Richtspruch

Veröffentlicht in Magic Story on 18. Mai 2017

Von Doug Beyer and Alison Luhrs

Was bisher geschah: Verstoß

Samut hat die Prüfungen, ihre Saat und ihr altes Leben hinter sich gelassen. Die letzten Tage hat sie auf der Flucht verbracht und verzweifelt versucht, lange genug am Leben zu bleiben, um sich dem Eindringling zu stellen, der ihre Welt so grundlegend verwandelt hat. Nach ihrer Entdeckung, dass ihre Stadt nicht das ist, was sie vor Jahrzehnten noch war, ist Samut entschlossen, ihren treuesten Freund Djeru davon zu überzeugen, ihr zu glauben. Als eine direkte Konfrontation ihn nicht überzeugt, wendet sich Samut an den einzigen Gott, der ihr Leben verschonen kann.


Samut hatte drei Tage verbracht, ohne einen Schatten zu werfen. Das Licht der Sonne war ein Luxus, auf den man auf der Flucht verzichten musste. Sie war von Versteck zu Versteck gehuscht und hatte sich in die dunklen Ritzen der Stadt hineingequetscht, wo sie für die Engel und die gesalbten Toten unsichtbar blieb.

Heute diente eine ehemalige Einbalsamierungskammer ihr als Zuflucht. Sie schlüpfte hinein, warf in ihrer Hast einen Tisch voller ausgetrockneter Salbentiegel und Organgefäße um, zog die Steintür hinter sich zu und entzündete eine Fackel an der Wand. Und dann wartete sie.

Drei Tage war es nun her, dass die Wesire und die gesalbten Toten sie aufgegriffen hatten. Nach ihren unklugen Rufen, mit denen sie ihre Abtrünnigkeit zur Schau gestellt hatte, hatten sich ihr Hände um die Arme und über den Mund gelegt und sie außer Hörweite der anderen Leute auf der Straße gezerrt. Zum geringen Preis einer ausgerenkten Schulter hatte sie sich von ihren Häschern befreit und war so schnell, wie sie nur irgendwie konnte, zu den dunklen Orte der Stadt geflohen – wie jedoch hatte sie nur so achtlos sein können? Wenn tausende Bewohner sich bereitwillig von einem wahren Teppich aus Lügen überziehen ließen, was hatte sie dann glauben lassen, ihr Geschrei auf der Straße könnte sie alle umstimmen? Das würde nicht mehr vorkommen. Nun galt es nur noch einen einzigen von ihnen umzustimmen.

Es scharrte an der Tür. Samut drückte sie auf und blinzelte in den Staub, der im Sonnenlicht tanzte. Eine Gestalt erschien: eine Wächtermumie, die von Kopf bis Fuß in Leinen gewickelt war. Samut winkte sie herein.

Die Mumie schlurfte Schritt für Schritt über die Schwelle. Als der Untote die Kammer endlich betreten hatte, schloss Samut die Tür mit einem Knirschen von Sandstein auf Sandstein wieder.

Die Mumie blickte Samut an, Fackelschein flackerte über straffe Bandagen.

Samut grinste. „Also? Jetzt umarme mich schon!“

Labyrinth-Wache (Einbalsamiert)
Labyrinth-Wache (Einbalsamiert) | Bild von Yeong-Hao Han

Die Schultern der Mumie sanken in sich zusammen. „Das ist Blasphemie“, murmelte sie mit einer vertrauten männlichen Stimme.

„Aber auf diese Weise hast du hierhergefunden, ohne dass einer von uns beiden dabei getötet wurde“, sagte Samut.

„Ich kann mich kaum bewegen“, sagte die Mumie und straffte die eingeengten Schultern. „Hilf mir mal hier raus.“

Samut half der Mumie, die Leinenbandagen abzunehmen. Das gesunde Gesicht ihres Freundes Djeru erschien, und er schüttelte den Rest der Verkleidung ab. Dies war das einzige Gesicht, das sie sehen wollte. Dies war ihr einziger verbleibender Verbündeter auf der Welt: ihr Saatgefährte, ihr Waffenbruder, ihr Freund.

Sie schlang die Arme um ihn. „Ich bin froh, dass du noch am Leben bist“, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Djeru löste sich aus der Umarmung und hielt Samut auf Armeslänge vor sich. „Wie kommt es, dass du frei bist und mich hierherbitten kannst? Ich hörte, dass sie dich nach deiner Zurschaustellung deiner ... Abtrünnigkeit ... an der kurzen Leine hatten.“

Samut suchte in seinem Blick nach einem Zeichen von Verurteilung. „Wegen meiner Ketzerei, meinst du.“

„Dafür, dass du dem Willen der Götter getrotzt hast“, sagte er leise.

„Deshalb habe ich dich hergebeten“, sagte sie. „Ich bin jetzt frei, Djeru. Und das kannst du auch sein.“

„Frei? Wovon denn? Willst du etwa, dass ich auch das Gesetz breche?“

Das hatte gesessen. Eine Verhaftung war in seinen Augen gleichbedeutend mit Schuld. War er bereit, ihre Freundschaft einfach so zu beenden? „Das Gesetzt ist korrumpiert worden. Genau wie die Götter.“

Djeru schüttelte den Kopf. „Du stellst den Gott-Pharao selbst infrage.“

Samut rang die Hände. „Aber er ist doch ebenjene Lüge, die die Welt ins Verderben gestürzt hat! Es gab alte Bräuche vor dem Gott-Pharao und vor diesen Prüfungen. Er hat dafür gesorgt, dass die Welt sich selbst vergisst! Er hat sie und die Götter auf eine Weise neu erschaffen, dass sie ihm dienlich sind.“

„Hast du mich deshalb hergerufen? Um mir Geschichten aufzutischen?“ Er schüttelte verdrossen den Kopf. „Ich sollte eigentlich bei einer Übung sein, Samut. Die Prüfung des Eifers steht kurz bevor. Oder hast du vergessen, was es bedeutet, ein Geweihter zu sein?“

„Ich habe nicht vergessen, was es dir bedeutet.“ Sie legte eine Hand auf seinen Arm und drückte ihn leicht. „Aber ich kann eine Lüge nicht Wahrheit nennen, und du solltest das auch nicht.“

„Was willst du damit sagen?“

„Dass du nicht zur letzten Prüfung gehen sollst.“

„Samut.“

„Wirf dich nicht einfach so weg. Biete ihnen nicht dein Leben an für nichts als ... Zerstreuung.“

„Zerstreuung? Du nennst den heiligsten Höhepunkt meines Lebens eine Zerstreuung – ?“ Er begann, verärgert auf und ab zu tigern.

Das war falsch von ihr gewesen. Schmerzlich falsch. „Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es ist nur ... Ich habe gesehen, was die Wesire uns nicht sehen lassen wollen. Ich habe gesehen, wie unsere Gesellschaft ... in ein Zerrbild ihrer selbst verwandelt wurde. Das Knochengerüst unserer Welt wurde aus ihr entfernt und durch etwas anderes ersetzt. Du glaubst, dass du dich als würdig erweist, Djeru, aber du wirst dich nur selbst vernichten.“

Er deutete mit dem Finger auf sie. „Aber du sagst mir, ich soll mich auf eine andere Weise vernichten, indem ich nämlich alles wegwerfe, wofür ich gearbeitet habe. Du sagst mir, ich soll mich und die Götter entehren.“

Er entglitt ihr. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. „Würden die Götter wollen, dass du stirbst? Würde Nakhit wollen, dass du stirbst?“, fragte Samut und wusste sofort, dass es genau die falsche Frage gewesen war.

„Wage es nicht, seinen Namen hierfür zu verwenden“, herrschte Djeru sie an. „Nakhit starb unwürdig draußen in den Dünen – wegen unserer Dummheit. Wegen unseres törichten Verstoßes. Und nun wandelt er durch den Sand und beißt die Eingeweide aus verdorrten Leichen. Diesen Fehler werde ich mit meinem eigenen Leben nicht machen.“

Samut wollte ihn anschreien: Du Dummkopf! Du stolzer und einfältiger Narr! Du würdest lieber sterben, als zuzugeben, von einem falschen Pharao hereingelegt worden zu sein! Doch sie versuchte, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen. Sie wusste, wenn sie ihn anschrie, würde sie nur zu einer weiteren namenlosen Abtrünnigen werden, die auf den Straßen vor sich hin zeterte – und ihn an seinen selbstzerstörerischen Glauben verlieren.

„Djeru, mein Freund“, sagte sie. „Nakhit starb, um uns zu zeigen, wie es ist, wenn ein Leben zu früh ausgelöscht wird. Um uns die hässliche Fratze des Todes zu zeigen.“

„Nein“, sagte Djeru. „Er starb für nichts.“

Etwas zerriss in ihr. „GENAU WIE DU ES WIRST!“, brüllte sie ihn an. Ihre Worte dröhnten in der von Fackelschein erleuchteten Kammer und hallten von den steinernen Wänden wider.

Djeru hob das Kinn und schlug sich in ritueller Feierlichkeit auf die Brust. „Ich sterbe, um ewig aufzuerstehen“, sagte er im Rhythmus der Gesänge der Geweihten.

Samut ließ den Kopf sinken, da er sich plötzlich sehr schwer anfühlte. Sie lief langsam im Kreis, rieb sich den Nacken und zupfte sich an den eng geringelten Locken. Jeder Instinkt in ihr sagte ihr, dass jeder Versuch, ihn vor sich selbst zu retten, zwecklos war. Natürlich konnte sie diese Entscheidung nicht für ihn treffen – je mehr sie ihn unter Druck setzte, desto mehr würde er sich vor ihr zurückziehen. Sie musste es gut sein und ihn seine eigene Entscheidung treffen lassen.

Allerdings gehörte es nicht gerade zu ihren Stärken, etwas gut sein zu lassen.

„Nimm nicht an dieser Prüfung teil“, sagte sie.

Er lachte bitter auf. „Dir ist klar, dass ich gehofft hatte, dass du mich hierhergerufen hast, um mich um Hilfe zu bitten?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich dachte, du wolltest, dass ich dir helfe, zurück auf den rechten Weg zu finden. Mich für dich an Temmet zu wenden. Dich vielleicht davor zu bewahren, irgendwo in einem Sarkophag zu verrotten.“

„Djeru.“

„Du glaubst, ich werfe mein Leben weg? Du könntest die beste Geweihte unserer Zeit sein. Was für eine Verschwendung, Samut. Du hast dich entschieden, alles wegzuwerfen.“

„Es kümmert mich nicht, was du von mir hältst“, flüsterte sie. „Wenn du nur einfach nicht stirbst.“

„Vielleicht können die Götter dich Glauben lehren, Abtrünnige“, sagte Djeru und machte sich auf den Weg zur Tür. „Ich werde für dich zu Hazoret beten.“

Er drückte die Tür auf. Einen Augenblick lang strömte blendendes Licht von draußen herein. Dann kratzte Sandstein auf Sandstein, und es war wieder still in der Kammer. Schatten schwankten im Fackelschein.

Sie stand lange dort und suhlte sich in ihrem Scheitern. Irgendwann hinterfragte sie ihre eigene Stimmung und setzte sich mit der Möglichkeit auseinander, dass sie genug getan hatte, um das Leben ihres Freundes zu retten. Vielleicht war die Unterhaltung schon genug gewesen. Vielleicht hatte sie genug Zweifel in Djerus Herz geschürt, dass er den Lügen des Gott-Pharaos widerstehen und sich von den Prüfungen abwenden würde – und vielleicht dankte er ihr sogar, dass sie sich für ihn eingesetzt hatte. Vielleicht würde er sich ihr erneut als Freund nähern und mit gesenktem Kopf um Verzeihung bitten – das war doch möglich, oder nicht?

Es gelang ihr, ganze drei Augenblicke lang daran zu glauben.

Djeru war unnachgiebig. Er würde wahrscheinlich in den wenigen kostbaren Tagen vor der Prüfung nicht wieder mit ihr sprechen, geschweige denn seine Meinung ändern. In der Zwischenzeit wimmelte es in der Stadt vor Mumien und Wesiren, die sie tot sehen wollten. Würde sie ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zeigen, dann wäre das sicherlich das letzte Mal.

Und dennoch kreisten Djerus Worte durch ihre Gedanken, und ein eigenartiges Gefühl nagte an ihr. „Ich werde für dich zu Hazoret beten“, hatte Djeru gesagt. Was als Mitleid gedacht war, erschien mehr wie eine günstige Gelegenheit.

Sie zog die Tür auf und rannte aus den Schatten in das blendende Licht der zwei Sonnen.


Samut bremste bereits ab, als sie über die Schwelle des Monuments huschte – ein Manöver, bei dem der zeremonielle Läufer unter ihren Sohlen Falten schlug. Sie wirbelte herum und blickte mit gezückten Klingen zurück, doch die Gruppe Mumien, die sie verfolgt hatte, hatte am Eingang angehalten. Ihre ausdruckslosen Blicke waren auf sie geheftet und sie lächelten ihr vages, linnenes Lächeln, aber sie rührten sich nicht. Sie brauchten die ausdrückliche Erlaubnis, um das Haus eines Gottes zu betreten.

Samut kam zu Atem und steckte die Klingen weg. Eine Reihe breiter, von Feuerschalen in Form eines Schakals erhellte Stufen führte ins Unbekannte. Samut konnte nicht sehen, wie weit die Treppe reichte – irgendwo nach oben in Richtung des höchsten Punkts des Monuments. In den Kopf eines Gottes.

Samut kniete und verbeugte sich so tief, dass ihre Stirn den Boden berührte. „Ich bitte um eine Audienz, mächtige Hazoret.“ Sie bewegte sich erst wieder, als sie die Stimme hörte.

Du darfst eintreten, Geweihte.

Die Stimme erklang von überall her – laute Worte in einer altertümlichen Aussprache. Samut stand auf und sah, dass die Mumien noch immer draußen warteten. Sie nahm eine zeremonielle Kerze und entzündete sie an einer der Feuerschalen. Vorsichtig balancierte sie die Kerze in ihrer Handfläche und setzte einen Fuß auf die erste Stufe. Was konnte sie der Göttin sagen, was Djerus Leben verschonen würde? War sie hierzu überhaupt bereit?

Sie stieg die Stufen hinauf.

Mit jedem Schritt wurde die Treppe schmaler und die dunklen Wände rückten näher. Ihr wurde klar, dass Gestalten in der Dunkelheit standen: reglose Mumien, deren Leiber in die Stoffe und Hieroglyphen Hazorets gehüllt waren. Samut fragte sich, ob es sich wohl um die Opfer vergangener Zornesausbrüche der Göttin handelte, Emporkömmlinge, die des Paradieses vor ihr nicht würdig gewesen waren.

Samut gelangte auf eine Empore, wo es ihr den Atem verschlug. Ein zehn Meter hoher Vorhang aus Feuer, eingerahmt von einem gewaltigen, vergoldeten Bogen, erhob sich vor ihr. Funken sprühten und verglommen in Samuts Haar. Ihr Gesicht brannte, doch sie versuchte, ihre Kerze nicht fallen zu lassen.

Der Flammenvorhang teilte sich, und das Erste, was Samut sah, waren Füße. Sie blickte auf. Hazoret schaute auf sie herab. Ein leuchtender Ring kreiste sanft und kräuselnd um das Gesicht der Schakalgöttin, ein Halo aus lebendigem Gold.

Der Mund der Göttin bewegte sich, doch der Klang ihrer Stimme kam aus allen Richtungen. „Wir werden sprechen, bis die Kerze verloschen ist. Möchtest du dich setzen, Geweihte?

Samut bemerkte, dass sie von Bänken, gepolsterten Sesseln und verzierten Diwanen umgeben war – alle in einer für Sterbliche geeigneten Größe und von strahlenden Wachskerzen erhellt. Hazorets innerster Tempel glich einem gemütlichen, traditionellen Herdfeuer, um das die Familie sich versammeln konnte.

Samut räusperte sich. „Danke, große Hazoret“, sagte sie. „Aber ich bin keine Geweihte. Nicht mehr.“

Deine Worte und dein Herz sind nicht in Einklang. Setz dich.

Rasch ließ Samut sich nieder, die Kerze noch immer in der Hand.

Die Göttin nahm eine bequeme Sitzhaltung ein, bei der sie die Beine unter dem Körper übereinanderschlug und so die gesamte Mitte ihres Herdfeuers für sich beanspruchte. „Warum kommst du so gepeinigt zu mir, wo es doch Zeit zu frohlocken ist?

Samut war unbehaglich dabei, wie schnell und tief die Göttin ihr in die Seele geblickt hatte. Es war zwar natürlich nicht das erste Mal, dass sie einer Göttin angesichtig wurde, doch es war das erste Mal, dass sie allein mit einer sprach. „Ich bitte um Vergebung, o Inbrünstige. Ich kann keine Freude ob der bevorstehenden Prüfung empfinden.“ Samut holte zitternd Luft. „Mein Freund Djeru wünscht sich den Tod. Bei Eurer Prüfung. Durch Eure Hand.“

Dann solltest du feiern!“, sagte Hazoret. „Dein Freund hat den Mut, nach dem höchsten aller Ziele zu streben. Wie auch du es solltest.

Samuts Hände zitterten, während sie ihre Kerze hielt. Die winzige Flamme flackerte, und das Wachs begann zu zerschmelzen. Wo waren all ihre Zuversicht und all ihr Selbstvertrauen hin, mit denen sie Djeru gegenübergetreten war? Wo war ihre Überzeugung, dass die Götter getäuscht worden waren – jetzt, da sie die Gelegenheit hatte, es einer Göttin ins Gesicht zu sagen? „Ich weiß, dass dies das ist, was man uns lehrt. Dass wir alle kämpfen müssen, um uns unseren Platz im Jenseits zu verdienen. So sagen es die Wesire.“

Ihr Rat ist weise.

„Und ich ... Ich weiß, dass Djeru nicht will, dass ich mich in seinen Weg einmische.“ Sie bemerkte, dass sie mehr zu ihrer Kerze als zu der Göttin sprach. Wenn sie der Göttin des Eifers gegenüber ehrlich sein wollte, musste sie bestimmter auftreten. „Aber ich kann seinem Wunsch nicht Folge leisten. Er kennt die Wahrheit über das Leben nach dem Tod oder die Prüfungen nicht.“

Hazoret neigte den Kopf und schien nicht amüsiert. Ihre Augen waren kalte Flammen voller Herausforderung. „Aber du kennst sie, Geweihte? Du kennst sie?

Samut verbeugte sich beschämt. Sie öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch sie fand keine Worte. Schlagartig wurde ihr bewusst, wie klein und anmaßend sie war: Sie saß auf dem Diwan einer Göttin, war im Heim einer Göttin willkommen geheißen worden und nur auf Einladung einer Göttin hin hier. Die mächtige Hazoret hatte sich unermesslich großzügig gezeigt, indem sie ihr ihre Zeit schenkte, und sie hatte nur kindische, unverschämte Beschwerden vorgetragen. Kalte, verwirrende Tränen füllten Samuts Augen.

Die Empore erbebte, als würde eine tiefe Schwingung durch das gesamte Monument fahren. „Für dieses Sakrileg könnte ich dich niederstrecken“, sagte Hazoret. „Das weißt du.

„Ja“, flüsterte Samut.

Aber es ist niemals mein Wunsch, das Herz einer Kriegerin in Ketten zu legen. Und ich sehe, dass dein Herz sich nach dem Kampf sehnt. Kämpfe also, Geweihte Samut. Kämpfe für die Wahrheit in deinem Herzen.

Samut musterte die fleischgewordene Wildheit und Anmut vor sich. Bewunderung übermannte sie: Sie sehnte sich danach, dass Hazoret stolz auf sie war. Und in einer schrecklichen Folge dessen fürchtete sie sich entsetzlich davor, in ihren Augen zu versagen.

Doch wenn sie ihre Bitte nicht vortrug, würde sie stattdessen Djeru im Stich lassen.

„Ich weiß nicht, wie ich um das bitten kann, worum ich bitten muss“, sagte sie.

Der Boden wankte. Dornen lebendigen Goldes strahlten von Hazorets Gesicht ab. „Zögert eine Kriegerin? Sprich!

Samut verbeugte sich und drängte die Tränen weg. „Große Hazoret, Wächterin des Tores“, sagte sie. „Ich bin hier, um um Djerus Überleben zu bitten. Ich bitte darum, dass Ihr, wenn er Euch sein Leben anbietet, es nicht annehmt.“

Hazoret lehnte sich zurück. Die hellen Flecken ihrer Augen wanderten von Samut zur Decke und zu irgendeiner Ferne im Geiste, die Samut nicht zu erfassen vermochte. Nach einer Weile sah die Göttin wieder auf Samut herab. „Dies ist eine ernste und beklagenswerte Angelegenheit. Ist dies, was er begehrt?

„Ich sprach mit ihm, doch er verweigerte sich mir.“

Du würdest also gegen seinen Willen seinen Weg ändern? Möchtest du sein Herz in Ketten legen? Möchtest du ihm nicht den gleichen Gefallen erweisen, den ich dir erweise?

Alles in Samut wollte sich betreten zusammenkauern. Beinahe hätte sie ihre verlöschende Kerze zu Boden geworfen und wäre geflohen. Doch der Gedanke an Djeru, der am Boden lag und verblutete, blitzte in ihrem Kopf auf. Sie sah sein Leben aus zwei Einstichen entweichen – einer in seinem Kopf und ein zweiter in seinem Herzen. Ihr Kampfgefährte, der seinen Traum eines sinnlosen Todes verwirklichte. Der Gedanke schloss sich wie eine Faust um ihr Herz und drückte zu.

„Er müht sich nur wegen einer Lüge.“

Dieser Geweihte. Djeru. Du bezeichnest ihn als Freund?

„Das tue ich.“

Und obwohl du den Glauben deines Freundes siehst – den Glauben, der sein Herz in Flammen versetzt –, möchtest du ihm sagen, dass er sich täuscht?

„Das tue ich, mächtige Hazoret. Aber wenn ich ...“ Samut schluckte und nahm allen Mut zusammen, um Hazoret in die Augen zu sehen. „Ist es möglich, dass Ihr ... Euch ebenso täuscht?“

Hazoret antwortete nicht, doch Samut spürte das Grollen der Empore unter ihr und das Erzittern jedes Ziegelsteins in den Wänden um sie herum. Schlurfende Echos erklangen weit unten an der Treppe: die sich unaufhaltsam nähernden Schritte herbeigerufener Mumien.

Hazoret beugte sich zu ihr, und plötzlich erschien ihr die Göttin zehn Mal größer, da sie nun ihr gesamtes Blickfeld ausfüllte. Nichts außer dem Schakalsgesicht voller wabernden Goldes existierte mehr, heiß und knisternd und unmittelbar.

Samut sank ein Stück auf ihrem Kissen zusammen. Doch selbst jetzt, als der lodernde Zorn der Göttin sie einhüllte, fühlte sie sich von einem außergewöhnlichen Gefühl der Liebe durchströmt: der Liebe der Göttin. Da sie sich nun derart nahe waren, spürte Samut die warme Großzügigkeit in Hazorets Einladung, die Gastfreundschaft des Herdfeuers ihres Tempels, den Schutz der dicken Mauern ihres großen Hauses. Dies war Hazorets Herz. Dies war die Hazoret, wie sie einst vielleicht gewesen war. Dies war eine Verbindung.

„Gütige Hazoret“, flüsterte Samut. „Erinnerst du dich, wie wir dich einst genannt haben? Die Bewohner dieser Welt nennen dich nun Torwächterin und das Ende der Prüfungen – und auch die Mutter des Eifers. Nährerin der Herzen. Wir sind deine Kinder, deine Familie. Du warst nicht immer eine grausame Göttin, die mit Feuer und Speer am Tor zum Tod stand. Du warst eine Göttin des Mitgefühls und der Inspiration, deren feuriges Herz die Menschen zu ihren größten Erfolgen anspornte.“

Ein Lichtschimmer glitt über Hazorets goldenes Antlitz, und Samut glaubte zu sehen, wie die Göttin kurzzeitig und kaum wahrnehmbar ein winziges Stückchen zurückwich.

„Du bist eifrig, ja“, fuhr Samut fort. „Aber ich fürchte, dass man die Inbrunst, die dich einst groß gemacht hat, dergestalt pervertiert hat, dass du abgestumpft wurdest. Zu einem Werkzeug des Todes anstelle einer Verfechterin des Lebens. Ist noch irgendetwas davon in dir? Gibt es noch einen kleinen Funken einer Erinnerung an die Zeit vor dem Gott-Pharao?“

Hazorets Gesicht hing über ihr in der Luft und loderte vor majestätischem Feuer. Tränen rannen über Samuts Wangen und verdampften. Sie konnte nur auf den Richtspruch der Göttin warten.

Dann sprach Hazoret, und ihre Worte waren Donner.

Mögen dir die Ammits das Herz aus der Brust reißen.

Hazoret richtete sich zu voller Größe auf und wandte sich von Samut ab. Das Gesicht der Göttin war nun teilnahmslos und bar jeder Regung – sämtliche Verbundenheit war zerschlagen. Samut senkte den Blick, um in ihre Kerze zu schluchzen, doch diese war bereits in einer Handvoll Wachs erloschen.

Als Dienermumien den Tempel füllten, sprach die Göttin ihre letzten Worte zu Samut. Die Worte zerschmetterten Samuts Herz – nicht wegen des Versprechens einer Strafe, sondern wegen der Zurücknahme ihrer Einladung.

Gesalbte“, sagte die Göttin des Eifers. „Ergreift die Abtrünnige.


Samut konnte ihren eigenen Atem auf ihrem Gesicht spüren. Der Sarkophag war eng. Seine Wände waren nur eine Handbreit von ihrer Haut entfernt. Ihre Arme waren in die Ärmel in seinen Seiten gesteckt worden, sodass ihre Hände ihren Körper nicht mehr berühren konnten und der trockenen Luft draußen ausgesetzt waren. Es war Stunden her, seit man sie in den Sarkophag hineingezwängt hatte, und als nun die erste Sonne am Himmel aufstieg, stieg auch die Temperatur in ihrem Gefängnis langsam an.

Schon vor Stunden war sie schlimm durstig geworden, und bis der Durst Verzweiflung gewichen war, hatte sie schon jegliches Zeitgefühl verloren gehabt.

Anfangs hatte sie noch versucht, sich zu befreien. Sie versuchte, die Ellenbogen durch die Wände zu rammen, doch das führte nur zu Prellungen und schmerzenden Knochen. Sie wand sich und drückte, doch ihr kleiner Kerker schien auf eine Weise verzaubert, dass es unmöglich war, aus ihm auszubrechen.

Sie weigerte sich zu weinen. Hauptsächlich aus Trotz. Und weil sie keine weitere Flüssigkeit entbehren konnte. Und weil sie wusste, dass sie genau dort war, wo sie sein sollte.

Sie bemerkte schnell, dass sie nicht allein war. Links und rechts von ihr standen ebenfalls Sarkophage, und in jedem befand sich ein Abtrünniger wie sie selbst. Ihre Ketzereien waren alle verschieden, doch jeder hatte genug erfahren, um zu wissen, dass es ihre Pflicht war, die Neuankömmlinge über das aufzuklären, was nun folgen sollte.

„Es gibt keine Ungeheuer in der Prüfung des Eifers“, hatte jemand zu Samuts Linken gesagt. „Die Ungeheuer, denen sich die Geweihten in der letzten Prüfung stellen müssen, sind die Abtrünnigen selbst.“

„Alles, was sie uns erzählen, ist eine Lüge.“ Samut schüttelte den Kopf. Ihre Schläfen stießen an die Seiten des Sarkophags.

„Die Geweihten kämpfen gegen Abtrünnige und Ketzer, um ihren Glauben zu beweisen. Sie werden uns bald holen, denn wir sind die Nächsten.“

„Ich glaube, wir werden die Letzten sein“, sagte jemand zu Samuts Rechten. „Die zweite Sonne ist nur noch Stunden von ihrem Zenit entfernt.“

Von weiter entfernt in der Reihe: „Möge seine Rückkehr bald bevorstehen!“

Zu beiden Seiten von Samut: „Sei still!“

„Der Gott-Pharao ist nicht von dieser Welt“, sagte Samut. Die anderen verstummten, um ihr zuzuhören. „Ich habe die alten Tempel gesehen. Unsere Götter sind echt, aber er ist es nicht.“

Die anderen schwiegen. Samuts Stimme klang nun tödlich ernst.

„Wenn wir unsere Welt retten wollen, sobald er zurückkehrt, muss ich das Leben eines bestimmten Akolythen retten.“

„Warum dieser eine?“, fragte die Stimme zur Linken.

„Er ist stark und voller Überzeugung“, antwortete Samut. „Wenn irgendwer einen Gott davon überzeugen kann, dass er belogen wurde, dann er. Wenn es mir gelingt, ihn zu überzeugen, dann kann er alles vollbringen, und wir können unser Leben frei vom Einfluss des Eindringlings leben.“

Samut wusste, dass Djeru sie hierfür hassen würde. Sie wusste, dass er ausspucken, kämpfen und vermutlich versuchen würde, sie zu töten, weil sie seinen Tod verdorben hatte, doch es war nötig. Ohne ihn konnte sie sich dem hier nicht stellen.

Der heiße Tag wurde zu einer kühlen Nacht, und Samut erschauerte jedes Mal, wenn sie die Wände ihres Gefängnisses berührte. An Schlaf war kaum zu denken, und ihre Muskeln verkrampften sich, je mehr sie versuchte, ruhig liegen zu bleiben, um den Sarkophag nicht zu berühren.

Am Morgen würden sie kommen. Sie würden sie in die Arena führen. Sie würde endlich Djeru überzeugen. Sie würden lebend von hier fortgehen und gemeinsam den Eindringling besiegen, der ihre Welt ursprünglich ins Verderben geführt hatte.

Ihre Schlaflosigkeit wurde von Stimmen draußen unterbrochen.

„Als Nissa versucht hatte, ihr zu folgen, führte uns das hierher –“

„Sind das ...Hände?“

„Die waren vorher noch nicht hier. Hier drin sind Menschen ... Warte ...“

Sengende Hitze und ein Lichtblitz drangen durch eine Ritze im Sarkophag. Das Gefängnis fiel auseinander, und Samut blinzelte, bis sie wieder mehr erkennen konnte als nur Schemen. Vor ihr standen zwei Fremde: eine rothaarige Frau und ein großer kräftiger Mann.

Dies waren nicht diejenigen, die sie zur letzten Prüfung führen sollten. Das war falsch, dachte Samut. Sie sollte nicht gerettet werden!

Samut wollte losrennen und stolperte über ihre verkrampften, erschöpften Beine. Sie wurde von einem ihrer Befreier aufgefangen, einem Mann, der sich als Gideon vorstellte. Er erklärte ihr, dass sie sie vor Tagen gesehen hatten, wie sie ihrer Festnahme entgangen war, und dass sie gekommen waren, um sie zu retten.

Samut wollte ihn für seine Überheblichkeit auslachen. Stattdessen fragte sie ihn, was er ausgerechnet von ihr wollte.

Die Frau an seiner Seite stellte sich als Chandra vor und bat Samut um eine Erklärung, was sie vor einigen Tagen gemeint hatte, als sie versucht hatte, die Menschen vor der Lüge der Stunden zu warnen.

Sie schob die Verwunderung darüber beiseite, wie sie sie überhaupt gefunden hatten, und erzählte den Fremden, was sie in Erfahrung gebracht hatte: von den leeren Grabmälern und davon, wie man die, die bei der Prüfung des Eifers gestorben waren, an einen anderen Ort brachte, und von ihrem Tanz und den toten Generationen vor ihr. Sie sah dabei zu, wie die beiden Fremden Blicke wechselten, nickten und nach Hilfe schickten. Schließlich kamen drei weitere Fremde hinzu. Sie tauschten Informationen aus und versuchten abzuschätzen, wann der Gott-Pharao zurückkehren würde.

Samut hatte Mühe, sich die ganzen Namen zu merken, nachdem sie nun auch noch Nissa, Jace und Liliana kennengelernt hatte. Sie half ihnen, die anderen Abtrünnigen aus ihren Sarkophagen zu befreien, während die Fremden einander auf den neuesten Stand brachten.

Jace übernahm die Aufgabe, ihre neue Bekanntschaft einzuweihen. „Der Gott-Pharao ist ein Drache von einer anderen Welt, Samut. Ich glaube, er kam in einem Augenblick der Verzweiflung hierher. Ansonsten hätte er sich sicherlich eine eigene Welt erschaffen.“

Nissa berichtete ihnen, was sie an den Wänden Naktamuns gefunden hatte. „Es scheint einmal acht Götter gegeben zu haben. Jetzt sind es nur noch fünf. Ich weiß nicht, was mit den anderen drei geschehen ist, aber die verbliebenen Götter wurden alle so verändert, dass sie Nicol Bolas von Nutzen sind.“

„In der Prüfung des Ehrgeizes bringt man einander um“, sagte Gideon mit von Verwirrung durchdrungener Stimme. „Die Prüfungen dienen dazu, Leichen hervorzubringen. Diejenigen, die in der Prüfung des Eifers sterben, werden an einen anderen Ort gebracht. Ich habe nicht herausfinden können, warum.“

Liliana holte tief Luft.

„Mein dritter Dämon ist hier.“

Hier geriet das Gespräch ins Stocken. Samut hatte keine Ahnung, was die Frau meinte, doch die anderen waren vor Zorn verstummt.

„Und das hast du uns nicht gesagt?“, schnaubte Chandra.

Nissas Augen verengten sich. „Hattest du jemals vor, uns mit Bolas zu helfen, oder war dies dein wahrer Grund?“

Gideon lenkte die Aufmerksamkeit der Gruppe auf den Mann in Blau. „Jace, wusstest du davon?“

Der Mann druckste verlegen herum. „Das ist eine Art zweite Aufgabe unserer Gruppe. Je früher Liliana aus ihrem Vertrag befreit wird, desto früher kann sie mit all ihrer Macht kämpfen ...“

Nissa schüttelte den Kopf. „Jace, das widerspricht dem, weswegen wir hier sind.“

Chandra sprach das Wesentliche aus. „Für jemanden, der so klug ist, denkst du eine Menge mit allen möglichen Körperteilen außer deinem Gehirn, du Volltrottel.“

„Liliana, erwartest du wirklich, dass wir alles stehen und liegen lassen, weswegen wir hier sind, und deine Kämpfe für dich ausfechten?“, fragte Gideon und blickte die Frau in Violett an.

Sie rieb sich das Kinn und legte abwesend die Hand auf ihre rechte Tasche. „Ja, denn ihr könnt Bolas nicht ohne mich besiegen.“

„Seid still!“, unterbrach sie Samut. Die anderen starrten sie vor Wut bebend an. Sie besänftigte ihre Stimme und blickte jedem der Eindringlinge in die Augen.

„Ich möchte eines klarstellen“, sagte Samut. „Wir haben keine Zeit, um uns zu streiten. Wir haben gerade genug Zeit, um zur Prüfung des Eifers zu gehen und den einen Menschen zu retten, der mir dabei helfen kann, Naktamun aufzurütteln. Der Gott-Pharao ist nicht hier, wir wissen nicht, wozu er fähig ist, bevor er hier eintrifft, und jeder Einzelne von euch wird mir dabei helfen, meinen Freund zu retten, denn keiner von euch hat irgendeine Idee, was wir sonst tun könnten. Verstanden?“

Jeder der fünf nickte verschämt.

„Gut.“

Gideon trat vor. „Ich schwöre, dass ich dir dabei helfe, das Leben deines Freundes zu retten.“

Er ist schnell mit Versprechungen bei der Hand, dachte Samut. Sie nickte.

Und erstarrte.

Sie hatte sie gespürt, bevor sie sie sah.

Die Götter.

Alle.

In einer Reihe, angeführt von Hazoret, näherten sie sich. Die anderen vier mussten hier sein, um dem Schauspiel beizuwohnen und um beieinander zu sein, wo der Gott-Pharao nun beinahe schon hier war.

Samut verspürte den Drang, sich mucksmäuschenstill zu verhalten. Die anderen Sterblichen erlagen dem gleichen Zauber.

Abtrünnige. Eure Zeit ist gekommen“, sagte Hazoret mit einer Stimme hart wie Stein. „Kommt und stellt euch den letzten Geweihten in der letzten Prüfung.

Ein Schleier senkte sich auf die Gruppe, und alles wurde dunkel.


Hazoret die Inbrünstige (Invocation)
Hazoret die Inbrünstige (Invocation) | Bild von Joseph Meehan

Die Abtrünnigen erwachten mit Kartuschen der Beherrschung um den Hals. Sie standen reglos wie die Toten in der Mitte einer gewaltigen Arena. Die Zwillingssonnen brannten herab, und ein Schweißfilm hatte sich ihnen im Nacken gebildet.

Samut, Chandra, Jace, Gideon, Nissa und Liliana waren gezwungen worden, sich in einem Kreis aufzustellen, wobei jeder von ihnen nach außen blickte. Am anderen Ende der Arena befand sich eine große Plattform, und darauf stand Hazoret, die Göttin des Eifers, zu beiden Seiten von den anderen vier Göttern Amonkhets flankiert.

Es war schwer, das Pantheon anzusehen. Ihr Blick erfüllte die Abtrünnigen mit Scham. Nur Samut blickte den Göttern in die Augen: Das Feuer in ihrem Herzen richtete sich nicht gegen die Götter, sondern gegen denjenigen, der sie mit einem solch schlimmen Makel versehen hatte. Ihre Götter waren gut. Sie waren gut. Das, was ihnen angetan worden war, war eine nie gekannte Sünde. Wer auch immer der Eindringling war, er würde dafür bezahlen.

Auf den Tribünen standen schweigend und unbewegt die Gesalbten. Die ehrfürchtige Stille der ehemaligen Geweihten erfüllte Samut mit einer zaghaften Ehrfurcht, gemahnte die Gegenwart der Untoten sie doch an die besondere Zukunft, die jene erwartete, die an der letzten Prüfung teilnahmen.

Unter der Plattform, auf der die Götter thronten, standen vier Geweihte. Jeder war vor Aufregung angespannt und wünschte sich verzweifelt den Sieg.

Während die anderen Abtrünnigen durch den Zauber der Kartuschen wie erstarrt dastanden, begann Jace einen mentalen Angriff auf die Kartusche um seinen eigenen Hals. Sie sorgte zwar dafür, dass er sich nicht rühren und nicht sprechen konnte, doch sein Geist konnte dagegen ankämpfen.

Jace, ich glaube, ich habe es.

Die weißen Blüten von Nissas Stimme in Jaces Bewusstsein zogen seine Aufmerksamkeit auf sich. Er lugte nach links und sah Nissas Hand zucken und sich aus eigenem Willen heraus und entgegen der Verzauberung der Kartusche zu bewegen.

Wie hast du das gemacht?, fragte Jace in ihrem Geist.

Sie erwiderte mit so etwas wie einem geistigen Schulterzucken. Sie ähneln Leylinien, dachte sie. Eine andere Manaquelle, aber das gleiche Prinzip.

Sie hatte keine Zeit, den Zauber vollständig aufzulösen. Am anderen Ende der Arena hob Hazoret den Speer und sprach.

Ihre Stimme hallte wie Glockenschläge durch die Arena.

Geweihte. Vor euch stehen Ketzer. Verlorene Seelen, die eurem Gott-Pharao und eurem Lebensweg abgeschworen haben. Eure Aufgabe in dieser letzten Prüfung ist es, jeden Einzelnen von ihnen zu töten.

Samut musterte jeden Geweihten vor sich, verzweifelt Ausschau nach Djeru haltend. War er bereits fort? War sie zu spät gekommen?

Nein. Dort. Am Ende. Djeru stand mit gezücktem Chepesch und in fester, unverrückbarer Haltung da. Er wirkte stolz und erfahren und lächelte das Lächeln eines Gläubigen.

Den Göttern sei Dank, er war noch am Leben – und Samut wollte, dass das so blieb.

Gideon erblickte ihn zur gleichen Zeit. Sein Magen zog sich vor Grauen zusammen. Würde er Djeru töten müssen, wie Djeru seine Saat so gnadenvoll getötet hatte?

Djeru wiederum erblickte Samut und verspürte eine freudige Erregung. Natürlich würde er sich an diesem Tag, dem letzten in diesem Körper, seiner liebsten Freundin stellen. Dies war zweifellos Schicksal.

Hazoret ließ den Speer sinken.

Die Stunden sind nur noch Augenblicke entfernt. Möge die letzte Prüfung beginnen!

Die Göttin hob die Hand, und Hazorets Zeichen des Kampfrauschs erschien über ihren Köpfen.

Selbstverständlich hatte Samut die Auswirkungen von Hazorets Magie studiert, doch es war etwas völlig anderes, sie am eigenen Leib zu spüren, als nur darüber zu lesen.

Sie musste kämpfen.

Sie musste siegen, um die Götter zu besänftigen und die Gunst der erwählten Tochter des Gott-Pharaos zu erringen.

Hazorets Magie war ein willkommenes, gieriges Feuer in ihrem Verstand und ein Aufwallen von Kraft in ihren Gliedmaßen. Sie alle waren von der gleichen Magie verzaubert. Jeden von ihnen trieb sie zum Töten, zum Verstümmeln und dazu an, jede Vernunft hinter sich zu lassen und sich Hazorets Wildheit hinzugeben.

Bewusstes Denken war ausgelöscht.

Nur der Wunsch nach der Schlacht verblieb.

Die Kartuschen der Beherrschung verschwanden von der Brust der Ketzer, und als ihre Körper wieder ihnen selbst gehörten, stürmte die Gruppe Abtrünniger vor.

Samut sprang inmitten der vorpreschenden Abtrünnigen auf Djeru zu. Die Magie, die ihren Körper und ihren Verstand beeinflusste, befahl ihr, zu kämpfen und zu töten. Ihr Herz jedoch gemahnte sie an ihr Ziel.

Sie musste Djeru am Leben halten. Koste es, was es wolle.

Jace war der Erste, der Magie einzusetzen versuchte. Instinktiv hob er die Hand, um den Verstand eines Geweihten zu zerschmettern, der auf ihn zurannte. Als kein Licht erschien und kein Mana herbeirauschte, um seinen Befehl auszuführen, weiteten sich seine Augen vor Überraschung. Der Geweihte, der auf ihn zustürmte, beugte sich vor, packte ihn, schleuderte ihn zu Boden und presste ihm die Luft aus den Lungen.

Chandra setzte anmutig über Jace hinweg. Sie gab sich Hazorets Magie nur zu gern hin, und obwohl sich an ihren Fäusten kein Feuer zeigen wollte, schlug und kratzte sie den Geweihten vor sich mit aller Macht. Sie lachte wild. Es fühlte sich wundervoll an, und während ihr Gegner nach ihr griff und trat, wich Chandra aus und wirbelte durch die Luft. Was sie an Hitzköpfigkeit besaß, fehlte ihr jedoch an Übung. Der Geweihte vor ihr versetzte ihr einen Stoß in die Nieren und einen Schlag auf die Wange. Chandra heulte vor Wut auf und rang den Geweihten zu Boden. Sofort eilte ihr Liliana zu Hilfe und hielt den Geweihten fest. Ihr Gesicht war von Hazorets Wut verzerrt, und die beiden taten ihr Bestes, ohne Magie zu kämpfen.

Nissa war die Einzige, der das hinreichend gut gelang. Sie hatte ein paar Schläge von dem Geweihten ihr gegenüber eingesteckt, dann jedoch Jace vom Boden aufgehoben und auf ihren Gegner geschleudert. Hazorets Zeichen leuchtete rot und strahlend über ihrem Kopf, als sie Jace und ihrem Gegner einen Kampfschrei der Joraga entgegenrief.

Gideon war ebenso in der Magie verloren wie die anderen. Er rannte auf Djeru am anderen Ende der Arena zu und knurrte bei jedem Schritt.

Samut jedoch war schneller und erreichte ihn zuerst. Ihr Blick traf den Djerus. Unter der Magie spürte sie Überraschung.

Djeru schlug instinktiv mit seinem Chepesch nach ihr, und Samut wich mit Leichtigkeit aus. Binnen eines Wimpernschlags verlagerte sie ihr Gewicht und stand Rücken an Rücken mit ihrem Freund.

Er verstand sofort und wortlos.

Sie würde ihn beschützen. Sie würden gemeinsam kämpfen.

Gideon, von Magie gezeichnet und wahnsinnig vor Kampfeslust, blickte den beiden Freunden in die Augen. Ungeübt und mit viel zu vielen Muskeln schwang er die Fäuste.

Djeru umklammerte fest seine Waffe, und sein Gebet begann.

„Hazoret, Wächterin des Tors zum Jenseits, Liebling des Gott-Pharaos“, rief Djeru.

Er schrie sein Gebet heraus, während er sich bewegte, seine geübte und meisterhafte Kampfweise in makellosem Einklang mit Samuts flinken Nahkampfkünsten.

Ob Djerus lautem Gebet richtete sich Hazorets Blick auf ihn und Samut. Die Stimme des Geweihten war laut und volltönend, auf seine Kampfmanöver abgestimmt und nur von Atmen und Keuchen unterbrochen.

„Siehe, o mächtige Hazoret, den Eifer deiner Kinder!“, rief Djeru.

Sein Chepesch schwang nach oben und fügte Gideon einen feinen, flachen Schnitt am Unterarm zu – Gideon starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Wunde, als hätte er noch nie zuvor sein eigenes Blut gesehen.

„Mein letztes Gebet in diesem Körper gilt nicht mir, sondern derjenigen, die deine Gnade am meisten verdient!“

Samuts Bein traf Gideons Gesicht. Sie nutzte ihren Schwung und brachte den gerade noch aufrecht stehenden Mann mit Leichtigkeit zu Fall, sodass er flach auf dem Boden lag.

Djeru fuhr vor Wut und Anstrengung schnaufend fort. „Bitte, ich flehe dich an! Vergib Samut, meiner liebsten Freundin! Sie ist auf eine Weise klug, wie ich es nicht bin, und sie erweist sich durch ihr Talent als würdig!“

Die Freunde warfen einander einen kurzen Blick zu. – Meinst du das ehrlich? Ja, natürlich tue ich das, Samut! – Zwei Körper bewegten sich wie einer und rangen andere Abtrünnige nieder. Ein Chepesch und wohlgeführte Tritte tanzten Seite an Seite.

„Vergib ihr ihre Übertretungen! Vergib ihr ihre Zweifel!“, betete Djeru unter schweren Atemzügen.

Gideon wischte heißes Blut fort und rief: „Du wirfst dein Leben weg! Warum willst du sterben?“ Djeru schenkte ihm keine Beachtung. Ein Ellenbogen traf Gideons Nase, eine Faust seine Nieren, eine Klinge sein stolzes Gesicht.

„Sieh nur Samuts Glaube an den alten Weg!“ Djeru unterstrich sein Gebet mit einem Hieb seines Chepeschs. „Sieh nur, wie sie die Vergangenheit studiert hat und die Kultur unseres Volks greifbar macht!“

Samuts Füße ließen Knochen knacken und die Liebkosung ihrer Hand Prellungen aufblühen. Sie schlug einen weiteren Abtrünnigen nieder, der versuchte, Djeru mit einem Speer zuzusetzen.

„Bitte gewähre Samut einen ruhmreichen Tod.“

Die beiden Geweihten verwoben Gewalt zu einem Tanz. Ziehen, Stoßen, die Schulter ausrenken, auf die Ohren schlagen.

Djerus aufrichtige Tränen liefen über die Zornesfalten auf seinem Gesicht. „Ich könnte die Ewigkeit nicht in dem Wissen verbringen, dass sie nicht mehr ist. Sie kann Nakhits Schicksal nicht teilen.“

Hazorets Zauber begann nachzulassen. Die Zeit verlangsamte sich. Ihre Sinne wurden wieder klar, und Samut hielt inne. Djeru war am Leben. Wie konnte sie dafür sorgen, dass das so blieb?

Djeru legte sein Chepesch auf den Boden – eine formale Aufgabe. „Erhöre mein Gebet, Hazoret!“

Das tue ich, Djeru.

Die Magie des Kampfes löste sich auf.

Djerus Gebet endete.

Die Göttin Hazoret stand hoch aufgerichtet am Ende der Arena.

Tretet vor, Djeru und Samut.

Um sie herum waren Blutspritzer und die Leichen dreier Geweihter – zur Seite gedrehter Kopf, aufgeschlitzte Kehle, ein achtlos in die Menge geschleuderter Körper. Die Fremden, die sich die Wächter nannten, waren am Leben und blinzelten verwirrt, als sie bemerkten, dass sie wieder Zugriff auf ihre Magie hatten.

Djeru nahm während des kurzen Schweigens Samuts Hand in die seine. „Samut, ich wähle diesen Tod.“

Samut schüttelte den Kopf. „Du musst mir dabei helfen, den großen Eindringling zu besiegen. Du musst mir helfen. Ich kann das nicht tun, wenn deine Seele nicht hier ist.“

„Ich sehe dich im Paradies, meine Freundin.“

Samut schloss verzweifelt die Augen.

Djeru wandte sich zu Hazoret und näherte sich ihr.

Die Arena schien sich endlos weit zu erstrecken. Die Zeit selbst hielt an, als er schweigend über Staub und Stein ging. Djerus Dasein war darauf reduziert, diesen Weg zu beschreiten und einen Fuß vor den anderen zu setzen, um sein großes Geschenk zu erhalten.

Samut konnte nicht warten. Sie konnte nicht untätig danebenstehen. Nicht nach allem, was sie getan hatte, um ihn zu überzeugen, am Leben zu bleiben.

Bitte tritt näher, Samut, Tochter aus unserer Vergangenheit. Hazorets Stimme war wie ein warmes, knisterndes Feuer in ihrem Kopf. Sie folgte Djeru und fand sich neben ihrem Freund vor der Göttin stehend wieder.

Hazoret blickte herab und durch die beiden Geweihten hindurch. Sie sprach zuerst zu Djeru.

Du hast die verbleibenden Abtrünnigen nicht getötet.

Djeru schluckte. „Die Abtrünnigen ereilt der Tod nicht in der letzten Prüfung. Sie kennen nicht unseren Weg.“

Hazoret neigte zustimmend den Kopf.

Wirst du deinen Platz unter den Ewigen einnehmen, Djeru?

Tränen rannen über Djerus Wangen. Ein ruhmreicher Tod war alles, was er jemals begehrt hatte. Er nickte. Er wollte seinen Platz erhalten. Sein Tod würde etwas bedeuten.

Samuts Mut sank weiter mit dem Wissen, was sie nun tun musste. Djeru würde ihr niemals vergeben. Wie konnte er auch?

Hazoret blickte zu Samut.

Du kannst dich nur als würdig erweisen, wenn dein Glaube stark ist, Samut. Wirst du mein Geschenk annehmen?

Ohne Zögern schüttelte sie den Kopf.

„Der große Eindringling ist beinahe hier“, sagte sie mit krächzender Stimme und blickte Hazoret fest in die Augen. „Ich habe etwas zu erledigen.“

Hazoret seufzte leise und enttäuscht. Djeru starrte sie nur mit vor Entsetzen und Enttäuschung geweiteten Augen an. Er konnte nichts sagen. Er schluckte nur und drückte ihre Schulter. Ein stummer Abschied.

Es war zu viel.

Samut stieß einen zitternden Atemzug aus. „Es tut mir leid, mein Freund. Bitte vergib mir eines Tages.“

Djeru legte verwirrt die Stirn in Falten.

Tritt näher, Djeru.

Djeru trat vor und schloss ehrfürchtig die Augen. Er kniete sich nieder und breitete die Arme aus.

Hazoret hob den Speer, und Samut stählte ihren Willen.

Er musste leben. Er musste leben. Es gab kein Zurück. Samut würde keinen weiteren Freund an einen sinnlosen Tod verlieren. Samut stemmte die Füße in den Boden, verlagerte ihr Gewicht und begann ihre Einmischung, als Hazoret zum Stoß ansetzte.

Die Göttin ließ los, und Samut sprang blitzschnell vor.

Es geschah wie im Flug.

Samut stieß sich ab und trat Djeru von der Seite. Sie warf ihn zu Boden, als gleichzeitig ein gewaltiges Scheppern ertönte und goldenes Licht hinter ihr gleißte.

Als Samut am Boden aufkam, erkannte sie, dass das Geräusch durch Gideon verursacht worden war. Er stand zwischen ihnen und Hazorets Speer, und eine seidige, goldene Magie formte eine Barriere zwischen ihm und dem Tod.

Er hält sein Wort, dachte Samut mit einem leisen Lächeln.

Ihre Freude wurde jedoch augenblicklich durch die völlige Überrumpelung ihres Freundes getrübt, den sie unter ihrem eigenen Körper auf dem steinernen Boden der Arena festpinnte.

Samut wollte verzweifelt den Blick abwenden. Doch sie konnte es nicht. Ihr Verrat zeigte sich im Gesicht ihres besten Freundes. Djeru bebte vor Wut.

„Wie konntest du nur?“

„Djeru, ich weiß, das ist nicht das, was du wolltest ...“

„Wie KONNTEST DU NUR?“

Er stieß sie weg und holte mit der Faust aus, der sie so mühelos auswich wie einer fallenden Feder. Tränen stiegen in Djerus Augen, als die Götter der Arena urplötzlich die Luft anhielten.

Hoch droben über ihnen allen begann die zweite Sonne, die Hörner am Horizont zu durchqueren und ihren Himmelslauf zu seinem lang erwarteten Abschluss zu bringen.

Djeru nahm keine Notiz davon. Er versuchte, mit einer störrischen Samut zu ringen, und seine unendliche Qual brach sich dabei in lautem Schluchzen Bahn.

Die Götter schritten nun auf den Ausgang der Arena zu, die Aufmerksamkeit fest auf den Himmel gerichtet.

Nur Hazoret blieb zurück und schien durch das, was sich gerade zugetragen hatte, eigenartig betäubt. Unsicher hielt sie ihren Speer in den Händen.

Gideon starrte verwirrt und furchtsam mit offenem Mund zu Hazoret. Irritiert richtete er den Blick nach unten und dann auf Djeru.

„Djeru“, sagte er. „Sie wollte ...“

„ICH WEISS, WAS SIE WOLLTE!“, spie Djeru mit wutverzerrtem Gesicht aus. Er stieß Samut beiseite und warf sich auf Gideon. Dessen Unverwundbarkeit schimmerte bei jedem Schlag, und sein Gesicht zeigte unter dem goldenen Schein seiner Magie einen Ausdruck mitleiderregender Konfusion. Er versuchte nicht, die Hiebe abzuwehren, und ließ Djeru einfach Schlag um Schlag gewähren.

„Dies war meine große Gelegenheit, und nun ist sie verstrichen! Verstrichen. VERSTEHST DU, DU BASTARD?“

Gideon schüttelte hinter seinem golden funkelnden Schutzschleier nur ungläubig den Kopf. Samut konnte sehen, dass sein natürlicher Widerstand Djeru nur noch wütender machte. Sie konnte sehen, wie sehr er diese Barriere zerschlagen, zerbrechen, hindurchstechen und sie zerfetzen, die Sehnen des Eindringlings zerreißen und dessen Verzauberung mit dem Inhalt seiner eigenen Eingeweide beschmieren wollte. Sie empfand Mitleid, aber kein Bedauern. Sie wusste, wie wütend er sein würde. Sie wusste, dass sie und dieser Fremde das Leben ihres besten Freundes zerstört hatten.

Endlich hob Gideon die Hände, um Djerus Angriff aufzuhalten. Er berührte ihn nicht, sondern trat einen Schritt zurück.

„Warum willst du sterben?!“

„Weil ich leben will!“, stieß Djeru schluchzend hervor.

Er fiel auf die Knie und weinte.

Die Luft stand still. Das einzige Geräusch in der Arena war das eines besiegten Kriegers. Die anderen Eindringlinge sahen schweigend aus der Ferne zu. Samuts sank das Herz in der Brust. Natürlich war das seine Angst. Wie konnte es auch etwas anderes sein nach dem, was aus Nakhit geworden war?

Sein Klagen hallte von den Hunderten von Gesalbten auf den Tribünen zurück. Die Welt hatte zu existieren aufgehört, und alles, was von ihr noch übrig war, war sein Scheitern. Das Pantheon der Götter hinter Hazoret war fort. Sie mussten am Luxa sein. Die Stunden waren beinahe angebrochen.

Samuts Hände wanderten zu Djerus Schultern, während er trauerte.

Sie beugte sich vor und flüsterte mit leiser, dünner Stimme: „Es ist noch so viel zu tun, und es gilt noch so vielen Menschen zu helfen. Dafür war deine Ausbildung. Nicht für all dies.“

Djeru konnte nicht antworten. Er konnte nur weinen.

Samut flüsterte weiter: „Wir werden zusammen alt werden, Djeru. Und eines Tages, in ferner Zukunft, wird jedes Mitglied unseres Volkes ein langes und erfülltes Leben, und erst dann werden wir Seite an Seite in die Nachwelt übertreten. Es tut mir leid, dass du nicht das bekommen hast, was du wolltest, aber ich bin dankbar dafür, dass du hier bist.“ Sie küsste Djerus Stirn.

Er konnte nur trauern. Samut drückte seine Schulter.

„Bitte, Djeru, du musst jetzt aufstehen.“

Es dauerte einen Augenblick, doch dann tat er es.

Er warf Gideon einen einzigen, stählernen Blick zu. Gideons sah rasch zu Boden.

Du bist eingeschritten, sprach eine warme Stimme in Samuts Verstand. Sie schaute auf und begegnete dem goldenen Blick Hazorets. Samut nickte.

Was hast du dazu zu sagen?

Ich glaube an dich, die du uns deine Gaben gewährst, betete Samut. Ich glaube, dass du nicht das bist, was zu sein du gezwungen wurdest. Und dass du deine Kinder beschützt, wenn sie dich am meisten brauchen.

Hazoret stand still da. Unsicher. Ihre Ohren zuckten und fingen das Licht der beiden Sonnen ein.

„Die Stunden haben begonnen, Hazoret“, sagte Samut endlich laut.

Ein lauter, dröhnender Klang wie von einem alten Horn hallte durch die Stadt und von den Tribünen der Arena wider.

Samut, die Wächter, Hazoret und der am Boden zerstörte Djeru blickten in den Himmel, als ein Schatten über sie alle fiel, als würde eine Wolke über ihnen vorbeiziehen.

Der Schatten, der von der zweiten Sonne geworfen wurde, zog langsam eine Linie aus Dunkelheit über den Kampfplatz. Sie alle standen still und sahen zu, wie die Linie mit der Geschwindigkeit eines gemächlichen Spaziergangs von einer Seite zur anderen ... wanderte.

Nach und nach passten ihre Augen sich dem veränderten Licht an. Die Welt war nun in Halbdunkel getaucht, in einer düsteren Sattheit dessen, was sie schon zuvor heimlich gewesen war.

Es hat begonnen. Die Stunden haben begonnen!“ Hazoret trat über Samut, Djeru und Gideon hinweg, und ihr Blick glitt über das Licht, das zu beiden Seiten des Bauwerks am Horizont erstrahlte.

„Steh auf, Djeru, wir müssen gehen.“ Samut zog Djeru auf die Beine.

Djeru wischte sein nasses Gesicht ab. „Es gibt noch eine Möglichkeit. Wenn die Stunden begonnen haben, dann wird der Gott-Pharao uns erlösen.“

Samut schüttelte schweigend den Kopf. Die Kühle des Schattens der zweiten Sonne bescherte ihr eine Gänsehaut.

Sie zitterte.

Außerhalb der Arena hörten sie eine Menge rufen und schreien und eilig auf die Ufer des Luxa zumarschieren. Am Ende stand das Tor zum Jenseits. Gemäß der ersten Prophezeiung in der Zählung der Stunden würde das Tor sich öffnen, sobald die zweite Sonne vollständig zwischen den beiden Hörnern stand, und das Versprechen des Gott-Pharaos enthüllen.

„Djeru, wir müssen uns beeilen. Wir müssen sichergehen, dass so viele Menschen wie nur möglich die nächsten Stunden überleben.“

Die zweite Sonne war niemals untergegangen, aber nun, da sie einen Schatten auf die gesamte Stadt warf, war alles in Halbdunkel getaucht. Alles war kalt. Djeru hatte noch nie zuvor eine solche Kälte gespürt.

„Samut, wir müssen zum Fluss gehen. Die Stunden beginnen mit dem Öffnen des Tors zum Jenseits. Er kommt. Der Gott-Pharao wird mir Gnade erweisen!“ Djeru begann, auf den Ausgang der Arena und die ehrfürchtigen Stadtbewohner draußen zuzurennen.

Liliana, Jace, Chandra und Nissa stürmten ebenfalls auf den Ausgang zu.

Gideon blieb zurück.

Er blickte auf seinen Unterarm und sah zu, wie ihm sein eigenes Blut den Daumen hinabrann.

Irgendwie wusste er, dass er loslaufen und die anderen einholen musste. Doch er war wie gelähmt und konnte nur auf die Wunde starren, die Djeru ihm zugefügt hatte.

Dick und dunkel floss das Blut im Dämmerlicht der einzelnen Sonne. Es troff so ungehindert zu Boden.

Gideons Herz schlug ihm in einem ängstlichen Rhythmus in der Brust.

Hazoret hatte in dem Augenblick, als er sich zwischen Djeru und ihren Speer geworfen hatte, in seinem Verstand geflüstert. Ihre Worte wiederholten sich in seinen Gedanken wieder und wieder im Schlag seines furchtsamen Herzens.

Ich bin weder die erste noch die letzte Unsterbliche, der du begegnen wirst.

Verflucht sei, wer seine eigene Vergangenheit vergisst,

denn ich sehe deinen Tod, Kytheon Iora.

Du bist kein Gott.

Gideon zitterte bei diesen Worten und sah zu, wie das Blut aus seinem Arm auf die Steine unter ihm tropfte.

Er blickte zu der Sonne, die hinter das Horn des gewaltigen Bauwerks in der Ferne wanderte, und der unverwundbare Mann verspürte nichts als einen bleichen und leeren Schrecken.


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