Die Magosi-Stufen

Veröffentlicht in Magic Story on 21. September 2020

Von Miguel Lopez

Miguel is a writer and narrative designer whose work has most recently appeared in Lancer, by Massif Press. He is based out of the San Francisco Bay Area, CA.

Vorbemerkung: Dies ist Teil 2 einer zweiteiligen Erzählung. Schaut euch vor dem Weiterlesen also gern Teil 1 an.

Schon vor der Dämmerung war der Morgen an der Magosi-Furt warm. Dies war nicht ungewöhnlich für die Jahreszeit, doch darum nicht weniger unangenehm. Die Karawane aus zwei Dutzend Meervolk-Händlern wartete auf dem Verladehof der Furt. Den bepackten Säulenfeld-Ochsen hatte man für den bevorstehenden Abstieg die Stufen hinunter die Augen verbunden. Die Sonne erhob sich zaghaft über den fernen Horizont, und Akiri prüfte ein erstes Mal die Riemen, Gurte, Scheuklappen und Führungsseile, die die aneinandergebundenen Ochsen des Meervolks sicher nach unten befördern sollten. Für das Meervolk selbst war Zareth verantwortlich. Die Leute waren nervös, doch Zareth gab sein Bestes, sie zu beruhigen.

„Versucht, im Fluss zu landen, falls ihr abstürzt“, hörte Akiri ihn sagen, als sie während ihrer Ochseninspektion an ihm vorbeiging. Sie konnte ein Lachen nicht unterdrücken, was eine Salve besorgter Fragen des Karawanenmeisters zur Folge hatte, dem Akiri daraufhin eine weitere Viertelstunde lang Zuversicht spenden musste.

„Es kann sein, dass die Reise leichter wird, wenn du ihm auch die Augen verbindest“, sagte Zareth, der hinter Akiri ging, die zum dritten Mal die Ochsen inspizierte.

„Ich glaube, wenn ich das tue, müssen wir auf den Rest unserer Bezahlung verzichten“, sagte Akiri und zurrte einen Riemen fest. Sie prüfte die Seile, die die Kisten und Bündel voller Waren auf dem Rücken der Ochsen sicherten. „Aber leichter würde es das mit Sicherheit machen.“

„Irgendeine Ahnung, womit sie beladen sind?“, fragte Zareth.

„Willst du, dass ich rate, oder willst du es mir einfach sagen?“, erwiderte Akiri.

„Dieser hier trägt Früchte aus dem Landesinneren“, sagte Zareth zwinkernd. Er brachte eine Handvoll tiefvioletter Beeren zum Vorschein. „Willst du eine? Ich glaube, sie sind elfisch. Sie sorgen für einen netten Schwips. Wie Morgentee.“

Akiri hob einen Finger, um ihn zurechtzuweisen, hielt jedoch inne, als Zareth an ihr vorbei in Richtung des Karawanenmeisters nickte.

„Genug davon“, grummelte Akriri und wandte sich dann lächelnd dem Karawanenmeister zu, um ihm zu versichern, dass alles in bester Ordnung war und sie nun aufbrechen konnten, sobald es ihm gefiel. Sie beobachtete Zareth aus dem Augenwinkel, der die Ochsenreihe abging, mit den Meervolk-Händlern plauderte und lachte, hier und da kleine Anpassungen am Gurtzeug der Tiere vornahm und sich auch ansonsten lieb Kind machte. Sie hasste es, dass sie ihn so argwöhnisch betrachtete. Nicht unbedingt mit Misstrauen, denn sie kannte Zareth gut und wusste, dass sein Herz am rechten Fleck saß, aber zweifellos mit Enttäuschung. Sie beschloss, dem ein Ende zu setzen. Doch zunächst mussten sie –

Der Boden erzitterte. Ein leichtes Beben, kurz, begleitet von einem jähen Aufflammen der morgendlichen Hitze, als rückte die Sonne um einige Bruchteile näher. Die Ochsen hörten zu schnaufen und zu grunzen auf. Das Meervolk unterbrach seine nervösen Gespräche. Selbst Zareth hielt inne und suchte nach einem festen Stand auf dem bebenden Boden, während seine Hände zu den Zwillingsmessern an seiner Hüfte fuhren. Nach einer schwülen Dämmerung, die bis auf die blank liegenden Nerven durch und durch ruhig gewesen war, machte die Welt sich plötzlich mit Nachdruck bemerkbar. Das Beben dauerte nur Augenblicke, doch es fühlte sich an wie eine Stunde, ein Tag, ein Herzschlag.

Akiri war die Einzige, die sich nicht furchtsam umblickte, als es endlich aufhörte. Sie war zweifellos überrascht gewesen, sicher, aber sie hatte keine Angst. Ganz im Gegenteil: Wo das Meervolk mit gedämpften Stimmen über böse Vorzeichen wisperte und sich der Karawanenmeister abmühte, die Ochsen zu beruhigen, war Akiri vollkommen gelassen. Entschlossen.

Die Turbulenz – die nach der Niederlage der Eldrazi in Seetor kurzzeitig verschwunden gewesen war – war zurück. Zumindest ein Teil von ihr: Zendikars Erinnerung daran, dass der große Kampf um seinen Fortbestand nur seine Bewohner gerettet hatte, nicht aber die Welt, auf der sie lebten. Die Turbulenz ging nie etwas Unbedeutendem voraus: Sie war eine Heroldin von Zendikars unglaublicher Macht. Die Stärke der Welt selbst. Trotz aller Furcht, die beim Grollen der Turbulenz in einem erwachen konnte, hieß Akiri das Beben willkommen. Wenn man durchlebt hatte, was die Turbulenz ausmachte, verstand man das Ausmaß der Bedrohung, die vor einem lag.

Zareth schritt zu ihr herüber. Seine Hände ruhten noch immer auf dem Heft der Messer. „Ich dachte, wir hätten die Turbulenz aufgehalten“, sagte er. „Glaubst du, es wird noch schlimmer?“

„Nein“, sagte Akiri. „Sobald es vorbei ist, ist es vorbei. Weißt du nicht mehr? Wir sollten auf den Stufen in Sicherheit sein: Sie sind robust genug. Der Umara ist sicher, weshalb wir auch nur ein Beben gespürt haben.“

„Seetor?“

„Wird sehr wahrscheinlich mit einigen Flutwellen vom Halimar und dem Meer dahinter zu kämpfen haben“, sagte Akiri, „aber die Stadt wird ihnen standhalten.“

Zareth blickte zu den Mitgliedern des Meervolks und der Karawane. „Und wir? Elementare? Oder –“

Seine Knöchel um die Messergriffe wurden weiß. Ansonsten wirkte er gefasst, ruhig und gelassen.

„Nein“, sagte Akiri. Sie streckte die Hand aus und löste mit einer leichten Berührung Zareths Hände von seinen Waffen. „Die Turbulenz ist vorbei. Lass auch du sie vorüberziehen“, sagte sie. „Alles, was wir jetzt tun müssen, ist, die Stufen hinabzusteigen und uns auf den Weg nach Korallenhelm und dann nach Seetor zu machen.“

Zareth nickte und atmete aus. „Danach setzen wir unsere Arbeit fort.“

„Danach setzen wir unsere Arbeit fort“, wiederholte Akiri. Sie blickte an Zareth vorbei auf die Angehörigen der Meervolkkarawane, die sich um ihren Anführer drängten und leise, aber sichtlich angespannt auf ihn einredeten. „Seht ihr, wie wenig von dem Beben uns hier erreicht hat?“, rief sie zu ihnen hinüber. „Der Weg nach unten, den wir nehmen werden, ist in denselben Fels geschlagen worden. Ihr habt nichts zu befürchten.“

Das Meervolk verteilte sich zwischen die Ochsen und tuschelte untereinander. Der Anführer näherte sich Akiri und Zareth.

„Das war die Turbulenz“, sagte er. „Nicht nur ein Erdbeben. Du spürst es auch, nicht wahr?“, fragte er Zareth. Der Anführer des Meervolks fasste sich an den Kiefer. „Diesen Klang hier. Vor dem Beben.“

Zareth nickte. „Ich habe es gespürt“, sagte er. „Es tat weh, aber es kam mir nicht vor, als wäre es richtig schlimm gewesen.“

„In jedem Fall“, sagte Akiri zu dem Karawanenmeister, „ist dies der Ort auf Zendikar, an dem man am sichersten ist. Von hier bis nach Seetor befinden wir uns auf festem Boden. Unsere größte Sorge ist die Hitze.“

„Und etwaige Räuber“, unterbrach Zareth sie. „Über die kann man sich auch ruhig besorgt zeigen.“

Der Karawanenmeister zuckte zurück.

„Er macht nur Witze“, sagte Akiri. Sie funkelte Zareth an. „Dir und deinen Leuten wird nichts geschehen, und wir bringen euch sicher nach Korallenhelm, bevor die Sonne untergeht.“

Der Blick des Meervolk-Anführers wanderte zwischen ihnen hin und her. Akiri setzte eine zuversichtliche Miene auf und Zareth lächelte. Der Karawanenmeister schüttelte den Kopf und stapfte davon, um sich um seine anderen Pflichten zu kümmern.

Kurz darauf brach die Karawane auf. Die Ochsen trotteten einer nach dem anderen den ersten Abschnitt des langen Serpentinenpfades hinab.

Trotz des dichten Gedränges der Karawane erlaubte es das Rauschen des Magosifalls Akiri und Zareth, sich auf den Stufen ungestört zu unterhalten.

„Das war ziemlich übel“, sagte Akiri. „So etwas habe ich seit dem großen Kampf um Zendikar nicht mehr gespürt.“

„Mein Gesicht fühlte sich an, als wollte es bersten“, sagte Zareth und rieb sich den Kiefer. „Ich kann es diesen Leuten nicht verdenken, dass sie Angst haben“, sagte er. „Bei den Tiefen! Sogar ich mache mir deswegen ja Sorgen.“

Akiri rückte ihre Haken und Seile zurecht. „Bleib wachsam, Zareth“, sagte sie. „Ich glaube nicht, dass dieser Tag einfach werden wird.“

Da sie beide die Turbulenz schon durchlebt hatten, wussten sie um ihr Wesen. Wie bei einem Körper, der sich vor Fieber schüttelte, war sie Zendikars Antwort auf einen tieferen Schmerz. Obwohl sie entsetzlich sein konnte, war sie nicht die Bedrohung. Die Turbulenz war eine Warnung.

Der Magosi stürzte in die Tiefe. Die Stufen führten immer weiter hinab. Die Karawane, Akiri und Zareth setzten ihren Weg nach unten fort und verschwanden in der wirbelnden Gischt, die vom Magosifall aufstieg und die Stufen in einen dichten, warmen Nebel hüllte.

Zareth San, der Trickser | Bild von: Zack Stella

Stockend kam die Karawane zum Stehen – irgendwo oberhalb der halben Strecke auf den Stufen, keine Stunde nach Beginn der Reise. Hier waren die Nebel des in die Tiefe hinabstürzenden Magosi allgegenwärtig und durchnässten Mensch und Tier gleichermaßen. In diesem Hochsommer war das, was eigentlich alles hätte kühlend benetzen sollen, eher ein feuchtwarmer, stickiger Dunst, der den Blick jenseits der Serpentinen versperrte. Bei Höhenwind war der Ausblick atemberaubend: Die gesamte Weite des unteren Umara-Flusstals, das sich vom Magosi dorthin wand, wo es sich in den Halimar ergoss, und selbst das ferne Licht Seetors jenseits des Binnenmeeres waren zu sehen. An einem seltenen windstillen Tag wie diesem troff Wasser in kleinen Rinnsalen die Felswand hinunter, in die die Stufen gehauen waren. Auf der gegenüberliegenden Seite ließ eine Wand aus Nebel nur den Blick bis zur nächsten Spitzkehre zu. Die Ochsen ächzten und schnauften, und ihre Treiber taten ihr Bestes, sie ruhig zu halten. Das Tosen des Wasserfalls war nicht zu überhören und den Karawanenleuten zweifellos ebenso unbehaglich wie den Ochsen.

Akiri ging am Ende der Karawane und unterhielt sich mit einem der Männer vom Meervolk über Korallenhelm und die dortige Küche aus Fisch, Hai, Seetang und Krustentieren. Genau das, was man in einer Meervolk-Siedlung erwarten würde, aber dennoch anders als irgendwo sonst, wie ihr ihr Gesprächspartner versicherte. Sogar besser als die Delikatessen Seetors, da die Heimat des Mannes näher an der Quelle lag. Akiri willigte gerade ein, einen bestimmten Stand aufzusuchen, den der Ochsentreiber ihr empfahl, als sie von irgendwo weiter vorn Zareth ihren Namen rufen hörte. Mit einer Entschuldigung beendete sie ihre Unterhaltung und eilte dorthin, wo Zareth neben einem gestürzten, wehklagenden Ochsen hockte und mit dem Karawanenmeister und dessen Gefolge sprach. Die Kreatur lag quer über einer engen Spitzkehre, versperrte den Weg und hinderte die gesamte hintere Hälfte der Karawane am Weiterkommen.

„Hat sich ein Bein gebrochen“, sagte Zareth. Er hielt Akiri ein Stück Stein hin. „Sieht nach losem Geröll aus. Ist wahrscheinlich bei all der Nässe hier verwittert.“

Akiri ächzte und nahm Zareth den Pflasterstein ab. „Armes Ding.“

„Mmm“, sagte Zareth. Er blickte den Ochsen mit grimmigem Mitgefühl an. „Sie werden ihn von seinem Leid erlösen müssen. Wegtragen können sie ihn auf keinen Fall.“

Zareth hatte den Satz noch nicht zu Ende gebracht, da bestätigten die hängenden Schultern des Karawanenmeisters auch schon seine Vermutung. Der Meister sprach mit seinem Gefolge und wies es an, damit zu beginnen, die Fracht vom Rücken des Lasttiers zu entfernen. Entschuldigend drehte er sich zu Akiri und Zareth um. Hinter ihm bewegte sich einer seiner Leute zum Kopf des Ochsen und brachte das Tier mit einem schnellen, kräftigen Schnitt zum Schweigen.

„Wir müssen seine Last auf die anderen Ochsen verteilen“, sagte der Anführer, „und dann den Kadaver zur Seite schaffen.“

Akiri nickte. „Tut, was ihr tun müsst, und lasst uns wissen, wie wir helfen können.“

Der Karawanenmeister dankte ihr und wandte sich dann wieder seinen Leuten zu, um Akiri und Zareth ihrer Rolle als Zuschauer zu überlassen. Die Mitglieder der Karawane sputeten sich, doch es war schon unter gewöhnlichen Umständen eine zeitraubende Angelegenheit, einen Ochsen zu entladen – einen Ochsen zu entladen, der gestürzt war und seine Last über eine schmale Serpentine auf einer Treppe neben einem donnernden Wasserfall verteilt hatte, war noch einmal etwas völlig anderes.

Zareth lehnte mit dem Rücken an der Steilwand und trank aus seiner Feldflasche. Akiri gesellte sich zu ihm und lehnte sich mit verschränkten Armen ebenfalls gegen die Wand. Sie wechselten kein Wort, sondern sahen stattdessen den Meerleuten bei der Arbeit zu.

„Du warst noch nie in Korallenhelm?“, fragte Akiri Zareth schließlich.

„Kein einziges Mal“, sagte er.

Akiri fragte nicht nach dem Grund. Das stand ihr nicht zu. Zareth bot ihr etwas von seinem Wasser an. Sie nahm einen Schluck und reichte die Feldflasche zurück.

Ein Kreischen übertönte das Tosen des Wasserfalls, Augenblicke später gefolgt von einem ganzen Chor an Schreien und dem wilden Blöken der Ochsen. Die Meerleute neben dem gestürzten Ochsen drehten sich um, begannen, zum hinteren Ende der Karawane zu fliehen, und riefen anderen zu, ebenfalls die Flucht zu ergreifen.

Akiri und Zareth lösten sich von der Wand und machten sich auf den Weg in Richtung des Aufruhrs, nur um beim Anblick dessen, was sie da vor sich sahen, zu erstarren.

Für Akiri ergab es keinerlei Sinn. Zareth hingegen wusste, um was für eine Kreatur es sich handelte, konnte es jedoch noch nicht glauben. Die Größe des Wesens, das aus dem wirbelnden Nebel aufragte … Das Wasser, das von dem, was seine Zunge sein musste, tropfte, als diese sich suchend aus dem Dunst schälte … Der dunkle Umriss des Kopfes der Kreatur, der das bereits ohnehin spärliche Sonnenlicht verdeckte und die Serpentine in tiefe Schatten tauchte. Eine Gliedmaße bewegte sich wie schwerer Rauch, der über den Boden eines brennenden Hauses kroch. Sie wälzte sich mit einer Anmut voran, wie sie derart große Dinge nur selten aufwiesen, allen Regeln trotzend, an die andere Lebewesen gebunden waren.

Akiri und Zareth bahnten sich einen Weg zu den in der Falle sitzenden und fliehenden Meerleuten, auf den umhertastenden, nackten Muskel der Kreatur zu, die im Nebel und im Tosen des Wasserfalls verborgen blieb.

„Sorge dafür, dass dieses Ding ihnen nicht zu nahe kommt“, befahl Akiri Zareth. Sie löste eine Seilschlinge von ihrem Bündel und befestigte sie an ihrem Schleuderer-Gurtzeug, bevor sie den Makindi-Haken warf, den Zareth ihr geschenkt hatte.

Zareth zog seine Zwillingsklingen. „Ich glaube nicht, dass wir dagegen kämpfen können, Akiri.“

„Wir müssen es versuchen“, sagte Akiri. Sie sammelte sich kurz, spurtete los und sprang dann von der Spitzkehre in die Luft und in die Nebelschwaden, um sich dem, was dahinter wartete, entgegenzuwerfen.


Wie hätte Akiri das Ungeheuer, das hinter dem Nebel lauerte, jemals beschreiben können? War seine schiere Masse in Gedanken zu fassen? Die Menge an Zähnen, die sein Maul säumte? Es war viel zu groß. Stattdessen sah sie nur Fragmente der zuckenden Bestie und wusste, dass diese eine Art Schlange sein musste, so gewaltig wie der Fluss, in dem sie sich verborgen hatte.

Das herabstürzende Wasser des Magosifalls zerstob zu Dampf, kaum dass es den sehnigen Leib des titanenhaften Geschöpfs berührte. Es hätte nicht in der Lage sein sollen, sich so zu bewegen und so mühelos den Wasserfall hinauf- und hinabzugleiten. Dies war eine Kreatur aus Legenden, irgendein Ding, das seinesgleichen suchte und für sich allein stand; ein Wesen wie kein anderes, ohne Gemeinschaft oder Familie. Eine Welt für sich.

War es das, wovor die Turbulenz sie an diesem schwülen Morgen hatte warnen wollen? Oder war dieses Ding, diese gewaltige Schlange, deren Körper sich Hunderte von Schritt aus irgendeinem unentdeckten Teich am Fuße des Magosifalls hinaufwand, die entsetzliche Verkörperung der Turbulenz selbst?

Die Schlange zog den Kopf von den Stufen zurück. Ihre Zunge schlang sich um zwei Menschen vom Meervolk, die noch die Hände in Akiris Richtung streckten, ehe das Ungetüm sie auch schon verschlungen hatte. War diese Schlange einfach ein Untier, das sich seit Äonen im tiefen Herzen Zendikars verborgen hatte? Oder war auch sie hier eingekerkert gewesen und wurde während des großen Kampfes um diese Welt befreit, um anschließend über sie zu kommen und sie zu quälen? War das für die Leute, die sie verschlang, von Bedeutung? Die Schlange ließ den Kopf zurück zur Spitzkehrentreppe schnellen, hungrig und auf der Suche nach mehr.

Die Antwort auf ihre Frage war völlig unerheblich, erkannte Akiri. Nur der Augenblick zählte.

Akiri schwang sich an einem verborgenen Anker entlang. Sie hatte ihren Haken in die tosende Gischt des Magosifalls geworfen und darauf vertraut, dass das alte Werkzeug irgendwo hinter dem Wasserschleier Halt finden würde. Sie behielt ihr langes Messer sicher an der Hüfte festgeschnallt – für diese Art des Seilschleuderns brauchte sie beide Hände –, und sie sah bei ihrem ersten Schwung an dem Ungeheuer vorbei, dass sie dicht an die Kreatur heranmusste, um sie zu verwunden. Die Rückseite der Schlange war mit dicker, glitschiger Haut gepanzert und von starren, speerspitzenförmigen Finnen gespalten. Das endlose Winden des Ungeheuers verbarg seinen Bauch und machte das Zuschlagen in der donnernden Wassersäule des Magosifalls unmöglich. Anders als die Schlange war Akiri noch immer an die Schwerkraft gebunden. Sie konnte an ihrem Seil fliegen, doch sie hatte keinerlei Zweifel, dass der Wasserfall sie in die Tiefe reißen würde, sollte sie in ihn hineingeraten.

Am Ende ihres Schwungs erreichte Akiri einen Felsvorsprung auf der anderen Seite des Magosifalls, etwas höher als die Serpentine, von der sie abgesprungen war. Sie presste die Stirn gegen den Fels, die Lippen dicht am feuchten Gestein. Die Wand strahlte die Hitze des Tages ab. Das dumpfe Grollen des Wassers, das irgendwo tief unten auf die Felsen hämmerte, war selbst hier oben noch zu hören.

Die Schreie. Akiri hörte die Schreie der Karawane und ihrer Ochsen. Das riss sie zurück –

In die dunkelste Stunde Seetors samt all ihrer Schrecken. Der Feind blieb selbst im Tod noch stumm. Ihr Schwert hatte sich in den Leib eines zappelnden Dings vergraben, das im Sterben eitriges Blut auf sie spie und dabei keinen Laut von sich gab. Doch der Nachhall der Schreie ihrer Gefährten traf auf das Tosen der Wellen und das Aufheulen mächtiger Magie.

in die Gegenwart.

Sie kann den Kopf angreifen, vielleicht ein Auge – die Schlange hat doch gewiss Augen! –, oder einen anderen Schwachpunkt in der dicken Haut der Kreatur finden. Sie kann ihren Führungshaken in die Steilwand auf der anderen Seite des Magosifalls versenken, sich mit beiden Armen hinüberschwingen und auf dem Rücken der Kreatur landen. Dort angekommen kann sie womöglich einen Weg finden, um deren Verteidigung zu durchbrechen: Vielleicht würde sie das Geschöpf nicht töten können, doch alles, was sie tun muss, ist, dem Meervolk genug Zeit zur Flucht zu verschaffen.

Akiri dreht sich auf dem Felsvorsprung um, wappnet sich und springt. Mit beispielloser Anmut wirft sie ihren Führungshaken und zielt auf einen Ankerpunkt, den sie auf ihrem Schwung auf diesen Vorsprung entdeckt hat. Es folgt ein Augenblick der Schwerelosigkeit, in dem Akiri fürchtet, ihr Hakenwurf könne danebengehen oder nicht ganz greifen und der Schneidmeißel von Fels abprallen und sie selbst dadurch abstürzen. Sie sorgt sich, dass die Zeit während dieses Sturzes langsamer werden und sie jedes einzelne Peitschen der schneidenden Luft spüren würde, während sie dem Erdboden entgegentaumelt. Sie würde lieber überhaupt nicht fallen, doch wenn es schon geschehen muss, dann bitte wenigstens schnell.

Ihre Sorge verfliegt, als ihr Haken trifft, sich verfängt und ihren Schwung durch die diesige Luft aufrechterhält. Im Voranschwingen zieht sie die Knie an, zurrt den Führungshaken frei und zückt mit der freien Hand ihr Langmesser.

Der Schwung trägt sie hinauf und voran, und sie fliegt. Aus den Tiefen ihrer Eingeweide – aus jenem Ort, wo die Angst und der Zorn sitzen, aus jenem Ort, der durch sie hindurch nach einem Ende all des Leids dieser Welt brüllt – entringt sich ungestüm ein Kampfschrei. Dann prallt sie gegen den Rücken der Schlange, und nur dank ihrer geübten Reflexe und eines sturen Griffs mit weißen Knöcheln gelingt es Akiri, sich dort festzukrallen.

Sie wirft ihren freien Haken gegen einen Stachel, der aus dem Rücken der Schlange ragt. Er vollführt einen Bogen, bevor er sich in seinem eigenen Seil verhakt. Akiri schlingt sich das Seil um den Unterarm, bindet sich auf dem Rücken der Schlange fest und kann sich nun in einem gewissen Radius um den Stachel herum bewegen, je nachdem, wie viel Spiel sie dem Seil lässt.

Mit dem Messer in der Hand schnellt Akiri vorwärts. Die Klettereisen an ihren Stiefeln graben sich gerade tief genug in die glitschige Haut der Schlange, um ihr Halt zu geben. Der Koloss bemerkt sie nicht. Er ist noch immer mit der Karawane beschäftigt. Der donnernde Wasserfall droht, Akiri vom Rücken der Schlange zu spülen, während sie sich von dort zum Kopf des Untiers vorzuarbeiten beginnt. Sie schaut nicht nach unten – sie weiß, dass es tief ist, viel zu tief –, denn wenn sie nun abgeworfen würde, bedeutete dies den sicheren Tod aller auf den Serpentinen, und es wäre schlicht zu viel, die klaffende, bodenlose Tiefe tatsächlich zu sehen. Die Schlange regt sich unter ihr, beinahe träge, und richtet ihre gewaltige Masse ohne sichtbare Anstrengung unter dem herabstürzenden Magosi auf. Akiri lässt sich auf die Knie fallen, klammert sich an ihren Anker und rammt ihr Messer in die Haut der Schlange, so tief sie nur kann. Dies zeigt durchaus eine Wirkung: Die blutleere Wunde schnappt zusammen und bricht die Klinge entzwei, so mühelos, als würde sie einen Zweig zerknicken.

Akiri klammert sich weiter fest. Die Schlange erhebt sich in die Wassersäule des Magosi. Die tosenden Massen prasseln auf sie ein. Alles, was sie hört, ist das Gebrüll: das Gebrüll der Welt, das Gebrüll der Bestie selbst, das Gebrüll voll Schmerz, unvorstellbar und grausamerweise nicht unendlich, aber alterslos –, ehe der Teil der Schlange, an dem sie sich verzweifelt festhält, wieder aus dem Wasser hervorbricht. Es ist, als greife Zendikar selbst sie an: Der Zorn der Welt ist die Wucht des herabstürzenden Flusses, der an ihr zerrt, die bittere Kälte und das Untier selbst.

Akiri zieht sich vorwärts. Sie hält ihr verankertes Seil gespannt, löst einen freien Haken und schleudert ihn nach vorn, um einen Stachel näher am Kopf zu erreichen. Dergestalt an zwei Punkten verankert sucht Akiri nach einem Weg voran und findet ihn: Dort, vielleicht vierzig Schritt voraus, befinden sich die Rillen und Furchen des Oberkiefers des garstigen Mauls – ein wahres Gewirr aus Haltegriffen und Ankerpunkten, die sie sich zunutze machen kann. Und ohne jeden Zweifel auch verletzliche Stellen für ihr Bemühen, die Schlange daran zu hindern, weiter über die Karawane herzufallen. Über die Karawane und –

Zareth. Sie hofft, dass er am Leben ist. Sie hofft, dass er die Meerleute retten kann, die noch immer auf der Treppe in der Falle sitzen. Akiri steckt ihr zerbrochenes Messer in die Scheide und zieht sich den Leib der riesigen Schlange hinauf, der sich unter ihr aufrichtet, windet und zuckt – eine Hand über die andere auf ihrem gerade befestigten Seil. Ein Augenblick des Verweilens an ihrem nächsten Anker, um Atem zu schöpfen, ihr Seil um den ersten Stachel zu lösen, nach dem nächsten Punkt Ausschau zu halten und zu werfen –

Und ihr Seil fand den Anker. Akiri grinste. Es war ihr erstes Grinsen. „Gut“, nickte die Seilschleuder-Hauptfrau. Ihre Stimme war ein knirschendes Grollen. „Siehst du, wie es festgezurrt ist? Zieh daran, um sicherzugehen. Leg dein ganzes Gewicht hinein, Kor. Du musst dem Seil vertrauen, das dich in der Luft hält.“

– und weiterzuklettern. Eine Hand über die andere. Finde Halt, wo immer du kannst. Der Gestank der Schlange so dicht am Kopf des Ungeheuers benebelt sie regelrecht. Ein Wind namens Verwesung und Hunger peitscht auf sie ein, eine wirbelnde, Übelkeit erregende Bö, doch Akiri klettert weiter. So hoch droben droht jede Bewegung der Kreatur, sie abzuwerfen. Wie viel größer als sie selbst mag allein der Kopf der Schlange sein? Wenn sie einen der Ochsen des Meervolks im Ganzen verschlingen konnte, konnte sie sie zweifellos auffressen, ohne es überhaupt zu bemerken.

Akiri hält sich fest, während die Schlange sich mit einem weiteren Vorstoß auf die Serpentinen einen neuen Ochsen schnappt. Sie zieht sich zurück und reißt dabei ein Knäuel aus mehreren Angehörigen des Meervolks mit sich. Sie stürzen in die Tiefe, bevor Akiri irgendetwas tun kann, um ihnen zu helfen, und ihre Schreie vergehen im Tosen des Magosifalls.

Alles vergeht im Tosen des Magosifalls.

Akiri zieht ihr zerbrochenes Messer. Sie hat ein Ziel erspäht: Augen. Schwarze, glatte Kugeln neben dem Maul, mindestens zwei auf der Seite, die sie erkennen kann. Wahrscheinlich ebenso viele auf der anderen. Ein Hieb dort, um die Schlange zu blenden, sie abzulenken, sie von den Stufen weg und in die Tiefen hinter dem Magosifall zu treiben: Das ist der Plan.

Akiri sieht nicht, wie der zweite Kopf der Schlange sich vom Fuß des Wasserfalls aus in die Höhe reckt. Kleiner als der erste, doch noch immer größer als Akiri, taucht er jäh mit weit aufgerissenem Maul aus einer Strömung auf, die ihn eigentlich zu Brei zermalmten müsste.

Akiri ist von der Schlange nicht unbemerkt geblieben. Ganz im Gegenteil: Der zweite Kopf hat ihre heldenhaften Anstrengungen aus der Tiefe beobachtet und ihr, entweder aus Grausamkeit oder aus Neugier, erlaubt, so weit voranzukommen, bevor er nun zuschlägt.

Akiri hebt ihre zerbrochene Klinge, doch bevor sie zustoßen kann, wird sie ihr von der klebrigen, stinkenden Zunge des zweiten Kopfes der Schlange aus der Hand geschlagen. Sie dreht sich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie die Schlange sie attackiert – Zähne von der Größe ihres Unterarms, weiße, blutleere Gaumen, ein Schlund voll kleinerer weißer Zähne –, und sie kann ihr nur dank ihrer außergewöhnlichen Reflexe ausweichen.

Akiri springt und ihre scharfen Augen erspähen einen Anker, von dem aus sie fliegen kann.

Das zweite Maul fängt sie im Flug, und Zähne und Widerhaken gleiten über ihre Rüstung. Akiri schreit auf, erst überrascht, dann vor Furcht, und verliert ihren Anker.

Das zweite Maul schleudert sie beiseite und in die Luft.

Akiri fliegt nicht mehr.

Akiri fällt.


Verazol, Spalter der Strömung | Bild von: Daarken

Zareth kennt den Namen der Schlange: Verazol. Sämtliche Mitglieder des Meervolks in der Karawane hatten sie erkannt, sobald ihr Kopf aus dem Nebel aufgetaucht war. Verazol, die Geißel des Umara, der Dämon des Magosi, der Tod des Halimar. Er erinnert sich an die kleinen Korallenstatuetten, die einige Meerleute in ihren Häusern haben. Als er noch ein Kind war, besaß auch seine Familie eine solche. Damals, als das Meervolk noch eine Heimat und nicht nur einen Ort zum Leben gehabt hatte.

Verazol war eine Legende, ein Mythos, für einige sogar ein Gott. Man kann ihn nicht vernichten. Es ist, alle wolle man einen Fluss töten oder einen Ozean zerschmettern. Als wolle man einen Arm heben, um eine Welt zu vernichten. Sicher, es gab einige, denen das gelingen konnte –

Eine Nacht aus Fieber und Aschestaub, erhellt nur von Feuer und den chromatischen Explosionen hoch droben, jede wie eine ganze Dämmerung binnen eines einzigen Herzschlags.

aber nicht Zareth und trotz all ihrer Anmut und Geschicklichkeit auch nicht Akiri.

Also tritt Zareth die Flucht an. Er kraxelt die Serpentinentreppe wieder hinauf, fort von Verazols peitschender Zunge, und schiebt dabei einige verzweifelte Meerleute vor sich her.

„Hört auf!“, ruft Zareth und zerrt Meerleute von deren verzweifelten Versuchen weg, ihre Ochsen kehrtmachen zu lassen. „Hört auf damit! Flieht!“

Die Ochsen blöken panisch und stolpern nach hinten. Zareth hat genug Platz, um sich gegen die Steilwand zu drücken und dem schwerfälligen Vorankommen der Tiere auszuweichen, doch einer der Meerleute hat weniger Glück. Zareth greift nach dem gestürzten Mann, doch Verazols Zunge schnellt aus dem Nebel hervor – ein sich kräuselnder Rüssel aus dampfenden Muskeln – und schnappt sich den hilflosen Karawanentreiber.

Zareth macht einen Schritt nach hinten, weg von jener Stelle, wo noch vor einem Wimpernschlag der Gestrauchelte gelegen hat. Der Magosi tost in seinem donnernden, endlosen Fall. Es ist schlau, die Beine in die Hand zu nehmen – wenn da nicht ein triftiger Grund dagegenspräche:

Akiri.

Sie ist noch immer irgendwo da draußen und versucht, gegen dieses Ungeheuer zu kämpfen.

Zareth dreht sich zu dem Nebel um, hinter dem die legendäre Schlange lauert. Er kann seine Freundin nicht erneut zurücklassen, auch wenn er Angst hat – obwohl sie diesen Kampf nicht gewinnen können, wird er an ihrer Seite bleiben.

Um eine Blüte des nahenden Frühlings zu sein.

Mit beinahe berechnender Sorgfalt streckt Verazol den Kopf aus dem Nebel des Wasserfalls. Die Spitze seines Mauls teilt die Fluten wie der gepanzerte Kiel eines Schiffes, vernarbt und zerfurcht von Legenden und Bestien, die er in längst vergessenen Zeiten verschlungen hat. Zareths Messer, sonst tödlich, sind nichts als nutzlose Splitter gegen Verazol. Dennoch hebt er sie und hält dann inne. Irgendwie vernimmt er über das Tosen des Wassers ein Geräusch, das ihm in Mark und Bein fährt. Ein entsetzlicher Laut, kälter als jede salzige Tiefe oder jede heulende Wind.

Akiris Schrei.


Akiris erster Sturz war aus geringer Höhe auf eine weiche, mit Lammwolle ausgestopfte Matratze. Dies war ein geplanter Sturz gewesen, der erste Teil einer jeden Seilschleuderer-Ausbildung. Um zu lernen, wie es sich anfühlte, zu fallen.

Ihr zweiter Sturz ereignete sich auf einer Übungsstrecke für Seilschleuderer im hohen Norden von Tazeem. Robuste Anker säumten beide Seiten der flachen Schlucht, die mit ruhigem und tiefem Wasser gefüllt war – ein von zahlreichen natürlichen Quellen gespeister See. Dort lernte Akiri, wie man in den kostbaren Augenblicken zu Beginn eines Sturzes die Angst vor dem Fallen unterdrückte und sie später sogar ganz ignorierte. War man hoch genug droben, hatte man ein gewisses Zeitfenster, um sich zu retten, sollte ein Anker versagen, ein Seil reißen oder ein Wurf ins Leere gehen. Schleuderer lernten, diesen Moment nicht dafür zu vergeuden, Angst zu haben.

Ihr dritter Sturz – jene Hunderte, die sie in dieser fernen Schlucht durchlebt hatte, nicht mitgezählt – war ihr erster richtiger gewesen. Dreißig Schritt hoch an einem blanken Steilhang im Bollwerk war sie einer Gruppe geschickter Räuber nachgejagt. Sie hatte sie beinahe erreicht, als der Lenkdrachensegler, den sie auf dem Rücken trug, vom heftigen Aufwind nahe dem Bollwerk erfasst wurde, seine Riemen rissen und er sie in die Luft schleuderte. Bis zum heutigen Tag weigerte sie sich, einen Lenkdrachen mit sich zu führen. Ja, er hatte sie vor diesem Sturz bewahrt und sie sicher zu Boden gleiten lassen, nachdem sie ihn wieder unter Kontrolle gebracht hatte, doch er hatte sie auch überhaupt erst in Gefahr gebracht.

Ihr vierter Sturz war dieser.

Sie gerät nicht in Panik. (Sie spürt die Panik, doch sie unterdrückt sie dank Jahrzehnten an Ausbildung und Erfahrung).

Sie späht nach dem gerade am nächsten Gelegenen. (Die nassen, nebelumflorten Stufen der Serpentinentreppe neben dem Magosifall. Die Schlange gleitet zwischen den Spitzkehren und der Wassersäule hin und her. Akiri steht nur wenig Platz zur Verfügung).

Sie wirft den Haken. (Zwanzig Schritt? Dreißig? In jedem Fall ein weiter Wurf.)

Er greift und Akiri hält sich während des darauf folgenden Schwunges fest. Sie prallt gegen die Serpentinen – weit unterhalb der Karawane und der größten Masse des Schlangenleibs, doch noch immer gut dreißig Schritt über dem Boden der Klamm. So gut es ihr möglich ist, befreit sie sich aus den Seilen und weicht zügig von der Kante zurück. Eine rasche Überprüfung ergibt, dass sie sich nichts gebrochen hat, doch ihre Beine sind mit Schnitten und Widerhaken aus dem kleineren Maul der Schlange übersät. Sie zieht die Widerhaken vorsichtig heraus und wirft sie ungerührt zur Seite. Sie kann gehen, und sobald sie diese Wunden versorgt hat, kann sie die Stufen hinauf zum –

Die Luft verändert sich. Bei ihrer Landung war sie noch kalt gewesen, nun klebt sie vor Hitze und Gestank.

Akiri blickt von ihren Wunden hoch.

Der Hauptkopf der Schlange ragt über ihr auf, sein Schatten fällt drohend auf Akiri. Sie greift nach ihrem Messer und hält dann inne. Sie hat es bei ihrem Sturz verloren, erinnert sie sich.

Akiri erstarrt.

Das Maul klafft weit auf.


Zareth kommt an der Kante der Serpentine schlitternd zum Stehen und lehnt sich so weit hinüber, wie er es wagt, hoffend und bangend zugleich, ob Akiri es geschafft hat. Der Anblick, der sich ihm bietet, lässt ihm einen Fluch entfahren, der vom Wind, der die Steilwand hinunterbraust, davongeweht wird.

Verazol hat Akiri in die Ecke getrieben. Ihr Schwung hat sie auf eine Stufe etwa zehn, zwölf Schritt unter ihm geführt, und nun schwebt der größere Kopf der riesigen Schlange auf gleicher Höhe mit ihr, während der Leib des Monstrums sich weiter windet und hin und her schwankt. Schlimmer noch: Verazols zweiter Kopf – kleiner, aber aus Zareths Blickwinkel nicht weniger monströs – hat sie entdeckt.

Zareth tritt von der Kante zurück. Er flucht. Er hat der Karawane mehr Zeit verschafft, doch das wird Verazol nicht davon abhalten, anzugreifen, bis er sich sattgefressen hat. Allein hat er keine Chance gegen die legendäre Schlange. Auch gemeinsam haben Akiri und er keine Chance, doch zumindest können sie womöglich lebend entkommen.

Eine Ablenkung. Etwas, was Verazols Aufmerksamkeit auf sich zieht, damit sie fliehen können. Einer der toten Ochsen liegt bereits nahe der Kante der Spitzkehre.

Zareth flucht erneut, tigert umher und verwünscht den entsetzlichen Plan, der sich nun entspinnt. Er rammt die Messer in die Scheiden, sichert sie und klatscht in die Hände.

„Ihr da!“, ruft er einer Gruppe Meervolk zu. „Der zweite Kopf nähert sich. Helft mir hierbei. Wir lenken ihn mit dem hier ab, damit wir weglaufen können“, ruft er und deutet auf den toten Ochsen.

Das Meervolk zögert, doch Zareth hat sie beschützt. Also eilen die Treiber herbei, um zu helfen. Mit großer Mühe wuchten sie den Kadaver des Ochsen über die Kante der Serpentinentreppe. Er dreht sich in der Luft und prallt gegen Verazols Hauptkopf, um dann seinen langen, langen Sturz fortzusetzen. Verazols Kopf kreischt auf, zuckt zurück und schaut geradewegs zu ihnen hinauf.

Zareth rollt sich von der Kante weg und rappelt sich auf. Die Meerleute beginnen, erst besorgt zu reden, dann zu rufen und dann zu schreien, als Verazols Kopf sich von unten erhebt. Das gezackte Maul weit aufgerissen, der Atem glühend heiß: Zareth erkennt in Verazol den fleischgewordenen Zorn Zendikars, verzerrt von den entsetzlichen Dingen, die hier eingekerkert gewesen waren. Die schwarzen und glatten Augen der Schlange spiegeln die unlebendigen, fremdartigen Eldrazi – jene schrecklichen Wesen, die Zareths Volk einst Götter genannt hatte – und die Turbulenz wider. Das Gefängnis und die Gefangenen, beide unumkehrbar voneinander vergiftet. Nun ist es an ihm, sich dieser Gefahr zu stellen, und er weiß, was er zu tun hat.

Zareth versucht, ruhiger zu atmen und gefasst zu bleiben, während das Meervolk um ihn herum panisch umherläuft und bei dem Versuch, irgendwie zu entkommen, übereinander hinwegstolpert. Zareth hält den Blick durch die Menge auf die Bewegungen der großen Schlange geheftet. Bereit. Abwartend.

Verazol reckt sich und schnellt vorwärts.

Zareth spurtet auf die Schlange zu – zwei, vielleicht drei Schritte –, stößt dabei einen der Fliehenden vom Meervolk mit der Schulter beiseite und springt dann ab. Verazols aufgerissenes Maul verfehlt mit beiden Kiefern Zareth im Sprung, kommt ihm jedoch so nahe, dass Widerhaken an seiner Kleidung zerren. Packen oder ihn aufhalten können sie ihn nicht.

Zareth wirft sich in die Luft und erlebt seinen ersten, echten Sturz.


Akiri sieht von unten zu, wie die Schlange nach der Spitzkehre schnappt. Sie schreit auf, als die gesamte Steilwand zu beben beginnt und sich unter der Wucht des Hiebs der riesigen Kreatur eine gewaltige Wolke aus Fels und Staub bildet. Entsetzt sieht sie zu, wie Meerleute und Teile von Meerleuten mit den herabstürzenden Felsen und den zerschmetterten Stufen in die Tiefe fallen, und wie Ochsen und ein Regen aus glitzernden Handelswaren, die für Korallenhelm bestimmt waren, sich in der Luft verteilen.

Ihr Schrei erstickt, als sie ihn sieht.

Zareth fällt.

Stumm rauscht er an ihr vorüber. Sie sieht, dass seine Augen geschlossen sind und er weder Gurt noch Seil eines Schleuderers bei sich hat. Akiri stolpert vorwärts, achtet nicht weiter auf die Schlange, die sich an der armen Karawane oben labt, und springt, Haken und Seil in der Hand, vom Rand ihrer Stufe.

Im Fallen ergreift sie Zareths ausgestreckte Hand, zieht ihn dicht zu sich heran und wappnet sich gegen den Ruck, kurz bevor ihr Zugseil einen Anker findet und ihr Sturz ein jähes Ende findet.

Sie schaukeln, beide nach Luft ringend. Akiri stöhnt vor Schmerzen, Zareth bleibt stumm. Irgendwo hoch droben verzehrt der Schrecken sich selbst, doch hier unten sind nur sie beide. Sie konnten noch nicht einmal den Leib des Koloss sehen. Hier unten, in einer unbestimmbaren Höhe über dem Boden, war das Tosen des Magosi wahrlich allgegenwärtig.


Einige Zeit später wurde Akiri bewusst, dass Zareth mit ihr sprach. Über den ohrenbetäubenden Lärm des Magosifalls konnte sie nicht verstehen, was er sagte. Wieder rief er etwas, doch Akiri hörte es nicht. Endlich presste er die Lippen an ihr Ohr und sprach erneut.

„Ich hatte keine Wahl.“

Und Akiri wusste, dass er recht hatte. Sie war zornig, doch Zareth hatte recht. Selbst wenn seine Beweggründe mit der Tragödie dieses Tages begannen und endeten. Zareth hatte keine Wahl, sie hatte keine Wahl, niemand von ihnen hatte eine: Die Schlange hätte sie getötet, wenn sie geblieben wären. Sie hätte jeden getötet, der nicht vor ihr geflohen wäre. Zareth hatte sie zum Handeln gezwungen, hatte sie gezwungen, ihn zu retten, und sie so vor einer noch größeren Schande bewahrt. Immerhin war ihr Freund am Leben. Immerhin konnten sie noch kämpfen.

Akiri wollte Zareth sagen, dass es gut war, dass er das Richtige getan hatte, doch das konnte sie nicht. Es gab nicht „das Richtige“, keinen Spielraum. Nur eine grausame Berechnung. Zareths Entscheidung bedeutete, dass sie ihre Anstrengungen fortsetzen konnten, aber es war eine entsetzliche Entscheidung gewesen, und die Geister derjenigen, die er zum Sterben verdammt hatte, würden ihn fortan begleiten. Akiri blieb stumm und hielt ihren schluchzenden Freund wie damals in der Dämmerung nach dem Kampf um Zendikar. Dieselben beiden Leute waren erneut die einzigen Überlebenden.

„Es gab nichts, was du sonst hättest tun können“, sagte Akiri flüsternd zu Zareth und sich selbst. Die ungeschönte Wahrheit dieses Augenblicks lautete: Auf Zendikar gab es keine Wahl, nur die grausamen Möglichkeiten, die sich ihnen darboten. Um diese Möglichkeiten zu ändern, mussten sie die Welt ändern.

Einige Zeit später verscheuchte der Wind den Nebel, die Hitze und die große Schlange Verazol.

Akiri und Zareth gelang es, den Grund des Magosifalls zu erreichen. Sie warteten einen Tag, doch niemand sonst folgte ihnen.

Auf dem Weg nach Seetor umgingen sie Korallenhelm.

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