Sechs Kontinente, sechs Geschichten

Veröffentlicht in Making Magic on 26. Mai 2015

Von Mark Rosewater

Working in R&D since '95, Mark became Magic head designer in '03. His hobbies: spending time with family, writing about Magic in all mediums, and creating short bios.

Willkommen zur „Magic auf der ganzen Welt“-Woche! Diese Woche steht ganz im Zeichen von Magic und wie es weltweit gespielt wird. Eines der Dinge, die ich an meinem Job so sehr liebe ist, dass er mir die Gelegenheit zum Reisen gibt. In den zwanzig Jahren, die ich ihn nun schon mache, hat mich Magic auf jeden Kontinent mit Ausnahme der Antarktis geführt. Deshalb habe ich beschlossen, euch heute sechs Geschichten zu erzählen – eine von jedem Kontinent.

In meinen ersten beiden Geschichten wird es um zwei der krassesten Spieler gehen, die ich jemals in einem Finale eines hochklassigen Events habe antreten sehen. Interessanterweise sind diese beiden Spieler gute Freunde und haben lange Jahre im selben Team gespielt.

Anekdote 1: Ein krankes Finale (Eine Geschichte aus Südamerika)

Das zweite der Duelist-Einladungsevents (die Jahre später in Magic-Einladungsevents umbenannt werden sollten) fand im brasilianischen Rio de Janeiro statt. Zeitgleich wurde auch der Grand Prix ausgerichtet, und beide Veranstaltungen waren in einem alten, historischen Gebäude untergebracht. Der Grand Prix wurde im Obergeschoss in einer großen Halle ausgetragen. Es war Hochsommer in Brasilien, und die gesamte Reise über war es mehr als 38 Grad heiß. Die Halle oben war nicht sonderlich gut belüftet, und sie war vollgestopft mit Spielern. Das eine Mal, das ich dort hinaufging, kam es mir vor, als würde der Grand Prix in einem Dampfbad stattfinden.

Wir hingegen saßen unten in einer Glaskammer – dem einzigen Raum im ganzen Gebäude mit Klimaanlage. Zuschauer pressten ihre Gesichter gegen die Scheiben, um etwas sehen zu können. Damals dachte ich, sie wollten nur unbedingt das Event verfolgen, doch mittlerweile ist mir klar, dass das Glas wahrscheinlich auch ziemlich kühl gewesen sein muss. Jedenfalls waren die brasilianischen Spieler ausgesprochen stolz, dieses Event auszurichten, und sie behandelten ihre internationalen Gäste wie Rockstars.

Im Laufe dieser drei Tage traten fünfzehn Spieler gegeneinander an. Fünfzehn deshalb, weil Jason Zila in letzter Minute abgesagt hatte und wir so kurzfristig keinen Ersatz mehr für ihn finden konnten. Wir ließen seinen Namen in den Paarungen, und wenn man gegen Zila spielte, hatte man ein Freilos. Am Ende waren noch zwei Spieler übrig: Jakub Slemr aus Tschechien und Darwin Kastle aus den Vereinigten Staaten. Jakub Slemr war zu dieser Zeit der amtierende Weltmeister. Darwin Kastle war ein Spieler, der zahlreiche Pro Tours unter den Top 8 beendet hatte, einschließlich eines zweiten Platzes bei der PT Atlanta, der fünften Pro Tour überhaupt. Kastle sollte später seinen wohlverdienten Platz in der Pro Tour-Hall of Fame erhalten.

Die Finalmatches auf den Einladungsevents funktionierten damals so, dass die beiden Finalisten jedes der fünf Formate spielten. Für die, die es nicht wissen: Die Einladungsevents waren ein Turnier mit fünfzehn Runden nach dem Schweizer System – jeder Spieler spielte einmal gegen jeden anderen Spieler, wobei das Format alle drei Runden wechselte. Da in jedem Format Best-of-Three gespielt wurde, konnten diese Endrunden ziemlich lange dauern. Ich wusste schon vom Vortag, dass sich Darwin etwas unwohl gefühlt hatte, doch über Nacht war es dann noch schlimmer geworden. Darwin war richtig krank. Trotzdem tauchte er zum Finale auf, denn er wollte unbedingt gewinnen und hatte nicht vor, sich von irgendetwas – und schon gar nicht von einem grassierenden Virus – aufhalten zu lassen.

Wenn ich sage, dass Darwin krank war, dann meine ich nicht, dass er niesen oder unaufhörlich husten musste. Darwin stand kurz davor, zusammenzuklappen. Ich war echt überrascht, dass er es geschafft hatte, aus dem Bett zu kommen. Das Problem war, dass jeder am Folgetag die Stadt verlassen würde (na ja, außer mir, denn ich machte noch ein paar Tage Urlaub mit meiner Freundin, und ihr könnt in einem Artikel meiner Kolumne auch etwas darüber erfahren, wie ich ihr damals den Hof machte). Das Finale konnte daher nicht verschoben werden. Obwohl es ganz und gar nicht danach aussah, sagte Darwin, er könne spielen.

Irgendwann während des ersten Formats drehte sich Darwin zu mir um und fragte: „Dürfen wir während des Spiels Pausen machen?“ Ich fragte ihn, was er meinte, und er sagte: „Ich glaube, ich muss mich übergeben.“ Ich schickte ihn aufs Klo. Darwin verschwand noch mehrfach, kam aber jedes Mal wieder zurück und konzentrierte sich voll aufs Spiel. Das Finale war beim fünften Format angekommen, und Darwin gelang es durch pure Willenskraft, drei davon und somit das Event zu gewinnen. Darwin überreichte mir die Karte, die er als Trophäe haben wollte (später als Lawinenreiter bekannt), und ging direkt ins Bett, wo er, wie ich annehme, bis zu seinem Flug am nächsten Tag durchschlief.

Lawinenreiter | Bild von Edward P. Beard, Jr.


Anekdote 2: Noch ein krankes Finale (Eine Geschichte aus Nordamerika)

Auch in der zweiten Geschichte über einen kranken Spieler in einem Finale taucht interessanterweise Darwin Kastle auf. Allerdings war es diesmal nicht er, der unpässlich war. Diese Ehre gebührte diesmal einem weiteren Mitglied der Hall of Fame: Rob Dougherty. Das fragliche Event war die Pro Tour Washington, D. C. – die allererste Team-Pro Tour. Dougherty bildete zusammen mit Kastle und noch einem späteren Angehörigen der Hall of Fame – nämlich Dave Humpherys – das Team „Your Move Games“. Dieses Team war nach dem Spieleladen benannt, der Dougherty gehörte und in dem sie alle drei spielten. Es trat im Finale gegen das Team „Game Empire“ an, das aus drei Amerikanern bestand: Kurt Burgner, dem ehemaligen Weltmeister Brian Selden sowie dem späteren Hall of Fame-Spieler Alan Comer.

Wiederaufbereitung | Bild von Phil Foglio

Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, wie Dougherty krank wurde. Eine ganze Reihe von Spielern zog sich an diesem Wochenende eine Lebensmittelvergiftung zu. Deshalb schätze ich, dass auch Dougherty zu ihnen gehörte. Vielleicht hat er sich aber auch einen Virus eingefangen. Ich weiß, dass es ihm den Großteil des Wochenendes über gut ging. Also tendiere ich zur Lebensmittelvergiftung. Was auch immer es war, am Sonntag ging es Dougherty hundeelend. Das Event war ein Team-Rochester-Draft mit dem Urza‘s Saga-Block. Das bedeutete, dass die drei Spieler gemeinsam drafteten und einander beim Aussuchen der Karten helfen konnten. Rob schaffte es irgendwie, am Draft teilzunehmen, aber Kastle und Humpherys übernahmen die Strategieplanung und halfen Dougherty bei seinem Draft.

Während des Deckbaus lag Dougherty auf dem Fußboden. Ein Judge nahm sein Deck auf, und Kastle und Humpherys bauten es. Allerdings musste Dougherty das Match im Finale tatsächlich selbst spielen. Er hatte ein rot-grünes Deck gedraftet und trat gegen Brian Selden an, der grün-weiß spielte. Bei dieser Paarung ist das grün-weiße Deck üblicherweise überlegen, doch Dougherty hatte es geschafft, sowohl einen Blitzdrachen als auch eine Geschmolzene Hydra zu draften, die ihm einen Vorteil brachten.

Da es sich um ein Teamturnier handelte, hätte Team „Your Move Games“ selbst dann noch gewinnen können, wenn Dougherty verloren hätte, doch der hatte nicht vor, während des Finales nur nutzlos herumzusitzen. Letzten Endes besiegte Dougherty Selden und beendete als Erster sein Match. Dann sah er zu, wie Humpherys sein Spiel gewann (während das Publikum übrigens bei Kastles Match zusah, da ich nicht bei Humpherys‘ Match gegen Alan Comer dabei sein durfte) und so den Sieg für Team „Your Move Games“ holte.

Anekdote 3: Die Geburt eines Formats (Eine Geschichte aus Afrika)

Rotisserie-Drafts sind seit Neuestem total angesagt. Daher dachte ich, dass es vielleicht spannend wäre, etwas darüber zu erzählen, wie dieses Format entstanden ist. Als ich das Magic-Einladungsevent aufbaute, war eines der Dinge, die ich dabei gerne machen wollte, coole und abgefahrene Formate zu präsentieren. Viele dieser Formate gab es bereits, aber ich hatte auch große Freude daran, mir noch ein paar mehr auszudenken. Rotisserie-Draft ist so ein Format.

Beim fraglichen Event handelte es sich um das Magic-Einladungsevent im südafrikanischen Kapstadt. Bei jedem dieser Events gab es fünf Formate. Diese Struktur hier hatte ich verwendet:


1) Ein normales Constructed-Format

Die Idee war, dass eines der Constructed-Formate eins von denen sein sollte, die die Leute sonst auch spielten, damit wir neue Decklisten einführen konnten. In Kapstadt war dieses Format Standard, da wir damals auf keiner der Pro Tours (außer bei der Weltmeisterschaft) Standard spielten.


2) Ein extravagantes Constructed-Format

Dieses Format verlangte von den Spielern, dass sie ein wenig anders denken mussten als sonst. Normalerweise dachte ich mir für diesen Punkt ein neues Format aus, doch ein Casual-Format namens „5 Farben“ (quasi der Vorgänger von Commander) war damals sehr beliebt. Also entschieden wir uns dafür.


3) Ein Constructed-Format, für das man kein Deck bauen musste

Wir hatten gern drei Constructed-Formate, wollten aber nicht, dass die Spieler drei unterschiedliche Decks bauen mussten. Also entwarfen wir ein Format, das zwar vom Ansatz her ein Constructed-Format war, bei dem jedoch wir die Decks bauten. Dieser Punkt war viele Jahre lang das „Auktion des ____________“-Format. Es wurden siebzehn Decks ausgewählt, die in vielen Fällen vom Publikum gebaut wurden, und die eingeladenen Spieler mussten auf die Lebenspunkte und die Größe der Starthand bieten. In Kapstadt fand die erste Auktion des Volkes statt, und das Publikum baute Decks um einen bestimmten Kreaturentyp herum.


4) Duplicate Limited

Bis die Einladungsevents ins Netz verlegt wurden, wurde dieses Format bei jedem von ihnen gespielt. Es handelt sich um ein Sealed-Format, bei dem alle sechzehn Spieler einen identischen Kartenpool bekommen, der speziell für das jeweilige Event zusammengestellt wird. Für die meisten Events – wie auch für das in Kapstadt – stellte ich diesen Kartenpool zusammen.


5) Ein herausforderndes Limited-Format

Manchmal war das ein altbekanntes Limited-Format wie Boosterdraft oder Rochester-Draft. Ich nutzte diesen Punkt aber auch ab und zu, um weniger häufig gespielte Limited-Formate einzusetzen, die jede Menge Können erforderten: Solomon-Draft zum Beispiel. Da wir allerdings schon „5 Farben“ spielten, gab es noch kein neues Format auf dem Event. Ich mochte es aber, auf jedem Einladungsevent mindestens ein neues Format vorzustellen.

Die vor mir liegende Aufgabe war es nun also, ein Limited-Format zu erfinden, das das Können der Teilnehmer auf die Probe stellte. Zudem war vor Kurzem Odyssee erschienen, weshalb das Format auch gleich das neue Set vorstellen sollte. Eines der Dinge, die ich übers Brainstorming gelernt habe, ist, immer Extreme vorzuschlagen. Eine Idee, die ich aufschrieb, lautete also: „Das komplette Set draften.“ Normalerweise schreibt man Extreme auf, weil man dadurch eine neue Sichtweise auf das jeweils vorhandene Problem bekommt und so Lösungen findet, an die man vorher nicht gedacht hat. Je länger ich mir diesen Vorschlag aber nun ansah, desto besser gefiel er mir. Warum sollten wir denn nicht einfach alles draften? Mir gefiel, dass das etwas ganz Neues war und das Können der Spieler so richtig auf die Probe stellen würde. Ich teilte die Gruppe aus sechzehn Spielern in zwei Gruppen zu je acht Personen auf und bestimmte die Sitzordnung anhand der aktuellen Platzierung im Turnier. Ich verwendete die Ziehreihenfolge aus dem Rochester-Draft, und schon war ich fertig.

Jetzt brauchte das Format nur noch einen Namen. Wenn ich mir neue Formate ausdenke, dann möchte ich natürlich auch, dass andere Spieler sie ausprobieren. Daher war der Name ziemlich wichtig. Ich begann, mir Draftformate in anderen Spielen anzusehen, und stolperte über Rotisserie-Drafts beim Baseball. Sie waren dahingehend ähnlich, dass man aus dem gesamten Pool draften konnte. Also lieh ich mir den Namen aus. Wen es interessiert: Der Name „Rotisserie“ ist vom Namen des Restaurants La Rotisserie Française abgeleitet, in dem sich die Erfinder des Drafts zum Mittagessen trafen und das Spiel zuerst spielten. Das bedeutet außerdem, dass der Rotisserie-Draft in Magic nicht vom Baseball-Draft inspiriert wurde, denn den hatte ich damals noch nie gespielt. Das Format wurde zwar gut aufgenommen, nahm aber erst etwa ein Jahrzehnt später richtig Fahrt auf.

Anekdote 4: Finkels bester Draft (Eine Geschichte aus Australien/Ozeanien)

Ich habe ja gerade erzählt, dass in Kapstadt die erste „Auktion des Volkes“ stattfand, doch das war nicht die erste „Auktion des ____________“, zu der es auf einem Einladungsevent kam. Ich stellte das Format im Jahr davor im australischen Sydney vor, und zwar bei einem Event namens „Auktion der Champions“. Damals gab es siebzehn Constructed-Decks, mit denen bisher eine Pro Tour und/oder eine Weltmeisterschaft gewonnen worden war, und diese Decks durften die Spieler draften. Und das sind sie:

  1. Zak Dolan (WM '94)
  2. Alexander Blumke (WM '95)
  3. Michael Loconto (Pro Tour New York '96)
  4. Olle Rade (Pro Tour Columbus '96)
  5. Tom Chanpheng (WM '97)
  6. Paul McCabe (Pro Tour Dallas '96)
  7. Michael Long (Pro Tour Paris '97)
  8. Jakub Slemr (WM '97)
  9. Randy Buehler (Pro Tour Chicago '97)
  10. David Price (Pro Tour Los Angeles '98)
  11. Brian Selden (WM '98)
  12. Tommi Hovi (Pro Tour Rom '98)
  13. Casey McCarrell (Pro Tour New York '99)
  14. Kai Budde (WM '99)
  15. Bob Maher, Jr. (Pro Tour Chicago '99)
  16. Sigurd Eskeland (Pro Tour New York '00)
  17. Jon Finkel (WM '00)

Auch hier bot man auf ein Deck, indem man die Größe der Starthand und danach die Lebenspunkte unterbot. Die Größe der Starthand war wichtiger als die Gesamtlebenspunkte. Ein Gebot über sechs Karten und zwanzig Lebenspunkte war also niedriger als eines über sieben Karten und einen Lebenspunkt. Als das beste Deck im Rennen wurde Tommi Hovis Siegerdeck von der PT Rom angesehen. Der Trick bei diesem Format lag nicht nur darin, ein gutes Deck zu ergattern, sondern auch darin, ein gutes Gebot abzugeben.

Jon Finkel hatte sich intensiv auf dieses Format vorbereitet und kannte sich bestens mit diesen ganzen Decks aus und damit, wie sie sich gegen die jeweils anderen schlugen. Er war bei den meisten Versteigerungen sehr aktiv und bot auf zahlreiche Decks, stieg aber immer aus, ehe der Zuschlag gegeben wurde. Als Finkel an der Reihe war, ein Deck zu nominieren, wählte er Zak Dolans Deck von der allerersten Weltmeisterschaft aus. Finkel bekam das Deck für ein hohes Gebot von sieben Karten und 15 Lebenspunkten.

Das Deck stand in dem Ruf, ein wenig verschroben zu sein – mit jeder Menge komischer Karten wie Lockruf der Sirenen und Leydruide –, doch Finkel fiel etwas auf, was nur wenigen ins Auge gesprungen wäre. Ja, das Deck war ziemlich eigenartig aufgebaut, doch erstens war es ein Vintage-Deck mit Zugriff auf jede Menge mächtiger Zauber und zweitens „arbeiten all diese minderwertigen Karten gut zusammen“, wie Finkel es ausdrückte. Über die Deckliste kann man zwar gut schmunzeln, doch Zak Dolans Deck funktionierte tatsächlich viel besser, als so mancher Spieler ihm dies eigentlich zugestehen wollte.

Finkel schlug sich in diesem Format gut und ging mit einem 3:0 daraus hervor. Die wahre Sternstunde des Decks kam jedoch im Finale, als Finkel damit gegen Ben Rubin, einen weiteren Spieler aus der Hall of Fame, antrat. Rubin hatte Dave Prices monorotes Sturmwind-Deck von der Pro Tour Los Angeles 1998 erstanden. Er hatte es sich mit einem Gebot von sieben Karten und dreizehn Lebenspunkten gesichert, was hieß, dass er etwas niedriger geboten hatte als Finkel für sein Deck.

Das allererste Format, das im Finale gespielt wurde, war „Auktion der Champions“. In der ersten Partie war Finkel zuerst am Zug. Mithilfe eines Mox Emerald und eines Black Lotus spielte er in der ersten Runde einen Serra-Engel. Rubin stellte dann fest, dass sein Deck diesen Engel erst in Runde Vier würde zerstören können, wenn er denn perfekt zog. Man muss wohl nicht dazusagen, dass die Partie nicht sehr knapp ausging und Finkel mit Dolans Deck ungeschlagen blieb. Und dann machte er sich auf, das ganze Event zu gewinnen. Seine Trophäe sollte ein Eindringender Schattenmagier werden.

Anekdote 5: Die wahre Schlacht um Mirrodin (Eine Geschichte aus Asien)

Die nächste Geschichte trug sich bei der Weltmeisterschaft 2010 im japanischen Chiba zu. Ich könnte über das Finalmatch zwischen Guillaume und Guillaume sprechen. Ich könnte auch darüber sprechen, wie es bei der Wahl zum Pro-Player des Jahres ein Unentschieden gab. Doch meine liebste Geschichte von diesem Event gehört nicht einmal direkt zur Weltmeisterschaft. Sie trug sich auf einem Promo-Event zu, an dem ich eines Abends teilnahm.

Oft veranstalten wir bei solchen Events etwas, was wir „Massive Magic“ nennen und bei dem wir mit riesigen, einen Meter großen Magic-Karten spielen. Normalerweise sind die Kontrahenten zwei Leute von Wizards, die die Zuschauer während des Spiels mit einbeziehen. In dieser Paarung trat ich für Team Phyrexia gegen Richard Garfield für Team Mirran an. Dazu muss man wissen, dass sich all dies im Dezember ereignete, nachdem Die Narben von Mirrodin schon erschienen war, aber noch vor Mirrodins Belagerung. Tatsächlich gab es in jedem Deck eine Preview-Karte aus Mirrodins Belagerung, die wir bei diesem Event vorstellten.

Immer wenn wir eine Karte zogen, holten wir uns einen Freiwilligen aus dem Publikum, der sich um diese Karte kümmern sollte (er war also vom Tappen bis zum Angreifen für jede Aktion dieser Karte verantwortlich). Während des ganzen Spektakels kommentierten zwei weitere Leute das Match (größtenteils auf Japanisch, denn wir waren ja in Japan). In diesem Format ist es üblich, dass die Kontrahenten einander wüst beschimpfen. Nimmt man nun noch die Atmosphäre des phyrexianisch-mirranischen Krieges hinzu, so wurde die Sache schnell auf spielerische Art und Weise ziemlich hitzig.

Ich und meine phyrexianische Horde gingen früh in Führung. Die Mirraner schlugen zurück, doch ich konnte das Blatt schnell wieder zugunsten Phyrexias wenden. Als es so aussah, dass die Mirraner verlieren würden, kam Richard auf meine Seite herüber und offenbarte mir, dass er in Wahrheit ein Doppelagent sei. Dann trafen die Judges ein paar sehr fragwürdige Entscheidungen – es stand für mich völlig außer Frage, dass sie parteiisch waren –, damit die Mirraner gleichziehen konnten. Anschließend verkündete Richard, dass er in Wahrheit ein Doppel-Doppel-Agent wäre und ging wieder zurück auf die andere Seite, um die Mirraner weiter anzuführen.

Ich verlor jedoch nie die Hoffnung, und Phyrexia trug, obwohl ich gegen Richard und die ganzen Judges spielte, den Sieg davon. Ich übergab Richard seine zehnte und letzte Giftmarke (die ich mit nach Hause nahm und die nun neben meinem Schreibtisch steht) und gewann das Spiel. Ich beendete das Match mit den Worten: „Alles ist eins. Phyrexia wird kommen.“ Damals verstand natürlich niemand, wie klar ich damit darauf anspielte, dass Phyrexia im kommenden Jahr den Krieg gewinnen würde.

Dieses Event hat unglaublich viel Spaß gemacht und ist daher meine liebste Erinnerung an diese ganze Weltmeisterschaft.

Anekdote 6: Das lange Mischen (Eine Geschichte aus Europa)

Die allererste Pro Tour, die in Europa stattfand, war die Pro Tour Paris, die Mike Long mit seinem „Prosperous Bloom“-Kombodeck gewinnen sollte. Diese Geschichte dreht sich zwar um Long, trug sich aber vor dem Finale zu (bei dem er eine Reihe von Partien gegen Mark Justice spielte). Nein, diese Geschichte ereignete sich während seines Viertelfinales. Damals war ich der TV-Produzent für das Finale: Meine Aufgabe war es also, im Vorfeld festzulegen, welches Spiel wir übertragen würden. Für das Viertelfinale wusste ich das schon: Der Amerikaner Mike Long würde sich mit einem anderen Amerikaner namens Jason Gordon messen.

Der Grund, weshalb dieses Match interessant zu werden versprach, war, dass sowohl Long als auch Gordon einen ziemlich zwielichtigen Ruf hatten und viele Spieler herausfinden wollten, wer von beiden denn nun zwielichtiger war. Manchmal treten zwei Helden gegeneinander an und manchmal zwei Schurken. Hier traf ganz klar Letzteres zu. Die Spieler liebten es immer, einen Schurken zu hassen, weshalb wir auch so oft einen Schurken vor die Kamera holten. Da aber nun zwei Schurken gegeneinander spielten, entstand eine höchst angenehme Spannung, weil die Spieler erst herausfinden mussten, für wen sie denn jetzt eigentlich waren.

Schlachtenformer der Boros | Bild von Zoltan Boros

Das Ganze funktionierte damals so: Ich war allein in meiner Kabine mit meinen zwei Kommentatoren. Ich hatte eine Direktverbindung zum Regisseur und erklärte ihm, wo wir anfingen und wohin wir würden gehen müssen, falls wir auf eine andere Partie umschwenken wollten. Wir begannen mit Long und Gordon. Sie mischten hochintensiv, denn keiner von beiden traute dem anderen. Es wurde rasch klar, dass das Mischen noch eine Weile dauern würde. Also beschloss ich, zu einem der anderen Viertelfinalmatches zu schalten.

Nach dem Abschluss jeder Partie schaute ich zu Long und Gordon. Die mischten immer noch. Das Viertelfinalmatch, das ich übertrug, war zu Ende, und da Long und Gordon noch immer nicht spielbereit waren, wandte ich mich einem zweiten Match zu. Auch dieses wurde beendet, weshalb ich nachschaute, was die beiden inzwischen trieben. Es gab wohl irgendeine Diskussion über das Mischen, und der Head Judge war hinzugezogen worden. Deshalb schaltete ich zu einem dritten Match. Auch dieses ging zu Ende. Zurück zum Match zwischen Long und Gordon. Okay, jetzt waren sie endlich spielbereit.

In 3000 Worten um die Welt

Und damit enden meine Geschichten aus aller Welt. Ich hoffe, ihr hattet Freude an diesem klitzekleinen Blick darauf, wie Magic auf jedem Kontinent (außer dem eisigen ganz im Süden) gespielt wird. Wie immer freue ich mich auf eure Rückmeldungen. Mögt ihr Artikel wie diesen mit einer Reihe kürzerer Geschichten? Ob ja oder nein, bitte lasst es mich wissen – entweder per E-Mail oder auf einem meiner Social-Media-Profile (Twitter, Tumblr, Google+ und Instagram).

Schaut auch nächste Woche wieder vorbei, wenn ich weit, weit zurückgehe.

Möget ihr bis dahin das Vergnügen haben, um die Welt zu reisen und eure eigenen Geschichten zu erleben.


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