Hornbraue

Veröffentlicht in Magic Story on 22. Januar 2021

Von Roy Graham, with contributions from Jenna Helland

Roy Graham is a writer from New York and graduate of the Rutgers-Camden MFA program. His nonfiction has been featured in Rolling Stone, Playboy, and Motherboard. His fiction has been featured in the anthology "The Night Bazaar: Eleven Haunting Tales of Forbidden Wishes and Dangerous Desires" and its sequel, "The Night Bazaar: Venice." He is currently a designer on the Magic: The Gathering Worldbuilding team.

Die Sonne hing wie eine Silbermünze über der Feltmark und wusch das Grün der Felder zu sanften Hügeln aus wogendem Grau aus – eine unbefleckte Leinwand, bereit dafür, dass man sie rot sprenkelte.

Heute sollte es einen Kampf geben. Kein glorreiches Aufeinanderprallen von Armeen. Nichts, worüber man eine Saga verfasste. Nur ein kleines Scharmützel. Auf der einen Seite eine Horde Skelle-Räuber, behängt mit grausigen Trophäen und mit Stahldornen gespickt, die aus schwarzen Rüstungen hervorstachen, und Klingen, gekrümmt wie ein hässliches Grinsen. Auf der anderen Seite – bedeutend weniger, doch nichtsdestominder zugegen – die Tuskeri. In Wahrheit kaum ein Kriegstrupp. Nicht mehr als ein Dutzend. Weniger als die Hälfte jener Krieger, die ihnen über das freie Feld hinweg entgegenpirschten, und dennoch stolzierten sie mit dem Selbstvertrauen von Gockeln auf sie zu. Heute sollte es einen Kampf geben, und nach dem zu urteilen, was Njala gesehen hatte, würde er kurz sein. Aber er würde dennoch stattfinden, und daher waren sie und Alajn als Hirtin und Schnitterin gekommen, um ihn sich anzusehen und zu richten.

„Da“, sagte Alajn und deutete mit einem langen, dünnen Finger auf den vordersten Tuskeri. „Das ist ihr neuer Anführer. Sie nennen ihn Arni Hornbraue. Ein großer Krieger, ein großer Spieler und ein großer Trinker.“

Arni Hornbraue
Arni Hornbraue | Bild von: Dmitry Burmak

Njala kniff die Augen zusammen. Er war kleiner als die meisten der Krieger hinter ihm und auch nicht ganz so breitschultrig. Das Einzige, wodurch er sich von den anderen abhob – abgesehen von seinem hellroten Haar –, war ein seltsam geformter Knochensplitter, der dort, wo er wie ein einzelnes Horn an einer Seite der Stirn aus dem Schädel ragte, schmal und spitz zulief und in einer gezackten Spitze endete. „Der Anführer? Von ihnen allen?“

„Von ihnen allen.“

„Was macht er dann hier?“

Alajn zuckte mit den Schultern. „Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, ihm war langweilig.“

Njala runzelte die Stirn. Für sie, eine Walküre, schien kein sterbliches Leben länger zu dauern als ein sonniger Nachmittag, doch die kühnen und leichtsinnigen Seelen des Tuskeri-Clans vergingen noch schneller als die meisten anderen. Wenn überhaupt, so sorgte das Streben nach Heldenmut, das ihre Anführer zeigten, unter selbigen für ein noch rascheres Ende als für das einfache Fußvolk, und Hornbraue schien da keine Ausnahme zu bilden. Augenscheinlich würde er sich schon bald zu seinen Vorgängern an die Tafel Starnheims gesellen.

Beinahe schon quälend langsam kamen die beiden Gruppen einander näher. Die Skelle verteilten sich in einem derart weiten Halbmond, dass sie die Tuskeri beinahe umzingelt hatten. Aus den hinteren Reihen beider Seiten kamen ein paar neugierige Pfeile, von denen die meisten auf Schilden landeten und ein paar wenige sich hier und da ins Gras bohrten. Fast war er da: jener Augenblick, in denen das wahre Ich der Krieger offenbart werden würde. Würden sie sich umdrehen und fliehen, um von ihren Feinden niedergemetzelt zu werden – oder von Alajn, falls sie denn weit genug kämen –, oder würden sie standhalten und kämpfen und einen ruhmreichen Tod sterben, für den Njala sie belohnen konnte?

Mit einer unbeschwerten Bewegung zog Arni sein Schwert aus der Scheide und wirbelte es einmal umher, um sein Gewicht zu prüfen. Dann grinste er. Tatsächlich schien er eindeutig Njala anzugrinsen.

Sie erstarrte. Das war unmöglich. Nur ein Zufall. Selbst die Weisesten unter den Sterblichen konnten eine Walküre nur dann sehen, wenn sie es wünschte, gesehen zu werden. Und dennoch konnte sie sich des Gefühls nicht erwehren, als wollte er ihr etwas mitteilen. Als wollte er sagen: Sieh gut hin.

Im letzten Augenblick, als beide Gruppen nicht mehr als zehn Schritt voneinander entfernt waren, stürmten die Tuskeri plötzlich vor, schnurstracks auf die Mitte der Reihe der Skelle zu. An der Spitze Arni Hornbraue, das Schwert hoch erhoben und einen Kriegsschrei ausstoßend, der eher fröhlich als grimmig klang.

„Wohlan denn“, sagte Alajn und lupfte eine pechschwarze Augenbraue. „Er hat zweifellos den Wagemut der Tuskeri.“

Njala atmete aus. Der besondere Moment mit Hornbraue – wenn es ihn denn gegeben hatte – war vorüber. „Wie es scheint, bedürfen deine Pflichten heute nicht der Erfüllung, Schwester“, sagte die Walküre und gestattete sich ein schmales Lächeln.

„Wir werden sehen“, sagte die Schnitterin. „Es ist noch Zeit, dass sich ein Funken Feigheit zeigt.“

Der Ansturm der Tuskeri hatte deren Feinde überrumpelt. Die Skelle versuchten eifrig, eine Speerreihe aufzustellen, und vor Njalas Augen sprang der neue Anführer der Tuskeri in die Luft – über die Speerspitzen, die geschwungenen Äxte, sogar über die erhobenen Schilde hinweg – und ließ sein Schwert niederfahren, mitten durch den Helm eines wild aussehenden Mannes in der vordersten Reihe. Einen Atemzug später prallten die Reihen mit dem ohrenbetäubenden Lärmen von Stahl auf Stahl – Schilde, die mit brutaler Gewalt gegeneinanderschlugen, Rüstungen, die beim Aufprall klirrten – aufeinander.

Njalas Lächeln erstarb. Binnen eines Wimpernschlags wurde deutlich, dass die Skelle ihre Reihe nicht würden halten können. Sie hatten sich bei dem Versuch, ihre Feinde zu umzingeln, zu weit auseinandergezogen. Die Tuskeri brachen einfach durch sie hindurch und spalteten die Hauptgruppe der Räuber in zwei Teile. Danach dauerte es nicht lange. Bald waren die Skelle gebrochen und flohen über das freie Feld. Wortlos stahl sich Alajn davon, um ihr dunkles Werk zu verrichten. Njala sah nur in tumbem Erstaunen zu, wie Arni danach sein Hinterteil auf einen Haufen toter Krieger pflanzte, der fast so hoch wie er selbst war, und wie ein Mann bei seiner Hochzeit zu lachen begann.

„Sieh an, Schwester“, sagte Alajn, die grinsend an Njalas Seite aufgetaucht war. „Wie es scheint, sind es deine Pflichten, die heute keiner Erfüllung bedürfen.“


In den endlosen Hallen Starnheims saßen Helden jeden Alters, aus jedem Clan, aus jedem Volk aller zehn Reiche Kaldheims, für alle Ewigkeit bei einem Festmahl. Die Tafel konnte nicht durch herkömmliche Geometrie begrenzt werden: Sie war genau so lang, wie es nötig war, um den Ruhmreichen, den Tapferen, den Wesen jeder Herkunft und jeden Glaubens jenen Platz zu bieten, den sie sich verdient hatten. Und dennoch, obschon Njala dies alles wusste, erschien ihr ein Platz entlang des endlosen, einzigartigen Gebildes leerer, als er es hätte sein sollen.

Eigentlich hätte Hornbraue an diesem Tag sterben müssen. Als Walküre von Starnheim hatte sie ein Gespür für derlei Dinge. Doch mit einiger Scham musste Njala sich eingestehen, dass sie wenig mehr als das über ihn wusste. Immerhin war es hier einfach, in solchen Fällen Abhilfe zu schaffen.

Sie fand Hormgart tief in seinem Becher versunken – was nicht schwierig war, da die Becher hier derart bodenlos waren, wie man es sich nur wünschte. Von all den zwergischen Skalden, die sich ihren Platz an der Tafel verdient hatten, hatte Njala stets eine besondere Schwäche für ihn gehabt. Seine Art, Geschichten zu erzählen, hatte immer etwas Großväterliches an sich, im Gegensatz zu der prahlerischen Theatralik der anderen. Mit der Rückseite seines Armes wischte Hormgart sich über den Schnurrbart, der schon vor Jahrhunderten grau geworden war, und rülpste. „Njala! Welch unerwartete Ehre ist dies! Diese … Diese Ehre.“

„Hormgart. Ich hatte gehofft, dass du mir etwas über jemanden erzählen kannst. Einen Sterblichen.“

„Weißt du, es ist nicht so, dass wir uns alle untereinander kennen.“

„Er ist der neue Anführer der Tuskeri. Arni. Arni Hornbraue. Du hast doch sicherlich etwas über ihn gehört.“

Durch den Nebel der Trunkenheit konnte sie seine steingrauen Augen im Feuerschein glitzern sehen. „Ah. Hornbraue. Nun, jetzt, da du es erwähnst … Ja, ich schätze, ich habe da ein oder zwei Geschichten gehört.“

Weiter vorn an der Tafel war ein Lied angestimmt worden. Reihen von Kriegern schunkelten im Rhythmus und summten eine alte Melodie über eine Kriegsmaid der Beskir und die Heerscharen von Freiern, die sie in einen Kriegstrupp verwandelt hatte. Die fragliche Kriegsmaid selbst führte den Gesang an und dirigierte den Chor mit ausgestreckten Fingern. Hormgart schien es nicht zu bemerken. Er legte die knubbeligen, ledrigen Hände auf die Knie, als wappnete er sich. Njala sah die Dutzenden kleinen Anpassungen, die er vornahm: das Straffen der Schultern, das Neigen des Kopfes, das Räuspern. Hormgart hatte eine Geschichte zu erzählen. „Weißt du, man nannte ihn nicht immer Hornbraue.“

„Oh?“

„Einst nannte man ihn Ziegenspringer“, sagte Hormgart und tippte sich an die Nase. „Bis eines schicksalhaften Tages


Eines schicksalhaften Tages verbreitete sich die Kunde einer Plage mörderischer Trolle, die alle Dörfer entlang des Roten Kamms in Angst und Schrecken versetzte. Die Tuskeri konnten angesichts dessen, wer sie waren, nicht glücklicher sein. Trolle bedeuteten Gefahr, und Gefahr bedeutete eine Gelegenheit für Kühnheit, und Kühnheit bedeutete eine Gelegenheit, sich seinen Namen zu verdienen. Von all den Tuskeri-Kriegern, die zur Trolljagd aufsattelten – und es waren derer viele –, begann eine kleine Gruppe, angeführt von niemand anderem als Arni Ziegenspringer, ihre Suche an eben jenem Abhang, an dem die Trolle ihr Versteck eingerichtet hatten.


An den steilen Felshängen der Tusk-Berge, von allen Seiten von hervorstechenden Speeren roten Steins umgeben, sahen Njala und Alajn erneut dabei zu, wie der Mann, der als Arni Hornbraue bekannt war, dem Tod ins Auge blickte. Dieses Mal war es nicht der kalte Stahl eines Raubzugs der Skelle, der seinen Untergang heraufbeschwören sollte. Dieses Mal war es ein Drache.

„Ein Höllendrache“, sagte Alajn. „Um ganz genau zu sein.“

„Nun denn“, sagte Njala. Ein Höllendrache also.

Ungeachtet der Bezeichnung: Er war riesig, ganz Zähne und Klauen und Rückenstacheln, mit vier geschwungenen Hörnern und einem Schwanz, der in furchterregenden, an eine Sense gemahnenden Schwüngen durch die Luft peitschte. Arni und seine Bande von Tuskeri hatten ihn umzingelt, doch das nützte ihnen wenig. Jedes Mal, wenn einer von ihnen mit einem Speer oder einer Axt auf ihn eindrang, brachte ein Hieb dieses entsetzlichen Schwanzes ihn dazu, es sich noch einmal anders zu überlegen. Gleich außerhalb dieses losen Kreises aus Kriegern spielte Arni Hornbraue – scheinbar ohne das um sich schlagende, schnaubende Ungeheuer wahrzunehmen – mit einem Stück Seil.

„Was macht er denn?“, fragte Njala und kaute auf ihrer Lippe. „Er wird nie eines würdigen Todes sterben, wenn er nur Knoten macht.“

Unten am Steilhang trat ein Mann vor, brüllte mutig und hieb ein schweres Zweihandschwert gegen die Flanke des Untiers. Die Klinge prallte von der geschuppten Haut ab, als hätte er mit aller Macht auf einen Felsen eingedroschen. Der Höllendrache drehte seinen Schlangenkopf und taxierte den Angreifer mit einem Paar kohlenroter Augen. Der Mann ließ sein Schwert fallen und ergriff, so schnell ihn seine Beine tragen konnten, die Flucht.

„Hast du nicht eine Pflicht zu erfüllen?“, raunte Njala ihrer Schwester zu.

Alajn sah zu, wie der Mann sich bäuchlings auf den Boden der Talsohle warf, um einem Schwanzhieb des Untiers zu entgehen. „In diesem Fall würde ich dies weniger als einen Akt der Feigheit und mehr als gesunden Menschenverstand betrachten.“

Arni zupfte ein weiteres Mal an der Reihe aus Knoten und stand zufrieden auf. Nun konnte Njala erkennen, dass er eine Schlaufe in das Seil geflochten hatte und es, zunächst langsam, über dem Kopf kreisen ließ. Mit einem gekonnten Wurf schleuderte er das Lasso genau in den Weg des Kopfes des Höllendrachen, wo es sich an einem Horn verfing. Dann zog Arni. Instinktiv zuckte die Kreatur zurück – und riss Arni mit sich.

Njala schnappte nach Luft, als der Anführer der Tuskeri durch die Luft geschleudert wurde – geradewegs auf eine der natürlichen Felsnadeln zu, die in der Talsohle aufragten. Kurz vor dem Aufprall schien Arni sich in der Luft zu drehen. Anstatt mit der Wirbelsäule voran auf den roten Stein geschleudert zu werden, landete er mit beiden Stiefeln darauf, während sein Körper sich wie eine Feder stauchte. Auf Njala wirkte es beinahe so, als hätte er dies mit Absicht getan.

Der Höllendrache schien noch weniger zu verstehen, was da gerade geschehen war, als die Walküre. Mit einem Kreischen, das schier die Luft zerschnitt, flatterte das Untier ein Stückchen nach hinten. In dem winzigen Moment, ehe der Drache Arni von dem Felsen zog, bemerkte Njala es erneut: dieses Grinsen, genau wie zuvor. Sieh gut hin.

Dieses Mal zuckte die Bestie sofort zurück, bäumte sich auf und zerrte Arni auf sich zu. Als er mit dem aufgerollten Seil in der Hand dicht hinter dem Kopf der Kreatur landete, brauchte er nur einen Augenblick, um Tritt zu fassen – als stünde er an Deck eines rollenden Schiffes anstatt auf dem Rücken eines tobenden Ungeheuers. Es zuckte und wand sich, doch mit dem Seil fest im Griff und einem nach unten verlagerten Schwerpunkt seines Körpers konnte Arni nicht abgeworfen werden.

Nicht nur Njala sah zu, wie Arni seine Klinge aus der Scheide zog und in die Höhe hielt, wo sie wie ein Spiegel im Sonnenlicht gleißte. Sämtliche Tuskeri starrten mit offenen Mündern und großen Augen ihren Anführer an, der die Klinge zwischen die Hörner der Kreatur trieb. Einen Augenblick später krachte ihr gewaltiger Leib auf den Boden des Tals.

„Unglaublich“, flüsterte Njala. „Er hat wirklich … Er hat wirklich …“

„Offenbar ist dein Lieblingsmensch dem Tod einen weiteren Tag lang von der Schippe gesprungen“, meinte Alajn und brachte den Gedanken für sie zu Ende. Njala hörte sie kaum. Stattdessen dachte sie an die Geschichte, die Hormgart ihr erzählt hatte. Die Geschichte, wie Arni seinen Namen erhalten hatte.


Nach einem langen und mühsamen Aufstieg hielten Arni und seine Bande tapferer Krieger inne, um zu Atem zu kommen. Da hörten sie die üblichen verräterischen Geräusche von Trollen – knackende Knochen, knurrende Tiere und ihre grollende, dröhnende Sprache – aus einer der Höhlen in der Nähe dringen. Als er näherschlich, fand Arni mehr als nur ein paar Steinfresser. Das schien ein ganzer stinkender Bau voll von diesen Kreaturen zu sein. Arni und seine Krieger waren weit in der Unterzahl. So viel war sicher. Wenn sie nun jedoch aufgebrochen wären, um weitere Schwertträger zu verpflichten, hätte jemand anderes vor ihrer Rückkehr über diese Höhle stolpern und ihnen den Ruhm abspenstig machen können.

Arni war ein mächtiger Krieger. Das war nichts als die Wahrheit. Doch er war mehr als nur stark. Er war auch gerissen. Nach ein paar geflüsterten Worten und einem oder zwei Segen des Klerikers, den sie zum Aufstieg mitgebracht hatten, trat Arni hinter einem Felsen hervor.

„Aye“, sagte er zu den überraschten Gesichtern und den aufgerissenen, mit Stoßzähnen versehenen Mündern, die ihm ob seiner plötzlichen Ankunft entgegenstarrten. „Ihr seid die Bande, die hier den gesamten Bergkamm auf und ab auf Raubzüge aus gewesen ist. Nun, ich habe eine ganze Armee von Berserkern da draußen, die bereit sind, euch den Kopf abzureißen, doch ich dachte mir, ich gebe euch die Gelegenheit, das auf andere Weise zu regeln. Ich schlage einen Kopfstoß-Wettstreit vor“, sagte er grinsend. „Der Verlierer packt seinen Kram zusammen und macht sich aus diesen Bergen davon. Für immer.“


Tover Riesenblut war ohne jeden Zweifel der größte Mensch, den Njala je gesehen hatte. Er überragte die anderen Kannah-Krieger, die zwischen den Bäumen herausgetreten waren, um mehr als anderthalb Köpfe. Seine bloße Brust, auf der mit jedem dampfenden Atemzug Hautbilder tanzten, war doppelt so breit wie die jedes anderen Anwesenden. Selbst die gewaltigen Kiefern des Aldergards wirkten irgendwie kleiner, wenn er unter ihnen hindurchschritt. Arni war selten der Größte in einem Raum, doch vor Riesenblut wirkte er wie ein Jüngling.

„Das ist es“, sagte Njala von jener Seite aus, von der sie zusah. Hin und wieder schlug sie mit den Flügeln, um eine bessere Sicht zu bekommen. „Das muss es einfach sein. Ein Ehrenduell mit dem da? Hornbraues Tod hat ihn endlich – endlich – gefunden.“ Und was für ein ruhmreicher Tod es sein würde! Njala konnte es kaum erwarten, ihn zu einem ehrenhaften Leben zu beglückwünschen und ihm die endlosen Hallen zu zeigen, in denen er die Ewigkeit schmausend, trinkend und kämpfend verbringen würde. Sie hatte schon so verflucht lange gewartet.

Alajn indes wirkte nicht überzeugt. Sie neigte nur den Kopf und lächelte sanft.

Was?“, meinte Njala.

„Nun“, sagte die Schnitterin, „es ist ja nicht so, dass die letzten acht Male so ausgegangen wären, wie du dachtest. Es beginnt einfach, sehr nach Wunschdenken zu klingen. Das ist alles.“

Njala runzelte missmutig die Stirn und wandte sich wieder den versammelten Kriegern zu. Die hatten inzwischen einen Kreis gebildet, zwölf Schritte im Durchmesser – Tuskeri und Kannah gleichermaßen umringten die beiden Männer. Riesenblut löste eine Axt von seinem Rücken. Es war eine Waffe für Oger, für Trolle, mit einem Kopf mit einer Doppelklinge aus massivem Eisen, die er jedoch mühelos zu schwingen imstande war. „Hornbraue“, brüllte er mit einer Stimme, die den Schnee von den Zweigen in der Nähe rieseln ließ. „Ich gebe dir eine letzte Gelegenheit, Buße zu tun. Katzbuckle vor mir und meinen Ahnen, flehe uns um Vergebung dafür an, den Ruheplatz meiner Familie entweiht zu haben, und du kannst diesen Kreis lebend verlassen.“

Arni jedoch kratzte sich nur grinsend den Bart. „Und wo läge denn da der Spaß, Tover? Obwohl. Wenn ich ehrlich bin, scheint mir das alles ein ziemlicher Aufwand zu sein. Du hast dich doch sicher auch schon mal verlaufen und irgendwo hingepisst, wo du nicht hättest hinpissen sollen.“

Ob dieser Worte schnitt Riesenblut eine angewiderte Grimasse und entblößte Zähne wie Steinbrocken. „Zieh deine Klinge, kleiner Mann.“

Gehorsam zog Arni sein Schwert aus der Scheide. Gegen diesen Gegner wirkte es wie kaum mehr als ein Dolch, der dennoch hell und scharf im schwachen Licht der Bluthimmelsonne glänzte.

Es gab kein vorsichtiges Umkreisen, kein Sondieren des Könnens des anderen. Mit bärenartigem Gebrüll stürmte Riesenblut vor und schwang die Axt in einem Bogen, der fast so weit war wie der Kreis selbst. Arni duckte sich darunter hinweg und stieß vor, um die Lücke zwischen ihnen zu schließen, doch Riesenblut ließ dieses monströse Axtblatt sofort wieder auf ihn zurasen. Arni sprang zurück und tänzelte am Rand des Kreises umher, während Njala glücklich triumphierend die Faust ballte. „Kämpfe tapfer! Ja!“, flüsterte sie, hauptsächlich zu sich selbst. „Sei mutig und heldenhaft und stirb dieses Mal auch wirklich!“

Wieder holte der Hüne aus. Und wieder. Arni versuchte, nach vorn zu spurten, ehe sich Riesenblut erholen konnte. Dieses Mal jedoch traf ihn ein Stiefel im Magen, und er taumelte zurück gegen die Knie der ihn umringenden Krieger. Njala konnte nicht anders, als beim Aufprall zu keuchen. Einen Augenblick später war Arni wieder auf den Beinen.

Wieder und wieder misslang es diesen entsetzlichen Hieben, Arni zu spalten, doch er konnte wenig mehr tun, als auszuweichen und sich zu ducken und wegzurollen. Es waren nicht nur Riesenbluts lange Arme, die es schwer machten, an den Mann heranzukommen. Es waren diese weiten und mörderischen Schwünge, die kein Ende zu finden schienen. Jeder gewöhnliche Krieger hätte längst gekeucht und gehechelt, doch ganz offensichtlich war Tover Riesenblut kein gewöhnlicher Krieger.

Er setzte zu einem neuerlichen Schwung an, und Arni bereitete sich darauf vor, ihm auszuweichen. Plötzlich riss Tover das Heft seiner Axt zu einem harten Schlag hoch, rammte es in Arnis Kiefer und schleuderte ihn durch die Luft.

„Eine Finte“, sagte Alajn. „Der Große ist nicht der hirnlose Rüpel, nach dem er aussieht.“

Njala antwortete nicht. Ihre Blicke waren auf Arni gerichtet, der Blut in den Schnee spie, während er sich vom Boden aufrappelte. Er lächelte nicht mehr. Sein Gesichtsausdruck wirkte nun konzentriert – eine Ernsthaftigkeit, die die Walküre noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte. Ein merkwürdiges Gefühl begann in Njalas Magen zu rumoren. War siebesorgt?

Als Riesenblut erneut ausholte – zu einem Angriff, der nicht minder heftig und schnell war wie zahllose andere zuvor –, duckte sich Arni nicht weg oder rollte aus dem Weg. Stattdessen trat er in den Schwung hinein, auf seinen Gegner zu und in den Weg der Axthand, um mit seinem Schwert auf das hölzerne Heft einzuhauen. Ein splitterndes Knacken erklang, und der Kreis teilte sich vorübergehend, als Männer und Frauen dem nun durch die Gegend fliegenden Axtkopf auswichen. Er grub sich in den Stamm einer der hoch aufragenden Kiefern um sie herum.

Auch Arni wurde von der Wucht des Aufpralls umhergeschleudert. Kurz wirkte Riesenblut wie gelähmt. Er starrte auf das gestutzte Heft in seiner Hand, das nun kaum nützlicher war als ein Gehstock. Als Hornbraue sich jedoch ein drittes Mal am heutigen Tage vom Boden aufrappelte, machte der Kannah-Krieger einen Satz vorwärts. Ehe Arni sein Schwert heben konnte, nahm Riesenblut ihn fest in den Schwitzkasten. Er drückte ihm die Arme an die Seiten und hob ihn vom Boden hoch.

Arni zappelte und wand sich. Er trat, rang und fluchte, doch all die gerissene Gewandtheit und Kühnheit, die er zuvor zur Schau getragen hatte, war nun nutzlos. Er war gefangen – wie ein Kaninchen in der Schlinge.

Die Meute an Kriegern, die noch Augenblicke zuvor gejauchzt und geschrien hatte, war nun verstummt. Alles, was Njala hören konnte, waren die kurzen, gedämpften Atemzüge, die Arni machte, während Riesenbluts Griff sich enger und enger um ihn schloss und die Sehnen an seinen gewaltigen Armen vor Anstrengung hervortraten. Das Schwert fiel aus der Hand des Anführers der Tuskeri und landete geräuschlos in dem Schlamm aus Schnee und Dreck unter ihnen.

„Njala“, sagte Alajn und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Ihre Stimme war ungewohnt sanft. „Vielleicht … Vielleicht solltest du das nicht sehen.“

„Nein“, sagte Njala und schüttelte den Kopf. „Ich muss hier sein. Wenn das Ende kommt.“

Noch ein paar Augenblicke, ein paar schwerfällige Atemzüge mehr … und dann würde es vorbei sein. Endlich würde sie Arni nach Starnheim geleiten können und ihm jene ewige Belohnung zuteilwerden lassen, die er verdiente. War das nicht, was sie wollte? Es war ihre Pflicht. Es war ihre Ehre. Und dennoch stellte Njala fest, dass sie Arni nicht von diesem Bären von einem Mann zu Tode gequetscht sehen wollte. Sie wollte, dass er irgendeinen Ausweg aus dieser Misere fand, so wie er es immer zu tun schien. Sie wollte, dass er gewann. Sie wollte nicht, dass die Legende des Arni Hornbraue schon jetzt in die Geschichte einging. Genauer gesagt würde sie dies tatkräftig zu verhindern wissen.

Njala breitete die Schwingen aus und bewegte sich auf den Kreis zu. Bevor sie jedoch heran war, trat Alajn vor sie. „Njala, das ist ein Ehrenduell.“

„Aber …“

„Und selbst wenn es keines wäre … Wir sind Walküren. Es ist nicht an uns, uns in die Angelegenheiten der Sterblichen einzumischen. Das weißt du.“

Es war wahr, alles davon, doch Njala kümmerte das nicht. Sie versuchte, an irgendeinen Grund, an irgendein Argument zu denken, das ihre Schwester dazu bringen würde, den Weg freizugeben, als sie es über Alajns Schulter sah. Arni grinste. Ein Grinsen, das sie schon so viele Male bemerkt hatte.

Sieh gut hin.

Riesenblut hatte ihn inzwischen vollständig hochgehoben und konnte seine monströse Kraft nun nur umso besser zum Einsatz bringen. Zum ersten Mal in diesem Kampf waren sie auf Augenhöhe miteinander. Arni legte den Kopf in den Nacken – weiter, weiter und noch weiter –, und plötzlich fiel Njala ein, wie Hormgarts Geschichte zu Ende gegangen war. Wie Arni Hornbraue seinen Namen erhalten hatte.


Stunden vergingen. Die Sonne sank dicht über die roten Gipfel des Tusk-Gebirges, und dennoch fuhren Arni und der Troll fort. Beide waren sie müde, blutig, schwindelig von dem andauernden Aufeinanderprallen – doch Arni grinste noch immer, als er zu einem weiteren Kopfstoß vortrat. Der Troll wiederum wirkte, als könne er kaum glauben, was da geschah. Der Mensch hielt tatsächlich mit. Mit einem Troll! In einem Kopfstoß-Wettbewerb! Er schämte sich, aber mehr noch fürchtete er sich. Was, wenn dieser kleine, grinsende Mann ihn tatsächlich besiegte? In diesem Augenblick der Angst und der Unsicherheit beschloss der Troll, etwas zu tun, was Trollen nicht ganz fremd ist: Er beschloss zu mogeln.

Es war Zeit. Sowohl Arni als auch der Troll brachten sich in Stellung und nahmen die Köpfe in Anbahnung eines heftigen Stoßes zurück. Doch gerade als Arni vorschnellte, lenkte der Troll seine Hauer nach oben in Richtung der Braue des Tuskeris. Das war natürlich ein entsetzlicher Fehler. Es gab viele, die ebenso stark oder stärker waren wie Arni Ziegenspringer, und viele waren auch ebenso gerissen oder gar noch gerissener wie er. Nur wenige jedoch, die sich in Sachen Stärke und Gerissenheit mit ihm messen konnten, besaßen einen derart dicken Schädel.

Arni tötet den Troll
Arni tötet den Troll | Bild von: Simon Dominic

Da war ein Geräusch, als schlüge ein Blitz ein, ein Knall, der durch die Höhle hallte. Als er verklang, lag der Troll flach auf dem Rücken. Einer seiner Hauer war an der Wurzel abgebrochen. Über ihm, siegreich und blutig und mit einem Trollknochen im Schädel, stand Arni Ziegenspringer – nur dass dies nicht länger sein Name war.

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