Wir werden überleben!

Veröffentlicht in Making Magic on 29. September 2014

Von Mark Rosewater

Working in R&D since '95, Mark became Magic head designer in '03. His hobbies: spending time with family, writing about Magic in all mediums, and creating short bios.

Willkommen zur Abzan-Woche! Diese Woche sprechen wir über das weiß-schwarz-grüne Wedge. Für diese und die folgenden vier Klanwochen (die sich über ein paar Monate verteilen werden) dachte ich mir, dass ich einen weiteren Blick auf die Farben und ihre Interaktionen miteinander werfe. Ihr könnt auf meine Seite zum "Color Pie" gehen, auf der ihr meine Artikel zur Philosophie der einzelnen Farben, einige Beiträge zu Farbpaaren sowie eine Artikelreihe aus den Themenwochen zu den Fragmenten findet. Außerdem spreche ich auch in einigen meiner anderen Artikel über die Farbpalette.

In der Vergangenheit habe ich mich aus vielen verschiedenen Blickwinkeln heraus mit den Farben beschäftigt. Es gab sogar mal eine Serie, in der ich jede einzelne interviewt habe. Für die Wedge-Themenwochen wollte ich erforschen, wie die Farben zueinander in Beziehung stehen. Ich werde also für jede Themenwoche die drei relevanten Farben zusammen in einen Raum setzen und sie gemeinsam interviewen. Mein Ziel dabei ist es, ein paar Fragen zu stellen und mich dann zurückzuhalten, während die Farben sich miteinander unterhalten.

Ich hoffe, das klingt spannend. Also fangen wir an:

Hallo. Wie wäre es, wenn sich jeder von euch für den Anfang erst einmal vorstellt? Gehen wir doch am besten in der Reihenfolge vor, in der ihr in den Manakosten auf den Abzan-Karten auftaucht, okay?

Hallo, ich bin Weiß. Ich stehe im Zentrum des Abzan-Wedges. Mein Ziel ist es, Frieden durch Ordnung zu schaffen.

Ich bin Schwarz. Ich bin hier in diesem Wedge mit meinen zwei Feinden zusammengeworfen worden. Du kannst dir also vorstellen, wie viel Spaß ich hier habe. Ich strebe nach Macht durch jede sich bietende Gelegenheit.

Ich bin Grün. Mir geht es darum, Akzeptanz durch Weisheit zu erzielen. Keine Sorge. Nur die wenigsten Leute wissen, was das bedeutet. Ich werde es heute aber noch erläutern.

Sprechen wir doch ein bisschen über den Aspekt, den dieses Wedge darstellt. Wie findet ihr Ausdauer?

Du magst es vielleicht Ausdauer nennen. Ich nenne es Überleben. Was ist das oberste Ziel eines jeden Wesens? Sich nicht töten zu lassen.

Ich dachte, wir sollten der Reihenfolge nach antworten.

Sagt wer? Er hat nur gesagt, wir sollen uns in dieser Reihenfolge vorstellen. Das habe ich gemacht. Vom Rest des Interviews war nie die Rede. Genaugenommen hat er am Anfang auch geschrieben, dass er „sich zurückhalten wird, während die Farben sich miteinander unterhalten“. Hast du das nicht gelesen? Und das machen wir doch gerade, oder?

Das gesamte Interview wäre wesentlich geordneter, wenn wir ein festes System hätten.

Mir ist egal, ob es geordnet ist oder nicht. Macht es dich etwa nervös, wenn ich rede, ohne „am Zug“ zu sein? Umso besser!

Es gibt keinen Grund, uns nicht zivilisiert zu benehmen. Schließlich arbeiten wir alle als Wedge zusammen.

Ich habe meine eigenen Gründe, warum ich in diesem Wedge bin. Ich will überleben. Ich tue mich nur mit euch zusammen, weil ihr die beiden besten Farben seid, die mir das ermöglichen. Das ist alles.

Erblühender Sand |Bild von Sam Burley

Ich nehme das als Kompliment. Danke.

Das ist aber kein Kompliment. Ich meine ... technisch gesehen zwar schon, aber so war es nicht gemeint. Es ist doch so: Bei diesem Wedge hier geht es darum, die frühe und mittlere Phase der Partie zu überleben, um dann im Late-Game aufzutrumpfen. Mit dieser Strategie kann ich mich identifizieren.

Wir beide hatten zwar so unsere Meinungsverschiedenheiten, aber immerhin verstehst du, wie wichtig langfristige Pläne sind. Rot macht mich wahnsinnig.

Du scheinst mir außerdem zu begreifen, wie wichtig Opfer sind. Du hast zwar diese dumme Angewohnheit, dich selbst zu opfern, aber du verstehst, dass man manchmal eine Schlacht verlieren muss, wenn man den Krieg gewinnen will.

Alles ist miteinander verbunden. Der winzige Samen und die mächtige Eiche sind nur zwei Zustände derselben Sache.

Ich verstehe irgendwie nie, wovon du redest.

Es gibt keine Schlacht und keinen Krieg. Es gibt nur einen einzigen fortwährenden Kampf, der einer ständigen Entwicklung unterworfen ist.

Dein Gerede hilft nicht dabei, dich verständlicher zu machen.

Ich glaube, was Grün zu sagen versucht, ist, dass ein Teil des erfolgreichen Ausharrens angesichts großer Widrigkeiten darin besteht, zu jeder Zeit zu wissen, was das große Ziel ist. Soldaten geben ihr Leben, weil sie wissen, was das für ihre Armee bringt.

Erstaunlicherweise sind wir hier einer Meinung – außer bei dem Teil, bei dem man den Soldaten verrät, dass sie sterben werden. Es ist doch viel leichter, wenn die, die geopfert werden müssen, nicht noch extra darauf aufmerksam gemacht werden. So können sie auch nicht vom Plan abweichen.

Abzan-Kampfpriester | Bild von Chris Rahn

Das liegt nur daran, dass du die, die für dich arbeiten, nie darin einweihst, worin der große Plan besteht. Wenn du sie dazu bringen könntest, selbst an einem Gelingen deiner Vorhaben interessiert zu sein, würden sie vielleicht besser als Team zusammenarbeiten. Aber Moment, stimmt ja. Dir liegt nichts an ihnen. Sie sind nur Marionetten.

Jetzt komm mal von deinem hohen moralischen Ross runter. Du benutzt doch auch Marionetten. Du verwendest nur viel mehr Zeit und Mühe darauf, sie glauben zu lassen, es wäre ihre eigene Idee gewesen, sich zu opfern. Aber Ehre, wem Ehre gebührt – das ist schon beeindruckend. Manchmal ist es für mich gar nicht so leicht, meine Marionetten sehenden Auges in den Tod marschieren zu lassen. Also: Hut ab!

Ich sehe das ein bisschen anders. Stärke entsteht durch Wachstum. Erlaubt man Dingen zu wachsen, werden sie stärker.

Was dich nicht umbringt, macht dich härter?

Was überlebt, wird durch seine Erfahrung stärker.

Das ist doch gehüpft wie gesprungen.

Ich glaube, wir drei können uns darauf einigen, dass wir alle – auf unsere eigene Art – die Wichtigkeit des Ausharrens verstehen. Es hat seinen Preis, die Zukunft an erste Stelle zu setzen – einen, den wir alle zu zahlen bereit sind. Einige von uns offenbar auf eine unappetitlichere Art als andere.

Och bitte, nicht das schon wieder. Für dich ist doch der Kreislauf aus Leben und Tod so wichtig. Ich begreife nicht, warum es nicht Teil der „natürlichen Ordnung“ ist, auch den Tod für seine eigenen Zwecke zu verwenden. Ein Gepard tötet eine Gazelle, um zu fressen, und das ist „natürlich“. Ein Mensch tötet einen anderen, um seine Nahrung zu stehlen und nicht zu verhungern, und das ist „unnatürlich“. Du widersprichst dir selbst.

Wenn du nicht den Unterschied zwischen der Jagd und kaltblütigem Mord begreifst, so kann ich nur wenig sagen, was dich überzeugen würde. Der Tod ist ein natürlicher Vorgang. Ich heiße es nur nicht gut, ihn als Waffe einzusetzen, um die Natur zu pervertieren.

Sprechen wir doch darüber, über welche mechanischen Ressourcen ihr drei verfügt, die euch helfen, Widrigkeiten zu trotzen.

Nun, wir drei haben zusammen die höchste Widerstandskraft. Schwarz und ich, weil wir über mehr Karten mit einem guten Verhältnis von Stärke zu Widerstandskraft verfügen, und Grün einfach nur wegen seiner größeren Kreaturen, die von Haus aus auch eine hohe Widerstandskraft haben.

Blendendes Bollwerk | Bild von Jung Park

Weiß und ich sind die beiden Farben, die über Wachsamkeit verfügen, eine defensive Schlüsselwort-Mechanik für Kreaturen. Mit Schwarz wiederum habe ich Regeneration gemeinsam, die ebenfalls defensiv eingesetzt werden kann, auch wenn Schwarz sie oft offensiver anwendet.

Grün, Weiß und ich sind die Farben, die am ehesten Dinge vom Friedhof zurückbringen können, sowohl auf die Hand als auch ins Spiel.

Außerdem sind wir die drei Farben, die am ehesten Lebenspunkte hinzugewinnen können. Grün und ich schaffen das sogar, ohne dabei jemanden zu verletzen.

Weiß und ich haben eine Menge Möglichkeiten, um Kreaturen loszuwerden. Grün besitzt zwar Kampfeffekte, aber ansonsten ist es da echt schlecht.

Meine Antwort ist: Ich blocke mit der größeren Kreatur.

Die, die ich gerade durch mein Removal getötet habe?

Eine andere unserer Gemeinsamkeiten ist es, dass wir einen Spielstil verfolgen, der es uns erlaubt, unser Board aufzubauen, und den Gegner davon abhält, uns zu töten. Die Art, wie jeder von uns das tut, ist allerdings sehr verschieden. Ich ergreife gern die Initiative und spiele Karten, die den Gegner daran hindern, eine vernünftige Gewinnstrategie zu verfolgen. Ich stelle Regeln auf und errichte eine Verteidigung, die nur sehr schwer zu durchbrechen ist.

Mir liegt mehr der direkte Weg. Ich töte jede Bedrohung, die ich sehe. Die, die ich nicht auf dem Schlachtfeld töten kann, entferne ich, bevor sie überhaupt dorthin gelangen. Der Schlüssel ist, sich voll auf die Beseitigung sämtlicher Bedrohungen zu konzentrieren und erst zum Todesstoß auszuholen, wenn das erledigt ist.

Meine Strategie ist es, meine Manaversorgung rascher aufzubauen als der Gegner, um so schneller größere Bedrohungen auffahren zu können. Schneller als meine Gegner zu wachsen, erlaubt es mir, sie langsam zu überwältigen.

Ist es seltsam, in einem Wedge zu sein, bei dem einer von euch der Feind der anderen beiden ist?

Es ist ja nicht so, dass das eine ganz neue Erfahrung wäre, wenn wir an die Fragmente zurückdenken. Schwarz und ich waren schon zusammen in Esper, und Schwarz und Grün waren beide in Jund. Der einzige Unterschied ist, dass jeder von uns ein Fragment hatte, das wir mit keinem unserer Feinde teilen mussten. Das ist bei den Wedges nicht der Fall.

Ich vertrete die Auffassung, dass wir letzten Endes durch unsere Umgebung definiert werden. Ein Teil dessen, was uns als Farben ausmacht, kommt also daher, dass unsere Feinde existieren. Ich bin zwar kein Freund von Schwarz, aber im Gesamtzusammenhang verstehe ich den Grund für seine Existenz.

Ich gebe dir mal die richtige Antwort: Ja, es nervt. Besonders mich. Ich habe keinen Verbündeten in diesem Wedge. Keinen einzigen. Hast du irgendeine Vorstellung davon, wie schrecklich es ist, den beiden da zuzuhören? „Ist die Welt nicht wundervoll? Ist es nicht fantastisch, dass wir ständig falsche Entscheidungen treffen, weil wir die Schwachen über die Starken stellen?“

Die Gruppe an erste Stelle zu setzen, heißt, Stärke über Schwäche zu stellen. Wir sind stärker als die Summe unserer Teile.

Du verhätschelst die Schwachen. Ist das etwa ein Zeichen von Stärke?

Die Gruppe ist mächtiger als ein Einzelner. Doch das wirst du nie verstehen, denn dazu bedarf es echter Selbstlosigkeit, zu der du nicht fähig bist.

Man braucht doch aber keine völlige Gleichberechtigung, wenn man eine Gruppe hat. Ich habe auch eine Gruppe. Alle darin arbeiten für mich. Und falls es nötig ist, dass sich jemand opfert, habe ich die Macht, darüber zu entscheiden, wer es sein wird.

Dünensturm | Bild von Ryan Alexander Lee

Schwarz versteht die Bedeutung der Symbiose nicht. Die Idee, dass aus der Zusammenarbeit mit anderen Stärke erwächst.

Jetzt ist‘s aber mal gut! Ihr glaubt nicht an das Überleben des Stärkeren? Das Grundprinzip der Natur? Ich finde es prima, wie du so gern über das Netz des Lebens schwadronierst und dabei geflissentlich die gesamte Struktur des Tierreichs außen vor lässt. Wenn eine Kreatur eine andere fressen kann, dann wird sie sie auch fressen. Es gibt keine Gleichheit. Es gibt nur Mittagsessen.

Und du siehst immer nur das Prinzip von Jäger und Beute. Es gibt jedoch ebenso viele Beispiele dafür, wie Tiere einträchtig mit anderen Tieren zusammenleben. Es gibt sogar solche, die positiv miteinander umgehen und füreinander wichtige Rollen übernehmen.

Was genau sorgt denn nun dafür, dass diese Beziehung für die Abzan funktioniert?

Wenn wir unsere persönlichen Streitigkeiten beilegen, ergänzen wir uns eigentlich ziemlich gut. Ich bringe die proaktive Verteidigung ein, Schwarz die aktive Verteidigung und Grün das Wachstum, um unsere Manaversorgung zu beschleunigen.

Die anderen Wedges konzentrieren sich mehr darauf, Bedrohungen zu erschaffen. Unsere Einstellung ist jedoch eher „Verteidigung ist der beste Angriff“. Wenn wir es schaffen, uns zu schützen, während die Bedrohungen des Gegners wirkungslos gegen unsere Verteidigung anrennen und dabei sterben, dann können wir diese Verwundbarkeit ausnutzen.

Sandsteppenzitadelle | Bild von Sam Burley

Außerdem haben wir die Mittel des Wachstums auf unserer Seite. Während wir in der frühen und mittleren Phase der Partie eine defensive Position einnehmen, können wir zum Ende hin riesige Bedrohungen erzeugen. Normalerweise setze ich meine Ressourcen zur Verteidigung ein. Da aber Weiß und Schwarz bereits diese Rolle übernehmen, kann ich mich darauf konzentrieren, die Bedrohungen fürs Late-Game schneller auf die Beine zu stellen als unser Gegner.

Im Grunde ist es unser Ziel, dass der Gegner sich bei dem Versuch, uns zu töten, verausgabt. Und dann ist er leichte Beute.

Ich glaube, der Schlüssel unserer Strategie liegt darin, uns weniger auf Bedrohungen, sondern vielmehr auf Antworten zu konzentrieren.

Um einen ehemaligen Pro-Player namens David Price zu zitieren: „Es gibt falsche Antworten, aber keine falschen Bedrohungen.“

War er ein Mardu?

Es gibt eine Menge falscher Bedrohungen. Das passiert mir ständig. Da habe ich einen Entfernungszauber auf der Hand, und der Gegner spielt eine Kreatur mit Fluchsicher oder Regeneration oder gar Schutz vor Schwarz. Genaugenommen ist das sogar eine unserer wichtigsten Strategien: Wir erzeugen nicht so viele Bedrohungen, weil wir die Antworten unserer Gegner nicht noch eigens heraufbeschwören wollen. Es gibt kein besseres Gefühl, als die Panik in den Augen eines Gegners zu sehen, wenn keine seiner Karten ihm gegen das aktuelle Board hilft.

Auch wenn Schwarz mal wieder ganz er selbst ist, steckt ein Körnchen Wahrheit in dem, was er sagt. Die Strategie der Abzan ist ziemlich einfach: Wir graben uns ein und bereiten uns auf alles vor, was der Gegner gegen uns ins Feld führt. Irgendwann hat er seine Ressourcen aufgebraucht. Dann – und nur dann – kommen wir aus unserer Deckung und gewinnen die Partie. Die Stärke der Natur liegt in ihrer Fähigkeit, allem jederzeit zu trotzen.

Also ich sehe das so: Wenn man nie verliert, kann der Gegner nicht gewinnen. Alle anderen Klane konzentrieren sich darauf, wie sie gewinnen können, während wir uns Gedanken machen, wie wir nicht verlieren. Und das geht, indem wir sämtliche Ressourcen für die Verteidigung aufwenden.

Vorhin hat jeder von euch über sein Endziel gesprochen und wie er beabsichtigt, es zu erreichen. Können wir das ein wenig vertiefen?
Also gut. Mein Ziel ist Macht durch jede sich bietende Gelegenheit. Das bedeutet Folgendes: Ich glaube an Verdienste. Ich glaube daran, dass jeder Einzelne die Gelegenheit erhalten sollte, Erfolg zu haben. Wer in der Lage ist, diese Gelegenheit zu nutzen, wird sich entfalten. Wer das nicht kann, wird leiden. Nichts ist fairer, als wenn Leute aufgrund ihrer eigenen Verdienste Erfolg haben oder scheitern.

Du tötest Leute. Deine eigenen Leute. Immer wieder. Wodurch genau verschaffst du ihnen damit irgendwelche Gelegenheiten?

Du siehst das große Ganze nicht. Jeder, der für mich arbeiten will, kann das tun. Ich schicke niemanden weg. Wer mir von Nutzen ist, steigt in meiner Organisation auf. Wer es nicht ist, dient mir eben auf andere Weise. Du hast deine Art, die Leute zu motivieren, und ich habe meine.

Doch du siehst immer nur, was sie für dich tun können.

Nein. Jeder Einzelne ist für sich selbst verantwortlich. Und dazu gehört, dass man versteht, wer die Macht hat. Wenn du in der Lage bist, diese Macht zu ergreifen, dann solltest du es tun. Wenn nicht, dann hast du sie zu respektieren. Mein System ist wirklich sehr einfach.

Außer für die kleinen Leute.

Die kleinen Leute? Warum sollte ich denn Schwäche belohnen? Mir ist klar, dass du schon die pure Existenz an sich belohnst, aber meine Ansprüche sind etwas höher. Du willst etwas vom Leben? Dann kämpfe dafür. Verdiene es dir. Das Verteilen von Geschenken hilft nicht dabei, Leute dazu zu bringen, mehr aus sich machen zu wollen. „Friss oder stirb“ ist eine viel bessere Motivation als „Mach, was du willst, denn du kriegst sowieso eine Belohnung“.

Verstehst du, dass es genug Ressourcen auf der Welt gibt, um jedem eine sorgenfreie Existenz zu ermöglichen? Jeder kann satt, gesund und ohne Angst leben. Doch dazu müssen die Leute endlich aufhören, sich mehr als das zu nehmen, was sie brauchen. Dein Weg fördert es, dass ein paar wenige auf Kosten aller zu Wohlstand gelangen.

Und dein Weg bestraft die, die die Initiative ergriffen haben, um etwas aus ihrem Leben machen zu wollen. Du bestrafst Verdienste. Du bestrafst Erfolg. Du bestrafst Motivation. Warum sollte jemand nach Höherem streben, wenn es dafür keine eigenen Belohnungen gibt?

Es gibt Belohnungen. Allerdings für die gesamte Gesellschaft, nicht für den Einzelnen.

Ich soll also hart arbeiten, damit andere einen Vorteil davon haben?

Ja!

Ja?! Diese Antwort ist doch verrückt. Dummerweise zwar vorhersehbar, aber dennoch verrückt. Grün? Ich weiß, dass du an das Überleben des Stärkeren glaubst. Davon spreche ich hier. Sag doch auch mal was.

Ich glaube an das Überleben des Stärkeren, doch du pervertierst, was das bedeutet. Ein Löwe wird eine Gazelle töten, um sie zu fressen, aber er tötet nur so viel, wie er und sein Rudel zum Überleben brauchen. Er tötet nicht jede Gazelle, die er sieht, nur weil er es kann. Wenn der Löwe jede Gazelle töten würde, was wäre dann? Dann gäbe es bald keine Gazellen mehr, die er fressen könnte. Beim Überleben des Stärkeren geht es darum, das zu tun, was zum Überleben nötig ist, und nicht darum, das gesamte System aus eigennützigen Gründen zu pervertieren.

Rakshasas Geheimnis | Bild von Magali Villeneuve

Doch der Löwe wird so zum König des Dschungels. Er verdient sich dieses Recht.

Nein, der Löwe ist der König des Dschungels, weil er in diese Rolle hineingeboren wurde. Keine Gazelle, ganz gleich, wie viel Initiative sie zeigt oder wie viel sie leistet, wird ihm diese Rolle je abnehmen. Sie hofft immer nur darauf, nicht vom Löwen gefressen zu werden, aber niemals darauf, ihn selbst zu fressen. Und das ist, woran dein Weg scheitert. Du nimmst an, dass – gäbe man ihr die Gelegenheit dazu – die Gazelle jede andere Rolle als die, die ihr die Natur zuwies, ausfüllen könnte.

Blau macht das schon ganz richtig. Wir sind nicht auf Rollen festgelegt. Wir können selbst bestimmen, wer wir sein wollen.

Ihr alle besitzt diese Fähigkeit der Selbsttäuschung, um euch einzureden, dass ihr nicht Teil eines bereits bestehenden Ökosystems seid.

Ich wollte gern als Nächstes Weiß zu Wort kommen lassen, um seine Philosophie zu erläutern. Grün, zu dir komme ich gleich.

Mein großes Ziel ist Frieden, und das erreiche ich durch Ordnung. Das bedeutet Folgendes: Ich glaube, dass wir in einer Welt leben können, in der jeder das bekommt, was er braucht. Niemand sollte jemals Hunger leiden müssen, sich fürchten oder verletzt werden. Wir verfügen über die Mittel, dass alle in Frieden miteinander leben können. Das Problem ist nur, dass es Leute wie Schwarz gibt, die nur an sich denken, und zwar auf Kosten der Allgemeinheit. Dadurch wird das Utopia, von dem ich spreche, unmöglich gemacht.

Utopia? Man hört nicht oft jemanden Faschismus als Utopia bezeichnen.

Jeder könnte in Frieden leben. Wir haben die Mittel dazu. Alles, was uns davon abhält, sind wir selbst. Deshalb ist Ordnung wichtig. Die Menschen brauchen einen moralischen Kompass, eine Ethik, die genau festlegt, was richtig und was falsch ist. Die Menschen weichen oft vom richtigen Pfad ab. Deshalb ist Moral – im Sinne einer Sammlung klarer ethischer Richtlinien – von entscheidender Bedeutung. Da Menschen außerdem auch noch zur Schwäche neigen, brauchen wir strenge Gesetze. Regeln, die festschreiben, was akzeptabel ist und was nicht. Schwarz hat in einem recht: Menschen brauchen Anreize. Die Macht der Gruppe, das Zusammensein, die Liebe – das sind alles positive Anreize. Die Bestrafung durch das Gesetz liefert negative Anreize. Wenn du X oder Y tust, hat das diese negativen Auswirkungen Z.

Heroldin der Anafenza | Bild von Aaron Miller

Und wie viele Freiheiten des Einzelnen müssen dafür geopfert werden?

Freiheiten? Jetzt klingst du schon wie Rot.

Das Utopia in deiner Vorstellung klingt wundervoll – bis man begreift, welchen Preis es hat. In deiner Welt kann niemand Entscheidungen treffen.

Doch. Als Gruppe.

Na schön. Individuen treffen keine Entscheidungen. Wenn man nicht das will, was die Mehrheit will, hat man Pech gehabt.

Wenn das, was man will, schlecht für die Gruppe ist, dann ist es vielleicht auch gar nicht erstrebenswert.

Woher weiß man denn, dass es schlecht für die Gruppe ist? Vielleicht hat die Gruppe daran noch gar nicht gedacht gehabt? Vielleicht ist es etwas, was dem Einzelnen auf eine Weise wichtig ist, die für die Gruppe unbedeutend ist? Wir als Gesellschaft blühen auf, weil jeder Einzelne die Fähigkeit hat, sich seiner eigenen Motivation entsprechend zu entfalten. Vielleicht führt die Idee eines Einzelnen später zu etwas, von dem die gesamte Gruppe profitiert. In deiner Welt werden wir das jedoch nie erfahren, weil die Gruppe das gar nicht zulassen wird, da sie es nicht versteht.

Vielleicht würde ich deinem Glauben an die Rechte des Einzelnen mehr Verständnis entgegenbringen, wenn ich nicht wüsste, dass er nur dazu dient, Eigennutz zu fördern.

Eigennutz ist nicht unbedingt schlecht. Es ist in Ordnung, die eigenen Bedürfnisse wichtig zu finden. Das tut ja sonst niemand. Der Grund, weshalb ich glaube, dass die Menschen auf sich selbst aufpassen müssen, ist, dass sie selbst den größten Anreiz dazu haben. In meinem System passt immer jemand auf sie auf: sie selbst.

Und dabei werden alle anderen vergessen?

Nein, natürlich darf man sich auch um andere kümmern und ihnen helfen. Eben nur nicht zum eigenen Nachteil. Man sollte nicht dazu gezwungen werden, zum Wohle anderer Nachteile zu erleiden. Du willst das aus freien Stücken? Na schön. Ich halte das zwar für dumm, aber die Menschen haben das Recht, Dummes zu tun. Mein Punkt ist einfach, dass man diese Entscheidung niemandem aufzwingen sollte.

Grün, du bist dran.
Danke. Mein großes Ziel ist Akzeptanz, und mein Mittel, um sie zu erreichen, ist Harmonie. Alle anderen Farben glauben, wir müssten die Welt ändern, wenn wir sie verbessern wollen. Ich glaube hingegen, dass die Welt, die wir haben, bereits die ist, die wir brauchen. Anstatt zu versuchen, die Welt zu ändern, müssen wir sie so akzeptieren, wie sie ist. Schon der Versuch, die Welt zu ändern, ist zum Scheitern verurteilt. Warum also geben wir uns nicht mit dem zufrieden, was wir haben?

Der Versuch, die Welt zu ändern, ist zum Scheitern verurteilt? Du erinnerst mich immer wieder daran, dass ich dringend die natürliche Ordnung unter meine Kontrolle bekommen muss. Wenn es so schwer ist, etwas zu ändern, ist es dann nicht völlig egal, was ich tue?

Dürfte ich meine Ansichten bitte zu Ende ausführen, bevor du mir widersprichst?

Ich sehe hier ein Muster. Immer wenn ich mache, was ich will, passt das irgendwie nicht in dein Bild davon, wie die Dinge zu sein haben, und ich bin ein Störenfried.

Ganz ehrlich gesagt bist du buchstäblich genau in diesem Augenblick ein Störenfried.

Na schön. Bitte, dann erkläre doch deine aufregende Weltsicht zu Ende.

Es gibt bereits eine feste Ordnung und eine Struktur auf der Welt. Anstatt zu versuchen, sie zu ändern, setze ich mich dafür ein, sie zu verstehen. Harmonie bedeutet, eins mit etwas zu werden, um es zu begreifen – nicht intellektuell, sondern spirituell betrachtet. Um die Erde zu verstehen, werde eins mit der Erde.

Den Horizont absuchen | Bild von Min Yum

Du lässt mich wissen, wenn ich dazwischengehen und dich verspotten darf, ja? Lass dir Zeit. Ich leg mir nur schon mal ein paar gute Antworten zurecht, bis du fertig bist.

Natürlich würdigst du das herab, woran ich glaube. Du nimmst dir ja schließlich nicht die Zeit, irgendjemandes Glauben zu verstehen außer deinem eigenen.

Ich werde ganz brav sein. Lass mich dir nur diese eine Frage stellen: Wenn Einzelne etwas tun können, um die Natur zu beeinflussen, warum ist das dann nicht auch Teil der Natur selbst? Ich meine, wir alle wurden von der Erde erschaffen. Wodurch unterscheidet sich mein Handeln von dem eines Bären?

Der Bär versucht nicht, sich zum Herrn über die natürliche Ordnung aufzuschwingen. Der Bär hat seine Rolle, der er sich voll und ganz hingibt.

Aber was, wenn der Bär das nicht täte? Was, wenn der Bär verrückt wird und beginnt, alles und jeden zu töten, der ihm vor die Schnauze kommt? Ist das nicht immer noch natürlich?

Worauf willst du hinaus?

Ich will darauf hinaus, dass du sehr bedacht darauf bist, aufzuzeigen, was natürlich ist und was nicht. Was aber, wenn alles natürlich ist? Was, wenn die Welt das ist, wozu wir sie machen? Wenn ich einen Baum fälle, hat die Welt einfach einen Baum weniger.

Doch selbst dieser eine fehlende Baum zieht Konsequenzen nach sich. Und das ist dein Problem: Du scherst dich nicht um Konsequenzen. Deine Einstellung erlaubt dir, alles zu tun, was du willst, und die Folgen zu ignorieren. Leute wie du sind es, denen wir die Verschmutzung der Umwelt verdanken.

Und Kriminalität.

Du scheinst zu glauben, dass man keine Verantwortung für die Folgen seines Handelns trägt. Die Welt ist unser kostbarster Besitz, und es ist an uns, gut auf sie zu achtzugeben. Ein Teil der Akzeptanz ist es, zu verstehen, welche Rolle wir spielen und diese dann auch zu erfüllen.

Wir haben viel über den Konflikt gesprochen, den ihr beide mit Schwarz habt. Weiß und Grün, habt ihr auch Streitigkeiten untereinander?
Ich glaube nicht, dass Grün und ich Streitigkeiten haben. Nur unsere Weltsicht unterscheidet sich leicht voneinander. Wir teilen beide eine Abscheu gegenüber Eigennutz und dem schädlichen Einfluss, den er auf die Welt ausübt. Ich glaube, ich konzentriere mich mehr auf den Einfluss auf die Gesellschaft, während Grün sich mehr um die Umwelt kümmert. Doch wir beide stellen die Bedürfnisse der Gruppe über die des Einzelnen. Allerdings sind wir unterschiedlicher Auffassung, was diese Bedürfnisse sind. Wir beide glauben, dass es eine höhere Wahrheit gibt, doch unsere Auffassungen von dieser Wahrheit unterscheiden sich voneinander. Ich glaube an ein Moralempfinden, während Grün an eine höhere Verbindung zur Natur glaubt. Ein Netz des Lebens sozusagen. Habe ich etwas ausgelassen, Grün?

Ich glaube, unser größter Konflikt spiegelt sich in dem unserer anderen Verbündeten wider. Mein anderer Verbündeter ist Rot. Weiß ist noch mit Blau verbündet. Ich glaube, im Grunde betrachte ich das Band zwischen allen lebenden Dingen als etwas Unausgesprochenes, etwas Instinktives. Wir sind, wer wir sind aufgrund dessen, was in uns ist. Das ist nichts, was wir wirklich mit Worten ausdrücken können. Ich glaube, Weiß tendiert zu dem Glauben, dass eine Verbesserung über einen ausgesprochenen Gedankenprozess erfolgt. Dass das, was die Menschen vereint, etwas ist, was sie alle verstehen und worauf sie sich einigen können. Wir wollen also ähnliche Dinge, wenn auch mit sehr unterschiedlichen Mitteln.

Unsere Zeit ist bald um. Daher möchte ich eine letzte Frage stellen. Ihr alle arbeitet als Abzan zusammen. Warum gebt ihr den Spielern nicht einen letzten Anreiz, euren Klan zu spielen? Gehen wir am besten in derselben Reihenfolge vor wie bei der Vorstellung.
Etwas über Bedrohungen zu lernen, ist sehr wertvoll. Etwas über Antworten auf diese Bedrohungen zu lernen, ist unbezahlbar.

Ein Feind ist dann am schwächsten, wenn er dich gerade töten wollte und darin versagt hat.

Es ist nicht die mächtige Eiche, sondern der einfache Grashalm, der den Sturm überdauert.

Ich danke euch dreien, dass ihr heute hier wart. Das war ziemlich aufschlussreich.

Belagerungsnashorn | Bild von Volkan Baga

Ich hoffe, ihr alle fandet diese Diskussion spannend. Wie immer freue ich mich auf euer Feedback via E-Mail oder eines meiner Social-Media-Profile (Twitter, Tumblr, Google+, Instagram).

Schaut auch nächste Woche wieder vorbei, wenn ich ein Designkonzept auslote, über das ich bisher noch nie geschrieben habe.

Bis dahin, und möge meine heutige Kolumne ein paar weitere Diskussionen auslösen.


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