Vertrauen

Veröffentlicht in Magic Story on April 5, 2017

Von James Wyatt

James Wyatt joined Magic’s creative team in 2014 after more than 14 years working on Dungeons & Dragons. He has written five novels and dozens of D&D sourcebooks.

Was bisher geschah: Eindrücke

Fünf Planeswalker sind nach Amonkhet gekommen, um einen Drachen zu töten. Als die Wächter haben sie einen Eid geschworen, das Multiversum vor Bedrohungen zu schützen, die sich durch die gesamten Blinden Ewigkeiten ziehen, und der weltenwandernde Drache Nicol Bolas war womöglich die größte dieser Bedrohungen. Also kamen sie nach Amonkhet – eine Welt voller glühendem Sand und schrecklicher Ungeheuer. Genau die Höllenlandschaft, mit der sie gerechnet hatten. Doch dann erschien eine Göttin, rettete sie vor Sandwürmern und führte sie in Richtung einer Stadt. Welche Stadt jedoch könnte unter Bolas‘ Herrschaft erblühen? Und welche Art von Göttin könnte unter seiner tyrannischen Klaue existieren?


Götter? Hier?

Gideon war auf vieles vorbereitet gewesen, was ihn im Versteck von Nicol Bolas erwarten konnte. Doch Götter inmitten der Schrecken der Wüste wandeln zu sehen, war nicht darunter gewesen. Waren sie die Marionetten Bolas‘? War seine Macht so groß, dass er sich göttliche Wesen gefügig machen konnte? Oder waren sie eine unsterbliche Verteidigungsarmee gegen Bolas und seinen immensen Einfluss auf dieser Welt, gejagt von den monströsen Dienern des Drachen? Jede dieser beiden Möglichkeiten verlieh Ajanis Warnung vor der schieren Macht des weltenwandernden Drachen nur umso mehr Gewicht.

Gideon hielt auf dem mühsamen Weg durch den lockeren Wüstensand inne und rieb sich die Schläfen. Jace und Chandra zankten freundschaftlich miteinander, gelegentlich von einer spöttischen Bemerkung Lilianas unterbrochen, und der Lärm begann, sich in seinen Kopf zu graben und auf seine Stirn zu drücken. Oder vielleicht war es auch eher die trockene Hitze und das grelle, unerbittliche Sonnenlicht.

Er blickte grimmig auf Lilianas Rücken, als sie an ihm vorbeiging und über ihren Erfolg dabei grinste, Chandra weiter zu reizen und Jace zu brüskieren. Sie hatte auf Innistrad die Kastanien für sie aus dem Feuer geholt. Keine Frage. Doch seither war sie nichts weiter als aufmüpfig und spöttisch gewesen. Sie hatte kein Gespür dafür, was es bedeutete, Teil einer Gruppe zu sein. Sie lief ihnen einfach nur nach.

Und warum auch nicht?, dachte er. Wir alle haben unsere eigenen Gründe, weshalb wir hier sind. Es ist so unfassbar kompliziert – wir alle, all unsere Emotionen und all unsere Beweggründe und Ziele.

Er spürte eine kalte Hand auf dem Arm und atmete tief ein, ehe er den Blick senkte, um Nissa anzulächeln. Der Druck auf seiner Stirn ließ etwas nach, und ohne ein Wort setzten er und die Elfe ihre Wanderung durch den Sand fort.

Bild von Volkan Baga
Bild von Volkan Baga

Die schimmernde Kuppel, die sie von Weitem gesehen hatten, war nun sehr nahe. Sand, den die Stürme gegen die magische Barriere geweht hatten, türmte sich an ihren Rändern auf. Und schlimmer noch: Aufgereiht an der Mauer waren ...

„Mehr Zombies!“, rief Liliana aus. Sie klang wesentlich fröhlicher, als Gideon sich fühlte. Die ausgedörrten Kreaturen standen reglos im Sand und spähten in die Stadt unter der Kuppel.

Er beschleunigte seine Schritte, um die anderen einzuholen. „Liliana, du schaffst die Zombies beiseite und ich breche dann durch die Kuppel.“

Jace hob eine Augenbraue.

„Äh, also das wäre zumindest mein Vorschlag. Andere Ideen?“ Gideon erinnerte sich daran, dass er nicht der General dieser kleinen Armee aus Planeswalkern war. Jace zumindest erwartete, in Führungsentscheidungen einbezogen zu werden.

Und Liliana würde sowieso machen, was sie wollte.

„Es könnte möglich sein, einfach durchzubrechen“, sagte Jace. „Doch angesichts dessen, was wir in der Wüste gesehen haben, rechne ich damit, dass die Barriere sehr stark ist. Vorausgesetzt sie dient dazu, Sandwürmer draußen zu halten und nicht die Leute drinnen.“

„Glaubst du, du kannst die Magie umgehen?“, fragte Gideon.

„Natürlich kann ich das. Aber ich werde Genaueres wissen, sobald ich Gelegenheit hatte, sie zu untersuchen.“ Jace blickte über die Schulter zu Nissa. Gleich darauf leuchteten seine Augen blau – ein Zeichen, dass er eine telepathische Unterhaltung mit Nissa begonnen hatte, in die Gideon nicht eingeweiht war.

Kompliziert, dachte Gideon erneut.

Das, was nicht kompliziert war, war ihre Arbeit als Gruppe, als sie endlich die schimmernde magische Mauer erreicht hatten. Liliana und Chandra schlugen eine Schneise durch die Zombies, Jace und Nissa steckten die Köpfe zusammen und wirkten einen Zauber und eine Öffnung etwas breiter als Jaces ausgebreitete Arme tat sich auf, um sie einzulassen. Gideon war der Erste, der hindurchtrat und einen Fuß in die Stadt setzte, die ein weiteres Mal allen Erwartungen widersprach, die er an Bolas‘ Versteck gehabt hatte.

Bild von Tyler Jacobson
Bild von Tyler Jacobson

Er stand in den Außenbezirken der Stadt, wo sich zu seiner Linken luftige Felder erstreckten, die an eine Vielzahl steinerner Gebäude, breiter Straßen und schlanker Obelisken angrenzten. Er konnte die Göttin, deren Pfad sie gefolgt waren, nicht sehen, doch die Ankunft der Wächter hatte Aufmerksamkeit erregt: Rund ein Dutzend Leute beobachteten sie in kleinen Grüppchen aus sicherer oder respektvoller Entfernung.

„Hallo!“, sagte Gideon. Er hob eine Handfläche und trat mit breitem Lächeln vor, während er fieberhaft überlegte, was er diesen Leuten über sich und seine Freunde erzählen sollte.

Und über Liliana, dachte er. Wie erkläre ich, dass sie die Zombies mit einer Handbewegung beherrscht?

Sein Gruß wurde erwidert – nicht von einem der Umstehenden, sondern von Flügelschlägen über ihnen. Als er hinaufschaute, sah er einen geflügelten Mann mit dem Kopf eines Kranichs auf einem ansonsten menschlichen Körper – ein Avior, nahm er an, doch ohne die adler- oder eulenhaften Züge derer, die er vor so vielen Jahren auf Bant kennengelernt hatte. Anstatt abzusinken und ihn anzusprechen, flog der Avior an ihm vorbei zu der irisierenden Mauer, die sie gerade durchquert hatten.

Jace hielt den Durchgang noch immer für Nissa offen, und Liliana war nach wie vor darauf konzentriert, die Zombies davon abzuhalten, ihnen in die Stadt zu folgen. Alle drei zuckten überrascht zusammen, als der Avior ihnen zukrächzte: „Was tut Ihr da?“ Er landete gleich neben Jace und versetzte ihm einen Schubs mit dem Knauf seines Stabes – eines Stabes, an dessen Spitze ein Paar Hörner saßen, die denen am Horizont nahe der zweiten Sonne ähnelten. „Geht aus dem Weg, damit ich die Hekma –“

Ehe er seinen Satz beenden konnte, ließ Jace die Hände sinken und die Öffnung, die er in der magischen Mauer geschaffen hatte, schloss sich wieder.

„– reparieren kann“, endete der Avior. Er blickte Jace an, blinzelte langsam und wippte mit dem langen Schnabel auf und ab, während er den Fremden ausgiebig musterte – von dessen bleicher Haut und seltsamen blauen Tätowierungen bis hin zu seinen ebenso seltsamen und ebenso blauen Stiefeln. Der Avior machte einen Schritt zurück und musterte auch die anderen gleichermaßen ausgiebig, wobei sein Blick besonders lange auf Chandras rotem Haar und Nissas leuchtend grünen Augen verweilte.

„Hallo“, sagte Gideon erneut. Diesmal musste er sich angesichts des Hörnerstabs des Aviors sein Lächeln mühsamer abringen.

„Was habt ihr denn da an?“, fragte der Avior.

Bild von Jakub Kasper
Bild von Jakub Kasper

Liliana lachte so laut, dass Gideon ihr einen finsteren Blick zuwarf.

Lass mich das machen“, flüsterte Jace in seinem Verstand, während er vortrat und sich an den Avior wandte. „Vertraut mir“, sagte er. „Kleidung wie diese ist die neueste Mode im ...“, Er runzelte die Stirn. „Bezirk von Sef?“

In der Regel wünschte sich Gideon, dass Jace nicht in anderer Leute Gedanken herumstöberte. Unter diesen Umständen jedoch war es ein Segen, denn so konnte er genau das sagen, was der Avior hören wollte.

„Was macht Ihr in der Wüste?“, wollte der Avior wissen. „Und was habt Ihr mit der Hekma angestellt?“

Jace drehte sich um und blickte die irisierende Mauer an. „Wirklich? Ihr habt diese Technik noch nicht erlernt? Und das als ... Wesir der ... Hekma-Wache? Nun, natürlich ist das der Grund, weshalb ich hier im ... Viertel von Nitim bin ... um sie Euch beizubringen. Mit Kefnet. Natürlich.“

„V–vielleicht sollte ich –“, stammelte der Avior.

„Vielleicht solltet Ihr Temmet herbeirufen“, sagte Jace. „Er wird wissen, was zu tun ist.“

Der Avior nickte rasch und breitete dann die Schwingen aus, um auf das Herz der Stadt zuzufliegen.

„Wer ist Temmet?“, fragte Chandra.

„Irgendjemand, der hier das Sagen hat“, antwortete Jace. „Ich bin mir sicher, du wirst ihn lieben.“

Chandra schnaubte.

„Hört zu“, fuhr Jace fort. „Das ist knifflig. Wesir Eknet hier hatte nicht die geringste Vorstellung von irgendetwas anderem als dieser Stadt. Deshalb habe ich ihm erzählt, dass wir aus einem anderen Viertel sind. Wir haben die Wüste nicht von irgendwo anders aus durchquert. Was diese Leute angeht, gibt es kein ‚irgendwo anders‘. Geschweige denn eine endlose Weite anderer Welten.“

„Nun, vielleicht ist es an der Zeit, ihnen die Augen zu öffnen“, sagte Chandra.

Gideon schüttelte den Kopf. „Nein. Wir sollten nicht mehr Aufmerksamkeit auf uns lenken als unbedingt nötig. Zumindest nicht, bis wir wissen, was uns hier eigentlich erwartet. Herzukommen und ihr gesamtes Weltbild zu erschüttern, wird uns nicht dabei helfen, Bolas zu finden.“

„Und unser Freund Eknet ist bereits misstrauisch“, fügte Jace hinzu. „Ich habe nicht tief genug gegraben, um herauszufinden, was genau ihn so misstrauisch macht.“

„Was ist mit Bolas?“, fragte Liliana.

„Ich habe nichts von Bolas gesehen“, sagte Jace. „Nicht in seinen oberflächlichen Gedanken.“

Nissa deutete in die Richtung, in die der Avior geflogen war. „Das muss Temmet sein“, sagte sie.

„Das kann nicht sein“, sagte Chandra. „Wie alt ist er denn? Vierzehn?“

„Pst!“, zischte Gideon und wandte sich der sich nähernden Gestalt zu.

Er war jung – wahrscheinlich eher fast sechzehn, schätzte Gideon –, aber sein Gang war beherrscht und selbstsicher. Und er hat die Körperspannung eines gut ausgebildeten Kämpfers, dachte Gideon. Oder vielleicht eines Tänzers, ergänzte er seinen Gedankengang.

Bild von Anna Steinbauer
Bild von Anna Steinbauer

„Hallo“, sagte Gideon mit dem letzten Rest Freundlichkeit, den er aufbringen konnte.

Und zum dritten Mal wurde ihm keine Beachtung geschenkt, als der junge Mann seine Aufmerksamkeit – ganz wie es junge Männer oft taten – Liliana zuwandte. „Guten Morgen“, sagte er mit einer leichten Verbeugung. „Ich bin Temmet. Wesir Eknet sagte ... Nun, das was er sagte, ergab nicht allzu viel Sinn.“

Gideon und Jace tauschten einen Blick aus. „Ich habe mein Bestes getan“, sagte Jace in Gideons Verstand.

Nicht gut genug“, grollte Gideon zurück, obgleich er sich nicht sicher war, ob Jace noch zuhörte. „Das wird schlimm enden.

Liliana erwiderte Temmets Verbeugung und begann, ihn um den kleinen Finger zu wickeln. „Nein“, sagte sie, „Wir hatten etwas Schwierigkeiten, ihm die genauen Umstände unseres Hierseins zu erklären. Ich bin so dankbar, dass Ihr hier seid, um das aufzuklären.“

Die Brust des jungen Mannes schwoll kaum merklich, doch trotz Lilianas Schmeicheleien war seine Stimme von Misstrauen angespannt. „Natürlich. Wo liegt das Problem?“

„Wir waren einige Zeit in der Wüste“, sagte sie. „In besonderem Auftrag des Gehörnten.“ Sie nickte leicht in die Richtung der großen Hörner, die über der Stadt aufragten.

Temmets Augen weiteten sich und er drehte sich rasch um, um die Hörner anzusehen. „Möge seine Rückkehr bald bevorstehen“, murmelte er beinahe reflexartig.

Seine Rückkehr?, dachte Gideon. Er ist also nicht hier. Hat Liliana uns belogen?

„Die Dinge scheinen sich während unserer Abwesenheit etwas verändert zu haben“, fuhr sie fort. „Wärt Ihr so freundlich, uns durch die Stadt zu führen?“

„Und mögen wir uns als würdig erweisen“, sagte Temmet und warf ihr einen schrägen Blick zu.

Liliana neigte ob des scheinbaren Gedankensprungs den Kopf, doch Jace trat vor und wiederholte die Worte des jungen Mannes. „Bitte verzeiht“, sagte er. „Die Sonne hat unsere Gedanken verwirrt.“

Das ist etwas, was sie sagen“, flüsterte Jaces Stimme in Gideons Verstand. „Wann immer Bolas erwähnt wird. Spiel einfach mit.

„Ja“, sagte Liliana. „Ein Grund mehr, weshalb wir die Unterstützung eines so wichtigen und weltgewandten jungen Mannes wie Euch gebrauchen könnten.“

Gideon sah das Misstrauen in den Augen des jungen Mannes. Das ist alles falsch, dachte er. Jeden Augenblick wird er uns verhaften lassen.

Endlich nickte Temmet. „Natürlich. Aber ich glaube, Ihr werdet feststellen, dass sich die Dinge nicht so sehr geändert haben, wie Ihr meint. Alles ist so hergerichtet, wie der Gott-Pharao – möge seine Rückkehr bald bevorstehen –“ Er wiederholte den Ausspruch diesmal betonter und hielt inne, um sicherzugehen, dass sie ihn korrekt erwiderten.

„Und mögen wir uns als würdig erweisen“, murmelte Jace, und die anderen fielen ein.

„ – es vor seiner Abreise befohlen hat, auf dass wir vorbereitet sind.“

„Das freut mich zu hören“, sagte Liliana lächelnd.

Bild von Jonas de Ro
Bild von Jonas de Ro

Temmet führte sie großzügige Alleen hinunter, vorbei an rechteckigen Häusern, hohen Obelisken und gewaltigen Monumenten, die der Schwerkraft zu trotzen schienen. Breite Kanäle trugen Wasser aus einem gewaltigen Fluss heran, den er in der Ferne erkennen konnte, und Gärten grünten und blühten, als wollten sie der Wüste hinter der magischen Wand unbedingt die Stirn bieten. Die Stadt wirkte mehr wie ein Park und roch nach frischem Wasser und sonnenwarmem Stein. Am Horizont ragten stets die gewundenen Zwillingshörner Nicol Bolas‘ – des so genannten Gott-Pharaos – auf und erinnerten Gideon an seine Aufgabe hier. Die zweite Sonne hing auf unbegreifliche Weise durchgängig ein kleines Stück links der Hörner.

Die Bewohner der Stadt waren eine bunte Mischung. Neben Menschen und weiteren Avioren erblickte er ziegenköpfige Gestalten ähnlich der Minotauren auf Theros, solche mit Schakalsköpfen und beinlose Schlangenmenschen mit Kobrahäuptern. Am meisten erregten jedoch ihre Betätigungen Gideons Aufmerksamkeit. Er sah keine Händler und keine Handwerker. Niemand ging irgendeiner körperlichen Arbeit nach. Stattdessen waren sie mit Kampfübungen, Athletik und Studien beschäftigt – der Arbeit von Soldaten also –, und immer in Gruppen zu etwa einem Dutzend. Jeder schien in körperlicher Höchstform zu sein.

Meinte Temmet das, als er davon sprach, auf die Rückkehr des Gott-Pharaos vorbereitet zu sein?, fragte sich Gideon.

„Wofür stählen sie sich?“, brach es aus Chandra heraus, als sie an einer Gruppe von Leuten vorbeikamen, die in Ringkämpfe verwickelt waren.

Temmets Blick folgte dem ihren. „Ich glaube, diese Geweihten bereiten sich auf die Prüfung der Stärke vor“, sagte er. Er nickte wohlwollend. „Ich vermute, Rhonas wird die meisten von ihnen für würdig befinden.“

Mit einem strengen Blick schnitt Gideon Chandra das Wort ab, ehe sie eine weitere Frage stellen konnte. Temmets Antwort machte deutlich, dass er von ihnen erwartete, zu wissen, was hier vor sich ging.

Und dann endlich sah Gideon Arbeiter – in gewisser Weise. Temmet sagte gerade etwas über das majestätische Monument, das sie errichteten, doch Gideons Aufmerksamkeit wurde von den Gestalten gefesselt, die einen großen Block aus rotem Sandstein in Richtung der Baustelle hievten. Die von Kopf bis Fuß in weißes Leinen gehüllten Gestalten wirkten ausgedörrt genug, damit Gideon überzeugt war, dass sie unmöglich lebendig sein konnten.

Mehr Zombies?, dachte er und stellte sich das Entzücken vor, das Liliana zweifellos empfinden musste. Mumien, ausgetrocknet und konserviert?

Tatsächlich vermochte Liliana das Vergnügen in ihrer Stimme kaum zu verhehlen, als sie anmerkte: „Ich war schon immer von einer solch klugen Nutzung der Toten beeindruckt.“

„O ja!“, rief Temmet aus. „Die Gesalbten führen sämtliche Arbeiten hier aus, damit die Lebenden nichts weiter tun müssen, als sich zu stählen. Was könnte wohl noch perfekter sein?“

„Ich könnte mir nichts vorstellen“, sagte Liliana und warf Gideon über die Schulter ein Grinsen zu.

Sie bogen in eine Straße ein, und erneut fand sich Gideon in der Gegenwart eines göttlichen Wesens wieder.

Noch ehe er es sah, spürte er, wie all seine Anspannung und Beklemmung von ihm abfielen und sich Ruhe um sein Herz legte, begleitet von einer Wärme, die in seinem Rücken anfing und jeden Nerv in seinem Körper erreichte.

Im Vergleich zu den Göttern auf Theros, die am Horizont wandelten, oder selbst den gottähnlichen Titanen der Eldrazi war diese Katzengöttin klein – und dennoch überragte sie die Menschen um sich herum, die ihr nicht einmal bis ans Knie reichten. Sie trug Weiß und Gold und hielt einen gewaltigen goldenen Bogen in Händen. Anfangs dachte Gideon, ihr katzenhaftes Gesicht wäre eine goldene Maske, doch dann blinzelten die blassblauen Augen und der Mund verzog sich zu einem warmen Lächeln, als die Göttin sich hinkniete.

Die Göttin ...

Kniete.

Vor ihr hatte sich eine Gruppe von Kindern versammelt, die nicht älter als zehn sein konnten. Jedes hielt einen Stab in beiden Händen und hatte Kampfhaltung angenommen. Die Göttin tippte sanft den Fuß eines der Kinder an – ja, es hatte die Beine wirklich ein Stück zu weit gespreizt.

„Oketra wird wissen, was wir mit Euch machen sollen“, sagte Temmet und ging die Straße hinunter auf die Göttin zu. Seine Stimme ließ erahnen, dass das eine Drohung sein sollte, doch Gideon konnte sich in ihrer Gegenwart nicht bedroht fühlen.

Bild von Chase Stone
Bild von Chase Stone

In seiner Jugend war Gideon einst dem Sonnengott Heliod begegnet, der dem jungen Mann eine Hand auf die Schulter gelegt und ihn zu seinem Auserwählten gemacht hatte. Doch dies war nicht Heliods wahre Gestalt gewesen – seine Göttlichkeit war verschleiert und seine Gestalt verkleinert gewesen. Gideon hatte ihn nicht einmal erkannt, bis ihm die Ähnlichkeit des Mannes mit der Statue des Gottes aufgefallen war.

Diese Göttin war anders. Selbst wenn dieser hoch aufragende Körper nicht ihre wahre Gestalt war, so war ihre Göttlichkeit doch in keiner Weise verschleiert. Gideon spürte es in jeder Faser: Es gab ein Schimmern am Rand seines Blickfelds, wenn er sie ansah, und ein Klingen in seinen Ohren, wenn sie sprach. Als Temmet sie heranführte, konnte Gideon die Verehrung und Bewunderung in den Gesichtern der Menschen um die Göttin herum erkennen – die der sich ertüchtigenden Kinder, die der Älteren, die die Übung beaufsichtigten, und die der anderen, die sich scheinbar nur hier versammelt hatten, um der Göttin nahe zu sein.

Könnte ich doch nur auch eine solche Hingabe spüren ... Er schüttelte den Kopf. Wie kann ich je wieder Göttern trauen?

Die Aufgabe, mit der Heliod ihn betraut hatte, hatte zum Tod seiner engsten Freunde – seiner Freischärler – geführt. Der Gott des Todes Erebos hatte sie mit einer simplen Handbewegung vernichtet und Gideon für seine Hybris bestraft. Der Gedanke, einem göttlichen Wesen je wieder Vertrauen zu schenken, fühlte sich an wie Verrat am Gedenken seiner Freunde.

Und dann schaute sie ihn an. Instinktiv und bereitwillig öffnete er sich ihrem Blick, und sie sah ihn. Noch immer auf einem Knie streckte sie die Hand nach ihm aus und legte ihm einen Finger auf die Brust.

„Du bist einer der meinen, Kytheon Jora“, sagte sie. Sie bannte ihn mit ihrem Blick, und er spürte seine Seele in schillerndem Licht brennen. In diesem Augenblick war da nichts, nirgendwo und niemand anderes mehr auf all den endlosen Welten des Multiversums. Nur er und die Göttin – Oketra. Er kannte ihren Namen, wie sie den seinen kannte – seinen wahren Namen. Sie war Einheit, Ordnung, Zusammenhalt: Sie war Herzen, die in einem gemeinsamen Ziel vereint waren, und Körper, die gemeinsam an etwas arbeiteten. Nichts an ihr war kompliziert. Sie war genau das, was sie sein sollte, und es war gut und richtig, dass sie hier war – jetzt, bei ihm.

Dann wandte sie sich von ihm ab und er verlor beinahe das Gleichgewicht. Sie ließ den Blick über seine Gefährten schweifen, und ihre glatte goldene Stirn legte sich kaum merklich in Falten. „Das Schicksal der anderen ist noch nicht entschieden. Noch nicht.“

Sie war fertig. Mit makelloser, anmutiger Grazie erhob sie sich, und wie eins fielen Gideon und all die anderen Menschen um sie herum zu Boden, um sie anzubeten – nicht aus Furcht oder Verpflichtung, sondern wegen der Liebe für sie, die in ihren Herzen aufwallte.

Bild von Cliff Childs
Bild von Cliff Childs

Dann ging sie fort, und die von der Sonne aufgeheizte Luft fühlte sich mit einem Mal kalt an. Gideon stand auf und sah ihr nach, bis sie um eine Ecke bog und aus seinem Blickfeld entschwand. Dann starrte er voll Staunen auf einen hoch aufragenden Tempel, den er bislang nicht wahrgenommen hatte und der nach ihrem Ebenbild gestaltet war, bis Chandra ihm einen sachten Schubs gab.

Temmet sprach nun mit ihm, nicht mehr mit Liliana, und zum ersten Mal lächelte der junge Mann ihn an. Gideon versuchte, sich daran zu erinnern, was Temmet gesagt hatte, der immer weiter redete: „ ... zwei Zimmer in der Nähe, die gerade frei geworden sind. Verzeiht, dass wir im Augenblick nicht mehr Platz haben. Folgt mir bitte.“

Gideon schwirrte der Kopf. Sie waren hierhergekommen, um einen Drachen zu töten, und hatten stattdessen eine Göttin gefunden. Jace und Liliana und Ajani hatten Nicol Bolas als den bösartigsten aller Schurken beschrieben, und dies war seine Heimat, die er vermeintlich erschaffen hatte, doch er konnte unmöglich sie erschaffen haben – nicht dann, wenn er so böse war, wie sie sagten.

Temmet führte sie zu einem Gebäude in der Nähe. Er deutete auf eine Art Speisesaal oder Messe im Inneren und hieß sie, sich zu den anderen Gästen zum Essen zu gesellen. Dann führte er sie eine lange, außen liegende Treppe zu einem Balkon hinauf, der sich über die gesamte Breite des Gebäudes zog. Er öffnete zwei Türen und deutete auf die gemütlichen Räume dahinter. „Ich bin sicher, dass Ihr es hier bequem haben werdet.“

Liliana eilte flugs in einen der Räume hinein und schloss wortlos die Tür. Jace, der vernehmlich zeterte, Nissa und Chandra betraten den anderen. Gideon, der noch halb betäubt war, stand auf dem Balkon und schaute über die Stadt hinaus. Beim Anblick von Oketra, die die Straße entlangging, vollführte sein Herz einen Sprung. Die Menschen machten ihr Platz, doch einige warfen Blumen zu ihren Füßen und andere riefen ihren Namen. Zum zweiten Mal sah Gideon ihr nach, bis sie ihren Tempel betreten hatte und sich die großen Türen hinter ihr schlossen.

Bild von Wesley Burt
Bild von Wesley Burt

Er verweilte dort, genoss den Ausblick auf die Stadt, das Licht der beiden Sonnen, das sich auf dem Fluss und den Kanälen widerspiegelte, und das irisierende Schimmern der schützenden Kuppel – der Hekma. Die großen Hörner am Horizont neben der zweiten Sonne gemahnten am deutlichsten an die vermeintliche Abwesenheit Nicol Bolas‘, doch von seinem Aussichtspunkt aus konnte Gideon das zweigehörnte Symbol noch häufiger sehen: eine Schnitzerei an der Spitze eines Obelisken, der Negativraum zwischen den beiden Hälften eines großen Monuments, sogar eine Reihe von ihnen entlang der Balustrade, gegen die er lehnte. Er konnte die offensichtliche Hingabe der Stadt an ihren Gott-Pharao nicht mit dem in Einklang bringen, was man ihm über den Drachenplaneswalker erzählt und was er mit Oketra erlebt hatte.

„Hallo, Gids.“ Chandra tauchte aus dem Raum auf und trat neben ihn ans Geländer.

Lächelnd legte er ihr die Hand auf die Schulter, und gemeinsam schauten sie über die Stadt.

Sie entwand sich ihm und blickte ihn grinsend an. „Also ... wie hat sie dich genannt?“

„Kytheon“, sagte er. „Kytheon Jora.“ Der Name klang fremdartig aus seinem Mund. „Das ... war mein Name. Auf Theros. Vor langer Zeit.“

„Kytheon. Gideon. Gar nicht so weit weg.“

„Nein. Die Leute auf Bant haben ihn falsch verstanden oder konnten ihn nicht richtig aussprechen, und irgendwie ist er hängen geblieben. Jetzt ist Gideon mein Name.“

„Nö. Was mich betrifft, ist dein Name Gids.“

Gideon lachte, schüttelte den Kopf und wandte sich zurück zur Stadt.

Unvermittelt wurde Chandras Tonfall ernsthafter. „Also, was genau ist eigentlich so ein Gott?“ Er blinzelte, und sie redete hastig weiter. „Ich meine, sind sie so etwas wie Engel? Oder Eldrazi? Oder einfach nur sehr große Leute? Liliana meinte, sie und Bolas wären einst wie Götter gewesen – sind sie Planeswalker?“

Gideon runzelte die Stirn. Er hatte keinen Hinweis auf irgendwelche Götter auf Kaladesh gefunden, zumindest keine wie die auf Theros, weswegen er annahm, dass es durchaus Sinn machte, diese Frage zu stellen. Aber dennoch war sie schwer zu beantworten. Er lehnte sich gegen die Balustrade und kratzte sich am Ohr.

„Nissa sprach oft von der Seele von Zendikar“, sinnierte er.

„Sie hat mit ihr geredet, ja. Ich glaube, sie vermisste sie. War das ein Gott?“

„Vielleicht. In gewisser Weise. Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube, Götter sind ein bisschen wie ein Teil des Herzens einer Welt. Aber sie verkörpern einen Aspekt der Welt, wie die Sonne oder die Ernte. Nur, dass sie außerdem Leute sind. Sie denken, sie reden ...“ Er hielt inne und dachte erneut über sein Erlebnis mit Heliod nach. „Und zumindest auf Theros können sie genauso kleingeistig, rachsüchtig und launenhaft wie Menschen sein. Nur dass sie sich noch weniger um menschliches Leben scheren.“

„Du glaubst, die Katzengöttin ist anders.“

„Da bin ich mir ziemlich sicher.“

Sie lachte. „Ich weiß nicht ... Die Götter auf Theros klingen schon sehr nach Katzen.“

„Oketra ist ... Sie verkörpert ein Ideal, nicht so etwas wie die Sonne. Sie ist Zusammenhalt – sie steht für Zusammenarbeit, dafür, ein Teil von etwas zu sein, was größer ist als man selbst.“

Chandra drehte sich um, lehnte ihre Ellenbogen auf die Balustrade und sah zu den Zimmern, in denen ihre Gefährten um die Schlafordnung stritten. „Nun, zumindest diesen Teil verstehe ich.“

Gideon nickte. Das war es, was die Wächter ausmachte – ein Eingeständnis, dass es für sie mehr bedeutete, ein Planeswalker zu sein, als einfach nur ihre Macht zu nutzen und kreuz und quer durchs Multiversum zu reisen.

„Aber wenn Götter Teil der Welt sind“, fuhr Chandra fort, „und Bolas diese Welt erschaffen hat, wie Liliana sagt, dann verstehe ich immer noch nicht, wieso du diese Katzengöttin so toll findest.“

„Hast du gar nichts gespürt, als wir sie getroffen haben?“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass das ein besonderer Augenblick zwischen euch beiden war.“

Ihre Blicke trafen sich. Dann schaute sie weg und Gideon wurde ein weiteres Mal von der Erkenntnis getroffen, wie kompliziert und verwirrend Menschen sein konnten.

Bild von Grzegorz Rutkowski
Bild von Grzegorz Rutkowski

Rufe in der Straße unter ihnen zogen ihre Aufmerksamkeit auf sich. Er musterte die Stadt und suchte nach der Ursache für die Aufregung, die am diesem bezaubernden und friedlichen Ort so fehl am Platz wirkte. Die anderen Planeswalker gesellten sich zu ihnen auf den Balkon.

Es war Nissa, die schließlich auf die Quelle des Aufruhrs deutete. Eine einzelne menschliche Gestalt – eine Frau – rannte durch die Menge auf sie zu, stieß die gewöhnlichen Leute und jene beiseite, die Temmet die Gesalbten genannt hatte, und richtete so viel Chaos an, wie es ihr irgendwie möglich war. Eine Gruppe von Soldaten (einschließlich eines hoch aufragenden Minotaurus) drohte sie trotz der Verwirrung, die sie stiftete, einzuholen. Die meisten Rufe wurden von der Frau ausgestoßen, doch auf die Entfernung konnte Gideon die Worte nicht verstehen.

Chandra hastete bereits die Treppe hinunter. „Wir müssen ihr helfen!“

Gideon setzte ihr nach und versperrte ihr den Weg. „Jetzt warte mal, Hitzkopf.“ Das tat sie nicht, sondern duckte sich stattdessen unter einem seiner ausgestreckten Arme durch. Er wirbelte herum und umfing ihre Hüfte. „Weißt du noch, was ich darüber gesagt hatte, keine Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen?“

Sie trat ihm gegens Schienbein, und er setzte sie vorsichtig ab. „Aber sie steckt in Schwierigkeiten,“ sagte sie.

„Wahrscheinlich aus gutem Grund. Das wissen wir nicht. Es ergibt keinen Sinn, unsere Aufgabe zu gefährden, wenn wir nicht einmal wissen, was genau vor sich geht.“

Die Frau war inzwischen ganz in der Nähe, doch ihre Verfolger holten zu ihr auf. „Es ist alles eine Lüge!“, rief sie im Rennen. „Die Prüfungen sind eine Lüge! Die Götter lügen! Die Stunden sind eine Lüge! Befreit euch!“

Gideon legte eine Hand auf Chandras Schulter, ehe sie erneut die Treppe hinunterstürmen konnte. Als ihre Schulter plötzlich brennend heiß wurde, riss er die Hand zurück.

„Hörst du sie?“, fragte Chandra. „Sie ist eine Freiheitskämpferin!“

„Wir sind nicht mehr auf Kaladesh“, sagte Gideon sanft.

„Nein, wir sind in Nicol Bolas‘ Zuhause!“

Einem der Verfolger gelang es, das geschwungene Ende eines Stabs um den Fuß der Frau zu haken, und sie taumelte zu Boden. Sofort waren die Soldaten bei ihr, hielten ihre Arme fest und rissen sie auf die Beine.

„Ihr werdet es schon sehen!“, rief sie. „Die Rückkehr wird nur Verwüstung und Unheil über uns bringen!“ Dann legte sich die Hand des Minotaurus über ihren Mund und ihre Rufe erstarben.

Bild von Aleksi Briclot
Bild von Aleksi Briclot

Bewundernswerterweise blieb Chandra auf der Treppe, aber Gideon konnte die Hitze ihres Zorns spüren, die in Wellen von ihr abstrahlte. „Wir hätten ihr helfen sollen“, murmelte sie.

„Schau mal“, sagte Gideon und versperrte ihr die Sicht. „Wir stellen ein paar Fragen. Unbemerkt. Wir finden heraus, was vor sich geht, über welche Lügen sie gesprochen hat und wir helfen ihr, falls sich das als das Richtige herausstellen sollte. Ich verspreche es dir.“

„Und was, wenn deine kostbare Katzengöttin die Lügnerin ist?“

„Das ist sie nicht.“

„So viel zum Fragenstellen. Du scheinst die Wahrheit ja schon zu kennen.“

„Ich weiß nichts über die Frau, die Prüfungen oder die Stunden. Aber ich spüre keine Täuschung in Oketra.“

„Du scheinst dir dessen sehr sicher zu sein“, sagte Jace, der sich zu ihnen auf die Treppe gesellte.

„Siehst du das etwa anders?“, wollte Gideon wissen. „Du hast doch sicherlich die ganze Zeit ihre Gedanken gelesen?“

Jace schüttelte den Kopf. „Ich habe mir angewöhnt, nicht in einen Verstand zu blicken, der ... größer ist als meiner, sofern es nicht unbedingt nötig ist.“

„Chandra hat recht, tapferer Anführer“, sagte Liliana grinsend. „Die einzigen Götter, die ich jemals kennengelernt habe, waren Planeswalker, die sich für Götter hielten. Und sie waren voller Lügen.“

Gideon drängte sich an ihnen vorbei wieder die Treppe hinauf. „Ihr wisst nicht, wovon ihr redet“, sagte er. „Keiner von euch.“

Auf der obersten Stufe hielt er an, da der junge Temmet unvermittelt vor ihm stand.

„Verzeiht die Störung“, sagte Temmet. „Ein unglücklicher Zwischenfall.“

Sofort stand Chandra neben dem jungen Mann, griff nach seiner Schulter und wirbelte ihn zu sich herum. „Unglücklicher Zwischenfall? Was war das denn? Was hat sie getan?“

So viel zum unbemerkten Fragenstellen, dachte Gideon.

Temmet zuckte die Schultern. „Sie hat sich des Lebens unter uns als unwürdig erwiesen.“

„Was soll das bedeuten?“, herrschte Chandra ihn an.

Gideon sah, wie Temmets Augen schmaler wurden und das alte Misstrauen in seinen Blick zurückkehrte. Zweifellos hätte Chandra seine Aussage verstehen sollen – die darauf schließen ließ, dass dies alles kein ungewöhnliches Vorkommnis war.

„Ich fürchte, die genaue Art ihres Verbrechens ist mir nicht bekannt“, sagte Temmet. „Aber dies waren Wesire von Bontu, die sie verfolgt haben, und wenn ich mich nicht irre, sollte ihre Saat heute der Prüfung von Bontu unterzogen werden. Vielleicht gab es einen Zwischenfall im Tempel.“ Er schüttelte den Kopf. „Dabei war ihre Saat so vielversprechend.“

Gideon bugsierte Chandra von dem jungen Mann weg. „Danke“, sagte er zu Temmet. „Ich glaube, wir sollten uns jetzt ausruhen.“

„In der Tat“, sagte Temmet.

Gideon führte Chandra in ihr Zimmer, und die anderen folgten ihnen.

„Und? Was jetzt?“, fragte Nissa. „Ich weiß nicht, was ich von alldem halten soll.“

„Wir haben eine Menge zu verarbeiten“, sagte Gideon.

„Ihre Saat“, sagte Liliana. „Also sollten sie geerntet werden?“

Jace nickte. „Er dachte an eine Gruppe von etwa zwölf Leuten, die lange Zeit zusammengearbeitet haben. Sie haben drei Prüfungen miteinander abgelegt – was auch immer das bedeuten soll.“

Chandra ließ sich mit dem Gesicht voran in eines der drei Betten im Raum fallen.

„Ruhe scheint eine gute Idee zu sein“, sagte Nissa. Sie setzte sich auf ein anderes Bett.

„Na schön“, sagte Gideon. „Wir kümmern uns morgen darum.“

„Ganz wie du sagst, General“, sagte Liliana. Sie rauschte aus dem Zimmer hinaus und in das danebenliegende.

„Bin ich eigentlich der Einzige, der sich fragt, warum Liliana ein Zimmer für sich allein bekommt?“, erkundigte sich Jace.

Gideon zuckte die Achseln und setzte sich in eine Ecke, um Jace das dritte Bett zu überlassen.

Bild von Noah Bradley
Bild von Noah Bradley

Gideon tat sich schwer, Schlaf zu finden, da er ständig versuchte, all die verworrenen Einzelheiten zu sortieren – die Rebellion auf Kaladesh, Tezzeret und seine Weltenbrücke, Nicol Bolas und die Welt, die er angeblich erschaffen hatte, die Rückkehr des Gott-Pharaos, die Lügen der Stunden. Er hatte schon immer besser nachdenken können, wenn er umherlief, weshalb er leise den Raum verließ und im sonderbaren Dämmerlicht der zweiten Sonne durch die Stadt streifte.

Er fand Oketra außerhalb ihres Tempels, gerade als die größere Sonne über dem Horizont aufstieg.

„Was suchst du, Kytheon Jora?“, fragte sie, während sie sich erneut niederkniete.

Antworten, dachte er. Sinn. Gleichgewicht. Glaube.

„Euch“, sagte er.


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