Die Erste Renegatin

Veröffentlicht in Magic Story on 14. September 2016

Von Mel Li

Was bisher geschah: Fackel des Widerstands

Chandra Nalaar verließ ihre Heimatwelt Kaladesh beim Erwachen ihres Funkens, was sie vor dem sicheren Tod durch die Hand von Leutnant Baral rettete, indem sie zu einem Kloster auf Regatha versetzt wurde. Nun kehrte sie zurück, um einen geheimnisvollen Renegaten vor der Verhaftung zu bewahren, nur um auf jemanden zu treffen, den sie seit Jahren für tot hielt: ihre Mutter Pia.


„Heute habe ich deine Tochter getötet, Pia.“ Eine tiefe Stimme drang durch eine bleierne Decke aus Schlaf und einen bohrenden Kopfschmerz.

Sie zwang sich, die Augenlider zu heben, doch da war nur Dunkelheit. Steife Stimmbänder pressten knisternde Laute durch eine trockene Kehle. „Was –?“

„Dürres kleines Ding.“ Seine Worte klangen seltsam abgehackt und langsam, sein Atem schwer wie das Zischen eines Brennofens. „Kaum größer als meine Klinge.“ Die Stimme kicherte freudlos: ein tiefes Grollen, das Pia durch die Tür zwischen ihnen spüren konnte.

Die Dunkelheit löste sich langsam erst in verschwommene Schatten und dann in dicke Flecken aus Licht auf. Sie streckte die Hände aus und fand die kalte, leicht geschwungene Oberfläche von Wänden, die mit Metallverzierungen überzogen waren. Der Versuch, sich aufzurichten, erwies sich als zu voreilig.

„Natürlich habe ich dich bei all dieser ... Aufregung ... nicht vergessen. Hier. Ich habe dir etwas mitgebracht.“

KLIRR. Ein Stück Metall klapperte irgendwo vor ihr auf den Boden.

„Nur zu. Eine Erinnerung an das, was du verpasst hast“, sagte die Stimme.

Zögernd griff sie nach dem Gegenstand. Ein flaches Bruchstück, an einer Seite vollständig geschmolzen und an der anderen voller tiefer Kratzer. Leicht. Kalt. Sich durch ihre Berührung nur kaum erwärmend, aber mit tiefen, präzis angelegten Reliefs an der intakten Seite. Eine Titanlegierung, die wegen ihrer Hitzebeständigkeit und Formbarkeit gern in Luftschiffen der Renegaten verwendet wurde – auch wenn dieses Stück an einer Seite aus nichts anderem mehr als Schlacke bestand.

„Erkennst du es wieder?“, fragte die Stimme etwas zu neugierig.

Als ihre Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, konnte sie einige der Symbole erkennen und fuhr mit der Hand über den Rest. Ein ausgestanzter Wirbel unter einem spitzen Turm. Pia kannte dieses Symbol: Es schien, als wäre es erst gestern gewesen, dass Kiran und sie es sich bei ihrem Aufbruch aus Ghirapur ausgedacht hatten. Ein undichter Turm – ein Symbol für die Renegaten und für das Ghirapur, in das sie eines Tages zurückzukehren hofften. Doch was war das für ein Gegenstand? Ihre Finger tanzten über die Gravierungen und ertasteten die Oberfläche. Und hielten inne.

Unter dem Symbol waren die Buchstaben „K.N.“ auf eine krude, aber entschlossene Weise eingeritzt, die auf einen Handwerker schließen ließ, dem sein übliches Werkzeug abhandengekommen war. Jetzt wusste sie genau, worum es sich hierbei handelte: um einen Teil von Kirans letztem Projekt.

Chandras Dampfkasten.

Die Muskeln zwischen ihren Rippen zogen sich zusammen, und ein plötzliches Einschießen von Blut füllte ihr die Brust mit Hitze. Ihre Hände wurden taub und ließen das Zeichen fallen.

„Oh, sieh nur!“, triumphierte die Stimme auf der anderen Seite der Zellentür. „Natürlich tust du das.

Es gibt in diesen Angelegenheiten nur wenig, was es mir wert wäre, mich daran zu erinnern“, fuhr die Stimme fort. „Aber ich erinnere mich an ihren Blick. Wie er durch die Menge huschte. Wie er meinem nicht standhalten konnte. Feige. Trotzig.“

Sie war nun beinahe wieder vollständig Herrin ihrer Sinne. Das verschwommene Licht kam von den Ätherrohren an der Decke einer kargen Gefängniszelle mit einer Gittertür. Sie war gefangen genommen worden, als das Konsulat sie und ihre Familie in einem Dorf außerhalb Ghirapurs aufgespürt hatte. Dies war nicht die Wirklichkeit, in der sie zu erwachen gehofft hatte. Geh weg. Sei ein Traum. Und diese Stimme ... Diese so vertraute Stimme ...

„Doch dann erkannte ich“, fuhr die Stimme aufrichtig begeistert fort, „dass sie nach etwas sucht. Oder vielleicht nach jemandem?“

O ja. Sie kannte diese Stimme. Die Stimme des Mannes, der ihre Familie gejagt hatte: Hauptmann Baral.

„Sie hat nach dir gesucht, Pia.“

Die Luft in ihrer Brust entfuhr ihr in einem Anfall von Empörung, obgleich sie nicht zu sagen wusste, wem diese genau galt. Ihre Hände fuhren an die Gitterstäbe und wollten Baral packen, auch wenn er ein gutes Stück außerhalb ihrer Reichweite stand. Schultern und Fäuste flogen gegen die Zellentür. Baral starrte sie ausdruckslos an, das maskierte Gesicht ohne jede Regung.

„Bin wirklich ich es, der deine Verachtung verdient?“, fragte er. „Warst nicht du es, die sie hätte retten sollen? Ihr einige letzte, tröstende Worte sagen?“

Natürlich. Warum war ich nicht dort?, fragte etwas in ihr.

Er ging ohne ein weiteres Wort. Wie jedes Mal.

Als seine Schritte verklangen, war sie plötzlich sehr, sehr allein. Ihr Kiran, ihre Chandra und die Fäden ihres Lebens, die einst so eng miteinander verwoben waren, waren ihr nun entglitten und trieben unaufhaltsam von ihr fort durch Zeit und Raum. Ihre ehedem so große und lebendige Welt bestand nun nur noch aus dieser Zelle.

Baral kehrte am nächsten Tag zurück und auch am darauffolgenden. Bald war eine Woche vergangen.

„Sie hat nach dir gesucht, Pia.“

Die Worte waren nun nur noch Klänge für sie – erkennbar, aber bewusst in die Bedeutungslosigkeit gezwungen. Sie stählte sich, um das erste Mal mit ihm zu sprechen.

„Hast du nichts Besseres zu tun, als eine trauernde Witwe heimzusuchen? Ich habe nichts mehr, was du mir noch nehmen könntest. Du hast gewonnen. Kannst du mich nun nicht in Ruhe lassen?“

„Nalaar, unsere Stadt hat sich seit jeher über den Fortschritt definiert. Wir alle bringen Opfer, um ihr Wohlergehen über unser eigenes zu stellen“, sagte Baral.

„Wir alle“, fuhr er mit scharfer Stimme fort, „außer dieser Handvoll Eigensüchtiger, die es wagen, ihre eigenen Interessen über die der Stadt zu stellen. Es bringt mir ... Freude, euresgleichen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Euch jedes noch so kleine bisschen eures einfältigen Trotzes bereuen zu lassen.“

Pia hob mit einem kalten, mitleidigen Lächeln den Kopf. „Dann hast du mich eines Besseren belehrt, Leutnant. Mir ist doch noch etwas geblieben, und es wird niemals dir gehören.“

Er lachte, wenngleich auch schriller als zuvor, und ging durch den Gang voller Zellentüren davon.

Es dauerte beinahe eine Woche, bis er zurückkehrte.

„Sie hat nach dir gesucht, Pia“, sagte Baral wie schon so viele Male zuvor.

Pia antwortete langsam und vermied es, ihn anzusehen. „Und ich werde zu ihr zurückkehren, wie auch zu allen anderen dort draußen, damit sie erfahren, was du getan hast. Und zu dir, Leutnant.“

Ihre Hände waren nun stark und ruhig – stark genug, die winzige, verzierte Ätherlampe aus ihrer Zelle mit einer beunruhigenden Geschwindigkeit und einer ebensolchen Treffsicherheit durch die Gitterstäbe in Richtung von Barals Gesicht zu schleudern.

Mit einem instinktiven Knurren riss er einen Ellenbogen hoch, als die Lampe ihn im Gesicht traf und seine Maske mit einem hallenden Scheppern zu Boden fiel. Ein leuchtend blaues Gleißen erwachte zum Leben, umhüllte seinen Körper und füllte den Gang des Dhunds mit Licht aus. Nur wenige Wimpernschläge, nachdem es aufgetaucht war, verschwand es wieder und hinterließ eine Reihe tanzender Punkte in Pias Blickfeld. Es war viel zu hell und unstet gewesen, um irgendeine Art von Äther zu sein. Nein, das war etwas völlig anderes.

„Du bist ein ... Magier?“ Pia schnappte nach Luft. Abgesehen von der Pyromagie ihrer Tochter hatte sie nie einen Magier gekannt. Magie und Magiewirker waren nicht nur selten, sondern wurden stärker reglementiert und beobachtet als der Äther selbst.

Ein langes, tiefes Zischen erklang von der anderen Seite der Tür. Das Geräusch war um so vieles leiser und um so vieles menschlicher, als es unter dieser Maske gewesen war. Pia eilte zu den Gitterstäben und spähte hinaus.

Barals unmaskierter Blick fuhr nach oben und traf den ihren. Unter der Maske wand sich eine Ansammlung aus dickem Narbengewebe über seine Züge. Einige davon waren noch immer rot und geschunden. Die starken und vielleicht sogar schönen Konturen seines Gesichts waren zerschlagen und geschmolzen.

„Dein ... Was ist mir dir geschehen?“

Bild von Anthony Palumbo

Baral hielt inne, als er die Klammern der Maske wieder schloss. „Das Schicksal ist selten gerecht, Nalaar.“ Sie sah mit zögerlicher Faszination zu, wie die angespannten, verkrümmten Muskeln in seinem Gesicht an den Worten arbeiteten. „Die Dinge, die darüber bestimmen, wozu wir werden, werden in dem Augenblick festgelegt, in dem wir auf die Welt kommen. Die Glücklicheren unter uns werden als Helden geboren. Doch einige von uns sind entstellt – gefährliche Abweichungen vom Lauf der Natur. Vielleicht sehen sie sogar so aus und handeln auch so wie der Rest von euch, der uns aus den Schatten heraus bedroht.“

Als er die Maske wieder befestigt hatte, zog er sich vorsichtig die Kapuze über den Kopf. „Ich selbst habe mich mit meiner Natur abgefunden: Weder verberge ich mich, noch lasse ich zu, dass andere sich vor den Urteilen zu verbergen suchen, die über sie gefällt wurden. Dies ist mein Schicksal: das Ausmerzen solcher verborgenen Gefahren und sie ans Licht zu bringen und der Gerechtigkeit zu übergeben.“

Jede Spur von Sorge schwand dahin. „Es ist dir bestimmt, deine eigenen Dämonen niederzuringen, indem du kleine Kinder jagst?“

„Kinder?“ Er stieß ein freudloses Lachen aus. „Natürlich. Wessen Fähigkeiten ließen sich besser für selbstsüchtige oder fehlgeleitete Zwecke missbrauchen. Im Übrigen spielt das Alter kaum eine Rolle bei einer natürlichen Veranlagung für eine verbrecherische Neigung – du selbst bist dafür der lebende Beweis.“

Seine Stimme wurde leise und er beugte sich mit einem anklagenden Flüstern den Gitterstäben entgegen. „Du wolltest wissen, was geschehen ist. Dein Kind. Dein Kind ist geschehen, Nalaar. Dies ...“ Er drückte das Gesicht an die Stäbe und strich mit den Fingern über die Maske. „Dies ist das Werk deines Kindes.“

Pia lehnte sich so nah an ihn heran, wie sie nur konnte. „Nichts könnte eine Mutter stolzer machen.“

Baral warf sich mit einer solchen Wucht gegen das Gitter, dass Pia davon zurückgeschleudert wurde. Kalte Entschlossenheit zügelte ihre Wut. Allein in der samtenen Dunkelheit der Dhund-Zelle schloss sie die Augen und lauschte dem langsamer werdenden Pochen ihres Herzens ...

... und begann, Pläne zu schmieden.


Bild von Tyler Jacobson

Jahre später und weit entfernt vom Dhund öffnete Pia Nalaar die Augen und blinzelte ins Sonnenlicht, während sie ihre Schutzbrille an der Rückseite ihres abgetragenen Handschuhs sauber wischte.

Die Jahre waren wie im Flug vergangen. Jahre, in denen Pia eine wachsende Schar aus Erfindern, Tüftlern, Künstlern – Bürgern aus allen Teilen Kaladeshs – um sich versammelt hatte, die den zunehmend engeren Griff des Konsulats um die Stadt und den lebenswichtigen Äther aufdecken und anprangern wollten. „Renegaten“, wie das Konsulat sie nannte, geboren aus der sturen Leidenschaft, jenes Gefühl von Heimat, das sie sich alle gemeinsam aufgebaut hatten, irgendwie zu bewahren.

Eine ausgewählte Gruppe dieser Renegaten hatte sich heute auf einem der vielen reich verzierten und bunten Dächer hoch über dem Viertel eingefunden. Unter ihnen war die Stadt ein lebendiges, nie ruhendes Ding, voll von schillernden Strömen aus dem glänzendem Messing der Konstrukte, die dort entlanghasteten. Banner und Herolde kündeten laut von der Erfindermesse, deren Ausstellungsstücke sich in einer geradezu schwindelerregenden Ansammlung aus Formen und Farben auf dem großen Platz zusammendrängten. Und in nur wenigen Augenblicken würden die Renegaten ihr eigenes, nicht genehmigtes Schaustück auf dem Messegelände enthüllen.

Ein lauter Knall und der beißende Geruch nach Rauch erweckten Pias Aufmerksamkeit. Sie blickte gerade rechtzeitig über die Schulter, um zu sehen, wie der junge Lehrling Tamni am Rand des Dachs aufschrie und drohte, das Gleichgewicht zu verlieren.

Pia griff nach Tamnis Arm, um sie festzuhalten, und spähte nach unten: Der fast fertiggestellte Thopter des Lehrlings war von gelbroten Flammen umhüllt. Das Messing schlug Blasen und verzog sich.

Pia erstickte die Flammen rasch mit ihrem Handschuh und warf den Thopter zum Abkühlen in eine Ecke des Daches. „Nur ein kleines Feuer. Kann ich dir mit irgendetwas helfen?“, fragte sie Tamni mit einer hochgezogenen Augenbraue.

Tamni entrollte hastig einen Bauplan und fingerte an einer Reihe von Messinstrumenten herum, die sie vor sich ausgebreitet hatte. „Alles ist doch an seinem richtigen Platz, oder? Ich habe vorhin alles überprüft. Ehrenwort! Ich weiß, dass uns die Zeit davonläuft, aber ... ich schaffe das schon!“ Sie biss sich auf die Unterlippe, während sie fieberhaft das Diagramm überflog.

Asche und Schlacke, sie hat recht – es ist fast so weit! , sagte Pia zu sich selbst. Sie schob den Gedanken jedoch beiseite und legte Tamni ermutigend einen Arm um die Schultern. „Es ist schon gut. Sie wollten, dass du hier bist. Ich bin sicher, du hast das schon hundert Mal gemacht!“

„... Ich, ähm, würde jetzt nicht unbedingt sagen, hundert Mal, ja? Ich meine, ich kriege das schon hin, aber ...“

Pia starrte sie an.

„Ich bin mir sicher! Ich meine, ich war mir sicher?“ Tamni scharrte beschämt mit den Füßen. „Ich habe bei meiner Erfahrung vielleicht ein wenig ... übertrieben, um hier sein zu können.“

Bild von Ryan Pancoast

Pia schlug sich in Gedanken mit der Hand vor die Stirn.

„... Ich habe gehört, der Erste Renegat hätte hier die Leitung! Das musste ich sehen!"

Pia konnte hören, wie sich die anderen um sie herum unbehaglich rührten. Sie warf ihnen ein zuversichtliches Lächeln zu und gab ihnen ein Zeichen, das sagte: „Wir kriegen das hin. Gebt uns nur einen Augenblick.“

Pia hob Tamnis Kinn und ahmte den elterlich-stählernen Blick ihres Vaters nach. „Du schaffst das schon, aber wir müssen uns sputen. Denke an das, was du gelernt hast: Die Schöpfungen eines Flinkschmieds können uns nicht verraten, was nicht mit ihnen stimmt, wenn wir ihnen nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken.

Diese Werkzeuge“, sie deutete auf das Ätherometer, die Druckschläuche, die Periodizitätsregler, „verraten uns nur einen Teil dessen, was wir wissen müssen. Diese Werkzeuge“, sie berührte Tamnis Hände, „kennen viele Teile der Maschine aus Erfahrung und dank ihres Gespürs. Sie nehmen Druck, Hitze, Bewegung, Größe – alles auf einmal – wahr. Versuch‘s mal. Gib ihm etwas Energie.“

Tamni führte der Maschine nervös etwas Äther zu: Die seitlichen Propeller erwachten zum Leben, doch der Heckrotor blieb bewegungslos.

„Hör genau hin. Was hörst du?“, fragte Pia.

Der Lärm des Rotors war ein vertrautes, hohes Heulen über dem regelmäßigen Klackern von Zahnrädern. Tamni drückte ihr Ohr an seine verzierte Seite. Unter den normalen Rhythmen lauerte ein Basston im Hintergrund. „Irgendetwas ist da verschoben und dreht sich nicht gleichmäßig.“

Tamni legte die Hand flach auf den hinteren Lüftungsschlitz. Irgendetwas drehte sich zu langsam und nicht im Einklang mit dem Rest der Vibrationen. Eine lose Ätherleitung hatte sich im Getriebe verfangen und war gerissen, wodurch flüchtiger Äther aus der Maschine austrat und die Rotoren überhitzen ließ.

„Wenn wir das Metall jetzt neu zurechtbiegen“, ermutigte sie Tamni, „müssen wir sorgsam auf seine Bewegungen achten. Das Filigran, das durch das Auftreffen von Äther auf Metall entsteht, wird durch eine komplexe und oftmals auch flüchtige Reaktion gebildet.“ Pia öffnete das Ventil an ihrem Äthertank und leitete Tamnis Hand mit ihrer eigenen an.

„Aber du wirst seine Muster lernen, selbst wenn du sie noch nicht vollkommen verstehst“, sagte Pia. „Achte auf seine Bewegungen und passe dich ihm an, so wie es sich dir anpasst. Die Dinge werden nicht immer so sein, wie du sie brauchst oder haben willst, aber wir müssen sie dennoch so gut formen, wie wir können. Denn dann zeigen sie sich uns in ihrer besten Form.“

Tamni nickte eifrig. „Natürlich, ja. Ich wünschte, das hätte man uns in der Werkstatt gelehrt!“

Dies sind hart erkämpfte Lektionen, die nur die Zeit lehren kann, dachte Pia ironisch.

Das matte, oxidierte Metall wölbte sich und bäumte sich unter dem hellen Leuchten des Äthers auf. Dieser teilte sich zu einem Netz aus strahlenden, blauen Tentakeln auf, die pulsierten, als wären sie lebendig, und beim Abkühlen eine glänzende neue Oberfläche freigaben.

Tamni sah genau zu, wie ein Stück des Messings sich in sich zusammenrollte. Ein bremsender Schub mit ihrem Ätherbrenner brachte es an seinen richtigen Platz. Der Rotor erwachte zu schwirrendem Leben und hob den winzigen neuen Thopter auf frisch geformten Flügeln in die Luft.

Die junge Erfinderin atmete seufzend aus.

Fast fertig. Jetzt war Pia an der Reihe.

Schutzbrille runter, Ätherventil auf – und schon erreichte das kühle Prickeln des Äthers die Spitzen von Pias Flinkschmiede-Handschuhen. Von der anderen Seite des Daches wurde ihr ein Messingzylinder zugeworfen, der mit einem satten Geräusch in ihrem Handschuh landete. Ein geborgener Motorzylinder – der würde sehr gut passen.

Ihre flinken Hände flogen mit sanftem Druck über seine Oberfläche, während der Äther langsam aus ihren behandschuhten Fingerspitzen strömte und sich das Messing gierig um die feinen, vom Äther geformten Muster wand. Die Bewegungen des Metalls waren sprunghaft und unberechenbar, während der Äther sich darum schlang.

Pias Gedanken rasten. Ihre Entwürfe passten sich in Sekundenbruchteilen den wilden Bewegungen des Äthers an. Bald hatte sie ein zentrales Gehäuse geformt, das eine Ätherphiole für den Antrieb mehrerer Rotoren umschloss, dann durchscheinende Flügel aus Metallgeflecht zur Navigation und schließlich Greifärmchen, die die Ladung festhalten konnten. Als Pia ihre Konstruktion beendet hatte, begann diese, sich aufzublähen und von innen heraus zu verfestigen – wie die Flügel eines Insekts, nachdem es aus seinem Kokon geschlüpft war. Bald vibrierte die Luft vom wilden Surren der Flügelschläge des neuen Thopters.

Bild von Svetlin Velinov

Eine Turmuhr schlug die Stunde, und die spitzen Giebel um sie herum drehten sich lautlos auf ihre neue Position, um sich dem nachmittäglichen Passantenaufkommen optimal anzupassen.

Genau zur richtigen Zeit.

Eine schwere, schwielige Hand legte sich auf ihren Arm. Pia drehte sich um und sah einen stämmigen, älteren Mann in der glänzenden Rüstung aus Messing und Gold eines Leutnants des Konsulats. Oder zumindest sah er auf den ersten Blick so aus.

„Venkat!“, rief sie aus und schlug ihm mit der Faust gegen die Schulter. „Was zur ... Du kannst dich doch in diesem Aufzug nicht einfach so an Leute anschleichen!“

„Die Uniform scheint also zu funktionieren, meinst du nicht?“, sagte Venkat und machte sich nicht die Mühe, ein schelmisches Grinsen zu unterdrücken, während er versuchte, sich die Taubheit aus dem Arm zu schütteln. Einst war er ein hochrangiger Befehlshaber der Streitkräfte des Konsulats gewesen, doch seine Abneigung gegen immer striktere Regularien gegen jene Bürger des Bronzeviertels, die er eigentlich zu beschützen geschworen hatte, hatte seiner Gehorsamkeit schließlich den Garaus gemacht. Er war vor kaum einem Jahr unerwartet an der Schwelle von Pias Werkstatt aufgetaucht – einem Ort, den er im Laufe seiner vielen Jahre im Dienst des Konsulats stets verborgen gehalten hatte.

„Außerdem bin ich nur einer von vielen, die weise genug sind, auf dich zu vertrauen“, fügte Venkat hinzu und nickte mit dem Kopf in Richtung der auf dem Dach versammelten Menge.

„Und auf mein Vertrauen in Halunken wie dich“, sagte Pia lächelnd. Stolz wallte in ihr auf, als sie die vertrauten Gesichter auf dem Dach musterte – es handelte sich bei ihnen um nicht minder geachtete Handwerkskünstler, Visionäre und Schöpfer wie sie. Für alle Welt hätte es einfach ein gewöhnlicher Nachmittag sein können, an dem man schwatzend um die Werkbänke herumstand, die Luft voller Unterhaltungen und dem Geruch dampfenden Tees. Sie hatten die Last der schärferen Restriktionen des Konsulats gemeinsam geschultert und ihre schwindenden Vorräte an lebenswichtigem Äther zusammengelegt, der die geschäftigen Werkstätten, Küchen und Krankenhäuser ihres Viertels am Leben hielt.

Die Renegaten hoben die Hände als Zeichen ihrer Bereitschaft: Es war Zeit.

„Meine Freunde und Nachbarn!“, rief Pia ihnen zu. „Wir sind heute nur aus einem Grund hier – um uns gegen das auszusprechen, was wir gesehen haben, und Antworten auf das zu erhalten, was getan wurde.“

Die Gesichter um sie herum nickten ernst. So wie sie alle darunter zu leiden hatten, wie rar der Äther gemacht worden war, so teilten sie die Empörung darüber, was man Pia und ihrer Familie angetan hatte.

„Heute ist für viele ein Tag zum Feiern“, sagte sie und beschrieb einen weiten Bogen mit der Hand über die Stadtlandschaft unter ihnen. „Seit ihrer Gründung stellte die Erfindermesse den innovativen Geist unserer Stadt stets an erste Stelle. Doch für viele von uns sind die Feierlichkeiten in diesem Jahr etwas ganz anderes. Die Messe wird mehr und mehr von Lieblingsprojekten zur Ätherumleitung des Konsulats beherrscht. Für mehr Sicherheit ... und Waffen!“ Unmut erklang aus der Menge, und Fäuste reckten sich gen Himmel.

„Und in der Zwischenzeit sind wir zum Ziel ebenjener Regierung geworden, die geschworen hat, uns zu beschützen!“ Nickende Köpfe schauten ihr aus der Menge entgegen.

„Sie haben den Himmel selbst abgesperrt, um euch, Nadya und Kari, davon abzuhalten, euren eigenen Äther zu sammeln!“ Die beiden Äthersammler tauschten einen Blick aus und hoben gemeinsam die Fäuste.

„Und was ist mit der Gießerei der Hammerfausts? Das Konsulat nahm ihnen ihren Äther weg, und nun ist die Gießerei stillgelegt und leer!“ Drei Renegaten in schwerer Kleidung reckten Pia die Hämmer entgegen.

„Viprikti, deine Familie war gezwungen, ihr Heim zu verlassen, als Äther aus ganzen Häuserblöcken im Bronzeviertel abgesaugt wurde!“ Ein hochgewachsener, alter Mann zog ernst die Schutzbrille über die Augen.

„Es ist nicht länger die Aufgabe unserer Anführer, ihre Bürger zu unterstützen, sondern sie verfolgen nur noch ihre eigenen Interessen. Doch nun, Freunde, Renegaten, geben wir ihnen unsere Antwort. Ihr alle habt euch großzügig daran beteiligt, dies hier möglich zu machen, und ich bin stolz, es auch dem Rest der Stadt präsentieren zu dürfen. Lasst uns genauso stolz, furchtlos und unnachgiebig sein wie jene, die glauben, sie könnten unseren Freigeist ersticken!“

Pia ließ die Hand nach unten fahren, und vier Renegaten in Schutzbrillen erwiderten das Signal. Sie beugten sich über den Rand des Dachs und ließen ihre Thopter auf den Platz unter ihnen hinabschwirren.

Die Maschinen schossen durch die Luft zu gegenüberliegenden Seiten des Platzes. Es waren beinahe hundert an der Zahl. Sie formierten sich über den Zelten der Messe zu einer gewaltigen Säule aus glitzerndem Metall, die beinahe so hoch aufragte wie die größten Gebäude der Stadt.

Das melodische Summen mechanischer Flügel erfüllte die Luft und die Gesichter in den Zelten unter ihnen wandten sich schlagartig nach oben. Messebesucher grinsten und deuteten auf das Spektakel, während mechanische und menschliche Wachen des Konsulats auf die Straßen strömten.

Als sich das Metall der Thopter erhitzte, wechselte ihre Farbe von Gelb über Grün zu sattem Blau und Violett, ein Schauspiel aus Form und Farbe, das einer mechanischen Aurora glich. Sie umkreisten einander und bildeten ihre Säule zu einem spitzen Kegel über einer Wellenlinie um: der undichte Turm.

Erfinder und Schaulustige in der Menge jubelten gleichermaßen. Dieser Auftritt war derart imposant, dass er sogar der Aufmerksamkeit der Preisrichter würdig war. Die Thopter sanken sanft zu Boden und zeigten dabei die Eleganz von Akteuren auf einer Bühne, die sich ein letztes Mal vor ihrem Publikum verneigten. Unter ihnen versammelten sich Dutzende Automaten des Konsulats und streckten die Hände nach ihnen aus.

Oben auf dem Dach klammerte sich Tamni an die Brüstung, bis ihr die Fingerknöchel weiß wurden.

„Das gehört alles zum Plan“, versicherte ihr Pia, legte ihr eine Hand auf die Schulter und warf Venkat ein strahlendes Lächeln zu.

Über den Automaten schwebend erstrahlte der Thopterschwarm in einem grellen, blauen Leuchten, als er seinen Äther in einem langen Impuls ausstieß. Der plötzliche Energieschub flutete in die identisch gefertigten Automaten hinein und erzeugte Funken aus konzentriertem Äther. Die Maschinen fielen wie eine Reihe von Dominosteinen in sich zusammen.

„Die Gefahren der Massenproduktion ...“, flüsterte Venkat Pia grinsend zu.

Eine lebhafte, unpersönliche Stimme erklang durch die Lautsprecher unter ihnen: „Guten Tag, Bürger! Dies ist eine Routineüberprüfung der Notfallerkennungssysteme. Dieser Bereich des Messegeländes ist hiermit offiziell geschlossen. Sämtliche Fußgänger und Züge werden während der Wartungsarbeiten um dieses Gebiet herumgeleitet. Wir bedanken uns für Ihre Aufmerksamkeit und hoffen, Sie haben Ihre Zeit heute hier genossen!“

Pia nickte ihren Gefährten auf dem Dach zu.

„Ihr solltet mehr als genug Zeit haben, ins Bronzeviertel zurückzukehren, bevor die Wachen zurückkommen. Passt auf euch auf, und solltet ihr in Schwierigkeiten geraten, dann verwendet einfach das Notsignal und Venkat wird euch zu Hilfe kommen.“

Die anderen grinsten und nickten ihr zu. Sie umarmten und beglückwünschten einander noch rasch, ehe sie sich auf den Weg machten. Sie ließen sich an den Seiten des Turms herab, jedoch nicht, ohne ihr Zeichen zu hinterlassen.

Bild von Viktor Titov

Pia schwang sich vom Dach auf einen Fenstersims. Ihre geschickten Handwerkerhände fanden leicht Halt an den verzierten Wänden. Sie machte einen Satz von einem Gebäude zum nächsten, bevor sie sich an einem Spalier auf die Straße unter ihr herunterhangelte.

Etwas Wildes und Leichtfertiges strömte ihr durch die Adern, während sie durch die Stadt eilte und grüne Schals und graue Haarsträhnen hinter ihr her wehten.

Im Schatten der hohen Türme der Stadt begann ein großer, vermummter Mann sich mit einem Mal geschickt einen Weg durch die Menge zu bahnen. Zwei weitere Passanten folgten ihm.


Die weichen Sohlen von Pias Stiefeln trugen sie lautlos über das Kopfsteinpflaster, als sie die Stufen des Äther-Knotenpunkts des Bronzeviertels erreichte. Hier konnte sie mühelos in eine der vielen Nebenstraßen verschwinden und unter die hohen, geschwungenen Skulpturen abtauchen, die den Platz zierten. Ein stolzes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Eine schwere Hand legte sich auf ihren Arm. Selbst durch ihren Ärmel strahlte die Hand eine Eiseskälte ab, die ihrem Körper alle Wärme zu entziehen schien.

„Venkat, bitte! Ich hatte dich doch schon einmal gebeten –“

Sie wandte sich um, doch dort stand nicht Venkat, sondern ein großer Mann mit Kapuze, dessen gelbrote Gesichtsbemalung ihn als den Obersten Preisrichter des Erfinderwettstreits auswies. Die Hand, die nach ihrem Arm gegriffen hatte, war eine massive Klaue aus dunklem Metall, das aus dem Ärmel des Mannes hervorragte und das selbst sie nicht erkannte. Seine Rüstung ahmte die Muster und Formen von zwei Automaten nach, die ihn flankierten: das helle, polierte Gold und Messing des Konsulats. Neben ihm stand der vornehme Inspektionsminister Dovin Baan höchstselbst. Und eine Elfe, hochgeschossen und mit grünen Augen, die sich verwirrt umblickte.

„Endlich habe ich Sie gefunden, Erste Renegatin“, sagte der vermummte Mann und richtete die metallische Hand auf sie wie eine Waffe. „Glauben Sie, dass Ihr kleines Spektakel meine Messe auch nur im Geringsten schert?“

Seine Messe?! Pia kochte vor Zorn. Das ist unsere Stadt!

„Wir werden Sie aufhalten, Oberster Preisrichter. Wenn nicht heute, dann eines Tages, der sehr bald kommen wird“, herrschte sie ihn an.

Eine bleiche, in fließende Seide gekleidete Frau mit einem goldenen Kopfschmuck erschien gegenüber dem Obersten Preisrichter. „– Tezzeret“, fauchte sie.

Sein Kopf fuhr nach oben. Zähne blitzten auf. „Vess“, gab er mit tiefer und vor Zorn brodelnder Stimme zurück.

Dann tauchte neben der Frau eine weitere Gestalt auf, schwer gerüstet und außer Atem. Sie strich sich ein Gewirr aus wildem, feuerrotem Haar aus dem Gesicht –

Eine Woge der Erinnerungen spülte über Pia hinweg.

... Chandra?

Älter zwar, aber unverwechselbar. Ihr kleines Mädchen, jetzt sogar größer noch als Kiran, das sich mit jauchzendem Gelächter und affenhafter Geschwindigkeit auf die Schultern seiner Eltern geschwungen hatte, während sie durch die Gärten des Grünviertels gestreift waren. Auf dem Markt hatte sich seine warme Handfläche in die Pias gedrückt, ehe es davongehuscht war, um auf eine kleine Erkundungsreise zu gehen. So gierig, Teil jener Ziele zu sein, denen seine Eltern ihr Leben gewidmet hatten – trotz ...

Trotz der Gefahr.

„... Mutter?“ Eine Stimme, winzig und zerbrechlich, ganz anders als ihre eigene. Glut formte sich in ihrem Augenwinkel, wurde vom Wind erfasst und flog davon.

Eine Gefängniszelle. Eine heruntergefallene Maske. Ein geschmolzenes Zeichen aus Metall. Ein freudloses, grollendes Lachen.

Pia schüttelte den Kopf, als wollte sie die Erinnerungen verscheuchen.

Sie hätte auf der Stelle gehen können. Einfach davonlaufen und in den vertrauten Straßen verschwinden.

Doch was war dann mit Chandra?

Was, wenn sie mittels jenes Infernos zurückgeholt worden war, das Pia in der Arena gesehen hatte? Gemeinsam mit diesem Mann, der ihrer beider Leben mit Freuden zerstört hatte?

Soldaten des Konsulats materialisierten sich zwischen ihnen und bildeten eine Mauer aus Fleisch und Metall – mit Pia, Dovin und Tezzeret auf der einen Seite und der bleichen Frau, Chandra und der Elfe auf der anderen.

Chandra warf sich in den Wall aus gepanzerten Soldaten und rief etwas, was Pia über das Klirren metallener Schritte nicht verstehen konnte. Ihre Tochter wich wie beiläufig einem Hieb eines der Automaten aus und tauchte eine Reihe der Maschinen in ein Meer aus Flammen. Die Hitze wusch wie eine brechende Welle über Pias Gesicht hinweg.

Ein Schleier wilden, mütterlichen Stolzes senkte sich über sie. Sie rieb sich die vor Hitze tränenden Augen.

„Die Pyromagierin“, stieß Baan missbilligend mit abgehackter, präziser Stimme hervor. Er deutete mit einem langen, dürren Finger auf das Kontingent Wachen an seiner Seite. „Kümmert euch darum, wenn es euch nichts ausmacht. Isolieren und eindämmen. Mechakolosse nach vorn – unter meiner Aufsicht wird es keine Verletzten geben. Seid ebenso klug, wie sie voreilig ist.“

Nein!, schrie Pia Chandra aus den engen Begrenzungen ihres Bewusstseins heraus zu. Zurück! Lass sie dich nicht erneut kriegen! Bitte!

Chandra brüllte eine vertraute Obszönität und boxte einen Mechakoloss, der brennend zurückgeschleudert wurde.

„Ah, ja.“ Baan legte den Kopf schräg. „Sie liebt ... farbenfrohe anatomische Beschreibungen.“

Pias Kinn klappte herunter. Hatte sie das von Kiran aufgeschnappt ...?

Eine Reihe schwer gepanzerter Wachen löste sich von Dovins Seite und begann, Chandra einzukreisen, während diese sich weiter in die Mitte der Konsulatsvertreter vorarbeitete. Mehrere der Wachen kippten um. Ihre Füße hatten sich in einem raschelnden Gestrüpp aus blühenden Ranken verfangen, das scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht war.

Sie musste jetzt handeln. Pia riss den Blick von Chandra los und wandte sich mit funkelnden Augen Tezzeret zu. „Mein Name ist Pia Nalaar, Anführerin der Renegaten. Ich bin bereit, dem Konsulat übergeben zu werden.“

Dovin hob eine glatte, haarlose Braue, und ein überraschtes Murmeln erklang von dem Trupp Soldaten. „Tatsächlich?“, fragte er. War dies die gefürchtete Erste Renegatin, für die sie sich alle gewappnet hatten? „Sie werden sicherlich verzeihen, dass wir Vorkehrungen für eine Gefangene Ihres ... Rufes treffen müssen.“

Unbeeindruckt winkte Tezzeret die Soldaten des Konsulats herbei. Sein Gesicht zeigte ein wölfisches Grinsen, das seine Augen nicht erreichte, deren Blick unverändert berechnend blieb. „Natürlich. Zeigt dieser Verbrecherin ihre neuen Räumlichkeiten“, sagte er und wedelte mit der Hand in Pias Richtung. Hände griffen nach ihren Handgelenken, um die sich filigrane Fesseln schlossen.

„Hochsicherheit?“, fragte Baan hoffnungsvoll.

„Was auch immer Sie für angemessen halten“, sagte Tezzeret ungeduldig. „Und was die anderen angeht ...“

Bild von Tyler Jacobson

„Pia Nalaar“, intonierte einer der Soldaten. „Hiermit werden Sie der Autorität des Konsulats überstellt. Ihnen werden die folgenden Verbrechen zur Last gelegt: Zerstörung von Regierungseigentum, Gründung einer Verschwörung gegen die Regierung, Störung der öffentlichen Ordnung, unziemliches Verhalten, Verletzung der Ätherverteilungsrichtlinie –“

Chandras Rufe kamen noch immer näher – bald würde sie von der wachsenden Zahl an Soldaten umringt sein. Sie musste sie irgendwie aufhalten.

„Du hast Körperverletzung vergessen!“, sagte Pia und trat dem Soldaten neben ihr in den Bauch. „Und die Ätherverteilungsrichtlinie war ein entsetzlicher Schwindel“, fügte sie hinzu und ließ die gefesselten Hände wie einen Hammer auf einen anderen Soldaten niederfahren.

Sofort schlossen sich die Hände um ihre Arme wie Schraubstöcke und begannen, sie fortzuzerren.

Durch die Reihen der Soldaten hörte Pia, wie die bleiche Frau Chandra zurief: „Sie haben sie! Du kannst das jetzt nicht riskieren. Wir müssen weg!

Pia erschlaffte, während die Türme des Bronzeviertels, die Renegaten, die ihre neue Familie geworden waren, und die Tochter, die sie verloren geglaubt hatte, allesamt aus ihrem Blickfeld verschwanden.

Bild von Tyler Jacobson

Ein Rückzug war nie Lilianas bevorzugte Reaktion.

Sie hatten einen Großteil der Wachen des Konsulats in den dicht bevölkerten Straßen abgehängt und fanden sich nun allein in einer der Gassen Ghirapurs wieder. Hier gab es nur ein paar Kuriositätenhändler und eine ältere, in leuchtend grünblaue Roben gekleidete Frau, die deren Waren durchstöberte. Das Chaos des Handgemenges hatte sich gelegt.

Chandra saß am Fuß einer staubigen Treppe zu einer Wohnung. Sie hatte die Knie ans Kinn gezogen und das Gesicht in den alten Schal vergraben, den sie oft um die Hüfte trug. Schweigend. Liliana hatte sie seit einer Weile nicht mehr so lange schweigen sehen – in aller Regel bedeutete das, dass sie schlief.

Nissa stand in einiger Entfernung und fühlte sich wahrscheinlich schrecklich respektvoll, wie sie da so den Mund hielt und sich mit schlanken Fingern die Schläfen massierte.

Liliana ging mit zum Zerreißen gespannten Nerven vor den beiden auf und ab. „Dieser Mann mit dem Metallarm – ich kenne diesen Mann. Er ist –“

Sengend heiß blitzten Erinnerungen vor ihrem geistigen Auge auf. Jace, dessen Rücken hässliche weiße Narben von einer Manaklinge zierten. Ein Zurückzucken im Dunkeln und Tränen in den Augen, als sie mit den Fingern darüber strich.

Sie fuhr zusammen, als ihre eigenen juwelenbesetzten Ringe mit einem metallischen Misston aneinanderschepperten. „Er ist ... gefährlich“, murmelte sie und zwang ihre Fäuste, sich zu öffnen. „Seine Gegenwart hier ist ... Das kann kein Zufall sein.“

Nissa wandte ihren Blick der Nekromagierin zu. Ihre grünen Augen glühten mit kaltem Vorwurf. „Warum seid ihr ohne ein Wort fortgegangen? Um euch einfach so in Gefahr zu bringen? Ihr habt Glück, dass ich euch gefunden habe!“

Lilianas Lippen verzogen sich, als sie eine verächtliche Handbewegung in Nissas Richtung machte. „Tezzeret ist eine größere Bedrohung, als du dir je vorstellen könntest.“ Sie hob herrisch den Blick und sah Nissa an. „Und achte auf deinen Ton. Ich bitte nicht um Erlaubnis oder Verzeihung.“

Nissas grüne Augen verengten sich. Grünes Feuer erschien am Ende ihres Stabes. Liliana entging dies nicht. Umgehend glättete sie ihre Züge zu einer Maske distanzierter Nonchalance.

„Warum bist du überhaupt hier?“ Liliana vollführte eine ausladende Geste in der heißen Nachmittagsluft, die die ganze glitzernde Welt Kaladesh einschloss. „Habt ihr etwa abgestimmt, während wir fort waren? ‚Wächterregel Nummer Soundso viel: Keine Heimkehr ohne schriftliche Genehmigung‘?“ Sie spähte erwartungsvoll zu Chandra hinüber, doch die Pyromagierin ließ durch nichts erkennen, dass sie sie überhaupt gehört hatte.

Nissa indes hatte sie gehört. „Hast du sie die ganze Zeit provoziert?“, fragte sie bestürzt. „Ich dachte, du ... Ist es das, was du unter Freundschaft verstehst? Du ... Ungeheuer. Ich hoffe, du bist jetzt zufrieden!“ Die Elfe richtete sich vor Liliana zu voller Größe auf und rammte das Ende ihres Stabes auf das Kopfsteinpflaster. Die grünen Funken, die von den Enden sprühten, schien sie nicht zu bemerken.

Es war Jahrhunderte her, dass jemand ihr gegenüber diesen Ton angeschlagen hatte – und oft genug war es das Letzte gewesen, was jemand je getan hatte. Doch Liliana hatte Pläne. Pläne, für die sie mächtige Verbündete brauchte. Stattdessen stand sie nun unerfindlicherweise einer wütenden Elfe gegenüber, die interdimensionale Ungeheuer tötete, und dem, was eben noch ein entzückendes wandelndes Pulverfass gewesen war und sich nun aber in ein Häuflein Mutlosigkeit verwandelt hatte.

Die Nekromagierin zuckte angesichts Nissas anklagendem Blick die Achseln. „Wir sind doch hier alles erwachsene Frauen. Chandra kann tun, was ihr beliebt.“

Ungeheuer, ja?

Die Worte brodelten in ihrem Verstand. Genau das, was am tiefsten traf.

„Sie ist vor dir davongelaufen“, flüsterte sie der Elfe zu. „Du bist ihr nicht gefolgt – also kam sie zu mir.“

Nissas gerötete Wangen stachen deutlich aus ihren grünen Gesichtszeichnungen hervor. Sie öffnete den Mund, doch kein Wort kam über ihre Lippen.

Sie hatte schon immer eine besondere Gabe besessen.

„Wenn das alles ist, was du zu sagen hast, dann habe ich mich jetzt wichtigeren Fragen zu widmen.“ Liliana drehte sich auf dem Absatz um und warf gekonnt ihr Haar zurück. Sie hinterließ den Geruch von Lavendel und das Rascheln von Röcken.

Von ihrem Platz auf der Treppe aus hob Chandra den Kopf und versuchte, sich mit der Rückseite ihres Handschuhs übers Gesicht zu wischen. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, als sie aufstand.

„Ich ... Ich wollte dableiben ...“, sagte Chandra, als sie das Gesicht aus dem Schal hob. Nissa streckte die Hand nach ihr aus, aber Chandra ergriff sie nicht.

„Ich gehe spazieren“, murmelte sie und stolperte auf die Straßenhändler zu. Nissa eilte ihr nach.

Die Frau in der Robe am Stand des Händlers schloss ihren Kauf ab und legte dann eine tröstende Hand auf Chandras gepanzerte Schulter.

„Es scheint, du hattest einen harten Tag, meine Liebe“, sagte sie sanft und warf den beiden Planeswalkern ein einladendes Lächeln zu.

Chandra nickte ihr zu und schniefte laut. Ihr gelang ein vages Lächeln, als sie die Hand der Frau drückte. Da war etwas Tröstliches und Vertrautes in ihrem Gesicht.

Die Frau in der Robe zog ein reich besticktes Taschentuch hervor und drückte es der Pyromagierin in die Hand. Chandra vergrub das Gesicht darin und wischte sich die Tränen ab. Es roch nach Tee mit einem Hauch von Maschinenöl und nach ... Zuhause.

„So ist es gut. Trockne deine Tränen ...“, sagte die ältere Frau leise, während Chandra sich die Augen zu Ende abtupfte und sich in das Taschentuch schnäuzte.

„Wir müssen stark sein“, fuhr sie fort, die Stimme plötzlich stählern und klar, „wenn wir deine Mutter finden und sie vor den Soldaten des Konsulats retten wollen, Chandra.“

Chandra blickte auf und in ein Gesicht, das sie nun erkannte. „Frau Pashiri?“

„Es ist eine Weile her, dass ich dich das letzte Mal gesehen habe, Kind“, sagte Oviya Pashiri, während sie die wirren Haarsträhnen aus Chandras Stirn strich und die Pyromagierin an ihre Schulter zog. Gemeinsam bahnten sich die drei ihren Weg durch die verschlungenen Straßen Ghirapurs, tief hinein in das Gewirr geheimer Laufgänge, in dem Frau Pashiri sich bestens auskannte.


Kaladesh-Storyarchiv
Planeswalker-Profil: Chandra Nalaar
Planeswalker-Profil: Liliana Vess
Planeswalker-Profil: Tezzeret
Planeswalker-Profil: Nissa Revane
Weltenbeschreibung: Kaladesh

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