Überreste von Oran-Rief

Veröffentlicht in My Favorite Flavor on 29. Dezember 2015

Von Cassie LaBelle

Cassie LaBelle is a freelance writer. When she's not at her keyboard dreaming up stories, you can find her playing with his cats, listening to records, or building yet another Magic deck.

Im Inland Tazeems lag einst ein riesiger Felsenwald namens Oran-Rief.

Stellt euch ein schroffes, zerklüftetes Korallenriff aus gewundenen Steinsäulen vor, die Hunderte von Schritt in die Luft ragten. Das Riff mag nicht lebendig gewesen sein, aber es sah definitiv lebendig aus. Gewaltige, weit ausladende Wurzelgeflechte schlangen sich um brüchige Bögen aus Sandstein. Schwere Dornensträucher und dichtes Unterholz wucherten auf dem Fels, was es schwer zu sagen machte, was Äste und was Gestein war. Das Wachstum schritt unnatürlich schnell voran, besonders in jenen Höhlen und Schluchten, die selbst das Licht der Mittagssonne kaum je erreichte. Die überbordende Vegetation von Oran-Rief konnte einem schier den Atem rauben – im übertragenen wie im engeren Sinn.

Oran-Rief war ein nasser Ort. Der Stein war porös, und von den Hochebenen ergossen sich unablässig Wasserfälle in die Tiefe, in denen die Sonne glitzerte und deren Anblick absolut überwältigend war. Die Riesengottesanbeterinnen und Grasenden Wiesenhirsche von Oran-Rief mussten selten Durst leiden. Stürme waren häufig und heftig. Die Turbulenz war in Oran-Rief sehr aktiv, und die Kreaturen der Lüfte waren ihr schutzlos ausgeliefert. Die Menschen von Oran-Rief – all die Beschwörer und Überlebenskünstler – waren sich der großen Zahl an Hydren und Baloths, die in diesem Wald lebten, stets bewusst. Das Innere des Riesenholzes kannte kaum Spuren der Zivilisation, denn es war zu wild, um sich zähmen zu lassen. Dies war kein Ort, den man betrat, wenn man der Natur zu entfliehen suchte. Vielmehr drohte man hier, zu einem Teil von ihr zu werden.

Nun ist Oran-Rief tot. Die Bäume sind fort. Die Kreaturen sind fort. Die Felsen sind brüchig und fahl. Die Eldrazi haben das Land leer gesaugt. Es ist verloren.

Wenn euch die Überreste von Oran-Rief bekannt vorkommen, dann liegt dies aller Wahrscheinlichkeit nach daran, dass ihr euch an eine ähnliche Karte aus Zendikar erinnert:

Schauderhaft, nicht wahr? Jason Felix‘ Überreste von Oran-Rief zeigt zwar nicht exakt denselben Ast wie den, den Mike Bierek auf der ursprünglichen Oran-Rief, das Riesenholz abgebildet hatte, aber ganz offensichtlich handelt es sich um ein sehr ähnliches Tableau. Beide Karten zeigen einen großen Baum auf der linken Seite, einen großen Bogen im Hintergrund sowie einen weiteren Ausläufer des Riffs, der die rechte obere Ecke des Bildes in Schatten taucht. Auf beiden Karten ist eine kleine Gruppe von „Abenteurern“ zu sehen, die tiefer ins Bild hineinklettern – auf Oran-Rief, das Riesenholz sind es Menschen oder vielleicht auch Elfen und auf Überreste von Oran-Rief ist es eine Ansammlung von Ausgeburten der Eldrazi.

Auch mechanisch ähneln sich die beiden Karten. Oran-Rief, das Riesenholz lässt sich tappen, um eine +1/+1-Marke auf alle grünen Kreaturen zu legen, die diese Runde ins Spiel gekommen sind. Überreste von Oran-Rief lässt sich tappen, um eine +1/+1-Marke auf eine farblose Kreatur zu legen, die diese Runde ins Spiel gekommen ist. Oran-Rief mag nun zu einer Quelle der Macht für die Eldrazi geworden sein, doch das Aussaugen des Landes hat auch seine Konsequenzen. Oran-Rief ist nicht mehr so mächtig wie zuvor, als es noch vor grünem Mana strotzte. Und die Eldrazi können daran nichts ändern.

Der interessanteste Teil an dieser Karte ist jedoch das neue Manasymbol, das farbloses Mana repräsentiert. In früheren Erweiterungen von Magic wäre das eine kleine 1 mit einem Kreis darum gewesen. Nicht so auf Zendikar. Dieser kleine Kasten mit den konkaven Seiten symbolisiert, was die Eldrazi mit dem Land anstellen – und das ziemlich elegant.

In der Geschichte von Magic war Farblosigkeit in der Regel für Artefakte reserviert: Gegenstände, auf die Planeswalker ungeachtet ihrer farblichen Ausrichtung zugreifen können. Es ist nicht wichtig, ob ihr ein weißer Magier oder ein blau-roter Magier seid: Ihr könnt Treues Konstrukt oder Seitenwaffe des Veteranen wirken, ganz egal, welche Länder ihr ausspielt. Es gibt im Spiel eine Handvoll farbloser Zauber, die keine Artefakte sind – Karn der Befreite und Ugin der Geisterdrache beispielsweise –, aber sie sind ausgesprochen selten und haben oft einen guten Grund in der Handlung, sich dem Konzept einer Farbidentität zu entziehen.

Überreste von Oran-Rief | Bild von Jason Felix

Die Eldrazi sind anders. Ihre Farblosigkeit rührt nicht von einer Transzendenz her wie bei Ugin oder von einer Universalität wie bei Artefakten. Die Eldrazi sind farblos, weil das, was sie tun, mit einer Farbidentität, wie wir sie kennen, nichts zu tun hat. Sie fressen sämtliche Farbe auf, und das, was übrig bleibt, ist ... etwas anderes. Etwas, was nicht auf die gleiche Weise farblos ist wie Mishras Fabrik, dem aber offenkundig weißes, blaues, schwarzes, rotes und grünes Mana völlig abgehen. Nennen wir es die Abwesenheit von Farbe. Die Anti-Farbe. Die Farbe aus dem All. Farblos im wahrsten Sinne des Wortes.

Näher an eine sechste Manafarbe werden wir wahrscheinlich niemals kommen.

Es gibt Eldrazi-Karten in Eid der Wächter, die ausdrücklich farbloses Mana zum Wirken erfordern. Ihr werdet solche Karten nicht ohne ein Land wie Überreste von Oran-Rief spielen können, die farbloses Mana erzeugen. Dies macht hinsichtlich der Stimmung unheimlich viel Sinn – immerhin haben die Eldrazi ganze Landstriche Zendikars leer gesaugt und nutzen diese Energie, um ihre Präsenz auf der sterbenden Welt zu untermauern. Sie nähren sich, Zendikar stirbt und sie werden stärker.

Wenn ihr nach der Veröffentlichung von Eid der Wächter ein Eldrazi-Deck baut, werdet ihr sehr viel genauer darüber nachdenken müssen, wie viele nicht-farblose Länder ihr spielen wollt. Es wird möglich sein, ein Deck zu bauen, das nur die verderbten und zerstörten Teile Zendikars in den Mittelpunkt stellt – die fahlen Teile ohne Farbe. Es wird furchteinflößend und fremdartig zu spielen sein – fast so, als würden die alten Regeln von Magic nicht mehr gelten und als wäre die gesamte Idee von Farbe und Farblosigkeit von etwas völlig Fremdem auf den Kopf gestellt worden.

Ich kann es kaum erwarten.

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