Die Hüterin

Veröffentlicht in Magic Story on 2. April 2015

Von Ari Levitch

Ari spent a few years as the herald of Dukos, the star-eating cosmic squid, before becoming a high school history teacher. Now that he has been inducted into the cabal of Magic creative writers, his parents are finally proud of him.

In der ursprünglichen Zeitlinie von Khane von Tarkir war Anafenza die Khanin der Abzan gewesen, die unerschrockene Herrscherin eines Klans, der ihr in unerschütterlicher Treue ergeben war. In der alternativen Zeitlinie von Drachen von Tarkir meinte es das Schicksal mit Anafenza zwar nicht gleichermaßen gnädig, bedachte sie aber dennoch mit einem besonderen Los ...


Es war in jedem Lager der Streitkräfte das Gleiche – oder zumindest hatte Oret im vergangenen Jahr diesen Eindruck gewonnen.

Er war ein Kartograf für Kommandant Faiso, einen der wenigen Menschen, denen die Drachenfürstin Dromoka und ihre Schuppenfürsten ausreichend achteten, um seinen Rat in Fragen der Kriegsführung einzuholen. Daher war es Oret auch erlaubt, zu kommen und zu gehen, wie es ihm beliebte. Er war die ganze Nacht hindurch geritten, und als er nun durch das Lager kam, zogen ihn Hunger und Müdigkeit in entgegengesetzte Richtungen. Soldaten kauerten in kleinen Grüppchen um Kochstellen herum, und der Duft von Fleisch, das in Öl briet, gab den Ausschlag zugunsten des Hungers.

Salzstraßenquartiermeister | Bild von Anthony Palumbo

An einer jener Kochstellen stieg er von seinem Reittier. Die Soldaten dort führten ein angeregtes Streitgespräch, das Oret nicht zu unterbrechen gedachte. Er wusste ohnehin, worüber sie stritten: die Hüterin.

Er füllte eine Schüssel aus Bernstein mit Wasser und suchte sich einen Platz.

„Ich habe schon Geister gesehen. Ich habe sogar schon gegen welche gekämpft“, sagte ein ernst dreinblickender Ainok. Als er sprach, fiel Oret auf, dass ihm mehrere Zähne fehlten. „Sie sind bösartig und tückisch. Unnatürlich.“

„Dann erkläre mir doch, was sie gesehen haben“, sagte eine junge Soldatin.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das kann, ganz gleich, wie oft du auch darauf herumreiten magst.“ Der alte Ainok zuckte die Achseln. „Ich war nicht dabei, und du warst es auch nicht.“

Die jüngere Soldatin wandte sich an die Kameradin zu ihrer Linken. „Yeffa! Du warst dabei!“

„Du weißt doch, dass dem so ist“, sagte Yeffa, eine untersetzte Frau, die ein breites Grinsen zeigte, als sie ihre Freundin so außer sich sah.

„Erkläre Khurz hier, was du gesehen hast.“

„Wir sollten darüber nicht sprechen, Ajuf“, sagte ein vierter Soldat , ein hagerer Mann, dessen Haut von der Sonne bronzen gefärbt worden war. Er sah die anderen nicht an, als er sprach.

Yeffa bedachte ihn mit einem abschätzigen Wink. Auf Oret wirkte es wie eine oft geübte Geste, und er schaute dabei zu, wie sich die Veteranin dichter zu den anderen beugte. Yeffa flüsterte und erfreute sich ganz offenkundig am Reiz des Verbotenen. „Auch wenn ich auf der anderen Seite des Schlachtfelds war, so weiß ich doch, was ich gesehen habe. Ihre schrillen Schreie kamen aus dem Nichts, gefolgt von zahllosen Reitern, die allesamt auf unsere linke Flanke eindrangen.“

Mitleidlose Horde | Bild von Viktor Titov

Die hier erzählt gerne Geschichten, dachte Oret.

„Ehe unsere Truppen mehr tun konnten, als dem Ansturm entgegen zu blicken“, sagte Yeffa, „hatten die Kolaghan bereits mit ihrem Gemetzel begonnen. Schon wurde unsere Reihe unter den Hufen ihrer Pferde in den Staub getreten. Und dann geschah es.“ Sie hielt inne, um ihren Kameraden reihum in die Augen zu blicken. „Eine große Woge aus Sand erhob sich hinter der Reihe. Sie brandete an unseren Soldaten vorbei, um dann über dem Feind zusammenzuschlagen.“

Khurz hob beide Hände, um Zweifel anzumelden, doch ehe er etwas sagen konnte, fuhr Yeffa bereits fort: „Nun sagt ihr womöglich: ‚Aber wir haben doch Sandbringer, die Derartiges zu leisten imstande sind.‘ Und darauf würde ich erwidern, dass jene große Woge aus Sand die Gestalt einer Frau hatte, die wie eine Soldatin der Dromoka gewappnet war. Das war nicht die Kunst eines Sandbringers. Das war die Hüterin.“

„Und diese Einzelheit ist dir auch quer über das Schlachtfeld nicht entgangen?“ Khurz schnalzte mit der Zunge. „Taram hat recht. Wir sollten nicht unsere Zeit damit vergeuden, über diese Sache zu reden.“

„Ihr könnt sagen, was ihr wollt: Sie hat uns gerettet“, sagte Yeffa.

„Es gibt andere, die das Gleiche gesehen haben“, sagte Ajuf. „Noch dazu in anderen Schlachten. Ich habe sogar gehört, sie soll verwundete Soldaten geheilt und in Gefangenschaft geratene Kämpfer befreit haben.“

Khurz entfuhr ein hohles Keckern. „Und ich nehme an, sie lässt auch die Einöde erblühen und besänftigt die Gewitterstürme. Doch wer ist denn nun dieser Geist, der da über uns wacht?“

Schweigen machte sich unter ihnen breit. Alle bis auf Taram schienen ihre Gedanken nach einer glaubwürdigen Antwort zu durchforsten, und falls sie denn schon nicht glaubwürdig ausfiel, dann sollte sie doch zumindest von Schläue zeugen. Yeffa, der weder das eine noch das andere gelang, stocherte mit einem Stock im brennenden Holz der Kochstelle. „Wer weiß das schon?“, sagte sie schließlich.

Oret kannte diese Geschichten. Er hatte sie auf seinen Reisen in jedem Lager gehört. Sie hatten ihn mehr gewärmt als das Feuer vor ihm.

„Ich kann euch sagen, wer sie ist.“ Er flüsterte nicht. Die Worte klangen klar und bedeutungsschwer. Die Art, wie sich ihm die Soldaten zuwandten, als er sprach, verriet ihm, dass sie seine Anwesenheit vergessen hatten. Der Gedanke daran, dass er nun in die Rolle des geheimnisvollen Fremden geschlüpft war, kam ihm ein wenig töricht vor. Doch das war nun einmal genau das, wozu er im vergangenen Jahr bei seinen Streifzügen durch das Revier der Dromoka geworden war.

„Und wer bist du, Fremder?“, fragte Kurz nun endlich.

„Ich bin derjenige, der diesen Geist zu dessen Lebzeiten getötet hat.“

Nun hingen die Soldaten gebannt an Orsets Lippen.


Gebirge | Bild von Noah Bradley

Zwei Staubspuren verschmolzen hinter dem Paar Steinböcke, die ihre gepanzerten Reiter in vollem Galopp den Grund der Schlucht entlangtrugen, zu einer. Anafenza, die voranritt, wagte einen Blick über die Schulter, um nach der erdrückenden Übermacht an Feinden Ausschau zu halten, die sie beide wohl jeden Augenblick einholen würde.

„Hauptmann! Haben wir sie abgehängt?“, rief Oret, die Stimme brüchig vor Anstrengung. „Ich glaube, wir haben sie abgehängt.“

Der Hauptmann reckte den Kopf zum Himmel, wo sich dunkle, brodelnde Wolken zusammenbrauten. „Eher unwahrscheinlich“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu dem anderen Reiter. Die Wände der Schlucht rückten immer enger zusammen, und Anafenza gab ihrem Steinbock die Sporen.

„Wir sollten auf unseren Schuppenfürsten warten. Er wird ihren Angriff ins Stocken bringen.“

Der Hauptmann machte so unvermittelt kehrt, dass Oret in seinem Bemühen, sein Reittier zu zügeln, um ein Haar aus dem Sattel geschleudert worden wäre. „Unser Fürst ist derzeit mit anderen Dingen beschäftigt.“ Sie deutete zu den Bergen hinauf, die sich am Ostrand der Schlucht erhoben. „Auf dem Vorsprung. Siehst du?“

Oret sah ihn: seinen Schuppenfürsten, jenen Drachen, an den er gebunden war. Er hielt einen kleineren, viergeflügelten Drachen mit seinen kräftigen Armen am Boden nieder. Vor Orets Augen schossen Blitze aus dem Maul des kleineren Drachen hervor. Sein Schuppenfürst taumelte nach hinten weg, während der andere Drache davonflog.

Gewitterschwingendrache | Bild von Svetlin Velinov

„Ist er in Bedrängnis?“, fragte Oret.

„Er ist beschäftigt. Wir sind in Bedrängnis.“

„Dann sind wir völlig auf uns gestellt.“

„Nicht ganz. Mir nach.“ Und schon preschte der Hauptmann wieder davon.

Oret starrte noch einen Augenblick länger hoch zu seinem Schuppenfürsten, der in einen Machtkampf verwickelt war, den er niemals wirklich vollständig begreifen würde. Hinter ihm erklangen das Donnern von Pferdehufen und die spöttischen Rufe von Reitern, und so ritt auch er los. Er folgte seinem Hauptmann, die ihren Steinbock entlang eines gewundenen Pfades vorantrieb, der sie tiefer in die Schlucht hineinführte. Es erwies sich als schwierig, mit ihr Schritt zu halten, da sie häufig um die nächste Biegung aus seinem Blickfeld verschwand oder jäh die Richtung wechselte, hinein in eine der zahllosen Verästelungen der labyrinthartigen Schlucht. Wo immer sie ihn auch hinführen mochte: Zumindest brachte sie ihn weg von den Kriegern der Kolaghan. Oret diente nun schon einige Jahre unter seinem Hauptmann, und er hatte sie noch niemals vorschnell handeln sehen. Es gab immer einen Plan und stets eine Ausweichmöglichkeit, die bewies, dass sie die vorliegenden Bedrohungen ausreichend bedacht und die richtigen Vorbereitungen darauf getroffen hatte. Und doch steckten sie nun in der Klemme: Ihre Festung war verloren und ihre Reihen durchbrochen, und sie flohen gerade vor der Hauptstreitmacht einer Horde der Kolaghan um ihr Leben.

Noch mehr Biegungen. Noch mehr enge Pfade. Die grellen Kriegsschreie der Kolaghan dicht hinter ihnen wurden schon bald zu abgehackten und verwirrten Rufen, die von den Wänden der Schlucht widerhallten. Ein Lächeln stahl sich in Orets Mundwinkel. Er begriff, was sein Hauptmann vorhatte. Im besten Fall würden die Kolaghan die Spur ihrer Beute verlieren und an ihnen vorüberziehen. Im schlimmsten Fall hatte der Hauptmann die Kolaghan dazu gezwungen, ihre Truppen aufzuteilen, um sie zu finden. In der Enge der Schlucht schafften sie es womöglich sogar, sich den Weg freizukämpfen.

Der Hauptmann bog ein weiteres Mal ohne Vorankündigung in eine Lücke in der Wand der Schlucht ab. Oret übersah sie und ritt erst daran vorbei, ehe er den Steinbock zum Kehrtmachen zügelte. Er öffnete den Mund, um seiner Vorgesetzten hinterherzurufen, doch noch bevor ihm auch nur ein einziges Wort über die Lippen gekommen war, hatte er urplötzlich den Geschmack von Metall auf der Zunge. Die Luft wurde unnatürlich trocken, und ein prasselndes Summen erstickte alle anderen Geräusche – bis auf das panische Meckern von Orets Steinbock. In einem vergeblichen Versuch, die Beherrschung über das Tier nicht zu verlieren, zerrte Oret an den Zügeln.

„Hauptmann!“, Schrie Oret, der verzweifelt fort wollte. „Anafenza!“ Er grub die Fersen in die Flanken seines Reittiers, und es schoss los.

Es knallte über ihm in der Luft. Nach nur drei Schritten geriet der Steinbock ins Straucheln und brach mitten in der Bewegung zusammen. Oret stürzte unsanft aus dem Sattel, und seine Kiefer schlugen hart aufeinander, als er mit dem Kinn auf dem Boden aufschlug. Er schmeckte Blut, als er hinter dem Steinbock in Deckung kroch. Das Tier lag leblos da. Ein Speer ragte aus seiner Brust auf. Entlang des gesamten Schafts tanzten noch immer elektrische Ladungen, unter denen sich das Fell um die Wunde kräuselte und schwarz färbte.

Ein weiteres Echo hallte donnernd durch die Schlucht. Diesmal war es das grollende, kehlige Gebrüll eines Jägers, der Beute gemacht hatte. Oret erspähte einen Ork der Kolaghan, der auf einem flachen Felsvorsprung kauerte, der über ihm aus der Wand der Schlucht ragte. Er war in eine Art metallenen Umhang gehüllt, der an einem Gurtgeschirr angebracht war. Ein Netz aus Blitzen umgab den Mantel und vervollständigte den Eindruck imposanter Schwingen, die sich hell vor dem finsteren, aufgewühlten Himmel abhoben.

Der Ork brüllte erneut, wobei Oret diesem Laut nun eine Bedeutung zuzuordnen vermochte. „Gvar!“

Oret kannte den Namen. Gvar – der Ork, der den Angriff auf den Sandsteppen-Torweg angeführt hatte. Im Schatten der Drachen der Kolaghan hatte Gvar die Mauern erstürmt und die überlebenden Verteidiger der Dromoka aus ihren Stellungen in die Wildnis getrieben.

Kriegsbringer | Bild von Raymond Swanland

Der Ruf des Kriegers würde Gvar hierherführen, damit er die letzten beiden verbleibenden Soldaten der Garnison beseitigen konnte.

Doch der Ork wartete nicht auf seinen Anführer, sondern stürzte sich sogleich auf Oret.

Oret blieb noch die Zeit, auf die Beine zu kommen oder sein Schwert zu ziehen, jedoch nicht für beides. Er stand auf, und dann war der Ork auch schon heran. Ein kräftiger, über den Kopf geführter Hieb begleitete seinen Kriegsschrei, doch Oret wandte sich so zur Seite, dass der Schlag an seiner Schulterplatte abprallte. Er überbrückte die Entfernung zwischen ihnen, und noch ehe sein Angreifer sich wieder gesammelt hatte, warf ihm Oret seine volle gepanzerte Masse entgegen. Sie gingen gemeinsam in einer Wolke aus Staub und Flüchen zu Boden.

Der Kolaghan-Krieger wälzte sich umher, bis es ihm gelang, den Ellenbogen gegen Orets Kehle zu pressen. Das Blut in seinem Mund sammelte sich rasch, doch Oret konnte es nicht hinunterschlucken. Stattdessen spie er es dem Ork als roten Nebel ins Gesicht. Das reichte, um sich loszuwinden. Und in diesem Augenblick hörte er die Stimme seines Hauptmanns.

„Weg da, Oret“, sagte Anafenza.

Der Befehl war ein simpler, und Oret befolgte ihn. Er löste sich von dem Krieger, doch der Ork wollte nicht aufgeben. Anafenza trat vor, gehüllt in ein schimmerndes goldweißes Licht, und der Sand um ihre Füße kräuselte sich, als steckte Leben in ihm. Anafenza streckte eine Hand aus, und das wirbelnde Licht wand sich um ihren Arm und von dort aus in engen Spiralen auf den Ork zu. Es fuhr durch ihn hindurch, wobei es ihm etwas Unsichtbares, aber Lebensnotwendiges entzog und ihn reglos im Staub zurückließ.

Kaum war der Ork zusammengesackt, machte sich an den Wänden der Schlucht auch schon wieder der Feind bemerkbar. Hufschlag und Kriegsschreie erklangen und wurden mit jedem Wimpernschlag lauter.

„Hauptmann?“

„Hier entlang“, sagte Anafenza und deutete auf den schmalen Pfad hinter sich. „Gvar und seine Horde treffen bald hier ein. Wir müssen für sie gewappnet sein.“

Das Paar rannte zu Fuß weiter, mit gerade so viel Achtsamkeit wie nötig war, sich auf dem losen Geröll des Untergrunds nicht den Knöchel zu verstauchen. Oret betrat nach Anafenza eine längliche Kammer, die ringsum nahezu völlig von der nackten Wand der Schlucht umschlossen war. Der einzige Weg aus ihr heraus war der, über den sie in sie hineingelangt waren.

„Eine Sackgasse“, sagte Oret.

„Und das ist auch gut so“, sagte Anafenza. Sie schnürte ihre Stiefel auf. „So können sie nicht so leicht entkommen.“

Nervös schritt Oret die Wände der Kammer ab. Er entdeckte Anafenzas Steinbock, der an einem kleinen, krüppeligen Baum festgebunden war und Wasser aus einer Bernsteinschale soff. Das bescheidene Bäumchen lag halb im Schatten der Wand. Oret bemerkte überall um den Baum herum verstreute Scherben aus Bernstein. Für ihn sah es so aus, als hätten viele der Scherben dereinst zusammengepasst, um unzählige Gefäße, Figürchen oder Schmuckstücke zu bilden. Oret kniete sich hin und klaubte eine Scherbe auf: ein Überbleibsel irgendeines uralten, fein gearbeiteten Kruges.

„Was ist das, Hauptmann?“

„Bernstein ist etwas Besonderes, Oret. Die zerbrochenen Gefäße zu deinen Füßen erfüllten zweierlei Zweck. Wie jedes Gefäß bargen sie Wasser in sich. Doch da sie aus Bernstein gemacht sind – einem Stoff, der von den Bäumen stammt –, konnten diese Gefäße auch Geister in sich tragen.“

Oret ließ die Bernsteinscherbe fallen, als wäre sie glühend heiß. „Hauptmann, bitte. Wir sollten nicht hier sein.“

„Ich möchte dir etwas zeigen“, ging Anafenza in aller Seelenruhe über seine Bedenken hinweg. Sie stand bei dem Baum, und Oret gehorchte ihrer Aufforderung vorsichtig. Sie nahm seine Hand und legte sie auf den glatten Stamm. „Schau jetzt genau hin.“ Oret beugte sich vor. Seine Augen hatten im schwindenden Licht Mühe, doch da waren sie, eingeritzt in die Rinde des Stamms: Dutzende, wenn nicht gar Hunderte von Namen.

Oret schreckte zurück. „Verfluchte Namen?“

„Das war auch mein erster Gedanke, doch inzwischen glaube ich etwas anderes. Viele Menschen haben einiges auf sich genommen, um diese Dinge hierherzubringen. Man kann Geister in Bernstein umhertragen, doch ich glaube, der Baum ist ihr Anker.“

„Du bist hier schon einmal gewesen?“

„Viele Male.“

Anafenza kauerte sich an den Fuß des Stamms, um dort den Sand wegzuwischen, bis die Bögen der Wurzeln freilagen. Sie stand auf und stellte sich mit bloßen Sohlen auf die Wurzeln. „Stell dich hinter mich, Oret. Du wirst gleich etwas Atemberaubendes zu sehen bekommen.“ Sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln – das erste, das er seit dem Angriff auf den Sandsteppen-Torweg an ihr sah.

„Das kann ich nicht tun, Hauptmann.“ Oret lächelte zurück. Es war ein trauriges Lächeln. Sein Hauptmann – seine Vetterin – würde hier sterben. Er würde hier sterben. Doch nicht ohne Gegenwehr. Er zog sein Schwert.

Es dauerte nicht lange, bis die Kolaghan sie einholten. Als sie sich näherten, setzten ihre Schmähungen wieder ein, noch ehe man sie selbst sehen konnte.

„Wollen wir hoffen, dass nach dem ganzen Gerenne noch genügend Kraft für einen Kampf bleibt.“ Kaum waren die Worte ausgestoßen, trat der hoch und breit aufragende Gvar in die Kammer. „Ich bin Gvar Barzeel, der eure Tore zerschmetterte und eure Mauern zum Einsturz brachte.“

Anafenza zog ihr beidhändig zu führendes Krummschwert aus der Scheide, die ihr quer über den Rücken hing. „Und gerade weil du Gvar Barzeel bist, der unsere Tore zerschmetterte und unsere Mauern zum Einsturz brachte, wirst du diesen Ort nicht wieder verlassen.“

Dutzende von Kriegern der Kolaghan drängten hinter Gvar in die Kammer. Schamanen waren unter ihnen, und sie begannen, Blitze herbeizurufen, die knisternd unter ihnen zum Leben erwachten.

So ruhig wie eh und je nahm Anafenza den Helm ab und streckte sich, um einen knorrigen Ast mit der Hand zu berühren. „Geister dieses Baumes, Ahnen meines Volkes, eure Nachfahren brauchen euch.“ Es war nicht das erste Mal, dass sie diese Worte sprach. Dessen war sich Oret sicher. Als sie geäußert waren, regte sich die Luft in der Kammer. Staub wallte auf, und mit ihm goldene Fünkchen aus Bernstein. Einen Augenblick lang verging den Kriegern, die sich auf der anderen Seite der Kammer gesammelt hatten, das Spotten.

Obgleich Anafenza durch den Mahlstrom aus Staub kaum zu sehen war, konnte Oret dennoch bestens hören, wie sein Hauptmann sagte: „Hinter mich, Oret.“ Und Oret bewegte sich auf die andere Seite des Baumes, wobei er sein Gesicht schützte, so gut es eben ging.

Er zog Anafenzas Steinbock zu sich heran, als er sah, wie sich aus dem Staub die Umrisse von Menschen hervorzuschälen schienen. Sie hatten keine feste Gestalt, auch wenn manche von ihnen offenbar den alten Sitten nach gerüstet waren. Oret riss die Augen auf.

Geister.

Die Offenbarung raubte ihm die verbliebene Feuchtigkeit aus dem Mund.

Nekromantie.

Anafenza holte tief Luft. Ihre Lungen füllten sich mit Staub und Bernstein, und die Geister wirbelten auf sie zu. Sie verschmolzen mit ihr, bis sie zu einem Schemen goldbraunen Lichts wurde. Sie trat von den Wurzeln herunter, machte einen weiteren Schritt nach vorn und einen Wimpernschlag später war sie mitten unter den Kolaghan.

Sie war eine grauenerregende Masse aus Gliedmaßen zorniger und rachsüchtiger Geister. Sand und Staub bauschten in großen Wolken auf, genährt von einem endlosen Strom aufgebrachter Geister, die weiter aus dem Baum hervorwallten. Inmitten des Tumults konnte Oret Anafenza anhand des Blitzens ihrer Klinge und der Schreie ausmachen, die sie den Kolaghan bei ihrem Vorrücken entlockte.

Gvar, die Schamanen, sämtliche Krieger der Kolaghan – für sie gab es kein Entrinnen.

Während des Gemetzels schwollen die Sturmwolken hoch droben an. Als Anafenza den Letzten von Gvars Kriegern stellte und niedermähte, spalteten Blitze den Himmel, Donner ließ die Schlucht erbeben und die Wolken spien aus, was in ihnen war. Drachen aus Kolaghans Brut fuhren vom Himmel herab.

Drachengewitter | Bild von Willian Murai

Oret war zwischen dem Grauen aus Geistern und Tod vor ihm und dem viergeflügelten Grauen über ihm gefangen.

Der Anführer der Drachen legte seine vier gefiederten Flügel an und stieß auf Orets von Geistern umhüllten Hauptmann hinab. Es gab kein Zögern, keinen Moment der Panik oder Furcht. Anafenza blickte einfach nur zum Himmel auf, und die Geister in ihr rasten wie ein einziges Geschoss den Wolken und dem Drachen entgegen. Sie bewegten sich wie ein gewaltiger Blitz aus goldenem Licht, und als er ihn auf sich zurasen sah, versuchte der Drache noch, die Richtung zu ändern. Doch zu spät, denn schon fuhr der Blitz durch Schuppen und Fleisch und Knochen.

Strahlende Säuberung | Bild von Igor Kieryluk

Oret sah, wie sich Geister von der Heerschar absetzten, um den Rest der Ungeheuer zu verschlingen, und die verbleibenden Drachen suchten flugs den Schutz der Wolken.

Staub und Sand in der Kammer legten sich. Völlig erschöpft brach Anafenza zusammen.

Oret brauchte einen langen Moment, um zu begreifen, dass die lange Abfolge an Bedrohungen nun ein Ende gefunden hatte. Langsam machte er sich auf den Weg dorthin, wo sein Hauptmann reglos lag. Luft rasselte ihr in den Lungen. Es war ein Geräusch, das Oret zugleich besorgte und erleichterte. Anafenzas Augen waren offen, aber so verdreht, dass sie nur das glasige Weiße zeigten.

„Anafenza“, flüsterte Oret.

Ein weiterer Atemzug, schwach und flatternd.

Oret legte ihr die Hand auf die Schulter und schüttelte sie sachte. „Anafenza“, sagte er wieder. Und noch einmal. Lauter. „Hauptmann!“ Er wollte ihr unbedingt beistehen, und da er sich nicht anders zu helfen wusste, suchte er nach einer Wunde, nach irgendeiner Spur einer körperlichen Verletzung, die er hätte versorgen können. Doch da war nichts. Dies rührte nicht von einem Schwertstreich oder einem Pfeil her.

„Oret.“ Das Wort war ein heiseres Wispern.

Oret lächelte ergriffen. Er schaute nach unten und sah Anafenza zu ihm hinaufstarren.

„Siehst du?“, fragte sie.

„Nicht zu sehr anstrengen, Hauptmann.“

„Mir geht es gut“, sagte sie und stützte sich auf die Ellenbogen auf. „Ganz im Ernst. Ich musste mich nur einen Augenblick erholen.“

„Hauptmann, ich habe so etwas noch nie gesehen.“

„Ich auch nicht. Ich habe so etwas noch nie gespürt.“ Ihre Stimme wurde wieder kräftiger, und sie sprach schneller und schneller. „Oret, so viele Ahnen, allesamt aus einer einzigen Absicht heraus handelnd – ihre Nachfahren, ihr Volk zu schützen. Daran war nichts Machtheischendes. Es gab keine Geplänkel um die Gunst eines Drachen. Es war rein, und es war mächtig.“

Ein plötzlicher Windstoß brachte den Sand in Aufruhr, und sie spürten in den Ohren, wie die Luft sich verdichtete. Schwingenschläge. Wären die Wolken nicht gewesen, wäre die längliche Kammer nun von einem gewaltigen Schatten verdunkelt worden. Doch so gab es keinen Schatten, sondern nur einen üblen Donnerschlag nach dem anderen, als ihr Schuppenfürst in die Kammer hinabfuhr, wo der uralte Baum unter seinem großen Gewicht zu Splittern zermalmt wurde. Und mit ihm Anafenzas allerletzter Rest an Gehorsam.

„Er hat es gesehen“, sagte Anafenza durch zusammengebissene Zähne. Wo Oret das Haupt neigte, blickte sie dem Drachen unverwandt in die Augen.

„Hauptmann, bitte“, sagte Oret. „Nicht jetzt.“ Doch Oret wusste, was ganz gewiss auch Anafenza wusste. Der Preis, die Geister der Toten anzurufen und so der Nekromantie zu frönen, war der Tod. Ihr Schuppenfürst würde den Schlund öffnen, und aus ihm würde ein Blitz alles versengenden Lichts niederfahren, um sämtliche Schichten ihres gesamten Seins auszubrennen, bis nichts mehr von ihr übrig war. Nicht einmal ein Geist.

Ausdauernde Schuppenfürstin | Bild von Clint Cearley

Der Drache hob den Kopf und neigte ihn dabei nach hinten. Oret trat zwischen seinen Schuppenfürsten und seinen Hauptmann.

„So ist es nun einmal Brauch, Oret“, sagte Anafenza. „Tritt beiseite. Es gibt keinen Ausweg. Mit meiner Tat habe ich mein Leben verwirkt.“

Oret blieb, wo er war. „Mein Gebieter“, sagte er und fiel vor dem Drachen auf ein Knie. „Ich flehe Euch mit allem Respekt, den eines Eurer einfachen Kinder vor Euch zu zeigen hat, an, mir eine einzige Bitte zu erfüllen.“

Drachen besudelten sich nicht mit dem Gebrauch der Sprache der Menschen. Wenn sie etwas zu verkünden hatten, flossen ihre drachischen Worte durch ihre Sprecher. Dort in der Schlucht gab es jedoch niemanden, der als Übersetzer hätte auftreten können, und ob er das Verständnis des Drachen gewonnen hatte, würde Oret allein aus dessen Handlungen ablesen müssen. Es war eine Vorstellung, bei der er das Gefühl hatte, Klauen würden ihm von innen die Magenwände zerfetzen.

„Mein Hauptmann hat sich der Nekromantie bedient“, fuhr er fort. „Ein ungeheuerliches Vergehen, das bestraft werden muss.“ Oret schluckte. „Bitte, mein Schuppenfürst, erlaubt mir derjenige zu sein, der sie hinrichtet.“

Der Blick des Drachen wanderte von Oret zu Anafenza und schließlich wieder zurück zu Oret. Dann senkte der Schuppenfürst kurz sein Haupt, um es sofort wieder zu heben. Es war eine Geste, die Oret als Nicken deutete. Seiner Bitte wurde stattgegeben.

Anafenza machte keinerlei Anstalten zur Flucht, und Oret erlaubte sich einen raschen Blick in ihre Richtung. Sie war so ruhig wie immer. Sie kniete nieder, um ihre Strafe zu erhalten, und als er sich bückte, um ihren Bidenhänder aufzuheben, wandte sie sich ihm mit einem Lächeln zu.

Der lederne Griff von Anafenzas Schwert war von Staub überzogen, was es nicht leicht machte, die Finger fest darum zu schließen.

Anafenza hatte Geister aus dem Baum heraufbeschworen, um sie beide zu beschützen. Sie nannte die Geister Ahnen, und über die Weiten der Zeit hinweg hatten diese Ahnen ein gemeinsames Band gefunden, durch das sie miteinander verknüpft waren. Und so waren sie erschienen, um gegen die Feinde ihres Volkes zu kämpfen. Anafenza hatte dieses Band entdeckt. Sie verfolgte das gleiche Ziel.

Oret hob die Klinge über den Kopf. „Das ist nicht das Ende“, flüsterte er seinem Hauptmann zu. Einen Wimpernschlag später war es vollbracht.


Taram spuckte ins Feuer. „Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan. Mehr will ich nicht hören. Wenn du den lieben langen Tag nur von der Nekromantie erzählen willst, hält mich hier nichts.“ Er stand auf und ging dem zarten Licht des Morgens entgegen.

„Ich verstehe das nicht“, sagte Ajuf, die noch immer wie gebannt war. „Diese Geister haben dich gerettet. Sie hat dich gerettet. Und du hast sie dafür umgebracht.“

„Das habe ich wohl“, sagte Oret, „und es gereichte mir zur Ehre. Um den leblosen Leib meines Hauptmanns bildete sich eine Blutlache, und ich kniete vor meinem Schuppenfürsten nieder, um seine Gunst zu erhalten.“

Schuppensegen | Bild von Matt Stewart

Er fuhr fort. „Bei meiner Ankunft in der Stadt Kavah wurde ich als Held empfangen. Man erhob mich in den Rang eines Hauptmanns unter den Spähern und verlieh mir den Ehrentitel eines Kartografen. Mit ihm begann zugleich mein Leben im Exil. Doch ich nutzte meine Verbannung, und meine Wanderungen führten mich schon bald zu der Schlucht zurück. Von Anafenzas Leichnam war nichts geblieben. Dafür hatte die Wildnis gesorgt. Doch deswegen war ich nicht dort. Inmitten der Überreste des Baumes lag all der Bernstein, in dem die Geister der Ahnen an diesen Ort gebracht worden waren. Auf sie setzte ich meine Hoffnungen, und ich durchsiebte den Sand nach jedem noch so kleinen Stückchen Bernstein, das ich finden konnte.“

Oret trank seinen letzten Schluck Wasser. „Der Kartograf des Kommandanten Faiso hat die ausgesprochene Ehre, die offiziellen Karten des Landes auf dem neuesten Stand zu halten, und einer dieser Karten entnahm ich mein nächstes Ziel. Nach Monaten der Reise gelangte ich in einen trockenen, von Schluchten durchzogenen Landstrich. Am Horizont machte ich die Ruinen einer verfallenen Festung aus, von der ich schon gewusst hatte, dass ich auf sie stoßen würde. Zwischen mir und der Festung erhob sich auf dem höchsten Punkt eines kleinen Hügels ein uralter Baum. Ich verglich, was in der Entfernung, in der ich mich zu dem Baum befand, auf meiner Karte verzeichnet war. Im Revier der Dromoka werden alle Bäume als möglicher Hinweis auf Wasser in die Karten eingetragen, doch die kahlen Äste dieses Baumes konnten dem Reisenden unmöglich eine solche Erquickung bieten. Dort war nichts. Es hätte keinen besseren Ort geben können.

Als ich am Baum ankam, leerte ich meine sämtlichen Taschen mit all dem Bernstein, den ich aus der Schlucht mitgebracht hatte, und verteilte ihn im Kreis um den Fuß des Baumes. Ich hatte keine Ahnung, ob ich es richtig machte, aber wenn Bernstein tatsächlich ein Gefäß für Geister war, dann musste Anafenzas in einem dieser Stücke sein.

Wo der Stamm im Sand verschwand, grub ich ihn frei. Mit dem Messer ritzte ich ihren Namen in das lebende Holz, und als ich fertig war, schaufelte ich den Sand wieder zurück. Das sollte Anafenzas Baum sein. Einer, der nicht zersplittert oder verbrannt oder entwurzelt werden würde. Er sollte ihr Anker sein.“

Anafenza, Geist des Sippenbaums | Bild von Ryan Yee

„Unglaublich!“, sagte Ajuf.

„Haargenau. Ich weiß nicht, ob ich dir auch nur ein Wort von dem glaube, was du erzählt hast“, sagte Khurz. Nun war er an der Reihe, aufzustehen und zu gehen. Doch ehe er sich aufmachte, fragte er: „Wo ist denn dieser Baum?“

„Meine Worte werden dich nicht von der Wahrheit überzeugen, die sie in sich bergen“, sagte Oret lächelnd. „Denn sämtliche Hinweise auf diesen Baum wurden aus allen offiziellen Karten entfernt.“

„Natürlich wurden sie das.“ Khurz stieß ein kurzes, angewidertes Zischen aus. „Und jetzt reist du durch unsere Lande und verbreitest diese Geschichte?“

„Glaub, was du willst. Der Erfolg meiner Reise wurde auch mir erst bewusst, als Geschichten wie die von Yeffa plötzlich allerorten zu hören waren. Anafenza ging es immer nur um den Klan. Selbst der Tod konnte ihren Eifer nicht bremsen. Ich reise nun durch unser Reich, um die Wahrheit zu verbreiten. Sie ist das, was Yeffa sagte: eine Hüterin.“

Echo des Sippenbaums | Bild von Ryan Alexander Lee

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