Die Revolution beginnt

Veröffentlicht in Magic Story on 2. Januar 2017

Von Nik Davidson, Kelly Digges, and Kimberly J. Kreines

Was bisher geschah: Durchbruch

In seinem Streben nach Macht hat Tezzeret sich zum Großen Konsul erhoben und hält die Stadt Ghirapur nun in seinem eisernen Griff. Doch es gibt jene, die sich weigern, seine Tyrannei zu erdulden. Die abtrünnigen Erfinder planen einen Angriff auf den Ätherknoten. Ein Sieg würde die nötige Energie für ihre Erfindungen liefern – und für ihre Rebellion.


Ghirapur erfand sich unablässig neu. Beständig wurden Gebäude abgerissen und neu errichtet: höher, aus besseren Materialien und mit ausgefeilteren Methoden. Beinahe jeder Block und jeder Platz war in den vergangenen Jahren auf irgendeine Weise renoviert oder instand gesetzt worden. In der Stadt gab es nur wenig Raum für Geschichte und noch weniger für Nostalgie. In den meisten Vierteln roch der Staub nach Bauarbeiten und Schweiß. Es blieb nie genug Zeit, dass der Geruch nach altem Holz oder verwittertem Messing sich festsetzen konnte. In Ghirapur bestand kaum eine Gelegenheit für Verfall.

Und dennoch gab es solche Orte. Schmale Gassen, in die zu viele Schatten zu fallen schienen, bestimmte Plätze, für die offenbar nur selten Baugenehmigungen erteilt wurden, gewisse Flecken, die die meisten aus reiner Gewohnheit zu meiden wussten. Chandra Nalaar folgte ihrer Mutter zu einer dieser vergessenen Chausseen. Sie hatte sich eine Kapuze übers Haar gezogen und hielt den Blick fest auf den Boden vor sich gerichtet.

„Diesen Ort gibt es schon seit Jahrzehnten, weißt du.“ Pia Nalaars Stimme war sanft und ruhig. „Er gehörte all diese Zeit einer Familie von Äthergeborenen. Sie hielten ihn instand. Kiran ... Wir kamen oft hierher. Vor langer Zeit.“

Chandra schaute nicht auf. „Warum sind wir hier, Mutter?“

„Gonti sorgt dafür, dass die Patrouillenrouten des Konsulats nicht an diesem Ort vorbeiführen. Hier werden wir Leute finden, die unserer Sache zugetan sind.“ Pia blickte zu einem unbeschilderten Eingang und atmete den Duft von Fett, Rauch und Gewürzen ein. Die Tür schwang an gut geölten Scharnieren auf und eine Flut aus Licht und Geräuschen ergoss sich auf die Straße.

Chandra schlug die Kapuze zurück, als sie den Klub betraten. Zwei Dutzend runde Tische, umgeben von Kissen und kleinen Hockern, standen im Halbkreis um eine niedrige Bühne herum, die vielleicht knapp einen Fuß hoch war. Auf jedem Tisch spendete eine Lampe allen möglichen Arten von Leuten, die sich flüsternd unterhielten, buntes Licht.

Auf der Bühne entlockte ein Chikaraspieler bei gedämpfter Beleuchtung seinem Instrument mit dem Bogen sanfte Töne – er war nur ein Teil des Ambientes und nicht das Zentrum der Aufmerksamkeit. Pia winkte ihm beim Eintreten zu und hob zwei Finger. Der Musiker nickte verstehend.

„Sieh dich um, Chandra.“ Pia lächelte. „Einige der größten Erfinder, Piloten und Denker Ghirapurs. Sie brüten darüber, was sich auf der Messe zugetragen hat, und sie warten nur auf den richtigen Funken, der ihren Antrieb zündet. Sie sind von Natur aus aufmüpfig, aber wir brauchen eine echte Rebellion.“

Chandra nickte. „Also was nun? Wirst du eine kleine Rede halten? Sie ein bisschen aufstacheln? Das klingt nach einem Plan.“

Pia lächelte. „Ehrlich gesagt haben sie bereits alle von mir gehört. Von wegen Erste Renegatin und all das. Sie zeigen sich immer noch unentschlossen. Also müssen sie etwas anderes zu hören bekommen. Chandra, ich möchte, dass du das erledigst.“

Chandra öffnete den Mund, aber kein Ton kam heraus. Sie schloss ihn, öffnete ihn erneut und versuchte es noch einmal. „Mutter, nein. Das ist nicht ... Ich bin nicht gut darin, Leute zu etwas zu beflügeln. Ganz im Ernst. Was soll ich denn auch sagen? Sie kennen mich doch gar nicht.“

„Da irrst du dich. Sie kennen dich. Sie wissen, was du hier bereits für uns getan hast, und sie wissen, woher du stammst.“ Pia winkte erneut dem Chikaraspieler zu, der sein Stück beendete und nach einer kleinen Verbeugung zu leisem Applaus die Bühne verließ. „Sag ihnen einfach, was du fühlst. Sie haben schon genug Gründe. Sie brauchen nur noch jemanden, der den Funken entfacht.“

„Ja, aber ...“ Chandra hielt inne, als sie sah, wie sich sämtliche Blicke im Klub auf sie richteten. Einige waren hoffnungsvoll, andere mutlos, manche wütend, andere leer. Doch beinahe jeder lächelte zumindest ein wenig, als er sie erkannte. „Ja. Den Funken entfachen. Schon dabei“, murmelte sie zu sich selbst, während sie zaghaft auf die kleine Bühne trat.

„Hallo. Ich bin ... Na ja, ihr wisst ja sicher, wer ich bin. Chandra Nalaar. Pias Tochter.“ Eine Pause. „Ähm ... Kirans Tochter.“ Um ein Haar wären die Worte nicht gekommen, doch sie holte noch einmal tief Luft, als sie das Murmeln und das Kopfnicken der Menge vor ihr sah.

„Manche von euch kannten ihn sicher.“ Weiteres Nicken. „Manche von euch ... Ich schätze, manche von euch kannten ihn besser als ich. Und wisst ihr was? Das ist nicht in Ordnung so! Dass ihr meinen Vater kennenlernen durftet und ich nicht. Dass ihr mit ihm zusammenarbeiten und lachen durftet und ich nicht. Sie haben ihn mir weggenommen. Und meiner Mutter. Und als sie sich entschloss, sich dagegen zu wehren, da habt ihr alle ... sie einfach gelassen. Sie haben ihn ihr weggenommen. Also kämpfte sie natürlich. Aber ihr? Ihr noch nicht. Ihr habt sie allein kämpfen lassen, weil sie euch noch nicht genug weggenommen hatten.“

Die Menge wurde etwas lauter. Einige schienen sich angegriffen zu fühlen, doch niemand stand auf, um zu gehen. Chandra fuhr fort. „Nun, heute haben sie euch den Rest weggenommen. Eure Arbeit, eure Bemühungen, eure Werkzeuge ... Alles. Sie haben sich alles genommen, weil es das ist, was sie tun. Und ihr sitzt immer noch hier herum, esst und trinkt und beklagt euch, ohne etwas zu tun. Was haben sie euch weggenommen? Was müssen sie euch denn noch wegnehmen?“

Sie stockte. Sie starrte in ein Spiegelmeer aus Augen und Schutzbrillengläsern über teilnahmslosen oder missmutigen Gesichtern. „Vergesst es“, murmelte sie. „Ich sollte gehen.“

Die Leute standen auf und stritten sich schon, kaum dass sie sich erhoben hatten. Chandra stapfte von der Bühne. „Es tut mir leid, Mutter. Das war keine gute Idee. Ich ...“

Pia lächelte und legte ihrer Tochter eine Hand auf die Schulter. „Sch. Warte einfach ab.“

Eine wütende junge Frau kam auf Chandra zu und reckte einen Finger in die Luft. „Ja, tut mir leid wegen deines Vaters, aber was sollen wir denn machen? Sie haben mir mein Schiff weggenommen. Das Einzige, womit ich mich hätte wehren können, habe ich nicht mehr. Du willst, dass ich kämpfe? Wie denn?

Sie ballte die Fäuste. „Ich –!“ Pia legte ihr besänftigend eine Hand auf den Rücken. Sie biss klackend die Zähne zusammen und spürte, wie sich ihr die Härchen im Nacken aufrichteten.

Die Menge brachte murmelnd ihre Unterstützung für die aufgebrachte Frau zum Ausdruck. „Sie haben mein ganzes Werkzeug. Meine Werkstatt ist völlig leer“, sprang ihr ein ältlicher Zwerg bei.

„Drei Jahre habe ich an meinem Generator gearbeitet! Und nun haben sie ihn mir weggenommen, zusammen mit meinen Bauplänen und meinen ganzen Prototypen! Mir ist nichts geblieben!“

Gäste sprangen auf, diskutierten miteinander und machten ihrem Ärger Luft. Der Funke hatte sich rasch entfacht, und binnen Minuten drohte ein Aufstand in dem Klub auszubrechen und sich auf die Straße auszuweiten. Die Gäste hatten Chandra weitestgehend vergessen. Sie zog sich zu ihrer Mutter zurück und blickte zögernd drein.

„Also ... was jetzt?“

„Tja, jetzt ...“ Pias Worte verklangen. „Oh. Das war nicht Teil des Plans.“

Ein extravagant gekleideter Äthergeborener, der von einem Paar Leibwächter flankiert wurde, glitt aus einem Alkoven in den Raum hinein. Er wedelte mit der Hand und sofort beruhigte sich die Menge, als wäre ihr Ärger von einem kalten Hauch der Angst erstickt worden.

Der Äthergeborene sprach leise, beinahe in einem Flüstern. „Freunde, bitte. Solch ein Aufruhr! Sie wissen so gut wie ich, dass dieses Etablissement der Ruhe und der Entspannung gewidmet ist. Üblicherweise würde ich nun die Störenfriede bitten, doch lieber zu gehen.“ Der Äthergeborene wandte sich zu Pia, und das Feuer in seinen Augen wurde augenblicklich schwächer. „Allerdings ist es so: Ihre Beschwerden haben mich nicht kalt gelassen. Einige von ihnen mögen sogar Gewicht haben. Und ich glaube, ich kann Ihnen helfen. Bitte gesellen Sie sich zu mir.“ Er winkte Pia, Chandra und einer Handvoll anderer Gäste zu, ihn in ein Hinterzimmer zu begleiten. Gleichzeitig traten Wachen an die Eingangstür. Sie legten die Hände an die Waffen – sie zogen sie noch nicht, aber die damit getroffene Aussage war klar. Chandra sah zu Pia und fragte wortlos, ob es Zeit war, einen Abgang hinzulegen – und zwar einen dramatischen. Pia schüttelte den Kopf.

Beinahe wie Schafe folgten Chandra und die anderen dem Äthergeborenen in das Hinterzimmer. Einer der Leibwächter betätigte einen in den Verzierungen des Raumes verborgenen Hebel und eine kleine Tür schwang auf, hinter der ein Tunnel und eine nach unten führende Treppe zum Vorschein kamen. Der Äthergeborene ging ohne weitere Erklärungen voran.

Der Tunnel war eng, aber hell von Ätherlampen erleuchtet. Statt der feuchten, staubigen Luft, die man in einem unterirdischen Gang erwarten würde, war es hier warm und es roch nach einem halben Dutzend verschiedener Gerichte aus den Küchen unterschiedlicher Völker.

„Ich bin sicher, dass ich die Frage bereuen werde, aber wohin bringen Sie uns?“ Die Pilotin spielte nervös mit ihren Armschienen und musterte misstrauisch die engen Wände.

„Haben Sie es noch nicht erraten? Wir werden uns mit dem wohl bestbehütetsten Einwohner Ghirapurs am wohl bestbehütetsten Ort der ganzen Stadt unterhalten. Und wir werden eine Lösung finden, die weitere Störungen unterbindet.“

„Sie bringen uns zu Gonti.“ Es war nicht wirklich eine Frage.

Chandra erstarrte. „Was? Augenblick mal, nein. Das findet hier nicht statt. Gonti hat uns bereits einmal verraten. Wir gehen.“ Sie hob glühende Fäuste. „Wenn es nötig ist, mache ich mir meinen eigenen Ausgang.“

Der Äthergeborene neigte amüsiert den Kopf. „Pyromagie in einem schmalen, entflammbaren Gang? So verzweifelt ist die Lage noch nicht. Und außerdem sind wir da. Sie können Gonti Ihre Einwände persönlich vortragen.“ Er drückte eine Tür auf, hinter der ein prachtvolles Arbeitszimmer lag. Ein einzelner Äthergeborener saß mit gefalteten Händen am Kopf einer langen Tafel.

„Sie haben länger gebraucht als erwartet. Zeit ist etwas sehr Kostbares für uns. Setzen Sie sich.“

Einige aus der Gruppe bewegten sich, doch Chandra trat nicht über die Schwelle. „Sie haben uns an das Konsulat verraten. Warum sollten wir auf irgendetwas hören, was Sie zu sagen haben?“

„Lieber Äther im Himmel, meine Teure! Danke. Es ist so selten, dass ich einen Menschen ob seiner Kurzsichtigkeit korrigieren darf. Ich habe Sie zum Handeln getrieben. Ich habe vorsichtiges und akribisches Planen unmöglich gemacht. Was übrig blieb, war schiere Entschlossenheit. Und hier sind Sie nun. Bereit, entschlossen zu handeln. Warum setzen Sie sich nicht?“ Gonti deutete auf einen leeren Stuhl. Pia saß bereits in dem daneben.

„Lassen Sie mich sehen, ob ich Sie recht verstehe“, fuhr Gonti fort und legte die Fingerspitzen zu einem kleinen Dach aneinander. „Sie haben keine Werkzeuge. Sie haben keine Schiffe. Sie haben keinen Äther. Alles, was in irgendeiner Form als Waffe gegen das Konsulat dienen könnte, wurde beschlagnahmt.“

Gonti winkte hinter sich und eine Wache öffnete eine breite Tür zu einem Lagerraum, in dem es glitzerte und glänzte. „Glücklicherweise verfüge ich über einige Erfahrung darin, das Konsulat von meinen Habseligkeiten fernzuhalten.“

Bild von Darek Zabrocki
Bild von Darek Zabrocki

Gonti stand auf und verbeugte sich anmutig. „Als Ghirapurs berühmtester Sammler des Außergewöhnlichen glaube ich, das zu haben, was Sie für Ihren kleinen Aufstand benötigen.“ Er nickte Pia zu. „Ich biete es Ihnen an – im Geiste meiner ... Bürgerpflichten.“

„Kommen Sie zum Punkt“, sagte Chandra. „Wie lautet Ihr Preis?“

Gontis Augen glitzerten wie Sterne im Winter. „Ich schätze, das wird davon abhängen, wie sehr wir einander nützen. Meinen Sie nicht auch?“


Bild von Chris Rahn
Bild von Chris Rahn

Sram kaute gedankenverloren auf einer winzigen Feinzange herum, während er aus den schrägen Fenstern des Kontrollraums im Ätherknotens schaute. Die Gerüste und Laufstege unter ihm waren von leuchtenden Ätherleitungen erhellt, die die gesamte Anlage durchzogen. Ein Elf hatte ihm gegenüber den Ätherknoten einst als das schlagende Herz Ghirapurs beschrieben. Melodramatisch, aber als Metapher präzise genug.

Vor seinen Augen flackerte eine der leuchtenden Röhren und wurde dann dunkel.

„Druckabfall im Knotenpunkt 12“, sagte einer von Srams Konstrukteuren.

Der Tonfall des Ingenieurs war ruhig, aber der Kontrollraum von hektischem Treiben erfüllt. Das war der vierte Knotenpunkt, der an diesem Abend eine „Fehlfunktion“ aufwies, und der zweite, bei dessen Ausfall Sram persönlich zum Augenzeugen geworden war.

„Leiten Sie auf die 13 und die 9 um“, sagte Sram. „Veranlassen Sie vorerst noch keine Reparatur.“

Die Wartungsmannschaften, die zur Behebung der ersten beiden Fehlfunktionen losgeschickt worden waren, hatten nichts Ungewöhnliches gefunden, und ein Abgesandter des Konsulats hatte vor einer Stunde an Srams Tür geklopft und ihm mitgeteilt, es gäbe irgendeine Art von Problem im Ätherknoten und sie bräuchten ihn – den Architekten des Gebäudes –, um es zu lösen. Hier war er nun also, kaute an seiner Zange und suchte nach Hinweisen auf Schäden oder Sabotage, anstatt einen Becher warmer Safranmilch zu trinken und sich bettfertig zu machen.

Die Zuweisung des Äthers war in der Regel öde. Die Betreiber des Knotens leiteten die Ätherreserven der Stadt dorthin, wo sie gebraucht wurden. Die Einrichtungen des Konsulats hatten Priorität, danach kamen die verschiedenen Viertel in der Reihenfolge ihres Bedarfs. Idealerweise wurde der Äther gleichmäßig verteilt und alle waren zufrieden. Als der Bau des Messegeländes begonnen hatte, war der Anteil der „untergenutzten“ Viertel durch einen Erlass des Konsulats verringert worden und das Murren – Srams und das der Bürger der Stadt – hatte begonnen. Doch das war nur eine Notmaßnahme, versicherte er sich. Nur vorübergehend – ganz zweifellos.

Seit dem harten Durchgreifen des Konsulats waren Notmaßnahmen zur Norm geworden. Schlimmer noch – zur Politik. Viertel erhielten Äther nur nach direkter Anweisung des Konsulats – oder eben auch nicht – und alle weniger als sonst üblich. Stattdessen waren die Konstrukteure im Knoten angewiesen worden, die Versorgung der Einrichtungen des Konsulats zu erhöhen.

„Leitender Konstrukteur“, sagte seine Assistentin Rajni hinter ihm.

„Hhrm?“, machte er.

„Konsul Kambal möchte Sie sprechen“, sagte Rajni.

Sie hatten sicherlich keinen Konsul aus dem Bett geholt, um sich mit Fehlfunktionen zu befassen. Hier ging es um etwas anderes.

Sram stellte das Kauen ein und drehte sich mit der Zange im Mund um.

Da stand Kambal – Konsul Kambal – mit seinem durchdringenden Blick und seinen allgegenwärtigen Begleitern, die ihn umsorgten. Dicke Schwaden aus Kampfer- und Sandelholzduftwasser durchzogen den Raum. Der Mann musste seinen Mantel darin eingeweicht haben. Der für einen Menschen recht klein gewachsene Konsul ragte dennoch über Sram auf und schien dabei sichtliches Vergnügen zu empfinden.

„Konsul“, sagte Sam um die Zange herum.

Kambals Schnauzbart zuckte wohlwollend.

Srams Vorgesetzte hatten ihm stets gesagt, das Herumkauen auf Sachen beim Nachdenken wäre seine schlimmste Angewohnheit: Es war unprofessionell, unhygienisch und rüpelhaft, zeigte es doch seine Missachtung für seine Position und seine Werkzeuge gleichermaßen. Nun war Sram der leitende Konstrukteur und die meisten dieser früheren Vorgesetzten entweder im Ruhestand oder immer noch mit technischen Aufgaben auf der mittleren Führungsebene betraut. Viele von ihnen unterstanden nun ihm.

Kambal, der Konsul der Allokation, war der Einzige seiner Vorgesetzten, der Sram nach wie vor Anweisungen gab. Srams Abneigung gegen den Mann wurde nur noch von Kambals Verachtung für Sram übertroffen.

„Leitender Konstrukteur“, sagte Kambal. „Ich hatte nicht erwartet, Sie in der Nachtschicht vorzufinden.“

Sram nahm die Zange aus dem Mund.

„Fehlfunktionen“, sagte er. „Ich hatte meinerseits auch nicht damit gerechnet, dass der Konsul der Allokation sich den ganzen weiten Weg hierher bemüht, nur um mit dem Aufseher der Nachtschicht zu plaudern – wenn Sie mir diese Bemerkung verzeihen.“

„Es handelt sich um eine dringende Angelegenheit“, sagte Kambal. „Und nun sind Sie ja hier, damit wir sie besprechen können.“

Er deutete auf die innere Wand des Kontrollraums, auf der ein Ätherflussdiagramm die Versorgung verschiedener Stadtteile anzeigte. Die Viertel Ghirapurs leuchteten nur noch matt oder waren ganz dunkel. Die Einrichtungen des Konsulats strahlten.

„Etwas am heutigen Tag“, sagte Kambal, „erhielt diese Einrichtung eine Versorgungsanfrage vom Turm. Sie wurde ignoriert.“

„Ich habe sie nicht ignoriert“, sagte Sram. „Ich habe sie sehr sorgfältig gelesen und daraus geschlossen, dass es sich bei ihr um einen Fehler handeln muss. Ich habe diesbezüglich bereits eine Anfrage gestellt. Sobald ich die berichtigte Anweisung erhalte, kann ich –“

„Es handelt sich mitnichten um einen Fehler, leitender Konstrukteur“, sagte Kambal. „Der Große Konsul hat die Anweisung persönlich unterzeichnet.“

Sram konnte ein Schnauben nicht unterdrücken.

„Mit allem gebührenden Respekt, Konsul – haben Sie die Anweisung gelesen? Es handelte sich um einen konstanten Strom auf unbestimmte Zeit und in einer Höhe, die die Vorräte der Stadt in weniger als einer Woche aufbrauchen würde. Das war ein Fehler.“

„Nein, leitender Konstrukteur. Das war ein Befehl.“

Srams Erfahrung nach schloss das eine das andere kaum aus.

„Konsul“, sagte er. „Wir müssten die Versorgung zum Großteil der Stadt unterbrechen. Selbst zu anderen offiziellen Einrichtungen. Ich habe nicht die Befugnis ...“

„Ich verlasse mich auf Ihre Expertise bei den notwendigen Anpassungen“, sagte Kambal. „Befugnis erteilt.“

Also war dieses schleimige Schlitzohr hierhergekommen, um einen von Srams Untergebenen einzuschüchtern, eine völlig empörende Anweisung zu befolgen.

„Kambal, nein. Das kann ich nicht tun. Das ist eine Verletzung meiner Dienstpflichten.“

„Sie haben Ihre Befehle, leitender Konstrukteur“, sagte Kambal. „Führen Sie sie aus oder jemand anders wird es tun.“

„Schriftlich“, sagte Sram. „Ich möchte das schriftlich haben. Mit Ihrer Unterschrift.“

Kambal funkelte ihn einen endlosen Augenblick lang an. Sein Schnauzbart zuckte.

Der Kontrollraum erbebte.

„Was –“

„Explosion am Knotenpunkt 9“, sagte ein Konstrukteur.

„Verdammt!“, sagte Sram. Er drehte sich zum Fenster um. Ein gleißend blauer Sprühnebel erhellte kurz die Nacht, um dann zu zerstieben. „Bericht!“

Die Konstrukteure ratterten technische Details über Druckspitzen, Umleitungspläne und das Ausmaß des Schadens herunter.

„Sram, was geht hier vor?“, herrschte Kambal ihn an.

„Sie gehen jetzt“, sagte Sram. „Sofort.“

Kambal machte große Augen.

„Wir sprechen später über diese Versorgungsangelegenheit“, sagte er. „Verteidigen Sie in der Zwischenzeit diese Anlage.“

Natürlich.

Der Konsul wirbelte herum und verschwand mit seinen Bediensteten die Treppe hinauf – zweifellos zu einem Luftschiff auf dem Dach. Gut.

Der Boden erbebte erneut, und diesmal erhellte das blaue Leuchten der Explosion den gesamten Raum. Sie kam aus größerer Nähe. Die 23?

„Explosion bei der 23!“

Ich hab‘s immer noch drauf, dachte Sram.

Es wurde nun lauter im Kontrollraum. Warnsignale erklangen. Konstrukteure schickten Reparaturmannschaften aus und koordinierten die Umleitungen. Sicherheitsleute berichteten von mehreren Eindringlingen an verschiedenen Stellen.

Sram steckte sich die Zange wieder in den Mund und hörte zu. Er versuchte, die genaue Form des Angriffs zu verstehen. Die 9 und die 23. Nicht entscheidend. Sicherlich nicht irreparabel, selbst angesichts der Größe der Explosionen. Die Renegaten hatten keinen guten Anfang gemacht, falls sie vorhaben sollten, den Betrieb des Knotens zu stören.

Falls.

Die 9 und die 23 waren eine lausige Wahl, um den Knoten zu sabotieren. Das machte sie allerdings zu guten Orten, um Löcher in die Wände zu sprengen, ohne irgendetwas Wichtiges zu beschädigen.

„Abschalten“, sagte er um die Zange herum. „Vollständig abriegeln.“

„Vollständig abriegeln“, kam die Bestätigung.

Vielleicht wollten sie Äther absaugen und die Explosionen dienten dazu, die Wachen der Anlage abzulenken, während sie anderswo so viel Äther abzweigten, wie sie nur konnten, und sich anschließend damit aus dem Staub machten. In diesem Fall unterschätzten sie, wie leicht die Konstrukteure einen Großteil der Anlage abriegeln konnten.

Sram wandte sich an Kailash, einen Zwergin, die die Sicherheitskräfte befehligte, welche das Gebäude bewachten. Er nahm die Zange aus dem Mund.

„Hauptmann, diese Explosionen könnten unsere Verteidigungsanlagen durchbrochen haben.“

„Verstanden“, sagte sie.

Einer der Konstrukteure, eine Vedalken mit kurz geschorenem Haar, wandte sich von ihrer Station ab.

„Die Abriegelungsautomatik reagiert nicht“, sagte sie. „Die Leitungen sind noch immer offen.“

„Ist das überhaupt möglich?“, fragte ein anderer Konstrukteur, ein junger Mensch, der gerade erst seine Ausbildung beendet hatte.

Sram schloss die Augen und rief sich die Baupläne des Knotens in Erinnerung. Manchmal träumte er von ihnen.

„Ja“, sagte er. „Wenn jemand sie aufgestemmt hat.“

„Aber wie? Befinden sich die Abschaltungsmechanismen nicht innerhalb der Rohre?“, fragte der junge Mensch. Die Jungspunde, die noch nach den Lehrbüchern rochen, die sie für die Prüfung gewälzt hatten, kannten die Pläne fast genauso gut wie Sram. Doch ihnen fehlte die praktische Erfahrung.

„Wie lange kann ein Äthergeborener den Atem anhalten?“, fragte Sram.

„Sie atmen ni–“

„Ganz genau“, sagte Sram. Einst, vor vielen Jahren, hatte er einen Äthergeborenen erwischt, der in den Ätherleitungen gelebt hatte. Er war nicht umhingekommen, seinen Starrsinn zu bewundern. „Schalten Sie die Pumpen ab. Sofort!“

Dies war eine Maßnahme der drastischeren Art. Es würde Stunden dauern, die Pumpen wieder in Betrieb zu nehmen. Doch drastische Maßnahmen schienen jetzt angebracht.

Konstrukteure riefen knappe Bestätigungen. Die schwache, allgegenwärtige Vibration der Pumpen verebbte. Dafür es gab andere Geräusche: ein metallisches Ächzen und ein dumpfes Pulsieren. Kämpfe?

„Hauptmann, wie ist unser Sicherheitsstatus?“

„Sie sind drin“, sagte Kailash. „Mehr kann ich nicht sagen. Sie haben irgendetwas da draußen, was unsere Relais-Thopter aus der Luft holt. Wir sind auf Bodentruppen angewiesen.“

Seine Leute und die Kailashs erstatteten ihm fortwährend Meldung. Sie redeten durcheinander, während weiter Kampfgeräusche erklangen.

„Sie haben irgendeine Art von Impulswaffe –“

„Abschaltung bestätigt. Beginne mit der Umleitung –“

„– unsere eigenen Automaten haben sich gegen uns gewandt –“

„Die Sicherheitstüren reagieren nicht!“

„– Ausrüstung, wie wir sie noch nie gesehen haben!“

„– ich glaube nicht, dass sie einen Flammenwerfer hatte, aber da war Feuer –“

„– kriechen aus den Rohren–“

„Hammerfäuste! Sichert die Türen!“

Sram starrte aus dem Fenster. Er konnte Aktivität auf der südlichen Plattform ausmachen. Irgendeine Art von Mechanismus wurde dort aufgestellt. Es gab einen Blitz und ein gedämpftes fump, fump

Er duckte sich gerade noch rechtzeitig, als zwei Greifklauen von der Größe eines Ballistabolzens in einem Schauer aus Glas durch die Fenster des Kontrollraums brachen. Seine Konstrukteure gingen in Deckung.

Die Kabel der Greifklauen zogen sie zurück nach hinten, und die drei Finger der einen gruben sich in die Wand. Es war ein kurzes, hohes Aufheulen zu hören, als sie sich festkrallten. Ein paar Schritte entfernt tat die zweite Klaue das Gleiche.

Sram griff nach der Klaue neben sich und hielt die Zange in dem Versuch bereit, das Ding auseinanderzunehmen. Es versetzte ihm einen stechenden Schock, heftig genug, um ihm die Finger taub werden zu lassen und ihn von weiteren Versuchen dieser Art abzuhalten.

Dann gab es ein lautes, schwirrendes Geräusch. Sram wagte einen Blick aus dem Fenster.

Aus der Dunkelheit raste eine kleine, zwischen den beiden Kabeln hängende Gondel drohend auf ihn zu. In ihr befand sich etwa ein Dutzend Renegaten mit Waffen und Werkzeugen, die Sram nicht genau erkennen konnte.

Die Sicherheitstüren des Kontrollraums gaben dem Angriff mit der Hammerfaust nach und weitere Renegaten strömten hindurch, unterstützt von übergelaufenen Automaten des Konsulats. Kailash und ihre Leute wehrten sich nach besten Kräften und gingen doch zu Boden.

Die Gondel krachte gegen die Wand des Kontrollraums und die Renegaten eilten aus ihr hervor. Bald waren mindestens zwei Waffen auf jeden seiner Konstrukteure gerichtet und drei auf ihn. Viele der Renegaten kannten ihn. Sie wussten, dass er derjenige war, der die Ätherversorgung zu ihren Vierteln während der aktuellen Krise abgeschnitten hatte. Er konnte ihnen ihren Zorn nicht verübeln.

Eine der Renegatinnen aus der Gondel trat vor und nahm die Schutzbrille ab – eine ältere Frau mit einer Aura der Autorität. Sram kannte sie aus der Arena.

Er richtete sich auf.

„Pia Nalaar“, sagte er. „Dann haben Sie also in dieser Sache das Sagen?“

Sie lachte ihn an, wenn auch nicht bösartig.

„Niemand hier hat das Sagen“, sagte sie. „Aber Sie haben etwas, was uns gehört. Wir sind hier, um es uns zurückzuholen.“

Sein Blick schweifte durch den verwüsteten Kontrollraum, in dem es von Renegaten wimmelte.

„Nalaar“, sagte er etwas leiser. „Meine Leute sind keine Soldaten. Ich mache mir Sorgen, dass einige der Ihren uns gegenüber wegen der Allokationen der letzten Zeit einen Groll hegen.“

„Das tun sie“, sagte sie. „Sie werden trotzdem gut behandelt werden. Darauf haben Sie mein Wort.“

„Dann ergebe ich mich“, sagte Sram. „Der Ätherknoten gehört Ihnen.“

Fürs Erste.


Was war eine vernünftige Zeitspanne, um Streitkräften des Konsulats die Kontrolle über einen Ätherknoten abzuringen? Rashmi war sich da nicht sicher, aber die Angriffstruppen der Renegaten waren nun schon seit Stunden fort. Es schien ihr, als sollten sie jeden Augenblick zum Lagerhaus zurückkehren, ob nun siegreich oder nicht. So oder so blieb Rashmi und Mitul nur wenig Zeit, das Luftschiff fertigzustellen.

Das Licht in dem geräumigen Lagerhaus war gedämpft. Teilweise, um Äther zu sparen – er würde den Renegaten bald ausgehen, wenn sie die Knoten nicht unter ihre Kontrolle bringen konnten –, und teilweise, um nicht die Aufmerksamkeit der Luftpatrouillen des Konsulats auf sich zu ziehen.

Inmitten des weiten, schattenverhangenen Raums stand das gewaltige Luftschiff, das beinahe so groß wie das Lagerhaus selbst war: die Tezzerets Untergang.

Bild von Christine Choi
Bild von Christine Choi

Das Luftschiff war der nächste Schritt im Plan der Renegaten: den Ätherknoten sichern, mit dem so gewonnenen Äther das Schiff antreiben und dann mit der Tezzerets Untergang einen Angriff auf den Turm des Konsulats fliegen. Die Renegaten würden diesen entsetzlichen Mann zur Strecke bringen und dabei die Planare Brücke zerstören.

Die Planare Brücke: So hatten sie – die Planeswalker, wie Saheeli sie ihr vorgestellt hatte – Rashmis Materietransporter genannt. Sie verwendeten den Begriff wie ein Schimpfwort. Immer wenn er ausgesprochen wurde, breitete sich Beklemmung im Raum aus. Sie tuschelten miteinander über die Gräueltaten und das Chaos, das Tezzeret mit Rashmis Erfindung in seinem Besitz anrichten würde. Jedes Szenario war finsterer als das davor.

Deshalb war sie hier. Wenn das Himmelsschiff, bei dessen Bau sie geholfen hatte, zur Zerstörung der Planaren Brücke führte, wäre sie nicht länger für die Bedrohung verantwortlich, die ihre Schöpfung für all diese Welten darstellte, welche es dort draußen gab.

Und dann wäre sie fertig. Sie würde ihre Werkzeuge an den Nagel hängen und mit dem Erfinden aufhören. Dies hier wäre das Letzte, was sie je herstellen würde, was Schaden anrichten konnte.

Im sanften Licht der Lampe, die Mitul über die Motorklappe des Luftschiffs hielt, drehte Rashmi ihren Schraubenschlüssel, um die Kondensatorhalterung festzuzurren. Bei jeder Drehung senkte sich das Gefühl von Endgültigkeit tiefer in ihre Eingeweide. Drei Bolzen noch.

„... wenn du dich nicht für diese Forschungsrichtung der Ätherologie interessierst, dann habe ich noch an einem weiteren Ansatz gearbeitet. Dieser ist etwas theoretischer.“ Mituls Stimme bahnte sich ihren Weg in Rashmis Bewusstsein. Er hatte die ganze Zeit gesprochen und die nächsten Forschungsarbeiten erläutert, von denen er hoffte, dass sie sie gemeinsam angehen würden. Die Planeswalker hatten Rashmi und Mitul das Versprechen abgenommen, dass sie ihre Forschungen zum Materietransport einstellen würden. Seither war Mitul eifrig dabei, ein neues Projekt zu finden. „Die Idee, dass Äther sich durch die Zeit bewegt, ist weitestgehend unerforscht. Ich glaube, wir könnten auf diesem Gebiet große Fortschritte erzielen. Meinst du nicht auch?“

„Vielleicht könnten wir das“, murmelte Rashmi abwesend. Sie blickte ihrem Freund in die ernsten Augen. Das Schwerste bei dieser ganzen Angelegenheit würde sein, ihn zu verlassen. Doch wenn sie einen neuen Weg finden wollte – einen, der nicht zu Leid und Zerstörung führte –, hatte sie keine andere Wahl, als fortzugehen. „Hast du einen guten Satz Schraubenschlüssel, Mitul?“

„Welche Größe brauchst du denn?“ Hilfsbereit wie eh und je wandte er sich der nahen Werkbank zu. „Vielleicht einen mit einem abgewinkelten Griff?“

„Nein, nicht für mich. Ich meine, hast du deinen eigenen Satz?“

„Oh.“ Mitul legte verwirrt den Kopf schief. „Ich benutze deinen.“ Er räusperte sich. „Ich hoffe, das macht dir nichts aus.“

„Natürlich nicht“, sagte Rashmi eilig. „Du solltest ihn weiter benutzen.“ Sie würde ihm ihre Schraubenschlüssel geben. Sie würde ihm all ihre Werkzeuge überlassen. Sie konnte sich keine anderen Hände vorstellen, die sie führten, wenn sie fort war.

Noch ein Bolzen.

Rashmi griff nach der hinteren Ecke der Halterung, aber ihre Hände begannen zu zittern. Sie versuchte, sich zu beruhigen. Jetzt war keine Zeit für so etwas. Doch es war nicht ihre Hand, die zitterte. Das Beben kam vom Boden unter ihren Sohlen. Es wurde stärker und fühlte sich an, als würde im nächsten Moment ein Haufen Riesen durch die Wände des Lagerhauses brechen. Die Renegaten. Sie waren zurück.

„Der Knoten gehört uns!“, hallte der Ruf durchs Dachgebälk. Mit einem lauten Ächzen wurden die gewaltigen Tore aufgeschoben.

„Sie haben es geschafft.“ Mituls Augen weiteten sich anerkennend. Er hatte sich der Widerstandsbewegung mit einer Leidenschaft und Bestimmtheit angeschlossen, die Rashmi bewunderte. Rashmi nickte und zwang sich zu einem Lächeln.

„Renegaten!“, hallte Pia Nalaars Stimme von der anderen Seite des Luftschiffs. „Renegaten, versammelt euch!“

Mitul blickte flehend zu Rashmi. „Geh schon“, sagte sie. „Ich mache das hier noch fertig und komme gleich nach.“

Mitul zögerte.

„Wir haben es geschafft!“, rief Pia unter weiteren Jubelrufen.

Rashmi konnte das Funkeln in Mituls Augen sehen. Er wollte da draußen sein. „Nun geh schon“, ermutigte sie ihn. So würde es ohnehin leichter als ein richtiger Abschied. Sie würde sich davonstehlen, ehe irgendjemand sie nach vorn rufen konnte. Saheeli hatte sie gebeten, an der Taufzeremonie teilzunehmen, doch das war das Letzte, was Rashmi wollte. Es war Zeit für sie zu gehen.

„Ich halte dir einen Platz frei.“ Mitul lächelte und eilte zum Heck des Luftschiffs. Rashmi hob die Hand, um ihm stumm zum Abschied zuzuwinken.

Auf der anderen Seite des Lagerhauses fuhr Pia fort: „Heute haben wir uns jenen gestellt, die uns unterdrücken wollen, und wir haben ihnen gezeigt, dass wir stärker sind als sie!“ Triumphierendes Gebrüll. „Doch unser Kampf ist noch nicht vorbei. Er hat gerade erst begonnen. Das, was wir am Knoten erreicht haben, wird uns bei dem helfen, was wir als Nächstes tun müssen.“

„Tezzeret zur Strecke bringen!“, rief jemand. Weitere Stimmen nahmen den Ruf auf, während Rashmi mit einer letzten Drehung des Schraubenschlüssels ihre Arbeit beendete. Es fühlte sich sehr endgültig an.

„Tezzeret gehört nicht hierher“, sagte Pia zu den Renegaten. „Er ist ein Lügner und Betrüger, der sich an die Macht geschlichen hat. Er ist ein Tyrann, der nicht herrschen darf. Und es ist an uns, ihn zur Strecke zu bringen!“

Die Erwiderung war ohrenbetäubend.

„Und das werdet ihr auch“, flüsterte Rashmi. Sie verriegelte die Antriebsklappe. Die Tezzerets Untergang war vollendet.

Mit einer Ecke ihrer Kleidung wischte sie Staub und Öl von dem goldenen Metall. „Viel Glück.“ Nach einem letzten, festen Wischen wandte sie sich zum Gehen. Dann blieb sie wie angewurzelt stehen – irgendetwas an der Klappe erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie hielt inne, beugte sich vor und blinzelte, um es besser zu erkennen. Da war etwas in das Metall eingraviert, das erst jetzt, nachdem sie die Schmutzschicht entfernt hatte, sichtbar war. Zwei Buchstaben, sorgfältig von geschickter Hand eingeritzt: K. N.

Rashmi stockte der Atem. Kiran Nalaar. Das musste es sein. Pias verstorbener Partner und der Erfinder, der dieses Schiff vor so langer Zeit entworfen hatte. Rashmi strich mit den Fingern über die Gravur und entfernte sanft den Rest von Schmutz und Öl, als könnte ihre Zärtlichkeit das Schicksal seiner Schöpfung wiedergutmachen. Es tut mir leid, was daraus geworden ist. Sie drückte die Finger gegen die Buchstaben. Ich weiß, wie es ist, mit ansehen zu müssen, wie eine der eigenen Schöpfungen dazu eingesetzt wird, Leid zuzufügen.

Eine Woge ätherischer Energie stieg von dem Metall auf und ein helles, blaues, wirbelndes Leuchten füllte Rashmis Blickfeld aus. Ihr Herz machte einen Sprung. Sie kannte dieses Gefühl. Es war das wundervollste Gefühl überhaupt. Sie hatte es nur ein einziges Mal gespürt, als sie den Prototyp von Avaati Vyas Ätherverfeinerer im Museum der Erfindungen berührt hatte. Auf dem Schild hatte „Nicht berühren“ gestanden, aber sie hatte sich nicht zurückhalten können. Sie hatte mit den Händen über das Metall gestrichen und das Nächste, woran sie sich erinnerte, war, dass der Geist des Erfinders sie überwältigt hatte.

Herzensprojekte taten das: Erfinder, die ihr ganzes Herzblut in ihre Arbeit steckten, hinterließen einen winzigen Teil von sich selbst in ihren Erfindungen. Kirans Hände waren die ersten gewesen, die dieses Metall geformt hatten. Es war sein Verstand gewesen, der diesen Entwurf ersonnen hatte, und nun strömte seine Essenz durch das, was er erschaffen hatte.

Rashmi wurde von seinem Geist übermannt. Von seiner Liebe zum Fliegen. Hoch über der Stadt zu schweben. Mit nichts, was ihn je aufhalten könnte. Seine Leidenschaft, etwas zu erschaffen und etwas zu bauen, was niemand vor ihm je gebaut hatte. Seine Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten und Risiken einzugehen. Und dann noch etwas – etwas, womit sie nicht gerechnet hatte. Kiran hatte das inbrünstige Verlangen, die Freiheit zu verteidigen, etwas erschaffen zu können. Jenen die Stirn zu bieten, die der Innovation Grenzen setzen wollten. Den Erfindergeist zu schützen, den er so sehr liebte.

Es war, als hätte sie den Atem angehalten und als hätte ihr Herz aufgehört zu schlagen, und nun, da ihre eigenen Empfindungen zu ihr zurückkehrten, taumelte Rashmi von dem Luftschiff fort. Nachbilder in leuchtendem Blau tanzten ihr hinter den Lidern und raubten ihr das Gleichgewicht. Ein Paar Arme fing sie auf. „Sie rufen nach dir.“ Es war Mitul. „Sie möchten, dass du auf die Plattform kommst.“

Rashmi versuchte, ihre Stimme wiederzufinden, um zu protestieren, doch ihre Sinne waren noch immer leicht benebelt und ihre Gedanken rasten. Mitul führte sie um den Bug des Schiffes herum und drängte sie, die Stufen zur Plattform hinaufzusteigen.

Pia streckte ihr die Hand entgegen. „Und hier ist sie, die führende Ätheringenieurin Rashmi, um unser Luftschiff zu taufen.“ Als erneuter Jubel aufkam, legte Pia Rashmi einen Arm um die Schultern. „Rashmi hat mehr durchgemacht, als die meisten von uns sich vorstellen können“, sagte Pia. „Sie wurde von Tezzeret selbst gefangen gehalten und hat sich ihre Freiheit erkämpft.“ Dies löste Laute aus, mit denen die Menge Rashmi ihre Unterstützung zusicherte. „Ich sage, sie hat sich das Recht verdient, dieses Schiff seinem Untergang zu weihen.“ Pia reichte Rashmi eine Glasflasche voll leuchtendem Äther. „Erweise uns die Ehre. Lass uns diesem Ungeheuer ein Ende bereiten!“

Rufe wie „Vernichtet ihn!“ und „Nieder mit dem Tyrannen!“ und „Tezzerets Untergang!“ ließen Rashmi den Blick von der Menge abwenden. Es waren so viele Menschen – ein wahres Meer aus Gesichtern –, und sie alle blickten sie an. Rashmi starrte sie ihrerseits an – sie, die Renegaten. Doch in diesem Augenblick war dies nicht das, was sie sah. Sie sah Erfinder. Jeder Einzelne von ihnen war hier, weil er an den Erfindergeist glaubte. Der gleiche Geist, den sie durch Kiran gespürt hatte. Er pulsierte noch immer in ihr, hell und leidenschaftlich.

Es war mehr an diesem Luftschiff, mehr an dieser Revolution, als sie sich zu sehen gestattet hatte. Sie hätte ihre Furcht gewinnen lassen. Sie hätte sich eingeredet, dass es bei all dem nur um Zerstörung ging. Sie hätte sich nicht mehr irren können.

„Mach nur“, sagte Pia.

Rashmi ging ein winziges Stück nach vorn und hielt dabei die Flasche fester, damit sie ihr nicht aus den schwitzenden Fingern rutschte. „Hallo.“ Ihre Stimme klang rau und klein in der kühlen, trockenen Weite. Sie versuchte es erneut, diesmal lauter. „Hallo.“ Niemand antwortete. Sie räusperte sich. „Ich werde dieses Schiff taufen, so wie Pia mich gebeten hat. Aber ich glaube, zunächst braucht es einen neuen Namen.“

Die Menge regte sich unbehaglich und murmelte. Pia suchte Rashmis Blick. Ihr Lächeln war etwas zu breit, und sie flehte sie mit den Augen an, das zu tun, weshalb sie hier war.

Das war es, weshalb sie hier war.

Tezzerets Untergang“, sagte Rashmi. „Das klingt schon gut. Besonders in meinen Ohren. Vertraut mir.“ Ein paar trockene Kicherlaute. „Und er trifft die Sache. Das ist das, was wir tun müssen: die Herrschaft dieses Monsters beenden. Und das werden wir auch. Das werden wir.“

Ein einzelner Schrei.

„Aber letzten Endes ist das gar nicht, weshalb wir hier sind – zumindest nicht nur. Wir sind nicht hier, um zu kämpfen, um Dinge niederzureißen und um zu zerstören. Das tun wir, weil wir es tun müssen. Weil es nötig ist, wenn wir etwas bewahren wollen. Und etwas bewahren ist das, was wir wirklich tun wollen. Wir sind hier, um unsere Stadt zu retten. Um ihren Geist zu verteidigen – den Erfindergeist. Das ist es, was auf dem Spiel steht. Wir sind Erfinder. Wir erschaffen. Wir erbauen. Wir fügen der Welt etwas hinzu, anstatt ihr etwas zu nehmen.“

Vereinzelte zustimmende Rufe erklangen als Widerhall auf Rashmis Worte.

„Tief in uns wissen wir alle, wer wir sind. Aber wenn ihr eine Erinnerung braucht, dann denkt an den Mann, der dieses Schiff entworfen hat: den großen Erfinder Kiran Nalaar.“ Alle Blicke wandten sich zu der Frau, die neben Rashmi stand. Rashmi spürte, wie sich Pia neben ihr aufrichtete. „Niemand verkörperte den Erfindergeist mehr als Kiran. Er lebte, um zu erschaffen. Und er glaubte an das Recht eines jeden Einzelnen, sich frei entfalten zu dürfen. Er baute dieses Schiff nicht, um etwas damit zu zerstören, sondern nur, um etwas damit zu entdecken. Und es ist meine größte Hoffnung, dass wenn all dies vorüber ist – wenn wir dieses Monster zur Strecke gebracht haben, wenn wir gesiegt haben –, dass Kirans Schiff dann ein Zeichen der Hoffnung darstellt. Dass es seinen und unseren Erfindergeist in jeden Winkel der Welt tragen wird. Deshalb taufe ich dieses Schiff auf den Namen Kirans Herz.“ Rashmi hob die Flasche mit Äther über den Kopf. „Auf dass wir nie vergessen mögen, wer wir sind.“ Sie zerschlug die Flasche am Bug des Luftschiffs und die mystische blaue Substanz ergoss sich über das glänzende goldene Metall.

Jubel brandete auf, und in Rashmis Augenwinkeln sammelten sich Tränen. Pia legte ihr die Hände auf die Schultern. „Danke. Tausend Dank.“ Sie ergriff Rashmis Hand und erhob sie unter tosendem Applaus.

„Für den Erfindergeist!“, rief eine Stimme aus der Menge. Rashmi erkannte die Stimme und fand Mitul, der die Faust nach oben reckte. Ihre Blicke trafen sich, und sie lächelte ihrem Freund zu. Sie wusste, dass es keinen Abschied geben würde. Sie waren Erfinder, Forscher auf dem aufstrebenden Gebiet temporaler Ätherabstraktion, und sie würden nicht zulassen, dass Tezzeret ihnen das nahm.


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