Eine Zeit der Innovationen

Veröffentlicht in Magic Story on 31. August 2016

Von Kimberly J. Kreines

Kimberly J. Kreines is a creative designer new to the Magic team. But neither playing Magic nor writing are new to her. She has a penchant for dragons, the Oxford comma, and chicken tikka masala. In her opinion, all three are equally delightful.

Was bisher geschah: Heimweh

Auf Kaladesh hat der Erfinderwettstreit begonnen, bei dem sich Kreativität und Genie treffen. Erfinder sind in die Stadt Ghirapur geströmt, um an diesem weltbewegenden Ereignis teilzunehmen. Hier gilt für sie: „Sehen und gesehen werden“ – und sie haben die Chance, die Herzen der Bevölkerung und der Preisrichter für sich zu gewinnen. Die leidenschaftliche Ätherforscherin Rashmi hofft genau darauf: Sie muss die Preisrichter dazu bringen, an ihre Schöpfung zu glauben, wenn sie je darauf hoffen will, die Welt zu verändern und ihre Spuren auf ihr zu hinterlassen.


Mittlerweile hatten die Stadt Ghirapur und ihre Bewohner sich an die Anwesenheit des gewaltigen und an einen Käfer gemahnenden Inquiriums gewöhnt. Die weitläufige, hochmoderne Forschungseinrichtung hockte auf ihren sechs langen, unter dem Körper zusammengelegten Beinen aus Metall in einer Ecke des großen Platzes im Zentrum von Ghirapur. Wo der Verkehr zuvor noch oft zum Erliegen gekommen war, wenn die Fahrer mit offenem Mund die glänzenden, bauchigen Auswüchse und die äthermessenden Antennen bestaunten, nahmen die Pendler inzwischen kaum mehr Notiz von der Anlage, während sie an ihr vorbeirauschten. Das Inquirium war seit so langer Zeit an ein und demselben Ort geblieben, dass sich in dem Areal, das einem Kopf am nächsten kam, eine Familie von Pfauen eingenistet hatte. Selbst wenn ungefähr einmal in der Stunde ein Zischen aus den Eingeweiden des Labors zu hören war und eine Reihe knisternder Funken durch den Schornstein entwich, regten sich die Vögel nicht einmal. Das Leben hatte sich angepasst und Ghirapur das Inquirium wie so viele seiner anderen bunt zusammengewürfelten Wahrzeichen als Teil seiner eigenen Identität angenommen. Kaum jemand hielt mehr inne, um sich zu fragen, welcher brillante Forscher wohl in seinem Inneren leben mochte.

Auch Rashmi hatte die Leute draußen völlig vergessen. Sie hatte auch sonst nahezu alles vergessen außer dem Gerät, das sie gerade entwarf. Erst vor wenigen Monaten war der Materietransport zu einem heißen Thema unter den üblicherweise sehr zurückhaltend agierenden Gesellschaften für Ätherologie geworden. Im überschaubaren Kreis dieser Erfinder hatte es sich von einer bloßen Theorie, über die man lediglich hinter vorgehaltener Hand sprach, zu einer regelrechten Obsession entwickelt. Doch allein Rashmi verfügte über ein Gerät, das in der Lage war, genug Energie für solch ein Unterfangen zu erzeugen. Ihr bahnbrechender Ätherkondensator, der kaum Beachtung gefunden hatte, als er das erste Mal von ihr vorgestellt worden war, würde nun als Kernstück des Transporters urplötzlich mitten im Rampenlicht stehen. Es war, als wäre der Kondensator für genau diesen Zweck gemacht und sie – Rashmi – genau für dieses Experiment. Die Ätherströme waren ausgerichtet und zogen alles an den richtigen Platz, während sie mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit in Richtung ihres Crescendos jagten.

Sie würde es schaffen. Sie würde das Gerät gerade noch rechtzeitig zum Wettstreit fertigstellen. Gerade noch rechtzeitig, um der Welt zu zeigen, was alles möglich war.

„Pinzette.“ Rashmi streckte die Hand aus.

„Pinzette.“ Ihr Vedalken-Assistent Mitul legte das Werkzeug in ihre Handfläche.

Sie zwirbelte einen dünnen Draht zusammen und lauschte dabei auf das Muster des Ätherstroms. Sie wusste, der Äther würde es ihr erlauben, den Draht genau so weit zu straffen, dass er sicher befestigt war, ohne dabei das Metall zu stark unter Spannung zu setzen. „Messschieber.“

Mitul tauschte die Pinzette gegen den Messschieber. „Auf 3,084 einstellen.“

Rashmi nahm die Einstellung vor. „Wir strapazieren hiermit zweifellos die Grenzwerte.“

„Ich kann damit umgehen. Ich habe die Berechnungen vorgenommen. Dreimal.“ Mitul nahm den Messschieber und reichte ihr einen optisch zentrierenden Körner.

Sie stanzte ein Loch in das goldene Metallrohr und führte mit der Präzision einer Chirurgin das neue Filament ein, um es mit dem Rest des Ätherkreislaufs zu verbinden. „Das sollte genügen.“ Rashmi stand auf und reckte den steifen Nacken, während nervöse Aufregung sich in ihr breitmachte. Obwohl sie schon Hunderte von Versuchen durchgeführt hatten, war Rashmi jedes Mal aufs Neue gespannt, wenn sie kurz vor einem weiteren Durchlauf standen. Schließlich konnte es ja genau dieser eine Versuch sein, der ihre Theorie bestätigte. Besonders nun, da der Wettstreit so kurz bevor stand.

„Ich erledige den Aufbau.“ Mitul ging mit einer Eleganz, um die Rashmi ihn beneidete, zu einem Blumentopf, der in dem Sonnenlicht stand, welches durch das Fenster der Kuppel über ihnen hereinfiel. Er zupfte eine Blume aus dem Topf und platzierte sie in einer Vase auf dem Tisch in der Mitte des Raumes. „Versuchsobjekt Nummer 848 ist bereit.“ Mitul trat zurück.

Rashmi versuchte, nicht an die anderen Blumen zu denken, die vor 848 an der Reihe gewesen waren.

Sie wuchtete den Transporter von der Werkbank und trug ihn in den Versuchsbereich. Der Transporter hatte die Form eines großen, goldenen Reifen von den ungefähren Ausmaßen wie ein Rad eines Straßenkreuzers des Konsulats. Sie hielt ihn über die Blume und betätigte einen zierlichen, goldenen Schalter, um das Ätherventil zu aktivieren. Vibrationen bauten sich in seinem Inneren auf, als leuchtend blauer Äther durch den Ring strömte. Sie öffnete sich selbst der Großen Verbindung und dämpfte ihre anderen Sinne, um den Äther sehen zu können. Das Muster, das durch den Transporter floss, war ausgezeichnet. Die Anpassungen der Bauweise hatten den Fluss ausreichend verändert, um im Ring einen Impuls zu erzeugen, der sich in regelmäßigen Abständen wiederholte und dessen verschnörkelte Form sie an den Schwanz eines Bandaren erinnerte. Sie wertete das als gutes Zeichen, denn immerhin betrachteten Elfen Bandaren als Glücksbringer.

„Ich glaube, das ist es, Mitul“, flüsterte sie. „Ich kann es im Äther spüren.“ Ihre Hände zitterten.

„Meinen Berechnungen zufolge wirkt diese Iteration in der Tat sehr vielversprechend.“ Mitul verzog keine Miene, und sein gesamtes Gebaren blieb wie immer ausgesprochen professionell. Anders als sie wirkte er vor einem Versuch nie aufgeregt oder nervös: Er war eine beständige, stetige Kraft im Labor, die nie ihren Fokus verlor.

„Bereit?“, fragte sie.

Mitul nickte. Er stand an einem hohen Tisch, auf dem verschiedene Äthermessgeräte angeordnet waren. Die Spitze seines Bleistifts schwebte über seinen Laboraufzeichnungen. „Ich bin bereit.“

Du schaffst das, ermutigte Rashmi schweigend ihr Versuchsobjekt 848. „Also schön. Ich gebe den Transporter frei in drei ... zwei ... eins ...“ Sie ließ den Ring los, woraufhin der Äther in dessen Inneren anschwoll und einen Puffer bildete, auf dem der Ring dicht über der Blume schwebte.

„Startzeit des Versuchs ist notiert.“ Mitul kritzelte emsig. „Erste Äthermessungen erfasst.“

Mit einem leichten Seufzer senkte der Ring sich langsam ab und bewegte sich auf die Blütenblätter der Blume zu. Rashmis Nervosität wurde vom Summen des Äthers verschlungen. Sie konnte den Blick nicht mehr von seinem pulsierenden Fluss abwenden, der schneller und schneller wurde, je dichter der Transporter sich 848 annäherte. Die Kadenz nahm mit jedem weiteren Herzschlag zu, bis der Fluss die Begrenzung seiner eigenen Struktur hinter sich ließ und sich zu verlagern begann. Rashmi sah, wie die für gewöhnlich sanften Schwingungen heftige Ausschläge zeigten und mit einem Mal scharfe Kurven vollführten. Die wirbelnden Bandarenschwänze umkreisten einander wild. Sie erkannte dieses Verhalten wieder. Der Äther bildete jene Muster, die die Verheißung in sich bargen, den Gesetzen der Welt zu trotzen.

Als sich der Ring auf gleicher Höhe mit den Blütenblättern befand, hörte sie wie aus weiter Ferne Mituls Stimme. „Zeitpunkt des Kontakts erfasst.“

Rashmi hielt den Atem an.

Die Spitzen der Blütenblätter flackerten, als der Ring über sie hinwegfuhr. Der goldene Transporter setzte seinen Abstieg fort.

Ein weiteres Flackern.

Und dann löste sich die strukturelle Integrität der gesamten Blume urplötzlich auf, als sie mit einem leisen Knall zu einem schwebenden Umriss aus Staub zerfiel. Einen Atemzug später zerbarst dieser Umriss, da jedes Materieteilchen mit enorm hoher Geschwindigkeit nach außen strebte. Die winzigen Projektile schossen in den Ring und bohrten sich in das Metall hinein, um es an einigen Stellen sogar komplett zu durchschlagen. Der Transporter sprühte Funken und knisterte. Das zerbrechliche Ätherfilament gab ein hohes Winseln von sich und brannte aus, noch bevor Rashmi es hätte bergen können.

„Versuch fehlgeschlagen. Versuchsobjekt 848 wurde desintegriert“, sagte Mitul.

Rashmi seufzte und fuhr mit den Fingern über das Metall des Transporters, um die Schäden einzuschätzen. Sie hatte wirklich geglaubt, dass es dieses Mal funktionieren würde.

„Anzumerken ist“, sagte Mitul, „dass die Messungen Spuren transmutierter Materie erkannt haben, was darauf hindeutet, dass 848 gut auf die initiale Kontaktphase angesprochen hat.“

„Transmutation als Vorbereitung für den Transport?“ Rashmis Schulter strafften sich und sie fasste neuen Mut.

„So scheint es, ja.“

„Nun, in diesem Fall müssen wir lediglich für eine stabilere Umgebung sorgen.“

„Haargenau das, was ich auch denke“, sagte Mitul. „Ich sehe mich zu dem Vorschlag geneigt, unseren nächsten Versuch mit einem weniger turbulenten Ätherstrom durchzuführen. Wenn wir den Durchmesser des Rohrs vergrößern ...“

„... dann reduzieren wir die Turbulenzen im Initialdurchfluss und verringern die Volatilität!“, beendete Rashmi seinen Satz. „Mitul, das ist brillant!“

„Ich glaube, diese Hypothese ist recht vielversprechend, ja.“

Aus genau diesem Grund arbeiteten sie so gut zusammen. Keiner von ihnen ließ sich je lange entmutigen. Rashmi hatte die Große Verbindung, um sie daran zu erinnern, dass sie auf dem richtigen Weg war, und Mitul hatte seinen Glauben an iterative Forschungsmethoden. Auch wenn er ihr Verhältnis zu der Großen Verbindung nie infrage gestellt hatte, hatte Rashmi das Gefühl, dass Mitul nur wenig darauf gab. Sie nahm an, dass er sich wie die meisten Vedalken, die sie kannte, jenem schier unendlichen Prozess verschrieben hatte, bei dem einen die Wiederholung einer vorherigen Methode mit einer leichten Variation schlussendlich der Lösung irgendwann näherbrachte. Obwohl sie nicht ganz verstand, wie jemand in dieser Art von Iteration Inspiration finden konnte, hatte sie dennoch nie auch nur einen Moment an ihm gezweifelt. Es machte ihr nichts aus, dass ihre Philosophien sich unterschieden, denn ihre jeweiligen Beweggründe spielten keinerlei Rolle. Es waren ihre optimistische Einstellung und ihre Hingabe an ihre gemeinsame Forschung, die ein so enges Band zwischen ihnen geflochten hatten. Und kein Tag verstrich, an dem Rashmi sich nicht glücklich schätzte, in Mitul einen derart talentierten Forschungspartner und Freund gefunden zu haben.

Der Vedalken blickte von dem Buch auf, in dem er seine Aufzeichnungen festhielt. „Wie es der Zufall will, haben wir ein passendes Rohr im Lager. Ich werde es holen und bin dann gleich wieder zurück.“ Er hatte den Raum schon halb durchquert, als er den Satz beendete. Rashmi ihrerseits war bereits bis zu den Ellenbogen im Ring des Transporters, um Reparaturen daran durchzuführen.

Sie hatten keine Zeit zu verlieren. Obwohl Rashmi versuchte, dem Datum, das auf dem Kalender eingekreist war, keine Beachtung zu schenken, wusste sie, dass es bedrohlich schnell näher rückte. Der Vorentscheid für den Erfinderwettstreit fand in kaum einer Woche statt. Das war ihre Gelegenheit, der Welt – und viel wichtiger noch: den Preisrichtern und Finanziers – den Transporter zu zeigen. Sie würde gewinnen – dessen war sie sich sicher –, und dann hätte sie Geldgeber und Gönner für ihre Forschungen. Sie hätte die Unterstützung des Konsulats anstatt nur eines rasch dahinschmelzenden Vorrats an Äther. Vielleicht könnte sie sogar ihre eigenen mechanischen Arbeiter für das Inquirium bekommen. Doch das griff dann doch etwas zu weit vor. Es war Zeit für Versuchsobjekt 849.


„Versuchsobjekt 887 ist bereit.“ Mituls Stimme war heiser. Weder er noch Rashmi hatten in den letzten beiden Tagen geschlafen. Es war der Nachmittag des Vorentscheids für den Erfinderwettstreit und sie hatten noch keinen einzigen erfolgreichen Versuch durchgeführt. Dies war ihre letzte Chance. Falls dieser Versuch sich als Erfolg erwies, hatten sie gerade noch genug Zeit, den Ring einzupacken, auf einen Karren zu laden und rechtzeitig in der Arena einzutreffen, in der der Vorentscheid stattfand. Schlug dieser Versuch fehl, dann war es vorbei.

Rashmi hielt den Ring über die leicht welkende Blume. Ihre Arme zitterten – nicht vor Aufregung, sondern vor Erschöpfung. Warum hatte die Große Verbindung sie an diesen Punkt geführt, wenn es ihr nicht bestimmt war, den Wettstreit zu gewinnen? Warum hatte sie sie so weit vorangetrieben, nur um sie versagen zu sehen? Sie wollte schreien. Doch das tat sie nicht. In diesem Augenblick bemerkte sie, wie Mitul ein Gähnen unterdrückte, und der Anblick rührte etwas in ihr. Sie konnte nicht aufgeben. Noch nicht.

Es gibt noch eine letzte Chance, gemahnte sie sich. Sie versuchte, ihren Verstand von zynischen Gedanken zu befreien. Sie sagte sich, dass es Mitul und ihr vielleicht bestimmt war, sich bis zum letzten Moment abzumühen. Vielleicht war dies alles Teil des Musters, das die Große Verbindung wob. Vielleicht war dies ihr Augenblick. „Na gut. Auf geht‘s“, sagte sie so zuversichtlich, wie sie nur konnte. „In drei ... zwei ... eins ...“ Sie ließ den Ring los.

„Startzeit des Versuchs ist notiert.“ Mitul machte eine Notiz. „Und die Messungen sind erfasst.“ Er rieb sich die geröteten Augen.

Rashmi versuchte, die Rolle einer unbeteiligten Beobachterin einzunehmen, doch als der Ring sich auf die herabhängenden Blütenblätter senkte, hielt sie erneut den Atem an und hoffte. Dieses Mal musste es funktionieren. Das musste es einfach.

Der Ring fuhr am obersten Blütenblatt vorbei. „Zeitpunkt des Kontakts ist erfasst“, sagte Mitul.

Das Blütenblatt flackerte. Nicht implodieren. Nicht implodieren, flehte Rashmi.

Ein weiteres Flackern.

Und noch eines.

Der Ring war nun zur Hälfte an der Blüte entlanggefahren. Tief in Rashmi regte sich etwas. Das musste es sein. Staunend und ehrfürchtig sah sie dabei zu, wie die Muster einen Weg durch den Raum öffneten. Als sie in den Äther starrte, konnte sie beinahe den Riss sehen, der sich im Gewebe ihrer Welt bildete. Es tat ihr so leid, dass sie je gezweifelt hatte. Sie konnte kaum glauben, was sie mit eigenen Augen vor sich sah. Die gesamte Blume flackerte. Jeder Muskel in Rashmis Körper spannte sich an. Und dann ...

PLOPP! Die Blume implodierte.

Eine eisige Kälte kroch durch Rashmis Eingeweide. Nein. Der Ring sprühte knisternd Funken. Nein. Sie hörte, wie das Filament zersprang. Nein! Das hätte nicht passieren sollen. Das konnte nicht sein.

„Versuch fehlgeschlagen. Versuchsobjekt 887 wurde desintegriert“, sagte Mitul.

Rashmi machte sich nicht die Mühe, den Ring von den zerstäubten Überresten der Blume aufzuheben. Es gab keinen Grund, ihn zu bergen ... Es war vorbei. Sie wandte sich ab, weil sie nicht mehr hinschauen konnte. Vage hörte sie den Ring auf den Tisch prallen. Das Geräusch dröhnte in ihrem Schädel wie die Glocke der Akademie, die das Ende des Tages ankündigte. Der Test war vorbei und sie war durchgefallen.

„Addendum: In der Zeit nach der aufgezeichneten Vollendung des Versuchs mit Objekt 887 ergibt eine fortgesetzte Beobachtung, dass offenbar ein Unterschied in der Art und Weise besteht, wie organische respektive anorganische Stoffe durch die Ätherwellen im Raum beeinflusst werden.“ Mituls Stimme floss über Rashmi hinweg wie Wasser über eine offene Wunde.

„Mitul, es gibt keinen Grund mehr für weitere Aufzeichnungen.“ Sie spähte zu den roten Mahnungen am anderen Ende des Tisches. „Ich hätte es dir schon längst sagen sollen. Es tut mir so leid, aber das Inquirium ist ...“

„Rashmi,“ unterbrach sie Mitul. Es war merkwürdig, ihn ihren Namen sagen zu hören, da er sie so selten direkt ansprach. „Rashmi.“ Etwas in seiner Stimme brachte sie dazu, sich umzudrehen. „Sieh nur.“ Er deutete in die Ecke des Labors und blinzelte heftig.

Rashmi folgte seinem Finger. Dort lehnte in einem kleinen aufgemalten Kreis die Vase an der Wand. Rashmi schnappte nach Luft. Sie blickte zurück zum Tisch in der Mitte des Raumes. Dort lag nur der Ring. Ihr erster Gedanke war, dass ihre Sinne ihr einen Streich spielten. Es konnte eine andere Vase sein. Doch ein Irrtum war ausgeschlossen. Es war die einzige Vase im gesamten Labor. Sie war an zwei Eisenbarrieren, einem Stapel Ausrüstung und Mitul selbst vorbeigewandert und lehnte nun in ebenjenem Kreis, der für die Blume vorgesehen gewesen war, an der Wand.

Rashmi lachte. Es klang seltsam und überraschte sie selbst. Sie hätte vielleicht weiter gelacht, hätte ihr pochendes Herz ihr nicht die Kehle zugeschnürt und sie beinahe erstickt. Sie brachte keinen einzigen vollständigen Satz hervor. „Mitul – Mitul –w-wi –“

„Ja.“ Mitul blinzelte noch immer hektisch. „Wir haben anorganisches Material erfolgreich durch den Raum transportiert.“

„Ha! Wir haben es geschafft!“ Heiße Tränen sammelten sich in Rashmis Augen, und sie rannte zu ihrem Freund, um dem großen Vedalken die Arme um den Hals zu werfen. Sie drückte ihn. „Wir haben es tatsächlich geschafft.“

„Das haben wir in der Tat“, sagte Mitul und befreite sich aus ihrer Umarmung. „Jetzt muss ich mich darauf konzentrieren, diese Resultate aufzuzeichnen. Ich kann es mir nicht erlauben, mich potenziell ablenkenden Emotionen hinzugeben, wenn es um die Wissenschaft geht.“

Rashmi lachte erneut. Das schien die einzige Reaktion zu sein, zu der sie im Augenblick imstande war.

„Betrachte das jedoch nicht als Mangel an Freude.“ Mitul gestattete sich ein winziges Lächeln, ein kaum merkliches Heben der Mundwinkel. „Ich freue mich in der Tat sehr. Oh ja, und wie.“ Doch er sammelte sich, setzte den Bleistift an und räusperte sich. „Na schön. Gehen wir‘s an: In Anbetracht des jüngsten Versuches scheint die von uns beobachtete Rückkopplung durch die Interaktion zwischen dem organischen Material und dem transdimensionalen Raum hervorgerufen worden zu sein. Wir haben zwar unseren Aufbau iteriert, aber nie die Art unserer Versuchsobjekte verändert.“ Mituls Konzentration auf die Fakten hatte ihm anscheinend die Kontrolle über seine Augenlider zurückgebracht.

Und der sichere und vertraute Klang seiner Stimme brachte auch Rashmi wieder zur Besinnung. „Der Wettbewerb!“, rief sie.

Mituls Konzentration war ungebrochen. „Ich werde nun fortfahren, alle beobachteten Eigenschaften der Vase aufzuzeichnen, um sicherzugehen, dass der Transport ohne Kompl–“

„Nein, Mitul, dazu ist keine Zeit!“ Rashmi schnappte sich den Transporter vom Tisch. „Wir müssen zum Wettbewerb! Zu unserem Vorentscheid!“

„Oh!“ Mitul drehte sich mit leuchtenden Augen um. „Oh, ja, da hast du recht.“ Er ließ um ein Haar seine Aufzeichnungen fallen. „Ich erlebe einen solchen Adrenalinrausch, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen kann. Ich werde die Dokumentation fortsetzen, sobald wir zurückkehren. Wenn wir sofort alles zusammenpacken, sollten wir noch genügend Zeit haben, das Gerät in der erforderlichen Sicherheitsverpackung zu verstauen, es in den Karren zu laden und es durch die zweifellos völlig überfüllten Straßen zu ziehen, was eine geringere Transportgeschwindigkeit bedingen wird, um wie verlangt eine Stunde vor unserer geplanten Demonstration die Arena zu erreichen.“

„Perfekt.“ Rashmi musterte den Ring. „Aber wir brauchen zuerst ein neues Filament. Dieses ist hinüber.“

„Das muss an dem Initialkontakt mit dem organischen Material liegen“, sagte Mitul. „Ich vermute, dass wir diesen Effekt nicht mehr beobachten werden, wenn wir ausschließlich anorganische Materialien transportieren.“

„Wollen wir‘s hoffen.“ Rashmi war schon an der Werkbank, um das Drahtgeflecht zurückzuziehen und an das Filament heranzukommen. „Ich möchte die Preisrichter lieber nicht mit einem Feuerwerk überraschen.“

„Nein, ich glaube kaum, dass das gut aufgenommen werden würde.“ Rashmi hätte schwören können, dass sie Mitul leise kichern hörte, als er zum Lagerraum eilte.

Rashmi strich mit den Fingern über das Drahtgeflecht. Es gab ein paar Dellen und Kratzer, aber nichts, was seine Funktionalität hätte beeinträchtigen können. Die Funktionalität, die Materie durch den Ram beförderte. „Wir haben es tatsächlich geschafft“, flüsterte Rashmi. Sie blickte über die Schulter auf die Vase. Ein Teil von ihr wollte nicht so recht glauben, dass das Ding wirklich dort stand, doch das tat es. „Ich hätte niemals zweifeln dürfen.“ Sie schloss die Augen. Da war die Große Verbindung, die hell vor ihr erstrahlte. Ihre Wärme hüllte sie ein. Sie griff danach.

„Wir haben kein weiteres Filament.“ Beim Klang von Mituls Stimme schlug Rashmi die Augen auf. Er stolperte in den Raum. „Sie sind uns ausgegangen. Ich wusste, dass unser Vorrat schwindet. Ich hätte welche bestellen sollen – doch dafür war nie die Zeit. Die Iterationen gingen ständig weiter. Aber das ist keine Entschuldigung. Die Verantwortung liegt bei mir. Ich erwarte nicht, dass du mir meinen Fehler verzeihen kannst.“ Seine zwölf Finger bewegten sich unstet um sein langes, blaues Gesicht.

„Mitul, es ist schon gut.“ Rashmi legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie war sonderbar gefasst. Sie spürte, wie die Große Verbindung sie anleitete, und sie wusste genau, was sie zu tun hatte. „Verpacke das Gerät“, sagte sie. „Wir bringen es zum Markt, kaufen dort ein Filament und fahren dann zum Messeplatz. Wir sollten noch immer rechtzeitig zu unserem Vorentscheid in der Arena eintreffen.“

„Oh.“ Mitul blinzelte. „Oh, ja.“ Er atmete tief aus. „Das könnte durchaus klappen.“

„Das wird es“, sagte Rashmi. „Das ist unser großer Moment.“


Rashmi schirmte die Augen vor der Helligkeit ab. Alles erstrahlte im Licht der wärmenden Sonne: die auf Hochglanz polierten metallenen Automaten, die schimmernde Architektur und die wehenden Banner, Bänder und Girlanden, die den gesamten Platz schmückten.

Bild von Jonas De Ro

Die Anlage für den Erfinderwettstreit war um das Inquirium herum errichtet worden, während sie in den zurückliegenden Monaten ihrer Arbeit nachgegangen waren und ohne dass sie groß etwas davon mitbekommen hätten. Es war, als hätte Rashmi sich in einer Welt in ihr Labor zurückgezogen und es auf einer anderen wieder verlassen – einer Welt, die ein gewaltiges Labyrinth aus glitzerndem Metall und ausgelassenen Feierlichkeiten war. Doch dafür war jetzt keine Zeit. Die Verbindung drängte sie zur Eile. „Hier entlang“, sagte sie zu Mitul und deutete auf die gewaltigen Pfauenfedern in der Ferne, die den Eingang zum Markt kennzeichneten. Bevor sie jedoch den ersten Schritt tun konnte, rollte ihr ein Automat in den Weg.

„Willkommen zum Wettstreit der Erfinder“, sagte er fröhlich. „Wo sich Kreativität und Genie treffen.“

Sie drehte sich zur Seite, um um ihn herumzugehen, und zog den Karren mit dem Transporter hinter sich her, als ein zweiter Automat auftauchte. „Verpassen Sie nicht die Dragster-Rennen im Ovalhatz! Sichern Sie sich gleich jetzt Ihre Eintrittskarten.“

Rashmi wich zurück und suchte nach einem Ausweg.

„Besuchen Sie den einhundert Hektar großen Zoo! Tierkonstrukte aller Art!“

Sie schien umzingelt.

„Vielleicht finden wir hier drüben einen anderen Weg da durch.“ Mitul übernahm die Führung und Rashmi folgte ihm – genau wie eine Handvoll Automaten.

„Bestaunen Sie die lebendige Zahnradarchitektur, die von einigen der berühmtesten Metallarbeitern Ghirapurs entworfen wurde! Ist sie nicht höchst erstaunlich?“

„Ja, ja“, versuchte Mitul, den Automaten zu verscheuchen. „Wir haben es etwas eilig, weißt du.“

Davon ließ die Maschine sich nicht entmutigen. „Finden Sie eher Geschmack an Automatenkämpfen?“

„Nein, wenn du mich jetzt entschuldigen würdest ...“

Der Automat weigerte sich, Mitul vorbeizulassen. „Bitte denken Sie daran, dass Gremlins auf dem Messegelände nicht zugelassen sind.“

„Natürlich nicht, denn das wäre ja absurd. Jetzt muss ich jedoch darauf bestehen ...“

„Bitte sehen Sie davon ab, fremde Ätherkanister mit auf das Gelände zu bringen. Und sollten Sie Zeuge irgendwelcher verdächtiger Aktivitäten werden, so melden Sie diese bitte unverzüglich der nächsten Ehrenwache oder einem Autom–“

„Würdest du uns jetzt bitte aus dem Weg gehen?!“ Mitul schob den Automaten beiseite. „So.“ Er winkte Rashmi zu. „Ich glaube, wir kommen jetzt zum Markt.“

Rashmi schob den Karren eilig an dem schwankenden Automaten vorbei, der ihnen sagte, sie mögen doch bitte ihre Zeit beim Erfinderwettstreit genießen. Sie hatte Mitul noch nie so forsch erlebt. Einen Augenblick lang sah sie ihn prüfend an. War es möglich, dass auch er das Drängen der Großen Verbindung spürte? Vielleicht konnte sie ihn eines Tages davon überzeugen, dass es Mächte gab, die seine analytische Weltsicht nicht erklären konnte ... Gemeinsam nahmen sie Tempo auf und eilten auf den mit goldenen Verzierungen überzogenen Marktplatz zu.

Die Sonne stand tief am Himmel, gerade unterhalb der gewaltigen Federn am Tor des Marktplatzes, als sie hastig die Neunte Brücke hinunterrasten und in Remis Laden stürmten. Die ineinandergreifenden Zahnräder der Tür quietschten und klapperten, als Rashmi den Karren hindurchschob. Der Geruch von poliertem Metall, süßem Rost und beißendem Öl begrüßte sie – üblicherweise hätte dieses besondere Bukett Rashmis Nerven beruhigt, doch heute verstärkte es nur ihr Gefühl von Dringlichkeit. Sie zog das defekte Filament aus der Tasche. „Wir brauchen die WP-Reihe“, sagte sie zu Mitul. Sie beide wussten genau, wo sie suchen mussten: an der hinteren Wand mit den perfekt angeordneten und nach Farben sortierten Fächern. Sie hatten die meisten ihrer Bauteile bei Remi gekauft: Er machte die besten Preise und erlaubte es ihnen, bei ihm im Laden zu bleiben und sich die illegalen Automatenkämpfe anzuschauen.

„Es sollte gleich ...“ Mitul zog ein grünes Fach heraus. „... hier sein.“

Das Fach war leer.

Rashmi geriet in Panik. Nur für einen Augenblick. „Ich bin sicher, dass er hinten noch welche hat. Remi!“, rief sie und erblickte den groß gewachsenen, blauen Ladenbesitzer zwischen den Regalen.

„Ist das ... ? Habe ich etwa ... ? Rashmi! Mitul! Das ist ja Ewigkeiten her!“ Ein von Öl bedeckter Remi bahnte sich seinen Weg durch den Laden und wischte sich die Hände an einem Lappen ab. Er warf sich den Lappen über die Schulter, ehe er Rashmi umarmte. „Seid ihr hier wegen –“

„Wir brauchen ein Filament“, schnitt Rashmi ihm das Wort ab. „WP-Reihe.“ Mitul hielt das leere Fach hoch.

„Hm?“ Remi starrte hinein. „Die sind auch aus? Diese Erfinder sind schlimmer als Gremlins. Sie werden mich noch um Haus und Hof bringen.“

„Du hast sicher noch welche hinten“, sagte Rashmi und hatte Mühe, ihr aufkommendes Entsetzen im Zaum zu halten.

„Ich fürchte nicht, meine Freunde.“ Remi schüttelte den Kopf. „Hinten ist es genau so leer wie vorn. Seit der erste Zug aus Peema eingetroffen ist, war es ein ständiges Kommen und Gehen. Man sollte meinen, wir werden angegriffen. Jeder braucht ein zusätzliches Dies oder einen Ersatz für Jenes. Ich werde bis zur Lieferung aus Lathnu keine neue Ware mehr erhalten.“

„Eine Lieferung. Wann?“

„Oh, in etwa drei Tagen.“

Der letzte Rest von Rashmis Beherrschung zerbröselte. „Nein, nein, nein, Remi, wir brauchen das Filament jetzt. Bitte, du musst doch irgendetwas haben.“

„Ich wünschte, es wäre so. Ihr wisst ja, ihr beiden seid meine Lieblingserfinder.“

Wenn sie dieses Filament nicht bekamen, waren sie bald keine Erfinder mehr. Bilder von angemahnten Rechnungen tauchten vor Rashmis innerem Auge auf. Ihre Handflächen begannen zu schwitzen. Plötzlich wirkte der Laden viel zu eng.

„Ach, na ja. Dann müssen wir den nächsten logischen Schritt tun.“ Mituls Stimme war fest, doch seine zwölf Finger hatten Mühe, das leere Fach zurück an seinen Platz zu stellen. „Wir müssen in den anderen Läden nachfragen.“

„Die anderen Läden.“ Rashmi schluckte ihre aufkeimende Hysterie herunter. „Das klingt logisch. Ja.“

„Nach allem, was ich gehört habe, ist jeder so klamm wie ein leerer Ätherkanister“, merkte Remi in spöttischem Ton an.

Rashmi war jedoch mit dem Karren schon halb durch den Gang geeilt. Sie hastete aus dem Laden und gleich in den nächsten auf der Brücke. Wenn es nötig war, würde sie in jedem einzelnen nachsehen.

„Ich bedaure ...“

„Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, aber ...“

„Sie sind schon die Zweite, die heute nach der WP-Reihe fragt, wissen Sie ...“

„Das war ein derart irrsinniger Ansturm ..."

„Kommen Sie morgen wieder ...“

„Wir sind komplett ausverkauft ...“

Es schien, dass es in ganz Ghirapur keine WP-Reihe mehr zu finden gab.

Erschöpfung setzte ein, und Rashmi ließ sich gegen das Brückengeländer sinken. Mitul kam mit gesenktem Blick von den Läden auf der anderen Seite der Brücke zurück. Er atmete aus. „Es ist meine Schuld.“

Das war es zwar nicht, aber Rashmi konnte sich nicht dazu überwinden, ihm zu widersprechen. Nicht jetzt. Sie streifte sich das lange Haar aus dem Nacken, während sie zusah, wie die Sonne über dem Wasser in der Ferne versank. Ihre Demonstration begann jeden Augenblick und sie würden sie verpassen. Es schien derart unmöglich, dass sie mit dem Transporter hier standen – jetzt in diesem Augenblick, so dicht vor ihrem Ziel –, aber ohne die Mittel, das Gerät fertigzubauen.

Sie spürte weder Panik noch Wut in sich. Sie war einfach nur noch am Boden zerstört. Es ging um mehr als nur einen Materietransporter. Es ging auch um das Inquirium. Ohne die Gönner und Geldgeber, auf die sie dank des Erfinderwettstreits gehofft hatte, würden sie alles verlieren. Es war Zeit, es Mitul zu sagen.

Rashmis Magen fühlte sich flau an. Sie starrte einen vorbeiziehenden Postboten-Automaten an, um nicht ihren Freund ansehen zu müssen.

„Mitul, wir werden das Inquirium schließen müssen. Unsere Frist ist abgelaufen. Es ist meine Schuld. Ich habe alles, was wir haben, in dieses Projekt gesteckt, und jetzt ...“ Ihre Stimme bebte und sie konnte nicht zu Ende sprechen. „Es tut mir so leid. Es war mir wahrlich eine Ehre, in den letzten Jahren mit dir zusammenzuarbeiten.“ Ehe er etwas erwidern konnte, packte sie den Griff des Karrens und ging die Brücke entlang auf den Sonnenuntergang zu.


Das Inquirium war zwar kein Ort, an dem Rashmi sich jetzt zwingend aufhalten wollte, doch ebenso wenig wollte sie irgendwo anders in der Stadt sein. Die überall herrschende Aufregung und der Rausch der Feierlichkeiten waren ihr schlichtweg zu viel. Sie zerrte die Kiste die Stufen hinauf und schloss die Tür auf. Sie würde mit dem Packen anfangen. Es gab keinen Grund mehr, es noch aufzuschieben.

„Du bist also am Leben!“ Die Stimme ihrer Freundin ließ Rashmi beinahe rücklings die Stufen hinunterfallen.

„Saheeli?“ Die schlaue junge Erfinderin stand in der Mitte der Werkstatt und schien in dem eleganten Netz aus schimmerndem Metall, das sie sich raffiniert um Arme und Hüfte geschlungen hatte, beinahe zu leuchten. Sie sah aus wie die Sonne an einem wolkenverhangenen Tag.

Bild von Willian Murai

„Ich habe überall nach dir gesucht.“ Saheeli betrachtete Rashmi und runzelte die Stirn. „Du siehst ja furchtbar aus. Was machst du denn hier? Du bist gerade in die Arena gerufen worden.“

Tränen stiegen Rashmi in die Augen, und sie konnte sie nicht zurückhalten.

„Was ist denn los?“ Saheeli eilte zu ihr und legte ihr einen Arm um die Schulter. „Was ist denn passiert?“

Rashmi schüttelte den Kopf. „Es ist vorbei. Ein kaputtes Filament. Mehr hat es nicht gebraucht. Und es gibt nirgendwo Ersatz. In der ganzen Stadt nicht.“ Sie brach in Tränen aus.

„Oh. Sch, sch.“ Saheeli strich über Rashmis Rücken. „Na komm. Du hattest ein beschädigtes Stück Metall und hast nicht daran gedacht, bei mir vorbeizuschauen?“

Rashmi schniefte. „Bei dir?“ Und dann fiel es ihr ein. „Du! Du kannst es reparieren.“ Natürlich konnte Saheeli das. Sie war meisterhaft im Umgang mit Metall und arbeitete in ihren Entwürfen selbst mit den winzigsten Teilen. Sie konnte so gut wie alles reparieren. In ihrer Panik hatte Rashmi nicht einmal an Saheeli gedacht. Die monatelange Abgeschiedenheit hatte sie alles und jeden außerhalb des Inquiriums so gut wie völlig vergessen lassen.

„Also dann zeig mal her.“ Saheeli streckte ungeduldig die Hand aus.

Rashmi kramte in ihrer Tasche nach dem Filament. Dann hielt sie inne. „Es hat keinen Sinn. Ich habe meine Präsentation verpasst.“

„Oh, ich würde mir deshalb keine Sorgen machen.“ Saheeli lächelte verschwörerisch. „Ich kenne Padeem gut genug. Ich bin sicher, dass sie zu neugierig sein wird, um sich deinen Ätherkondensator nicht anschauen zu wollen, sobald ich ihr erst einmal davon erzählt habe.“

„Das würdest du tun?“

„Es ist genau, wie du sagst: Der Kondensator mag vielleicht nicht spektakulär sein, doch er ist exakt die Art von Erfindung, auf die andere aufbauen können. Wer weiß, wozu er eines Tages eingesetzt werden wird?“

„Tatsächlich weiß ich da schon mindestens eine Sache“, sagte Rashmi und konnte ihre Aufregung kaum verbergen. „Saheeli, ich habe ich es geschafft! Wir haben es geschafft! Mitul und ich haben einen Materietransporter gebaut! Und er funktioniert! Wir haben eine Vase von einer Seite der Werkstatt zur anderen bewegt.“ Sie deutete auf die Stelle, wo die Vase gestanden hatte. „Ist das zu glauben? Ich weiß nicht einmal genau, wie. Die Formeln deuten darauf hin, dass wir mit Kräften von außerhalb dieser Welt gearbeitet haben. Wenn ich in den Äther blicke, kann ich sehen, wie er sich teilt, um einen Durchgang zu schaffen. Einen Durchgang durch die Unendlichkeit. Es ist brillant. Und es ist spektakulär! Es wird Padeem und den Rest der Preisrichter in Erstaunen versetzen! Und das alles dank dir.“ Sie hielt Saheeli das Filament hin. „Ich stehe wahrhaft in deiner Schuld.“

Saheeli nahm das Filament nicht an sich. Sie rührte sich nicht einmal.

„Was ist los?“, fragte Rashmi.

Saheeli senkte den Blick und machte einen Schritt zurück. „Es tut mir leid. Ich will das nicht tun. Ich will dir nicht wehtun, meine Freundin. Aber ich kann nicht.“

„Du kannst was nicht?“ Rashmi war verwirrt.

Saheeli schüttelte den Kopf und hob die Hände. „Ich kann dir nicht helfen.“

„Aber du hast gesagt –“

„Du sagtest, es wäre ein Ätherkondensator.“ Saheeli schien zunehmend aufgebracht.

„Das war es auch. Aber dann haben wir das da gemacht. Das ist viel besser. Viel mehr.“

„Das weißt du nicht. Du weißt ja nicht einmal, wie es funktioniert. Du kennst die möglichen Konsequenzen deiner Erfindung nicht. Es ist zu gefährlich.“

Rashmi konnte kaum den Sinn hinter Saheelis Worten begreifen. „Natürlich gibt es Gefahren, aber wir führen weitere Versuche durch. Wir machen zusätzliche Iterationen damit. Das ist genau der Grund, weshalb wir den Erfinderwettstreit gewinnen müssen. Ich brauche die Unterstützung des Konsulats, um das Gerät zu perfektionieren. Wir stehen hier an der Schwelle zu etwas ganz Erstaunlichem, was die Welt verändern wird.“

„Hast du je bedacht, dass es Veränderungen gibt, die die Welt nicht braucht?“, erwiderte Saheeli. Sie schob sich an Rashmi vorbei auf die Tür zu.

„Wo willst du denn hin?“, rief Rashmi. Ihre Gedanken rasten, und sie hatte Mühe zu verstehen, was hier gerade vor sich ging.

„Ich will dir nicht wehtun“, sagte Saheeli erneut im Gehen. „Aber ich kann dir nicht helfen.“

„Warte.“ Zum zweiten Mal an jenem Tag wurde Rashmi von Panik übermannt. „Saheeli, bitte. Ich verstehe nicht. Ich brauche deine Hilfe.“ Sie eilte ihrer Freundin nach und griff nach deren Arm. „Bitte.“

Saheeli drehte sich um. Ihre Wangen waren gerötet und ihr Blick hart. „Ich sagte, ich kann dir nicht helfen. Vielleicht fehlt dir der nötige Abstand, um es zu erkennen, doch das, was du erschaffen hast, ist etwas, was nicht erschaffen werden darf.“

Rashmi starrte ihre Freundin entsetzt an. Ihre Verwirrung wich Wut. „Ich dachte, du glaubst an Erfindungen ohne Grenzen. Ich dachte, du wolltest erstaunliche Dinge geschehen sehen. Ich dachte, du wolltest dabei helfen, erstaunliche Dinge geschehen zu lassen.“

„Nicht das.“ Saheeli befreite sich aus ihrem Griff. „Ich muss gehen.“ Sie schritt die Stufen hinunter.

Rashmi brodelte vor Zorn. „Also was dann? Du glaubst nur an Erfindungen, wenn du sie machst? Wenn dir all die Aufmerksamkeit zuteil wird?“

Saheelis Hals versteifte sich.

„Du lebst dein Leben im Rampenlicht, Saheeli. Nun, jetzt bin ich an der Reihe. Bist du eifersüchtig? Machst du dir Sorgen, dass deine Erfindung nicht das Allertollste auf der gesamten Messe sein wird?“

Saheelis Hände ballten sich zu Fäusten, doch weder wandte sie sich um, noch wurde sie langsamer. Rashmi sah zu, wie die Frau, die sie für ihre Freundin gehalten hatte, sie in genau jenem Augenblick einfach stehen ließ, in dem sie sie am meisten brauchte.


Saheeli hatte sich die ganze Nacht lang Automatenduelle mit den Renegaten geliefert. Es hatte nicht geholfen.

Sie war, nachdem sie Rashmis Inquirium verlassen hatte, geradewegs zur Hauptarena des Wettstreits gegangen – jenem Ort, an dem bei Tage die Vorentscheide und des Nachts Duelle im Flinkschmieden stattfanden. Glücklicherweise waren eine Menge Erfinder versessen darauf, ihre Schöpfungen auszuprobieren, denn sie konnte es kaum noch abwarten, bis ihr Automat endlich seine Krallen in etwas versenkte, was sie zerstören konnte.

Seit ihrer ersten Partie hatte sie nicht weniger als zwei Dutzend metallische Schöpfungen in Grund und Boden gestampft. Viele der Überreste wurden noch immer aus der Arena geschafft. Da nun die Sonne aufging, steuerte sie eine ihrer liebsten Schöpfungen: einen stromlinienförmigen Vogel, der gegen einen brutal aussehenden, grünen Automaten antreten sollte. Ihrer Meinung nach sah die hoch aufragende Erfindung am anderen Ende der Arena ein bisschen wie einer der Riesen aus, die gelegentlich durch die Stadt zogen. Umso mehr Grund, ihn zu zermalmen.

„Lasst den Kampf beginnen!“, rief der Sprecher von oben herab.

Die Menge auf den Tribünen johlte, als Saheeli ihren Vogel zum Angriff auf den Hals des gigantischen Automaten übergehen ließ.

Ein Treffer! Er war perfekt platziert. Ein Pfeifen und Johlen erklang, als der Koloss strauchelte. Ein weiterer direkter Treffer dieser Art würde ihn zu Fall bringen. Sie knurrte verärgert. Das brachte alles nichts. Wenn doch nur einer dieser Erfinder irgendetwas bauen könnte, was sie vor eine echte Herausforderung stellen würde. Etwas, was sie von allem anderen ablenken konnte ... Sie war auf der Suche nach Zerstreuung hierhergekommen, doch stattdessen hatte sie die ganze Nacht darüber nachgedacht, was ein Materietransporter war. Und über Rashmis Gesicht und ihre beißenden Worte.

Saheeli ließ den Vogel einen zweiten Angriff fliegen. Wie konnte Rashmi es nur wagen, sie der Eifersucht zu bezichtigen? Neid war das Letzte, was ihr in den Sinn gekommen war, als ihre Freundin ihr von ihrer Erfindung erzählt hatte. Wie konnte sie es bloß wagen? Saheeli richtete den Vogel auf den Hals seines Kontrahenten aus – doch diesmal blockte der Koloss den Angriff ab. Irgendein Auswuchs an ihm hatte sich über die Schwachstelle geschoben. Nicht schlecht, dachte sie und beglückwünschte ihren Kollegen im Stillen für seine Voraussicht. Doch sie wusste bereits, wie sie diese Verteidigungsmaßnahme umgehen konnte. Sie ließ ihren Vogel den Sturzflug abbrechen und ihn nach oben hin wegwirbeln, um Schwung für einen dritten Anflug aufzubauen.

Sie hatte das Richtige getan. Das Einzige, was sie tun konnte. Sie trug als Planeswalkerin mit ihrem Wissen über die Blinden Ewigkeiten eine Verantwortung. Es war keine Frage, dass Rashmis Gerät mehr Potenzial hatte, als der Elfe bewusst war. Und das stellte ein Risiko dar – für Rashmi und für jeden anderen auf Kaladesh. Sie hatte das Richtige getan.

Mit einem lauten Krächzen stieß Saheelis Vogel von hinten herab und versenkte seinen Schnabel im Nacken des gewaltigen Automaten. Die Leute auf den Rängen schnauften erschrocken auf und erhoben sich von ihren Plätzen. Der Koloss schwankte wie eine hohe Ätherspitze im Sturm, fiel aber nicht um. Na schön. Ein weiterer Treffer war also nötig. Saheeli zog den Vogel zurück und bereitete ihn auf einen finalen Angriffsflug vor.

Rashmi hatte es selbst zugegeben: Sie verstand nicht, wie ihre Erfindung funktionierte. Sie riss Löcher in den Raum, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Es war an Saheeli, sie und diese ganze Welt zu beschützen, selbst wenn das bedeutete, ihre Freundin im Stich zu lassen.

Sie schickte den Vogel nach vorn. Er wich den um sich schlagenden, grünen Armen seines Gegners aus und rammte ihn mit dem Kopf voran in die Brust. Mit einem langen, tiefen Stöhnen sackte der Koloss zu Boden und landete mit einem krachenden Scheppern auf dem Rücken. Die Menge jubelte.

„Und das ist ein weiterer Punkt für die Erfinderin Saheeli!“, rief der Sprecher laut. „Und das bringt ihr für die heutige Nacht eine perfekte Wertung von fünfundzwanzig Punkten ein!“ Weiterer Jubel.

Saheeli verneigte sich, während sie in den Reihen bereits nach ihrem nächsten Gegner Ausschau hielt.

„Und das scheint für heute auch schon wieder alles gewesen zu sein, verehrte Freunde des Kampfes. Die Messe öffnet morgen ihre Türen und wir wollen doch nicht die Hauptarena besetzt halten! Ich für meinen Teil möchte den Ausdruck auf Inspektor Baans Gesicht nicht sehen, wenn er erfährt, dass wir hier drin waren.“

Der Applaus verebbte. Ein gemeinschaftliches Schlurfen von Füßen und das kollektive Strecken steifer Gliedmaßen war zu vernehmen, als sich die Zuschauer einen Weg zu den Ausgängen bahnten.

„Danke, dass Sie uns heute beehrt haben“, sagte der Sprecher. „Denken Sie daran, nach unten zu sehen, wenn Sie erfahren wollen, wo der nächste Kampf stattfindet.“

Dies war eine Anspielung auf die geheimen Zeichen der Renegaten, die dazu genutzt wurden, um Informationen zu Automatenkämpfen und dergleichen zu verbreiten. Saheeli konnte leicht herausfinden, wohin sie bei Einbruch der Dunkelheit gehen musste, doch sie wollte keinen ganzen Tag warten. Was sollte sie denn bis dahin anstellen? „Ach, kommt!“, rief sie aus der Mitte der Arena. „Einen schaffen wir noch. Wer ist der Nächste?“ Sie schaute sich rasch in alle Richtungen um, doch niemand schenkte ihr Beachtung. Die anderen Wettstreiter machten sich schnellstmöglich davon. Die Arena war schon beinahe leer. „Feiglinge“, murmelte sie in sich hinein.

Falls das überhaupt möglich war, so fühlte sie sich noch verdrossener als bei ihrer Ankunft. Das war das erste Mal, dass ein paar Runden guten alten Automatenkampfs ihre Stimmung nicht zu heben vermochten. Verärgert stürmte sie aus dem nächsten Ausgang.

Die Menge strömte schnell auf den Messeplatz. Die Tore mussten bereits geöffnet worden sein. Saheeli war nicht in der Stimmung für Menschenmassen. Sie war eigentlich nicht in der Stimmung für irgendetwas außer einem weiteren Kampf. Vielleicht wurde sie bei Gonti fündig. Sie schlug einen Bogen um den geschäftigsten Durchgang und bahnte sich ihren Weg zum Haupttor. Sie hatte das Richtige getan. Oder? Der Materietransporter war zu gefährlich. Oder? „Das ist er“, sagte sie zu sich selbst. „Das ist er.“

„Das ist sie!“, erklang eine dünne Stimme links von Saheeli.

Saheeli zuckte zusammen und duckte sich gleichzeitig. Sie kannte den Klang überschäumenden Entzückens und wusste genau, was als Nächstes passieren würde, wenn sie nicht sofort ein Ausweichmanöver durchführte. Eine schnelle Drehung und sie lief in die andere Richtung. Zwei Schritte später versperrte ihr jedoch ein Absperrseil den Weg.

„Da drüben!“ Dieselbe Stimme erhob sich über den Lärm der dicht gedrängten Menge.

Saheeli wirbelte herum, nur um vor einer weiteren Absperrung zu stehen. Sie bog um die Ecke und fluchte. Weitere Absperrungen. Sie waren einfach überall.

„Verzeihen Sie. Verzeihen Sie.“ Irgendjemand tippte ihr auf die Schulter. Saheeli holte tief Luft und versuchte, ihre Gesichtszüge so weit unter Kontrolle zu bekommen, dass sie zumindest nicht allzu mordlustig wirkte. Sie drehte sich um. „Ja.“

Es handelte sich um eine Zwergin in einem hellblauem Rock nebst Weste, die die Hand einer wesentlich jüngeren Zwergin hielt, welche eine Schweißerbrille trug. „Meine Tochter meint, Sie wären Saheeli“, sagte die ältere Zwergin.

„Saheeli Rai, berühmte Erfinderin, begnadete Feinschmiedin und angesehenste Koryphäe unserer Zeit“, ratterte das Zwergenmädchen herunter.

Seine Mutter wurde rot. „Ja, finden wir doch erst einmal heraus, ob sie es überhaupt ist.“

„Sie ist es!“ Das Zwergenmädchen strahlte und deutete auf ein Bild von Saheeli in seinem Autogrammbüchlein zum Wettstreit. Es las vor: „‚Am bekanntesten für ihre unvergleichliche Fähigkeit, lebensechte Repliken jeder Kreatur herzustellen, die sie zu Gesicht bekommt.‘ Das ist wirklich toll.“ Es riss die Augen so weit auf, dass sie ihm schier aus den Höhlen fielen, als es Saheeli bewundernd anstarrte. „Wenn ich groß bin, werde ich eine Erfinderin. Genau wie du.“

Die Frau, die weiter versucht hatte, ihre Tochter zu beruhigen, hatte endlich Erfolg damit. „Verzeihen Sie bitte“, sagte sie. „Zara ist nur so furchtbar aufgeregt, hier zu sein. Sie hat seit Monaten über nichts anderes als den Wettstreit gesprochen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, ihr ein Autogramm zu geben?“

Das Zwergenmädchen hielt ihr die Broschüre mit der Seite mit Saheelis Bild hin. Saheeli seufzte. Sie konnte nicht Nein sagen. Sie griff nach dem Stift.

„Du kannst neben deinem Zitat unterschreiben“, sagte das Zwergenmädchen. „Das ist von allen mein Lieblingssatz.“

Saheelis Blick huschte über die Seite und fand den Satz. Sie kritzelte ihren Namen daneben. Als sie ihre eigenen Worte las, stockte sie jedoch. Es mag Zeiten für Regeln und Vorschriften geben, doch diese Ära der Erfindungen zählt nicht zu ihnen. Wir müssen ohne Furcht weiter voranschreiten. Wir müssen ohne Zögern und ohne Grenzen Neues erschaffen. Es ist unsere Pflicht als Erfinder, die erstaunlichsten Dinge herzustellen, die uns nur möglich sind, um einander zu helfen, das Außergewöhnliche zu schaffen und die Welt zu verändern. „Na, das ist doch etwas, was man gern ins Gesicht gesagt bekommt, oder?“

„Wie bitte?“, sagte die Zwergin.

„Oh.“ Saheeli blinzelte. Einen Augenblick lang hatte sie vergessen, wo sie war. „Es tut mir leid. Ich habe nur ... Hier, bitte sehr.“ Sie gab dem Zwergenmädchen sein Autogrammbüchlein zurück.

„Danke schön.“ Das Zwergenmädchen strahlte. „Vielen, vielen Dank!“

Saheeli hörte es kaum. Ihre Füße trugen sie entschlossen davon – sie wusste genau, wohin. Hoffentlich kam sie nicht zu spät.


Saheeli hatte noch nie gesehen, dass ein Gebäude todtraurig aussah, doch das Inquirium tat es. Es schien die Antennen hängen zu lassen, und jenen Teil, der dem Kopf eines Käfers ähnelte, hatte es zwischen die beiden Vorderbeine gelegt. Saheeli kletterte die Stufen hinauf und klopfte zaghaft an die Tür. In Gedanken ging sie das durch, was sie sagen wollte und wie sie es sagen wollte. Sie war nicht gut darin, sich zu entschuldigen, und sie war offen gestanden nicht einmal überzeugt, dass es nötig war, doch irgendetwas musste gesagt – und getan – werden, bevor es zu spät war. Sie klopfte.

Schritte auf der anderen Seite der Tür verrieten ihr, dass jemand kam. Die Tür öffnete sich und Mituls blaues Gesicht erschien. „Mitul. Ich muss mit Rashmi sprech–“ Mitul schlug ihr die Tür vor der Nase zu.

„Na gut“, murmelte Saheeli finster. „Das habe ich verdient.“ Sie strich sich die Röcke glatt und knirschte mit den Zähnen, um dem Drang zu widerstehen, die Treppe hinunterzustürmen. Stattdessen klopfte sie erneut. „Verdient, aber kindisch.“ Beim letzten Wort hob sie die Stimme und klopfte lauter. „Komm schon. Lass mich rein. Ich werde nicht ewig hier stehen.“

Weitere Schritte. Diesmal war es Rashmi, die die Tür öffnete. Die Elfe sah schlimmer aus als vorher. Ihre Augen waren rot und verquollen, und Gesicht und Arme waren von Schweiß und Staub bedeckt. Der letzte Rest von Saheelis Zorn schmolz dahin. Sie konnte es nicht ertragen, ihre Freundin so zu sehen. Sie wollte sie umarmen und sie trösten, doch sie hielt sich zurück. Zuerst musste sie etwas sagen. „Ich möchte dir erklären, warum ich dir nicht geholfen habe.“ Rashmi wich ihrem Blick aus. „Ich hatte Angst. Ich war unsicher. Was du tust ist gefährlich und ...“

„Das habe ich alles gehört, Saheeli.“ Rashmi richtete sich auf. „Wenn du gekommen bist, um mir weitere Vorträge zu halten, dann geh bitte.“ Rashmi machte Anstalten, die Tür zu schließen, doch Saheeli hielt sie offen.

„Du hast mich nicht ausreden lassen.“ Sie stellte sich in den Türrahmen. „Es ist gefährlich, ja. Aber“, fuhr sie über Rashmis beinahe hörbares Verdrehen der Augen fort, „es ist außerdem auch sehr spannend. Sogar regelrecht aufregend. Es kann die Welt verändern ... Zum Besseren.“ Rashmi ließ die Tür los. „Wenn irgendjemand den nächsten Durchbruch in der Ätherologie schafft, dann du. Und ich möchte dabei sein, um ihn zu sehen. Ich möchte helfen.“ Saheeli hielt ein perfekt geformtes Filament in die Höhe, das von ihr aus dem härtesten Metall gefertigt worden war, das sie hatte finden können. „Für dich“, sagte sie. „Padeem hat mir versprochen, dir eine Audienz zu gewähren, falls es funktioniert.“

Rashmi starrte sie an. Dann wanderte ihr Blick langsam zu dem Filament.

„Also? Worauf wartest du noch?“, fragte Saheeli. „Musst du nicht noch einen Versuch durchführen oder so etwas in der Art?“

Rashmi rief nach Mitul, und gemeinsam reparierten die beiden Erfinder den goldenen Ring, als wäre er das Kostbarste, was sie je besessen hatten. Saheeli sah schweigend aus einer Ecke der Werkstatt heraus zu, wie Rashmi vorsichtig eine Vase zum Tisch in der Mitte des Raumes trug und sie im Inneren des Rings abstellte.

Mitul nickte. „Versuchsobjekt 1 ist bereit“, sagte er.

Rashmi legte einen Schalter um, und der Transporterring erwarte surrend zum Leben. Saheeli versteifte sich und hielt den Atem an. Sie wollte nicht hinsehen, doch ebenso wenig konnte sie den Blick abwenden. Sie beschloss, alles aus einem Augenwinkel heraus zu beobachten.

„Startzeit des Versuchs ist notiert“, sagte Mitul. „Initiale Äthermessungen erfasst.“

Der Ring schwebte vom Tisch hoch. Dabei flackerte die Vase auf und verschwand.

Bild von Nils Hamm

Einen Augenblick später erschien sie am anderen Ende des Raumes.

Saheeli starrte sie mit offenem Mund an. Ihrer Freundin war das Unmögliche gelungen. Es existierte jetzt ein Gerät, das Materie durch den Raum transportieren konnte. Saheeli konnte nur hoffen, das Richtige getan zu haben.


Während sie hinauf zum obersten Stockwerk mit den Wohnungen der Preisrichter getragen wurden, schaute Rashmi durch die gläserne Wand des Fahrstuhls. Die Sonne ging über Ghirapur unter, und die Geschäftigkeit des Tages war der Stille des Abends gewichen. Ein loser Ätherstrom wand sich sanft durch die spiralförmigen Kuppeln auf den höchsten Gebäuden der Stadt. Ein tief fliegender Kranich berührte sachte das schimmernde Wasser des Kanals unter ihnen. Als sie zusah, wie die Stadt sich auf die Nacht vorbereitete, legte sich eine Ruhe über Rashmi, die sie seit langer Zeit nicht mehr in sich gespürt hatte. Sie hielt den goldenen Transporterring an ihrer Seite. Es schien unmöglich, dass alles nun genau hier enden sollte: mit einer Privataudienz bei der Erleuchteten Hüterin Padeem. Manchmal wirkte die Große Verbindung auf eine Weise und in Mustern, die selbst Rashmi nicht begreifen konnte. Nach all der Zeit, die von ihr in das Studium des Ätherflusses investiert worden war, und nach all der Arbeit, die sie bei ihrem Versuch geleistet hatte, seinen Einfluss auf das Leben zu entmystifizieren, fand sie noch immer, dass diese Augenblicke diejenigen waren, die sie am meisten schätzte: wenn das Leben sie überraschte und die Menschen sie in Erstaunen versetzten.

„Wie hast du das geschafft?“, fragte sie Saheeli. „Wie hast du es fertiggebracht, Padeem hierzu zu überreden?“

Ein verschlagenes Lächeln huschte über Saheelis Gesicht, als sich die Fahrstuhltüren zischend öffneten. „Ein Platz in der ersten Reihe beim Handwerkerduell im Untergrund nächste Woche.“

Rashmi stolperte beinahe beim Hinaustreten aus dem Aufzug. „Die Konsulin Padeem? Sieht sich Duelle an?“

„Natürlich.“ Saheeli lachte. „Möchtest du unsere Freundin einweihen, Mitul?“

„Es ist etwas, was nur wenige Leute wissen“, sagte Mitul. „Niemand mag das von einem Vedalken erwarten, aber wir können uns sehr schnell bewegen, wenn es nötig ist, und das macht uns zu exzellenten Duellanten.“

„Wollt ihr damit sagen, dass Padeem eine Flinkschmiedin im Untergrund war?“ Rashmi klappte der Unterkiefer herunter.

„Die Beste ihrer Zeit“, sagte Saheeli. „Sie würde wahrscheinlich sogar heute noch gewinnen.“

„Trägst du ... Duelle aus?“, fragte Rashmi Mitul.

„Oh, nun ja, weißt du ... Ich befasse mich so nebenbei damit.“ Mitul schien plötzlich sehr von den Türen abgelenkt, die sich gerade öffneten, um den Weg in einen kleinen Empfangsraum freizugeben. Er eilte hinein.

Rashmi betrachtete ihren Kollegen in einem neuen Licht. Er wirkte recht geschickt, und sie konnte sich bestens vorstellen, dass seine Meisterschaft geometrischer Berechnungen ihm in einer taktischen Kampfsituation von Vorteil sein konnte. Der Tag hielt wohl immer noch einige Überraschungen für sie bereit, wie es schien.

„Die Erfinder Rashmi und Mitul für die verehrte Preisrichterin Padeem“, sagte Saheeli zu einem offiziell aussehenden Funktionär des Konsulats, der hinter einem hohen Tisch stand.

„Einen Augenblick bitte.“ Der Funktionär schlüpfte durch eine Schiebetür und ließ die drei in dem Empfangsraum warten.

Saheeli wandte sich mit einem ernsten Ausdruck in ihren großen Augen an Rashmi. „Ich würde dir ja viel Glück wünschen, aber das brauchst du nicht.“

„Das verdanke ich nur dir.“ Rashmi neigte den Kopf nach unten zu Saheeli. „Danke. Für alles, was du getan hast. Ich bin dir auf ewig zu Dank verpflichtet.“

Saheeli zuckte die Schultern. „Ich hätte das sicher besser angehen können. Es ... Es tut mir leid.“ Verstohlen blickte sie unter ihren Wimpern zu Rashmi auf. „Freunde?“

„Immer.“ Rashmi zog Saheeli in die Arme.

Saheeli drückte ihre Hand. „Nun geh und zeig dieser alten Duellantin die Erfindung, die die Welt verändern wird.“

„Gut.“ Rashmi umklammerte ihren Transporter, als sich die Schiebetür öffnete und der Funktionär hindurchtrat.

„Die Konsulin wird Sie jetzt empfangen.“

Rashmi blickte zu Mitul. „Bist du bereit?“

Er nickte und hielt die Vase hoch. „Ich bin bereit.“ Sie folgten dem Funktionär durch die Tür. Der Gang führte zu einem kleinen Gemach, in dem Padeem in einem weichen Sessel lag. Rashmi konnte sie nicht anschauen, ohne sofort die legendäre, tollkühne Handwerksduellantin vor sich zu sehen. Der Gedanke brachte sie zum Lächeln.

„Die Erfinder Rashmi und Mitul, Konsulin“, sagte der Funktionär.

Padeem nickte. „Willkommen.“

„Sie dürfen anfangen.“ Der Funktionär streckte den Arm aus und deutete auf einen Tisch, der vor Padeem aufgestellt worden war – zweifellos zum Zweck dieser Demonstration.

Mitul näherte sich und stellte die Vase ab, sorgsam darauf bedacht, sie genau in der Mitte des Tischs zu platzieren. Nachdem er einen Schritt zurückgetreten war, schritt Rashmi heran, hob den Transporterring an und streifte ihn über die Vase, um ihn auf der Tischplatte abzulegen. Sie fühlte sich noch nicht ganz bereit, weswegen sie einen tiefen Atemzug tat und in die Große Verbindung blickte. Zunächst dachte sie, sie wäre verschwunden, doch dann verstand sie, dass sie genau in ihrem Inneren stand und ihr Licht sie umstrahlte. Dies war der Moment, dem sie so lange nachgejagt war. Und nun, da er da war, erkannte sie, dass sie nicht wusste, was als Nächstes kommen würde. Alles, was sie wusste, war, dass es von nun an kein Zurück mehr gab. Sobald sie Padeem erst einmal gezeigt hatten, was ihnen gelungen war, würde die Welt nie wieder so sein wie vorher. Vielleicht war das genug. Rashmi trat einen Schritt zurück und blickte zu der Vedalken-Preisrichterin.

Bild von Matt Stewart

Padeem stützte das Kinn auf die Fingerspitzen. „Also schön, Erfinderin Rashmi. Beeindrucken Sie mich.“


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Planeswalker-Profil: Saheeli Rai
Weltenbeschreibung: Kaladesh

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