Frei

Veröffentlicht in Magic Story on 5. Oktober 2016

Von Chris L'Etoile

Was bisher geschah: Aufgestaut

Zwölf Jahre, nachdem sie hatte mit ansehen müssen, wie ihre Eltern getötet worden waren, kehrte Chandra Nalaar nach Kaladesh zurück. Sie fand heraus, dass ihre Mutter überlebt hatte .... doch Pia Nalaar, die nun die Anführerin einer Widerstandsbewegung ist, wurde auf Befehl des Planeswalkers Tezzeret vom herrschenden Konsulat verhaftet. Chandra spürte ihre Mutter mithilfe von Nissa Revane und Frau Pashiri auf, aber alle drei gerieten in eine Falle des grausamen Baral.

Eingesperrt in eine magiesichere Kammer, die sich langsam mit Gift füllt, wäre der einzige Ausweg, zwischen den Welten zu wandeln. Doch Chandra will Frau Pashiri nicht zurücklassen ... und Nissa ebenso wenig Chandra.


An die Hände hatte er sich immer noch nicht gewöhnt. Deshalb wäre er auch fast vom letzten Dach gefallen.

Die mechanischen Finger, die Großmutter ihm gegeben hatte, waren stark und reagierten erstaunlich gut. Es war fast, als würde er Handschuhe tragen. Doch wie wenn man einen Handschuh trug, fühlte sich das Zugreifen anders an. Er musste sich bewusst daran erinnern, weniger Druck einzusetzen, wenn er ein Glas hielt, und mehr, wenn er in irgendwelchen Gassen über die Dächer sprang.

Nachdem der Luftzug seiner Bewegung sich gelegt und seine Füße ihn lautlos zu einem Halt an dem staubigen Backstein befördert hatten, spürte er, wie sich sein Körpergewicht ungünstig verlagerte. Die Kante entglitt ihm. Seine Finger – die echten – verkrampften sich in den Handschuhen, in denen sie steckten. Mit lautloser Effizienz spannten die mechanischen Finger sich an und gruben sich in das Mauerwerk. Er spürte, wie er das Gleichgewicht wiedererlangte, und schwang die Beine mit dem Geräusch von Kleidung, in die der Wind fuhr, über die Kante des Daches. Azurblauer Himmel und sich auftürmende Nachmittagswolken wirbelten durch sein Blickfeld.

Es hatte nur einen Atemzug gedauert.

Er hielt inne, lauschte und roch den Wind. Der Duft eines Dutzends aromatischer Gewürze, für die er vor fünf Monaten noch keinen Namen gekannt hatte, wallte von den Küchen unter ihm auf. Inzwischen kannte er sie als Kardamom, Kurkuma, Nelken, Kreuzkümmel und viele andere. Die meisten Leute hätten nur sie gewittert, so sehr überlagerten sie doch alles andere. Darunter jedoch nahm er sonnenwarme Steine und Messing wahr, den erdigen Geruch alten Öls und den Schweiß eines Dutzends Inspektoren des Konsulats.

Das hummelartige Surren der Flügel der Überwachungsthopter erklang über ihm. Mörtel rieselte aus den Löchern, die seine metallenen Finger hinterlassen hatten, und prasselte auf das Pflaster der Gasse.

Das Rascheln von Stoff. „Dieser Ort fällt auseinander.“ Eine Inspektorin – ihre Stimme hallte von den Mauern und dem Kopfsteinpflaster wider. „Die Konsuln sollten es abreißen und neu bauen.“

Eine andere Stimme, männlich: „Vielleicht tun sie das ja. Ich habe gehört, dass viele Gelder für die Stadtentwicklung in den neuen Gebäuden für die Messe gebunden waren ...“

Zufrieden, dass sie nichts Verdächtiges entdeckt hatten, begab er sich leise zur anderen Seite des Daches und musterte die Mauer unter ihm. Balkon, Balkon, Regenrinne, Markise ... Würde das sein Gewicht tragen? Vielleicht doch lieber die Straßenlaterne. Dann die Mauer und zu guter Letzt schließlich die Straße. Nach wenigen Wimpernschlägen befand er sich am Boden. Metallbeschlagene Finger zogen den geborgten Mantel enger.

Er betrachtete die glänzenden Messinghandschuhe. Unter den weiten Ärmeln des Mantels waren nur die Hände zu sehen, doch die Handschuhe reichten ihm bis zu den Ellenbogen. Sie waren von den Glanzband-Handwerkern angefertigt worden, einer Gruppe, die sich auf solche Körperanpassungen spezialisiert hatte. Großmutter hatte sie für ihn hergestellt. Hier würden sie niemandem weiter auffallen. Den Mantel hatte sie mit findigen Geräten, die sich drehten und tickten, selbst gemacht. „Der, den du da anhast, ist so gewöhnlich! Mit diesem hier stichst du noch mehr aus der Menge heraus, weißt du?“ Er hatte die Seidenstreifen für sie gehalten und Fragen zu Farben und Schnittmustern mit höflichem Desinteresse beantwortet.

Er ließ die Schultern sinken, beugte sich vor und glitt in die murmelnde Menge, lauschte und schenkte dem beißenden Gestank von Angstschweiß keine Beachtung.

„... was machen sie denn ...?“

„... schon eine ganze Weile da drinnen ...“

„... es heißt, die Renegaten haben Fallen aufgestellt ...“

„ ... Papa, wann können wir zurück ...?“

„... noch nie so viele gesehen ...“

Aus den Schatten seines Mantels heraus beobachtete er die Flugmuster der kreisenden Thopter und das unruhige Umherlaufen der Menschen und Vedalken in Uniformen der Konsulatsinspektion. Großmutters Gebäude war umzingelt.

Er schlüpfte in eine weitere Gasse und begab sich zurück auf die Dächer. Er lehnte sich gegen einen Verschlag voller Gartenwerkzeuge, um seine Erinnerung aufzufrischen. Der Goldene kam jeden zweiundzwanzigsten Atemzug an der Rückseite vorbei, der Gelbrote passierte das Gebäude in Richtung des Sonnenuntergangs jeden vierzigsten ... Die Düfte des Kräutergartens der Bewohner füllten ihm die Nasenlöcher.

Es war zu schaffen.

Er wartete und lauschte den Herzschlägen der Thopter, die über ihm ihre Kreise zogen.

Jetzt.

Er rollte sich ab, warf sich über das Dach und stieß sich ab.

Die Landung presste ihm die Luft aus den Lungen.

Nun rannte er und schlug einen Haken um ein Oberlicht und einen Schornstein.

Der pulsierende Schlag von Flügeln donnerte von der Ziegelwand zurück, die Echos stoben auseinander. Kaum noch Zeit.

Großmutters Gebäude war das höchste des ganzen Blocks. Er sprang nach oben, streckte die Metallhände über den Kopf, das helle Blau und Gold seines Mantels flatterte hinter ihm ...

Seine Messingfinger krallten sich in die Kante des Daches. Seine übergroßen Stiefel drückten sich weich gegen den Backstein.

Er keuchte – so laut! –, als er sich hinaufschwang.

Einige Herzschläge lag er da und atmete durch den Mund, zwang die Luft flach und still in sich hinein und aus sich hinaus und lauschte auf eine Veränderung in der Flugbahn der Thopter oder einen Ruf von der Straße.

Nichts.

Großmutter hatte eine Terrasse auf der anderen Seite des Gebäudes, mit Blick auf den hoch aufragenden Ätherturm des Konsulats. Sie hatte ihre eigenen Namen für dieses Bauwerk, von denen der schmeichelhafteste „Verschandelung“ und der bösartigste eine eskalierende Reihe schockierend spezifischer skatologischer Andeutungen war. Er schnüffelte über die Kante. Nur ihre Orchideen – nichts, was auf die unmittelbare Anwesenheit von Inspektoren hindeutete.

Er ließ sich lautlos zwischen die Pflanzen fallen und schlüpfte in ihre Wohnung. Verzeih mir mein Eindringen.

Er duckte sich und lauschte, als der Wind ihre verblichenen Leinenvorhänge um ihn herum raffte. Zwei Stimmen. Nein ... Drei. Eine mit hartem Befehlston. Alle den Flur hinunter in ihrem Schlafgemach. Die Wohnung war grob durchwühlt worden: Der Inhalt der alten Holzkommoden lag über den bunten Fliesenboden verstreut und die Sofakissen waren aufgeschlitzt.

Er bewegte sich lautlos über die Fliesen, sorgsam darauf bedacht, die Inhalte der Schubladen nicht zu berühren, und lauschte der Unterhaltung in dem anderen Raum.

Eine Frau mit tiefer und ernster Stimme: „Haben Sie diesen Schrank durchsucht?“

Ein junger Mann, mürrisch: „Selbstverständlich habe ich den Schrank durchsucht. Nichts.“

Die dritte Stimme, männlich und scharf: „Irgendetwas muss es doch geben. Irgendeinen Beweis. Sie stand über ein Jahrzehnt mit dem Herz der Bewegung in Kontakt. Sie konnte doch unmöglich all diese Geheimnisse im Kopf behalten. Warum geht ihr beide nicht – ich weiß nicht – den Salon durchsuchen?“

Schritte im Flur. „Hast du gehört, dass diese Rashmi es in die nächste Runde geschafft hat?“, fragte der junge Mann. Der metallische Geruch äthergeladener Luft wehte ihnen nach. Bewaffnet. Natürlich. Seine Stimme senkte sich zweifelnd: „Ein Vasenteleporter scheint mir jedoch wenig nützlich.“

„Du musst dir die Langzeitfolgen klarmachen“, sagte die Frau beiläufig. Glas zerbarst unter ihren Stiefeln, und sie fluchte in sich hinein. „Heute Vasen, morgen Mechakolosse ...“

Er setzte seine Schritte mit äußerster Präzision und ging auf Zehenspitzen, um jedes Geräusch zu vermeiden, als er durch den Flur und in den Salon schlüpfte. Die Inspektoren standen in passenden Uniformen in Rot und Orange nebeneinander und begutachteten die Unordnung, die sie angerichtet hatten. Zischende Artefakte aus schwarzem Metall hingen an ihren Gürteln.

„Hast du ihr Haustier gesehen?“, fragte der junge Mann.

„Sie hat keins“, antwortete die Frau. „Sie ist eine Biotronikerin. Sie macht sich ihre eigenen.“ Ihre vernarbten Hände zeichneten vogelartige Schemen in die Luft.

Er bewegte sich flink und lautlos über die Fliesen und streckte die Arme aus, als wollte er die Eindringlinge umarmen. Der Wind verfing sich unter seiner Kapuze und blähte sie auf.

Der Junge begann, sich mit gerunzelter Stirn umzudrehen. „Aber das ganze Sofa ist voll weißem Fell.“

Sein Schatten fiel über das Gesicht des Jungen. Er zuckte, seine Hände fuhren an seine Scheide und sein Blick weitete sich.

Seine metallummantelten Hände fanden ihre Köpfe und schlugen sie aneinander.

Er zuckte zusammen, als Knochen auf Knochen prallte und die Inspektoren in einem Haufen aus schwerem Atem und schlaffen Gliedmaßen zusammensackten. Ich beneide euch nicht um euren gemeinsamen Kopfschmerz.

Die Stimme ihres Vorgesetzten klang durch den Flur. „Basani? Was war das?“

Er schlüpfte in eine Position neben der Tür.

„Basani?“ Schritte donnerten durch den Flur.

Seide in Orange und Rot. Goldenes Metall. Elfenbeinfarbenes Leinen. Ehe er den Wirbel aus Farben in seiner Wahrnehmung bewusst zu einem Mann hätte zusammensetzen können, hatten sich die Metallfinger schon um dessen Hals gelegt und ihn hochgehoben. Alte Instinkte.

Der Mann keuchte und seine Finger suchten nach den Instrumenten an seinem Gürtel.

Er schlug mit der freien Hand die Artefakte beiseite, wirbelte den Mann herum und rammte ihn mit dem Rücken gegen die nächste Wand. „Guten Tag.“

Der Mann griff sich an die Kehle und bewegte stumm den Mund.

„Verzeihen Sie“, sagte er und lockerte seinen Griff leicht. „Dies sind nicht meine gewohnten Hände.“ Der Mann keuchte einen Augenblick. Sein Gestank wurde stärker. „Sie riechen nach Angst“, fuhr er fort und legte den Kopf schräg. „Haben Sie Angst?“

„Ja“, keuchte der Aufseher. Seine geweiteten Augen huschten suchend unter die Schatten seiner Kapuze.

„Gut“, murmelte er. Er ließ den Mann zwei weitere Atemzüge lang schwitzen, bevor er fortfuhr: „Wo ist Großmutter Pashiri?“

„In Gewahrsam. Mittlerweile.“ Er schnappte nach Luft wie ein Fisch, den man in die unerträgliche Wüste über seiner Welt gezogen hatte. „Falle. Sie ist Renegatin.“

Er hatte gehofft, dass sie entkommen war. Dass sie hierhergekommen waren, um nach ihr zu suchen. Aber nein – sie hatten sie. Und sie waren hierhergekommen, um nach etwas zu suchen, um das zu rechtfertigen. „Welche Art von Falle?“, sagte er.

„Suchte. Nach wem. Habe verlauten lassen. Dass wir. Sie haben.“

Ausweichend. Er hob den Aufseher eine weitere Handbreit über den Boden. „Wen?

„Die Erste. Renegatin.“ Der Mann erbebte in seinem Griff, als der erstickte Drang zu husten ihn übermannte.

Großmutter hatte oft von der Ersten Renegatin gesprochen, aber nur mit dem falschen Namen. Er hatte sie nur einmal getroffen. Eine Frau noblen Gebarens mit in die Ferne gerichtetem Blick und einem Rückgrat aus Eisen, das jene Bürde, die so schwer auf ihren Schultern lastete, beinahe völlig verbarg.

„Wo ist diese Falle?“

Der Aufseher riss den Kopf von einer Seite zur anderen. „Ich ... Ich weiß es nicht!“

„Zu schade.“

Sein Blick weitete sich, seine Pupillen wuchsen zu schwarzen Abgründen an. „Wirst du. Mich töten?“

„Ich töte nicht.“ Er schlug den Mann mit der freien Hand bewusstlos und ließ ihn zu Boden gleiten. „Nicht mehr.“

Er kehrte auf Großmutters Terrasse zurück und schob sorgsam die Orchideen beiseite. Falls sie vorgehabt hatten, sie anzulocken, musste sie das Gebäude aus freien Stücken verlassen haben. Das konnte er sich zunutze machen. Er schloss die Augen und atmete ein.

Die Luft war eine einzige Kakophonie. Er konzentrierte sich und blendete die Gewürze, das Metall, die besorgte Menge und den allgegenwärtigen, gewitterartigen Geruch der Ätherdämpfe aus, die durch die Stadt zogen.

Da.

Nur ein Wispern von der Straße unter ihm: Sommerfrüchte, Rosen, Hyazinthen und Honig. Großmutters unverkennbares Duftwasser. Beinahe unmöglich noch irgendwo zu finden, wie sie ihm voller starrsinnigem Stolz erzählt hatte. Noch schwacher das Maschinenöl und das warme Messing des mechanischen Vogels, der auf ihrer Schulter saß und kodierte Nachrichten sang.

Die rückseitige Gasse war leer. Für den Augenblick. Wer wusste schon, wie lange das noch so bleiben würde. Er schwang sich über das Geländer, ließ den Wind Großmutters Mantel aufbauschen und rollte sich bei der Landung ab.

Der Dufthauch führte in Richtung der sinkenden Sonne. Er bewegte sich flink durch die gewundenen Straßen. Bei jedem Atemzug flatterten seine Nasenlöcher. Tauben und Schneidervögel stoben ihm aus dem Weg.

Es mochte eine andere Art von Dschungel sein, doch er war und blieb ein Fährtenleser.


Vor sechs Monaten

Der Junge kniff die Augen zu, nahm die Hände vors Gesicht und begann zu zählen. „Ichi, ni ...“

Überall Gekicher, und der Boden bebte, als Leiber sich rasch in alle Richtungen verstreuten. Er konzentrierte sich auf die Geräusche und hörte auf das Trappeln nackter Sohlen auf Holz und Schilf. Sein Gehör war besser als das der meisten anderen. „... san, shi ...“

Er war schlecht in diesem Spiel. Der Kleinste und Langsamste. Doch er musste nur einen fangen. Nur einen, und das wäre schon genug. Nur einen, und die anderen würden den auslachen. „... go, roku ...“

Ein Platschen? Es klang, als sei jemand im Teich. Das war gemogelt. Er konnte nicht in den Garten gehen. Nicht wie die anderen. Während der Rest ausschwärmte, um in der Sonne zu lachen, musste er auf der Veranda sitzen und warten und seine schweren Füße in den kühlen Frühlingsnebel hängen lassen. „... shichi, hachi ...“

Sie mussten die Regel nur für ihn aufstellen, wenn er dran war. Doch er war der Kleinste und Langsamste. Und darin war er der Allerbeste. „... kyu, ju!

Er öffnete die Augen in der hellen Bibliothek. Die Sonne schien warm und golden durch die papiernen Fenster und fiel in Streifen auf Bücher und raschelnde Stapel von Schriftrollen. „Bereit oder nicht: Ich komme jetzt!“, rief er. Als Erstes trat er durch die Schiebetür zur Veranda, schaute zu dem Moglerteich und blinzelte im Licht.

Nur ein Kranich hob den Kopf aus dem Wasser, um zu sehen, wer da so einen Lärm veranstaltete. Der Nebel im Garten regte sich und waberte im Wind. Ein hölzernes Windspiel sang und klackerte vom Dach. Großköpfige Regenamulette wiegten sacht in der Brise. Zartrote Blütenblätter wirbelten ihm um die Zehen.

Er drehte sich um und tapste zurück ins Haus, kratzte sich die Seite und versuchte, über die Schritte nachzudenken, die er gehört hatte. Er befand sich in der Sechsten Bibliothek. Es klang, als wäre Vetterin Umeyo in die Dritte Bibliothek gegangen, aber Ume war nett. Sie gab ihm Bissen von ihrem Eis ab, die ihn an den Zähnen schmerzten, und rieb ihm über den Kopf, bevor sie zu Bett ging. Also sollte sie ruhig die Dritte Bibliothek haben. Er würde irgendwo anders hingehen. Vielleicht in die Zehnte Bibliothek, wohin der große Bruder Hiroku für gewöhnlich ging, denn dort war sein Lieblingsbuch: das über die Feldmaus und die Krähe. Außerdem scherte Hiro sich ohnehin kaum ums Versteckspielen.

 

Er tapste den Gang entlang durch flirrende Strahlen aus Gold und versuchte, so leise zu sein, wie er nur konnte.

Ein Windstoß erfasste ihn von rechts und straffte die Papierwände. Die Eingangshalle! Jemand musste die Tür nach draußen geöffnet haben.

Er wirbelte herum und riss die Schiebetür auf. „Ich hab dich!“, rief er.

Die Eingangstür war noch immer verschlossen. Ein bleicher Riese starrte auf ihn herab. Ein blaues Auge blinzelte. „Das hast du wohl, kleiner Jäger“, grollte er.

Es war Zeit für eine Begrüßung.

Man hatte ihm beigebracht, sich zu verbeugen und zu sagen: „Willkommen in unserem Haus.“

Wie heißt Ihr. Kann ich Euch ankündigen. Seid Ihr weit gereist. Braucht Ihr Hausschuhe.

Die Füße des Riesen waren größer als sein gesamter Kopf und endeten in Klauen so lang wie Finger.

Der Riese duckte sich vor ihm und war dennoch doppelt so groß wie er. Er roch nach Sommergras und fremden Bäumen. Sein blaues Auge war rotumrandet, wie das von Hiroku, wenn er zu lange wach blieb, um noch zu lesen. Wo das andere Auge hätte sein sollen, war nur eine Narbe. „Ich glaube nicht, dass wir uns kennen“, sagte er. Seine Zähne waren sehr spitz, und es gab viel zu viele von ihnen.

Hinter ihm erklangen Schritte, die die Dielen der Halle quietschen ließen, doch er wandte den Blick nicht von dem Riesen ab, denn was, wenn diese Zähne näherkamen, sobald er sich wegdrehte?

Das himmelblaue Auge des Riesen musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Du zitterst.“

HERR KATZE!“ Sie fuhren beide zusammen, als der Schrei hinter seinem Ohr ertönte. Die Stimme der großen Schwester Rumiyo. Füße stampften den Gang hinunter. „Maaaa-mmmmma! Herr Katze ist wieder da!“

Der Riese lächelte über seine Schulter. „Rumi ist so laut wie eh und je.“ Er wich einen Schritt zurück, ließ sich im Schneidersitz nieder und legte die Handgelenke auf den Knien ab. Er senkte den Kopf. „Diese Hände werden dir kein Leid zufügen.“

Er machte dennoch einen Schritt zurück.

„Nashi?“

Er hatte keine Schritte gehört, denn sie war groß und berührte den Boden nur noch, wenn sie es wollte. Doch er konnte spüren, wie ihr Schatten in die Halle fiel, und huschte hinter ihre Beine. „Was ist – ah. Willkommen zurück auf Kamigawa, mein Freund“, sagte sie.

Er streckte die Nase um die grünblaue Seide ihrer Robe. Der bleiche Riese hatte sich aus seiner sitzenden Position erhoben und verneigte sich ehrfürchtig. „Es ist schön, dich wiederzusehen, Tamiyo.“

Sie wandte sich von dem Riesen ab, um ihn anzulächeln, und legte sich dabei ein langes Ohr über die Schulter. „Das ist Ajani. Er ist Teil unseres Geschichtskreises.“ Ihre Stimme war wie die einer Porzellanvase – kühl und von strahlender Anmut. „So wie Narset? Auch er kann hinter der Luft wandeln.“

Narset erzählte Geschichten, die sich in langen, ausschweifenden Kreisen immer weiter ausdehnten, und sie legte sich gern mit ihm aufs Dach, um die Wolken zu betrachten. Sie lachte über all seine Scherze und keines seiner Worte. Narset mochte am liebsten Geschichten über Drachen.

Tamiyo legte ihm eine Hand auf den Kopf. „Ajani, das ist Nashi. Er gehört nun zu unserer Familie.“

Der Riese – Ajani – verneigte sich erneut. „Ehre mit dir.“

Er blieb hinter Tamiyos Beinen, erwiderte jedoch die Verbeugung, wie er sie gelernt hatte. „Und mit E–“

HERR KATZE!“ Ein elfenbeinfarbener Schemen flitzte an seiner Nase vorbei.

Ajani fuhr herum und es gelang ihm gerade noch, den Schemen in seinen gewaltigen Armen aufzufangen. „Uff! Hallo, Rumi.“

Ihr zahnloses Grinsen erhellte den Raum. „Du warst viel zu lange weg.“ Hinter ihm donnerten die Dielen der Halle, als Geschwister und Vettern herbeigeeilt, gesprungen, gekullert und gelegentlich auch geschwebt kamen. Rumi streckte die Hand aus, um Ajanis Fell zu wuscheln. „Ich wette, du hast unglaubliche Geschichten mitgebracht!“

„Ajani ist wieder da!“

„Erzähl uns noch mal von dem Drachen!“

„Ich will Geschichten über das Loch in der Welt hören!“

Mondvolkkinder schwärmten um Ajanis Beine, berührten sein bleiches Fell, seine riesige, glänzende Axt und den langen weißen Umhang, den er trug. Hiroku war das größte von ihnen, doch auch er reichte dem Riesen nur bis zur Brust. Rumi, die noch immer auf seinem Arm hockte, blickte von oben herab und schimpfte die anderen aus.

Tamiyo klatsche zweimal in die Hände. „Genug!“

„... und deshalb müsst ihr alle das machen, was ich sage! – Oh.“ Rumis Stimme wurde lauter, als das Gelärm verebbte.

„Ajani ist ein Gast. Es ist unhöflich, ihm Forderungen zu stellen.“ Tamiyo verschränkte die Finger vor dem Bauch, als er Rumi zu Boden ließ. „Er ist weit gereist, um uns zu besuchen. Rumi, sag deinem Vater, er soll ein Willkommensmahl zubereiten. Der Rest von euch darf helfen.“

„Er darf aber nicht weggehen, bevor er uns Geschichten erzählt hat“, sagte Rumi. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und streckte das Kinn vor. „Das ist eine eiserne Regel, Mama. Wer losgehen und Abenteuer erleben darf, der muss davon erzählen, wenn er zurückkommt.“

Tamiyo blickte mit zusammengepressten Lippen und lächelnden Augen zu Ajani. „Sie kommt nach ihrem Vater.“

„Natürlich“, sagte der Riese höflich. Er blickte auf die Kinderschar herunter und legte eine Hand auf die Brust. „Ich werde nicht gehen, ohne eine Geschichte zu erzählen.“

Alle grummelten noch immer, als sie nach draußen verschwanden.

„Komm schon, Nashi.“ Vetterin Ume nahm mit großen, vor Aufregung geweiteten Lavendelaugen seine Hand. „Du kannst mit mir Reisbällchen rollen.“

„Na gut“, sagte er und ließ sich von ihr mitziehen. Während sie gemeinsam den Gang entlanggingen, warf er einen letzten Blick über die Schulter.

Tamiyo legte die Hand auf Ajanis Arm. Sie hatte einen Ausdruck im Gesicht, den er sie bislang nur Genku hatte zeigen sehen, spät nachts, wenn eigentlich alle schlafen sollten. „Du warst monatelang fort“, sagte sie beinahe unhörbar. „Wo ist Elspeth?“

Der Hals des Riesen neigte sich wie eine Weide im Regen. Das Strahlen in seinem Auge verlosch. „Sie ... kommt nicht.“

Ume zog ihn um die Ecke.


Der Geruch hatte Ajani zu noch mehr Inspektoren geführt.

Er ließ sich auf der Kante eines glänzenden Messingturms nieder, während sie unten umhergingen und sorgsam jede Maschine auseinandernahmen, die sie finden konnten. Wie Ameisen schwärmten sie um die Ränder von Dingen herum, die viel größer waren als sie selbst, und entfernten gründlich kleinste Teile davon, um diese fortzuschleppen und irgendwohin zu bringen, wo niemand sie je wieder zu Gesicht bekommen würde.

Die Nachwehen eines Kampfes schwebten noch immer herauf: der allgegenwärtige Geruch von Äther und das Beißen verbrannten Metalls.

Etwas drückte leicht gegen die Rückseite seines Mantels, gerade stark genug, dass er wusste, dass es sich um die Spitze einer Klinge handelte. „Du hast also verloren?“ Eine melodische, weibliche Stimme, leicht belustigt.

Erstaunlich. Er hatte nichts gehört oder gerochen. Wer auch immer sie war, sie war keine Anfängerin darin, anderen nachzustellen.

Er verlagerte langsam und kaum merklich sein Gewicht – „Willst du springen?“ Die Klinge pikte ihn spielerisch an. „Es gibt leichtere Arten zu sterben, wenn du mich fragst. Wenn du in den Ätherströmen tanzt, kräuselt sich dir nur das Haar.“

Er entspannte sich. Es war ein Satz, den Großmutters Freunde verwendeten, um einander zu erkennen, eine versteckte Anspielung auf die Heraldik des Konsulats. Sie hatte ihm die richtige Antwort genannt. „Besser als sich die Schuhe loszutreten“, grollte er, „und sich die Zehen kräuseln zu lassen.“ Eine Anspielung auf die Umkehrung des Symbols durch die Renegaten.

„Ah, ausgezeichnet!“ Die Klinge verschwand. „Verzeih mir, mein Freund. Wie du siehst hatten wir einen schlechten Tag.“

Er war gerade im Begriff, sich umzudrehen, als eine Elfe sich plumpsend neben ihn hockte und die Füße über die Kante des Daches baumeln ließ. Sie wirkte, als wäre sie ausgesprochen jung, aber eine Elfe konnte so aussehen und dennoch viel älter sein als er selbst. Ihre Kleidung bestand aus dunklen Violett- und Grautönen und war mit einer beachtlichen Menge an Taschen und Gürteln versehen. Dunkle Metallbänder bändigten eine Flut wilder Zöpfe, die ihr wahrscheinlich bis auf die Taille fielen, wenn sie gelöst wurden. Sie roch nach Mandeln, starkem schwarzen Chai und Schweiß.

„Ein ziemliches Schauspiel, nicht wahr?“ Sie spähte zu den Inspektoren hinunter und schwang die Füße hin und her wie ein rastloses Kind. Ein halbes Dutzend winziger, metallener Insekten klammerte sich an die Schultern ihres Mantels, Schmetterlinge aus Messing breiteten in einer verblüffenden Nachahmung echten Lebens seidene Flügelchen aus und Spinnen aus dunklem Stahl saßen bis auf ihre stetig umherblickenden Augen völlig reglos da. Lebende Blüten in Violett und Indigo sprossen zwischen ihren metallenen Rippen hervor.

„Wonach suchen sie?“, fragte er.

„Wer weiß das schon?“, sagte die Elfe unbekümmert. „Fallen vielleicht?“ Sie lachte zwitschernd. „Das wäre ein Spaß, nicht wahr? All diese Zeit damit zu verbringen, nach etwas zu suchen, was keiner von uns jemals verwenden würde?“ Sie wandte ihm ihre fröhlichen silbergrauen Augen zu. „Du kannst mich übrigens ‚Schattenklinge‘ nennen. Mit einem Y in ‚Klinge‘.“

Schattenklynge?“, wiederholte er skeptisch.

Sie strahlte. „Ist das nicht ein ganz bezaubernder Deckname?“

„Ich ... sehe, dass du ihn magst“, sagte er höflich. Großmutter hatte eine begabte junge Biotronikerin erwähnt, eine der Vahadar-Elfen, die in der Stadt lebten. Ein Wunderkind, hatte sie gesagt, dessen mechanische Insekten die Überwachungsthopter des Konsulats einzufangen und auseinanderzunehmen vermochten. Als er nach dem Namen dieses Wunderkinds gefragt hatte, hatte Großmutter allerdings nur die Augen verdreht.

„Habe ich mir selbst ausgedacht, weißt du. Ich finde, er klingt unheimlich kühn.“ Sie lugte in die Schatten seines Umhangs und er wandte sich schnell ab, während er die Kapuze mit seinen Metallhänden tiefer zog. „Ah, ein Mann der Geheimnisse, ja?“ Sie stupste ihm den Ellenbogen in die Seite. „Brillantes Beiwerk.“

Er räusperte sich. „Wo ist Großmutter?“

Ihr Lächeln erstarb. Nach einem Augenblick sprach sie wieder und ihre Stimme war leiser ... Älter. „Ich weiß es nicht. Ich kam hier auf der Suche nach der Ersten Renegatin. Sie hatte sich verspätet.“ Eine Hand fuhr an ihren Mund, und sie nagte an einem bereits angekauten Fingernagel. „Wenn sie hier war ... dann hat das Konsulat sie mit Sicherheit geschnappt.“

„Du hast recht. Ich habe einen Inspektor befragt, der ihre Wohnung durchsucht hat.“

Eine ihrer Brauen hob sich langsam. „Du hast ihn befragt?“

„Es bedurfte ein wenig Überzeugungskraft“, sagte er und ballte eine seiner Metallhände zur Faust. „Ich hatte zu erfahren gehofft, wohin sie Großmutter gebracht haben. Die Inspektoren haben die Spur verwischt.“

„Hm, hm, hm“, machte Schattenklynge bedächtig. Er blinzelte. Hatte sie die Worte tatsächlich ausgesprochen? „Es gibt einen Unterschlupf der Renegaten in der Nähe. Jeder, der es aus dem Chaos heute herausgeschafft hat, hat sich sicherlich dorthin begeben. Hören wir uns mal um.“

Er neigte den Kopf. „Das wäre freundlich.“

Sie sprang auf die Füße und klopfte sich die Hosen ab. „Kannst du mithalten, wenn ich über Dächer und dergleichen springe?“ Ihre Stimme war wieder heller geworden, ihre Sorge nur noch eine Wolke, die hoch über ihr rasch an der Sonne vorbeizog.

Er lächelte unter der Kapuze. „Das wirst du schon sehen.“

„Ausgezeichnet.“ Sie wandte sich einem der mechanischen Schmetterlinge auf ihrer Schulter zu und pfiff sechs Töne. Einem anderen Zuhörer wäre es wie der Ruf eines Vogels erschienen. Das metallene Insekt flatterte davon und folgte einem kreisenden und verworrenen Weg über die Inspektoren hinweg. „Nur um die Dinge hier im Auge zu behalten“, sagte sie zwinkernd. „Gehen wir.“ Und damit schoss sie davon wie ein junges Reh und sprang anmutig auf das nächste Dach.

Bis er endlich auf den Beinen war, hatte sie bereits zwei Gebäude überquert und unterdrückte wenig erfolgreich ein Kichern. Er nahm die Lücken vorsichtig ins Visier. Mit einem Auge war das Abschätzen von Entfernungen eine Frage von Intuition, Vergleichswerten und Erfahrung. Er nahm Anlauf, stieß sich ab und landete neben ihr.

Ihre Mondlichtaugen lächelten. „Starke Beine, wie ich sehe.“

Sie führte ihn über sonnenbeschienene Dächer, unter Wäscheleinen hindurch, um Schornsteine herum, auf Schutthaufen und verfallene Treppen hinauf und über Straßen, die von Tausenden von Beispielen für ein geschäftiges Leben verstopft waren. Ihr Weg führte sie im Kreis, in weitem Radius nach außen und wieder zurück. Gut. Das bedeutete, dass sie ihm nicht vollständig vertraute. Jeder ohne sein Gedächtnis und seinen Orientierungssinn wäre nicht in der Lage gewesen, ihren Zielort wiederzufinden.

Sie tauchten in die Schatten einer Wohnanlage ein, in deren Dach ein Loch klaffte und deren oberstes Stockwerk aus einem See aus flachem, brackigem Wasser bestand. Die Wände unten waren von schwarzen und grünen Flecken bedeckt – Leben, das sie mit aller Bedächtigkeit nach und nach verzehrte. Die Ätherlampen entlang der Treppen waren dunkel und kalt. Sein Auge hatte keine Mühe, sich dem Dämmerlicht anzupassen, aber Schattenklynge zog einen leuchtenden blauen Stab aus einer ihrer zahlreichen Taschen.

„Ich wusste nicht, dass es solche Orte gibt“, murmelte er in die Grabesstille hinein. „Von oben wirkt ganz Ghirapur so prächtig.“

„Harrrrumpf“, machte sie grimmig.

Sie hatte tatsächlich Harrrrumpf gemacht. „Liest du viel?“, fragte er.

Sie blickte ihn verwirrt an. „Ein bisschen zu viel, wenn du meine Mutter fragst. Warum?“

„Nur so.“

Ihr Weg wurde von einer Tür versperrt, die von einem komplex aussehenden, summenden Artefakt verschlossen war. „Vor sechs Monaten hatte dieser ganze Block noch Energie.“ Schattenklynge hielt inne, schloss die Augen und vollführte eine rasche Abfolge von Bewegungen in der Luft, ehe sie sie auf die Steuerung des Mechanismus übertrug. Das Summen verstummte und die Tür schwang auf. „Dann entschied das Konsulat, dass dieses Viertel ‚untergenutzt‘ ist. Es schnitt ihm den Äther ab, um den Bau der Erfindermesse damit voranzutreiben.“ Ihr Mund verzog sich, als sie die Tür hinter ihnen schloss. „Komisch, wie alle ‚untergenutzten Viertel‘ zufällig diejenigen sind, in denen Renegaten leben. Aber die Konsuln schwören, dass diese Viertel bis zum Monatsende wieder mit Äther versorgt werden.“ Sie verdrehte die Augen.

Er roch die Furcht und die Anspannung, bevor er das Gemurmel der Unterhaltung hörte. Als sie um die Ecke bogen, verklang das Geräusch.

„Ich bin‘s nur“, sagte Schattenklynge winkend. „Hat irgendwer heute schon Frau Pashiri gesehen? Wir glauben, sie war bei der Ersten Renegatin.“

Ein Vedalkenjunge tauchte wie aus dem Nichts auf und griff nach Schattenklynges Arm. „Va –“, setzte er an.

Schattenklynge!“, zischte die Elfe.

Der Vedalken machte einen Schritt zurück. Sein Blick huschte zwischen der Elfe und ihrem vermummten Gefährten hin und her. „Ähm, ja. Fräulein Klynge. Ich meine, Schatten. Frau Klynge. Ich bin ... Ich freue mich, dass es Ihnen gut geht.“ Seine jungen Augen funkelten vor Bewunderung.

Die Elfe plusterte sich auf und stemmte die Fäuste in die Hüften. „Kein tollpatschiger Konsulatsinspektor könnte der gewieften Schattenklynge je habhaft werden!“, verkündete sie.

„Entschuldigung?“ Eine Menschenfrau in einer versengten goldenen Robe stand auf und keuchte, als sie ihr linkes Bein belastete. Sie hatte eine prächtige Haarmähne – nicht glatt und fließend, nicht zu Knoten gebunden, sondern hoch und stolz aufragend. „Ich war bei der Ersten Renegatin. Wir wurden getrennt, aber ich war auf dem Weg zu ihr, als ...“ Sie hielt inne, gereizt und nach bitterer Erschöpfung und beißender Furcht riechend.

Er trat auf sie zu, senkte die Schultern und beugte sich zu ihr herab. „Bitte. Können Sie mir sagen, was Sie gesehen haben, Frau ...?

„Tamni“, sagte sie. „Ich ... Ähm ... Als ich ankam, hatte das Konsulat sie umzingelt. Einer von ihnen hielt sie am Arm fest. Er hatte eine künstliche Hand. Keinen Aufsatz, sondern einen Ersatz.“ Sie runzelte die Stirn und versuchte, sich näher zu erinnern. „Nur drei Finger. Dunkles Metall. Leuchtete violett statt ätherblau. Sie wirkte ... primitiv.“

Im Schatten seiner Kapuze, wo niemand es sehen konnte, presste er die Kiefer zusammen. „Und Großmutter Pashiri?“

Tamni schluckte. „Auch sie war da, irgendwo an der Seite. Und drei andere Frauen, die ich nicht kannte. Eine hatte rotes Haar, eine war ganz in Schwarz gekleidet, die andere in Grün. Die Inspektoren haben Pia – die Erste Renegatin weggebracht. Die Fremden stritten einen Augenblick, und dann ging die Frau in Schwarz weg. Pashiri führte die anderen beiden fort. In Richtung Kujar.“

Kujar. Ein wohlhabendes Viertel, weitläufig und grün. Hier wohnten viele der Konsuln selbst. Schwierig zu betreten und stark bewacht. Seine Anwesenheit würde Fragen aufwerfen.

Tamnis Augen wurden feucht. „Ich habe nur ... Ich habe nur zugesehen.“ Sie spie die Worte vor die eigenen Füße.

„Bist du eine Kriegerin?“, fragte er.

„Eine Krieg– nein! Nein, ich ... Ich baue nur Sachen.“ Sie starrte auf ihre versengten und schwieligen Finger.

Er dachte darüber nach, ihr tröstend eine Hand auf die Schulter zu legen. Aber nein – er kannte sie nicht gut genug für derlei Vertrautheiten. „Sich unvorbereitet in einem Kampf zu werfen, zeugt nicht von Mut. Es ist töricht und führt nur zu noch mehr Tod.“ Er hielt seine Stimme leise, aber fest. „Dieses Wissen habe ich mir hart erarbeitet. Bitte vertrauen Sie auf es.“

„Ich hätte ... irgendwas tun sollen“, flüsterte sie und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Sie haben alles genau beobachtet. Sie haben ihre Geschichte erzählt. Nun wissen andere, was sie tun müssen.“ Er verneigte sich vor ihr. „Dafür danke ich Ihnen.“

Tamni sagte nichts und tauchte zurück in die Schatten.

„Das ist ärgerlich, nicht wahr?“, sagte Schattenklynge. „Kujar ist echt riesig. Große Gärten und Bäume und all so was. Jede Menge Mauern und Wachen. Und du fällst dort auf, mein Freund, selbst wenn du dich die ganze Zeit duckst.“ Sie wandte sich zu dem Vedalkenjungen. „Dayal! Versammle die Truppen.“

Sein Grinsen war strahlend. „Sofort, Frau Klynge!“

„Was hast du vor?“, fragte er.

„Ich bin die beste Biotronikerin, der du je begegnen wirst“, sagte sie fröhlich. „Aber ich bin nicht die einzige Biotronikerin.“ Dayal huschte durch den Raum und suchte nach Leuten, auf deren Schultern oder in deren Nähe mechanische Tiere hockten. „Ich habe meine Insekten. Andere haben Vögel, Ratten Katzen, Schlangen, Frösche und sogar kleine Kläffer. Dich Hünen mag es nur einmal geben. Aber in Ghirapur gibt es Hunderte von kleinen Schöpfungen wie unsere.“

Er hatte nicht vorgehabt, noch jemand anderen in Schwierigkeiten zu bringen. „Ich kann ihrer Spur selbst folgen.“

Die Elfe lachte. „Zweifellos. Aber wir können sie schneller finden. Wie heißt es so schön? Viele Augen sehen besser als eins, oder so ähnlich? Und sei unbesorgt“, zwitscherte sie und schlang ihren Arm um seinen. „Ich bleibe an deiner Seite. Damit du dich von Ärger fernhältst. Ähm ...“ Sie hielt inne und drückte seinen Bizeps. „Sollten wir unterwegs Türen einschlagen müssen, überlasse ich das aber trotzdem wohl eher dir.“

Der Raum um sie herum füllte sich mit jungen Leuten, die tickende, umherstolzierende Wunderdinge aus Messing und Grünholz bei sich hatten. Keiner ihrer Freunde schien älter als zwanzig zu sein.

„Woher kennst du Frau Pashiri überhaupt?“, fragte Schattenklynge.

Er überlegte. Wie viel konnte er verraten? „Sie hilft mir dabei, jemanden zu finden. Jemanden sehr Gefährliches. Der wahrscheinlich mit jemand noch Gefährlicherem zusammenarbeitet.“

„Ein Mann voller geheimer Geheimnisse!“, lachte sie. „Na dann: Brechen wir auf.“


Vor sechs Monaten

Nashi wand sich unter den Dielen hindurch. Seine Hüften kratzten über Bodenträger.

Er hatte ein Loch in der Wand seines Schlafzimmers gefunden, versteckt hinter der Truhe, in der er seine Kleidung aufbewahrte. Seine Vettern und Geschwister passten nicht hindurch, und falls Tamiyo und Genku etwas davon wussten, so sagten sie nichts. Von hier aus konnte er sich leise zwischen den unteren Böden der Großen Bibliothek hindurch bewegen, durch Astlöcher spähen, atmen und lauschen – von allen Seiten dicht von sicherem Holz umgeben. Niemand konnte ihn in seiner ganz persönlichen Dunkelheit sehen. Manchmal verbrachte er Stunden hier drin, brachte Bücher und Spielzeug mit und hörte dem Trampeln der anderen Kinder zu, die nach ihm suchten.

Manchmal war es gut, der Kleinste und Langsamste zu sein.

Er glitt auf den Speiseraum zu, wo Tamiyo und Genku mit dem Riesen saßen. Die Gerüche des Essens waren seltsam. Nicht wie das trockene Braun und scharfe Grün, das sie sonst aßen. Da war auch noch fettiges Rot mit staubschwarzen Spuren. Sie sammelten sich in seiner Brust und weckten ein Würgen tief in seiner Kehle, doch er wusste nicht, warum. Er kniff sich die Nase zu, atmete durch den Mund und bewegte sich weiter.

Da war ein Astloch in der Ecke, von dem aus er den gesamten Raum überblicken konnte. Tamiyo saß auf ihrem üblichen Kissen am Kopf des niedrigen Tisches, Genku zu ihrer Rechten. Der Riese – Ajani – ragte am anderen Ende auf und aß höflich von einem Teller, der mit braunen, graumarmorierten Würfeln gefüllt war. Fleisch. Er erinnerte sich an Fleisch. Jetzt machte es ihn krank.

Genku stand auf und verbeugte sich vor Ajani. „Es gibt Dinge, um die ich mich kümmern muss. Wenn du mich bitte entschuldigst?“

Der Riese blinzelte. „Oh. Natürlich. Bitte.“

Genku beugte sich herab, um Tamiyo einen Kuss auf die Stirn zu geben. Sie lächelte, schloss die Augen und legte kurz den Kopf an seine Brust, während ihre Arme und Finger sich wie Efeuranken ineinander verflochten. „Kümmere dich um deine Aufgaben“, sagte er. „Ich beschäftige die Kinder.“

„Danke“, sagte sie. „Ich bin sicher, sie haben meine Eltern mittlerweile müde gespielt.“ Genku sammelte ihre Teller ein, verließ den Raum und schloss die Tür mit einem Fuß.

Der Riese saß unschlüssig da. Das Windspiel sang und klirrte. In der Ecke des Raumes, die ihm am nächsten war, glomm noch Glut im Kohleofen. Doch wenn Nashi den Ofen anschaute, schlug sein Herz zu schnell und seine Finger gruben sich in das Holz. Also betrachtete er stattdessen lieber Tamiyo dabei, wie sie ihrerseits Ajani betrachtete. Die violetten Siegel auf ihrer Stirn waren sorgenvoll zusammengezogen.

Als Genkus Schritte verklungen waren, sprach sie. „Du bist auf der Suche nach Elspeth nach Theros gegangen. Hast du sie gefunden?“

„Ja.“ Ajani sah aus, als wollte er mehr sagen. Doch das tat er nicht. Stattdessen blickte er sich im Raum um und machte eine Geste zu einem Stapel Koffer mit einem dicken Tagebuch darauf. „Bin ich zu einem ungünstigen Zeitpunkt gekommen? Es scheint, du bereitest dich auf eine Reise vor.“

„Kennst du die Welt Innistrad?“, fragte sie. Der Riese schüttelte den Kopf. „Ich habe letztes Jahr ein paar Monate dort verbracht, um den Mond zu studieren. Er ist faszinierend.“ Sie lehnte sich mit weiten und leuchtenden Augen vor. „Sämtliche Magie dieser Welt strebt darauf zu und wird von seinen Zyklen beeinflusst. Selbst viele der einheimischen Kreaturen ...“ Sie hielt inne und spielte mit dem Saum ihres Ärmels. „Das letzte Mal, als ich bei Jenrik vorbeigeschaut habe – einem Einheimischen, mit dem ich zusammenarbeite –, berichtete er Ungewöhnliches. Von Veränderungen im Manafluss und bei den Gezeiten. Ich möchte die Auswirkungen auf das Leben dort beobachten.“

„Ich verstehe.“ Er legte die massigen Hände auf den Tisch und starrte sie an.

„Ajani“, sagte sie. „Wenn du nicht mit mir sprechen willst, warum bist du dann hier?“

Der Riese atmete langsam ein und aus. Eine gewaltige Last regte sich hinter seinem Gesicht. „Ich ... Ich habe Nashi bei meinem letzten Besuch nicht gesehen. Er ist nicht wie seine Geschwister.“

Tamiyo seufzte auf die gleiche Weise, wie wenn sie und Genku stritten und er versuchte, sie ihren Büchern zu überlassen. „Nashi ist ein Nezumi. Eines der Rattenwesen aus den Sümpfen.“

Nashi wand sich im Dach: Er wollte unbedingt weiter lauschen, auch wenn er sich vor dem fürchtete, was er da womöglich zu hören bekam.

Tamiyo sagte: „Vor einigen Jahren wurde sein Dorf von Planeswalkern niedergebrannt.“

Der Atem stockte ihm in der Kehle.

„Niedergebrannt? Aber warum?“

Der Kohleofen fauchte mächtig neben dem Riesen.

„Das weiß ich nicht. Nicht genau. Es geschah wohl auf Geheiß eines weltenwandelnden Verbrechers namens Tezzeret. Er wollte, dass sie sich ihm unterwerfen. Dass sie seinem Konsortium dienen.“

Die glühende Kohle spie rotgoldenes Licht über den Boden, tanzend und gleißend und verzehrend und wachsend und alles verdunkelnd, was nicht sie war. Er kratzte sich an dem Fleck an seiner Seite, an dem das Fell struppig wuchs und die Haut rot und rau blieb.

Er musste gehen.

„Tezzeret? Ich habe von ihm gehört. Elspeth ... Sie traf ihn auf Mirrodin.“

Er musste jetzt gehen.

Er schloss die Augen. Schob sich von dem Astloch weg. Rutschte im Dunkel zurück. Er rollte sich auf die Seite, davon überzeugt, dass sein klopfendes Herz auf der anderen Seite der Wand zu hören sein musste – bumm, bumm, bumm

„Er hat mit ihren Feinden zusammengearbeitet. Das war vor ... zwei Jahren?“

Nacht und Sterne. Hitze und Schmerz in tosenden Wellen. Das Dach steht in Flammen! Nimm den Jungen! Raus hier!

Die Hütten brennen. Alles ist hell und heiß. Ein krankes Gelb. Mama hebt ihn hoch. Rennt. Wo ist Papa? Halt! Wo ist Papa? Wir können Papa nicht zurücklassen!

Ein Krachen. Mama hält plötzlich an. Er späht über ihre Arme. Die Hütten sind eingestürzt. Der Ausgang ist versperrt. Da ist Feuer hinter ihnen. Es erhebt sich auf zwei Beine und brüllt die Sterne an. Dächer stehen in Flammen, als es funkensprühend durch die Gasse pirscht.

„Zwei Jahre? Das ist unmöglich, Ajani. Tezzeret starb vor ... drei Jahren, glaube ich? Er wurde von seinen Gefährten verraten. Nashis Dorf – die, die überlebten – sie haben ihn getötet. Ein Drache erhob Anspruch auf die Leiche.“

„Ein Drache?“

Du wirst rennen und nicht hinter dich schauen. Mamas Fell raucht um die Worte herum. Was du auch hörst: Du rennst.

Sie schlingt die Arme um ihn und springt durch die Flammen. Treibt ihn voran. Stolpert. Los! Lauf!

Er läuft. Seine Haut bricht bei jedem qualvollen Schritt auf. Er will sich hinlegen, sich in die Erde hineinwühlen. Schlamm ist kühl. Alles wird gut sein, wenn er sich selbst eingraben kann.

Ein Schrei. Er blickt zurück –

Mama steht in Flammen, hochgehalten von einem menschgewordenen Feuer. Sie kreischt, zuckt in der Luft –

Sie riecht wie verbranntes Fleisch.

Er schluchzte. Nur einmal. Er konnte es nicht unterdrücken.

Die Unterhaltung verstummte. Er nahm die Hände vor die Augen, rollte sich zusammen und erschauderte in der geheimen Dunkelheit.

Das Rascheln von Seide unter ihm. Tamiyos ruhige Stimme, gleich außerhalb seines Verstecks. „Bitte komm heraus, Nashi.“ Sie hob ein Panel der Decke an und öffnete ihm einen Durchschlupf.

Er hätte weglaufen sollen. Sich verstecken. In die kleinste, am weitesten entfernte Ecke der Tunnel kriechen, bis er nicht mehr der Kleinste und Langsamste war und niemand ihn mehr zwingen konnte, beim Versteckspiel dran zu sein, und niemand mehr lachen würde und niemand mehr sein struppiges Fell und seine runzlige Haut antippen und sagen würde, er wäre nur ein räudiges Scheusal.

Die Mondfrau murmelte in den Tunnel, eine Stimme nur für ihn. „Erinnerst du dich daran, was ich dir erzählt habe? Du kannst bei mir sitzen, wenn du magst.“

Er taumelte ihr in die Arme und vergrub das Gesicht an ihrer Brust. Die Welt schwankte, als sie sich bewegte und sich setzte, während sie ihn in ihrem Schoß wiegte. Warme Arme umfingen ihn. Er biss sich auf die Lippe und versuchte, ruhig zu sein. Der Riese war da draußen. Er war groß und stark und hatte gewaltige Zähne und musste wahrscheinlich nie –

Sie legte ihr Kinn auf seinen Kopf und wiegte ihn. „Es ist gut, alles rauszulassen. Ich bin bei dir.“

Die Tränen kamen heiß und schnell, und sie wollten nicht aufhören.

„Handlungen haben Folgen“, sagte Tamiyo zu Ajani. „Manchmal vergessen Menschen wie wir, wie groß unsere Füße sind.“


Ein mechanischer Vogel – eine nahezu unheimliche Nachbildung eines Tiers aus Fleisch und Blut – schwirrte auf dem fettigen Rauch eines Essenskarrens zu ihm herab. Sein Rumpf bestand aus moosigem, von Blumen gespicktem Holz, der Rahmen aus weißgoldenem Metall, die Flügel aus bunt gefärbter Seide. Er flatterte, streckte geschickte Messingfüßchen aus und ließ sich elegant auf Ajanis breiter Schulter nieder.

Er blickte die kleine Kreatur verblüfft an, als diese ihn mit einem regelmäßigen, abgehackten Rhythmus anpiepste – so wie es Großmutters Messingvogel getan hatte. „Ist das eine ... Sprache?“

„Hm?“ Schattenklynges Mondlichtaugen wandten sich ihm zu. Ihre Wangen waren mit geröstetem Geflügel gefüllt. „MM! MFF!.“ Sie deutete mit ihrem abgenagten Fleischspieß auf den Vogel und schluckte etwas von dem, was sie kaute, herunter. „Mihir!“, sagte sie um den Rest herum. Sie schluckte erneut angestrengt, schlug sich auf die Brust und ließ den Spieß in einen Eimer neben dem Karren fallen, wo sie ihn gekauft hatte.

Obwohl „gekauft“ wohl eine sehr großzügige Auslegung dieses Begriffs war. Der Besitzer des Karrens, ein ehrwürdiger und undurchschaubarer Elf, hatte mit einem Augenzwinkern zugesehen, wie eine von Schattenklynges mechanischen Spinnen eine Münze aus dem Geldbeutel eines vorbeigehenden Konsulatsinspektors gezogen und ihm mit einer steifen, tickenden Verbeugung in die Hand gelegt hatte.

Sie befanden sich am Rand von Kujar auf einem geschäftigen Marktplatz, der den Stadtteil von einem weniger attraktiven Viertel abgrenzte. Ein Ort, wie Schattenklynge sagte, an dem die Leute sich unters einfache Volk mischten oder mit Höhergestellten verkehrten, je nachdem, von welcher Seite sie ihn betraten. Sie schien von der vorbeigehenden Menge unendlich fasziniert, deutete auf Passanten, die sie kannte, und erzählte ihm Hunderte von entzückenden und belanglosen Anekdoten über die Geschichte dieser Straße.

Sein Schädel dröhnte. Das Musikgerät, das auf der anderen Seite des Platzes aufgestellt war, hatte seit ihrer Ankunft wie wahnsinnig geplärrt und gepiepst, während seine Lichter grelle Farben auf das Kopfsteinpflaster warfen. Die schrillen hohen Töne und die durch Mark und Bein gehenden Bässe schmerzten ihm in den Ohren.

 

„Das ist einer von Mihirs Vögeln. Die Verschlüsselung haben wir uns alle gemeinsam ausgedacht. Toll, oder?“ Schattenklynge grinste. Ihre Zähne schimmerten hell vor ihrer dunklen Haut. „Pashiri wurde vor zwanzig Minuten gesichtet. Im Dhund.“

„Gut“, sagte oder vielmehr schrie er über den Lärm hinweg. „Was ist der Dhund?“

„Kennst du Gontis Nachtmarkt?“

Er nickte. Ein offenes Geheimnis: eine betriebsame, illegale Tauschbörse in den Mauern eines ehemaligen Kraftwerks, einem Relikt aus der Zeit vor dem Äther. Dort fanden sich Erfindungen von zweifelhafter Sicherheit und fragwürdiger Moral – für den richtigen Preis oder den passenden Gefallen.

„Der Dhund ist ein Hauptquartier der Konsuln, das unter und durch Gontis Markt gebaut wurde. Ein Labyrinth aus Tunneln und miteinander verbundenen Räumen. Kanalisation und Schächte und so was. Von dort aus schicken sie ihre Spione los, und dort halten sie wichtige Gefangene fest. Es ist alles ganz schrecklich geheim, weißt du?“ Sie zwinkerte ihm zu.

Eine Gilde von Gesetzeshütern, die im Verborgenen unter den Füßen respektabler Bürger in Abwasserkanälen operierte. In dieser Welt stand alles auf dem Kopf. Er blickte in Richtung Sonnenuntergang. „Ich weiß, wie wir von hier aus zum Nachtmarkt kommen. Wie kann ich einen Weg in diesen Dhund finden?“

Schattenklynge wirkte gekränkt. „Ich zeige dir eine Tür. Wir kennen ein paar davon. Das wird kein Problem.“

Er schüttelte den Kopf. „Du kommst nicht mit.“

Ihr Mund wurde zu einer schmalen Linie und ihre Brauen senkten sich. „Das wirst du nicht–!“

Schattenklynge“, unterbrach er sie. „Das war eine Falle, die sie Großmutter da gestellt haben. Es wird schwieriger sein, ihr zu entrinnen, als in sie hineinzutappen. Dazu wird Hilfe von außen nötig sein. Kannst du uns einen Fluchtweg verschaffen? Etwas Schnelles. Etwas Geheimes.“

Sie atmete tief ein und ließ den Blick über die Steine einer nahen Mauer gleiten, ohne sie wirklich zu sehen. „Thopter“, sagte sie und blickte auf. „Die des Konsulats werden in Massen hergestellt. Dieselben Stärken, aber auch dieselben Schwächen. Die Erste Renegatin hat mir gezeigt, wie ich einen stehlen kann.“

Er musterte sie kritisch. „Hat sie dir auch gezeigt, wie man einen fliegt?“

„Sagen wir mal: ein bisschen?“

„Ein bisschen wird reichen.“

„Hier“, sagte sie und stupste den mechanischen Vogel auf seiner Schulter an. Sie pfiff und zwitscherte eine lange Notenfolge, die klang, als würden zwei Vögel streiten. Er flatterte mit den Flügeln und verfiel wieder in sein fröhliches Piepsen. „Er gehört jetzt dir. Wenn du dich in der Nähe eines Eingangs zum Dhund befindest, wird er hinfliegen.“

„Ich danke dir.“ Er wandte sich zum Gehen, aber sie legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Du bist ein Freund von Frau Pashiri. Sonst hätte sie dir unsere Erkennungszeichen nicht verraten. Und jetzt begibst du dich in die Klauen des Konsulats.“ Sie reckte das Kinn in die Luft und stemmte eine Hand in die Hüfte. „Ich würde sagen, du bist nun ein Renegat. Jeder, der etwas anderes behauptet, muss sich mit mir im Flinkschmieden messen. Aber du hast mir deinen Decknamen nicht verraten. Das ist schrecklich unhöflich, wenn du mich fragst.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und wippte ungeduldig mit dem Fuß.

Er blinzelte sie ratlos an. „Ich habe keinen ... Manche haben mich die „Weiße Katze“ genannt?“

Schattenklynge warf ihm einen prüfenden Blick zu. „Das ist nicht mal ein bisschen kühn. Warum sollte jemand dich so nennen?“

Er hielt inne. Der Gedanke war töricht. Doch die Elfe hatte ihm geholfen, ihm vertraut und nie etwas als Gegenleistung verlangt.

Er zog die Kapuze zurück.

Ihre Mondlichtaugen weiteten sich. Er konnte seine gesamte Gestalt in ihnen sehen; das weiße Fell, das blaue Auge und die Narbe, die Tasthaare und die breite Nase.

Dann lächelte sie. „Eine Schande, ein solch edles Gesicht verborgen zu halten.“

Er verbeugte sich vor ihr – nicht, wie es auf Kaladesh Brauch war, sondern so, wie auf dem Naya seiner Jugend. Diese Leute waren freundlich und doch so eigenartig. „Ich begebe mich in deine Hände, Schattenklynge.“ Er zog die Kapuze wieder über den Kopf.

„Vatti.“

Er drehte sich zu ihr um. „Entschuldigung?“

Sie grinste ihn schief an. „Das ist mein echter Name. Vatti. Du hast mir ein Geheimnis verraten. Das ist nur gerecht so. Nun achte mir darauf, dass der Vogel heil bleibt. Mihir wird ihn zurückhaben wollen, und ich will ihm nichts schuldig bleiben.“ Sie drehte sich um und kletterte flugs eine Regenrinne hinauf.

Er wandte sich um und musterte die nächste Mauer, während er seine Finger in den Messinghandschuhen ausstreckte.

Fenstersims. Loser Backstein. Regenrinne. Über die matte, blaue Ätherröhre hinweg aufs nächste Gebäude.

Der Weg erschien ihm so klar wie ein abgebrochener Farn oder eine Fußspur am Ufer.

Er schwang sich nach oben, sprang mit den Zehenspitzen ab. Sichere Metallfinger klammerten sich in Lücken zwischen den Steinen und legten sich um geschwungenes Eisen. Der mechanische Vogel gab ein leises Krächzen von sich und hielt sich stärker an seiner Schulter fest.

Er sprintete über die Ätherröhre, während der Rauch der Fleischspieße des alten Elfen hinter ihm herwehte.

Und dann war da Wind.

Die Gerüche der Stadt drängten ihm in die Nase. Schattenkühle und Tageshitze flackerten auf und vorbei. Seine Bewegungen wurden unbekümmerter, instinktiv.

Er duckte sich um einen Schornstein oder vielleicht auch um einen Baum.

Die Räume, die er durchquerte, waren ein Nebel aus Messing und weißem Marmor. Sie waren ihm fremd. Er musste sie auch nicht kennen.

Er setzte über eine Gasse oder vielleicht auch einen Abgrund hinweg.

Er wusste, wie man rannte. Die Hitze in seinen Beinen, das Stechen in seinen Lungen, die Sonne auf seinen Schultern – das waren alte Freunde. Eine lange Jugend des Rennens über Ebenen und durch Dschungel, so schnell und lautlos wie Wetterleuchten.

Er machte einen Satz auf den Rücken eines großen Vogels – oder vielleicht auch eines Thopters – und sprang von dort aus auf eine höhere Klippe oder vielleicht auch ein Dach.

Der mechanische Vogel gab ein kurzes, sanftes Zirpen von sich. Er kam zum Stehen und atmete tief und gleichmäßig. „Wo?“, fragte er im Ausatmen. Der Vogel breitete Seidenflügel aus und flog davon.

Sie hatten den Rand des Nachtmarktes erreicht. Die Gerüche der Stadt verblassten zu Fett, Äther, Rost und Papier, das zu lange in einem Keller gelegen hatte. Hinter der nächsten Häuserzeile erklang das undeutliche, zähe Lärmen einer Menschenmenge.

Der Vogel ließ sich auf einem Haufen zersplitterter, ölfleckiger Holzbalken nieder und drehte seinen Kopf hierhin und dorthin. Er zirpte erneut.

Hinter dem Holz ... eine Tür. Sie war mit einem Verschlussmechanismus gesichert, nicht unähnlich dem in der Zuflucht der Renegaten.

Er sprang nach unten und wirbelte eine Wolke sonnengebleichten Staubs auf. Die mechanische Kreatur piepste ihn an – nicht wie ein Vogel, sondern in der Codesprache, die sie zuvor verwendet hatte. Mit heftig schlagenden Flügelchen schwirrte sie vor der Tür herum und benutzte ihren schlanken Schnabel, um eine Reihe von Blöcken darauf zu drücken. Das leise Summen einer Ätherladung verstummte und die Tür schwang auf.

„Danke“, murmelte er dem Vogel zu. Dieser piepste erneut und schoss davon.

Er ging in die kühlen Schatten.

Eine Gestalt in Zinnoberrot löste sich von der Wand. Sonnenlicht glänzte weiß auf der Spitze einer Klinge. „Wohin glaubst du –“

In den Handschuhen wurden seine Hände zu Tatzen. Er versetzte der Wache einen Schlag und keuchte ob des plötzlichen Geruchs von Blut. „Verzeihung“, murmelte er dem Bewusstlosen zu.

Mit witternder Nase drang er tiefer in die blau erleuchteten Tunnel vor, weg von der Wache. Er zog die Kapuze von Großmutters Mantel zurück und ließ seine Ohren in diese oder jene Richtung wandern. Er lauschte nach Schritten.

Der Dhund war voller unangenehmer Gerüche. Schwerer, alter Schweiß, stechend-süßlicher Urin, zu viele Menschen, die auf zu engem Raum zusammengepfercht waren. Es stank nach Verzweiflung und den Verschwundenen. Nach Zähnen im Dunkel.

Da. Schwach, aus einem Tunnel zur Linken. Sommerfrüchte, Rosen, Hyazinthen und Honig.

Er huschte durch die Tunnel, jagte dem Duft ihrer in Sonnenlicht getauchten Terrasse nach, schlüpfte um Räume voller Schritte und Stimmen.

Vor ihm ein offener Raum. Das blauweiße Licht der Nachmittagssonne.

Er kam zum Stehen, lauschte und kostete die Luft. Gemurmel, von zu vielen Echos verzerrt und zerschlagen, um es zu verstehen. Das tiefe Ächzen von Metall und ein fremdes Fauchen. Stiefel auf Stein. Gedämpfte Schritte.

Er trat vorsichtig ein.

Der Raum bestand aus Kreisen. Messingringe erstreckten sich vom Boden bis zur gewölbten Decke, verbunden durch Laufstege, die weite Bögen beschrieben. Ovale Fenster gleich unter der Traufe ließen Licht von oben hineinfallen.

Der Raum roch nach Großmutter, doch sie war nicht hier.

In der Nähe der Mitte des Raumes schenkten zwei Wachen in Zinnoberrot und Gold irgendeiner Art ... Kiste ... sehr gewissenhaft keine Aufmerksamkeit. Gedrungenes, dunkles Metall, das auf unangenehme Art zu sich selbst flüsterte und grollte. Da war ein Geruch, den er nicht kannte, eine bittere Süße, die seine Zunge bedeckte. Er konnte an einem Ende eine Tür mit einem kleinen Fenster erkennen.

Eine Faust schlug gegen das Glas. Dann eine Hand, schwach.

Von hier aus konnte er die Gesichter nicht sehen. Das musste er nicht.

Die Hand glitt nach unten.


Vor fünf Monaten

Sie hatten die meisten der Türen geschlossen. Die Wolken türmten sich grau auf, ein Haufen nasse Baumwolle, die den Duft von Regen brachte.

Ajani hatte seine Besitztümer am Boden ausgebreitet. Weißer Umhang, bronzefarbene Rüstung, die gewaltige Waffe. Nashi blickte ihn von der Tür aus an, während der Riese sorgfältig zum dritten Mal sein Futon zusammenrollte. Jeden Tag brauchte er mehrere Versuche. Seine Hände waren zu groß und die Bewegungen zu fremd. Ume und Hiro hatten ihm Hilfe angeboten. Rumi hatte die Hände in die Luft geworfen und war zurück in den Garten gegangen. Sie schlug auf genau die Weise, die Tamiyo ihr verboten hatte, Räder im Nebel. Ihre Robe war patschnass und Wassertropfen perlten ihr von Nase und Ohren, wenn sie lachte.

Tamiyo war letzte Woche fortgegangen und hatte ihnen aufgetragen, sich um Ajani zu kümmern, während sie sich irgendjemandes Mond ansah.

Der Riese kniete noch immer und faltete, knotete und rollte geduldig.

„Du kannst reinkommen, wenn du möchtest, Nashi“, sagte er.

Er glitt durch den Raum auf die Axt des Riesen zu. Sie war merkwürdig: dunkel an einem und hell am anderen Ende. Er fragte sich, ob das etwas zu bedeuten hatte.

Behutsam drückte er einen Finger gegen die Kante der glänzenden Schneide. Sie wirkte dick. Harmlos. Der Riese blickte auf.

„Sollte sie nicht schärfer sein?“, fragte Nashi.

„Das muss sie nicht. Sie schneidet wegen ihrer Geschwindigkeit. Wegen ihres Gewichts..“

Er drückte fester zu.

„Sei vorsichtig. Sie ist nicht völlig stumpf.“ Der Riese hob den zusammengerollten Futon auf und legte ihn in die Truhe.

Er setzte sich auf und blickte in das Gesicht, das in die flache Seite der Klinge graviert war: ein Katzengesicht mit gebleckten Zähnen und einem langen, dünnen Bart. „Du gehst fort, oder?“

„Ja“, sagte er.

„Wo gehst du denn hin?“

Der Riese musterte ihn. „Ich will den Mann finden, der deine Familie getötet hat. Unsere Freunde haben ihn an einem Ort namens Kaladesh aufgespürt. Irgendjemand hat ihm Geld und Geheimnisse gegeben. Und er hat sie dazu verwendet, sich Macht zu erkaufen.“

Nashi kratzte seine Seite dort, wo das Fell komisch wuchs. „Ich habe ihn gesehen, weißt du? Als die Schamanen ihn getötet haben? Wir waren alle in den Wäldern. Wir haben zugesehen.“

Der Riese seufzte. „Sie hätten euch nicht zusehen lassen sollen.“

Er blinzelte. „Sie meinten, es wäre wichtig.“

„Wichtig?“ Ajani begann, die Platten seiner Rüstung anzulegen.

„Ja. Weil er uns Unrecht angetan hat. Wir mussten sehen, wie es wiedergutgemacht wird. Es ging um Ehre. Also mussten wir es sehen. Das haben sie gesagt.“ Der Himmel grollte. Er rieb sich die Nase. „Er hatte einen seltsamen Arm. Ein anderer Mann hat ihn abgeschlagen. Wenn dieser Mann etwas sagte, machte es keinen Sinn und mein Kopf hat wehgetan.“

Der Riese schob seine Waffe in die Scheide und befestigte sie an den Riemen auf seinem Rücken. Die Kante der dunklen Schneide glänzte kalt.

„Wirst du ihn töten?“, fragte Nashi.

Der Wind frischte auf und brachte die Windspiele auf der Veranda zum Klirren und Klappern. „Ich ... Ich weiß es nicht.“ Der Riese blickte auf die Terrasse hinaus und ließ die Hand auf seinen weißen Umhang sinken. Die ganze Welt roch nach aufgestautem Wasser, das sich danach sehnte, vom Himmel herabzustürzen. „Vielleicht ist das am Ende der rechte Pfad. Es gibt zu viele, die nicht darauf achten, wohin sie treten.“

Ajani nahm den weißen Umhang mit beiden Händen auf. Darauf befanden sich verblasste Muster, ausgewaschen, weißrot wie Kirschblütenblätter. Er zog sie an sein Gesicht und atmete tief ein.

Bild von Volta Creation

„Macht dich das traurig?“, fragte Nashi.

„Was? Nein.“ Der Riese blinzelte und richtete sich auf, während er sich mit dem Daumen unter dem Auge entlangstrich. „Dies hier gehörte einer Freundin. Elspeth. Es erinnert mich an sie.“

„Wo ist sie?

„Sie ist ...“ Der Riese strich mit den Fingern über den Stoff. Sein Auge war wie der Himmel, bemerkte Nashi. Das Blau war grau und umwölkt geworden. „... Ich habe sie verloren.“

Oh. „So wie ich meine Eltern verloren habe, meinst du?“

Der Riese schloss sein eines großes, helles Auge. „Ja.“

Nashi schluckte und blickte zu den sich auftürmenden Wolken hinauf. „Sie ist tot.“

Ein Zittern fuhr durch den Riesen. „Ja“, sagte er sanft. Heißes Glas wand sich von seiner Narbe fort. „Elspeth ist tot.“

Der Himmel grollte. Rumi rief wegen irgendwas im Garten. Er versuchte, sich daran zu erinnern, was die Schamanen ihm gesagt hatten, als Mama und Papa gestorben waren, doch er wusste nicht mehr viel davon. Alles hatte sich damals wie der Nebel im Garten angefühlt: taub und kalt und klamm. Er hatte zugesehen, wie der Mann, der es getan hatte, Blut und Schlick gehustet hatte, und er hatte nichts dabei gespürt. Vielleicht Übelkeit.

Er hatte lange Zeit gar nichts mehr gespürt. Manchmal Wut. Wenn Leute zum Beispiel meinten, er solle sie Mama und Papa nennen. Von denen hatte es eine Menge gegeben. Er erinnerte sich nicht an viele davon. Bis die Mondfrau aus der Bibliothek gekommen war und ihn nach seiner Geschichte gefragt und ihre eigene zum Tausch angeboten hatte. „Nenn mich Tamiyo“, hatte sie gesagt. „Nichts weiter.“

Der Wind wirbelte die Blütenblätter auf der Veranda auf. Er streckte den Fuß aus und hielt eines mit dem Zeh fest. „Tamiyo meint, wenn man jemanden verliert, dann ist das, als würde man verletzt werden. Ich meine, als würde man hinfallen und sich wehtun? Wenn man sich das Knie zerkratzt, dann muss es bluten, damit es besser werden kann. Und sie meinen, dass Tränen das sind, wie dein Herz blutet. Man muss sie herauslassen, damit es besser wird.“

Der Kiefer des Riesen zitterte. „Tamiyo ist sehr weise.“

„Wenn ich traurig werde, dann sitzt sie bei mir. Vielleicht kann ich bei dir sitzen?“

„Ich glaube, das würde mir gefallen.“

Der Riese rollte seine Beine unter sich zusammen, dort, am Rande der Veranda, wo die Bibliothek aufhörte und der Himmel begann. Er legte seine Axt auf das Holz neben sich. Nashi saß auf der anderen Seite und ließ die Füße in die Wolken baumeln. Das Blau des Himmels war nun beinahe verschwunden. Die Ferne murmelte.

Er legte seinen Kopf an Ajanis Schulter. Seine Arme waren so dick wie Baumstämme. „Willst du mir vielleicht von deiner Freundin erzählen?“

Der Riese sagte nichts.

„Du musst nicht.“

Die Regenwolken blitzten und grollten. Er hielt seine Tasthaare in den Wind.

„Sie wurde an einem Ort der Dunkelheit geboren“, sagte der Riese. „Sie hat nie viel darüber gesprochen. Ein Land, das vom Bösen verschlungen und von Ungeheuern beherrscht worden war. Von der Art, die dich nicht tötet. Von der Art, die dich knechtet. Sie haben sie so lange verletzt, bis sie ein Teil dessen war, wie sie andere verletzten. Sie hielt durch, weinte und träumte. Bis zu dem Tag, an dem sie sie holen wollten. Sie war in ihren Klauen, als sie sich selbst fortwünschte.“

„Sie konnte hinter der Luft wandeln“, sagte Nashi. „Wie du und Tamiyo.“

Der Riese nickte. „Sie erwachte in einem anderen Land. Es war heller, mit einem Sternenhimmel, der voller wirbelnder Farben war. Aber sie war noch sehr jung, und diese Welt ist ... nicht sehr gnädig zu jenen, die anders sind. Sie ging weiter, bis sie zu einem Ort kam, wo die Sonne warm und golden und die Menschen freundlich waren. Die gaben ihr Brot, hüllten sie in Decken und hielten sie fest, bis das Zittern aufhörte. Dort blieb sie viele Jahre. Sie lehrten sie, erst sich und dann andere zu beschützen und dann jene zu heilen, die nicht beschützt worden waren.“

Eine bleiche Hand legte sich auf den anderen Arm des Riesen. Hiroku war stumm eingetreten, wie er es immer tat, und blickte zu den Wolken auf.

„Damals traf ich sie zum ersten Mal. Damals, als die Welt sich veränderte. Sie rettete mein Leben. In gewisser Weise war es auch meine Welt, und wir kämpften gemeinsam um ihre Rettung. Doch das Land, das ihre Heimat geworden war, war vernarbt und krank von der Schlacht, und alles, was sie sehen konnte, war, was gewesen war. Sie ging immer weiter, bis sie das Beste von sich fast vergessen hatte ...“

Der Riese verstummte und blickte suchend zum Horizont. Die Ferne war grau und formlos und nebelverhangen. „Sie wurde gesucht. Von mir und anderen. Die Ungeheuer ihrer Kindheit waren zurückgekehrt und hatten ihr eigenes kahles Reich verlassen. Eine andere Welt wurde verändert, ein glänzend sauberer, kühler und guter Ort. Sie ging, um gegen sie zu kämpfen.“

Ajani hielt inne. Er blickte auf die Axt, die neben ihm auf dem Holz lag. „Ich kann mir nicht vorstellen“, sagte er, „wie es sein muss, sich den Albträumen der eigenen Kindheit zu stellen. Ihnen mit erwachsenen Augen gegenüberzutreten und zu erkennen, dass es sie wirklich gibt. Und dass sie hungrig sind. Sie ging geradewegs auf sie zu, mit zitterndem Herzen und ruhiger Hand. Sie kämpfte, bis sie nichts mehr zu geben hatte und es keinen Grund zu kämpfen mehr gab, denn alles in diesem strahlenden Land war inzwischen von Schwarz befleckt. Die Ungeheuer hatten gewonnen. Und sie floh erneut vor ihnen.“

Vetterin Ume kniete sich anmutig mit raschelnder Seide hin und faltete sich wie ein Origamischwan zusammen. Sie legte dem Riesen eine Hand auf das Knie, und ihre Lavendelaugen waren hell vor Mitgefühl.

„Sie kehrte in das Land der farbigen Himmel zurück. Dort trafen wir uns wieder. In diesem Land wurde sie zu einer berühmten Heldin und einer gefürchteten Schurkin. Sie trug eine Waffe, die von ... von denen gefertigt wurde, die glauben, uns überlegen zu sein.“ Ein Schatten legte sich auf die Stirn des Riesen und war sogleich wieder verschwunden. „Etwas war geschehen. Etwas war in ihr zerbrochen. Sie sprach nie darüber, doch man konnte sehen, wie es sie nicht mehr losließ. Sie ging immerzu, als würde sie sich gegen den Wind stemmen – die Schultern gebeugt und den Blick nie ganz nach vorn gerichtet.

Das Land war dem Ende nah. Für seine sogenannten Meister reisten wir ans Ende der Welt und traten zwischen die Sterne. Wir kämpften gegen ein Ungeheuer und siegten. Und als Dank ...“ Er krallte die Hände um die Knie und grub die großen, schwarzen Krallen hinein. „Als Dank streckte ein weiteres Ungeheuer sie nieder. Vor ... vor meinen Augen. Und ich konnte nichts tun. Nichts.“

Hinter ihnen schniefte Rumi. Sie stand in ihrer durchnässten Robe da und wirkte beschämt, während sie mit einem ihrer Ohren spielte. Sie wippte auf ihren Sohlen herum und blickte zur Tür. „Dummkopf“, murmelte sie zu sich selbst – oder vielleicht hatte er sich das nur eingebildet – und warf sich plötzlich auf die breiten Schultern des Riesen, umklammerte seinen Hals und vergrub die Nase in seinem bleichen Fell.

Ajani blickte nicht auf, legte jedoch die große Tatze auf ihre kleine, zierliche Hand. „Ich ging unter die Menschen“, sagte er. „Ich erzählte ihnen ihre Geschichte, so wie ich sie gesehen habe. Sie mussten es erfahren. Sie mussten sich erinnern. Sie musste wichtig sein. Ich ging und sprach und ich ruhte nicht, bis die Worte Wurzeln geschlagen hatten und von selbst wuchsen. Es war wichtig. Und es bedeutete ... dass ich nicht nachdenken musste.“

Sie waren nun alle um ihn herum versammelt und lauschten schweigend seiner Geschichte. Vetterin Ume. Der große Bruder Hiro, die große Schwester Rumi. Der Himmel blitzte und grollte.

„In den Geschichten, die mein Volk erzählt – in den alten, in denen, die wichtig sind –, verliert die Heldin ihren Mentor. Sie lebt, trauert und zieht aus, die Welt zu retten.“

Die Wolken grummelten. Pausbäckige Regentalismane drehten sich und tanzten an ihren Schnüren. Nashi wusste nicht, was Tamiyo an seiner Stelle gesagt hätte. Also sagte er nichts. Manchmal sagte auch Tamiyo nichts und es war genau richtig.

Schließlich flüsterte Ajani: „Ich hätte es sein sollen. Nicht sie.“

Seine großen Hände zitterten. Die scharfen, eingezogenen Krallen, die langen Zähne, die Arme wie Baumstämme.

„Meine Heldin ist tot“, sagte er rau. „Und alles, was sie wollte, alles, wofür sie so sehr gekämpft hatte, war ... ein Zuhause. Die einfachste Sache. Die winzigste.“

Nashi legte die Arme um den Riesen, konnte ihn jedoch nicht einmal zur Hälfte umschließen. „Es ist gut, es herauszulassen“, sagte er. „Wir sind alle bei dir.“

Ajanis Schultern sackten ein und bebten. Er bedeckte die Augen mit einer Hand.

Der Regen setzte ein.

Die Kinder saßen bei ihm und um ihn herum, ein Wald aus Händen auf seinen Schultern und Armen und Rücken und Knien. Sie sagten nichts. Sie atmeten nur.

Es regnete sehr, sehr lange.


Eine Faust schlug gegen das Glas. Dann eine Hand, schwach.

Von hier aus konnte er die Gesichter nicht sehen. Das musste er nicht.

Die Hand glitt nach unten.

Sie töteten sie.

Wie

Langsam.

Können sie

Qualvoll.

Es wagen?

Ajani sprang mit gebleckten Zähnen über die Brüstung.

Der Umhang, den ihm Großmutter geschenkt hatte, glitt ihm im Flug von den Schultern und entblößte das Weiß darunter.

Er klickte die Halterungen in seinen falschen Händen. Sie lösten sich und fielen ab.

Er fuhr durch die Luft wie ein Sommerblitz, hell und lautlos.

Es war, als hätte die Axt seine Tatzen nie verlassen.

Er rannte auf den Ballen, ein endloser Sturz vorwärts.

Irgendwo hinter ihm klapperten die Handschuhe auf den Boden.

Ein Mann starrte entsetzt zu ihm auf. Dunkles Haar. Dünner Schnauzbart. Braune Augen. Eine Woge stinkender, klebriger Angst stieg von ihm auf.

Ajani zielte auf seine Kehle.

Manchmal vergessen Menschen wie wir, wie groß unsere Füße sind.

Alte Magie stieg in ihm auf und strich ihm den Rücken entlang. Genau wie es mit Tenoch gewesen war, vor so vielen Monden in einem so weit entfernten Leben, dass es nun wie die Sage eines anderen erschien. Die Augen der Wache weiteten sich zu schwarzen Löchern aus Furcht, und Ajani sprang durch sie hindurch, um nach dem titanenhaften Licht zu suchen, das hinter ihnen lag.

Einen endlosen Wimpernschlag lang hielt er den schimmernden Palast der Seele des Mannes in seiner Handfläche und wog ihn ab.

Eine Jugend, in der er sich fehl am Platze fühlte und nur grau sah, wo Farben waren. Der Anblick eines enttäuschten Vaters. „Einfach kein Erfinder, schätze ich.“ Ein Leben im Hintergrund der anderen, darauf wartend, dass etwas geschah. Liebe für eine Frau mit einem langen Zopf und Fingern, die stets vom Blitz verbrannt waren. Ein Säugling, der lachte, wenn er Grimassen schnitt. Ein freier Morgen, an dem er mit der Sonne erwachte und die kleine Küche mit dem Geruch von Brot und Gewürzen erfüllte.

Eine Schneeflocke mit unzähligen glitzernden Facetten. Hier und da, vergraben in schamtiefen Abgründen, waren verzerrte Schemen, ja, dunkle Augenblicke ... So klebrig und hartnäckig, dass auch eine ganze Lebzeit des Scheuerns daran sie nicht hätte fortwaschen können.

Doch weitaus weniger als auf Ajanis eigener Seele.

Kein Planeswalker. Kein Schurke.

Nur ein Mann.

Ajani verdrehte den Fuß und veränderte den Winkel der Schneide seiner Axt.

Sie hieb über den Brustpanzer der Wache. Metallsplitter schlitterten über die Marmorfliesen. Er taumelte zu Boden und wurde von der Wucht des Aufpralls umhergeschleudert.

Kein Blut.

Die andere Wache stolperte zurück und versuchte, mit unsteten Fingern ihr Schwert aus der Scheide zu ziehen. Ajani wirbelte herum und funkelte sie lange aus seinem einen Auge an, um dann die dunkle Schneide seiner Axt mit einem leisen Klirren auf den Marmor prallen zu lassen.

Der Mann ließ sein Schwert fallen und versuchte, zur Tür zu gelangen. Er würde Alarm auslösen. Es war nicht viel Zeit.

Ajani spähte zu der Steuerung für das Behältnis. Hebel und Zahnräder, sich drehende Teile und blinkende Lichter. Er konnte sich keinen Reim auf sie machen. Es spielte keine Rolle.

Er hieb die helle Klinge seiner Axt in die Lücke zwischen der Tür und der Wand. Knurrend warf er sich dagegen und drückte. Atemzug um Atemzug, Schritt für Schritt, Arme und Beine zitternd und brennend vor Anstrengung hebelte er die Maschine auf.

Die Tür brach mit einem donnernden Krachen aus den Angeln. Grüner Rauch quoll nach oben fort.

Eine Elfe mit smaragdgrünen Augen saß im Schneidersitz vor ihm und hielt ein bewusstloses, rothaariges Mädchen in den Armen. „Frau Pashiri?“, fragte er sie.

Die Elfe nickte über die Schulter. „Dort.“ Sie hob das rothaarige Mädchen hoch, als wöge es nichts, und trat beiseite, um ihn einzulassen. Ihr Blick wich dem seinen aus. „Ich ... Ich habe getan, was ich konnte.“

Großmutter lag mit geschlossenen Augen da. Sie atmete kaum. Doch ihr Gesicht wirkte friedlich und ihre Hände waren über dem Bauch gefaltet. Wie an jedem anderen Nachmittag, wenn er sie schlummernd auf dem Sofa auf der Veranda vorgefunden hatte. Die Ruhe eines wohl gelebten Lebens.

Als er sie geduckt aus der Kammer trug, regte sich das rothaarige Mädchen in den Armen der Elfe. Sie hustete schwach und blinzelte. „Nissa“, krächzte sie. „Lass mich runter, ja?“

Er legte Frau Pashiri vorsichtig auf den Marmorboden. Silberne Zöpfe breiteten sich um sie herum aus. Er legte ihr eine Hand auf den Bauch und schloss die Augen. Brackiges Gift hatte sich in ihren Lungen und Adern angesammelt und ließ ihr Blut gerinnen und zu Asche verdorren. Er sandte leuchtende Fäden aus Magie durch sie hindurch, brannte das Schwarz fort und füllte ihr Blut mit sauberer Luft.

Ihre Lider flatterten und sie hustete. Er half ihr, sich aufzusetzen. „Geht es dir gut?“, fragte er leise.

„Ajani“, lächelte sie. Dann kniff sie die Augen zusammen und setzte ihre beste strenge Miene auf. „Du siehst dünn aus.“ Sie tätschelte ihm die Wange. „Hast du genug gegessen?“

Ein tiefes Grollen stieg in seiner Kehle auf. „Ja, Großmutter.“

„Teufel noch eins!“. Das rothaarige Mädchen schnappte nach Luft und hustete erneut trocken und abgehackt. Er blickte auf und sah, wie sie nach dem Arm der Elfe griff, als ihr die Knie versagten und der Husten stärker wurde, bis er sie beinahe entzweiriss. Ein Blutstropfen zitterte in ihrem Mundwinkel.

Nissa atmete bei seinem Anblick scharf ein und rieb ihr den Rücken. „Du solltest dich setzen“, sagte sie. Ihre seltsamen Augen verzogen sich sorgenvoll. „Bitte, Chandra.“

„Mein Hals ist nur ein bisschen trocken“, keuchte das rothaarige Mädchen. „Es geht gleich wied–“. Ein neuerlicher Hustenanfall schüttelte sie. Rot spritzte auf die Fliesen. „Oh. Das ist nicht gut ...“

Vorsichtig half Ajani Frau Pashiri auf die Beine. „Entschuldige mich“, sagte er zu ihr und wandte sich den anderen beiden Frauen zu. „Halte sie fest.“ Die Elfe nickte und richtete Chandra auf.

„Hui, großes Kätzchen“, keuchte Chandra. Ihr Atem roch nach heißem Kupfer. „Du hast ja Arme wie Gids.“

Er fragte sich, was Gids waren. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und schloss die Augen.

Das Donnern ihres Herzens war ohrenbetäubend. Stark, drängend. Kein Wunder, dass das Gift ihr Blut so rasch verbrannt hatte. Silberne Fäden heilender Magie schossen durch sie hindurch, säuberten die Unreinheiten und linderten Tausende kleiner Risse. Ihr Atem wurde ruhiger und langsamer.

Er öffnete die Augen. „Du wirst es eine Zeit lang ruhig angehen lassen müssen“, sagte er. „Ich habe das Gift entfernt, aber deine Lungen ...“

„... werden schon wieder“, sagte sie und zog ihre Schulter unter seiner Hand fort. Sie zwang sich zu einem Lächeln und wischte sich mit dem Handrücken das Blut vom Mund. „Danke. Das meine ich ernst.“

Nissa sagte nichts, nickte ihm jedoch mit zarter Dankbarkeit zu. Sie hatte die Hand nicht von Chandras Rücken genommen.

Aus dem Gang klangen Rufe. Die Wachen versammelten sich.

„Du als Nächstes“, sagte er zu der Elfe, obgleich sie kaum von dem Gift in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Sie schüttelte allerdings den Kopf und spähte in Richtung des Donnerns näherkommender Stiefel. „Mir geht es gut. Kennst du einen Weg hier hinaus?“

Die Luft in seinen Ohren schwirrte vom abgehackten Surren herannahender Thopterflügel. In der hinteren Ecke des Raumes zerbarst ein Fenster. Glas fiel einem Windspiel gleich in einer Wolke aus Splittern zu Boden. Der Vogel aus Messing flatterte durch den Raum, tschilpte drängend und ließ sich auf seiner Schulter nieder. Nissa blickte die mechanische Kreatur verblüfft an, scheinbar unschlüssig, ob sie sie als Wunder oder als Schrecken betrachten sollte.

„Wir werden von jemandem mitgenommen“, sagte Ajani zu ihr, als ein Seil vom Fenster herabgeworfen wurde.

„Ajani, hattest du vor, das einfach hierzulassen?“, schalt Großmutter ihn von der anderen Seite des Raumes aus und bückte sich, um seine Handschuhe aufzuheben. „Gan Ghaheer hat wochenlang an ihnen gearbeitet.“

Er würde ... es später erklären.

Der Wächter, den er niedergeschlagen hatte, stöhnte zu seinen Füßen und rollte sich auf Hände und Knie. Beim Anblick von Stiefeln erstarrte er und blickte langsam, zögernd auf.

„Geh heim zu deiner Familie“, sagte Ajani zu ihm.

Der Mann blickte voll Entsetzen und Staunen zu ihm auf. „Du wirst mich nicht töten?“

„Ich töte nicht“, sagte Ajani. „Nicht mehr.“


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Planeswalker-Profil: Ajani Goldmähne
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Weltenbeschreibung: Kaladesh
Weltenbeschreibung: Kamigawa

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