Die Hand, die alles bewegt

Veröffentlicht in Magic Story on 26. April 2017

Von Ken Troop

Ken Troop is a designer and writer at Wizards of the Coast. He has written the short story "Five Brothers" for the Shadowmoor anthology and has written "Talrand, Sky Summoner" and "The Consequences of Attraction" for Uncharted Realms.

Was bisher geschah: Diener

Nissa entdeckte Hinweise auf Amonkhets Vergangenheit – und damit auf eine Geschichte, die von Nicol Bolas gleichsam überschrieben wurde. Nun sucht sie beim Gott des Wissens nach Antworten, in der Hoffnung darauf, dass Kefnet ihr erklären kann, was es mit dem trügerischen Anschein auf sich hat, der das wahre Wesen dieser Welt verbirgt.


Nissa wanderte auf einem Streifzug durch die Hölle leere Straßen entlang.

Wald
Wald | Bild von Titus Lunter

Die meisten ihrer Sinne beharrten darauf, wie wunderschön die Stadt war. Riesige Palmblätter raschelten leise in sanften Brisen, klares Wasser murmelte in Teichen und Brunnen, Vogelsang zirpte und trällerte in harmonischen Kontrapunkten. Verlockende Düfte waberten durch die Luft. Frisch gebackenes Brot hier. Lilien und Jasmin dort.

Wenn man schaute und lauschte, wähnte man sich im Paradies. Doch wenn Nissa die Augen schloss und ihrem Gespür für Mana freien Lauf ließ, fiel dieses Paradies in sich zusammen.

Die Leylinien von Amonkhet – das Fleisch und das Gerippe dieser Welt – waren verkümmert. Für gewöhnlich waren sie endlose Stränge aus pulsierendem Mana, doch auf dieser Welt waren sie in dieser dekadenten Stadt gebündelt. Hier hinter dieser Barriere waren sie dick und stark.

Doch diese Stärke hatte ihren Preis. Ein dunkler, giftiger Strang war mit den Leylinien verflochten. Dies war nicht die alles abtötende Korruption der Eldrazi. Dieser Strang verfügte über eine Lebenskraft, die den Eldrazi abging. Die pochende Finsternis wand sich um und durch das Mana hindurch, eine Würgeschlange, die ihre Beute erstickte.

Nissa öffnete die Augen, und das Paradies tauchte wieder auf. Das Grün, das Wasser, die Vögel. Sie schloss erneut die Augen. Die schlüpfrige Schlange, die ihre Opfer erwürgte. Der Widerspruch zwischen Schönheit und Grauen zwang sie beinahe in die Knie. Sie öffnete und schloss die Augen ein weiteres Mal. Die raschen Wechsel übten einen starken Reiz, aber auch Übelkeit aus.

Sie setzte ihren Streifzug fort, unterbrach ihn jedoch gelegentlich, um die Augen zu schließen und einen raschen Blick auf das Grauen zu werfen. Ihr Magen und ihr Kopf begehrten auf. Die Qual wuchs, doch Nissa gab ihr nicht nach. Sie musste Kefnet finden. Den Gott des Wissens. Sie brauchte Antworten.

Als sie das nächste Mal die Augen aufschlug, starrte der Gott sie an.

Der große Kopf eines Ibis blickte ihr unverwandt aus Augen entgegen, die niemals blinzelten. Der lange Schnabel deutete unmittelbar auf sie, durch sie hindurch, auf ein grauenhaftes Schicksal, das nicht weniger furchtbar war, nur weil es noch im Unbekannten lag. Sie sackte zu Boden, ihres Willens angesichts der Gegenwart dieser grausamen Gottheit beraubt.

Sie blinzelte. Ein Mal, zwei Mal. Es war eine Statue. Nur eine Statue. Kefnet, der Gott des Wissens. Welchen Zweck hat Wissen in einer Welt wie dieser? Hinter allen Schleiern ist Verderbnis. Nichts als Verderbnis. Sie erhob sich langsam und umständlich. Ihr Magen und ihr Kopf waren nach wie vor nicht zur Ruhe gekommen.

Unter dem gewaltigen Steinkopf und den grausam starrenden Augen schwang ein Paar großer Kalksteintore auf. In den Schatten jenseits der Schwelle erstrahlte ein blaues Leuchten.

Ein Gruß. Eine Einladung. Sie trat nach vorn in das blaue Licht.


Sie fand sich in einer kleinen Vorhalle wieder, in der ein kühles blaues Licht aus einem größeren Raum am anderen Ende den glatten Stein von Wänden und Boden umschmeichelte. Die Tore schwangen leise hinter ihr zu, das Licht von draußen erlosch, und Nissa war erleichtert, nicht mehr dem betörenden Anblick der Stadt ausgesetzt zu sein. Ein junger Mann in bleichen Roben stand hinter einem hölzernen Pult und schlug die Seiten eines Buches um. Während Nissa dort stand, blätterte er noch einige Seiten weiter, ein schmales Lächeln im Gesicht, obwohl er kein Wort sprach.

„Verzeiht ...“, setzte sie an, unsicher, was Sitte und Anstand in dieser Lage vorschrieben. Wenn sie unter Leuten war, war sie sich dessen nie sicher.

Der junge Mann hob den Kopf. Sein Lächeln verschwand. „Schweigt, Geweihte! Ihr wisst doch ...“ Seine Stimme verlor sich, als er Nissa näher musterte. Sie spürte ein unbeholfenes Tasten am äußersten Rand ihrer Gedanken, und dank ihrer Vertrautheit mit Jace und dessen Telepathie erkannte sie die Empfindung als die Versuche eines Neulings in dieser Kunst, Einblick in ihr Inneres zu erhalten. Der zaghafte Vorstoß endete, ohne etwas Brauchbares aufgestöbert zu haben.

„Ihr ... Ihr ... seid nicht von hier“, brachte der junge Mann schwach zustande.

„Ich bin hier, um mit Kefnet zu sprechen“, sagte sie mit mehr Zuversicht, als womöglich angebracht war. Doch die Götter schienen sich frei in der Stadt zu bewegen, und ihr Volk sah ihre Gegenwart als etwas Gegebenes an. Warum sollte es bei Kefnet anders sein?

Die Augen des jungen Mannes schlossen sich und blieben auch geschlossen, da Nissa seine Aufmerksamkeit scheinbar verloren hatte. Sie hatte diese Kammer für eine Art Zuflucht vor der strahlenden Täuschung der Stadt gehalten, doch nun wurde sie sich gewiss, dass es nirgends Zuflucht gab. Nichts auf dieser Welt ergab einen Sinn; nichts war so, wie es hätte sein sollen.

Vielleicht bringe ich die Verderbnis mit mir.

Der Gedanke erschreckte sie. Zuvor hatte sie die Verderbnis, gegen die sie auf Zendikar, auf Innistrad und nun auch hier angekämpft hatte, stets als äußeren Feind eingeordnet. Eine Finsternis von außen, die es zu bezwingen galt. Doch was, wenn die Finsternis in ihrem Inneren hauste?

Vielleicht widerfuhr Nissa deshalb auf jeder Welt, die sie besuchte, ein Scheitern nach dem anderen. Sie war darin gescheitert, Zendikar zu beschützen. Und sie war darin gescheitert, Emrakul zu besiegen. Selbst ihre Erfolge fühlten sich bedeutungslos an. Womöglich hatte sie dieses Schicksal verdient.

Sie brachte die Leere mit sich, um alles zu besudeln, was sie berührte.

Der kühle blaue Raum fühlte sich nun eng und stickig an. Eine wachsende Panik erwachte in ihrer Brust und schlug auf der Suche nach einem Ausweg wild um sich. Der junge Mann vor ihr setzte seine stumme Zwiesprache fort, das Haupt gesenkt. Sie machte einen vorsichtigen Schritt auf den größeren Raum am anderen Ende der Vorhalle zu, dessen blaues Licht sie lockte.

Der junge Mann schlug die Augen auf. „Es wurde Euch gestattet, Euch an der Prüfung des Wissens zu versuchen. Es gibt drei ...“ Seine Stimme klang sonderbar angestrengt. Ein Rudel Wildhunde, das seiner Beute nachsetzte. Die Panik in ihr brach sich Bahn und machte sich jede Vernunft und jeden klaren Gedanken untertan. Nissa rannte auf den anderen Raum zu, und als der Mann sie abfangen wollte, schleuderte sie ihn gegen die steinernen Wände.

Vom kalten Boden kam ein schwaches Keuchen: „Nein ... Ihr seid nicht ... !

Es war das Letzte, was sie hörte, ehe sie sich in das blaue Licht stürzte.


Der Engel stieg vom Himmel herab. Er flog mit weit ausgebreiteten Schwingen zwischen den beiden Sonnen, und gleißendes Licht umspielte seine vollkommene Gestalt. Er schlug die geschlossenen Augen auf, und Schlangen fielen aus ihnen heraus. Sich windende braune Leiber, die aus leeren Höhlen hervorquollen. Ein Schwingenschlag. Der Engel kam näher, während weiter Schlangen auf den kargen Boden fielen und zischend über die vertrocknete Erde krochen.

Der Engel öffnete den Mund, und der Himmel verdüsterte sich. Sturmwolken ballten sich hinter ihm zusammen.

„Ich kann alles tun, was ich will. Alles. Denke daran.“

Der Engel kam näher ...

Nissa erwachte mit einem Schrei und bereits kühl gewordenem Schweiß auf der Stirn. Emrakul.

Damals auf Innistrad hatte das Ungeheuer ihren Körper übernommen. Doch diese Worte waren nicht nur die Emrakuls. Sie waren auch die Nissas.

Wo bin ich? Sie ... war auf der Suche gewesen. Nach jemand Bestimmtem. Da hatte es einen Raum gegeben. Sie betrachtete den Raum, in dem sie sich nun befand. Es war ein anderer Raum als zuvor. Eine spartanische Liege, eine zerschlissene Decke. Nissa strich mit der Hand über den alten Stoff, dessen raue Fäden erstaunlich scharf waren. Mit einem leisen Winseln zog sie die Hand zurück. In der Mitte ihrer Handfläche prangte eine lange, dünne, rote Linie. Blut begann, aus dem Schnitt zu tropfen. Die Decke war so scharf, dass sie ihr die Haut aufgeritzt hatte. Weitere Linien zeigten sich auf ihrem Körper. Winzige Spalten, die rot erblühten. Der Schmerz war beachtlich. Die Decke raschelte über ihr, zerschnitt sie, wieder und wieder ...

Nissa erwachte mit einem Schrei. Wo bin ich? Der Traum war grässlich gewesen. Irgendein Ungeheuer mit winzigen Zähnen und Klauen, das an ihr gezerrt hatte ... Sie schüttelte den Kopf. Irgendetwas stimmte nicht. Sie schaute sich auf ihrem Bett um, doch es war, als befände sie sich unter Wasser. Sie konnte nichts klar in den Blick nehmen. Sie schüttelte den Kopf, um gegen die Verschwommenheit anzukämpfen, doch es nutzte nichts.

Eine schleichende Lähmung kroch ihr langsam das Rückgrat hinauf. Es fühlte sich an, als wären ihr Arme und Beine am Bett festgeleimt oder von einer unerbittlichen Macht dort verankert worden. Irgendetwas stimmte nicht. Sie schloss die Augen, und sie spürte die Unwirklichkeit, die sie umgab. Sie musste sich daraus befreien.

Ich kann alles tun, was ich will. Alles. Denke daran. Ihre Worte. Meine. Ein grüner Lichtblitz durchzuckte sie und löste ihre Lähmung. Sie schwebte in der Luft, getragen von ihrer wachsenden Macht. Was kann ich tun? Nein, das war die falsche Frage. Was kann ich nicht tun? Die Macht schwoll an. Die schlichte Hülle ihrer Haut war nicht mehr länger imstande, sie noch in sich zu bergen. Das Fleisch brutzelte und riss, doch das scherte Nissa nicht. Ihre Macht hielt sie am Leben.

Das ist mein Schicksal. Sich in der Macht zu verlieren, im süßen Rausch der Energie und der Leylinien. Die Macht wuchs, brannte ...

Nissa erwachte mit einem Schrei. Da war ein Licht gewesen. Ein grünes Licht. Etwas Fürchterliches war geschehen, doch als Nissa versuchte, sich daran zu erinnern, tanzte der Traum von ihr fort und entzog sich der Berührung durch ihre Erinnerung. Es war fürchterlich gewesen – dessen war sie sich sicher.

Das ist falsch.

Nissa fuhr zusammen. Da war eine Stimme gewesen. Eine Stimme in ihrem Kopf. Sie hatte wie ihre eigene Stimme geklungen und doch irgendwie abgespalten. Sie schaute sich gehetzt um, während die Wände Schatten zu bluten begannen. Die Schatten flossen von den Wänden herunter und näherten sich ihr, indem sie geschmeidig an sie heran glitten. Nissa wusste, dass ihre Berührung den Tod oder Schlimmeres bedeuten würde. Nissa schrie nach den anderen, doch es war kein Laut zu hören.

Das ist falsch.

Es war wieder ihre Stimme. Nissa schloss die Augen. Sie konnte die Unwirklichkeit spüren, die sie umgab. Sie beschwor Macht ...

Halt. Ich muss mir Einhalt gebieten. Reagiere nicht. Denke.

Nissa hatte keinen Grund, der Stimme zu vertrauen, doch sie tat es. Sie holte langsam Atem und konzentrierte sich darauf, wie ihre Brust sich anfühlte, als sie die feuchte Luft in sich hinein sog. Sie atmete aus und ließ die Luft über sich hinweg strömen. Sie spürte, wie Muskeln sich lockerten und weiteten.

Ich bin gefangen.

Als sie es aussprach, wich ein Teil des Nebels in ihrem Verstand. Sie war in den blauen Raum hineingerannt. Die Prüfung des Wissens hatte es der Akolyth genannt. Selbst jetzt spürte sie die Illusionen und Phantasmen um sich herum lauern und ihren Geist mit ihrem widerlich süßen Ruf liebkosen. Es hatte einen Albtraum nach dem anderen gegeben, und der eine war immer sogleich in den nächsten hineingeflossen.

Sie holte erneut tief Luft. Das ist Magie. Mächtige Magie. Sie erschauerte, als sie darüber nachdachte, welch ewigem Albtraum sich jeder unvorbereitete Geweihte gegenübersah, der bei dieser Prüfung scheiterte. Doch so mächtig die Magie war, bestand sie dennoch aus Leylinien. Und Nissa durfte sich mit Fug und Recht eine gewisse Meisterschaft zusprechen, was den Umgang mit ihnen anging.

Einen Großteil ihres Lebens war Nissas Begreifen und Bearbeiten der Leylinien eine Frage des Instinkts gewesen. Doch jedes Mal, wenn sie sich hier drinnen auf ihren Instinkt verlassen hatte, war sie in einem Albtraum gefangen geblieben. Sie brauchte mehr als Instinkt. Sie musste ein tieferes Verständnis erlangen.

Sie betrachtete die magische Struktur um sich herum genau, ihre Form und ihre Anmutung, die Art, wie die Leylinien miteinander verwoben waren, um einen derart grauenhaften und alles durchdringenden Effekt zu erzeugen. Sie staunte über die Stärke und das Geschick, die nötig waren, um eine solche Falle zu bauen. Es überstieg alles, was sie je getan hatte, bei Weitem. Und doch.

Dort. Im Gewebe der sie umgebenden Magie gab es eine winzige Lücke. Klein, aber wahrnehmbar. Nissa zupfte an dem Mana, die Augen weiter geschlossen und sich einzig auf ihr Gespür für Magie verlassend. Sie zog und zerrte an der Öffnung und weitete sie mit jeder Bewegung.

Die Illusionen um sie herum nahmen an Intensität zu: Sie riefen ihren Namen, bettelten sie an, doch bloß die Augen zu öffnen, damit sie Freuden und Schrecken und Wahrheit und Spinnereien sah – alles, was immer sie wollte, einzig zum Preis eines kleinen Zuckens im Augenlid. Sie hielt die Lider fest geschlossen, und als die Öffnung in ihrem Kerker groß genug war, trat sie hindurch.


Sie schwebte in einem luftigen, blauen Himmel. Nein, ein Himmel war das nicht ganz. Eine blassblaue Leinwand, die leer war und darauf wartete, mit Sinn und Bedeutung gefüllt zu werden. Noch mehr Illusionen, aber Nissa spürte einen gewissen Eindruck von Kontrolle – von Wachheit –, der ihr während der Albträume entgangen war. Unter sich sah Nissa die Überreste der Albtraumfalle – Wirbel von dunklem Purpur, die so viel Schrecken hervorgerufen hatten.

Und nun konnte sie die Illusionen durchschauen und die Architektur der Magie darunter erblicken. Sie schaute bis auf den innersten Grund dieser Prüfung des Wissens, die so grausam angelegt war.

Ich will sehen. Ich will mehr sehen.

Sie ließ die Illusionen um sich herumwirbeln, immer heftiger und schneller. Ein Rhythmus durchdrang die Kammer, der im Gleichtakt ihres Herzens schlug. Sie schloss die Augen. Sie schaute.


Eine dunkle Schlange, geflügelt und giftig, warf ihren Schatten auf die Wüste. Die Schlange war riesig – größer als eine Eiche, größer als ein ganzer Eichenwald. Ihr Schatten bedeckte die gesamte Welt.

Der Schatten sprach, und seine Stimme donnerte über die leere Wüste. „Sie wollen mir meine Macht wegnehmen. Sie wollen mir wegnehmen, was mich zu mir macht. Das werde ich nicht dulden.“

Der Schatten der Schlange wand sich um die Welt.

„Für das, was ich brauche, würde ich jede Welt aussaugen. Ich würde jede einzelne von ihnen verschlingen. Doch den Anfang mache ich hier.“

Der Schatten zog sich eng zusammen. Die Welt schrie. Nissa schrie.

Die Szene zerfiel und floh vor all dem Schmerz.

Nissa schaute hinauf ins All zu den Sternen. Acht Sterne. Acht Sterne in einem groben Kreis angeordnet und gleich weit voneinander entfernt, die den gesamten Nachthimmel erhellten.

Eine dunkle Linie, die irgendwie selbst vor dem schwarzen Firmament zu sehen war – eine Linie, die in Finsternis erstrahlte – , kroch zwischen die acht Sterne. Die Linie krümmte sich und wand sich mal hierhin, mal dorthin und erbebte, ihr Pochen ein gellender Schrei. Als die Linie sich nicht mehr rührte, war sie eine auf der Seite liegende Acht, eine Schlange, die ihren eigenen Schwanz fraß. Sie umfing alle acht Sterne, von denen jeder verzweifelt gegen den dunklen Vorhang anfunkelte, der sich nun so dicht an ihn schmiegte.

Drei der Sterne erloschen. Ihr Erzeugen von Licht und Wärme fand ein Ende. Ihre Leben wurden ausgelöscht.

Doch Nissa konnte noch immer Bewegung sehen, wo zuvor diese drei Sterne gewesen waren. Da waren keine Sterne mehr, nur noch drei dunkle Risse im Firmament. Drei dunkle Köcher, die über ihre ganz eigene Energie und ihren ganz eigenen Zorn verfügten und die nun in einem bösartigen Takt pulsierten.

Die fünf verbliebenen Sterne bewegten sich und änderten ihre verzerrte Anordnung, um der schattenhaften Linie Rechnung zu tragen, die sich durch ihre Konstellation zog. Ihr neuer Umriss gemahnte an ein Paar Hörner.

Die Szene wechselte, Illusionswirbel huschten umher, um die Leinwand erneut zu bemalen.

Plumpe, in weißes Leinen gewickelte Gestalten gruben gebückt im rauen Sand. Mumien wurden sie genannt. Die Gesalbten. Hunderte, Tausende der Mumien hoben eine tiefe Grube aus und förderten ein blaues Erz zutage. Wagenladungen des Erzes schlängelten sich in einem langen Zug auf die Stadt zu.

In weiterer Entfernung hielten drei kleine Kinder vor einer Barriere an. Die wunderschöne Stadt auf der einen, die harsche Leere der Wüste auf der anderen Seite. Die Kinder tuscheln untereinander. Sie schauen sich um, schauen einander an. Unsicher. Ein Kind zwängt sich hindurch. Die anderen beiden folgen. Alle drei werden vom hungrigen Sand verschlungen.

Eine neue Szene.

Nissa sah einen jungen Mann, dessen Gesicht ausgelöscht war und der in einem Garten voller Statuen umherirrte. Hoch droben über dem Mann setzte eine wachsende Wolke aus Zwielicht der Sonne zu. Von irgendwoher außerhalb des Gartens erklang ein mächtiges Gebrüll.

Szenenwechsel.

Nissa sah eine Welt, dann Dutzende von Welten, Hunderte von Welten. Tausende. Sie sah diese Welt – die Welt Amonkhet – und die dunkle, gewundene Linie, von der sie umfasst war. Die Linie erstreckte sich zurück zu all den Welten – zu all diesen Tausenden von Welten –, und Nissa sah eine ununterbrochene Linie der Finsternis, die von Amonkhet ganz bis zum Anfang reichte.

Szenenwechsel.

Eine große goldene Scheibe – geformt wie eine Sonne und einer solchen nachempfunden – senkte sich vom Himmel herab. Die Sonnenscheibe näherte sich einer großen, runden Steintafel, die mit sonderbaren Schriftzeichen bedeckt war, und die beiden Scheiben verschmolzen zu einer einzigen goldenen Scheibe. Risse taten sich in der goldenen Scheibe auf, anfangs noch klein, dann immer breiter werdend. Die Scheibe zerfiel weiter, bis nichts von ihr blieb.

Die Szenen wechselten nun schneller – kaum war ein Bild geformt, wurde es auch schon vom nächsten abgelöst. Eine erlöschende Fackel. Eine defekte Uhr mit einem sauberen Blatt. Ein mumifizierter Kopf, der nach hinten blickend auf einem mumifizierten Körper saß. Ein gespaltener Baum, dessen Harz in den Boden sickerte. Ein zerschlagener Schild, die glänzenden Metallteile zerstückelt und in alle Winde verstreut.

Sie schloss die Augen vor dem Ansturm, doch die Bilder taumelten ihr weiter durch den Kopf, sodass sie sich in der Luft schwebend krümmte. Ein fallender Drache. Von metallischem Blau überzogene Riesen, die durch Straßenzüge stapften. Ein gewaltiger Lichtblitz, der eine Welt verschlang.

Ein Engel, der vom Himmel herabstieg.

Nissa öffnete die Augen, und der Engel setzte seinen Abstieg fort. Es war der Engel aus ihrem Albtraum. Der Engel, der sie an Emrakul erinnerte.

Die Augen des Engels waren offen, doch anders als im Traum waren da keine Schlangen, nur leeres Weiß. Er landete vor Nissa.

„Was vertändelst du so viel Zeit? Ich habe dir die Wege der Macht gezeigt. Nutze sie.“ Die Stimme des Engels war melodiös und wie eine kühle Brise. Wunderschön. Und so wunderschön, wie Amonkhet wunderschön war, unter dem nichts als Grauen lauerte.

Nissa versuchte, ihre Macht heraufzubeschwören, doch nichts geschah.

Ich kann alles tun, was ich will. Alles.

Nur stimmte das nicht. Sie stand einfach nur wie angewurzelt da, als der Engel mit seiner wunderschönen Stimme fortfuhr.

„Bist du nur ein Bauer? Oder eine Königin?“

„Wer bist du?“, schrie Nissa. Sie wusste, dass er nicht Emrakul sein konnte, die Welten entfernt in Silber gefangen war. Er war nur eine Illusion, eine weitere Schöpfung hervorgebracht durch die Magie und ihre eigenen Gedanken. „Verschwinde einfach! Geh!“ Nissa senkte gequält den Kopf. Ein heftiger Schmerz erwachte in ihrem Schädel. Sie schloss die Augen, doch der Engel blieb klar und deutlich vor ihr sichtbar, was immer sie auch tat.

„Nissa Revane. Bist du ein Bauer oder eine Königin?“

„Ich ... Ich weiß es nicht. Ich will nur ...“

„Nein!“ Die Stimme des Engels wurde kalt und harsch. „Das ist die falsche Frage! Bauern, Königinnen – das sind alles immer noch nur Spielfiguren. Alles nur Spielfiguren, die darauf warten, dass man sie zieht. Dass man sie bewegt.“

Der Engel fasste nach Nissas Kinn. Sachte hob er Nissas Kopf an, um ihr Gesicht zu betrachten. Es lag keine Liebe in seinem Blick, doch er war dennoch tröstlich. Der Schmerz in Nissas Schädel wich.

„Hör auf, eine Figur in diesem Spiel zu sein, Nissa. Sei die Hand, die alles bewegt.“ Es gab ein lautes Grollen hinter ihnen. Der Engel schaute über Nissas Schultern, und sein Blick änderte sich. Ohne irgendein Wort des Abschieds schwang sich der Engel zum Himmel auf und war bald nur noch ein kleiner Punkt in weiter Ferne.

Eine neue Stimme donnerte. „Wer macht ein Gespött aus meiner Prüfung?

Nissa schaute auf. Ein riesiger Ibis stand vor ihr, gehüllt in blaue Roben mit goldenem Saum, einen langen, klingenbewehrten Stab in der einen Hand. Er hatte den stechenden, beinahe grausamen Blick seiner Statue vor seinem Tempel. Doch das war keine Statue. Es war der Gott Kefnet selbst.

Er sah missgelaunt aus.


Nissa hatte Eldrazititanen und Dämonenmagiern gegenübergestanden, doch noch nie zuvor hatte sie sich derart von schierer Macht überwältigt gefühlt wie nun in der Gegenwart des Ibisgottes.

Ihre Gedanken und sogar ihr innerstes Selbst kämpften angesichts Kefnets um ihren Zusammenhalt – ein verzweifeltes Mühen wie das eines Haufens Laub, der sich einem Sturm zu widersetzen trachtete.

Wer bist du, Sterbliche?“ Gedanken und Erinnerungen wurden ihr ohne jede Rücksicht auf ihre eigenen Wünsche aus dem Kopf gepflückt, und der Vorgang drohte, ihren Geist zu zerstreuen wie Löwenzahnsamen, die über einer Wiese verteilt waren. Widerstand war zwecklos. Sie versuchte, den Sturm zu reiten, um es irgendwie auf die andere Seite zu schaffen.

Ich verstehe. Und du dachtest, du könntest hierherkommen? Um Antworten zu erlangen?“ Nissa vermochte weder den Tonfall des Gottes noch seine Miene zu deuten – sie wurde aus nichts mehr in ihrer Umgebung schlau. Ihre gesamte Konzentration war darauf ausgerichtet, nicht völlig auseinanderzufallen. Es war ein Kampf, den sie verlor.

Ich habe eine Antwort für dich, Sterbliche. Eine der ältesten Antworten. Wissen ist keine Gabe. Wissen muss man sich verdienen. Nur die, die seiner würdig sind, haben Wissen verdient.“ Kefnets Berührung lastete noch schwerer auf ihren Gedanken. „Die Unwürdigen verdienen nichts. Die Auflösung ist mein Akt der Güte dir gegenüber. Lieber ein Nichts als unwissend sein.

Sie fiel auseinander. „Nein ...“ war das einzige Wort, das sie zustande brachte. Sie dachte an das Übel von Nicol Bolas und daran, wie er Kefnet und die anderen Götter korrumpiert hatte, doch jeder Gedanke, der in ihr aufstieg, wurde sofort von Kefnets Berührung verstümmelt. Er schien nichts von Bolas‘ zersetzender Berührung seiner eigenen Essenz zu wissen – oder sich nicht daran zu stören.

Selbst jetzt noch konnte sie die göttliche Essenz in ihm erblicken – jene Essenz, die aus der Welt selbst geschaffen worden war. Die korrumpierten Leylinien von Amonkhet waren dieselben Stränge der Verderbnis in Kefnet, ein eigentümlicher Verschnitt aus Macht und Bösartigkeit, der Nissas Verlangen nach der natürlichen Schönheit einer jeden Welt strikt zuwiderlief. Die Leylinien in Kefnet waren winzige Fasern und so dünn gezwirbelt, dass es leicht war, sie zu übersehen.

Der Gott des Wissens war aus Leylinien gemacht. Leylinien, die sie manipulieren konnte.

In den Wimpernschlägen, die ihr noch blieben, wob Nissa eilig einen Zauber. Eine Ladung Magie sprang aus ihren Händen hervor, benetzte Kefnets Leylinien und wurde von deren pockennarbiger Oberfläche aufgesogen. Sie leitete ihre Magie durch Kefnets Essenz.

Sie erinnerte sich daran, wie sie Zeugin der Korruption der Götter durch Bolas geworden war, und an die dunkle Doppelspirale am Nachthimmel. Sie konnte nicht ungeschehen machen, was er getan hatte, doch sie hatte einen Teil dieses Wissens genutzt, um ein eigenes kleines Muster zu erschaffen.

Sie sah den Faden, den sie wollte. Sie zog an ihm und verdrehte ihn mit einer neuen Manafaser.

Der Sturm flaute ab. Kefnet stand reglos da, während Nissas Gedanken nach und nach wieder nur ihr allein gehörten. Sie tat einen tiefen Atemzug – zitternd und sich völlig bewusst, wie nahe sie am Nichts vorbeigeschrammt war.

Du darfst jetzt gehen, Geweihte. Du hast deine Prüfung bestanden.“ Der Ibisgott schien sie kaum zu bemerken, als er zu einem anderen Ziel davonflog.

Ihr Zauber war von seinem Aufbau breit und ungeschickt gewesen. Nissa war beim Manipulieren eines Gottes noch ein absoluter Neuling. Nein, Manipulation war ein zu heftiger Begriff. Sie hatte ihn nur so weit geändert, dass er sie nicht länger zu vernichten trachtete. Und es hatte geklappt. Sie konnte noch immer atmen, leben und denken. Denkvermögen. Das ist eine Gabe. Eine, die ich dringend öfter einsetzen muss.

Und auch wenn sie noch ein Neuling war, so trug Kefnet nun doch ein Muster in sich, das sie geschaffen hatte. Einen Faden, an dem sie ziehen konnte ... obschon sie noch nicht wusste mit welchen Auswirkungen. Sie vermutete jedoch, dass eine Zeit kommen würde, da sie es herausfinden sollte. Sie hatte es satt, nur ein Bauer zu sein und ständig auf Albträume und Fehlschläge reagieren zu müssen, anstatt in diesem Spiel den anderen auch einmal einen Schritt voraus zu sein.

Und vielleicht war ihr selbst ein Dasein als Königin als Schicksal noch immer zu klein.

Sie hörte eine Stimme. Ihre eigene Stimme, klar wie eine kristallene Glocke.

„Sei die Hand, die alles bewegt.“

Nissa bannte die Illusionen um sich herum. Sie befand sich noch immer in dem gleichen Vorraum, in den sie nach dem Betreten des Tempels gelangt war, doch diesmal war er bis auf sie leer. Sie stemmte sich gegen die Tore, die zurück in die Stadt führten, und sie öffneten sich, um den Anblick der hellen, gefährlichen Welt dort draußen preiszugeben. Sie trat über die Schwelle.


Amonkhet-Storyarchiv
Planeswalker-Profil: Nissa Revane

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