Träume der Gefallenen

Veröffentlicht in Magic Story on 6. August 2014

Von Nik Davidson

Nik Davidson makes games, writes stories, solves problems, and plays Magic. He's almost certainly doing one of those things right now.

Der Dämon Ob Nixilis ist geheimnisumwittert. Wir wissen nichts von seinen Ursprüngen, woher er kommt oder ob er gar schon immer ein Dämon gewesen ist. Doch wir wissen dies: Einst war er ein Planeswalker, bis er seines Funken beraubt wurde und er vor Tausenden von Jahren in der Welt des wilden Mana, Zendikar, strandete. Seither verfolgt er geduldig einen langfristig angelegten Plan, seine Macht zurückzuerlangen und zu fliehen.

Während der Magic 2015—Duels of the Planeswalkers-Storyline trug ein Teil dieses Plans Früchte. Nun macht sich der ehemalige – und womöglich auch zukünftige – Planeswalker an den nächsten Schritt zur Verwirklichung seines Plans ...


Dämonen schlafen nicht.

Natürlich erinnere ich mich an Schlaf. Und ich erinnere mich, wie er sich zunächst anfühlte – mein kleiner Trostpreis, der mich von der erbärmlichen menschlichen Beschränkung entband, ein Drittel meines Lebens vergeuden zu müssen. Diese Gestalt kennt kaum Schmerz. Sie ermüdet nicht. Doch dies verschaffte mir lediglich mehr Zeit allein mit meinem Zorn. Ich war ein Eroberer. Ich bin ein Eroberer. Und doch hatte ich gleich zwei Niederlagen in Folge erlitten. Die erste beraubte mich meines Körpers. Die zweite meines Funkens.

In meiner Jugend wähnte ich mich unbesiegbar. Ich glaubte, ich hätte mich als unbesiegbar bewiesen. Die erste Welt, die man erobert, ist immer die schwerste. Meine Macht wuchs, als ich von Welt zu Welt zog und mir alles nahm, was mir die nächste Eroberung erleichtern würde. Als ich von dem Schleier hörte, konnte ich ihm unmöglich widerstehen. Ich war ein Narr. Eine solche Waffe kann den, der sie führt, nur vernichten.


Tief unter der Erde arbeitete der Dämon im Verborgenen. Die Höhle war nur vom schwachen Glimmen von Runen erhellt, die in Dutzende Polyeder geritzt waren, welche an den Wänden aufgereiht standen. Er drehte einen Polyeder um ein paar Grad und sprach eine kurze Anrufung. Die Runen glühten in strahlendem Orange auf, doch das Licht verlosch schnell. Er drehte einen zweiten Polyeder, wiederholte den Zauber und sah zu, wie die Runen erneut aufglühten. Dieses Mal leuchtete das Licht kaum merklich etwas länger als zuvor. Der Dämon kratzte mit einer Obsidianklaue Notizen in den steinernen Boden und ging weiter zu einem dritten Polyeder.


Die Freiheit des Multiversums zu kennen, nur um ihrer dann beraubt zu werden – das ist wie ein Grab. Um die zahllosen Welten zu wissen, die es zu unterwerfen gilt, von Quellen unvorstellbarer Macht zu kosten ... und dann ist es vorbei. Alles ist vorbei. Und ich sitze auf dieser widerwärtigen kleinen Welt fest, auf der armselige Insekten umherwuseln, die es nicht einmal wert sind, unterworfen zu werden.

Als mir dies in vollem Umfang bewusst wurde, sehnte ich mich das erste Mal nach Schlaf. Ich wollte schläfrig werden, mich ausruhen, dieser Qual ein Ende bereiten – und sei es nur für ein paar Stunden. Das darf nie geschehen.

Akoum | Bild von Rob Alexander

Was also tun, um die Zeit totzuschlagen? Die Bewohner dieser Welt bieten wenig Vergnügung. Die Menschen hier sind Feiglinge und Vagabunden. Ich habe sie gejagt, mit ihnen gespielt. So fad. Die Elfen sind primitiv, doch zumindest kämpfen sie. Ihre Knochen brechen allerdings so leicht wie die des Federviehs, das ich dereinst jagte, vor so vielen Jahrhunderten und Welten. Und auch das Zerschmettern von Goblins ist nur eine Zeit lang unterhaltsam, ehe es seinen Zauber verliert. Nun ja, zumindest einen Großteil davon. Sie geben wirklich lustige Töne von sich. Dann sind da noch die Kor. Sie gehen mir aus dem Weg. Ich gehe ihnen aus dem Weg. Denn in jedem ihrer süffisanten, bleichen Gesichter sehe ich sie.

Zendikars selbsternannte Beschützerin. Nahiri.


Tief unter der Erde regte sich eine Macht. Magische Adern, die unter unzähligen Tonnen von Fels und Staub begraben lagen, erwachten langsam zum Leben. Ein Weg öffnete sich. Ein fahles grünes Licht stahl sich aus der Tiefe, und der Dämon legte die Schwingen an den Körper an, um sich in den schmalen Durchgang zu zwängen.


Gibt es in allen Ewigkeiten einen elenderen Ort? Wie so viele andere zog es mich hierher. Das Mana ist hier reichlich vorhanden und mächtig. Dieser Ort ist eine Falle. Ich glaubte, mit der Macht, die hier zu erlangen war, könnte ich meinen Fluch brechen, diese Krankheit ausbrennen und meine alte Form zurückgewinnen. Ich bekam nie die Gelegenheit, es zu versuchen. Ich hatte mich noch nicht einmal richtig umgesehen, als sie angriff.

Und als sie es tat, zeigte sie keinerlei Regung. Vielleicht einen Hauch Mitleid. Ich hatte noch nie so mächtige Bannzauber wie ihre gesehen. Es war nicht einmal ein richtiger Kampf. Ich konnte nicht einmal schreien, als sie den Polyeder in mir verankerte.

In diesem Augenblick hörte alles auf.


Die Wände des Durchgangs ächzten, und zermalmter Fels prasselte auf den Rücken des Dämons nieder. Mit einem Mal schoben sich die Wände des Durchgangs einander entgegen. Die Tiefen von Zendikar hatten einen Eindringling entdeckt, und das Gestein selbst trachtete danach, ihn auszumerzen. Er gewann etwas Zeit, indem er sich zwischen den Wänden abstützte und einen Zauberspruch hervorstieß. Das Gestein verlor seine Lebenskraft, die Macht, die sie ihm verliehen hatte, wurde ausgelöscht und der bröckelnde Fels bildete eine perfekte Kugel um die geduckte Gestalt des Dämons herum. Durch winzige Risse schien das grüne Licht auf ihn herab. Er begann zu graben.


Meinem Fluch war Einhalt geboten. Der Ruf dieses fernen Ortes war einfach verstummt. Und meine gesamte Macht schwand mit ihm. Als ich mich endlich aufrappeln konnte, knirschten mir die Knochen in den Schultern. Meine Schwingen waren nutzlos. Ein paar Tage später fielen sie ab. Das Ding, das sie in mich getan hatte, machte mich klein. Schwach. Das kann ich niemals vergeben. Eines Tages werde ich Rache nehmen.

Ob Nixilis, der Gefallene | Bild von Jason Felix

Das ist Jahrhunderte her. Ich habe sie nie wiedergesehen. Doch ich sehe ihr Gesicht vor mir, als wäre es gestern gewesen.

Manche der Vampire hier leben ähnlich lange, doch sie sind so vernünftig, entweder dem Wahn zu verfallen oder viele Dinge einfach zu vergessen. Wusste sie, dass sie meinen Geist erhalten würde, als sie mir dies antat? Mit der Zeit wurde mir klar, dass der Polyeder in mir eine Quelle großer Macht war.

Macht. Die universelle Sprache.


Wochenlang hatte der Dämon sich durch den Stein gewühlt. Er verbrachte Tage damit, sich durch härtere Felsschichten zu graben. Die Luft in der kleinen Gesteinsblase war dünn und wurde nur von einer kleinen, runenverzierten Kugel erneuert, die er einem Händler vom Meeresvolk abgenommen hatte. Zweimal hatte er innegehalten, um seine Klauen nachwachsen zu lassen. Je näher er der Quelle des Leuchtens kam, desto schneller schritt seine Heilung voran.


Jahrhundertelang habe ich die Polyeder studiert. Ich kenne ihre Magie besser als jeder andere. Außer dem, der sie einst herstellte. Und verirrte sich je ein Planeswalker an diesen Ort, sah ich es als meine Pflicht, ihn herumzuführen. Besucher fremder Orte brauchen einen Führer. Sie brauchen Informationen. Ich half nur zu gerne. Im Lauf der endlosen Jahre waren es Dutzende. Ich ließ sie wissen, wie es mir ging. Ich ließ diese Kunde jenseits der Grenzen dieses stinkenden Pfuhls hier sickern. Und schließlich biss endlich ein arrogantes Gör an und schluckte den Köder.

Eine der wichtigsten Lektionen, die ein Eroberer lernen muss, lautet: Wenn andere glauben, sie seien klüger als man selbst, dann lässt man sie am besten einfach in diesem Glauben. Bis sie ganz damit aufhören, irgendetwas zu glauben. Nach all der Zeit des Wartens fand ein junger Planeswalker den Weg zu mir. Um mich zu besiegen und mir den Polyeder zu entnehmen. Hunderte Jahre des Planens, um diesen Tag herbeizuführen, und alles, worauf ich mich konzentrieren konnte, war, einen Kampf zu liefern, der gut genug war, um kein Misstrauen zu schüren. Ich hatte nie daran gezweifelt, dass dieser Tag kommen würde.

Alles, was ich tun konnte, war, dort im Schlamm zu liegen und zu versuchen, nicht lauthals zu lachen.


Tief unter der Oberfläche griff der Dämon vorsichtig in die kleine Kugel des Lebens hinein. Er barg einen Krumen Erde und eine winzige Blume, die grün und golden leuchtete, in seiner Handfläche. Die Blume strahlte Macht, Wärme und Lebenskraft aus. Die alten Wege taten sich auf, und er hielt die Blume sachte fest, als er zurück an die Oberfläche eilte, während sein Gelächter von den Wänden widerhallte.


Die Eldrazi und ihre Brut wüten noch immer. Man kann nicht anders, als die Effizienz zu bewundern, mit der sie Auslöschung und Verderbnis vorantreiben. Von Zeit zu Zeit ergötze ich mich an dem Gedanken, was ich wohl mit solch einer Armee erreichen könnte. Das ist nicht wichtig. Irgendwelche fehlgeleiteten Seelen werden kommen, um gegen die Eldrazi anzutreten. Sie können nicht anders. Helden sind wie Ameisen, die sich in Scharen über eine weggeworfene Süßigkeit hermachen. Wenn sie eintreffen, werden sie erfahren müssen, was ich weiß. Dafür wurden die Polyeder erschaffen: als beispiellose Waffe. Und ich bin wohl der Einzige, der weiß, wie man sie benutzt.

Doch ich weiß auch, wofür man sie sonst noch verwenden kann.

Ob Nixilis der Entfesselte | Bild von Karl Kopinski

Die Macht kehrt zu mir zurück. Ich fühlte diese Welt erschaudern, als Bala Ged vernichtet wurde. In diesem Augenblick spürte ich erneut das Multiversum. Mein Funke ist zum Greifen nahe. Ich weiß, was ich zu tun habe. Und dass der Preis dafür einzig die vollständige Auslöschung jener Welt ist, die ich am meisten hasse?

Dämonen mögen vielleicht nicht schlafen.

Aber wir träumen.

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