Die neu geschmiedete Kette

Veröffentlicht in Magic Story on 21. Januar 2015

Von Doug Beyer

Senior creative designer on Magic's creative team and lover of writing and worldbuilding. Doug blogs about Magic flavor and story at http://dougbeyermtg.tumblr.com/

Sarkhan Vol folgte dem Flüstern des Geisterdrachen Ugin zurück in Tarkirs Vergangenheit – ohne zu ahnen, was ihn dort erwarten würde. Er fand eine atemberaubende Welt vor, bevölkert von hungrigen Drachen und wilden Klanen.

Doch im alten Tarkir ist nicht alles zum Besten bestellt. Yasova, die Khanin der Temur jener Zeit, offenbarte Sarkhan, dass auch sie einem Drachen folgte. Was sie jedoch nicht wusste, war, dass ihr Lehrmeister Sarkhans verhasstester Feind ist – oder werden wird. Es handelt sich um niemand anderen als den unermesslich alten Planeswalker-Drachen Nicol Bolas.

Nun beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem Sarkhan Ugin finden muss, bevor Bolas Tarkirs – und Sarkhans eigene – Geschichte auf den Pfad der Verdammnis führen kann.


Sarkhan schlug mit den Schwingen durch die eisige Luft, während er über die Tundra hinweg dem tosenden Sturm entgegenflog. Gedanken zuckten in seinem Geist auf, als wollten sie unbedingt die Blitze und das Mana widerspiegeln, die die Sturmfront vor ihm erhellten. Gedanken, die gleich darauf wie brüchige Asche zu Nichts zerstoben. So weit war er gereist, hatte die Gesetze von Zeit und Geschichte gebrochen – und wofür? Er hatte eine Zeit gefunden, in der die Drachen noch lebten, in der Drachenstürme noch immer mächtige Himmelsbestien gebaren, in der Krieger Ruhm zu finden hofften, indem sie sich mit diesen Geschöpfen maßen – doch es war alles umsonst gewesen, denn der Schatten Nicol Bolas‘ lauerte selbst hier. Selbst an diesen kostbaren Ort – in eine Zeit lange vor den Fehlern in Tarkirs Geschichte, in eine verborgene Zuflucht Jahrhunderte vor Sarkhans eigenen tragischen Fehleinschätzungen – reichte Bolas‘ Einfluss. Sarkhan spie einen Feuerstoß in die Lüfte und flog hindurch.

Verstehst du nun, Drachenmagier? Fragen prasselten donnernd auf ihn ein, als würde der grollende Sturm vor ihm selbst sie ihm entgegenschleudern – doch es war sein eigener Geist, der ihn da anschrie. Verstehst du, weshalb Ugin dich hierherführte? Wessen du Zeuge werden sollst? Begreifst du die Lektion endlich? Eine ernüchternde Antwort schlich sich in Sarkhans Kopf: Was, wenn die Lektion war, dass niemand seinem Schicksal entrinnen konnte? Dass er sich der Verzweiflung und dem eisernen Griff der Zeit ergeben sollte – und Bolas‘ Macht über ihn?

Es fiel Sarkhan wie Schuppen von den Augen, wie sehr dieser grimme Scherz doch in sich geschlossen war. Bolas hatte Ugin einer uralten Fehde wegen getötet. Mit Ugins Tod endeten auch die Drachenstürme auf Tarkir, wodurch wiederum die Drachen ausgelöscht wurden, lange vor Sarkhans Geburt. Daraufhin stiegen die Klane dann zu den Herrschern dieser Welt auf. Die Erinnerung der Klane an die Drachen hatte den jungen Sarkhan dazu gebracht, die alten Bestien zu verehren, was dazu führte, dass er in einem Augenblick der Schwäche sein Haupt in Ergebenheit vor Bolas gebeugt hatte, ebenjenem Drachen, der Sarkhans Besessenheit erst ermöglicht hatte. Die Kette schloss sich, unvermeidlich und unzerbrechlich. Sarkhan war hier, um dem Schmieden ihres ersten Glieds beizuwohnen.

Er hatte das Bedürfnis, seine Schwingen hängen zu lassen, um seinen Flug zu verlangsamen. Er könnte sich einfach fallen lassen, hier, genau wie auch Ugin fallen würde. Ein Teil von ihm wollte hinabtauchen, die Schwerkraft als seine letzte Herrin anerkennen, auf den Boden zurauschen und alles in sich zusammenstürzen spüren.

Stattdessen nahm er den Kopf steil nach oben und schlug heftig mit den Schwingen, während er immer weiter an Höhe gewann. Die Kälte zerrte an ihm und beißende Luft füllte seine Lungen, doch er stieg höher und höher in dem Versuch, die Wolken seinen Zorn spüren lassen. Es gab noch immer Hoffnung. Er besaß noch immer den Splitter des Polyeders, ein Stückchen von Ugins Kammer auf Zendikar, von dem er glaubte, dass es ihn vorantrieb. Falls Ugin noch hier und am Leben war, konnte die Kette vielleicht neu geschmiedet werden. Wenn er am Atem in seiner Brust festzuhalten vermochte, dann vermochte es vielleicht auch Ugin.

Furchterregendes Erwachen | Bild von Véronique Meignaud

Sarkhan flog durch die Stürme. Um sich herum spürte er die Flügel anderer Drachen, die sie durchquerten, und hörte deren Gebrüll. Er durchbrach die grollende Wolkenbank, und angesichts dessen, was er nun sah, stockte ihm der Atem. Der schimmernde, geisterhafte Drache Ugin zog kometengleich mit einem Schweif aus Stürmen über den Himmel. Sarkhan erkannte Ugin sofort, mit einer Gewissheit, wie er die Erde oder die Sonne erkannte. Der Geisterdrache hinterließ eine Spur aus fahlblauem Nebel, die mit den Stürmen verschmolz – wie ein Umhang, der ausgebreitet wurde, um eine Verbindung zwischen ihm und ganz Tarkir zu schaffen.

Sarkhan vergaß alles, was ihn zu diesem Augenblick geführt hatte, und eine tiefe Regung ging durch seine Seele. Es war Ugin – und nicht Bolas –, dem er es zu verdanken hatte, wie sehr er von Drachen fasziniert war. Ugin war der wahre Beginn der Kette, die Sarkhan zu dem gemacht hatte, der er war – und Tarkir zu dem, was es hätte sein sollen. Sarkhan hätte ewig in seiner Drachengestalt verweilen und zwischen den Wolken tanzen können, um seinem gigantischen, weisen Urahn nahe zu sein. Er flog etwas von Ugin weg und sah einfach nur zu, wie dessen Schwingen ihn mühelos in der Luft hielten.

Dies dort vor ihm – das war seine Bestimmung. Dies war der Grund, warum er hier war. Er konnte das, was nun geschehen sollte, aufhalten, um Tarkirs Geschichte zu ändern. Er würde tun, was auch immer getan werden musste. Er würde ...

Nicol Bolas töten.

Oder zumindest Ugin im Kampf gegen Bolas beistehen, wenn die Zeit gekommen war – auf dass Ugin überleben und Tarkirs Drachen niemals aussterben sollten. Sarkhan raste auf Ugin zu – wie ein kleiner Mond, der sich einem gewaltigen Himmelskörper näherte. Sarkhan brüllte, doch es ging im Chor der Stürme und der Drachenstimmen unter, der die Wolken unter ihm erfüllte.

Eine leichte Drehung von Ugins Kopf machte ihn auf den Zauber aufmerksam, der unter ihm am Boden seine Wirkung entfaltete. Sarkhan folgte Ugins Blick. Durch einen Riss in den Wolken sah er Linien aus grüner Elementarenergie, die sich in einem geschwungenen Muster über Schnee und Eis ausbreiteten und die an bestimmten Knotenpunkten wie gefangene Blitze verankert waren. Als Sarkhan genauer hinsah, konnte er erkennen, dass die Knoten Felsen waren, in die etwas eingeritzt war: geschwungene Klauenmuster.

Sarkhan verfluchte den Namen, der ihm in den Sinn kam. Yasova.

Gemeinsam bildeten die Klauenrunenfelsen einen Pfad. Dieser Pfad kennzeichnete den genauen Weg aller Drachenstürme – und sagte so auch Ugins Weg voraus. Yasova hatte die Stürme verfolgt, um den Geisterdrachen aufzuspüren.

Doch der Pfad, den Yasova dort unten durch die Tundra schuf, diente nicht ihr. Es war sehr wohl ein Wegzauber, doch er war weder für ihren Säbelzahntiger noch für die Krieger der Temur bestimmt. Dieses Muster war dazu angelegt, aus der Luft gesehen zu werden – von Bolas.

Ein Fauchen der Bitterkeit und Wut entrang sich Sarkhans Kehle. Und just in diesem Augenblick tauchte Nicol Bolas aus einem Riss im Himmel auf, wie ein Stein, der bizarrerweise nach oben zu fallen schien, weil die Welt selbst vor diesem Geschöpf zurückwich.

Bolas befand sich genau in Ugins Flugbahn. Er breitete die Schwingen aus wie einen aufgebauschten Umhang und verdunkelte die Sonne mit seinen tintenschwarzen Schuppen. Die gewaltigen Hörner ragten geschwungen über sein Haupt auf, einer Krone gleich, und zwischen ihnen schwebte ein Edelstein. Die Aufmerksamkeit des großen Drachenältesten war ganz auf Ugin gerichtet. Den, den zu vernichten er gekommen war. Sarkhan war noch immer zu weit entfernt, als dass Bolas ihn hätte bemerken können: Vielleicht war dies die Gelegenheit, zuzuschlagen.

Nach Bolas‘ Ankunft war Ugin mit ein paar schnellen Flügelschlägen bei ihm. Die beiden Drachen-Planeswalker starrten einander an.

Wendepunkt des Schicksals | Bild von Michael Komarck

Bolas sprach etwas zu Ugin: giftige Worte mit tiefer Stimme, die Sarkhan über dem Tosen des Windes nicht verstand. Ugin erwiderte etwas, ruhig und ernst und mit dem Hauch einer Warnung, und auf Bolas‘ Gesicht wuchs ein Lächeln, rascher als ein nasser Fleck auf einem trockenen Tuch. Die Drachen umkreisten einander. Ihre tiefen Atemzüge und ihre gewaltigen Schwingen fachten die Luft an. Ihre Blicke huschten am Gegner entlang, von Schwachpunkt zu Schwachpunkt. Wolken umhüllten sie, zwei Titanen im Auge des Sturms.

Sarkhan flog so schnell er konnte, doch seine Schwingen ließen ihn im Stich. Ihm brannten die Schultern, als er kräftig mit den Schwingen schlug und dennoch an Höhe verlor. Sein Schwanz streifte die Wolken. Bei seinem Wiedersehen mit Bolas tausend Jahre, bevor er ihn das erste Mal erblickt hatte – oder war dies hier nun das erste Mal? –, wurde ihm bewusst, dass es nichts gab, was er hätte tun können, um dieses mächtige Wesen in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Bolas war wie ein Gott, Sarkhan nur ein Insekt. Doch er dachte, es könnte ihm vielleicht gelingen, Bolas abzulenken, wenn er nur im richtigen Winkel heranflöge und im günstigsten Moment Feuer spie, damit Ugin den entscheidenden Schlag führen konnte. Er biss die Zähne zusammen und flog weiter.

Bolas und Ugin umtanzten einander in weiten Spiralen, tauchten ab, zogen wieder hoch, wechselten ab und an unvermittelt die Richtung. Sie passten ihre Manöver einander an, und jeder begegnete den Bemühungen des anderen mit eigenen Vorstößen und Finten. Bolas blies eine Rauchwolke aus den Nüstern und schlug nach Ugins Schwinge. Ugin wich zur Seite aus und schnappte versuchsweise mit den kräftigen Kiefern zu. Sie schleuderten Zauber, doch nicht aufeinander – sie hinterließen nur leuchtende Runen in der Luft, die das mystische Rahmenwerk für ihren Kampf schufen. Sie wirbelten umher, ließen ihre Klauen niederfahren oder stießen heißen Odem aus, ohne sich dabei zu sehr auf ein Vorgehen festzulegen oder auch nur den ersten echten Schlag zu führen.

Dann brüllte Ugin auf, und es war das Gebrüll einer Naturgewalt, das Gebrüll einer ganzen Welt.

Und ob dieses Brüllens spürte Sarkhan einen Drang in sich nachhallen, der an seiner Seele zerrte. Die Empfindung schoss durch seinen Drachenkörper, versetzte ihn in Spannung und trieb ihn an, sich dem Kampf an Ugins Seite anzuschließen, so heftig, als würde dessen Brüllen an den Grundfesten seines Seins rütteln. Einem Teil von ihm war bewusst, wie eigentümlich dieses Gefühl war, doch in seinem Drachenhirn brodelte ansonsten nur noch ein einziger, unwiderstehlicher Trieb.

Sarkhan bemerkte, wie er wie zur Antwort selbst brüllte, und auch seine Muskeln zollten Ugins Aufforderung Achtung. Als er brüllte, hörte er das Rufen aller Drachen aus allen Stürmen. Scharen von Drachen erschienen, um aus den Stürmen, die ihren Namen trugen, hinaus in den Kampf zu fliegen. Sarkhans Herz machte einen Sprung – dies war Ugins Vorteil. Der Urvater Tarkirs rief die Seinen herbei, auf dass sie an seiner Seite kämpfen mochten, und sie folgten dem Ruf.

Bolas‘ Grinsen erstarb. Er ging mit einer Salve schneidender Zauber zum Angriff über und drang mit sonderbar gutturalen Lauten auf Ugin ein. Sarkhan sah, wie Ugin zurückwich. Bruchstücke von Schuppen barsten leuchtend von seinem Körper. Sein Kopf peitschte wegen irgendeines zeitgleich ausgeführten Angriffs auf geistiger Ebene vor und zurück. Seine Schwingen schlugen wie wild, damit er nicht an Höhe verlor.

Ugin der Geisterdrache | Bild von Raymond Swanland

Ugin fuhr in der Luft herum und ging mit seiner eigenen Magie zum Gegenangriff über. Mit einer Salve unsichtbaren Feuers ließ er einen gleißenden Strom über Bolas‘ Leib schießen, gefolgt von einem fahlen Nebel, der trotz seiner Feinheit mit Donnerhall auf seinem Ziel auftraf. Ugin drehte sich am Himmel um die eigene Achse und feuerte dabei weitere unsichtbare Geschosse ab. Bolas schlug zwar die Hälfte der Angriffe zurück, doch viele von ihnen fanden ihr Ziel, und Sarkhan sah die Anstrengung in seinem Gesicht.

Sarkhan wurde von einer großen Entschlossenheit erfasst, die ihm ein heißes Kribbeln auf der Haut bescherte. Dies war womöglich der Scheideweg der Geschichte. Dieser eine Augenblick. Die Drachen Tarkirs näherten sich aus allen Richtungen, eine Armee, die sich im Kreis um ihren Anführer sammelte. Sarkhan sah gar neue Drachen aus den Wolken entspringen, jeder einzelne mit dem Auftrag geboren, für Ugin zu streiten.

Er und die anderen waren bereit, dem Kampf beizutreten. Er stieß hinab und wollte Bolas gerade eine Lunge voll Drachenfeuer entgegenschleudern, doch dann –

– das Knistern von Elementarenergie, die Fingern gleich nach dem Himmel griff –

... ein Blick nach unten, um Yasova zu sehen, wie sie von ihrer Hingabe genährte Elementarmagie wirkte, ihren Klauenrunenzauber, der nicht nur dazu diente, Bolas den Weg zu weisen, sondern noch einem anderen, weitaus grausameren Zweck –

– ein Aufbranden magischer Macht, das ihm bis ins Mark fuhr, als der Elementarzauber ihn und Dutzende Drachen gleichzeitig traf –

– ein neuer Drang, der Sarkhans Seele erfasste, mächtiger noch als Ugins Gebrüll, das ihn zum Kampf anspornte –

– ein seltsamer Blutdurst, der in seinem Herzen brannte und ihn dazu trieb, nichts anderes mehr zu wollen als –

Ugin zu töten.

Ja, sagte sein Drachenherz. Ja, vernichte den Allvater. Vernichte den Ahnen, der über uns gebietet. Vernichte ihn und beende seine Herrschaft.

Nein, sagte ein kleiner Teil von Sarkhan. Nein!

Überall um ihn herum fielen die anderen Drachen von Tarkir unter den Bann des gleichen Zaubers. Yasovas Macht ließ die Dringlichkeit von Ugins Ruf verstummen, und die Drachen drangen nun auf ihn statt auf Bolas ein.

Planeswalker Nicol Bolas | Bild von D. Alexander Gregory

Sarkhan war nun fast ganz heran. Er spürte, wie sich ihm der Brustkorb mit Hitze füllte. Er spürte den Drang, Ugin in Feuer zu hüllen, Ugin, den Ursprung aller Drachen auf Tarkir, ebenjenen Drachen, der ihn geboren hatte.

Er atmete aus. Doch als sein Atem gerade im Begriff war, als Feuer aus ihm herauszuströmen, stieß er stattdessen ein wildes „Nein!“ aus – ein Menschenwort, mit einer Menschenstimme gerufen –, als er sich zwang, seine Drachengestalt aufzugeben. Seine Schwingen bildeten sich zurück. Sein Gesicht wurde wieder von stoppeliger Haut statt einander überlappender Schuppen überzogen. Und sein Drang, Ugin zu töten, schmolz dahin, nun da der Zauber in ihm nicht mehr den Geist eines Drachen fand, den er hätte in seinen Bann ziehen können.

Was stattdessen an Sarkhan zog, war die Schwerkraft. Er stürzte ab.

Es war ein tiefer Sturz.

Er fiel an den Drachen von Tarkir vorbei, die von allen Seiten Feuer, Blitze und Tod auf Ugin entfesselten.

Er fiel an Bolas vorbei, dessen Blick ihn nicht einmal flüchtig streifte, sondern fest auf Ugins Abkömmlinge gerichtet blieb, die ihrem Urvater garstig zusetzten.

Er fiel durch die brodelnden Wolken und durch eine derart große Weite mit nichts als leerer Luft, dass es ihm den Atem verschlug.

Von oben hörte er ein ohrenbetäubendes Krachen, ein Geräusch von schrecklicher, unverwechselbarer Bedeutung: Bolas‘ tödlicher Schlag, der den Kampf entschied und Ugins Leib zerschlug.

Während Sarkhan durch die Luft wirbelte, erhaschte er kurze Blicke auf andere Drachen, die wie Vögel vor der Urgewalt auseinanderstoben.

Noch ehe er Ugin selbst sehen konnte, gab es ein übles, knackendes Geräusch, als sein Körper erst einmal und dann grauenhafterweise auch noch ein zweites Mal gegen einen hoch aufragenden Felsgrat prallte.

Er rollte hilflos über eine schneebedeckte Schräge, stürzte von dort auf einen tiefer gelegenen Vorsprung und schlidderte dann einen Abhang hinunter, während sein Geist gemeinsam mit seinen Gliedmaßen wild umhergeschleudert wurde.

Donnernde Bewegung und das krachende Grollen einer Lawine folgten. Und das Gefühl, zerquetscht zu werden. Die Welt bestand nur noch aus Schnee und Eis.

Und dann hörte es auf. Er war in einer Schneewehe gefangen, einen Schritt oder auch eine Tagesreise von Luft entfernt, die Lungen zusammengepresst. Er erstickte. Er klammerte sich an einen winzigen Funken seines Bewusstseins, gerade genug, um zu begreifen, dass er starb.

Als die Klauen sich in den Schnee über ihm wühlten, dachte Sarkhan zunächst, es wäre Bolas, der gekommen war, die Sache zu beenden und so den Sieg davonzutragen. Doch der war es nicht. Es war Yasovas Säbelzahntiger, der den Schnee mit seinen gewaltigen Pranken beiseiteräumte. Seine Hauer bissen hinten in sein Halsband, griffen ihn am Nacken und zerrten ihn schmerzhaft aus dem Schnee. Die Katze legte ihn auf dem Rücken in die Tundra.

Yasova Drachenklaue | Bild von Winona Nelson

Sarkhan war nur noch ein Haufen schlaffer Gliedmaßen, ein Sack Haut voll Knochenstückchen. Durch zusammengekniffene Augen sah er Yasova auf ihn hinabstarren. Sie hielt seinen Stab, vom dem der Polyedersplitter baumelte.

„Versuche, dich nicht zu bewegen“, sagte sie. „Versuche, nicht zu sprechen.“

Sie sagte noch etwas anderes mit tiefer Stimme, und er spürte, wie sein Inneres sich zu ordnen begann.

„Ugin“, stieß Sarkhan schwach hervor

„Versuche, nicht zu sprechen“, wiederholte sie. Sie schaute jedoch zum Himmel hinauf und dann wieder zu ihm herab. „Es ist so gut wie vorbei. Das ungeschriebene Jetzt wird endlich frei sein von der Drachenplage.“

Sarkhan drehte die Augen so weit zu einer Seite, wie er nur konnte, um so viel wie möglich zu sehen. Und was er sah, war Ugins Leib, der vom Himmel hinabstürzte und auf den Boden zuraste.

Ugin war besiegt. Die Drachen dem Untergang geweiht. Tarkirs Schicksal besiegelt.

Sarkhan stöhnte.

„Ich weiß nicht, was du bist“, sagte Yasova. „Doch es scheint, als trügest du womöglich einige Antworten in dir. Tu mir also den Gefallen und stirb noch nicht gleich. Ich bringe dich zu meinen Schamanen zurück und finde heraus, was es mit dir auf sich hat.“

Der Heilzauber hatte seine Wirkung noch nicht vollendet, doch Sarkhan wälzte sich dennoch auf die Seite. Alles tat weh. Sein ganzes Bewusstsein war nur eine Woge aus Schmerz, doch irgendwie stemmte er sich auf Hände und Knie.

„Was tust du denn, du närrisches Ding?“, herrschte Yasova ihn an.

In diesem Augenblick hob Sarkhan den Kopf und sah, wie Ugin in der Tundra einschlug.

Ein winziger Moment verstrich, ehe sie die Wucht des Aufpralls traf, und Sarkhan und Yasova blickten einander an. Sie fühlten es beide. Etwas hatte Tarkir aus der Bahn geworfen. Die Welt sollte sich für immer verändern. Kurz glaubte Sarkhan, einen Schatten der Besorgnis über Yasovas Gesicht huschen zu sehen.

Dann wurden sie von der Druckwelle, deren Kraft selbst die von Ugins Gebrüll überstieg, erfasst. Schnee stob um sie herum auf, und die Erde kippte zur Seite. Sarkhan, Yasova und der Säbelzahntiger wurden umgerissen. Sarkhans Stab tanzte umher und landete im Schnee.

Sarkhan kauerte sich zusammen, als die Schneemassen für eine Zeit auf ihn einhämmerten, die sich wie hundert Ewigkeiten anfühlte. Nach dem Abflauen der reißenden Flut aus Schnee kroch er zurück auf die Knie, nur um sich gleich darauf wieder zusammenzurollen, als Steine und Eisbrocken auf ihn herabprasselten.

Als der Geröllregen vorüber war, hustete Sarkhan und schauderte. Er suchte nach dem Krater, um herauszufinden, wo Ugins Leib zerschellt war. Er sah den Ort, wo Ugin herabgestürzt war, doch es war nicht nur ein Krater: Es war eine Kluft, die in die Erde getrieben worden war, ein gewaltiger Riss in der Welt, und Ugin lag irgendwo tief dort drunten, wohin nicht einmal mehr der Schnee reichte. Es war derselbe Ort, an den Sarkhan in seiner eigenen Zeit gegangen war: der Ort des temporalen Nexus.

Sarkhan blickte nach oben und sah, wie Nicol Bolas sich dem Firmament entgegenwand und verschwand. Die Luft kräuselte sich, und er war fort – zusammen mit Sarkhans Gelegenheit, ihn zu vernichten.

Sarkhan rappelte sich auf und befreite sich von Schnee und Geröll. Er zog seinen Stab aus dem Schnee und spürte den Drang, sich zu bewegen, als sein Blick auf den Polyedersplitter fiel.

„Was glaubst du, wo du hingehst?“, fragte Yasova, während sie sich den Staub abklopfte.

„Ich gehe ihn retten“, sagte Sarkhan und stapfte auf die Kluft zu. Er wankte, und seine Muskeln und Knochen protestierten, doch der Heilzauber, der noch immer in seinem Inneren arbeitete, linderte den Schmerz.

„Es ist dir nicht bestimmt, das zu tun!“, warnte Yasova. „Ich kann das nicht zulassen.“

Sarkhan wirbelte zu ihr herum. Anklagend hob er gegen die alte Khanin der Temur die Hand. Diese wurde zum Kopf eines Drachen, und dieser Drachenkopf stieß ein Feuer aus, das so heiß brannte wie Sarkhans Wut. Es traf Yasova in die Brust. Yasova taumelte durch die Wucht des Zaubers zurück und landete unbeholfen im Schnee. Sie stöhnte.

Bannfeuer | Bild von Raymond Swanland

Der Säbelzahntiger sprang zu ihr, schnüffelte an ihrem Atem und fuhr dann herum, um Sarkhan anzuknurren. Sarkhan knurrte zehnmal lauter zurück und hob herausfordernd die Arme, während er eisigen Atem ausstieß. Die große Raubkatze blinzelte und senkte langsam und zögerlich den Kopf als Zeichen der Unterwerfung, ohne ihrer bewusstlosen Herrin von der Seite zu weichen.

Nach einem weiteren warnenden Knurren machte sich Sarkhan auf zu Ugin.

Der Abstieg ins Tal glich eher einem ungelenken Rutschen denn einem Klettern. Sarkhan nahm sich nicht die Zeit, trittsicheren Boden zu suchen, und so schlidderte er an den schroffen Wänden der Senke hinab und spielte seinen ohnehin mitgenommenen Knochen noch schlimmer mit. Sein Körper fühlte sich wie eine zerbrochene Marionette an, doch er zwang ihn, sich weiter zu bewegen, wobei er seinen Stab als Krücke verwendete.

Ugin nahm den gesamten Grund der Schlucht ein, verbrannt und zerschmettert und vom Geröll des Aufpralls bedeckt. Seine Augen waren geschlossen. Sarkhan frohlockte innerlich, als er schwachen Atem aus den Nüstern des Drachen dringen sah.

Es steckte noch ein Funken Leben in ihm, dachte er. Es blieb noch Zeit.

Sarkhan rannte zu dem Drachen hinüber. Er entfernte das Geröll von den verschlungenen, runenartigen Zeichen entlang Ugins Hals und drückte sein Gesicht gegen das des Drachen. Er schloss die Augen und versuchte, die Essenz des großen Drachen zu erspüren, versuchte, dieselbe Stimme zu hören, die ihn zurück auf seine Heimatwelt geführt hatte.

Doch da war nichts. Keine Stimme. Nur das lange, stockende Ausatmen eines gefallenen Titanen. Sarkhan wurde das Herz schwer.

Die einzige Stimme war eine unwillkommene und entsprang Sarkhans eigenem Geist, ein Widerhall, der nur dazu diente, ihn mit alten Fragen zu quälen. Verstehst du nun, Drachenmagier? Die Frage dröhnte ihm in den Ohren. Begreifst du die Lektion endlich? Erkennst du, warum du hierherkommen musstest?

„Nein!“, flüsterte er Ugin zu. „Ich verstehe es nicht! Sag es mir! Führe mich!“

Verstehst du nun? Verstehst du die Lektion?

„Nein! Ich verstehe es nicht! Ich kann es nicht!“ Er schlug sanft mit der Hand auf Ugins Schuppen. „Ugin, bitte hilf mir, bitte. Hilf mir ...“

Verstehst du, dass du stets versagen musst?

Sarkhan knirschte mit den Zähnen und griff nach seinem Stab. „Nein! Ich ... ich kann nicht!“

Verstehst du, dass du immer versagen musst, solange dein Ziel nicht die Wahrheit, sondern Führung ist?

„Was bedeutet das? Ich verstehe nicht! Das sagt mir nichts!“

... dass solange du Drachen um dich herum suchst, du nie zu dem Drachen in deinem Inneren werden wirst?

Sarkhan drückte die Stirn gegen Ugins Schuppen und kniff die Augen zusammen. Er spannte jeden Muskel in seinem geschundenen Körper an und versuchte, eine Antwort zu erzwingen. Irgendeine verlorene Wahrheit. Er spürte, wie das Holz seines Stabes zu zersplittern begann, weil er die Faust so kräftig ballte, dass die Knöchel weiß unter der Haut hervorstachen.

Dann, als Ugin endlich seinen letzten Atemzug ganz getan hatte, lockerte sich Sarkhans Griff. Die Anspannung fiel von seinem Körper ab, und er strich sanft über Ugins Gesicht. Er atmete tief ein und langsam wieder aus. Mit diesem Atemzug ließ er all den Schmerz, all die Ungewissheit und all die Qual aus sich herausströmen, die seinen Körper bis dahin durchdrungen hatten. Er richtete sich auf, öffnete die Augen und atmete erneut ein und aus.

„Ugin, ich habe dir etwas mitgebracht“, sagte er.

Er löste den Splitter des Polyeders von seinem Stab, jenen kleinen Stein aus dem Auge von Ugin – die Kammer des Drachen auf dem fernen Zendikar. Er hielt den Stein in der Hand. Die Runen auf dem Polyeder leuchteten unter seiner Berührung fahlblau auf und spiegelten die Formen auf Ugins Hals und Gesicht. Es war ein Teil von Ugins Zuflucht auf einer anderen Welt, ein Stück von einem Bauwerk, das Ugin für sich selbst errichtet hatte. Das Auge von Ugin war ein Gefängnis, ja. Ein Ort, um jenen Zauber zu bündeln, der die Eldrazi in Schach hielt – doch ebenso war es ein Ort der Ruhe, eine Zuflucht auf einer Welt, die von gewaltigen Kräften auseinandergerissen wurde.

Sarkhan hob den Splitter hoch. Seine Runen leuchteten heller. Er schwebte in der Luft zwischen ihnen. Sarkhan legte die Hände um den Splitter und zog ihn sanft zu sich heran. Er konzentrierte sich auf das, was er begehrte. Er atmete tief ein und blies dann Luft auf den Splitter – nicht das Feuer eines Drachen und auch nicht wirklich der Atem eines Menschen. Es war der Atem Sarkhan Vols, des Drachenmagiers.

Bild von Daarken

Er ließ den Steinsplitter los. Der Polyeder schwebte und drehte sich langsam in der Luft. Seine Oberflächen begannen, heller und heller zu leuchten, und dann wurde er größer: Er entfaltete sich. Steinerne Schichten mehrten eigenständig ihre Zahl, veränderten sich, glitten aus dem Splitter hervor wie die Blütenblätter einer unendlich lang erblühenden Blume. Unmöglich scheinende Oberflächen entstanden und spannten sich auf. Sie schufen eine komplexe Struktur, die wuchs und wuchs und auf der sich die Runen aus dem Auge von Ugin und die auf Ugin selbst wiederholten, immer und immer wieder.

Sarkhan wich an die Wände der Kluft zurück. Der Zauber war gewirkt. Der Splitter des Polyeders entfaltete sich nun immer schneller und schuf ein Bauwerk, das Ugins Körper wie ein riesiger Kokon umhüllte. Voll Erstaunen betrachtete Sarkhan seine Schönheit. Er sah, wie Ugin die Augen öffnete – nur einen winzigen Spalt, nur einen Wimpernschlag – und sie dann wieder schloss. Der schützende Kokon fügte sich nun um Ugin herum zusammen, verbarg ihn vor Sarkhan und umgab den Drachen mit einer undurchdringlichen, mystischen Hülle.

„Was haben wir getan?“, erschallte ein Ruf in Yasovas Stimme vom Rand der Schlucht.

Sarkhan blickte nach oben und sah sie von der Kante der Kluft zu ihm hinunterblicken, einen verblüfften Ausdruck im Gesicht.

Am Himmel wüteten die Drachenstürme mit wiedergefundener Kraft. Neue Drachen wurden aus ihnen geboren, die die schiere, grenzenlose Herrlichkeit ihres Seins in die Welt hinausschrien.

Sarkhan lächelte Yasova zu, ein schiefes Lächeln voller Dankbarkeit und schlichter, tumber Freude. „Was uns bestimmt war zu tun“, rief er zu ihr hinauf. „Ich danke Euch, Khanin Yasova.“

Hort des Geisterdrachen | Bild von Jung Park

Sie blickte bestürzt zum Polyederkokon. Sarkhan lachte. Ihm wurde bewusst, dass der Ablauf von Ereignissen, der ihn hierhergeführt hatte, keineswegs zyklisch gewesen war – er besaß vielmehr eine klare Stoßrichtung. Das Schicksal selbst hatte sich verschworen, ihn hierherzuführen, zum Scheideweg der Geschichte, um ihm die Möglichkeit zum Handeln zu geben. Wäre er niemals Bolas willfähriger Diener gewesen, wäre er niemals zum Auge von Ugin gesandt worden, wäre er niemals nach Tarkir gekommen mit flüsternden Stimmen in seinem zerbrochenen Geist – ohne all jene Beschwernisse hätte er nie die Möglichkeit erhalten, eine neue Kette von Ereignissen für seine Welt zu schmieden.

Und das erste Mal seit langer Zeit fühlte sich Sarkhans Kopf wie sein eigener an. Ein fremdes Gefühl von Klarheit und Jubel durchströmte ihn, als würde er aus einem Traum erwachen, in dem seine Augen ihren Dienst nicht ganz einwandfrei getan hatten. Seine Gedanken flossen leicht dahin, ohne ihre üblichen Irrungen und Wirrungen. Sein Bewusstsein war ungeteilt und ungebrochen.

Und dann urplötzlich –

– da Sarkhans Anwesenheit zu einer Unmöglichkeit wurde –

– da seine Reise in die Vergangenheit seiner eigenen Welt die Gesetze und den Fluss der Geschichte in Aufruhr versetzten –

– da seine Handlungen unwiderruflich jene Voraussetzungen änderten, die zum Nexus eines toten Drachen-Planeswalkers in dieser Kluft geführt hatten –

– da alle Ereignisse, die die Geschichte seiner Welt bestimmt und seine eigene Existenz überhaupt erst ermöglicht hatten, ausgelöscht worden waren –

– fegten die Kräfte der Zeit Sarkhan hinfort.

Schneeflocken fielen an Yasova vorbei, kleine weiße Flecken auf dem behaglich wirkenden Bauwerk am Grund der Schlucht. Ihr Säbelzahntiger tapste zu ihr und stupste sie an. Sie legte ihm die Hand auf den Kopf. Hoch droben kreischten die Drachen und zogen stolz ihre Kreise am Himmel.


Weitere Geschichten aus dem Magic-Multiversum findet ihr auf der „Uncharted Realms“-Seite.

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