Lilianas Empörung

Veröffentlicht in Magic Story on 20. April 2016

Von Kelly Digges

Kelly Digges has had many roles at Wizards over the years, including creative text writer, R&D editor, website copyeditor, lead website editor, Serious Fun column author, and design/development team member on multiple sets.

Was bisher geschah: Alte und neue Versprechen

Als wir ihr das letzte Mal begegneten, empfing Liliana Vess gerade einen ungebetenen Gast: den Planeswalker Jace Beleren. Jace war auf der Suche nach Sorin Markov und drängte Liliana, ihn zum Anwesen der Markovs zu begleiten. Als sie sich beharrlich weigerte, machte er sich schließlich allein auf den Weg. Was er dort vorfand , führte ihn letzten Endes an die Küste Nefalens.

Liliana steht in der Zwischenzeit vor ganz eigenen Problemen ...


Regen trommelte gegen die Fenster. Ein Blitz erhellte kahle Steinwände und ein Paar dahinschlurfende Leichen. Einen Wimpernschlag später folgte Donnergrollen.

Er kam also näher. Gut. Die Blitze kamen ihr sehr gelegen, und der Sturm passte bestens zu ihrer Stimmung. Sie saß grübelnd auf einem hochlehnigen Steinsessel.

Wie konnte es nur so weit kommen?

Jeder Weg, der sie in die Freiheit hätte führen sollen, schien nur vor weiteren verschlossenen Türen und in neuen Sackgassen zu enden. Sie war Dämonenpakte eingegangen, die sie alterslos und unsterblich gemacht hatten, zum lächerlichen Preis einer Seele, die sie ohnehin kaum brauchte.

Ihr Atem dampfte nicht mehr, nicht einmal mehr in kälten Nächten wie dieser.

Doch die Dämonen erwiesen sich rasch als grausame Herren, und schon bald hatte sie sich dabei ertappt, wie sie ihre Pakte zu unterlaufen und ihre Dämonen zu töten trachtete – um sowohl Freiheit als auch Unsterblichkeit zu erringen. Und so ... war sie an den Kettenschleier gekommen.

Sumpf | Bild von Jonas De Ro

Er flüsterte zu ihr, selbst jetzt, aus jener verborgenen Tasche heraus, in der sie ihn aufbewahrte. Mit ihm hatte sie zwei Dämonen getötet, Fürsten unter ihresgleichen. Mit ihm hatte sie Armeen von Untoten befehligt, wie sie sie sich selbst nie erträumt hätte, und hatte gar Thraben, die größte Stadt auf Innistrad, belagert und eingenommen, nur um eines dieser Dämonen habhaft zu werden.

Doch der Schleier ...

Sie konnte sich nicht mehr dazu durchringen, das Ding im Gesicht zu tragen und seine seidigweichen Glieder auf der Haut zu spüren. Sie hasste es, ihn zu berühren. Doch wenn sie versuchte, ihn loszuwerden, verursachte ihr dies unerträgliche Schmerzen.

Und wenn sie ihn einsetzte, war es noch schlimmer.

„Liliana“, sagte eine Stimme. Eine vertraute Stimme. Oder?

Sie stand auf.

„Ich bin beschäftigt“, sagte sie laut und deutlich. „Wenn du hergekommen bist, um mich erneut zu quälen, dann bringe es bitte hinter dich.“

Sie empfand ein Kribbeln an den Schläfen, wie Finger, die an einer Tür scharrten.

„Quälen?“, fragte die Stimme. „Mir war nicht klar, dass es derart furchtbar ist.“

Blitze zuckten und erhellten einen großen schwarzen Vogel, der auf dem Fenstersims hockte. Als das Donnergrollen in Lilianas Ohren verklungen war, sprach eine zweite Stimme, diesmal unmittelbar an ihrem Ohr.

„Ich habe doch gar nichts gesagt“, meinte der Rabenmann.

Sie drehte sich um. Da war er neben ihr, mit seinem weißen Haar, seinen goldenen Augen und seinen eleganten schwarzen und goldenen Roben, die an einen anderen Ort und in eine andere Zeit gehörten. Er war ... Nun, sie war sich nicht sicher, was er war. Es handelte sich dabei um eine Unwissenheit, die sie allein deshalb duldete, weil ihr keine andere Wahl blieb. Er war ihr in ihrer Jugend erschienen, um sie herauszufordern und Dinge zu lehren. Er hatte sie auf jenen Pfad geleitet, der sie hierhergeführt hatte, und er erschien dann und wann, um sie auf ihm zu halten.

Was sie anbelangte, so hätte er von ihr aus gern in der nächstbesten Hölle schmoren können.

Bild von Chris Rahn

„Mir ist nicht nach Wortgefechten“, sagte Liliana.

„Na schön“, sagte die erste Stimme. Es war ohne jeden Zweifel eine andere Stimme, voller scharfen Misstrauens. „Dann kommen wir doch gleich zur Sache.“

Die geisterhaften Lippen des Rabenmannes hatten sich nicht bewegt. Er wirkte auch nicht so süffisant wie sonst. Er wirkte eher ... besorgt.

Ach, zum Teufel.

Liliana wandte den Blick vom Rabenmann ab. Sie ballte die Faust und füllte sie mit tödlicher Magie, jederzeit bereit, sie binnen eines Herzschlags zu entfesseln.

„Bitte“, sagte sie. „Beginnen wir damit, wer du bist und was du in meinem Haus zu suchen hast.“

Erneut zuckten Blitze und beleuchteten dieses Mal eine in Mantel und Kapuze gehüllte Gestalt. Lilianas Kopfhaut kribbelte.

„Du weißt, wer ich bin“, sagte die Stimme – wenn auch nicht von dort, wo die Gestalt gestanden hatte. „Du weißt allerdings nicht, was ich weiß.“

Wieder dieses Kribbeln. Beinahe wie ...

„Du solltest besser etwas unternehmen“, sagte der Rabenmann. „Ich kann ihn nicht ewig aus deinem Kopf heraushalten.“

Augenblicklich wurde Furcht zu Zorn.

Jace? Bist du verrückt geworden? Ich hätte dich beinahe getötet!“

„Du hast es beinahe versucht“, sagte die Stimme.

Jace. Sie hatte sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen mit ihm angefreundet, mit seinen Gefühlen gespielt und ihn dazu verleitet, sich erst einem interplanaren Verbrechersyndikat anzuschließen und dieses dann zu zerschlagen. Als schließlich irgendwann alles in die Binsen gegangen war, hatte sie längst begonnen gehabt, ihn aufrichtig zu mögen, und der Verrat an ihm hatte sie einen weiteren Faden ihrer ohnehin schon sehr dünnmaschig geknüpften Menschlichkeit gekostet. Nicht, dass sie das irgendwie aufgehalten hätte, und überhaupt wären sie beide einen heldenhaften und sinnlosen Tod gestorben, wenn sie anders gehandelt hätte. Dennoch begriff sie sehr wohl, warum er ihr womöglich grollte.

Doch in all der Zeit ihrer zerrütteten Beziehung zueinander hatte er sie nie bedroht.

Sie konnte ihn nun sehen: Er stand gleich vor ihr. Sie befahl ihren Zombiedienern, ihn anzugreifen, doch Seile aus Licht banden ihnen Arme und Beine und ließen sie zu Boden taumeln. Mit ihrer Geisteskraft rief sie nach weiteren Zombies, um ihn zu überwältigen, doch sie spürte keinerlei Antwort.

„Sie werden nicht kommen“, sagte Jace. „Ihnen allen sind die Hände gebunden.“

Liliana hatte tatsächlich noch nie gesehen, wie Jace einen Kampf verloren hatte, auf den er vorbereitet gewesen war.

„Raus aus meinem Haus“, sagte Liliana.

„Warum?“, fragte Jace. „Mache ich dir Angst?“

Seine Augen funkelten unter der Kapuze.

„Ich will doch sehr hoffen, dass dieses Schauspiel dir Angst macht“, sagte der Rabenmann. „Das sieht ihm nämlich gar nicht ähnlich.“

„Ja“, sagte Liliana zu Jace. „Das sieht dir nämlich gar nicht ähnlich. Ich bin nicht davon überzeugt, dass du auch wirklich du bist.“

Die Empfindung an ihren Schläfen wurde zu einem Hämmern, unter dem leise Stimmen wisperten. Sie widerstand dem Drang, das Flüstern verstehen zu wollen, denn so hätte sie ihm nur eine Blöße für ein Eindringen geboten. Er griff sie also tatsächlich an.

Es reicht! Sie hieb mit Todesmagie nach ihm – gerade genug, um ihm Qualen zu bereiten.

Der Pfeil purpurfarbenen Lichts schoss geradewegs durch ihn hindurch, und sein Bild zersprang wie eine Seifenblase.

„Zuerst versuchst du, es vor mir geheim zu halten“, sagte er, diesmal aus einer Ecke des Raumes. „Und jetzt versuchst du, mich zum Schweigen zu bringen. Aber so etwas Großes lässt sich nicht geheim halten. Nicht für immer.“

„Ich weiß nicht, wovon du redest“, sagte Liliana. „Ich weiß nicht, was du glaubst, was gerade vor sich geht. Doch es steht dir nicht im Mindesten zu, dich so zu benehmen.“

Sie wandte sich zu ihm um, doch als er erneut sprach, befand er sich hinter ihr. Sie hatte ihn seine Illusionen und seine Gedankenmagie schon einsetzen sehen, um zur Verwirrung seiner Gegner mit den Schatten zu verschmelzen und zu einem Phantom zu werden. Ihr gegenüber hatte er dies bisher allerdings noch nie getan, und es gefiel ihr ganz und nicht.

„Der Unterwassertempel“, sagte er. „Die Engel! Ich habe gesehen, was sie da draußen bauen. Und du hilfst ihnen. Gib es schon zu!“

Der Druck auf ihre Schläfen wurde schmerzhaft.

„Liliana“, sagte der Rabenmann. „Ich habe zu viel in dich investiert ...“

„Hör auf damit!“, sagte Liliana. „Es gibt viele Unterwassertempel auf Innistrad. Ich habe dich vor den Engeln gewarnt. Und du weißt sehr genau, dass ich nicht einmal für alles Gold in Orzhova einem Engel helfen würde!“

„Nicht für Gold“, sagte er. „Für den Kettenschleier. Für das Problem, bei dessen Lösung ich dir nicht helfen konnte. Du hast versucht, die wahren Geschehnisse im Markov-Anwesen vor mir zu verbergen. Du hast versucht, mich daran zu hindern, Sorin zu finden. Warum? Hast du Angst, ich erzähle ihm, was du vorhast?“

„Ich wollte nur verhindern, dass du getötet wirst“, sagte Liliana. „Und ich weiß nichts über das Markov-Anwesen, was ich dir nicht bereits erzählt hätte.“

„Du kannst mich nicht belügen“, sagte Jace. Er schien nicht mehr so recht zu wissen, worauf er eigentlich hinauswollte. „Du weißt es besser. Du ... Du leitest das Mana einer ganzen Welt in diesen ... Mond ... nur um ... den Kettenschleier loszuwerden. Ist es das?“

Seine Stimme kam nun von überall her aus dem Raum, und seine vermummte Gestalt bewegte sich jedes Mal, wenn sie blinzelte. Es gab zwei von ihm, dann drei. Selbst wenn sie denn wirklich getan hätte, was auch immer er ihr vorwarf, wäre dieses kleine Schauspiel schon höchst lästig gewesen. Doch diese falschen Anschuldigungen waren genug, um sie zur Weißglut zu bringen.

„Noch vor wenigen Tagen standest du vor meiner Tür und hast mich um Hilfe gebeten, Jace“, sagte sie. „Und nun machst du mir Vorhaltungen?“

„Du kannst nichts vor mir verbergen“, sagte er. Bedrohlichkeit schlich sich in seine Stimme. „Alles, was ich brauche, ist Zeit.“

„Ich weiß nicht, was du je in ihm gesehen hast“, sagte der Rabenmann. Sein Gesicht war dem ihren sehr nahe. „Du bist für ihn nichts weiter als ein Rätsel, das es zu lösen gilt. Und er bedeutet dir nichts. Nicht das Geringste. Oder habe ich dich da missverstanden?“

„Was auch immer du mir vorzuwerfen hast“, sagte Liliana, „tritt ins Licht und sage es mir ins Gesicht. Es ist nicht so, wie du glaubst.“

„Woher willst du wissen, was ich glaube?“, herrschte Jace sie an. „Und warum sollte ich irgendetwas von dem glauben, was du sagst? Du hast nichts weiter getan, als mich anzulügen und mir Leid anzutun.“

Ihr Kopf dröhnte.

„Er durchdringt deine Verteidigung“, zischte der Rabenmann. „Tu etwas!

Eines der Abbilder von Jace drehte den Kopf mit weit aufgerissenen Augen in Richtung des Rabenmannes.

„Wer ...?“

Du kannst ihn also sehen!

Es blieb keine Zeit, über diese Erkenntnis nachzudenken, die rasch von einer weiteren abgelöst wurde. Liliana lächelte.

Und ich kann dich sehen.

Sie schoss einen Pfeil aus Magie auf Jace ab – den echten Jace –, und er krümmte sich vor Schmerz. Die anderen beiden Jaces verschwanden.

„Also dann ...“, setzte sie an. Doch der Druck auf ihre Schläfen kehrte zurück. Verdammter Narr.

Sie schleuderte Jace einen weiteren Schub nekromantischer Magie entgegen. Er schrie auf, fiel zu Boden – und hob mit leuchtenden Augen und verzerrtem Gesicht den Kopf.

„Erzähle mir, was ich wissen muss“, sagte er im Aufstehen. „Erzähle mir vom Unterwassertempel.“

„Er stellt seine Fragen in einer Art und Weise, die dir ganz bestimmte Gedanken ins Bewusstsein rufen soll“, sagte der Rabenmann. Er grinste. „Ein durchschaubares Manöver des Telepathen.“

Der selbstgefällige Hund hatte recht. Lilianas Blick verschwamm, als Jace sich seinen Weg in ihre Gedanken zu erzwingen suchte.

„Hör auf damit“, sagte sie. „Selbst wenn ich irgendetwas über einen Unterwassertempel wüsste, würden deine Tricks bei mir nicht fruchten.“

Sie sandte einen weiteren Pfeil aus schierer Qual durch ihn hindurch und danach gleich noch einen, doch er setzte seinen Angriff fort. Er stolperte, erhob sich wieder – und schaffte es dieses Mal nur auf die Knie, ehe sie ihn auch schon erneut attackierte.

„Erzähle mir davon!“, knurrte er.

Ihre Haut hatte zu brennen begonnen, ihre dämonischen Narben loderten in purpurnen Flammen. Und der Schleier ... Oh, der Schleier wollte ihr helfen. Er zweigte sich ein paar verirrte Rinnsale nekromagischer Kraft ab, um sie dem Strom dann fünffach verstärkt wieder hinzuzufügen. Sie hatte Mühe, ihn zu bändigen und Jace nicht augenblicklich zu töten.

„Hör auf damit!“, sagte sie. „Ich kann ihn nicht kontrollieren ...!“

Jace schrie nun. Seine Augen leuchteten noch immer, und seine Angriffe auf ihren Geist wurden gemeinsam mit dem Schmerz stärker.

Erzähle ... mir davon ...!

Der Rückfluss all der von ihr aufgewendeten Macht setzte ein. Schmerz durchzuckte Liliana, als der Kettenschleier seinen Preis einforderte. Blut rann aus ihren Narben. Sie biss die Zähne zusammen. Sie hatte schon Schlimmeres erlebt – als die Narben aufgebracht worden waren zum Beispiel. Sie würde das hier schon überleben. Jace nicht.

„Er ist schon beinahe entzwei“, sagte der Rabenmann. „Töte ihn.“

„Keiner sagt mir, was ich zu tun habe!“, rief sie – zu ihnen beiden, zum Kettenschleier, zum Mond, zur Welt und zum Tod selbst. „Aufhören!“

„Du wirst mich töten müssen“, sagte Jace. Tränen strömten aus unmenschlich leuchtenden Augen. Lilianas Blick begann zu verschwimmen.

„Tu es“, sagte der Rabenmann.

„Jace, ich will dir nicht mehr wehtun!

Die Worte hallten von Steinen wider, das Hämmern in ihrem Kopf hatte aufgehört und einen Augenblick lang war außer dem Donnergrollen und dem Prasseln des Regens kein Laut zu hören. Der Rabenmann seufzte verächtlich und verschwand mit einem Rascheln seines Gefieders.

Das Leuchten in Jaces Augen erstarb, und er starrte zu ihr hinauf, bleich und schwitzend. Er sah plötzlich sehr jung und sehr verletzlich aus.

„Nicht mehr?“, fragte Jace. Seine Stimme war rau. „Wie in ‚nicht länger‘? Oder wie in ‚nicht mehr, als du mir bereits ...“

„Ich schulde dir keine Antworten“, sagte Liliana. „Du mir hingegen sehr wohl.“

Seine Bemerkung verriet Liliana zumindest, dass sie es mit dem echten Jace zu tun hatte. Wer sonst würde ihre Wortwahl auseinanderpflücken, anstatt sich mit dem Ernst der Lage zu befassen?

„Was hast du mir angetan?“, fragte er. Sein Atem ging noch immer schwer. „Ich fühle mich wie der Tod.“

„Das war auch genau meine Absicht.“

Beinahe lächelte er. Dann weiteten sich seine Augen und er rappelte sich auf.

„Du blutest!“, sagte er.

„Ja.“

Aufrichtige Sorge, nur Augenblicke, nachdem er versucht hatte, ihren Geist aufzuzwingen wie ein stures Marmeladenglas.

„Wir sollten ...“

„Nein“, sagte sie. „Verrate mir, was zum Teufel hier los ist.“

Endlich taperten ein paar Zombies in den Raum. Nicht die frischesten Exemplare. Sie waren schon reichlich mitgenommen, weshalb Liliana sie auch als Wachposten eingesetzt hatte. Jace hatte sie bei seinem Angriff eben wahrscheinlich einfach übersehen. Sie postierte sie zwischen sich und ihm, ließ sie aber nicht angreifen. Noch nicht.

„Du hast wirklich keine Ahnung?“

Zombies griffen nach seinen Armen und Beinen. Er wehrte sich nicht.

„Jace“, sagte sie durch zusammengebissene Zähne. „Erkläre dich. Sofort.“

„Ich ging zum Markov-Anwesen“, sagte er. „Es war ... wie umgekrempelt. Überall schwebten Steine, und Vampire steckten in den Wänden fest. So war das da. Klar? Ich fand ein Buch. Ein faszinierendes Buch. Sie hat etwas studiert ...“

„Wer?“

Blitze zuckten, und Liliana sah das Buch an seinem Gürtel. Es war ein riesiges, reich verziertes Ding mit einem ungewöhnlichen Einband. Sie hätte nichts dagegen gehabt, es sich genauer anzusehen – es sei denn, es war der Grund dafür, weshalb Jace so neben sich stand.

„Die Mondfrau! Sie war ... Kennst du das Mondvolk? Faszinierend, dieses Buch. Sie hat den Mond studiert. Den Mond und das, was er verursacht. Die Gezeiten, die Werwölfe, die Engel. Es ist alles miteinander verbunden! Diese seltsamen Steine in der Landschaft. Du hast sie nicht berührt, oder? Tu das nicht. Lass es einfach. Sie zeigen alle in die gleiche Richtung, und da war ein ... Ähm ... Ein ... Sie alle zeigen zu etwas hin. Das wollte ich sagen. Keine Himmelsrichtung. Ein Ort.“

„Wo?“

Donnergrollen.

„Parallaxe!“, sagte Jace und schaute zum Fenster, als hätte der Sturm ihm geantwortet. „Das ist das Wort, danke.“

Welcher Ort?

„Nefil ... Nef ... Nefalen“, stammelte er. „Ein Unterwassertempel an der Küste. Ich meine, sie liegen alle an der Küste. Natürlich. Unter Wasser. Wie eine Strömung im Wasser. Ich wurde zu diesem einen hingezogen. Und dort habe ich ihn dann gesehen.“

„Wen gesehen?“

„Den Mond!“, sagte er.

Sie spähte aus dem Fenster und hob eine Augenbraue. Der Mond war von Regenwolken verdeckt, doch ihr Punkt war dennoch deutlich.

„Nicht diesen Mond“, sagte er. „Den anderen Mond. Unsichtbar ... aber ich habe ihn gesehen ... Sei‘s drum. Engel flogen da herum. Und Zombies. Ich meine, die Engel flogen. Sie haben ... Ich meine, die Zombies haben irgendein riesiges Steingebilde gebaut. Engel kreisten in der Luft, und ich dachte ... Ich dachte, da du mich ja davon abhalten wolltest, zum Markov-Anwesen zu gehen ... Und ich weiß ja auch, wie viele Sorgen du dir wegen des Kettenschleiers machst. Genug, um etwas wirklich ... Verrücktes ... zu tun.“

Er starrte sie an. Sein Blick war plötzlich klar.

„Er ist voller Geister“, sagte er. „Seelen. Und du willst diese Geister loswerden, aber ihre Macht für dich behalten. Und wenn es eines gibt, womit man sich hier auskennt, dann sind es Geister ...“

Ihre Kehle schnürte sich zu, und einen Augenblick dachte sie, er hätte tatsächlich ihre Gedanken gelesen. Dann drehte er den Kopf zur Seite, dorthin, wo nichts weiter als ein stummer Zombie war, der ihn festhielt.

„Sei still!“, zischte er. „Also schön: Geister. Wen schert das schon?“

„Wen ...?“

„Nicht wichtig“, sagte er. „Diese Steine leiten alles Mana um und es fließt zu dem Kreis aus Monolithen im Unterwassertempel und die Zombies bauen ihn und die Engel werden wahnsinnig und du hasst Engel und vielleicht ... Vielleicht brauchst du eine Menge Mana. Um den Kettenschleier loszuwerden oder ihn irgendwie zu verändern. Das macht Sinn. Oder?“

„Nein“, sagte sie. „Das macht keinen Sinn, und du benimmst dich, als wärst du nicht du selbst.“

Es war Jaces üblichem Benehmen im Grunde gar nicht so fern, sich Hals über Kopf in ein faszinierendes Rätsel zu stürzen. Doch ganz gleich, wie tief er sich auch darin vergrub, behielt er dennoch stets eine gewisse Kontrolle – wenn schon nicht über die Situation, dann doch über sich selbst und seine Kräfte. Und das eine Mal, als sie Zeugin geworden war, wie er diese Kontrolle verloren hatte, war er in eine geistige Starre verfallen, die ein halbes Jahr angedauert hatte – es hatte am Ende den Tod eines Freundes gebraucht, damit er wieder zu sich selbst zurückfand.

Jace war ein sehr mächtiger Telepath. Falls er dem Wahnsinn anheimfallen sollte, würde er sie mit sich reißen. Sie und viele andere.

„Stelle keine Experimente mit dem Schleier an“, sagte er. „Lass es einfach. So viele Stimmen. So viele Seelen. Du weißt nicht, was du da womöglich entfesselst.“

„Ich ...“

„Versprich mir, dass du nicht mit dem Schleier experimentierst.“

Sie kniete sich neben ihn und versuchte, seine Aufmerksamkeit auf sich gerichtet zu halten. Sie wollte ihn eigentlich nicht berühren. Sie hatte tatsächlich Angst vor ihm. Ungeachtet dessen griff sie nach seinem Kinn und zwang ihn, sie anzusehen. Er blinzelte und zuckte zusammen.

„Jace“, sagte sie leise. „Was ist dir da draußen zugestoßen?“

„Nichts“, sagte er. „Alles. Nichts ist mir zugestoßen. Alles war schon genau so.“

Er versuchte, seinen Kopf zu drehen, doch sie hielt ihn fest, bis er nicht anders konnte, als sie anzusehen. Sie blickte in Augen, die nicht ganz jene Augen waren, die sie kannte.

„Du hast das wirklich nicht getan?“, fragte er.

„Wirklich nicht.“

„Oh, den Göttern sei Dank“, sagte er.

Er sackte nach vorn und ihre Zombies ließen ihn los. Liliana bettete seinen Kopf sanft in ihren Schoß und strich ihm mit den Fingern durchs Haar. Ihre Gedanken rasten.

Sie musste ihn hierbehalten. Sie musste ihn zu einem Heiler bringen oder vielleicht auch zu einem Geistmagier – zu so jemandem in dieser Art. Irgendwem, der entwirren konnte, was seinem Bewusstsein genau widerfahren war. Ehe sie das nicht getan hatte, würde er nicht sicher sein. Und sie genauso wenig.

„Du musst dich ausruhen“, sagte sie. „Du musst nachdenken. Und ein Bad wäre auch nicht schlecht, wenn ich das so sagen darf.“

Er schob ihre Hand von seinem Kopf und setzte sich auf. Sie legte ihre Hand auf seine auf dem Steinboden und versuchte, ihn so zu erden. Ihn dazubehalten.

„Dafür ist keine Zeit“, sagte er. „Wenn du es nicht bist ...“

„Es sieht dir nicht ähnlich, einfach wegen eines Bauchgefühls loszulaufen“, sagte Liliana.

Bringe ihn dazu, sich zu konzentrieren. Hierzubleiben.

„Ich kenne hier Leute. Ich habe Ressourcen, die du nicht hast. Wenn dieser Unterwassertempel mit dem in Zusammenhang steht, was mit den Engeln geschieht, dann können wir das herausfinden.“

„Die Schäferin wendet sich gegen ihre Herde“, sagte Jace.

Er sprach von Avacyn. Avacyn hatte sich gegen ihresgleichen gewandt und dabei eine Gewalt und eine Grausamkeit entfesselt, die jeden außer Liliana schwer zu schockieren schienen.

„Ist das aus deinem Buch?“, fragte Liliana.

Jace blickte sie an. Sein Blick war plötzlich wieder konzentriert. Er zog die Hand zurück und umklammerte das Buch an seinem Gürtel.

„Du darfst es nicht lesen.“

„Ich will es auch gar nicht –“, hob Liliana an und entschied sich dann doch für Ehrlichkeit. „Ich werde es nicht lesen.“

„Ich muss nach Thraben gehen“, sagte er.

„Was?“

„Thraben“, sagte er. „Dort befindet sich doch die Kathedrale, oder? Dort finde ich Avacyn.“

„Du kannst nicht einfach so zu Avacyn spazieren und nach Antworten verlangen“, sagte Liliana. „Besonders nicht jetzt. Sie wird dich töten.“

Und ich bin mir nicht sicher, ob sie an diesem Punkt nicht gut daran täte. Diese düstere Überlegung schaffte es, ihr einen spürbaren Stich zu versetzen, und Liliana zog einen gewissen Trost daraus.

„Thraben“, sagte er fest. „Warst du schon einmal dort?“

„Ja.“

Ich war da, habe es gesehen und mit einer Armee aus Zombies eingenommen. Sie war nicht gerade begierig auf eine Rückkehr.

„Wirst du ...“

„Nein“, sagte sie. „Ich komme nicht mit. Jace, sei doch vernünftig. Bleib hier. Wir stellen Nachforschungen an. Wir finden heraus, was wirklich vor sich geht.“

„Wir“, wiederholte Jace.

Er kämpfte sich auf die Beine und richtete sich drohend über ihr auf, während Blitze zuckten und der Donner grollte. Sie ließ ihn gewähren.

„Du und ich sind kein Wir“, sagte er. „Du versuchst, mich hierzubehalten.“

Sie erhob sich geschmeidig und schaute ihm in die Augen.

„Du hast mich durchschaut“, sagte sie. „Ich versuche, dich hierzubehalten. Du brauchst Hilfe, und ich will dir helfen.“

„Du willst mir helfen“, sagte er, „aber nur, wenn ich bei dir bleibe. Gerade so lange, wie es dir gefällt. Das ist es doch, oder?“

Es gab eine Grenze dessen, was sie hiervon ertragen konnte. Ihre rechte Hand gleißte vor nekromagischer Energie auf, purpurnweiß und bitterscharf.

„Im Augenblick“, sagte sie, „gefiele es mir am besten, dich zu töten und aufzuhören, mir Sorgen darum zu machen, welche Art von Urgewalt du aufstachelst, wenn du einem wahnsinnigen Erzengel Vorhaltungen machst.“

Er trat näher, griff nach ihrem Handgelenk – hatte er je so nach ihr gegriffen? – und richtete ihre leuchtende Handfläche auf seine Brust.

„Tu es“, sagte er. Seine Stimme war rau und wild.

Es wäre nicht das Schlimmste, was sie je getan hatte. Der Bedrohung ein Ende setzen. Der Unsicherheit. Wäre ihre Lage umgekehrt, so würde er genau das sicher zumindest in Betracht ziehen.

„Hattest du als Kind jemals ein Haustier?“, fragte sie stattdessen. „Eine Maus oder so etwas?“

Ihre Hand zischte noch immer voll sorgfältig zurückgehaltener Nekromagie.

„Ich ... Ich erinnere mich nicht an meine Kindheit. Zumindest nicht an sehr viel davon.“ Er blickte mit beinahe kindlicher Verwirrung auf ihre Hand. „W-warum?“

„Tu mir den Gefallen“, sagte sie. „Irgendwann hast du dich bestimmt mal um ein Tier gekümmert.“

„Es gab da ... eine Hündin“, sagte er. „In Ovitzia. Ihr habe ihr Reste zu fressen gegeben. Und ihr den Kopf gekrault, wenn ich vorbeischaute.“

„Was ist mit ihr geschehen?“

„Eines Tages kam ich vorbei, und sie war ...“ Er hielt inne, schluckte, blinzelte. „Warum fragst du mich das?“

„Wie hast du dich gefühlt?“

„Traurig“, sagte er. „Ziemlich verloren, um ehrlich zu sein. Für eine Weile. Aber ich bin darüber hinweggekommen. Offensichtlich.“

„Warum?“

„Weil ... Weil ich immer wusste, dass es so enden würde. Ich habe nicht darüber nachgedacht, doch ich wusste es. Ich ... Lili, warum?

„Weil ich mich genau so fühlen würde, wenn du tot wärest, du Dummkopf“, sagte sie. „Traurig. Für eine Weile. Und dann käme ich darüber hinweg. Weil ich immer wusste, dass es so enden würde. Verlasse dich also nicht allzu sehr auf meine guten Absichten. Eines Tages wirst du vielleicht feststellen müssen, dass sie nicht mehr genug sind.“

Er ließ ihre Hand los und trat zurück.

„Ich werde wahrscheinlich in Thraben sterben“, sagte er. „Entschuldige das schon mal im Voraus. Doch irgendjemand muss wissen, was hier vor sich geht.“

Jace wandte sich um und schritt davon.

Sie blickte ihm nach und schaute dann zu den regenüberströmten Fenstern, während seine verhüllte Gestalt in die Schatten außerhalb ihres Anwesens glitt.

„Herrin“, sagte eine rasselnde Stimme von der Treppe aus. Gared war sein Name. Mit seinem gebeugten Rücken und seinen unterschiedlich großen Augen wirkte er wie ein Homunkulus.

Sie drehte sich um und versuchte, nicht erschrocken auszusehen.

„Wie lange beobachtest du mich schon?“

„Oh, eine Weile“, krächzte die geduckte Gestalt und tippte mit einem Finger gegen ihren geschwollenen Augapfel. „Das ist‘s, was ich den Großteil der Zeit hier so mache.“

„Er hätte also deine Gedanken lesen können?“

„Oh, nein, Herrin. Ich habe keine. Zumindest sagt das der Meister.“

Er kicherte irr.

„Schön“, sagte Liliana. „Ist es so weit?“

„Der Meister bittet Euch, zum Turm zu kommen“, sagte Gared mit wackelndem Kopf. „Der Sturm ist in vollem Gange. Er braucht das Objekt.“

Sie schnaubte. Gared wandte sich um und trottete auf die Treppe zu.

„Ich wünschte, du würdest ihn als das bezeichnen, was er ist“, sagte sie.

„Meister Dierk ist ein Gelehrter“, sagte Gared. „Er wünscht, sich von der ... nun, Poesie ... der Lage fernzuhalten. Was kettet es an, hm? Was verschleiert es? Euch? Sie?“

„Schweig“, sagte Liliana. Doch sie folgte ihm.

„Ja, Herrin“, sagte Gared ohne größere Unterwürfigkeit. „Das ist genau das, was ich ansonsten die meiste Zeit hier so mache.“

Liliana folgte der schlurfenden Gestalt zur Treppe zum hohen Turm. Sie zog den Kettenschleier aus ihrer Tasche und blickte zum Fenster. Sie dachte an Jace, unsicher, ob sie sich um ihn sorgen oder ihn fürchten sollte.

Auf einem Ast krächzte die Silhouette eines Raben empört. Dann zuckten Blitze, Donner grollte und der Rabe war fort. Liliana schritt hinauf in die Dunkelheit.


Schatten über Innistrad-Storyarchiv

Planeswalker-Profil: Jace Beleren

Planeswalker-Profil: Liliana Vess

Weltenbeschreibung: Innistrad

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