Wie Schuppen von den Augen

Veröffentlicht in Magic Story on 14. Februar 2018

Von R&D Narrative Team

HUATLI, AUF KALADESH

Huatli konnte nicht aufhören zu lächeln.

Sie tauchte in eine Stadt ein, wie sie sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die Luft war warm, wie in ihrer Heimat, aber sonst erschien ihr nichts vertraut. Die Stadt sprühte regelrecht vor Schöpfergeist und Brillanz, und Huatli bestaunte die Gebäude und ...   Dinge ..., die diese Leute erschaffen hatten. Kugeln, in denen man sich fortbewegen konnte! Kleine, metallene Kreaturen, die Pakete auslieferten! Sie schlenderte über einen Marktplatz, der nach sonderbaren, exotischen Gewürzen duftete, und sah eigenartigen, blauen Strömen zu, wie sie sich Flüssen gleich über den Himmel wanden. Die Menschen hier liefen schnell und sprachen noch schneller, und ihre Marktstände waren voll von wundersamen Erfindungen, wie Huatli sie vorher noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Die Einheimischen gehörten verschiedenen Spezies an: kleine Humanoide, große blaue Leute (mit sechs Fingern an jeder Hand!) und kohleartige Wesen, unter deren Haut ein helles, blaues Licht flackerte. Huatli war von einem erhebenden Gefühl ergriffen, sie alle kennenlernen zu dürfen.

Keine ihrer Tamales hatte die Reise überstanden (sie waren irgendwo in dem metaphysischen Raum zwischen Ixalan und hier zu einem ungenießbaren Staub zerfallen), weswegen sie ein Stück Bernstein aus ihrer Heimat gegen eine Börse voller merkwürdig aussehender Münzen eintauschte. Sie klingelten beim Laufen in ihrer Tasche, und Huatli fragte sich, ob sie an einem solch geschäftigen und überwältigenden Ort wie diesem ein Gasthaus finden würde, in dem sie die Nacht verbringen konnte.

Während sie sich ihren Weg durch die Stadt bahnte, erntete sie ein paar neugierige Blicke, aber jedem Starren folgte sogleich ein Kompliment für die aufwendigen Verzierungen an ihrer Rüstung.

„Welch Handwerkskunst! Wer ist Ihr Kunsthandwerker?“, fragte man. Huatli lächelte glücklich und erwiderte: „Ich weiß nicht, was das bedeutet!“

Sie fragte einen Ladenbesitzer in der Nähe nach einem aufregenden Ort, den zu besichtigen es sich lohnte, und er wies sie in Richtung eines großen, offenen Platzes im Zentrum der Stadt. Bald darauf erreichte sie eine Messe, auf der sich die Leute um die besten Plätze mit Sicht auf eine erhöhte Bühne drängten, die am Kopfende des Platzes errichtet worden und an einer Seite von einem großen Zelt flankiert war.

Huatli erspähte eine Gruppe von Beobachtern der Bühne, die Schreibutensilien und Papier in den Händen hielten. Sie wusste, dass sie ihre Leute gefunden hatte, setzte sich neben sie und nahm ihr eigenes Schreibzeug zur Hand.

Eine Gestalt betrat die Bühne, ihre Haut so schwarz wie Kohle und voller Risse, die das wirbelnde blaue Leuchten darunter zum Vorschein brachten. Die Gestalt war in prächtige Seide gehüllt, die elegant um ihren seltsamen, in Auflösung befindlichen Körper geschlungen war. Sie winkte, die Menge jubelte, die Leute mit den Notizzetteln schrieben sich etwas auf und stellten Fragen, und Huatli war glücklich, mitten im Geschehen zu sein. Die Gestalt bedeutete der Menge, still zu sein, und machte eine theatralische Geste in Richtung eines mit einem Stück Stoff verhüllten Gegenstands am anderen Ende der Bühne.

„Willkommen, verehrte Gäste!“

Ihre Stimme war hell und heiter und zog die Aufmerksamkeit der Leute auf sich, zwischen denen Huatli saß.

„Wie viele von Ihnen habe ich mein Dasein der Verbesserung des Lebens jener um mich herum gewidmet. Die Kultur der Äthergeborenen dreht sich darum, das Beste aus der wenigen Zeit zu machen, die uns gegeben ist, darum, jene glanzvolle Ekstase zu feiern, am Leben zu sein. Alle Dinge müssen vergehen. Doch was, wenn dieses Vergehen für jene von uns, die ihm früher begegnen, leichter wäre?“

Die Zuschauer murmelten, als die Gestalt (das Äthergeborene?) den Stoff von dem verhüllten Gegenstand zog und den Blick auf eine reich verzierte, goldene Kiste freigab.

„Dies ist ein Ätherregulator, ein Instrument, das nicht zur Regulierung des Energieflusses äthergetriebener Geräte dient, sondern für Wesen aus Äther gemacht ist. Es handelt sich um ein medizinisches Gerät, das die unangenehmen Nebenwirkungen des Auflösens lindert und es Äthergeborenen gestattet, auf eine würdevollere, schmerzfreie Weise zurück in den Ätherkreislauf einzugehen!“

Die Menge applaudierte frenetisch, und die Leute neben Huatli machten sich eifrig Notizen.

Huatli war wie verzaubert. Ihr Verstand versuchte zu erfassen, was der Erfinder da erklärt hatte, und sie staunte über die Harmonie von Wissenschaft und Einfühlungsvermögen. Sie wollte Fragen stellen: Wie funktionierte das Gerät? Was war der Ätherzyklus? Welchen Nutzen hatte dieser Apparat für eine Gruppe von Leuten, von deren Existenz sie bis vor ein paar Minuten noch nicht einmal etwas geahnt hatte? Huatli spürte, wie sie jemand am Ärmel zupfte, und drehte sich zu einer Frau in etwa ihrem Alter um, die sie anstarrte.

Mit besorgter Miene beugte sie sich dichter zu Huatli und flüsterte: „Sind Sie von hier?“

Huatli schüttelte den Kopf. „Nein! Ich komme von ... außerhalb der Stadt.“

Der Blick der Frau huschte hin und her. Sie beugte sich noch dichter zu ihr. „Von außerhalb der Stadt im Sinne von ‚von einer anderen Welt‘?“

Huatli lächelte. „Sie sind auch eine Planeswalkerin“, riet sie begeistert.

„Nicht hier“, sagte die Frau und wedelte hektisch mit den Armen, als sie Huatli von der Bühne weg dirigierte.

Gemeinsam bahnten sie sich mit einiger Mühe einen Weg durch die Menge – die Frau wurde immer wieder von Fremden angehalten, die sie um ein Autogramm baten – und gelangten schließlich zu einem Park in der Nähe. Gewaltige Statuen säumten einen Pavillon, und Huatli nahm an, dass die kühnen Posen der Abgebildeten ihre wichtigen Errungenschaften widerspiegelten.

„Entschuldige die Unterbrechung“, sagte die Frau. „Mein Name ist Saheeli. Deine Kleidung ist unglaublich – ich hatte so eine Ahnung, dass du ebenfalls eine Planeswalkerin bist.“

„Es freut mich, dich kennenzulernen, Saheeli. Mein Name ist Huatli. Ich bin das erste Mal auf einer anderen Welt“, sagte Huatli. „Wie heißt diese hier?“

„Die Welt heißt Kaladesh, und die Stadt wird Ghirapur genannt. Du bist zu einem guten Zeitpunkt hier eingetroffen. Woher stammst du?“

Huatli dachte einen Augenblick nach und setzte sich auf eine Bank. Die blauen Ströme, die über den Himmel zuckten, lenkten sie immer wieder ab. „Der Kontinent, von dem ich stamme, heißt Ixalan. Daher schätze ich, dass auch meine Welt so heißt.“

Ixalan. Davon habe ich noch nie gehört!“ Saheeli lächelte. „Wie ist es denn dort?“

Huatli zögerte. Wie konnte sie ihre Heimat jemandem beschreiben, der sie noch nie gesehen hatte?

Auf die einzige Weise, die ich beherrsche.

„Es ist ein Land, so hell wie die Sonne.
Die Luft schwer von Licht
Und die Erde dunkel von Leben.
Endlos bedecken Bäume endlose Weiten,
Und Dinosaurier antworten dem Gesang meines Volkes.“

Saheelis Augen weiteten sich vor Neugier. „Was ist ein Dinosaurier?“

Huatli runzelte die Stirn. „Schuppen? Federn?“

Saheeli blickte sie nur verständnislos an.

„Einige reichen dir nur bis zum Knie, andere sind haushoch? Gibt es so etwas hier nicht?“

„Nein, aber ich würde gern einen erschaffen!“ Saheeli grinste und zog Huatli von der Bank. „Wir gehen jetzt gleich zu meiner Werkstatt, und dann kannst du mir einen beschreiben. Ich brauche ohnehin ein neues Projekt für mein Kunsthandwerk!“

Huatli ließ sich mitziehen und lächelte. „Kann ich helfen?“

„Natürlich kannst du das! Du bist die Fachfrau! Ich will alles über Dinosaurier erfahren!“

Huatli war verzückt.

Sie war genau dort, wo sie sein sollte.

Die beiden Planeswalkerinnen spazierten fröhlich zu Saheelis Werkstatt.

Und Huatli erzählte Saheeli von ihrer Heimat.


ANGRATH

Es sah genau so aus, wie er es in Erinnerung hatte.

Die Straße war staubig und breit, hier und dort von Läden gesäumt, die es schon länger gab, als er am Leben war. Es war ein verschlafener Ort, und Angrath war froh, wie wenig er sich verändert hatte.

Kleine Rauchschwaden stiegen von seiner Schmiede auf. Auf einem handbemalten Fenster stand außen in groben Buchstaben „GEÖFFNET“. Das Gebäude war wenig mehr als ein Schuppen am Stadtrand, doch es war sein Schuppen am Stadtrand. Draußen stapelten sich Eisen und Metall in hohen Haufen, und eine Reihe von Werkzeugen und Waffen hingen an einem Regal. Jeder Gegenstand war mit einem Schild versehen, um welche Bestellung es sich bei ihm handelte.

Angraths Ohr zuckte, als er von drinnen das Scheppern von Metall und das Zischen von Wasser hörte.

Er näherte sich, und bei jedem Schritt klirrten seine Ketten.

Angrath duckte sich leicht, um sich nicht den Kopf am Türrahmen zu stoßen (er konnte noch immer die Kratzer im Holz von jenen Malen sehen, bei denen er das Ducken vergessen hatte), und blieb stehen, um nach dem Schmied bei der Arbeit Ausschau zu halten.

Zwei Minotaurenmädchen blickten von ihren Ambossen auf. Sie waren ebenso groß, wie ihre Mutter es gewesen war. Sie trugen grobe Lederschürzen, und ihre Hörner waren mit der Art von Schmuck verziert, wie ihn unverheiratete Frauen ihres Alters zu tragen pflegten.

Ihre Augen weiteten sich. Das Rechte schnaubte vor Verblüffung. Das andere stellte überrascht die Ohren auf.

Das Rechte schnüffelte in der Luft herum und bebte vor Gefühlen. „Vater?“

Zischend stieg Rauch dort von Angraths Haut auf, wo seine Tränen sie berührten. Er lächelte.

„Rumi. Jamira. Ich bin daheim.“


VRASKA

Es fühlte sich eigenartig an, nach so langer Zeit die Blinden Ewigkeiten zu durchqueren. Sie hatte die Weltenbrücke betreten, gerade als diese sich zu schließen begonnen hatte, und so schnell Vraska Ixalan verlassen hatte, so schnell stand sie wieder in ihren eigenen Gemächern auf Ravnica.

Es roch nach Heimat. Vraska war unermesslich zufrieden mit sich selbst.

Sofort eilte sie zu ihrem Lieblingssessel und nahm das Geschichtsbuch zur Hand, das sie vor ihrer Abreise gelesen hatte. Darin befand sich ein neuer Brief.

Nur zwei Worte erschienen in der vertrauten, zierlichen Handschrift: „MEDITATIONSWELT“.

Vraska grinste. Fröhlich streifte sie die Jacke ab und entledigte sich ihrer verschwitzten Kleidung – immerhin gab es keinen Grund zur Eile. Sie nahm das Buch und ging zum Bücherregal, um es hineinzustellen. Dabei fiel ihr Blick auf ein Buch, das sie schon seit einer Weile nicht mehr zur Hand genommen hatte. Sie betrachtete es, zog es hervor und legte es geistesabwesend auf den Tisch neben dem Sessel.

Es würde natürlich warten müssen, bis sie sich mit dem Drachen getroffen hatte.

Bereit zur Abreise schritt sie durch einen schwarzen Riss in der Luft auf die Meditationswelt.

Nicol Bolas erwartete sie.

Sie tauchte in dem inzwischen vertrauten Wasser auf, umgeben von einem magischen Käfig. Vraska führte den Entriegelungszauber ihres ersten Besuches fehlerfrei aus, und der Käfig verschwand.

Sie starrte den Drachen an. Der Drache starrte zurück.

„Ich habe getan, was Ihr mich geheißen hattet“, sagte Vraska. „Seht selbst.“

Und das tat er.

Nicol Bolas inspizierte jeden Winkel ihres Verstandes mit einer beinahe greifbaren Gründlichkeit. Er durchstöberte jede Ecke ihrer Erinnerungen an Ixalan und ließ jede davon binnen eines Wimpernschlags erneut lebendig werden. Vraska keuchte. Es war, als würde ihr Innerstes mit Kernseife sauber geschrubbt.

Sie sah mit ihrem inneren Auge zu, wie er die Gesamtheit ihres Geistes wie ein Wandbild musterte. Vraska machte es nichts aus. Sie war stolz auf das, was sie erreicht hatte.

Sie erinnerte sich, wie sie allein den Fluss hinaufgereist war ...

wie sie mutig in den Strom gesprungen war, der sie zur Stadt getragen hatte ...

wie sie dabei zugesehen hatte, wie eine Sphinx in Orazca wütete ...

und wie sie auf der Immerwährenden Sonne gestanden hatte, um besagte Sphinx – zusammen mit Dutzenden anderer Feinde – in Gold zu verwandeln.

Vraska erinnerte sich glasklar an all dies und legte mit Freuden ihren Geist offen, damit Nicol Bolas ihn prüfen konnte.

Dann, urplötzlich, verschwand das Gefühl. Der Drache verließ ihren Verstand, und sie sah, dass er augenscheinlich mit ihrer Mission zufrieden war.

Nicol Bolas strahlte vor Freude.

Seine Klauen krümmten sich vor Vergnügen.

Gut gemacht, Vraska“, sagte er. „Deine Treue wird belohnt werden.

Vraska verneigte sich, als ihr Geist wieder ihr allein gehörte, und spürte das Gewicht von etwas, was sich in ihrer Tasche manifestierte.

Ein Geschenk, getreue Dienerin. Du hast dir ein Königreich ganz nach deiner Vorstellung verdient.

„Danke für Euer Vertrauen.“

Der Dank gebührt ganz dir. Ich würde sehr gern in Zukunft wieder mit dir zusammenarbeiten.

„Ihr wisst, wo Ihr mich finden könnt“, sagte Vraska mit geschäftsmäßigem Lächeln.

Nicol Bolas bedeutete ihr mit einer Handbewegung, dass sie hier fertig waren, und Vraska ging.

Das Treffen hatte nur ein paar Minuten gedauert. Vraska traf wieder in ihrer Wohnung auf Ravnica ein und war ... verwirrt.

Bolas war zufrieden gewesen, und dennoch ertappte sie sich bei dem Gedanken, dass er etwas Wichtiges übersehen hatte ... oder war sie es, die etwas Entscheidendes vergessen hatte? Sie fühlte sich unruhig, obgleich sie sich an nichts erinnerte, das hätte fehlen können ... oder warum.

Vraska wischte die Empfindung beiseite. Der Drache hatte bekommen, was er wollte, und sie hatte, was sie wollte! Sie schob die Hand in die Tasche und zog ein schmales Stück Papier hervor.

„ER IST ALLEIN UND HIER GEFANGEN“, stand dort in der gleichen schwungvollen Schrift, in der Nicol Bolas’ frühere Nachrichten geschrieben worden waren. „HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH, GILDENOBERHAUPT VRASKA.“ Bei dem darunter angegebenen Ort handelte es sich um einen nur dünn besiedelten Winkel der Stadt. Ein perfekter Ort, um sich dieses Abschaums auf eine angemessen finstere Art und Weise anzunehmen.

Vraska lächelte und ging zu ihrem Waschbecken. Die heutige Nacht würde ihr also schließlich doch noch Spaß machen, und Vraska fand, dass sie sich vor ihrem Aufbruch in Schale werfen und in Stimmung bringen sollte. Ihre Aufgabe konnte noch ein paar Stunden warten.

Sie reinigte ihr Gesicht mit einem Tuch, stellte einen Kessel auf den Herd, öffnete die Memoiren, die sie aus dem Bücherregal genommen hatte, und sann darüber nach, was sie wohl zu Jarad sagen würde, bevor sie ihn versteinerte.


JACE

Jace hatte sich in Unsichtbarkeit gehüllt, als die Immerwährende Sonne verschwand, und dabei zugesehen, wie Vraska fortging. Ein Haufen vertrauter Gestalten war in dem Augenblick durch die Decke gefallen, als die Immerwährende Sonne sich scheinbar in Luft auslöste. Er hatte aus seinem Versteck heraus beobachtet, wie sie zankten und dann missmutig den Raum verließen.

Malcolm und Breeches befanden sich noch immer in der Kammer über ihm. Jace nahm Kontakt zu Malcolm auf (mit Sicherheit der Zuverlässigere der beiden) und sandte ihm eine simple Botschaft. Er spürte, wie Malcolm über ihm stehen blieb.

Die Kapitänin ist in Sicherheit, aber weit fort, dachte Jace und wählte seine Worte mit Bedacht. Ich gehe für eine Weile fort, aber ich will, dass die Mannschaft weiß, wie viel sie mir bedeutet hat.

Du wirst immer ein Teil der Mannschaft bleiben, Jace, sprach eine sanfte, sonore Stimme in Jaces Kopf. Du warst ein ganz ausgezeichneter Pirat.

Wer sagt, dass ich damit jetzt aufhöre?, dachte Jace grinsend. Macht ihnen die Hölle heiß, Malcolm.

Du auch, Jace.

Jace trennte die Verbindung und spürte, wie Malcolm fortging und sein Geist sich immer weiter entfernte.

Er sah zu, wie die anderen Azors Kammer verließen und wurde dann wieder sichtbar.

Jace wusste, dass er nach Dominaria gehen musste, doch er zögerte.

Die Abendluft Ixalans wehte in das geheime Versteck. Rufe von Nachtvögeln und Dinosauriern vermischten sich vor der sinkenden Sonne mit dem Summen von Insekten.

Seine Gedanken kreisten um die Verheißung von Kaffee und einem Buch und ließen sein Innerstes wie ein Blatt im Wind taumeln. Er erinnerte sich an die zuversichtliche Stimme und die unerschütterliche Liebe zu sich selbst seiner Kapitänin, ungeachtet dessen, mit welchen furchteinflößenden Gaben sie geboren worden war – endlich jemand, der die Last dieser Bürde verstand. Sie würde alles für ihre Gemeinschaft tun und hatte einen Teil ihrer selbst geopfert, um das Fortbestehen Ravnicas zu sichern.

Sie war bemerkenswert.

Und sie dachte das auch von ihm.

Jace lächelte in sich hinein und schaute sich in dem Unterschlupf um. Es handelte sich trotz des riesigen Lochs in der Decke um einen hübschen Raum. Ixalan war ein sonderbarer, alberner und wundervoller Ort. Jace hoffte, eines Tages mit Vraska hierher zurückkehren zu können. Um die Mannschaft der Streitlustigen zu treffen. Um ein paar weitere Kaperfahrten zu unternehmen – einfach nur so. Doch das musste warten – er wollte nicht wie Azor enden.

Jace blickte an sich herunter.

Seine Bräune war echt. Die Kratzer, die erst kürzlich schwielig gewordenen Hände, die Muskeln (die Muskeln!) – all das gehörte zu ihm. Zum ersten Mal in seinem Leben war Jace stolz auf seinen Körper. Das durfte er nicht wieder schleifen lassen. Gideon konnte ihm dabei helfen – er hatte immerhin seit mehr als einem Jahr versucht, Jace zu Leibesübungen zu bewegen.

Ein Gedanke brachte Jaces inneren Antrieb ins Stocken. Was soll ich denn sagen, wenn ich die Wächter treffe?

Jace begann, in Panik zu geraten. Kennt einer von ihnen Vraska? Was, wenn sie gerade mit irgendetwas beschäftigt sind? Was, wenn sie bereits irgendwo anders weitergezogen sind und ich sie nicht finden kann, um ihnen von Ravnica zu erzählen? Was, wenn sie nach Innistrad oder Kaladesh oder Zendikar zurückgekehrt sind? Was, wenn sie bei Ugin sind? Was zur Hölle soll ich nur Ugin sagen? „Hallo, also, wegen deines Freundes ... Du weißt schon: den, mit dem du seit Tausend Jahren nicht gesprochen hast ... Ja, also, der ist jetzt auf einer Insel, weil er ganz schrecklich geworden ist. Und außerdem hast du versucht, mich als Köder zu benutzen, um Bolas nach Ixalan zu locken, um ihn dort einzusperren, oder? Was hat dich auf Tarkir aufgehalten? Sollte alles, was du je getan hast, allein dazu dienen, Nicol Bolas zu besiegen? Wenn ja, dann musst du aber wirklich einen Zahn zulegen.“

Jace fühlte sich unfassbar klein. Keine dieser Fragen würde ihm nun helfen. Kein Händeringen würde seine Heimat beschützen. Er entschloss sich, seine Fragen fürs Erste ruhen zu lassen. Zuerst kam Ravnica. Er war der Lebende Gildenbund, doch er war noch mehr als das. Jaces Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln. Ich bin jemand, der einen Plan entworfen hat, mit dem eine Piratenkapitänin einen Drachen hintergehen kann. Das ist es, wer ich bin.

Azors Kammer war nun dunkel. Kleine Lichter tanzten im Dschungel draußen, und das Blätterdach war in Mondlicht getaucht.

Er konnte nicht mehr länger zaudern.

Das Weltenwandeln war eine verzwickte Angelegenheit: Es lief nicht immer perfekt, und man konnte üblicherweise nur solche Orte erreichen, an denen man bereits zuvor gewesen war. Oftmals konnte man eine neue Welt nur dadurch entdecken, indem man sich auf einen Planeswalker konzentrierte, mit dem man vertraut war. Jaces erster Instinkt bestand daher darin, seine Freunde dadurch zu erreichen, dass er nach Liliana suchte, doch der Gedanke an sie ließ ihn erneut zögern. Das, was er nun für sie empfand, hatte nur wenig mit Zuneigung gemein. Es fühlte sich kranker an als das. Ein blutleeres, altes, furchtsames Band zwischen ihnen, das eher an Grauen gemahnte als an Zärtlichkeit. Der bloße Gedanke an sie war beklemmend, weswegen er sich lieber auf die anderen konzentrierte.

Die helle, strahlende Güte Gideons gleißte wie ein Leuchtfeuer durch die Blinden Ewigkeiten, und so beschloss Jace, sie anzuvisieren.

Jace spürte seine körperliche Gestalt schimmern und verblassen und trat, an die Geräusche und das Licht darin gewöhnt, hinein in den Äther.

Doch irgendetwas stimmte nicht.

Gideons Position auf Dominaria bewegte sich – nicht nur mit üblicher Lauf- oder Reitgeschwindigkeit, sondern schneller, als eine Bewegung an sich vernünftig erschien.

Wie bewegt er sich auf diese Weise?!

Jaces Herz raste, als er erkannte, dass er zielen musste.

Jace passte seinen Kurs durch den Äther an und hielt weiter auf Gideons Position zu, während er sich in aller Eile auf dessen Reisegeschwindigkeit einstellte. Er presste die Arme an die Seiten und korrigierte immer wieder minimal seinen Kurs, um sich der Geschwindigkeit dessen anzupassen, worauf auch immer er landen würde, und er spürte, wie sich der Schleier Dominarias näher kam.

Er konnte sein Ziel nicht sehen, aber er hatte eine ungefähre Ahnung von der Größe und Form dessen, worauf er zielte. Was Jace beunruhigte war die Tatsache, dass Gideon mit wirklich rasender Geschwindigkeit unterwegs war. Er fluchte und passte seinen Anflugwinkel erneut an. WORAUF REIST ER DA?

Jace wusste nur zu gut, dass er bei mangelnder Präzision dieses Manövers entweder in einem festen Gegenstand landen oder genau vor dem Objekt aufkommen würde, gerade rechtzeitig, um davon getroffen zu werden.

Die Teile seines Verstandes, die nicht mit Kurs und Geschwindigkeit beschäftigt waren, bestanden aus einem endlosen Chor vielfarbiger Flüche. Am Rande bemerkte er, dass Vraska sicherlich stolz darauf gewesen wäre, wie sehr sein Wortschatz sich erweitert hatte.

Durch den Äther hindurch konnte er Gideon, sein Ziel, spüren, und er konzentrierte sich, während er sich gerade so sehr verlangsamte, um sich nicht in etwas Festem zu materialisieren.

Jace trat entschlossen aus dem Äther und fing sich sofort an einer Wand ab. Er atmete lange aus und sog dann die Luft der neuen Welt ein.

Das Erste, was er hörte, war das Ächzen von Holz und das sanfte Surren einer Maschine.

Er bemerkte, dass er auf etwas leicht Glitschigem gelandet war, und er blickte auf, um zu sehen, wer in der Nähe war.

Der Raum war voller Leute, die ihn anstarrten.

Jace atmete durch und winkte linkisch.

„Hallo. Guten Tag. Entschuldigung. Ich habe wirklich nicht damit gerechnet, das zu schaffen“, japste er. „Musste meinen Kurs wegen deiner Geschwindigkeit anpassen.“ Jace schüttelte die Nervosität ab und lachte. „Hui! Ich bin noch nie auf einem sich bewegenden Objekt gelandet – worauf genau befinden wir uns denn? Wie wird es angetrieben? Wie schnell sind wir?“ Er deutete vage auf das Gebilde um sich herum, während ihm atemlos Fragen entfuhren.

Er blickte von Gesicht zu Gesicht und fand keinerlei Antworten. Er hörte rasche Schritte auf Metall und sah Gideon mit geweiteten Augen und vor Schreck steifen Beinen aus einer Tür in der Nähe schliddern. Er schien von Gefühlen übermannt. Dies war jemand, der vor Freude darüber, dass er am Leben war, beinahe in Tränen ausbrach. Dies war ein Freund.

Jace grinste überwältigt. „Gideon! Ich bin nicht tot!“

Er sah, wie Gideon einen Satz nach vorn machte, um ihn zu umarmen, doch eine der Frauen im Raum stellte sich ihm plötzlich in den Weg. Sie schien um die siebzig Jahre alt zu sein. Sie trug dicke, rote Roben, und ihr silbriges Haar war zu einem losen, etwas struppigen Zopf geflochten. Sie musterte Jace von oben bis unten, und ein belustigtes Grinsen zog ihre Mundwinkel nach oben. Die Frau blickte über die Schulter zu Gideon und hob eine Augenbraue.

„Wer ist denn der Bücherwurm?“


[[Only one of the sections below will be published in the story, depending on which faction wins the fan vote. Please translate them all, and we will remove the losing factions once that data has been compiled.]]

[[SUN EMPIRE WINS]]

Apatzec lächelte, während er die Xocolātl in seinem Becher betrachtete. Jeder schwere Schritt des Sauropoden unter seiner Karawane ließ die Flüssigkeit beinahe auf der einen Seite überschwappen und dort am Rand des Gefäßes entlangtanzen, nur damit sie beim nächsten Schritt von der Schwerkraft wieder zur anderen Seite gezogen wurde. Die Schritte des Dinosauriers schlugen einen langsamen, stetigen Takt, der im Herzen von Imperator Apatzec III widerhallte.

Ein Teil von ihm fragte sich, ob die Flussherolde es wohl in Betracht zogen, Orazca zuerst einzunehmen, doch der Rest von ihm erinnerte sich daran, wie rückgratlos sie waren. Es würde einfach werden.

Die Sänfte des Imperators war fest auf den Rücken des für die Reise nach Orazca wohl zähesten Altisaurus im gesamten Imperium der Sonne geschnallt, was Apatzec großes Vergnügen bereitete. Als Adliger hatte er kaum Grund, seinen Palast zu verlassen. Die kaiserliche Prozessionssänfte hatte bereits Staub angesetzt gehabt. Huatlis Rückkehr – und der Dinosaurier, den sie mitgebracht hatte – hatten ihm einen Grund gegeben, die Sänfte reinigen und für seine Reise bereit machen zu lassen.

Trotz Huatlis Beharrens auf ein Friedensabkommen wusste Apatzec, was ihm zustand. Umgehend hatte er ein Bataillon seiner stärksten Krieger ausgesandt, die Stadt zu säubern, und er war nun auf dem Weg, um im Namen des Imperiums der Sonne Anspruch auf sie zu erheben.

Die Mission war ohne Zwischenfälle verlaufen. Die Stadt war leer. Die Flussherolde hatten es nicht einmal versucht.

Über den Wipfeln der Bäume vor ihm konnte er die goldenen Türme Orazcas ausmachen, die den Himmel wie Nadeln durchstachen und in der Nachmittagssonne wie Juwelen glänzten. Apatzec bestaunte den Anblick und fragte sich, wie die Poeten der Zukunft diese Szene beschreiben mochten. Der Imperator war kein Mann der blumigen Sprache. Alles, was er wusste, war, dass er zufrieden damit war, etwas erreicht zu haben, was seiner Mutter nicht gelungen war.

Orazca erstreckte sich nun zu beiden Seiten. Die Bäume machten endlosen, goldenen Säulen Platz, als sie die Stadt betraten. Die Gebäude ragten hoch in den Himmel auf, hoch genug, als dass Apatzec sich die Frage stellte, wie seine Vorfahren sie errichtet haben mochten. Selbst Apatzecs Altisaurus konnte mühelos unter dem Bogen des Haupttores hindurchschreiten.

Mit einiger Hilfe stieg Apatzec aus der Sänfte herunter. Die Prozession hatte am Fuße eines zentralen Tempels angehalten, und Hunderte von Kriegern erwarteten in Reih und Glied seine Ankunft. Ein Priester legte ihm einen Umhang aus Federn um die Schultern und gab ihm einen Bernsteinstab in die Hand.

Apatzec nahm die Bürde seiner Vorfahren in diesem Umhang wahr. Er verspürte die Gegenwart einer ungebrochenen Reihe von Imperatoren und unbändigen Stolz darüber, das zurückerobert zu haben, was einst verloren war. Er wandte sich zu seinem Volk um und lächelte.

„Orazca gehört nun wieder uns“, sagte er. „Die drei Aspekte der Sonne erstrahlen hell, und so beginnt ein neues Zeitalter der Eroberung für das Imperium der Sonne. Ixalan ist unser ... und bald auch Torrezon.“


Rivalen von Ixalan-Storyarchiv
Planeswalker-Profil: Huatli
Planeswalker-Profil: Saheeli
Planeswalker-Profil: Angrath
Planeswalker-Profil: Vraska
Planeswalker-Profil: Nicol Bolas
Planeswalker-Profil: Jace Beleren
Weltenbeschreibung: Ixalan


Die Magic-Story geht im März 2018 auf Dominaria weiter.

Magic: The Gathering-Narrativteam:

Autoren – Alison Luhrs und Kelly Digges
Lektorat – Gregg Luben

Ixalan Story-Entwicklung:

James Wyatt (Kreative Leitung)
Chris L’Etoile
Doug Beyer

Mit besonderem Dank an:

Jenna Helland
Ken Troop

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