Jace, auf sich gestellt

Veröffentlicht in Magic Story on September 6, 2017

Von R&D Narrative Team

Der Mann öffnete seine Augen.

Er lag auf seinem Rücken und blickte durch grüne Baumwipfel in den langsam dunkler werdenden Abendhimmel. Bambushalme wurden von einer warmen Meeresbrise aneinandergerieben und erzeugten ein leises Rascheln. Obwohl er angeschlagen und durch das Pulsieren rasender Kopfschmerzen stark benommen war, konnte er fühlen, dass er auf weichem Untergrund lag. Hier, unter dem Dach aus Bambus, war es ruhig. Der Geschmack von salziger Luft legte sich auf seine Zunge und er konnte das Rauschen von Wellen in der Ferne hören.

Unerwartet hörte er einen Zweig in seiner unmittelbaren Nähe zerbrechen. Etwas oder jemand befand sich direkt zu seiner Linken. Er schreckte hoch und blickte umher, um den Verursacher der Geräusche ausfindig zu machen, dann erstarrte er.

Art by Jonathan Kuo
Illustration von Jonathan Kuo

Es war ein echsenartiges Wesen, bedeckt von schillernd blauen und gelben Federn. Es stand auf seinen Hinterläufen und hielt mit seinen übergroßen Klauen ein Ei fest umschlungen. Das Wesen richtete nur kurz seinen bohrenden Blick auf den Mann am Boden. Es gab noch einen kurzen tschilpenden Laut von sich, bevor es trottenden Schrittes ein paar Blätter aufwirbelte und dann im Unterholz verschwand. So plötzlich, wie es erschienen war, war es nun auch wieder entschwunden.

Der Mann nahm sich einen Moment, um das Gesehene zu verarbeiten. Das echsenartige Wesen war ihm vollkommen unbekannt, doch alles andere um ihn herum, seine gesamte Situation sogar, erweckten in ihm ein Gefühl von Déjà-vu.

Er hob seinen Kopf, um einen genaueren Blick auf sich selbst zu werfen. Er trug einen kobaldblauen Umhang, lange Hosen und einen engsitzenden Lederharnisch ohne Schulterstücke.

Nichts davon kam ihm bekannt vor.

Mit einem leisen Stöhnen setzte er sich unter Schmerzen auf. Dann kam er langsam, und nicht ganz ohne Mühe, auf die Beine und folgte dem Pfad, auf dem die Echsenkreatur verschwunden war.

Die Bambusäste gaben nach und nach die Sicht auf ein paar einsame Palmen preis und je sandiger der Dschungelboden auf seinem Weg wurde, desto größer wuchsen auch die Abstände zwischen den Bäumen. Er konnte hören, wie das Tosen der Wellen immer lauter wurde, während er sich weiter seinen Weg zum Wasser bahnte.

Nur wenige Augenblicke später erreichte er einen schier endlosen Strand. Der Sand unter seinen Stiefeln war weiß und puderweich. Die Luft war schwül und drückend und sie sorgte dafür, dass er sich vollkommen durchnässt fühlte, obwohl er auf trockenem Boden stand. Ein paar Steinformationen schlugen einen natürlichen Bogen vom Strand zum Meer und der üppige Dschungel bildete eine dichte und abrupte Mauer aus Blattwerk direkt am Ende der Sandnarbe.

Der Mann sah auf. In der Ferne ging die Sonne langsam unter und das Kreischen von Seevögeln durchbrach das monotone Rauschen der Wellen.

Er sah in beide Richtungen den langen Küstenstreifen hinunter.

„Hallo?“

Die Wellen drängten sich im Sand voran, bis ihre Spitzen seine Stiefel erreichten.

„HALLO?!“, rief er abermals und nun mit einer angsterfüllten Stimme.

Geistig ging er jede logische Erklärung für seine Situation methodisch durch, während in ihm das Gefühl von Panik aufstieg.

Er wusste nicht, wie er hierher gelangt war. Er wusste seinen eigenen Namen nicht. Er wusste nicht, wo sich dieser Dschungel befand, vor dem er stand, oder warum er an diesem Strand war oder was diese merkwürdige Echsenkreatur überhaupt gewesen war. Warum war sein ganzer Körper mit Abschürfungen und blauen Flecken bedeckt? Und warum hatte er so rasende Kopfschmerzen? Und was musste er verdammt noch mal tun, um von hier wegzukommen?

Das Bild eines ihm unbekannten Ortes blitzte vor seinem geistigen Auge auf. Da waren Farbe und Licht und dieses Gefühl von anderswo. Der Mann spürte, wie sich ein Kribbeln seinen Hals hinab bahnte, gefolgt von einem kühlen Rausch von Energie. Er konnte spüren, wie sein gesamter Körper versuchte, sich von sich selbst zu befreien. Partikel flimmerten auf und verschwanden wieder, seine physische Gestalt flackerte zwischen diesem Ort und einem gänzlich anderen. Es fühlte sich angenehm, bekannt und … beruhigend an. Er tat dies nicht zum ersten Mal. Sein Körper löste sich auf und brach auseinander. Es hätte sich fürchterlich anfühlen müssen, doch stattdessen fühlt er sich wie er selbst. Er drängte auf dieses Gefühl zu, er betete, dass mit jedem verschwindenden Teil seines Körpers ein Fragment seiner Erinnerung zurückkehren würde – nur um zu spüren, wie er zurückgeworfen wurde. Ein mächtige Kraft zog ihn zurück und weg von jenem metaphysischen Tor, welches er zu Durchschreiten im Begriff gewesen war. Fort und fort und tiefer hinab und hinab, bis er wieder in sich selbst zusammenstürzte, an demselben Strand, von dem er sich zu lösen versucht hatte. Der Schock dieser Erfahrung ließ ihn auf die Knie sinken.

Art by Chase Stone
Illustration von Chase Stone

In der Luft über ihm erschien ein leuchtendes Dreieck, das von einem Kreis umfasst war. Der Mann schnappte nach Luft.

Die angenehme Kühle entschwand wieder. Sein Körper war wiederhergestellt, seine Hände schweißnass und seine zitternden Knie gruben sich in den weichen Sand.

Er nahm einen panischen und hastigen Atemzug nach dem nächsten. Sein Herz hämmerte mit Gewalt gegen seinen Brustkorb.

Verwirrt ballte er die Hände zu Fäusten, zog die Luft scharf ein und brüllte in seiner Frustration das expliziteste Schimpfwort, das ihm in den Sinn kam. Ein einziges, langes und befriedigendes Wort, in welches er all seine Verwirrung und seine Frustration hineinlegte.

Als er wieder verstummte, war da nur das rhythmische Rauschen der Wellen.

Die Nacht brach herein.

Ihm blieb nichts anderes übrig, als in sich zu gehen und Bilanz über seine körperliche Verfassung zu ziehen. Seine Wunden und die schmerzenden Muskeln drängten ihn vor allem dazu, sich auszuruhen und etwas zu schonen. Den Durst und seinen Hunger konnte er auch noch bis morgen ignorieren.

Er saß eine Weile im Sand und versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, wie er überhaupt hierher gelangt war, aber alles, woran er sich erinnerte, war der erste Moment, als er seine Augen aufgeschlagen und den Bambus erblickt hatte.

Da sich dieser Gedankengang als Sackgasse erwies, versuchte er, sich danach an seinen Namen zu erinnern.

Er konnte sich an zahllose Namen erinnern. Lazlo war ein Name. So wie auch Sam. Aber er war sich ziemlich sicher, dass keiner dieser Namen seiner war.

Dann kam ihm der Gedanke, dass er vielleicht auf anderem Wege herausfinden konnte, wie er an diesen Ort gelangt war.

Der Mann war an diesem Strand ganz alleine, also entschied er, dass er für niemanden die Etikette waren musste und zog seine lederne Brustplatte, den Umhang und die Handschuhe aus. Er zog auch das Oberteil und die Hose aus, faltete sie ordentlich zusammen und legte sie auf den Sand. Ihm entwich ein zufriedener Laut, als er die kühle Brise auf seiner Haut spüren konnte. Er sah auf seine Habseligkeiten herab und hielt inne, als er seine entkleidete rechte Hand und seinem Arm zum ersten Mal richtig betrachten konnte.

Eine schnurgerade Narbe zog sich der Länge nach über seinen Unterarm. Sie war glatt und dünn und erweckte den Eindruck, als wäre sie nach einem sehr präzisen Schnitt entstanden.

Nun warf er einen genaueren Blick auf sich selbst, um weitere Hinweise zu seiner Identität zu finden. Er war verletzt, vermutlich von einem Kampf, der erst kürzlich stattgefunden hatte. Mit seinen Händen konnte er die Ausläufer weiterer präziser Narben erfühlen, die sich wohl über seinen gesamten Rücken zogen. Waren diese so alt wie die Narbe auf seinem Unterarm? Wer hatte ihm das angetan?

Der Mann zog einen Handschuh wieder über den Arm mit der Narbe und machte sich eine geistige Notiz, diesen Hinweis später weiter zu verfolgen. Erneut sah er auf die Kleidung hinab, die vor ihm im Sand lag.

Er versuchte, sich vorzustellen, wer so etwas tragen würde.

Wer auch immer Kleidung wie diese trug, kam mit Sicherheit von einem Ort mit kälterem Klima, so viel stand fest. Die Materialien waren schwer und eigneten sich zum Tragen bei starkem Regen (Er erinnerte sich an Regen!) und kühlem Wetter. Der Umhang war nicht gerade zurückhaltend, aber auch nicht schrill. Jedoch hatte er ein auffallendes Muster. Sein Unterhemd war von Schweiß durchtränkt, also musste er eine ganze Weile durch die Hitze gelaufen sein. Die Stiefel waren jedoch das Interessanteste von allem. In ihnen hatte sich Sand gesammelt, doch die Art und Struktur der Körner entsprach nicht dem Sand an diesem Strand und um hin herum. Er war grobkörniger und schimmerte goldgelb.

Falten legten sich auf die Stirn des Mannes. Er hatte keine Gegenstände bei sich. Kein Messer. Kein Essen, kein Seil, nichts Persönliches. Wer auch immer er war, er schien es nicht für nötig befunden zu haben, Waffen mit sich zu führen.

War er wirklich so leichtsinnig gewesen, ohne Schutz zu reisen? Er konnte es sich nicht vorstellen, aber die Abwesenheit einer Waffe ließ kaum einen anderen Schluss zu. Vielleicht hatte man ihm seine Waffen abgenommen? Das war unwahrscheinlich. Es gab weit und breit keine Anzeichen für zivilisiertes Leben.

Das Symbol auf seinem Umhang erregte seine Aufmerksamkeit.

Es kam ihm … bekannt vor.

Warum kam es ihm bekannt vor?

Der Mond schien vom Nachthimmel auf ihn herab und er wusste, er brauchte dringend etwas Schlaf. Er beschloss, sich später über die Bedeutung des Symbols Gedanken zu machen.

Er legte sich neben einen angespülten Baumstamm in den Sand. Ein Teil von ihm machte sich über die große Echse von vorhin Sorgen. Ob wohl auch Menschen auf ihrem Speiseplan standen? Und nicht nur Eier? Er erkannte rasch, dass dieser Gedanke unsinnig war. Würde sie auch Menschen fressen, dann hätte sie wohl angegriffen, als sie die Chance dazu hatte. Aber vielleicht gab es auch noch größere Exemplare mit größerem Appetit?

Der Mann fühlte sich unfassbar schutzlos.

Er warf seinen Umhang über sich, schloss die Augen und hoffte inständig, dass er die Nacht durchschlafen konnte, ohne von etwas Gefrässigem überrascht zu werden.

Langsam dämmerte der Mann mit einem Kribbeln im Nacken weg und zog die Beine noch etwas enger an seinen Körper. Im Schlaf wälzte er sich auf dem sandigen Boden umher – nicht wissend, dass er dabei vollkommen unsichtbar war.


Der Mann erwachte am nächsten Morgen mit den ersten Sonnenstrahlen, doch er wusste noch immer nicht, wer er war, darum beschloss er, sich zunächst um seine dringlichsten Bedürfnisse zu kümmern.

Dafür machte er sich nun mit seinem neuen Zuhause vertraut.

Art by Titus Lunter
Illustration von Titus Lunter
Art by Titus Lunter
Illustration von Titus Lunter
Art by Titus Lunter
Illustration von Titus Lunter

Er kannte nun die Größe der Insel (ihr Umfang betrug einen Tagesmarsch). Als Platz für seine neue Heimstatt wählte er ein schattiges Plätzchen nahe eines ausgehöhlten Felsens, der ihm Schutz vor dem Wind bot. Wo die Vegetation auf den Strand traf, begann er, sich eine Behausung zu bauen. Die Anstrengung beim Zusammentragen von geeigneten Materialien und dem Zusammenbinden von Ästen mit dünnen Streifen aus Baumrinde machten dem Mann klar, dass er sich wohl schon sehr lange nicht mehr körperlich betätigt hatte, bevor er sein Gedächtnis verloren hatte. Seine Muskeln waren schwach und untrainiert und wieder wunderte der Mann sich, wie sein früheres Selbst in diesem Zustand ohne Waffen und Werkzeuge überlebt hatte. Die harte Arbeit stärkte ihn körperlich, und obwohl sie ihn auch auszehrte und die Sonne unbarmherzig auf ihn hinabbrannte, schaffte er es letztlich, eine überdachte Plattform zu errichten, auf der er schlafen konnte.

Was Nahrung anbelangte, blieb ihm nur systematisches Ausprobieren, doch es bereitete ihm Freude, herauszufinden, was ihm schmeckte und was nicht. Aus einem geschärften Stein fertigte er sich ein Messer und begann sein kulinarisches Unterfangen. Er mochte Austern. Auch diese orangefarbenen Früchte schmeckten ihm. Die lange grüne Frucht und die kleinen roten Beeren fanden ebenfalls Anklang bei ihm, jedoch nicht das violette Wurzelgemüse. Es hinterließ ein unangenehmes Stechen auf der Zunge, welches er einer neu entdeckten Allergie zuschrieb. Wie faszinierend!

Was er jedoch wirklich herausfinden musste, war, wie man ein Feuer machte.

Die Sonne versank schnell hinter dem Horizont und ein paar Wolken begannen, den Himmel zu verdecken.

Eine zweite Blase formte sich auf seiner rechten Handfläche. Mit unablässigem Eifer rieb er einen Stock so schnell wie möglich zwischen seinen Händen an einen zweiten. Dabei ignorierte er stoisch die Schmerzen in seinen Händen und die Regentropfen, die auf seinen Nacken prasselten. Er konzentrierte sich auf den Rhythmus der Wellen hinter sich (sechs Brechungen pro Minute) und begann, den Rhythmus in seinem Geiste zu replizieren. So rieb er den Stock gleichsam der brechenden Wellen. Seine Handflächen brannten und sein Gesicht war starr vor Konzentration.

Qualm stieg von der Stelle auf, an der sein Stock in das Treibholz rieb und er lachte, während er versuchte, das kleine Feuer am Leben zu halten.

Der Stock brach entzwei

und der dünne Faden aus Qualm verschwand.

Seine Augen weiteten sich schockiert und er machte seiner Enttäuschung in einem frustrierten Laut tief aus seiner Kehle Luft.

Verdammte Insel!“

Der Mann setzte sich in den Sand, stützte die Ellbogen auf seine Knie und starrte auf den zerbrochenen Stock auf dem Stück Treibholz. Daneben lag ein trauriger Haufen aus trockenen Blättern und Zweigen.

Der Mann stöhnte auf und lehnte sich zurück, bis er flach im Sand lag.

Ein Albatros glitt in weiten Kreisen über ihm.

Erneut stöhnte der Mann auf.

„Warum weiß ich, was ein Albatros ist?“, fragte er laut.

Der Albatros antwortete ihm nicht.

Der Mann setzte sich auf und sah auf den Stapel aus Zweigen.

Vielleicht konnte er Feuer durch seine Willenskraft entfachen.

Er strich den Sand von seiner Hose und fühlte den heißen Schmerz eines Sonnenbrands auf seinem Rücken, als er sich nach vorne beugte. Sein Blick fixierte den Haufen Zweige vor ihm.

Er konzentrierte sich und ein weiterer Regentropfen rollte seinen Rücken hinab. Der kalte Wind drang ihm durch Mark und Bein.

Der Mann brauchte ein Feuer. Er brauchte Feuer dringender als alles andere auf der Welt –

die Härchen in seinem Nacken stellten sich auf und ein Schauer lief ihm über den Rücken.

Ein kleiner Schwall Rauch stieg vom Treibholz auf.

Er sprang auf die Beine und wich zurück. Rauch?! Rauch!

Etwas in ihm war alarmiert – geschah das wirklich? –, doch das ekstatische Gefühl der Freude überwog. Der Mann lachte überrascht und rief „Ich hab’s geschafft!“

Der Qualm bahnte sich weiter seinen Weg in die Luft. Lachend fiel er auf die Knie und begann damit, das Feuer mit winzigen Zweigen und Blättern zu nähren. Er hätte vor Glück weinen können.

Der Mann erhob sich und begann, weitere Zweige, Blätter und Stücke von Treibholz in das Feuer zu legen. Es war ihm egal, ob er dabei alles verbrauchte, was er zusammengetragen hatte, er brauchte Feuer.

Die Flammen waren nun zu einem stolzen kleinen Lagerfeuer herangewachsen. Ein breites Grinsen formte sich auf dem Gesicht des Mannes. Wieder lachte er auf und schlang dabei die Finger über seinem Kopf ineinander. Er machte einen Schritt weg vom Feuer und bewunderte seine Arbeit.

Dieses Feuer war das Schönste, was er je gesehen hatte. Natürlich kam ihm der Gedanke, dass er schon einmal irgendwann etwas Schöneres gesehen hatte, doch daran erinnerte er sich nicht. Er konnte es nicht mit dem Anblick direkt vor sich vergleichen, also spielten es jetzt keine Rolle. Dies war herrlicher als jedes Gemälde und kostbarer als jedes Juwel.

Der knurrende Magen des Mannes unterbrach den freudigen Moment.

Ach ja! Hunger! Er brauchte nun dringend etwas zu essen.

Er hatte zuvor einen Fisch gefunden, der an den Strand gespült worden war. Es war ein hässlicher und alt aussehender, flacher Fisch mit Schuppen in Diamantform und einem leeren Blick in seinen toten Augen.

Der Mann bohrte einen Stock durch die Mitte des Fisches und hielt ihn über die Flammen.

Er lehnte sich zurück und wartete darauf, dass er den Fisch wenden konnte, um auch die andere Seite von den Flammen rösten zu lassen.

Doch der Fisch starrte ihn die ganze Zeit unverändert an.

Seine Schuppen verbrannten nicht. Sein Fleisch brutzelte nicht. Es schwärzte sich nicht. Der Fisch hing in den Flammen doch er schien von ihnen völlig unberührt zu bleiben.

Der Mann war verwirrt.

Er streckte die Hand nach den Flammen aus und realisierte, dass sie nicht heiß waren.

Seine Verwirrung wurde zu Furcht und er steckte die Hand direkt in das Feuer,

doch es war so kalt wie der tote Fisch.

Der Mann zog die Hand an seine Brust und wich angsterfüllt vom Feuer zurück.

„Was?! Nein! Nein nein nein nein nein!“

Die Flammen flackerten in einem funkelndem Blau – Blau?! – und verschwanden dann wie durch Geisterhand.

Aber er hatte doch den Qualm gesehen ! Er hat gesehen, gesehen , wie das Feuer die Zweige und Blätter verschlungen hatte! Und doch hatte er nicht einmal seine Hitze gespürt, bevor es so abrupt verschwunden war.

Die Furcht des Mannes schlug in absolute Panik um.

Er wich zurück, bis er mit dem Rücken gegen eine Palme stieß. Sein Blick haftete noch immer an dem aufgespießten Fisch. Panisch versuchte sein Verstand, das Gesehene zu erklären.

Er war hier gefangen, ohne Erinnerungen, ohne Nahrung, ohne Schutz und ohne die Fähigkeiten, hier zu überleben … Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug gewesen, entglitt ihm nun auch noch der Verstand.

Der Mann war sich sicher, dass es gar nicht anders sein konnte. Er war verrückt geworden.


Seit dem Vorfall mit dem Fisch war etwas Zeit vergangen und der Mann war zu dem Schluss gekommen, dass seine Situation sehr viel einfach für ihn war, wenn er sich einfach eingestand, nicht mehr voll bei Sinnen zu sein.

Sollte sich sein Verstand tatsächlich von der Realität verabschiedet haben, dann mussten der Umstand seiner Ankunft hier und sein früheres Leben auch keiner Logik mehr entbehren. Sein geistiger Zustand war nicht von Bedeutung, da er sich ohnehin nur mit der Realität beschäftigen konnte, wie sie jetzt gerade um ihn existierte.

Diese Erkenntnis war eine wahre Befreiung für ihn.

Also widmete sich der Mann den Dingen, die eine Person tun würde, die auf einer einsamen Insel gefangen war.

Er vertiefte sich in das Bauen neuer Werkzeuge. Ein Korb aus geflochtenen Zweigen, eine einfache Schlinge und sogar ein scharfes Messer zum Öffnen von Austern. Der Mann fertigte jeden Tag ein neues Werkzeug an und war auf jedes einzelne davon stolz. Es bereitete ihm beinahe Freude, schier endlos viel Zeit zu haben, um neue Lösungen für seine Probleme zu finden.

Während er weiter seine Umgebung erkundete und von ihr lernte, gewöhnte er sich langsam an die Visionen, die ihn auf seinen Wegen begleiteten.

Einige manifestierten sich deutlicher als andere. Für gewöhnlich waren es humanoide Gestalten mit eigenen Gesichtern und Stimmen.

Eine Frau mit schneeweißer Haut und fließenden weißen Haaren, die hinter ihm schwebte und offenbar Notizen seiner Handlungen in einem kleinen Büchlein niederschrieb. Eine mächtige Gerichtsvollzieherin mit ernstem Blick, mit silberner Rüstung und blauem Umhang. Ein Leonide mit nur einem Auge.

In seinen einsamsten Momenten sah er manchmal eine Frau in violettem Gewand, die er jedoch nur aus den Augenwinkeln sehen konnte. Ein Gefühl von Angst schnürte ihm den Brustkorb zu, immer wenn sie vorbeiging.

Der Mann wusste, dass dies Halluzinationen waren. Einfache Trugbilder.

Sie waren nicht echt und hatten keine Macht über ihn. Oder etwa doch?

Er ignorierte die Trugbilder so gut es ihm möglich war, doch manchmal ließen sie sich einfach nicht ignorieren.

„Diesmal hast du es ja wirklich geschafft.“

Dieses Trugbild erschien immer, wenn er sich beim Ausführen einer Aufgabe schwer tat.

Es hatte breite Schultern und olivfarbene Haut, die vom Schweiß unter der glänzenden Rüstung schimmerte. Die Gestalt blickte über die Schulter des Mannes, während dieser versuchte, einen Angelhaken zu biegen.

„Hör mal, diese Aufgabe ist nichts für dich. Lass mich das machen.“ Die Stimme des Trugbildes war rechthaberisch aber freundlich.

Sie wirkte beinahe etwas herablassend.

Der Mann war genervt.

„Ich kann das selbst.“

Die Halluzination seufzte. „Wir wissen beide, dass dir so etwas nicht liegt. Lass mich das machen. Du kannst irgendwo am anderen Ende des Strandes herumphilosophieren.“

„Ich sagte, ich kann das selbst.“ Der Mann verbarg den Frust in seiner Stimme nicht mehr.

„Nein, das kannst du nicht. Ich gebe die Anweisungen und führe alle wichtigen Handlungen aus. Du hältst dich raus. So läuft es.“

Als Antwort schleuderte er den Angelhaken nach dem Trugbild. Dieser flog einfach durch das Auge der Gestalt hindurch und landete hinter ihr im Sand.


Je gelangweilte er wurde, desto häufiger erschienen die Halluzinationen.

„Richtlinien und Abläufe, Abschnitt 12, Eintrag 4.“

Er keuchte verwundert auf. Eine Frau mit dunklen Haaren und einem Gehstock starrte ihn aus einigen Schritten Entfernung an. Sie trug ein weißes Kleid mit einem Sonnenemblem darauf. Ein dunkler Umhang hing über ihren Schultern und dessen unterer Teil strich behutsam über den Sand. Der Blick in ihren Augen ließ keinen Zweifel daran, dass sie einen wichtigen Auftrag auszuführen hatte.

Ungeduldig tippte sie mit dem Finger auf dem Handstück ihres Gehstocks herum.

„Ich sagte, Richtlinien und Abläufe, Abschnitt 12, Eintrag 4. Offiziellen Gildenrepräsentanten ist das Durchqueren eines Ortes unter Gildenkontrolle für Geschäftstätigkeiten gestattet, sofern eine offizielle Befugnis vorliegt‘. Stimmst du zu oder stimmst du nicht zu, dass dies geltendes Recht ist?“

Sie folgte ihm von Fallschlinge zu Fallschlinge und behielt jede seiner Bewegungen genau im Auge, während er die Fallen neu aufstellte. Jedes Mal, wenn er wieder ein paar Echsen zu seinem Lager zurückbrachte, starrte sie ihn argwöhnisch an.

Er vergrub die Echsen mit heißen Kohlen, Palmenblättern und etwas Wurzelgemüse, um diese als Abendessen vorzubereiten. Bald darauf verschwand die Halluzination und der Mann atmete erleichtert auf.

Eine Weile saß er so da, lauschte dem Krächzen der Vögel über ihm und entschied sich aus purer Langeweile dann dazu, ein Lagerfeuer am Strand zu entfachen.

Er brachte den Morgen damit zu, ein Stück Holz nach dem nächsten in das Feuer zu werfen, in der Hoffnung, dass der Rauch großer Flammen ein Schiff auf ihn aufmerksam machen würden. Bisher war dies nicht geschehen, doch vielleicht klappte es heute.

Allerdings ließ sein Optimismus mit jedem vergehenden Tag etwas mehr nach.

Er legte seinen Hut aus geflochtenen Palmenblättern neben sich auf den Boden. Die Hitze des Feuer, vermischt mit der schwülen Wärme des Tages, war kaum zu ertragen. Er entfernte sich vom Feuer und schritt ein Stück ins Wasser hinein.

Das Wasser war zwar nicht gerade kalt, aber dennoch eine willkommene Abkühlung von der Hitze des Feuers. Es zwickte an den Stellen seiner Haut, die die Sonne verbrannt hatte, und unter der Wasseroberfläche sah er kleine Fische umherschwimmen.

Er spürte den Sog der Wellen an seinen Beinen.

Die salzige Meeresluft setzte sich auf seine Lippen.

Der Geruch des Lagerfeuers vermischte sich mit dem Duft von angespültem Seetang.

Es fühlte sich alles so … echt

an. In der Tat fühlte es sich so echt an, dass er kaum glauben konnte, dass sein geschundener Verstand diese Wahrnehmung zulassen würde.

Der Mann dachte über seine Wahrnehmung der Realität nach.

Es gab noch eine Erklärung für all dies. Für das merkwürdige Auflösenn und Wiedererscheinen seines Körpers und für das merkwürdige Feuer, das gar kein Feuer gewesen war.

Was, wenn seine Halluzinationen die Manifestation von Magie waren?

Er wusste, dass Magie existierte. Er wusste, dass es Personen gab, die das Feuer manipulieren und Blitze heraufbeschwören konnten. Sie konnten Bäume wachsen lassen, wo zuvor nichts wachsen mochte, doch er kannte die Namen dieser Personen nicht. Er erinnerte sich auch nicht an ihre Gesichter.

Er hatte alles andere über sich selbst vergessen … hatte er also auch solch einen wichtigen Teil von sich selbst vergessen? Etwas, das ihn zu ihmmachte?

Der Mann fuhr sich mit einer nassen Hand durchs Haar. Er ging noch tiefer ins Wasser und ließ zu, dass die Wellen bis an sein bärtiges Kinn reichten.

Das fühlte sich … richtig an. „Ich beherrsche Magie“, das war ein Gedanke, der ihm so einfach aber doch so selbstverständlich vorkam wie „Ich bin ein Mann“ oder „Ich mag keine Krokodile“.

Er schloss seine Augen und versuchte, wieder diese Kraftin sich zu finden, dieses Kribbeln in seinem Nacken und diese pulsierende Macht in ihm. Er durchsuchte seinen Geist danach und bemühte sich mit aller Willenskraft darum, etwas entstehen zu lassen.

Der Mann öffnete seine Augen und sah ein Trugbild seiner selbst, das auf dem Wasser vor ihm stand.

Das Trugbild hatte einen leeren Gesichtsausdruck, glich ihm ansonsten jedoch in jeder Hinsicht. Es stand nur so da, ganz ruhig, mitten auf dem Wasser.

Der Mann konnte es gar nicht fassen.

Die Illusion wirkte vollkommen echt und jedes Detail war vollkommen akkurat. Den Mann amüsierte es ein wenig, dass er sich zwar nicht an seinen Namen erinnern konnte, dafür aber jedes Detail seines eigenen Körpers genau kannte: jeden Muskel, jeden Bartstoppel, jede wunde Stelle auf seinen nackten Schultern. Er sah sogar seine Narben –seine Narben – Erinnerungsstücke an ein ereignisreiches Leben, an das er sich dennoch nicht erinnern konnte.

Der Mann streckte seine Hand aus und versuchte, das Bein des Trugbilds zu berühren. Seine Finger glitten einfach hindurch, als wäre es gar nicht da.

Unglaublich.

Der Mann richtete sich auf, sodass das Wasser ihm nur noch bis zur Hüfte reichte. Seine Hände ließ er an seinen Seiten ruhen.

Er grinste breit über das ganze Gesicht.

Er konzentrierte sich wieder und erneut war da dieses Kribbeln und die Illusion verschwand.

Das Grinsen verwandelte sich in einen Aufschrei der Freude.

Er rannte mit großen Schritten zurück an den Strand.

„Ich habe Fragmente meiner Erinnerung manifestiert! Ich halluziniere nicht! Ich kann Illusionen erzeugen! Ich bin ein Magier!

Er streckte eine Hand aus und erschuf die Illusion eines Pferdes vor sich. Es materialisierte sich durch sanften blauen Nebel und es lief in rasantem Galopp um den Mann herum. Erneut streckte er die Hand aus, um es zu berühren, und wieder fuhren seine Fingerspitzen einfach durch dessen graugefleckte Flanke. Die Illusion lief an ihm vorbei, galoppierte durch sein Lagerfeuer und den Strand hinab. Es war eine elegante dunkle Wolke, die sich vom weißen Sandstrand abhob.

Der Mann lachte über den Irrsinn all dessen. Er lachte über seine eigene Fähigkeit, seine Dummheit, aber vor allem lachte er in diesem Moment darüber, dass die anderen Kreaturen auf der Insel wohl dachten, seine Schöpfung wäre real. Möwen flogen vor dem herannahenden Pferd davon, Insekten näherten sich ihm, um darauf zu landen, und obwohl diese Illusion nicht echt war und keine Spuren im Sand hinterließ, fühlte sie sich für ihn realer an als jedes Feuer, jeder Speer und jedes Netz, das er bisher gemacht hatte. Seine Vorstellungskraft war schier endlos und sein Verstand kannte nur die Grenzen, die er ihm setzte. Der Mann brauchte weder einen Namen noch eine Vergangenheit, denn in diesem Moment wusste er exakt , was und wer er war.

Der Mann ließ das Pferd verschwinden und erschuf einen Elefanten. Dann ließ er den Elefanten verschwinden und erschuf ein Seeungeheuer. Daraufhin ließ er das Seeungeheuer verschwinden und machte den Tag zur Nacht, er erfüllte den Nachthimmel über dem Strand mit unzähligen Sternen.

Er lachte, bis er zu weinen begann.

Nach einem kurzen Augenblick der Freudentränen inmitten einer endlosen Galaxie aus künstlichen Sternen wurde ihm schwer ums Herz.

Er stand in einer endlosen Nacht. Eine perfekte Schwärze, durchzogen von tausenden funkelnden Sternen.

Der Mann war unfassbar einsam.

Er ließ die Illusion verschwinden, und die Nacht wurde wieder zu einem leeren Strand bei Tag.


Am nächsten Tag wurde ihm bewusste, dass er sich kaum noch daran zu erinnern vermochte, wie die Stimme einer anderen Person klang.


Am Tag darauf verließ er seine selbst errichtete Plattform nicht.


Der Mann kehrte in den Bambushain zurück.

Er trug dabei die Kleidung, in der er erwacht war. Er legte sich genau an die Stelle, an der er zum ersten Mal seine Augen auf dieser Insel aufgeschlagen hatte.

Er starrte in den azurblauen Himmel über sich.

Er wollte sich durch pure Willenskraft von diesem Ort wegbringen, doch nichts geschah.

Er schloss die Augen und versuchte, sich daran zu erinnern, wie seine Freunde und seine Heimat aussahen, doch nichts kam ihm in den Sinn.

„Bitte lass mich von hier fort“, sagte er an niemand Bestimmtes gerichtet.

Der Wind rüttelte am Bambus um ihn herum und der Mann legte sein Gesicht in seine Hände, bevor er zu schluchzen begann.

Vielleicht war er nicht verrückt. Vielleicht war er tot. Vielleicht war dies ein grausames Jenseits. Vielleicht hatte er niemals wirklich existiert, sondern war dazu verdammt, was immer das hier war, für immer zu ertragen.

Und wenn er schon nicht von hier fort konnte, so wollte er doch wenigstens jemanden zum Reden haben.

„Du siehst furchtbaraus“, säuselte eine Stimme über ihm.

Der Mann nahm die Hände vom Gesicht. Die Illusion einer Frau stand über ihm. Sie hatte rabenschwarzes Haar, müde Augen und einen herablassenden Gesichtsausdruck. Ihre Arme waren in violetten Satin gehüllt und vor ihrer Brust verschränkt.

„Die Muskeln sind eine nette Veränderung, aber ein Bart steht dir gar nicht.“ Ihre Lippen formten sich zu einem süffisanten Grinsen.

Der Mann schüttelte den Kopf, Tränen begannen, seine Augen zu füllen.

„Ich weiß nicht, wer du bist.“

„Natürlich weißt du das nicht, mein Junge.

Sie betrachtete ihn gründlich von oben bis unten. „Du wusstest schon damals nicht, wer ich bin, und du weißt es auch jetzt nicht. Es ist auch schwer, jemanden wahrlich zu kennen, wenn man einander nie wirklich vertraut hat.“

Der Mann entschied sich, dass es ihm für diesen Moment egal war, dass diese Frau nur ein Trugbild war. Er wollte nur so unbedingt mit jemandem reden.

„Wer war ich, bevor ich hier erwachte?“

„Du warst nicht, wer du zu sein glaubtest. So viel steht fest. Niemand sonst hat dich durchschaut, außer mir. Du warst nie ein Anführer oder Detektiv oder Gelehrter. Du warst ein verängstigtes Kind, das immer nur so tat als ob.“

Der Mann schluckte schwer.

„Du magst den Rest der Welt mit deiner Magie und deinen Illusionen täuschen, aber mich täuschst du nicht.“

Der Mann war den Tränen nahe. Er wollte einfach wieder einschlafen. Er wollte sich zu Tode hungern, damit all dies endlich aufhörte.

„Ich weiß nicht, wer du bist“, sagte er erneut mit gebrochener Stimme.

Die Frau kniete sich neben ihn und sah ihn mit einem kalten, verächtlichen Lächeln an.

„Ich bin das Beste, was dir je passiert ist.“

Der Mann riss den Arm hoch, um sie von sich zu stoßen, und das Trugbild der Frau verschwand in einem blauen Flimmern. Sie war fort.

Sein Puls raste. Und seine Stirn war in verzweifelte Falten gelegt.

Die Verzweiflung wandelte sich in Wut.

Er sprang auf, ballte die Hände zu Fäusten und schlug auf den Bambus ein. Der Schlag verletzte seine Knöchel,

doch das war ihm egal. Er wanderte umher und versuchte, sich zu beruhigen.

Keine unbeabsichtigten Illusionen mehr!“, sagte er zu sich selbst und etwas in seinem Kopf schien dies magisch zu bestätigen. Es würde nicht mehr geschehen.

Er hatte die Kontrolle über seinen Verstand. Er allein verfügte über seine Kräfte.

Der Mann erlaubte seinen Gedanken abzuschweifen und ihm kam in den Sinn, dass diese Illusion vielleicht die Manifestation von etwas tief in seinem Inneren gewesen war. Oder sogar eine defekte Erinnerung an jemanden, der ihm nahe gestanden hatte.

Vielleicht war sie einmal seine Geliebte gewesen. Vielleicht eine gute Freundin.

Er fragte sich, ob er überhaupt jemals Freunde gehabt hatte.

Wie konnte jemand, der solch einer Person nahe stand, überhaupt wahre Freunde verdienen?

Dann kam dem Mann ein Gedanke.

„Es spielt keine Rolle, wer ich war … ich werde herausfinden, wer ich jetztbin.“

Dass er es laut aussprach, ließ den Gedanken real erscheinen.

„Wer ich einmal gewesen bin, ist irrelevant. Ich werde zu der Person, die ich sein möchte .“

Er war aus tiefstem Herzen davon überzeugt.

Ihm wurde bewusst, was er tun musste.

Er würde sich selbst beweisen, dass er es verdiente, zu leben.


So machte sich der Mann an die Arbeit.

Er schuftete fünf ganze Tage am Stück.


Danach fühlte er sich erschöpft, aber auch zufrieden.

Der Mann saß am Feuer und aß eine Frucht, während er sein kleines aber stabiles Floß betrachtete, das unweit von ihm im Sand lag.

Er lehnte sich zurück und und ging im Kopf noch einmal seine Vorräte durch: frisches Wasser für zwei Wochen (und einen einfachen Solar-Wasserfilter für danach), sein Netz, sein Speer und die Reste seines Umhangs als Schutz vor der Sonne. Zwei Körbe voller Früchte. Sein Hut, sein Messer, zusätzliches Material für die Segel, zusätzlicher Bambus und Seil für Reparaturen. Dem Mann war bewusst, dass er vielleicht in seinen sicheren Tod segelte, doch er wollte unbedingt wissen, was auf der anderen Seite dieses Meeres lag. Da draußen musste es irgendjemand geben.

Er war aufgeregt. Er hatte Angst. Er verließ den einzigen Ort, den er kannte, um herauszufinden, was in der Ferne noch existierte. Dieser Gedanke war wahrlich beängstigend. Es gab für ihn noch so viel zu entdecken.

Der Mann lächelte. Er setzte sich wieder vor sein Feuer und öffnete eine Auster mit einem abgeschliffenen Stein. Er hob die Hälfte der Austernschale hoch als eine Art Toast auf die Insel.

„Auf dich, du verdammte Insel.“


Sein erster Tag auf See verlief ohne Zwischenfälle. Die verdammte Insel verschwand am Horizont und schon bald war rings herum um ihn nur blauer Ozean.

Der Mann war voller Zuversicht. Wenn er so lange auf einer einsamen Insel überlebt hatte, dann konnte er auch auf dem offenen Meer überleben.

In der ersten Nacht schlief er gut.

Auch die zweite Nacht war ruhig.

Doch am dritten Tag färbte sich der Himmel grau und das Meer wurde unruhig.

Und am Nachmittag des vierten Tages schlugen die Wellen höher als sein Mast.

Dicke Regentropfen prasselten auf ihn nieder und der Himmel über ihm war so aufgewühlt wie das Meer.

Sein kleines Floß wurde von gigantischen Wellen umhergeworfen, kaltes Salzwasser spritzte in seine Augen und er verlor den Halt. Der Mann klammerte sich an seinem Floß fest, schloss die Augen und wünschte sich nun, er hätte Macht über das Meer, anstelle von bloßer Macht über seinen Verstand.

Über ihm blitzte es und kurz darauf dröhnte ein Donnern in seinen Ohren.

Er hatte schreckliche Angst. Er schlang ein Seil um seine Hüfte und band das andere Ende an seinem Floß fest.

Die kleine Nussschale wurde vom Wasser angehoben und am Horizont erkannte der Mann eine Insel aus kargen Felsen.

Vielleicht lebten dort Menschen!

Der Mann zog am Segel, um den Wind zu erwischen. Das kleine Floß rutschte gerade noch rechtzeitig von der Welle und wurde direkt unter eine weitere Welle getragen, die über ihm anwuchs.

Der Mann sah auf, erblickte die gewaltige Welle und holte gerade noch rechtzeitig Luft, bevor sie auf ihn niederstürzte.


Er erwachte auf den Resten seines zerstörten Floßes. Nun war es Nacht und das Meer war still.

Die andere Insel war in der Ferne zu sehen. Es war ein felsiges Gebilde, dessen Spitzen weiß schimmerten.

Schnee? Das wäre hilfreich. Er warf einen genaueren Blick in die Richtung. Der Mann stöhnte auf. Vögel!

Er ging geistig seine derzeitige Lage durch. Sein Floß war zerstört, doch glücklicherweise war der Korb mit seinen Habseligkeiten am selben Stück befestigt, an dem er sich festgebunden hatte.

Die mit weißem Vogelkot bedeckten Felsen glitzerten im Mondschein. Es war beinahe ein schöner Anblick. Beinahe.

Erschöpft und am Ende seiner Kräfte schwamm er zu seiner neuen Heimat hinüber.


Er zog sich aus dem Wasser und brach auf einem Stück Felsen direkt über dem Wasserspiegel zusammen. Obwohl eine Schar von Vögeln und fliegenden Echsenkreaturen unaufhörlich schrie, schlief der Mann einen ganzen Tag lang.


Sein Verstand sprang hin und her zwischen Schlaf und einem Dämmerzustand. Er hatte nicht die Kraft, sich aufzuraffen und die Gegend auszukundschaften, aber er sah gerade genug von seiner Umgebung, um zu dem Schluss zu kommen, dass er eine bewohnbare Insel gegen einen schrecklichen Felsklumpen eingetauscht hatte.

Alles hier klang nach Meeresvögeln und roch auch nach ihnen.

Tief im Inneren kam ihm der Gedanke, dass er einfach auf der verdammten Insel hätte bleiben und mit seinen Austern, dem Fischnetz und seiner unendlichen Vorstellungskraft hätte zufrieden sein sollen.

Doch ein Teil von ihm wusste einfach, dass er irgendwie von hier … fortgehen konnte.

Er entschied sich, sein Erlebnis vom ersten Tag noch einmal nachzustellen.

Vielleicht wollte es ja jetzt funktionieren.

Der Mann legte sich neben die Felsen und schloss die Augen. Er musste dieses Etwas in sich wiederfinden, dass ihm das Gefühl gab, sogar das Unmögliche schaffen zu können.

Er nahm einen tiefen Atemzug, ließ alles um sich herum verschwinden und stellte sich einen Brunnen vor.

Die Brunnenwand war aus feinem weichen Schiefer, doch als der Mann mit den Finger am Rand des Brunnens entlang strich, konnte er spüren, dass er einst nicht mit Wasser sondern mit Wissen gefüllt war. Unendlich viele Objekte, Orte, Gerüche, Geschmäcker, Leute, Freunde, Geliebte … ein ganzes Leben voller Erinnerungen. Und nun waren das alles unerreichbar für ihn.

Er kletterte über den Rand des Brunnens und tauchte tiefer in seinen Verstand ab. Sein Abstieg war langsam und vorsichtig. Geschmeidig glitt er durch seine eigenen Gedanken. Die Tiefe des Brunnens blieb unverändert, das konnte er fühlen, doch nur die Oberfläche trug Wahrheiten und Erinnerungen. Es waren Bilder eines satten Regenwaldes, pudrigen Sandes und ihm bekannter Vögel. Direkt darunter waren die Wände des Brunnens mit Bambus verkleidet, dem Schimmern von Fischschuppen und dem Bild eines perfekten, regengrauen Pferde-Trugbilds. Es waren stolze Erinnerungen, die voller Lehren und Leistungen steckten.

Der Mann lächelte. Es war nicht viel. Aber das war er.

Er sank tiefer.

Das ihm Bekannte verschwand und er konnte fühlen, wie er sich einer anderen Art von Wissen näherte. Der Mann machte sich eine geistige Notiz, irgendwann die unterschiedlichen Arten von Erinnerungen näher zu erforschen, denn die Wände hatten viele unterschiedliche Texturen. Mal Purpur, dann aus Leder, und dann wieder waren sie von spitzen Stacheln überzogen. Als er mit seiner Hand über die verschiedenen Oberflächen strich, konnte er das umfassende Wissen spüren, dass sich hier aus seinem anderen Leben angesammelt hatte. Ein Wissen, von dem er nicht wusste, wie er es angesammelt hatte, doch er war dankbar, dass es noch da war. Da waren Sprachen, Arithmetik, das Schnüren von Stiefeln, das Zubereiten von Kaffee (oh, was für unaussprechliche Verbrechen er für eine Tasse Kaffee hätte begehen können). Der Mann lachte auf. Da war bereits so viel Wissen in das Mauerwerk dieses Brunnens eingearbeitet, doch wundervollerweise gab es immer noch Platz für mehr.

Noch immer sank er in die Tiefe und die Wände des Brunnens wurden zu dichtem Nebel.

Was auch immer einmal hier gewesen war, es war nun fort.

Doch eines war geblieben.

Es war da, eingefasst wie Silberschmuck, ein schimmerndes Licht, tief eingebettet in seinen Verstand.

Der Mann hatte den Teil gefunden, der ihm die Flucht ermöglichen würde.

Der Teil in ihm, der ihn zu der Person machte, die er war.

Er wusste nicht, was das genau war, doch er hatte es bereits früher gespürt und ihm war bewusst, dass dies seine letzte Chance war.

Der Mann blickte wieder nach oben und begann aufzusteigen, vorbei an den Texturen seines Wissens, vorbei an den Erinnerungen an seine geliebte verdammte Insel, hinaus aus dem Brunnen und zurück in seine physische Gestalt.

Er öffnete die Augen und versuchte, die krächzenden Vögel auf den Felsen um sich herum zu ignorieren.

Der Mann atmete tief ein und tauchte dann mit seinem Verstand in diesen schimmernden Teil von sich ein, den er tief in seinem Geiste gefunden hatte.

Der Mann spürte seinen Körper taumeln und er versuchte, die Panik zu unterdrücken, die in ihm aufkeimte, als er sah, wie seine Arme und Beine zu flackern begannen. Teile von ihm versuchten, von hier fort zu kommen. Sie flimmerten und flackerten in blassem Blau. Wieder konnte er spüren, wie ihn etwas gewaltsam zurückholte, an ihm zerrte, bis er erneut mit seinem Körper auf das Gestein dieser neuen trostlosen Insel aufschlug. Über ihm erschien erneut dieses ihm nun schon bekannte Symbol eines Dreiecks und Kreises und der Mann stieß einen langen Atemzug aus, als sein Körper sich wieder vollkommen im Hier und Jetzt materialisiert hatte.

Er hatte versagt.

Der Mann sah sich um. Um ihn herum gab es nur das weite, einsame Meer, von Kot bedeckte Steine, Vögel und eine unbarmherzig auf ihn herabbrennende Sonne.

Die Erkenntnis, die in ihm aufkeimte, war simpel: Er würde hier nicht sehr viel länger überleben.

„Ich weiß einfach nicht, wie ich von hier entkommen kann“, flüsterte er mit ausgetrockneter Kehle. „Ich werde mir etwas überlegen, um von hier zu entkommen.“

Und so legte sich der Mann auf die Felsen, schloss seine Augen erneut und stieg noch einmal in seinen eigenen Verstand ab, um Antworten zu finden.


Unerwartet rissen ihn jedoch entfernte Rufe aus seinen Gedanken.

„Halt! Mann an Land!“

„Sollen wir Malcolm rüberschicken?“

„Nein. Bereitet das Beiboot vor. Ich will ihn mir erst genau ansehen.“

„Lasst das Beiboot zu Wasser!“

Ein riesiges Schiff befand sich ganz in der Nähe der vogelverseuchten Felseninsel. Seine Segeln waren mit einem komplexen Netz aus Seilen bespannt. Die Segel selbst waren so reich an bunten Farben, die er schon so lange nicht mehr erblickt hatte, dass ihr Anblick in den Augen schmerzte. Eine Steinstatue war lieblos am Bug des Schiffes befestigt und seitlich am Schiff unweit des Bugs prangte in kunstvollen Lettern der Name: Die Streitlustige.

Er schloss abermals die Augen.

Die Erschöpfung war einfach zu groß und nur Minuten später hörte er das Geräusch von Rudern, die auf Wasser trafen.

Eine heisere Frauenstimme schrie gegen das Tosen der Wellen an.

„Ich würde dir ja sagen, dass du nicht entkommen kannst, aber das erübrigt sich. Es fühlt sich an, als würde man mit dem Gesicht in eine Glasscheibe weltenwandern, nicht wahr?“

Der Mann war zu müde, um die Augen zu öffnen und die Person anzusehen, die gerade mit ihm gesprochen hatte. Sie war nun ganz nah. Wer auch immer diese Person war, sie war hierher gerudert.

„Mein Schiff braucht eine neue Galionsfigur, Beleren! Sag mir, für wen du arbeitest, und dein Tod wird schnell und schmerzlos sein!“

Beleren? Ist das mein Name? Darüber dachte er mit trübem Verstand nach.

Stiefel wateten durch seichtes Wasser. Die Möwen krächzten noch immer. Ein Grunzen und der Laut eines Ankers, der auf die Wasseroberfläche traf. Die Frau war wohl aus dem Beiboot gesprungen, um selbst nachzusehen, was es hier zu finden gab.

Als sie ihn erreichte, zog sie die Luft scharf ein.

Sehe ich wirklich so schlimm aus? fragte sich der Mann. Er musste sich innerlich eingestehen: Ich fühle mich schrecklich, also muss ich schlimm aussehen.

Blinzelnd öffnete der Mann seine Augen, die vom Salz und Schlaf ganz verkrustet waren.

Sein Blick traf auf den einer erhaben aussehenden Frau, von der er annahm, dass sie die Kapitänin des Schiffs war.

Sie war bemerkenswert.

Art by Chris Rahn
Illustration von Chris Rahn

Die Frau war groß und schlank mit einer Haut, die smaragdgrün schimmerte. Statt Haaren trug sie auf dem Kopf schlangenartige Tentakel, die schlängelnd umhertanzten. Irgendwoher wusste er, dass sie eine Gorgo war, doch er hatte keine Angst, als er ihr in die Augen sah.

Ihre goldfarbenen Augen weiteten sich, als sie auf ihn hinabsah, und der Ausdruck auf ihrem Gesicht wirkte schockiert.

Der Mann verspürte sowohl Freude als auch Furcht, als ihm bewusst wurde, dass diese Frau ihn kannte.

„Jace, was zur Hölle ist mit dir passiert?“


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