ihnen nach und nach ein hartes, rundes Objekt frei, das einem Pfirsichkern nicht unähnlich war. Die Leberhälften selbst offenbarten schließlich eine schwammige Masse aus verwachsenen Sehnen, die etwas in sich barg, was drei zerbrochene Zähne und mehrere Strähnen von dichtem, grauem Fell zu sein schienen.

Das eben erwähnte Objekt steckte in der Mitte einer der Hälften. Ich drehte es um.

Es handelte sich um ein blickloses, gelbes Wolfsauge. Ein Auge, das wahrscheinlich gen Himmel starrte. Vielleicht – wie seine Brüder im Schädel – zum Mond hinauf.


Jace blickte mit einer Grimasse von seiner Lektüre auf. In die Aufzeichnungen versunken hatte er nicht bemerkt, wie sich der Nebel vor ihm gelichtet hatte. Mondlicht erhellte den Pfad, wurde vom flachen Sumpf zurückgeworfen und umrahmte einen gewundenen Monolithen.

Er war etwa so groß wie er selbst. Das Fundament bestand aus rauem Stein, der aus der Erde herausspross und danach schnell eine scharfkantige, in sich verdrehte Form annahm. Als Jace der Blickachse folgte, die die Spitze des Monolithen vorgab, bemerkte er, dass die Formationen zu einer weiteren ihrer Art nur ein paar hundert Schritt entfernt deutete. Auch der Wuchs der Bäume folgte jener Richtung, in die die Monolithen wiesen. Diese wiederum deuteten zu einem weiteren Vertreter ihrer Art und dieser wiederum zu noch einem weiteren, bis der Horizont selbst Jace die Sicht verwehrte.

Das erste Mal, seit er Innistrad erreicht hatte, grinste Jace, und eine Woge der Erleichterung spülte über ihn hinweg. Vielleicht ergab einiges nun doch noch ansatzweise Sinn.

Dieser Monolith war zweifellos von der gleichen Art wie jener, den er im Markov-Anwesen gesehen hatte, und auch wie jener in den Aufzeichnungen im Tagebuch.

„Und du, meine papierne Gefährtin, was weißt du darüber?“ Eifrig blätterte er die Seiten um, um das Bild mit den verdrehten Steinen wiederzufinden. Ein Eintrag folgte:

Eintrag 643, Jagdmond:

Die alchemistische Analyse der Kryptolithformationen des Moorlandes wurde heute fertiggestellt. Sie deutet auf einige außergewöhnliche Eigenschaften der erhaltenen Proben hin, insbesondere einer großen Härte der Oberfläche und eines an einer geschwungenen Achse entlang ausgerichteten Energiefeldes. Erstaunlicherweise ergab die Untersuchung der Einlagerungen, dass es sich um ein Material handelt, das gerade erst aus dem Erdboden emporgestiegen ist. Im Gegensatz dazu ergab die Kristallanalyse, dass die Proben weitaus älter sind als alle anderen geologischen Formationen in diesem Gebiet.

Jace nickte. „Keine Methoden, mit denen ich mich sonderlich gut auskenne, aber mir gefällt, was du hier gemacht hast.“ Als er sich so durch die Einzelheiten dieser Aufzeichnungen wühlte, vermisste er es schmerzlich, wie schnell und bequem man im Vergleich dazu mit dem Gedankenlesen vorankam.

Die Feldstärke des internen Magnetgesteins in jedem Monolith reicht aus, um Verzerrungen an lokalen Linien und Polen hervorzurufen. Mit der Zeit erreichten uns weitere Berichte über solcherlei Formationen, die insgesamt zu einer Wanderung unserer Pole zu einem Ort unmittelbar vor der Küste geführt haben. Die Verzerrungseigenschaften der Steine scheinen sich zudem auch auf die Fähigkeit zu erstrecken, den Manafluss durch die Region zu verändern, was zweifellos ernsthafte Auswirkungen auf alles hat, was aus rohem Mana besteht – besonders auf die Engel dieser Welt.

Jace legte die Hand auf den Fuß des Monolithen. Sie fühlte sich kühl und glatt an. Ein weiteres schimmerndes Mineral war darin eingebettet.

Ein Funkeln an der Spitze erregte seine Aufmerksamkeit. Als er hinaufgriff, um es zu berühren, gab es einen KNALL und ein Funken sprang von der Spitze des Monolithen auf seine Hand über. Jace zog die Hand zurück, während ein dünner Rauchfaden aus seinem Handschuh aufstieg. Ein Anflug von etwas Hellem und Glockenklarem breitete sich blitzartig in seinen sämtlichen Sinneseindrücken aus und verschwand dann ebenso rasch wieder.

„AH—! Bei Azors Blut! Was war das denn?“ Seine Gedanken huschten augenblicklich zu dem Tagebuch, das er in der Armbeuge barg wie einen Säugling. „Geht ... Geht es dir gut?“, fragte er das Buch und suchte es nach Verbrennungen ab, während er vorsichtig mit dem Ärmel seines Mantels über den Deckel rieb.

„Hast du denn jemals herausgefunden, was sie eigentlich ... tun? Was sollen wir denn von ihnen halten? Folge ich einfach nur jemandes Spur in eine weitere Falle oder Intrige oder ...?“ Jace fixierte die Seiten des Buches durchdringend.

„Oder ist es das, was dir widerfahren ist?“ Natürlich antwortete das Buch nicht.

Außer dem Surren von Sumpfinsekten war das Moor still. Jace las weiter.

Eintrag 735, Jagdmond:

In der vergangenen Woche trafen Berichte des Rats von Gaven über erhöhte Todeszahlen durch Werwölfe ein, die durch unabhängige Jäger bestätigt wurden und deutlich von dem von Jenrik und Lotka vorhergesagten Jäger-Beute-Verhältnis abwichen.

Jace hatte sich schon an eine lange Reihe von Spitznamen gewöhnt. „Beute“ war einer, der ihm jedoch so gar nicht gefallen wollte.

Seither sind die Straßen zum Observatorium gesperrt, und es ist schwierig, an weitere Informationen zu gelangen. Viele unserer Kollegen haben sich in ihren Häusern eingeschlossen und die Arbeit niedergelegt. Die Ressourcen sind inzwischen knapp, doch ich bleibe fest entschlossen, sowohl meine Aufzeichnungen als auch die meiner Kollegen fortzusetzen.

Die Fressgewohnheiten der übernatürlichen Bewohner Innistrads sind eng mit der regelmäßigen Bahn des Reihermondes verknüpft. Wie ein himmlischer Dirigent gebietet er über die geheimnisvollen Regungen ihrer urtümlichen Herzen, die durch den Wandel seines Antlitzes zu Verwandlung und Mord führen.

So wie auch bereits unsere Kollegen in Kessig die wiedererstarkte Wildheit der Lykanthropen beobachtet haben, konnten auch wir hier in Nefalen Zeichen für die Unruhe des Mondes feststellen (siehe Tabelle 6–32). Die Meere selbst zeigen Höchstpegelstände in ihren Fluten, und zudem haben auch ihre Strömungen die Richtung geändert –

Jace begutachtete die Tabellen auf der vorherigen Seite mit einem kritischen Blick, der Lavinia stolz gemacht hätte, hätte sie ihn denn mehr als nur ein paar wenige Male am lebenden Gildenbund gesehen.

was auch dreifach wiederholte Experimente belegen, deren Ergebnisse bei Weitem die anzusetzenden Toleranzen für Messfehler übertrafen. Die Gravitationskräfte, die den Ablauf der Gezeiten regeln, scheinen sich vom Mond selbst an einen Ort verlagert zu haben, der dem Meer sehr nahe ist –

„Warte mal. Augenblick“, sagte Jace empört zu den handgeschriebenen Seiten. „Ich habe gesehen, wie Kiora das gesamte Halimar-Meer bewegt hat.“ Oder es zumindest versucht hatte, fiel ihm ein. „Und selbst wenn es etwas gäbe, was die Gezeiten beherrschen könnte, dann müsste es riesig sein. So etwas wäre doch mit Sicherheit jemandem aufgefallen!“ Er warf dem Buch einen misstrauischen Blick zu, ehe er weiter las.

Kürzlich erfolgte Messungen der Dauer der Mondphasen haben asymmetrische Abweichungen ergeben. Dies scheint daran zu liegen, dass die Umlaufbahn des Mondes selbst durch ein sehr großes und sehr nahes Objekt, das für das menschliche Auge nicht zu entdecken ist, in eine bestimmte Richtung verlagert wird.

Jace musterte den Nachthimmel. Ein einzelner, einsamer Mond blickte aus seinem Bett verwaschener Sternbilder herab. Er suchte nach ihm vertrauten Zeichen von Illusionsmagie. Nichts. „Du ... Du bist sicher, dass es das ist? Was geschieht, wenn es die Oberfläche dieser Welt erreicht? Schauen wir einfach nur tatenlos zu und hoffen auf das Beste, während dieses Ding auf uns zukommt?“

Interessanterweise führen sowohl die Vektoren der Gezeiten als auch die Feldverzerrung zu denselben Brennpunkten, die sich zu denselben Koordinaten zurückverfolgen lassen: ein großes Riff vor der Küste Nefalens.

Während sich das Kerzenlicht auf meinem Stift spiegelt, erinnere ich mich der Lichter der Neumondriten der Soratami. Wir erhoben unsere Festlaternen auf die gleiche Weise wie unsere Vorfahren – als Leuchtfeuer, die jeden neuen Mond bei seinem Aufstieg aus dem Wolkenmeer leiteten. Welchen Einfluss wird das Riff auf diese Welt haben?

Weitere Hinweise, doch noch immer keine Antworten. Jace ballte voller nervöser Energie die Fäuste und öffnete sie wieder. Diese Hinweise trieben ihn schier zur Weißglut – sie boten nichts, was er selbst hören, greifen oder erfahren konnte. Selbst seine Augen schienen nutzlos. Er hatte keine andere Wahl, als sich von dem Tagebuch leiten zu lassen.

„Warum bist du nicht wirklich hier? Ich habe so viele Fragen ...“ Jace seufzte wehmütig. Stille. „Natürlich. Wunschdenken.“

Der Text auf den Seiten hielt seinem Blick mühelos Stand und forderte ihn heraus, den letzten Absatz erneut zu lesen. „Ich weiß, ich weiß. Wir haben eine Spur in den Steinen gefunden. Ich, ähm, wir werden ihr folgen. Ich wünschte nur ... Ich wüsste nur gern genauer, wonach ich eigentlich suche. Spur oder Falle – was hast du mir hinterlassen?“


Die Straße nach Nefalen endete am Fuß der Meeresklippen, und Jace sah die Dächer der Hafenstadt Sehlhof über die Kante spitzeln. Ein steiler, enger Pfad führte an der Seite der Klippe hinauf, und bald war Jace durch den Aufstieg außer Atem.

Jace tastete sich um eine Windung des Pfades herum und prallte um ein Haar mit einer Fischersfrau zusammen.

„Oh! Verzeihung. Ich hatte Euch gar nicht ge...“

Ihr Blick – weit, leer und stierend – heftete sich an seine Augen.

„Also ist noch einer gekommen, um ihrem Ruf zu lauschen, ja?“, fragte sie mit schleppender Stimme. „Ihr seid auch hier, um sie zu sehen?“ Eine unheimliche, beinahe täuschend echte Nachahmung von Freude schlich sich in ihre Stimme. „Erst heute sind so viele angekommen!“

„Sie zu sehen? Wen?“

„Endlich ist sie hier! Sie brachte ihre gefiederten Brüder und Schwestern vom Himmel und mit ihnen die Flut! Sie brach durch die Flutmauern und spülte alles fort!“

Ah, natürlich, dachte Jace. Das Tagebuch hatte ja gestiegene Flutpegel erwähnt. „Habt auch Ihr gesehen, wie die Flut sich verändert hat?“

„Oh, wir haben kein Bedürfnis nach diesen Dingen. Wir haben etwas gefunden ... Etwas, was so viel größer ist als wir! Denkt an all die Dinge, an denen wir festhalten und die uns doch nur beschweren! In diesen Hüllen aus Fleisch zu leben, die Bürde unserer Ängste zu tragen und uns Tag um Tag zu plagen. Sie ist nun dort oben und wartet, uns all das abzunehmen und uns in eine neue Welt zu führen!“

„Langsam ... ‚Sie‘? Wer ist ‚sie‘? Und was bringt sie euch?“

Die Fischersfrau brach in ein viel zu langes Gelächter aus. „Ich war einst wie Ihr. Das Wissen ist eine entsetzliche Last. So viele Fragen und nie genug Antworten! Nun habe ich sie losgelassen und sie ganz und gar aus meinem Geist gespült. Doch einst wollte auch ich Dinge ... wissen. Viele Dinge! Törichte Dinge! Was ist mein höheres Ziel und wie werde ich es erreichen? Wie werde ich sterben? Wann endet der Winter? Wohin schaut das Auge so unverwandt? Wie viele Augen? Wie viele Füße hat die Mondspitzmaus ... ?“

Bedeutungslose Worte strömten aus ihrem Mund, bis sie wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft schnappte.

Jace hatte genug gehört. Diese Unterhaltung würde ihn nicht allzu weit bringen, doch er brauchte jedes kleine bisschen an nützlichem Wissen, das sie womöglich noch besaß. Mit einer bestens einstudierten Geste sandte Jace sein Bewusstsein aus, um ihre Gedanken zu erhaschen.

Der erste löste sich bei Berührung in eine Wolke blauen Nebels auf. Jeder einzelne schien eigenartig hohl und gestaltlos. Er runzelte die Stirn. Dies würde drastischere Maßnahmen erfordern. Er öffnete seine eigenen Gedanken und schlug eine Brücke zwischen ihrer beider Bewusstseine ...

... und blickte in eine triste, graue Stille. Sie formte sich zu sanft geschwungenen Wänden von vollkommener Glätte. Das Dach dieser Kuppel war ebenso glatt und konturlos. Keine Türen, keine Eingänge, kein Weg hinaus. Er sah nach unten und rechnete damit, die Hände der Fischersfrau zu sehen. Doch alles, was er sah, waren seine eigenen feuchten Handflächen und seine blaue Robe. Jace fluchte stumm.

Seine Gestalt war irgendwie im Bewusstsein von jemand anderem gefangen. Er war nun das lebende, atmende Produkt der Fantasie einer anderen Person, gefangen in deren Geist. Panik stieg in ihm auf und verwandelte die Stille in ein hohes Pfeifen in seinen Ohren. Tief durchatmen. Dies kam ... unerwartet.

Jace schritt langsam die Grenze der Kuppel ab und tastete an der Wand nach Rissen oder Unebenheiten. Eine volle Runde förderte nichts zutage. In dem Versuch, seine wachsende Angst zu unterdrücken, lehnte er sich gegen eine Wand und betrachtete das Zentrum des Raumes.

Ein nebelhafter Schemen eines ... Dings ... hing in der Luft. Nein, keines Dings ... Es war mehr ein Nichts. Ein blinder Fleck, der nicht weichen zu wollen schien, ganz gleich, wie sehr Jace auch versuchte, daran vorbeizublicken.

Das Blut pulsierte ihm in den Schläfen, im Gleichtakt mit dem blinden Fleck in der Mitte des Raumes. Seine schwitzenden Handflächen pressten sich nun kräftig gegen die Wand, die sich jedoch beharrlich weigerte, auch nur ein winziges Stückchen nachzugeben.

Er hatte bereits zuvor Bewusstseine verändert und wilde Visionen und verzerrende Wahrheiten in sie eingebracht. Doch noch nie zuvor war er jemals selbst eine derartige Verzerrung gewesen. Nein, er war noch immer echt und wahr. Dessen war er sich sicher. Er konnte es beweisen.

Er holte tief Atem, stellte sich breitbeinig hin, machte eine Faust – bei der sein Daumen nicht von seinen Fingern umschlossen wurde, ganz so, wie Gideon es ihm eingeschärft hatte – und schlug gegen die Wand.

Der Aufprall ging ihm durch den ganzen Körper, und der Schock, der ihm durch die Nervenbahnen lief, warf ihn zurück. Die Wände vibrierten wie eine Stimmgabel, und jede einzelne Welle klirrte schrill durch Jaces gequältes Hirn.

Sein Blick huschte zur Mitte des Raumes. Der blinde Fleck in seinem Blickfeld war zu einem Objekt angewachsen, das deutlich größer war als Jace selbst. Es berührte nun beinahe Boden und Decke jener Kuppel, in der Jace wie eine Spinne in einem Glas in der Falle saß.

Er kniff die Augen zu, hielt sich den Kopf und versuchte, ruhig und konzentriert zu bleiben.

„Das hier ist fest gebaut.“

Jace riss die Augen auf. Dort stand eine andere Gestalt in nassen blauen Roben mit einer Kapuze, umgeben von einem fahlen Leuchten. Sie rieb sich das Kinn und sah gedankenverloren zu dem Objekt hinauf. Sie sah genau wie Jace aus. Oder genauer gesagt wie eines seiner illusionären Duplikate.

„So einen Ort haben wir noch nie gesehen, oder? Die Gedanken sind ganz durcheinander, und der Ort ist einfach nur leer. Aber faszinierend! Was glaubst du, was im Inneren dieses Dings ist?“

Jace glotzte das Duplikat unter der Kapuze an, während sich auf seiner Zunge Worte zu formen begannen und sich sogleich wieder auflösten. Er war sicher, dieses Abbild nicht beschworen zu haben. Oder hatte er das etwa doch getan – instinktiv? Er konnte sich nicht erinnern. War das eine Auswirkung dessen, in einem anderen Bewusstsein gefangen zu sein?

„Oh, gehen wir weiter, ja? Wir sind doch schon so dicht dran!“, insistierte eine weitere Stimme. Jace drehte sich um und sah ein zweites Duplikat seiner selbst, diesmal ohne Kapuze und das mondbleiche Gesicht deshalb deutlich sichtbar. „Wir haben keine Zeit mit dieser armen Frau zu verlieren – lassen wir sie in Ruhe. Wir sind beinahe am Unterwassergrab!“

Das Duplikat mit Kapuze warf dem anderen einen eisigen Blick zu. „Und was dann? Weiter diesen Anomalien folgen? Ich bin es leid, all diese Sackgassen zu durchlaufen. Es muss doch jemand hier sein, der weiß, wie das alles zusammenhängt!“

Die Gestalt mit Kapuze legte beide Hände an die Stirn und schaute mit ernster Miene zu dem Objekt hinauf. Ihre Wangen röteten sich, und zwei Adern wölbten sich komisch auf ihrer Stirn, als sie stark zu schwitzen begann.

Jace verzog das Gesicht und betrachtete sich mit nackter, erschütternder Selbsterkenntnis.

„Du siehst wirklich so aus, weißt du.“ Das kam von einem dritten Duplikat. Dieses hatte violette Augen und grinste. Es flüsterte dem zweiten, bleichen Duplikat etwas ins Ohr, und beide kicherten verschwörerisch, während sie auf das erste deuteten, das noch immer höchst konzentriert war.

Das bleiche Duplikat fasste sich und legte Jace ernst die Hand auf die Schulter.

„Monate, nein Jahre physikalischer Studien, Beobachtungen und Messungen! Du stehst so kurz davor, meine Aufzeichnungen zu vollenden!“ Das bleiche Duplikat zog mit ernstem, ungeduldigem Beharren an Jaces Arm.

Das Objekt, das nun auf unfassbare Weise noch bedrohlich viel größer wirkte, starrte auf Jace herab. Die glatten Wände des Raumes verzerrten und verbogen sich unter dem Druck des Objekts und gaben dann mit einem lauten Knacken nach. Splitter der zerberstenden Wände rissen sich los und wurden in das Objekt hineingeschleudert, wodurch sie den Blick auf ein spinnennetzartiges Gitterwerk unter ihnen freigaben. Unzählige Augen öffneten sich in den Gittern und stierten in wahnhafter Verzückung durch Jace und die Fischersfrau hindurch auf das Objekt. Stimmen hinter den Wänden brüllten ein weißes Rauschen, das in Jaces Sinne stach und ihn auf die Knie zwang. Auch der Boden knackte, und obgleich Jace es nicht hören konnte, war ihm vage bewusst, dass er auch unter seinem Gewicht nachgegeben hatte und er nun fiel ...

Er riss die Augen auf, um festzustellen, dass er seinen eigenen Kopf fest mit den Händen gepackt hielt und sich auf dem Boden zusammengerollt hatte. Während er die Bäume musterte, krallte sich der Anblick dieser von Sehnen durchzogenen Mauern wie mit unsichtbaren Scheinfüßchen an seine Sicht und erzeugte ein lang anhaltendes Nachbild.

Die Fischersfrau taumelte, als sie wieder zu sich kam, und sah Jace einen kurzen, wissenden Augenblick lang an. Nach einigen unhörbar gemurmelten Worten rappelte sie sich mit einem kehligen Knurren auf und huschte den Pfad hinunter, der von der Küste wegführte.

Er bemerkte ihren Aufbruch kaum, während er tief in Gedanken versunken seinen Aufstieg fortsetzte.


Der Pfad endete am felsigen Ufer gleich nördlich des Riffs in der Nähe eines kleinen Fischerdorfes. Dessen Flutmauern standen, wie die Fischersfrau bereits angedeutet hatte, beinahe einen Fuß hoch unter Wasser, und eine dicke Schicht aus verfaulendem Meeresschlamm überzog das, was einst ein Hafen und seine Schiffe gewesen waren.

Stiefel schmatzten durch Schlick und Sand, als Jace ins flache Wasser watete und die erste Welle über seine Stiefel spülen ließ. Als er darauf wartete, dass sie sich wieder zurückzog, bemerkte er, dass das Wasser sich parallel zum Ufer bewegte anstatt von ihm weg.

Irgendetwas an diesem Strand änderte tatsächlich den gewohnten Gang der Wellen.

Südlich des Dorfes fiel das Mondlicht auf einen massiven Ring aus zerklüfteten Strukturen, die wie Klauen aus dem Meer aufragten und nach den Wogen und vorüberfahrenden Schiffen zu greifen schienen.

„Der Unterwassertempel“, hauchte Jace.

Über dem zerklüfteten Ring war noch immer ... nichts? Am Himmel darüber hing nach wie vor nur der vertraute Reihermond.

Er war auf eine Menge Dinge vorbereitet gewesen. Aber auf nichts? „Ich dachte, du hast mir etwas versprochen! Du sagtest, ich würde etwas finden!“ Hastig fischte Jace das Buch aus seiner Tasche und klappte es auf.

Zusammenfassend lassen sich die ersten Beobachtungen am ehesten durch das Erscheinen eines großen Himmelskörpers in rasch abnehmender Distanz zu Innistrad erklären.

Er blickte den leeren, unfertigen Ring aus Steinen kritisch an. Groß, aber nicht groß genug für das, was er als einen „Himmelskörper“ bezeichnen würde. Und der Raum über dem Ring schien einfach nur leer zu sein. „Ähm, wie groß sollte dieses Ding deiner Meinung nach denn sein?“

Insgesamt legen die hier dargelegten Funde die Anwesenheit eines Objektes von beachtlicher Masse nahe. Höchstwahrscheinlich ein neuer astraler Körper, ein Düstermond von ausreichender Größe, um eine Gravitationsverlagerung auszulösen, die imstande ist, die herkömmlichen Muster der Gezeiten und der magischen Energie zu verzerren.

„Ein astraler Körper? Von der Größe eines Mondes?“ Jace blickte zu dem leeren Raum über dem Ring. Hatte sich in der Nähe ein weiterer Illusionist versteckt? Er konnte nichts dergleichen erkennen.

Weitere Feldstudien werden zu Untersuchungszwecken in die Wege geleitet.

Jace blätterte vor, fand jedoch keine weiteren Einträge zu diesem Thema. „Du kannst doch jetzt nicht aufhören! Wir sind so nah dran! Sag es mir! Sag mir, was das bedeutet!“ Er griff nach dem ledernen Einband und schüttelte das Buch heftiger, als er es eigentlich beabsichtigt hatte.

Er erhaschte aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Dichte Wolken zogen sich über ihm zusammen, und ein langer Zug dahinschlurfender menschenähnlicher Kreaturen watete durch das kalte, schulterhohe Meerwasser unter ihm. Zombies. Oder die vom Wasser aufgedunsenen Leichen von Seeleuten, die schon vor langer Zeit am Nefalen-Riff umgekommen waren, um genauer zu sein.

Mit einigem Ekel erkannte er, dass der Geruch nach Fäulnis keineswegs von irgendwelchen toten Fischen stammte, sondern von in Salzwasser gelagerten, untoten Arbeitsdrohnen.

Die lebhafte Erinnerung an Lilianas Zombies und ihre kalten, verwesenden Hände, die seine Kehle umklammerten, stieg in seinen Gedanken auf.

Jace machte vorsichtshalber eine Geste, und drei Duplikate erschienen neben ihm.

Der Anblick der Zombies rief ihm Lilianas Worte ins Gedächtnis zurück. „Das ist eine Sackgasse. Geh nach Hause, Jace“, hatte sie ihm gesagt.

„Nein!“, beharrte er laut und mit einer Vehemenz, die ihn selbst überraschte.

Seine Gedanken waren zu laut. Langsam, Beleren, ermahnte er sich selbst.

Nein, er konnte nicht umkehren. Noch nicht. Nicht, wenn er das enträtseln konnte, was selbst das Tagebuch nicht wusste.

Jace knirschte ob der Eiseskälte des Meerwassers mit den Zähnen und watete in einiger Entfernung von den starren Blicken der Prozession aus Zombies tiefer in die See hinein. Die Steinformationen hier ähnelten jenen, die er in den Moorlanden gesehen hatte, obwohl diese hier viel größer waren und vor lauter Energie summten. Ihre verkrümmten Formen liefen spitz zu und waren in die Mitte des Kreises gerichtet.

Ein paar der Steine ragten aus dem Watt heraus, fernab der Prozession, die sich in der Mitte des Kreises versammelte. Jace bahnte sich seinen Weg zu einem von ihnen und streckte die Hand aus, um die Ausrichtung des Steins im schwachen Licht nachzuverfolgen.

Ein Funken aus Energie sprang von der Oberfläche des Steins mit einem lauten KNALL auf Jace über und ließ seine Ohren und seinen Kopf in einem vertrauten Geräusch dröhnen.

Langsam hob er den Kopf. Eine Erinnerung regte sich.

Ein blinder Fleck – das Objekt – breitete sich in seinem Blickfeld aus und schwebte genau über dem Kreis aus Steinen in der Ferne. Das Objekt pulsierte – im Gleichtakt mit dem schimmernden Netzt aus Adern auf den Monolithen – vor Macht. Dies war der Nexus von Innistrads umgelenkten Leylinien, das Zentrum seiner Energie.

„Du warst noch nie in der Lage, die Hände bei dir zu behalten, Beleren. Und musstest du wirklich zulassen, dass dir dieses Ding noch mal einen Schlag versetzt?“, erklang eine Stimme hinter ihm.

Das dazugehörige Gesicht lugte über seine Schulter und verdrehte nachdrücklich die violetten Augen. „Für einen Magier, der für seine Klugheit berühmt ist, ist das aber nicht der stärkste Augenblick.“ Die Gestalt machte eine Geste, als wollte sie ihm mit einem illusionären Finger auf die Nasenspitze stupsen. Jaces abtrünniges Duplikat mit den violetten Augen aus seiner mentalen Gefangenschaft. Hinter ihm befanden sich die anderen: das vermummte und das bleiche Duplikat.

„Was machst du denn hier?“, stammelte Jace. „Ich hatte dich und die anderen ...“, er deutete vorwurfsvoll zu den anderen Duplikaten, „... Irren doch im Kopf dieser Wahnsinnigen zurückgelassen! Ihr wart dort schon nicht willkommen, und falls ihr nicht vorhabt, uns gegen das da“, Jace wies gereizt auf die stinkende Zombiehorde, „zu helfen, dann betrachtet euch hiermit als entlassen!“

„Es gibt keinen Grund, so feindselig zu sein. Schau mal, du kümmerst dich doch bereits ganz hervorragend darum!“ Das Duplikat mit den violetten Augen deutete zur Mitte der Formation, wo das bleiche und das vermummte Duplikat gerade dabei waren, sich eifrig dem Zentrum zu nähern. Sie schienen sich nicht um die Masse an Zombies in ihrem Weg zu scheren.

Kommt sofort zurück! Aber flott!“, zischte Jace. „Kommt verdammt noch mal zurück!

„Wir können endlich unsere Messungen beenden! Was glaubst du? Wie groß sind diese Gesteinsproben?“ Die Gestalt des bleichen Duplikats flackerte. Seine Züge verschlankten sich zu schmalen, zierlichen Winkeln und sein zerzaustes Haar wurde zu zwei geflochtenen Zöpfen, die von etwas gehalten wurden, was im Grunde wie die langen Ohren eines Hasen aussah. Das bleiche Duplikat hatte sich vollständig in eine Soratami verwandelt, eine Angehörige des Mondvolks von Kamigawa. Die gleiche, wie es schien, die er im Markov-Anwesen gesehen und die das Tagebuch geschrieb...

„Das Tagebuch. Ist das ... ?“, stammelte Jace und griff nach dem Buch in seiner Tasche. „Ich meine ... bist du das?“

Höchstwahrscheinlich ein neuer astraler Körper, ein Düstermond von ausreichender Größe, um eine Gravitationsverlagerung auszulösen, die imstande ist, die herkömmlichen Muster der Gezeiten und der magischen Energie zu verzerren“, deklamierte die Illusion der Soratami feierlich. „Ich muss mich konzentrieren, wir haben zu tun ... und wo ist dein Kompass?“, beschimpfte sie Jace, während sie zielstrebig auf die Steine zuging.

Das vermummte Duplikat hatte bereits den Fuß des Objekts erreicht, wo es stehen blieb und zu ihm hinaufschaute. „Genau wie im Geist der Wahnsinnigen! Warum wolltest du, dass wir sie zurücklassen? Jetzt werden wir nie erfahren, was sie weiß!“ Die schrille Stimme des Duplikats erregte die Aufmerksamkeit der Zombies. „Jace, schau nach oben!“, kreischte es. „Sie sind hier!“

Als Jace sich umdrehte, fiel ihm etwas auf den Kopf und glitt von dort zart ins Meer hinab. Und noch einmal. Regentropfen? Er streckte die Hand aus und griff nach dem nächsten, was da auf ihn herunterfiel.

Es handelte sich um ... Federn? Sie stammten aus einer dicken, schweren Wolke über ihm. Er kniff die Augen zusammen. Nein, das war keine Wolke. Das da bestand aus Dingen, die sich bewegten. Aus großen Dingen mit Flügeln. Engel.

Sie kreisten in der Luft über dem Zentrum des Rings, wobei einige in der Nähe der Kryptolithen wie Motten um eine Kerze flatterten und dabei raue, vogelartige Laute ausstießen. Das Geräusch ihrer gewaltigen Flügelschläge hallte von den Klippen wider und durch Jaces schmerzenden Kopf.

O ja, so etwas hatte er schon einmal gesehen. Die Seiten, auf denen zum ersten Mal die Kryptolithen beschrieben worden waren, hatten gewissermaßen im selben Atemzug auch Avacyn beschrieben. Ein Zeichen, ein Hinweis ... Irgendetwas war es. Irgendetwas musste es sein.

„Imposant aussehende, aber nutzlose Kreaturen. Vogelschwingen und Vogelhirne“, spottete das violettäugige Duplikat und lehnte sich an Jaces Schulter.

Unter dem Schwarm blickte das Duplikat mit der Kapuze unentwegt nur zum Himmel hinauf, von der erbarmungslosen Anziehungskraft des Objektes und dem Kreisen der Engel über ihm wie gebannt. „Was verändert die Gezeiten?“, hörte Jace es murmeln. „Zombies oder Engel? Was ist meine Bestimmung? Wie wird es enden? Zu viele Fragen ...“

Es ging zum Zentrum des Kreises aus verkrümmten Steinen, bis zum Hals in eisigem Salzwasser, den Kopf zurückgelehnt und den Blick noch immer fest nach oben gerichtet. Es hielt nicht an, als das Wasser über ihm zusammenschlug und es unter sich begrub. Jace sah stumm zu, wie das Gesicht des Duplikats – sein Gesicht – langsam verschwand.

Eine Stimme erklang hinter ihm. „Du erinnerst dich doch daran, was sie zu uns gesagt hat, oder?“, fragte das violettäugige Duplikat mit hochgezogener Augenbraue und einem zu breiten Lächeln, als dass es aufrichtig hätte sein können.

„Wie bitte?“, krächzte Jace Beleren mit trockener Kehle.

„In dieser ersten Nacht, als du herkamst, um sie zu sehen.“ Die Stimme des Duplikats hatte sich verändert. Sie wirkte nun ... vertraut.

Die Umrisse seiner illusionären Gestalt flackerten im Mondlicht und langsam verwandelte es sich in etwas Bekanntes: Liliana Vess.

„Ich kam nicht hierher, um sie zu sehen! Ich ... Ich bin hier, um Sorin zu finden!“

„Sie kennt dich. Sie hat dich nicht gebeten, herzukommen, umgeben von diesen Untoten und diesem ...“, sie machte eine verächtliche Geste nach oben, „... geflügelten Ungeziefer.“ Lilianas Stimme zerrte an seinen blanken Nerven wie ein begabter Geigenspieler, der einen Akkord spielte.

Jace hielt inne. Natürlich. Er hatte es die ganze Zeit gewusst, oder?

„Du warst es! Du hast sie hierhergebracht! Deshalb hast du mir deine Ghule nicht hinterhergeschickt! Deshalb hast du mich vor den Engeln gewarnt, als ich ankam!“ Jace konnte spüren, wie ihm das Blut zu Kopf stieg, und er hörte, wie kratzig und schrill im Vergleich zu ihrer Ruhe seine Stimme war.

Er drehte sich um, um sie anzusehen. „Dies ist dein Werk! Du hast sie immer gehasst, und du hast das seit Jahren geplant, nicht wahr? Du bist es, die die Steine neu ausgerichtet hat, um die Engel hier zusammenzutreiben und ihren Geist zu verdrehen! Wie Lämmer auf der Schlachtbank, alle an einem Ort versammelt, damit du sie auf einen Schlag vernichten kannst! Wie hast du das angestellt? Was hast du vor? Hast du eine Ahnung, mit welchen Kräften du dich anlegst?“

Blut pochte ihm in den Schläfen, und Schweißperlen rannen ihm über die Stirn. „Antworte mir! Du hältst mich nicht zum Narren!“

„Dazu brauchst du mich nicht, Jace. Und du ... Du weißt es besser, oder?“ Obschon sie nur eine Illusion waren, waren Lilianas Augen von dem gleichen alten und unergründlichen Violett, an das Jace sich erinnerte. Sie sprudelten vor schrecklichen Geheimnissen aus einem Leben ohne Erbarmen schier über.

Frustrierte Worte und Anschuldigungen stiegen in Jaces Kehle auf, als er Lilianas lächelndes, illusionäres Gesicht betrachtete, doch als er zu sprechen ansetzte, löste es sich urplötzlich in der kalten Nachtluft auf.

Jace machte sich auf den Weg zurück zum Ufer und hockte sich allein und zitternd in die Dunkelheit. Seine Roben halfen nicht dabei, die Kälte von seinen Knochen fernzuhalten, und kein Gefühl kehrte in seine tauben Füße zurück. Er war unverletzt, aber erschüttert. Vor ihm setzten die Ghule ihre Prozession fort, ungerührt von Jaces Vorübergehen.

Er blickte zum Steinkreis zurück. Das Objekt war verschwunden.

Seine zitternden Hände griffen nach dem Tagebuch, doch verharrten, ehe sie den Deckel aufklappten. Fragen irrten in seinen Gedanken umher. Wie hatte Liliana die Gezeiten oder auch nur diese Steine bewegt? Was war die astrale Formation, die das Tagebuch so betont hatte?

Nein, hallte eine dumpfe, surrende Stimme in seinem Bewusstsein wider. Hör auf zu fragen. Zu viele unbeantwortete Fragen. Du brauchst das Buch und seine endlosen Rätsel nicht. Du bist bis hierher gekommen. Du kennst die Antwort. Hör auf zu suchen.

Wieder und wieder tauchten die Bilder in seinem Kopf auf. Er konnte Lilianas Gesicht und ihr spöttisches Lächeln einfach nicht abschütteln.

„Engel. Zombies. Sackgasse ...“

Der Jagdmond hing einsam und erwartungsvoll am Himmel, und sein silbriges Licht schien das Land und das Meer, auf das es fiel, zu läutern. Jace wusste, was er zu tun hatte.


Schatten über Innistrad-Storyarchiv

Planeswalker-Profil: Jace Beleren

Weltenbeschreibung: Innistrad

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