Unter dem Flusswurzelbaum

Veröffentlicht in Magic Story on 23. September 2020

Von A. Z. Louise

A. Z. Louise is a civil engineer-turned-writer of speculative things, whose conure keeps them company during the writing process. When not reading or writing, they can be found playing folk instruments, knitting, or weaving. Their work has been published in Strange Horizons, Fiyah, and Lackington's Magazine.

Die Himmelsfestung von Bala Ged schwebte über dem weiten Blätterdach der Guum-Wildnis. Wie ein Mond, der stets am Himmel blieb, starrte sie unverwandt auf Obuun herab. Sie forderte ihn heraus, sich seine Niederlage einzugestehen und zur Stadt der Kor über ihm zurückzukehren. Er wich ihrem Blick aus und lehnte sich über das gewundene hölzerne Geländer, um dabei zuzusehen, wie die Unterholzwachen aus dem Flusswurzeldorf aufbrachen. Eine Kohorte aus etwa einem Dutzend Gestalten bewegte sich über den Waldboden und war dank braun-grüner Flickenkleidung kaum von diesem zu unterschieden. Binnen weniger Wimpernschläge waren die Wachen auf ihrem Weg nordwärts verschwunden und ließen Obuun nur mit seinem Ärger und dem Anführer des Flusswurzelklans zur Gesellschaft auf seinem Aussichtspunkt zurück.

„Gib ihnen Zeit, Obuun“, sagte Nezzan.

„Warum sollte ich ihnen irgendetwas geben?“ Obuun schlug gereizt nach einer Motte, die ihm um die langen Ohren flatterte. „Ich sollte dort unten bei ihnen sein und gegen Surrakar kämpfen. Die Surrakar haben mir meine Eltern genommen, und jetzt nehmen mir die Unterholzwachen die Gelegenheit, zurückzuschlagen.“

Marodierender Surrakar
Marodierender Surrakar | Bild von: Kev Walker

„Obuun, ich weiß, du glaubst, dass die Verbindung zu deinen Ahnen wiederhergestellt wird, wenn du deine Eltern rächst. Vielleicht wird sie das auch, doch du kennst die Guum-Wälder nicht so gut wie die Unterholzwachen. Und wir können niemanden entbehren, der da draußen die Amme für dich spielt. Wenn du ohne Verbindung zu deinen Ahnen stirbst, wird deine Seele verloren sein. Wenn du überlebst, werden dir die Wälder etwas anderes als dein Leben nehmen. Das tun sie immer.“

„Glaubst du, das weiß ich nicht?“, blaffte Obuun. Die Wälder hatten ihm bereits beide Eltern genommen. Was konnten sie ihm sonst noch nehmen? „Mich zu beweisen, ist die Gefahr wert“, sagte Obuun. Nezzan schüttelte herablassend den Kopf.

„Du begreifst die Gefahren nicht. Du hast noch vieles zu lernen, nachdem du so lange bei den Kor gewesen bist, und die Unterholzwachen merken das.“

„Also halten sie mich für einen Kor, nur weil ich unter ihnen gelebt habe? Das ist ungerecht.“ Obuun wandte sich zu Nezzan um und musterte das Gesicht des kleineren Mul Daya. Selbst nach den Maßstäben der Elfen war er alt. Die Falten auf seiner Stirn und in seinen Augenwinkeln sahen aus wie die Adern welker Blätter.

„Ich kann nicht wissen, was ein anderer denkt, ebenso wenig wie jeder Mul Daya“, sagte Nezzan. Obuun öffnete den Mund, doch Nezzans erhobene Hand schnitt ihm das Wort ab. „Es gibt allerdings ein paar Dinge, derer ich mir gewiss bin, Obuun. Ich weiß, dass dein Onkel Dykaar die Kor liebt, weil sie ihm – und dir – Sicherheit geboten haben. Ich weiß, dass die Kor geschickt darin sind, bei jedem, dessen sie habhaft werden können, unsere Sitten durch ihre zu ersetzen. Ich weiß, dass Mul Daya niemandem schnell Vertrauen schenken.“

„Deshalb sollte ich bei ihnen sein. Sie würden wissen, dass sie mir vertrauen können, wenn sie mir nur die Gelegenheit gäben, mich zu beweisen.“ Obuun rauschte an Nezzan vorbei. Sie verstanden das nicht. Niemand im Flusswurzeldorf konnte den bohrenden Schmerz verstehen, ein Außenseiter im eigenen Land zu sein, oder wie sehr der elfische Hang, die Dinge langsam anzugehen, einen kränken konnte.

Seine Habseligkeiten lagen im alten Zuhause seiner Eltern bereit. Es war staubig dort, und die Ranken hatten Einzug gehalten. Nezzan wollte, dass Obuun an dem Haus arbeitete, das unter einem hohen Zweig jenes großen Baumes geborgen war, der allen Elfen des Flusswurzeldorfes Obdach bot. Obuun hatte nicht die Absicht, in einem Haus voller Erinnerungen und wuchernden Kriechpflanzen zu bleiben, in einem Dorf, in dem niemand ihm vertraute. Nicht solange in den Wäldern Gelegenheiten sprossen, das zurückzugewinnen, was er verloren hatte.

Die Rüstung, die Onkel Dykaar für Obuun gekauft hatte, hing in einer Ecke im vorderen Raum des alten Hauses von einer Ranke. Inmitten des verzweigten Grüns wirkte ihre kantige Form, wie sie der Machart der Kor eigen war, fehl am Platz. Es stellte auf seine ganz eigene Weise einen Verrat dar, hierherzukommen. Dykaar hatte ihm alles gegeben, doch Obuun hatte es keinen Augenblick länger ertragen können, von seinen Ahnen abgeschnitten zu sein. Er hatte die Rüstung und den garstig gezackten Speer mit an die Oberflächenwelt gebracht, als er seinen einzigen lebenden Angehörigen in der Himmelsfestung zurückließ.

Dennoch hatte weder die Flucht vor der überwältigenden Magie der Himmelsfestung noch eine ganze Wegstunde unter freiem Himmel das gekappte spirituelle Band neu knüpfen können, und die Furcht, dass dem niemals so sein würde, hatte sich tief in Obuun hineingegraben. Wie ein Holzwurm, der sich in die Wurzel eines Baumes fraß. Er schüttelte diese Furcht ab, als er seine Rüstung anlegte. Die dreieckigen Teile voller Muster der Kor ruhten ihm leicht und vertraut auf den Schultern. Obuun griff nach einem Bündel Seil, seinem Speer und seinem Klettergürtel und schlüpfte zur rissigen Hintertür hinaus. Die Scharniere quietschten protestierend, doch die Geräusche des Waldes waren laut genug, damit es schon niemand hören würde. Ein Schwarm violetter und schwarzer Vögel keckerte von den Dächern des Dorfes. Insekten schwirrten umher und nährten sich an den leuchtenden Algen in dem Sumpf, der sich hinter dem Weiler erstreckte, und von irgendwo tief drunten kreischten Kinder. Niemandem würde ein Elf auffallen, der sich an einem Seil von Plattform zu Plattform herabließ, wenn er die Leitern und Aufzüge mied, die zum Fuß des Baumes führten.

Der Boden war so weich, dass Obuuns Stahlstiefel kein Geräusch im herabgefallenen Laub machten, das langsam zu fruchtbarer Erde zerfiel. Er war in den einzigen gerodeten Bereich des Dorfes gelangt, wo man Asche mit frischen, feuchten Blättern bedeckt hatte, um die Bestattungsfeuer daran zu hindern, sich durch das Unterholz auszubreiten. Der Ruß von Generationen an Toten hatte die Rinde des Flusswurzelbaumes schwarz gefärbt, und obwohl Obuun keine Verbindung mit seinen Ahnen eingehen konnte, spürte er trotzdem den Schmerz in seiner Seele. Erst sein Vater, dann seine Mutter waren vor Jahren verschwunden. Sie waren nie hier verbrannt worden, um ihren Geist in das Dorf über ihm zu geleiten.

Als Obuun durch das Gestrüpp an Bäumen vorbeischlich, die im Schatten des Flusswurzelriesen im Vergleich geradezu kümmerlich wirkten, fragte er sich, ob diese Verbindung zu viele Male unterbrochen worden war und wohl niemals wiederhergestellt werden würde. Er hatte sich einmal das linke Handgelenk zweimal rasch hintereinander gebrochen: Der neue Knochen war kaum einen Monat, nachdem der Heiler der Kor Hand angelegt hatte, erneut zersplittert wie grünes Holz. Selbst ein Jahrzehnt später war er noch immer verkrümmt und würde nie wieder vollkommen heil sein. Er erinnerte Obuun hin und wieder an seine Schwäche, indem er schmerzte, wenn sich das Wetter änderte – genau so, wie ihn das Flusswurzeldorf an das erinnerte, was er verloren hatte. Doch es war besser, hier und frei zu sein, als ein zu gefälliges Leben droben in der Himmelsfestung zu führen. Immerhin waren die Unterholzwachen, die ihn ablehnten, aufrichtig in ihrer Kälte. Die Kor lächelten einem Außenseiter ins Gesicht und rammten ihm dann einen Dolch in den Rücken, wenn er sich nicht anpasste.

Obuun hatte sich angepasst wie die gewaltigen Flechten, die sich an die Bäume klammerten, hatte sich zurückgenommen, die Kleidung der Kor getragen und die Symbole der Kor auf sein Gesicht gemalt. Auch gerade erst heute Morgen, nachdem er vergessen hatte, dass dies nicht mehr nötig war. Die Luft unter dem Blätterdach war schwül, und die Farbe hatte sich weich auf seiner warmen Haut angefühlt. Daher hatte er sie mit dem Handrücken entfernt. Im Gehen wischte er die Hand an seinen ledernen Beinlingen ab und staunte, mit welcher Leichtigkeit er sich durch die Guum-Wildnis bewegte. Sowohl die Kor als auch Onkel Dykaar hatten die Wälder als undurchdringlich beschrieben. Dass sie angeblich nur für ausgebildete Unterholzwachen wie etwa Obbuns Mutter Ayya frei zugänglich waren.

Er fragte sich, ob sie sich so gefühlt hatte, wenn sie allein und frei durch die Wildnis gestreift war – jenseits des Blicks und des Urteils elfischer Augen, doch aus allen Richtungen von den Tieren Zendikars beobachtet. Die Luft war voller Gerüche: Verwesung, neues Wachstum und etwas Bitterscharfes. Der Bau der Surrakar war ganz in der Nähe. Obuun schlüpfte hinter einen Baum, um einen Hinterhalt zu legen. Er würde einen Beweis dafür zum Baum zurückbringen, dass er einen Surrakar getötet hatte, und dann mussten ihn die Unterholzwachen auf ihre nächste Expedition mitnehmen. Sie konnten es sich nicht leisen, auf einen fähigen Helfer zu verzichten.

Schritte. Leise und vorsichtig. Obuun hielt den Atem an und lauschte angestrengt. Etwas auf zwei Beinen passierte sein Versteck. Er spähte hinter dem Baum hervor und erblickte einen giftgrünen Surrakar, der durch den Wald schlurfte. Er war in etwa so groß wie ein durchschnittlicher Mul Daya, aber schwerer. Ein Halslappen baumelte ihm vom Kinn herab und ein langer Schwanz schleifte am Boden. In einer Klauenhand hielt er einen elfischen Speer, der aussah, als hätte er die letzten zwanzig Jahre am Grund eines Sumpfes zugebracht.

Obuun umfasste den Schaft seines eigenen Speers fester. Licht und Schatten wechselten sich vor seinen Augen ab, als er hinter dem Surrakar hereilte. Der kränkliche Geruch der Höhle strich wie ein Perlenvorhang über ihn hinweg. Klamme Dunkelheit umfing ihn. Er pirschte sich näher an den Surrakar heran und bremste instinktiv seine Schritte, während er darauf wartete, dass sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten. Onkel Dykaars Lektionen hatten ihm vielleicht nicht geholfen, seinen Platz im Flusswurzeldorf zu finden, doch nun konnten sie ihm helfen, sich zu beweisen.

Der Surrakar musste das leise Schaben von Obuuns schweren Stiefeln gehört haben, denn er drehte sich um, als Obuuns Speer durch die Luft zischte und hob die eigene Waffe. Stahl prallte auf Stahl und schlug Funken, die den düsteren Tunnel erhellten. Der Surrakar war stärker, als Obuun erwartet hatte, und ließ ihn beinahe mit einem nur einhändig geführten Hieb seines Speers zu Boden gehen. Obuuns Hände zitterten, und er wusste, dass er den Surrakar töten oder ihm entkommen musste. Ansonsten würde die Kreatur ihn umbringen. Bevor er sich für eine Möglichkeit entscheiden konnte, gab der Surrakar ein grelles Krächzen von sich, hieb nach Obuuns Kopf und zwang ihn, sich zu ducken. Furcht griff nach seinen Eingeweiden, und er machte sich schleunigst davon, um einen neuen Plan zu fassen.

Das Gewicht des Surrakar brachte ihn schon nach ein paar wenigen Schritten zu Fall. Fast schlug er dabei mit dem Kopf gegen eine Wand. Er fingerte an seinem Gürtel nach seinem Messer, machte es los und stach damit wild über seine Schulter, doch die Klinge glitt ihm aus den Händen und verschwand klappernd in der Dunkelheit. Kaltes Metall berührte Obuuns Nacken, und er erstarrte – zu verängstigt, um sich zu rühren. Der nackte, schuppige Fuß des Surrakar stieß ihm gegen die Rippen, um ihn auf den Rücken zu drehen. Die Speerspitze des Geschöpfs fuhr Obuun sachte ritzend über die Kehle und hinterließ eine Spur schneidenden Schmerzes.

Obuun streckte die Arme über den Kopf aus und stieß sich von der Höhlenwand ab. Die glatte Oberfläche seiner Rüstung ließ ihn mit Leichtigkeit über den Boden und zwischen die Beine des Surrakar rutschen. Obuun griff nach dessen Schwanz – Stacheln und Zacken gruben sich ihm in die Handflächen –, und er konnte sich gerade so festhalten. Der muskulöse Schwanz des Surrakar peitschte herum, schleuderte Obuun gegen die Wand und schlug ihn beinahe bewusstlos, bevor er mit der Seite auf dem Boden aufprallte. Der Surrakar hob den Speer, um zuzustechen, doch das stumpfe Ende verkantete sich gegen die Wand des schmalen Gangs und verschaffte Obuun die nötige Zeit, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Er stand auf, rannte erneut los und prallte vor lauter Schwindel gegen Wände, die von sanft leuchtenden Flechten erhellt wurden.

Binnen weniger Augenblicke wusste Obuun nicht mehr, wo er war. Der Klang von Schuppen auf Stein, von Knurren, von Gemetzel drang von überall her auf ihn ein. Jede Richtung, in die er sich wenden konnte, würde zu einem Tod jenseits des Todes führen: Er würde sowohl für seine Ahnen als auch für die Lebenden verloren sein, und bei dem Gedanken daran drehte sich ihm der Magen um. Als Obuun eine kleine, schwarze Lücke zwischen dem Fels der Wand und dem hart gestampften Boden der Höhle entdeckte, huschte er in die Öffnung hinein. Wurzeln strichen ihm über den Nacken, und eine vertraute Stimme hallte durch fernen Stein heran, sanft wie kleine Rinnsale kalten Wassers, die ihm den Rücken hinunterliefen. Lass sie hinein.

Das Schaudern brachte ihn wieder zur Besinnung: Sein Atem wurde ruhiger, sein Herzschlag langsamer. Obuun war im Grunde verirrt, doch die abgestandene Luft fühlte sich beinahe vertraut an. War er unter dem Flusswurzelbaum?

Überzeugt, dass Stillsitzen den sicheren Tod bedeuten würde, kroch Obuun schließlich wieder aus seinem Versteck heraus. Er betete zu den Ahnen, dass seine nun klare Sicht es ihm erlauben würde, einen Hinweis darauf zu erspähen, wie er aus den Surrakar-Höhlen herausfinden konnte, doch er hegte nur eine vage Hoffnung. Er hatte zu lange in der Himmelsfestung gelebt, deren Magie seine Verbindung zu seiner eigenen Geschichte ausgehöhlt hatte. Und auch seine Sinne waren keine große Hilfe. Es gab keinen Hauch frischer Luft, und die Wurzeln, die die Wände säumten, waren so dick und so weit verzweigt, dass er nicht sagen konnte, welche Richtung welche war. Lass sie hinein. Vielleicht vermochte ihm diese melodische Elfenstimme den Weg nach Hause zu zeigen, sofern er ihn denn überhaupt wiederfinden konnte.

Der Boden war uneben, und Obuun stolperte oft, wenn die Spitzen seiner Stiefel gegen Stein oder harte Erde stießen. Einmal stürzte er und schlug dumpf auf dem Bauch auf. Die Polyeder seiner Rüstung prallten auf gezackte Felsen. Ein Surrakar knurrte in der Finsternis, doch Obuun konnte sich kaum bewegen. Der Aufprall hatte ihm beinahe sämtliche Luft aus den Lungen gequetscht. Er zappelte wie ein Schlammfisch an Land, fand mühsam auf den glitschigen Steinen Halt und rappelte sich auf. Dann rannte er los, so schnell er nur konnte. Schritte von nackten Füßen und ein entsetzlich unverkennbares Krächzen folgten seinem Lauf, hallten durch die Tunnel und füllten seinen Kopf aus, bis sein Herz laut genug schlug, um alle anderen Geräusche zu übertönen. Erneut stolperte er, und diesmal rollte er einen kleinen Abhang hinunter. Steine prallten ihm gegen die Gliedmaßen und schlugen ihm gegen den Leib, bis seine Rippen sich wie ein Bündel alter, trockener Zweige anfühlten.

Obuun kam irgendwo zum Liegen, wo es weich und feucht war. Oder aber vielleicht war er es, der weich und feucht war: ein Häufchen rohes, weich geklopftes Fleisch. Er war zu zerschunden und atemlos, um besorgt darüber zu sein, ob der Surrakar, der es auf sein Blut abgesehen hatte, hörte, wie er Luft holte, und zu müde, um einen weiteren Fluchtversuch zu unternehmen. Er wartete auf den tödlichen Schlag, doch als er wieder atmen konnte, war er allein in gesegneter Stille. Er ruhte sich eine Weile aus, verlor die Besinnung und kam wieder zu Bewusstsein, bevor die Stimme den Nebel aus Erschöpfung durchbrach. Lass sie hinein. Sie klang wie seine Mutter, ihr Tonfall so sanft, als erzählte sie ihm eine Gutenachtgeschichte, doch die weiteren Worte selbst waren zu leise, als dass er sie verstehen konnte.

Das Lachen, das sich in Obuun aufstaute, tat ihm in den Rippen weh. Die Vorstellung seiner Mutter von einer Gutenachtgeschichte hätte die meisten anderen Mütter entsetzt. Meist handelten diese Geschichten von Basilisken oder Würmern, und manchmal bereiteten sie Obuun Albträume, die ihn zum Bett seiner Eltern laufen ließen, um dort weiterzuschlafen. Dieser Trost erschien ihm weiter entfernt als je zuvor. Die Einsamkeit der Himmelsfestung und des Flusswurzeldorfes waren kaum vergleichbar damit, wie allein er sich nun gerade fühlte. Schmerzlich war ihm der Trost bewusst, den er hätte finden können, wenn die Verbindung zu seinen Vorfahren heil gewesen wäre. Er hätte etwas gehabt, worauf er sich hätte stützen können, etwas, was ihm Kraft verliehen hätte, als er seine zahlreichen Prellungen und Schürfwunden begutachtete.

Doch so musste er sich auf pure Starrsinnigkeit verlassen, damit er wieder auf die Beine kam. Obuun stellte fest, dass er sich an einem trüb beleuchteten Ort befand, den das schwache, grünliche Leuchten der Flechten über ihm kaum zu erhellen vermochte. Es reichte aus, um zu sehen, dass die Kammer, von deren Decke Wurzeln herabhingen, gewaltig groß war. Er verspürte den kindlichen Drang, nach oben zu greifen und das Wurzelwerk zu berühren und seine Finger wie durch Haar hindurchgleiten zu lassen. Er unterdrückte ihn. Er musste sich um Wichtigeres kümmern.

Obwohl er ihr sein Leben verdankte, war seine Rüstung zu laut, und das Geräusch der Schritte des Surrakar hallte von dem Abhang über ihm wieder. Er legte die Kor-Rüstung ab und achtete darauf, dass sie nicht schepperte, als er sie zurückließ, um tiefer in die Kaverne vorzudringen. Etwas verfing sich an seinen Knöcheln. Ein leises, trockenes Klappern ertönte, wann immer Obuun die Füße bewegte, und er erstarrte. Knochen. Dieser Ort war voller Knochen. Ein Schauer, kalt wie die trockene Luft hoch über Bala Ged, überkam ihn, und etwas tief in seiner Brust antwortete darauf. Hier, mit so viel Erde und Himmel zwischen ihm und der überwältigenden Macht der Himmelsfestung, konnte er die Geister des Flusswurzelclans endlich spüren.

Erleichterte Freude rang mit Schrecken und wurde von ihm unterworfen. Dutzende Tote, über Jahrzehnte angehäuft, verrottendes Tuch und Leder unter Obuuns Stiefeln, Schwingungen, die ihn wie stumme Glockenschläge riefen. Eine zitternde Note klang höher als die anderen und schlug eine Saite in seinem Innern an. Ihm schwirrte der Kopf, und er wusste nicht, ob dies von den vielen Stürzen oder von irgendeiner Ahnenmagie herrührte. Ehe er sich entscheiden konnte, traf eine Woge grellen, feurigen Schmerzes seine Seite, und unter dem entsetzlichen Knacken brechender Knochen fiel er auf die Knie. Seine Hand landete auf einem scharfen Splitter, und die spärlich beleuchtete Albtraumlandschaft der Surrakar-Höhlen verschwand.

Obuun wurde von einer Erinnerung verschlungen, sein Blick von einem verwaschenen Bild seiner Mutter verschleiert. Hellbraune Haut mit dunkleren Narben auf den Rücken ihrer flinken Hände. Lange, von Silber durchbohrte Ohren, umrahmt von lockigem, scharlachrot gefärbtem Haar, das an den Wurzeln schwarz nachwuchs. Lächeln und Lachen, stets untermalt von dem erwartungsvollen Schweigen einer Unterholzwache, einer geduldigen Jägerin, die spurlos in den Guum-Wäldern verschwinden konnte, aber doch immer wieder aus ihnen zurückkehrte.

Ein heftiger Tritt schleuderte Obuun zu Boden und zerschlug die Vision, und der Knochensplitter seiner Mutter verschwand in dem Durcheinander aus Gebeinen. Er tastete nach dem Splitter, doch stattdessen fand seine Hand vertrautes Leder und Stahl. Obuun hob das Kurzschwert seiner Mutter gerade rechtzeitig, um den Surrakar daran zu hindern, ihm den Kopf abzuschlagen. Die Muskeln in seinen Armen schrien, als er seine gesamte Kraft aufwendete, um die Kreatur mit der blattförmigen Klinge wegzustoßen. Er spürte die Gegenwart seiner Mutter so unmittelbar in seinen Händen, als hielte er ihre Finger.

Anstatt zum nächsten Schlag anzusetzen, umkreiste ihn der Surrakar in den Schatten. Knochen knirschten unter seinen Sohlen. Bei jedem Knacken und Knistern zog sich Obuun der Magen vor Schmerz zusammen. Er kämpfte sich auf die Beine, umklammerte das Schwert seiner Mutter mit einer Hand und seine verletzte Seite mit der anderen. Es floss nicht so viel Blut aus ihm heraus, wie er erwartet hatte, doch der Schmerz schwoll in einem dumpfen Rhythmus auf und ab, der dem seines Herzschlags und den klaren Glockenschlägen der Geister glich, die um ihn herumwirbelten. Die kalte, feuchte Luft fühlte sich auf Obuuns Haut brennend heiß an. Als er einen Schritt auf den Surrakar zumachte, bewegte dieser sich fort und hob vorsichtig den Speer.

Obuun konnte keine Zeit damit verschwenden, mit dem Untier Spielchen zu spielen. Er machte einen Satz auf es zu und schlug den Speer mit der flachen Seite seiner Klinge beiseite, doch selbst ohne Waffe war die Reichweite der Kreatur größer als seine. Obuun musste zur Seite springen, um ihren bösartigen Klauen auszuweichen. Sie griff nach Obuuns Arm und rang ihm mit einem schmerzhaften Stich in die verwundete Seite die Waffe ab. Die Welt wankte und er fiel, jedoch nicht, ohne den Surrakar mit sich zu Boden zu reißen. Knochen knirschten und knackten unter ihnen, fast laut genug, um ein Stöhnen von Stein und Erde zu übertönen.

Der Surrakar erstarrte und gab Obuun so die Gelegenheit zum Zustechen, doch sein Schwert fraß sich nur in zähe Schuppen statt in Fleisch. Die Kreatur rollte von ihm herunter und riss Obuun dabei das Heft aus der Hand. Der Stein unter ihnen erzitterte, doch es gelang Obuun, das Gleichgewicht nicht zu verlieren, als er sich aufrichtete und von irgendeiner unsichtbaren Kraft auf den Beinen gehalten wurde. Unter ihm wälzte und regte sich der Boden, als wäre er lebendig.

Nach einem Augenblick der Verwirrung erkannte Obuun, dass die Felsplatte, auf der gerade stand, sich wie als Antwort auf seine Not mit ihm darauf in die Höhe erhob. Macht durchströmte ihn. Eine Erquickung, die aus den Tiefen Zendikars emporsprudelte und die so fein wie tausend Nadelstiche prickelte, ehe sie sich zu einem leisen Kribbeln abschwächte. Wenn er die Erde dazu bringen konnte, die Gebeine der Mul Daya auszuspucken, konnte er diese ins Dorf zurückbringen und nicht nur die Bewunderung des Clans, sondern auch die sterblichen Überreste seiner Eltern für sich gewinnen. Die gekappte Verbindung zu seinen Ahnen wäre wiederhergestellt.

Obuun presste die Kiefer zusammen, begierig darauf, diesen entsetzlichen Ort aufzubrechen und die Sonne auf die Knochen seines Clans scheinen zu lassen. Die Plattform stieg weiter in die Höhe. Über seinem Kopf zerbarst Stein und zerfiel Erde. Der Surrakar schrie entsetzt auf. Er drückte sich flach auf den Boden aus Stein und Knochen und begriff offenkundig nicht, was da gerade vor sich ging. Trotz allem nagten Schuldgefühle an Obuun. Der Surrakar war nur ein Tier, ein Aasfresser, der das Pech hatte, neben Fleisch zu leben, das sich wehrte und das auf Rache sann.

Ein entsetzliches Knacken riss Obuuns Gedanken von dem Surrakar los. Er blickte nach oben und sah, wie eine der Wurzeln des Flusswurzelbaums von dem aufstrebenden Stein an der Decke der Höhle zermalmt wurde. Unter dicker, dunkler Rinde kam gesprungenes, fahles Fleisch zum Vorschein. Der Geschmack des nahen Sieges schmeckte bitter in Obuuns Mund: Das Zurückbringen der Knochen würde den Baum entwurzeln, und ohne den Baum gab es keinen Flusswurzelclan. Lebende Elfen würden bei der Katastrophe umkommen, Heimstätten würden verwüstet und Leben vernichtet werden. Doch er war unbewaffnet und allein mit einem Surrakar, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, ihn zu verspeisen.

Obuuns Herz raste, als er den Blick auf der Suche nach einem Ausweg durch die Kammer schweifen ließ. Alles, was er tun konnte, war, vor dem Surrakar so weit zurückzuweichen, wie er es wagte, und sich von der rasch wachsenden Klippe abzuseilen. Mit dem Seil in der Hand kniff er die Augen zusammen, um sich von Zendikars Lebensblut loszureißen. Die Erde kam so unvermittelt und ruckartig zum Stehen, dass Obuun um ein Haar abgestürzt wäre. Der Surrakar huschte auf allen vieren auf ihn zu, und ein entsetzter Schrei entrang sich Obuuns Kehle. Seine Hand fand das Schwert in der Seite des Surrakar, als sich dessen Zähne um seine Schulter schlossen.

Schmerz stach mit einem Dutzend brennender Stiche in sein Fleisch. Der Surrakar verbiss sich in Obuuns Schulter und ließ erst los, als dieser seinen letzten Rest Stärke zusammengerafft und das Schwert tiefer in seinen Gegner hineingetrieben hatte. Die Kreatur heulte auf und stolperte davon, während in den dunklen Schemen der Welt grüne Stellen aufleuchteten, deren Erscheinen Obuun schmerzhafte Krämpfe bescherte. Übelkeit stieg so quälend in Obuun auf, dass der kalte, harte Stein, auf den er in der Kammer unter sich prallte, eine Erleichterung war und die heiße Galle erstickte, die ihm den Hals hinaufstieg. Knochensplitter regneten auf ihn herab, und erneut wurde er, erschöpft und schwindelig, von Dunkelheit verschlungen, die lediglich von giftigen, smaragdgrünen Schnitten durchzuckt wurde.

Die grünen Linien wurden langsam zu Ranken, Blättern und Zweigen. Die Luft war schwül, aber frisch und kühl, durchsetzt vom Duft nach Laub und Blumen. Irgendwo heulte ein Knurrer auf und brachte das Vogelzwitschern über ihm für ein paar endlos lange Wimpernschläge zum Verstummen.

„Lass ihnen Zeit, Obuun“, sagte eine Stimme. Obuun drehte sich um. Ärger stieg in ihm auf, und er wollte Nezzan sagen, dass er seinen Rat für sich behalten sollte.

Doch es war seine Mutter, die hinter ihm stand, jetzt genauso körperlich greifbar wie die Bäume, die sie beide umgaben. Seine Mutter zog ihre Flickenmaske nach unten, knüllte sie unter dem Kinn zusammen und ihr Mund formte sich zu einem Lächeln. Ihr rotes Haar war von einer Schädelkappe verborgen, und ihre Schultern wirkten dank einer Seilrüstung breiter. Obuun erinnerte sich, ihr zugesehen zu haben, wie sie sie einmal beim Schein einer Lampe instand gesetzt hatte, als sie noch am Leben gewesen war. Bevor ihm alles, was er kannte, genommen und er gezwungen worden war, unter den Kor zu leben – abgeschnitten von ihr und von seinen Ahnen.

„Ich habe so lange gewartet“, flüsterte er.

„Ich weiß.“

„Sie vertrauen mir nicht.“ Obuuns Stimme brach an seinem Ärger und nagte an jener inneren Rüstung, die seine Angst und seinen Schmerz verbarg. Er wünschte, er hätte all diese Regungen wieder zurück an ihren Platz zwängen und sie verbergen können, doch er spürte sie wie eine stechende Wunde und verzerrte das Gesicht zu einer Grimasse. „Ich muss mich beweisen, Mutter. Ich muss ihnen zeigen, dass ich hierhergehöre, aber ich habe versagt. Ich habe beinahe den Baum entwurzelt. Ich konnte keinen einzigen Surrakar töten.“

„Musst du ihnen oder dir selbst etwas beweisen?“, fragte seine Mutter. Obuun sagte nichts. Er wusste keine Antwort. „Leichtsinn ist es nicht, wie sich Mul Daya beweisen. Geduld ist es. Jeder Mul Daya hat eine Aufgabe, und dies ist nicht die deine. Lass das Flusswurzeldorf in dein Herz und es wird dich in seines lassen.“

Obuun blickte auf die gewaltigen Äste, die sich über ihm ausbreiteten. Das Flusswurzeldorf war zu einem Ort des Schmerzes geworden, zu einem Symbol für all die schlimmen Dinge, die ihm in seinem Leben widerfahren waren. Der Verlust seiner Eltern. Der Verlust des Wegs der Mul Daya. Der langsame Verfall des Zuhauses seiner Kindheit. Eine Erkenntnis reifte in Obuun, so langsam wie eine über den Boden wuchernde Wurzel. Er hasste es hier. Seit dem Augenblick seiner Ankunft war er wütend und enttäuscht gewesen.

„Ich weiß nicht, wie ich aufhören kann, mich so zu fühlen“, sagte er.

Seine Mutter antwortete nicht. Obuun blickte von dem Blätterdach weg und sah, dass sie fort war. Sie hinterließ eine Leere, eine Lücke in Zendikar und dem Flusswurzelclan, die nie geschlossen werden konnte. Der Wald drang auf ihn ein, Zweige und Ranken verflochten sich und flehten ihn an, sich dem Grün zu unterwerfen. Obuun wusste nicht, wie er das Flusswurzeldorf in sein Herz hineinlassen sollte, wenn dies die klaffende Wunde in seiner Brust doch nur noch tiefer machen würde. Er wollte dem Geist seiner Mutter vertrauen und ihrer Führung folgen, wie er es als Kind getan hatte, doch die Blätter verbargen die Sonne und stürzten ihn in Dunkelheit und Furcht.

Etwas huschte über Obuuns Haut, und er setzte sich jäh auf. Knochensplitter flogen umher. Kleine grüne Funken tanzten über ihn hinweg, zogen Ranken hinter sich her, die in seinem Blickfeld verweilten, und erhellten die Höhle um Obuun herum. Die winzigen Teilchen dämpften den Schmerz seiner zahlreichen Wunden, als badeten sie ihn in klarem, kühlem Wasser. Wie das Harz eines Baumes, der Nektar einer Blüte, süßer als alles, was er je erlebt hatte.

Obuun schloss die Augen und erlaubte ihnen, ihn zu erfüllen. Er sah hinter seinen Augenlidern den Flusswurzelbaum, roch die frische Luft, spürte die Wärme der Sonne und erahnte den Mond, der sich hinter dem Horizont duckte. Das Netz aus Leylinien und den Polyedern, die sie mit Macht speisten, hätte ebenso gut seine Haut berühren können, so deutlich nahm er es wahr. Die Ranken des Flusswurzelbaumes hatten sich in ihm vergraben, und er wurde zu ihm gezogen wie Eisenspäne zu einem Magneten.

Die Erleichterung, diese Verbindung gefunden zu haben, wurde augenblicklich aus Obuun herausgesaugt und von einer schmerzhaften Leere ersetzt. Sein Vater war nicht hier, und Obuun hatte jenen Knochen verloren, der seinen Geist den Ahnen geöffnet hatte. Die schimmernden Glockenklänge der Elfengeister waren verstummt, von frischer Trauer zum Schweigen gebracht. Obuun öffnete die Augen. Der Raum war vom zarten Grün eines neuen Blattes erfüllt. Die große Säule war umgestürzt und hatte eine Höhlenwand durchschlagen. Als Obuun über die unebene Oberfläche der Säule kletterte, fand er hinter der zerschmetterten Wand einen unterirdischen See, dessen ruhiges Wasser vor Algen leuchtete. Seine Abscheu gegen feuchtkalte Orte legte sich. Hier gab es eine Schönheit, die er bislang übersehen hatte. Verbindungen, die er nicht erkannt hatte. Solche, die selbst die gefährlichsten Orte mit jener Heimat verbanden, die er einst geliebt hatte.

Ich weiß, dass die Kor geschickt darin sind, bei jedem, dessen sie habhaft werden können, unsere Sitten durch ihre zu ersetzen. Obuun war auf eine Weise verändert worden, die er erst noch begreifen lernen musste und die er vielleicht nie begreifen würde. Doch wie auch Nezzan war er sich einiger Dinge gewiss. Er wusste, dass das Land ihm das Geschenk des Lebens anvertraut hatte. Er wusste, dass er dieses Geschenk nicht verschwenden durfte. Er wusste, dass der Flusswurzelbaum ihn leiten würde, wenn er ihn denn ließ.

Die Wurzeln des Baumes reichten tief zu diesem unterirdischen See hinab, aus dem sie Wasser zogen und ihn zu seiner gewaltigen Größe heranwachsen ließen. Sie wucherten allerdings auch in die Breite und aus dem schimmernden Sumpf hinaus, der sich östlich des Flusswurzelbaumes erstreckte. Dieser See musste irgendwie mit ihm verbunden sein. Seine Algen schwammen von oben hier herunter und verblassten ohne die Sonne, die sie zu leuchten lehrte. Obuun musste nach dem Ausgang suchen, doch zunächst musste er seine Stiefel ausziehen. Sie waren zu laut und brachten ihn ständig zum Stolpern.

Obuun setzte seinen Weg barfuß fort, der Fels rau und kalt unter seinen nackten Sohlen. Er lauschte, während er lief, doch der Klang des Wasser übertönte jedes Anzeichen des Surrakar. Oft hielt er an, um nach Gefahren Ausschau zu halten, wusste er doch, dass der Surrakar noch immer auf der Jagd nach ihm war. Vor ihm leuchtete hell ein Wasserfall. Die spritzende Gischt war angefüllt mit jenen leuchtenden Algen, die von oben hier heruntergetrieben wurden. Der Wasserfall erhellte glatt geschliffenen Stein. Es würde schwierig werden, ihn ohne Stiefel zu erklimmen, doch Obuun hatte noch immer seine Ausrüstung. Mit Vorsicht und Geduld konnte er es schaffen, solange er nicht Hammer und Steigeisen verwendete. Das Geräusch würde den Surrakar zweifellos auf ihn aufmerksam machen.

Zwar war der Fels glitschig, doch es gab genug Risse, in die Obuun seine Keile rammen konnte, während er sich langsam einen Weg den gleichmäßig herabströmenden Wasserfall hinauf bahnte. Der Geruch von saurem Wasser und Moos floss mit ihm von oben herab und gab Obuun einen leisen Hoffnungsschimmer, obwohl scharrende Geräusche unter ihm erneut Furcht in seinen Eingeweiden aufsteigen ließen. Der Surrakar war dicht hinter ihm. Seine Schultern schmerzten, besonders die, die den giftigen Biss erlitten hatte, und die Erschöpfung nach dem Laufen und dem Kampf um sein Leben lastete schwer auf ihm. Mehr als einmal rutschte er ab und wurde nur von seinen Keilen gerettet, doch zumindest spürte er dank ihnen noch sein Herz in seiner Kehle pochen. Als er oben angekommen war, befand er sich deutlich höher, als dass er einen Sturz von dort noch hätte überleben können.

Der Riss, durch den das Wasser hereinströmte, war breit und niedrig, und es gab nur eine winzige Lücke zwischen Wasser und Stein. Obuun ließ sich in den steten Strom hinab und hielt sich an einer Ranke fest, die von der Decke hing, um zu verhindern, dass er wieder nach unten in die Höhlen gespült wurde. Ein Platschen folgte ihm, und er drückte sich mit dem Rücken an die Steinwand, als der ihn verfolgende Surrakar aus dem schimmernden Wasserfall auftauchte. Das Geschöpf musterte den Mund der Höhle. Das Schwert von Obuuns Mutter steckte noch immer in seiner Seite. Obuuns Herz hämmerte erneut in seiner Kehle, und beinahe wäre er aus seinem Versteck gesprungen, um die Waffe zu greifen, bevor er sich an die Worte seiner Mutter erinnerte. Geduld.

Obuun wartete, bis der Surrakar seine Suche beendet hatte und sich umdrehte, um den Wasserfall wieder hinabzuklettern. Obuun hielt den Atem an, während er stumm hinter dem Surrakar herkroch. Es juckte ihm in den Fingern, das Schwert seiner Mutter zu packen. Er griff nach dem Heft des Schwertes und betete, dass die Ahnen seine Hand ruhig halten mochten. Er brauchte die Klinge nur herauszuwinden. Er brauchte sie sich nur zu nehmen, und dann hätte er dieses eine Ding von seiner Mutter.

Obuun bewegte sich langsamer durch das Wasser als erwartet, doch dies galt auch für den Surrakar. Die Kreatur konnte sich nicht schnell genug umdrehen, und das Jahrzehnte alte Leder des Hefts gab Obuun guten Halt. Er trat die Kreatur, so fest er konnte. Schuppen schnitten ihm in die Fußsohlen und seine Schulter protestierte, als der Surrakar das Gleichgewicht verlor, taumelte und mit einem Platschen in die Tiefe stürzte. Sämtliche Luft wich aus Obuuns Lungen, und schaudernd drückte er sich die Waffe an die Brust.

Nachdem er wieder zu Atem gekommen war, spähte Obuun über die Kante des Wasserfalls. Das helle Leuchten der Algen zeigte deutlich einen dunklen Umriss im Wasser unter ihm. Er sah zu und wartete, um sicherzugehen, dass der Surrakar ihm nicht zurück zum Flusswurzeldorf folgen konnte. Der Schatten regte sich nicht. Obuuns nervöser Herzschlag wurde langsamer und seine Kiefer entspannten sich. Er hatte bis zu diesem Augenblick nicht einmal bemerkt, wie sehr seine Zähne schmerzten. Er schüttelte sich und drehte sich zurück zu der Lücke, die sich in Richtung des Sumpfes öffnete.

Obuun musste sich an herabhängenden Wurzeln und Ranken vorbeiwinden, um unter freien Himmel zu gelangen. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Der Mond hing über ihm und ließ sein silbernes Licht erstrahlen, das dem Leuchten der Algen unter ihm glich. In seinem Rücken spürte Obuun den Flusswurzelbaum, seine Heimat, alles beobachten und warten. Erschöpft und allein von dem Wunsch beseelt, in das baufällige alte Haus seiner Eltern zurückzukehren, machte er sich schlurfend auf den langen Heimweg.

Obuun, Vorfahr der Mul Daya
Obuun, Vorfahr der Mul Daya | Bild von: Chris Rallis

Tage später, nach langer Ruhe und vielen Tagen anstrengender Arbeit, stieg Rauch vom Waldboden auf und erfüllte die Zweige und Laufstege des Flusswurzeldorfes. Sein Geruch rang mit dem beißenden Gestank von scharlachroter Farbe. Die Spitzen von Obuuns Ohren hatten noch immer die Farbe von blassen Rosen, da er sich das Haar so gefärbt hatte wie einst seine Eltern. Dort, wo seine Hände nicht vom Schleppen von Steinen Blasen aufwiesen, waren sie rot. Seine Entdeckung der Knochenkaverne und des Hintereingangs zu den Surrakar-Höhlen hatte das ganze Dorf dazu gebracht, unten am Boden zu schuften. Man hatte daran gearbeitet, den Durchgang von den Haupthöhlen zur Knochenkaverne zu schließen. Die Gebeine waren zurück zum Dorf getragen und auch diese Kaverne versiegelt worden.

Die Scheiterhaufen im Flusswurzeldorf waren der letzte Schritt, um die Toten freizugeben. Jene Knochen, die man zum Andenken behalten wollte, wurden verziert und in Kisten verwahrt oder auf Kaminsimsen ausgestellt. Viele Elfen durften nicht die Knochen behalten, die sie sich wünschten, doch jeder Knochen war besser als die schmerzlich winzigen Splitter, die von Obuuns Mutter übriggeblieben waren. Der Sturz hatte sie so sehr zermalmt, dass nur noch wenig von ihr zu finden war. Viele der Knochen waren in schlechterem Zustand, kaum mehr als Staub, und man flüsterte im Flusswurzeldorf, dass sie noch aus jener Zeit stammten, bevor die Surrakar die Höhlen bevölkerten.

Während Geisterfetzen an Obuun vorbei irrlichterten, betastete er das Heft des Schwertes, das er tief unter dem Flusswurzelbaum gefunden hatte. Das Gesicht seiner Mutter bildete sich im Rauch, nur um zu verwehen und neu zu entstehen und zu lächeln. Immer und immer wieder.

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