Nissa Revane fand sich in ein endloses Band aus lebendigem Licht gehüllt.

Niemals mehr wollte sie diesen Ort verlassen, denn er umsorgte und nährte sie. Er wand sich um sie und stützte ihre Glieder, sodass sie sich beinahe schwerelos fühlte.

Nach einem zeitlosen Augenblick begann sich das Band jedoch von ihr zu lösen. Wie sie es hasste, wenn es verschwand.

Als es an ihr vorbeischwebte, bemerkte sie, dass es in Wahrheit aus Hunderttausenden winziger Fäden bestand. Es war ein glitzernder Fluss aus Edelsteinen Der so dicht an ihr vorüber strömte, dass sie die Hand ausstrecken und ihn berühren konnte. Sie ließ die Fingerspitzen hindurchgleiten, und als die zierlichen Fäden vorüberzogen, spürte sie jede einzelne Essenz, und jede von ihnen war einzigartig. Und unter alldem spürte sie ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit. So wollte sie bleiben, auf ewig mit dem Band verflochten.

„Au!“

Irgendetwas traf Nissa am Hinterkopf. Sie rieb sich die Stelle.

„Ah!“

Schon wieder. Diesmal am Rücken. Schmerzhaft.

Sie drehte sich um.

Das Band hatte sich verfangen und staute sich an ihr, denn da war ein Knoten: ein großer, schwarzer Knoten, der den Fluss ins Stocken brachte und das Band bremste.

Es schlug ihr gegen den Arm: einmal, zweimal und dann noch einmal. Es tat ihr weh.

Sie versuchte, es beiseite zu schieben und seinen Fluss umzulenken, doch es weigerte sich, die Richtung zu ändern.

Es gab seltsame Geräusche von sich. Ein Schaben und Knirschen. Grässliche Laute viel zu dicht an ihrem Ohr. Es wurde dunkler und größer. Bald würde es sie überragen.

Nissa wollte fliehen, wollte fortschwimmen.

Sie griff nach dem Licht, doch nur die Dunkelheit war noch übrig.

Sie verschlang sie.

Sie erstickte sie.

Sie würde sie töten.

Bild von Chase Stone

Nissa fuhr hoch, schreiend und nach Atem ringend.

Sie musste dreimal blinzeln, um zu begreifen: „Daheim. Ich bin daheim.“

Ihr Atem ging ruhiger, als sie zur vertrauten Holzdecke hinaufstarrte und mit Blicken die Ranken verfolgte, die sie zusammenhielten. Sie kannte die Muster gut, denn dies war nicht das erste Mal, dass sie nach einer Vision der Dunkelheit in ihrem Bett erwachte.

Als sie wieder tiefer in diese Wirklichkeit eintauchte, kehrten auch ihre anderen Sinne zu ihr zurück. Sie konnte den Duft des Eintopfs ihrer Mutter riechen. Er musste wohl über dem Feuer köcheln. Hatte sie schon wieder das Abendessen verpasst?

Sie spürte die Feuchtigkeit der Abendluft, eine Feuchtigkeit, die der Regen mit sich brachte, den sie auf das Dach plätschern hörte. Das Geräusch des Regens war sanft und beruhigend, doch etwas Aufwühlendes lauerte darunter: zwei Stimmen, gedämpft und angespannt. Sie zwang sich, sich aufzusetzen, und drückte eines ihrer langen Elfenohren gegen die Wand.

„Hat sie nicht gerade wieder geschrien?“ Das war Numa, der Anführer der Joraga. „Von einer bösen Dunkelheit?“

Er sprach von ihrer Vision! Das bedeutete, er hatte es gehört. Nissa verfluchte sich dafür, so laut geschrien zu haben. Sie wusste, welchen Aufruhr das verursachen würde.

„Was machen wir, wenn es nach ihr zu suchen beginnt? Nach uns?“, fragte Numa.

„Nichts sucht nach uns.“ Das war ihre Mutter Meroe. „Es war nie auf etwas anderes aus als auf willkürliche Zerstörung.“

„Willkürlich? Dein Volk hat den Zorn Zendikars erregt und den Preis dafür bezahlt. Es gibt einen Grund, weshalb du die letzte Animistin bist.“

Nissa zitterte. Die Feuchtigkeit auf ihrer Haut wurde kalt.

„Zendikar ist nicht rachsüchtig“, widersprach ihre Mutter.

„Wenn du das glaubst, dann bist du blind. Du und deine Tochter bringt uns alle in Gefahr. Das kann ich nicht zulassen.“

Nissa zog ihre Decke um sich. Es war nicht das erste Mal, dass sie belauschte, wie Numa und ihre Mutter wegen ihrer Visionen stritten, doch nie hatte sie Numa in einem derart hartem Ton sprechen hören.

„Du musst verstehen, dass der Stamm für mich an erster Stelle steht“, fuhr er fort. „Ich muss mein Volk beschützen.“

„Du ... schickst uns fort?“ Die Stimme ihrer Mutter klang ungläubig.

„Ich habe keine andere Wahl, Meroe. Ich darf Zendikars Rache nicht heraufbeschwören. Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid.“ Numas Worten folgte das Geräusch sich entfernender Schritte. Als Nächstes kamen die eiligen Schritte ihrer Mutter.

Nissa umklammerte den Rand ihrer Decke und rieb wieder und wieder über die weiche Stelle dort. Ihre Gedanken rasten. Numa hatte vor, sie aus dem Lager der Joraga zu werfen. Wohin sollten sie gehen? Was sollten sie tun? Und mehr noch: Wie konnte er das ihrer Mutter antun, nach allem, was Meroe durchgemacht hatte? Nissas Herz krampfte sich bei dem Gedanken an das Leid ihrer Mutter zusammen.

Sie wollte Numa hassen, doch sie konnte ihm nicht verübeln, sein Volk beschützen zu wollen. Er hatte recht. Sie war eine Gefahr, die Letzte der Animisten und die Einzige, die noch Visionen hatte.

Ihre Mutter hatte ihr erzählt, die Visionen wären eine Gabe. Sie sagte, sie wären Zendikars Art, mit ihr zu reden. Doch ihre Mutter verstand nicht. Meroe hatte nie die Dunkelheit gesehen, nie das Schaben und Knirschen gehört, nie den alles erstickenden Griff gespürt. Sie konnte es nicht verstehen.

Viele Monde lang befürchtete Nissa schon, dass Zendikar Jagd auf sie machte, und nun bestätigten Numas Worte ihre Angst. Ihre Visionen waren keine Gabe. Sie waren eine Warnung. Zendikar sprach zu ihr, und die Botschaft war deutlich. Es würde seine Rache bekommen. Es würde zu Ende bringen, was es mit den Animisten begonnen hatte. Der dunkle Knoten würde Nissa holen, und das bedeutete, dass jeder in ihrer Nähe in schrecklicher Gefahr war.


Nissa schlüpfte aus dem Haus, noch ehe ihre Mutter zurückkehrte.

Die Dunkelheit war vollkommen und die Sterne von Wolken verhangen, die das Land noch immer mit Regen benetzten. Sie reiste nur mit leichtem Gepäck: ihrem Schwertstab, einem Bogen, Pfeilen, einer Decke und ein paar Vorräten. Sie würde unterwegs jagen. Das einzig andere, was sie mitnahm, waren ihre bruchstückhaften Kenntnisse der Naturmagie, die sich nun, da sie allein durch die Dunkelheit schlich, weitaus weniger beeindruckend anfühlten.

Als ihre Füße umkehren wollten, erinnerte sie sich daran, warum sie fortging: Sie würde den Schrecken nicht zu ihren Lieben führen. Wenn er sie holen kam, dann sollte er sie allein vorfinden.

Nissa hielt nicht an oder wurde auch nur langsamer, bis sie durch die Bäume hindurch den ersten Streifen tiefen blauen Lichts sah. Sie hatte ein solches Tempo vorgelegt, dass sie den Spurensuchern der Joraga mindestens einen halben Tag voraus war, sofern sie ihre Spur denn überhaupt fanden. Doch das würden sie nicht. Sie hatte ihre Naturmagie eingesetzt, um ihre Spur zu verwischen und jeden Grashalm zurück an seinen Platz zu bringen. Sie warf einen Blick über die Schulter, um sich dessen zu vergewissern. Ihr Zauber war makellos. Nichts deutete darauf hin, dass sie hier entlanggekommen war. Nicht einmal der findigste Spurensucher würde ihr nachstellen können.

Bild von Wesley Burt

Als ihr die Tragweite dieses Gedankens bewusst wurde, wurde ihr der Mund trocken. Sie holte tief Luft, drängte die plötzliche Furcht zurück und wandte sich nach vorn, um weiterzulaufen.

„Was zum ...?“ Nissa musterte den Boden. War das ein Trugbild?

Sie legte die Hand über die Augen, um das Licht der Dämmerung abzuschwächen. Es war noch immer da. Ein schimmerndes Band erstreckte sich vor ihr. Nissa keuchte überrascht. Es sah beinahe aus wie das Band aus Licht in ihrer Vision.

„Nein.“ Ihr Magen krampfte sich zusammen. Es geschah bereits: Das Band würde den dunklen Knoten geradewegs zu ihr führen.

Sie trat einen Schritt zurück.

Es bewegte sich mit ihr.

„Bleib weg von mir!“ Nissa trat nach dem Band und rannte in die andere Richtung davon.

Doch wieder war es da, genau vor ihr.

Sie schlug einen Haken.

Nach zwei Schritten wies das Band erneut auf sie.

Sie änderte ein drittes Mal die Richtung und sprang über einen Baumstamm.

Dieses Mal war es bereits zur Stelle, ehe sie den Boden wieder berührte.

Als ihre Fußsohle aufkam, wirbelte das leuchtende Band in die Höhe, um sie einzufangen. Bevor sie sich erneut umdrehen und loslaufen konnte, schlang es sich wie ein Kokon um ihr Bein.

Es geschah so schnell, dass Nissa sich vergeblich dagegen wehrte. Sie griff nach ihrem Schwert, doch ihre Schwerthand war von einem funkelnden Tentakel umwunden und schwebte ebenso schwerelos in der Luft wie ihre anderen Glieder.

Sie versuchte, sich aus dem Griff herauszuwinden, sie versuchte, in wilde Panik zu geraten, doch nichts half. Die Umarmung war so tröstlich, so beruhigend, dass sie nicht anders konnte, als sich ihr hinzugeben. Es sagte ihr, dass es ihr nicht wehtun würde. Dass es nicht böse war. Aber das war es doch. Sie wusste, dass es das war ... oder?

Ihre Verwirrung wich Staunen, als das Band sie vollständig umhüllte.

In diesem Augenblick, tief im Herzen der Joraga-Wälder, ging Nissa Revane eine Verbindung mit Zendikar ein.

Nun verstand sie. Das leuchtende Band aus Licht und Leben war die Seele des Landes. Und es war das Schönste und Wunderbarste, was Nissa je berührt hatte.

Es führte sie behutsam in eine Vision und leitete sie sanft in seine Gedanken, seine Erinnerungen und seine Hoffnungen.

Bild von Chris Rahn

Das Band wirbelte um sie herum. Jeder seiner Edelsteine funkelte, doch Nissa begriff, dass es mehr als Edelsteine waren: Jeder Funke war ein Lebewesen. Alle Tiere, Pflanzen und Kulturen Zendikars waren Teil des endlosen Bandes.

Und vielmehr noch war das Band nicht einfach nur ein Band. Es war das Land selbst. Es war seine Berge und seine Täler. Es war jeder einzelne Grashalm, jedes Staubkorn, jeder Tropfen Tau. Es war alles, und alles war verbunden.

Die leuchtenden Wesen tanzten um sie herum und rückten nach und nach in ihr Blickfeld. Sie sah, wie der Baloth brüllte. Wie der große Jurworrelbaum sich im Wind wiegte. Wie sich die lange, geschmeidige Nektarschlange über den Boden wand und wie der Barutisvogel am Himmel entlangglitt. Und dann sah sie eine Elfe: eine Elfe, die sehr vertraut aussah.

Es war eine perfekte, kristalline Version ihrer selbst.

Die leuchtende Nissa lief über das dahinfließende Land. Jeder Schritt sandte ein Schimmern durch Zendikars Seele. Sie folgte dem Band durch den Wald, lief immer schneller und schneller, machte einen Satz – und dann flog sie. Sie überquerte eine Wüste, ein Moor, eine Bergkette und Hunderte anderer Orte, die zu schnell vorbeirauschten, als dass Nissa sie hätte erkennen können.

Endlich verlangsamte sich das Band und die leuchtende Nissa hielt an. Sie stand auf einem Felsvorsprung und schaute zu einer Bergspitze hinauf.

Im Inneren des Berges konnte sie das grässliche Schaben und Summen hören und den dunklen Knoten spüren. Sie zuckte zurück. Angst stieg in ihr auf. War das alles nur eine List gewesen?

Doch die leuchtende Nissa schien sich nicht zu fürchten. Sie hielt unbeirrt stand. Sie hob die Hände, die Handflächen in Richtung der Dunkelheit gewandt. Ihre Lippen bewegten sich, doch Nissa konnte nicht hören, was sie sagte.

Und dann – urplötzlich – durchfuhr ein grelles Licht die gesamte Vision und verzehrte alles: die Berge, den Knoten und die leuchtende Nissa.

Als Nissa erwachte, war der Kokon fort. Sie lag am Boden und blickte zu etwas auf, was wie ein Augenpaar aussah.

„Nissa?“

Und ein Mund.

„Nissa?“ Der Mund formte erneut ihren Namen.

Es dauerte einen weiteren Augenblick, ehe Nissa die Stimme erkannte. „Mazik?“ Nissa rappelte sich mühsam auf.

„Geht es dir gut?“

„Ja, mir geht es gut. Ich ... Warte mal.“ Nissa blinzelte zu ihrem Freund hinauf. „Was machst du hier? Bist du mir gefolgt?“ Sie sprang auf die Füße und drehte die Ohren in alle Richtungen, um nach Anzeichen eines Herannahens weiterer Verfolger zu horchen.

„Sei unbesorgt. Niemand anders ist hier.“

„Wissen sie, dass du hier bist?“

„Nur deine Mutter. Ich musste es ihr sagen, als ich gesehen habe, wie du fortgingst.“

„Mazik!“

„Sei nicht böse. Sie war froh, dass du in den Wald gegangen bist. Sie glaubt, deine Visionen werden dort klarer sein.“

„Das hat sie gesagt?“

Mazik nickte. „Und sie sagte, sie will, dass du ihnen folgst. Mein Vater und ich finden das auch. Wir glauben an den Weg der Animisten. Wir glauben, dass deine Visionen wichtig sind. Du hattest gerade wieder eine, oder?“

„Du hast mich beobachtet?“ Nissa wurde rot. „Das Licht ... Hast du ... Hast du es gesehen?“

„Das habe ich.“ Mazik fuhr eifrig fort, bevor Nissa ihn schelten konnte. „Doch sei unbesorgt. Ich fürchte mich nicht. Ich glaube, es ist ganz wunderbar.“ Maziks Augen waren so voller Hoffnung, dass ein wenig von Nissas Anspannung von ihr abfiel. „Was hat dir diese Vision verraten?“

Nissa blickte in sein vertrautes Gesicht – ein Gesicht, von dem sie gedacht hatte, dass sie es niemals wiedersehen würde – und beschloss, ihrem Freund zu vertrauen. „Oh, Mazik, ich lag mit allem falsch. Zendikar ist nicht hinter mir her. Es ist hinter keinem von uns her. Es ist nicht böse oder rachsüchtig. Es ist wundervoll. Doch es leidet Schmerzen. Irgendetwas Garstiges tut ihm weh.“ Sie schauderte bei dem Gedanken an den dunklen Knoten. „Und ich glaube ... Ich glaube ... Ach, ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll.“

„Du glaubst, Zendikar will, dass du es rettest.“

„Woher weißt du das?“

Mazik deutete auf Nissas Füße. Das leuchtende Band war wieder da. Es tanzte um ihre Füße wie ein verspieltes Haustier.

Nissas Herz machte einen Sprung, als sie es sah. „Hallo, Zendikar“, sagte sie.

Das Band trillerte vor Aufregung und sprang hoch, um um Mazik und sie umherzuwirbeln wie eine luftige Wolke. Es blies ihnen die Haare in die Luft und erfüllte sie mit einem Gefühl der Verzauberung. Noch ehe ihr Haar auch nur ansatzweise wieder herabgesunken war, zupfte das Licht an ihren Handgelenken und wollte, dass sie ihm folgten.

Bild von Howard Lyon

Nissa blickte zu Mazik.

Das Band zupfte erneut.

„Gut, gut, wir kommen ja schon“, lachte Mazik.

Gemeinsam folgten sie dem leuchtenden Band tiefer in den Wald hinein.

Wortlos kamen sie überein, dass sie ihre Reise gemeinsam fortsetzen würden. Das Band aus Licht, so schien es, hätte etwas anderes auch nicht gutgeheißen. Mazik konnte es sehen, solange Nissa in der Nähe war. Wenn er sich jedoch von ihr entfernte, um zu jagen oder nach Nahrung zu suchen, verlor er es aus dem Blick, doch sobald er wieder zurück an ihrer Seite war, leuchtete der Pfad auch für ihn.

Wie ein aufgeregtes Kind zeigte er ihnen all die Geheimnisse und all die Schönheit des Waldes: verborgene Lauben, Bäume, die so hoch in den Himmel aufragten, dass ihre Wipfel in den Wolken verschwanden, tanzende Ranken und plätschernde Bäche, die süße Lieder sangen. Es war, als wären sie in einem fremden Land voller Wunder.

Nissa spürte, dass auch sie wie neugeboren war. Das Band, das sie mit der Seele Zendikars verwoben hatte, wurde mit jedem Schritt stärker, ebenso wie ihre Magie. Wenn sie Zauber wirkte, selbst ganz einfache, dann brachen sie nur so aus ihr hervor. Die Jaddinüsse, die sie verzaubert hatte, um ihnen des Nachts den Weg zu leuchten, ordneten sich wie die Sterne an und nahmen die Gestalt von Tieren an, um sie durch die Dunkelheit zu leiten. Als sie einem knurrigen Baumschleicher begegneten, bedurfte es nur eines kleinen Winks ihrerseits, damit er einen anderen Weg einschlug und sie den ihren ungestört weitergehen konnten. Sie bewegte die Blätter der Bäume, um sie vor dem Regen zu schützen, und sie sog süßen Nektar aus den Blüten, um ihre Stimmung zu heben, wenn sie müde wurden.

Doch selbst inmitten all dieser Wunder konnte sich Nissa nicht des unheilvollen Gefühls erwehren, das sich in ihrem Magen zusammenbraute. Jeder ihrer Schritte führte sie näher an die Dunkelheit heran. Und sobald sie den Berg erreicht hatten, würde sie sich dem Knoten stellen müssen, denn das war es, was die leuchtende Nissa getan hatte. Doch wie?


Nach zwei Tagen an ihrem verwunschenen Zufluchtsort erreichten Nissa und Mazik den Rand des Waldes. Dahinter fiel die Welt steil ab und öffnete sich zu einer Schluchtenlandschaft voller roter Felsen, verdorrter Bäume und windgepeitschter Tafelberge. Als sie zwischen den Bäumen heraustraten, fühlte sich Nissa, als würde sie ihre Heimat ein weiteres Mal verlassen. Doch hierher führte sie das Band aus Licht. Hierher war es unterwegs.

Die Elfen waren das grelle Sonnenlicht nicht gewöhnt. Ihre empfindliche Haut war so auf den Schutz des Blätterdachs angewiesen, dass sie binnen weniger Stunden rot und heiß wurde. Sie tranken das wenige Wasser, das sie mit sich führten, bis zum letzten Tropfen leer, noch bevor die Nacht das erste Mal hereinbrach, und ihre Füße schmerzten vom Gehen auf dem harten Boden.

Am zweiten Tag begann Nissa, sich Sorgen zu machen. Sie wollte nicht glauben, dass die Seele Zendikars sie hierher in ihren Tod führen würde, doch wenn sie nicht bald frisches Wasser fanden, war ihr Schicksal besiegelt. „Wohin führst du uns?“, fragte sie das Band. „Wir sind durstig.“

Als Antwort leuchtete es nur auf und führte sie weiter durch die Schluchten.

Zum Mittag des vierten Tages war Nissa so heiß und durstig, dass sie einen Freudenschrei ausstieß, als sie auf einen Hügel hinaufkletterten und eine weite Sumpflandschaft unter sich sahen.

Die Elfen rannten den Hügel zu den Marschen hinunter und knieten am Rande eines brackigen Tümpels nieder. Nissa beschwor mithilfe ihrer Magie Ströme reinen, klaren Wassers daraus hervor. Sie tranken, bis ihre Bäuche voll waren, und naschten dann von den wilden Pilzen, die entlang des Ufers wuchsen, um danach noch mehr zu trinken.

Nissa war vollkommen zufrieden, bis Mazik sprach.

„Wie sollen wir das durchqueren?“, fragte er und deutete voraus. Es war eine Frage, auf die er keine Antwort erwartete, denn er konnte das schimmernde Band genauso gut sehen wie sie, und es führte sehr deutlich mitten durch das Moor.

„Immerhin gibt es Wasser ...“, wandte Nissa ein. Sie versuchte, zuversichtlich zu klingen, doch ihre Stimme war vor Erschöpfung belegt. „Gab es keinen anderen Weg darum herum?“, flüsterte sie dem leuchtenden Band zu.

Es zwitscherte und schimmerte und zog sie vorwärts, als wäre ihm ihre missliche Lage gänzlich unbewusst. Und vielleicht war sie das auch, dachte Nissa. Es war schließlich die Seele des Landes. Das gesamte Land, nicht nur ein Teil davon. Die Marschen waren genauso ein Teil Zendikars wie der Wald. Bei diesem Gedanken überkam sie ein Gefühl von Anteilnahme, und sie sah die Welt mit anderem Blick.

Als sie sich ihren Weg tiefer in das Sumpfland bahnten, ging Nissa eine Verbindung mit ihr ein. Sie sah die Schönheit der moosbedeckten Bäume, spürte die Magie in den Nebeln, die aus den brackigen Tümpeln aufstiegen, und wiegte sich zum Gesang der Schwärme von Löwenfliegen, die sie umkreisten. Nie hätte sie geglaubt, dass ein Moor so vieles zu bieten hatte.

Bild von Tianhua X

„Ich glaube, wir sollten hier weg.“ Maziks Stimme kam von irgendwo hinter ihr.

In ihrer neugefundenen Liebe für das Moor glitt Nissa mit den Fingerspitzen über die narbige Oberfläche eines nahen Schnappfarns. „Es ist schon gut, Mazik. Wenn du dich nur darauf einlässt, wirst du es sehen ...“

„Nein, Nissa, wir müssen gehen ... SOFORT!“

Nissa wirbelte zu Mazik herum. Dabei nahm sie einen beißenden Geruch in der Luft wahr: Öle, Leichensalben, Tod.

Vampire.

Mazik griff nach ihrem Arm und zog sie mit sich, während er durch den Schlamm watete.

„Wo sind sie?“ Missa sah sich im Laufen wie wild um.

„Ich weiß es nicht.“ Mazik schnüffelte. „Überall!“

Auf ein Fauchen hinter ihnen hin fuhren sie beide herum.

Fünf vampirische Schrecken waren hinter ihnen her. Der größte – ein blutbefleckter Mann mit nacktem Oberkörper – führte den Angriff an.

„Wir müssen aus dem Moor heraus! Hilf uns!“, rief Nissa im Laufen.

Die Seele Zendikars antwortete ihnen in ihrer Not. Das Band aus Licht schlug einen neuen Weg durch die Marschen ein – einen, vom dem Nissa wusste, dass er sie in Sicherheit bringen würde.

Sie rannte wie der Wind an dem leuchtenden Band entlang, schneller, als sie jemals gelaufen war. Die Verbindung, die sie mit dem Sumpf eingegangen war, erlaubte es ihr, sich so mühelos durch ihn hindurchzubewegen, wie sie zuvor durch den Wald vorangekommen war. Sie sprang von Baumstamm zu Baumstamm und schwang sich an tief hängenden Ranken über Klammen.

Sie spürte die Vampire immer weiter hinter sich zurückfallen, noch bevor sie durch eine dichte Baumreihe auf eine Lichtung hinausstürmte.

Keuchend stützte sie sich auf den Knien ab. Das Band aus Licht schmiegte sich um ihre Füße, die nun wieder auf festem und nicht länger auf sumpfigem Boden standen. „Das war ... knapp“, sagte sie zwischen zwei Atemzügen. „Hast du die Zähne des Großen gesehen, Mazik?“

Als er nicht antwortete, blickte Nissa auf. „Mazik?“

Nissa sank das pochende Herz. „Mazik!“ Ihr Ruf klang in dem dichten Nebel um sie herum dünn und leise.

Sie wandte sich an das leuchtende Band. „Wo ist er?“

Plötzlich klang ein spitzer, lang gezogener Schrei aus den Bäumen.

„Nein!“ Nissa spurtete ins Moor zurück, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, was sie da tat. Nach ein paar Schritten jedoch holten ihre Gedanken ihre Füße ein: Sie rannte höchstwahrscheinlich in den sicheren Tod. Sie schüttelte die kalten Finger ab, die sie zurückzuziehen versuchten. Sie würde nicht weitergehen. Nicht ohne ihren Freund.

Es waren jetzt zehn von ihnen. Die stinkenden, kreischenden Vampire hatten einen der höchsten Bäume umzingelt. Nissa spähte zu den Zweigen hinauf. Mazik klammerte sich verzweifelt an eine knorrige Astgabel. Sein Arm blutete.

Mit einem bedrohlichen Zischen sprangen die beiden nächsten Vampire in seine Richtung und hielten sich an den untersten Zweigen fest.

„Lasst ihn in Ruhe!“

Bild von Igor Kieryluk

Nissa hatte gar nicht damit gerechnet, dass sie laut rufen würde. Der Klang ihrer Stimme erschreckte jedoch auch die Vampire. Wie eine Kreatur wandten sie sich um, und als sie sie sahen, hefteten sich ihre Blicke auf ihre neue Beute.

Nissa blieben nur ein paar Herzschläge Zeit, auf sie zu reagieren. Ihre Instinkte übernahmen die Kontrolle. Sie griff nach dem Land – nach Zendikar – und bündelte seine Kraft. Sie hoffte, vielleicht ein paar Wurzeln emporzulocken, gerade genug, um eine Barrikade zu errichten, die ihr die nötige Zeit zur Flucht verschaffen konnte. Doch statt Wurzeln zog sie etwas aus der Erde, was sich wie ein ganzer Baum anfühlte. Als es sich dann erhob, wurde ihr klar, dass es kein Baum war, sondern vielmehr das Land selbst.

Es stieg in einer Woge auf, erwuchs aus dem Schlamm und nahm Gestalt an. Es war so groß wie ein Baloth. Mit knirschenden Zähnen und wirbelnden Beinen sprang es auf die Vampire zu.

Die ersten beiden Untoten erledigte es, indem es einfach auf sie prallte. Erst als Nissa das Ziehen an ihren Fingerspitzen bemerkte, wurde ihr bewusst, dass das Elementar unter ihrer Kontrolle stand. Sie sandte es auf eine Gruppe von drei Vampiren zu. Mit seiner gewaltigen Pranke holte es aus und schlug sie mit einem Blitz aus grünem Licht zu Boden.

Fünf waren noch übrig. Nissa schickte ihr Elementar zu ihnen.

Einer wollte fliehen. Der Große, der Anführer.

„O nein, das wirst du nicht!“ Nissa rief die baumelnden, tanzenden Ranken des Sumpfes herbei. Sie versteiften sich, machten sich selbst zu Speeren und stachen dem Vampir mitten ins Herz.

„Nissa? Nissa!“ Mazik kletterte von dem Baum herunter und rannte mit offenen Armen auf sie zu.

Nissa lief in seine Umarmung. Lange verharrten sie so, und ihre Herzen klopften wild gegeneinander.

„Du hast mir das Leben gerettet“, sagte Mazik endlich und löste sich nur so weit von ihr, um ihr in die Augen sehen zu können. „Danke.“

„Nicht der Rede wert.“ Nissa versuchte zu lachen, doch es klang mehr wie ein Schluckauf.

„Also ... Du hast also wirklich ...“ Mazik deutete auf die gefallenen Vampire. „Und dann hast du ...“ Er gestikulierte zum Land.

„Ja, was war das?“, grübelte Nissa.

„Das“, sagte Mazik, „ist, wie du Zendikar retten wirst.“


Kurz vor Einbruch der Dämmerung ließen sie die Sümpfe hinter sich. Nissa vermisste sie mehr, als sie gedacht hätte. Sie hatte den Schlamm und die krüppeligen Bäume und das Moos, das alles bedeckte, sehr ins Herz geschlossen. Nun waren sie in den Ausläufern von Akoum, einem weiteren neuen Teil des Landes, den es kennenzulernen galt.

Mazik ermunterte Nissa, mit ihren neuen Kräften zu üben. Sie stimmte zu, schien es doch das Richtige zu sein. Um ihre Fähigkeiten zu verfeinern, rief sie die Kiesel zusammen, die den Boden bedeckten, und ließ sie schweben, sodass sie ihnen Schatten spendeten und Kluftgräber und Spaltriesen gleichermaßen von ihnen fernhielten. Sie bewegte gewaltige Felsen, die ihnen den Weg versperrten, und erschuf Stufen und Brücken aus dem Land, damit sie die tiefen Schluchten überqueren konnten.

Bild von David Gaillet

Mazik war davon überzeugt, dass Nissas Magie der Schlüssel zur Vernichtung der Dunkelheit war. Er wiederholte das, was sie ihm über ihre jüngste Vision erzählt hatte, und beschrieb ihr, wie die leuchtende Nissa die Hand gehoben und etwas gemurmelt hatte, was nur ein Zauber gewesen sein konnte.

Nissa wollte ihm glauben. Sie wollte darauf vertrauen, dass sie bereit sein würde, wenn sie die Berge erreichten. Dass sie stark und mächtig genug war, dem dunklen Knoten entgegenzutreten. Sie wollte glauben, dass sie ihn besiegen konnte, weil sie es musste. Zendikar zählte auf sie. Das spürte sie in ihrem Innersten.


Es geschah tief in den bewaldeten Bergen von Akoum, nur Augenblicke, nachdem Nissa den wütenden Ansturm eines aufgebrachten Hurda gebremst hatte. Sie bliebt unvermittelt stehen.

„Was ist los?“, fragte Mazik.

Nissa antwortete nicht. Sie spähte suchend in die Bäume vor ihr, doch es war fort. Das leuchtende Band war fort.

„Nissa?“, fragte Mazik erneut.

„Ich weiß nicht ... Ich kann es nicht mehr sehen ... Siehst du es?“

Mazik richtete den Blick zu Boden und suchte mit ihr gemeinsam. „Gerade war es doch noch hier.“

Nissa kniete sich hin, tastete nach einer Verbindung, nach der leuchtenden Seele, doch es war keine Spur von ihr zu finden.

„Glaubst du, wir sollten zurückgehen?“, fragte Mazik. „Vielleicht sind wir irgendwo falsch abgebogen?“

„Das glaube ich nicht. Ich ...“ Nissa wurde jäh unterbrochen, als das Land sich unter ihr zu regen begann. Zunächst war es kaum merklich, doch rasch wurde der unstete Schwindel heftiger, zusammen mit einem Gefühl der Losgelöstheit.

Nissa erkannte es im selben Augenblick, in dem Mazik es aussprach. „Die Turbulenz! Es geschieht!“ Er rannte unter einen Felsvorsprung, der durch einen großen Baum geschützt wurde. Nissa folgte ihm.

Bild von Sam Burley

Nissa hatte Geschichten über die Turbulenz gehört, jene Kraft Zendikars, die alles in ihrem Weg verschlang. Die Geschichten schienen nicht übertrieben. Felsen regneten um sie herum herab, und das Land erschauerte und brauste auf wie die tosenden Wogen eines Meeres.

Die Elfen verloren das Gleichgewicht und taumelten zu Boden. Nissa griff nach Maziks Hand, und gemeinsam kauerten sie sich unter dem Felsvorsprung zusammen. Die Welt um sie herum wurde auf den Kopf gestellt. Bäume bogen sich, knickten um und ragten in bizarren Winkeln aus dem Boden. Felsen wurden krachend und splitternd in die Höhe und gegeneinander geschleudert, wo sie dann schwebten wie lange, rissige Zähne. Eine ungeheure Kraft wand und schlängelte sich durch das Land selbst wie ein blinder Irrer. Felsen, Wurzeln und Erde wurden nach seinem Willen geformt.

„Nissa, du musst etwas tun!“ Mazik schaute zu ihr, als hütete sie ein großes Geheimnis. Als wüsste sie, was nun zu tun war. Doch das tat sie nicht. Ihre Verbindung zu Zendikar war fort. Sie war ebenso verängstigt wie er.

Ein Felsen krachte nur wenige Schritte vor ihnen zu Boden, und Splitter flogen ihnen ins Gesicht. Mazik nahm schützend die Hände vor die Augen. „Bitte“, flehte er sie an. „Mach, dass es aufhört. Versuch es einfach.“

Ein weiterer Felsen stürzte herab, und dann noch einer. Wenn sie nichts tat, dann würden sie lebendig begraben werden.

„Na schön, ja, ich versuch‘s.“ Nissa sagte die Worte mehr zu sich als zu Mazik. Sie legte die Hände flach auf das Land. „Komm“, flüsterte sie. „Ich brauche dich. Bitte.“ Sie sandte ihre eigene Seele aus, suchte nach der Verbindung, doch da war nichts. Sie tauchte tiefer hinab und öffnete sich so weit, wie es ihr nur möglich war. „Zendikar.“

Und dann kam es plötzlich zu ihr wie eine alles überwältigende Flut. Es war kalt und beklemmend. Es war Angst. Nissa hatte ihre Verbindung gefunden. Sie hatte das Land gefunden, und das Land war von Angst erfüllt.

Da begriff sie. Die Turbulenz war keine fremde Kraft. Die Turbulenz war die Antwort Zendikars auf den dunklen Knoten. Es war das Land, das sich wie ein erschrecktes Pferd aufbäumte. So entsetzt war es über die Dunkelheit, dass es sich in seiner Angst verloren hatte.

Bild von Izzy

„Ruhig“, sagte Nissa. „Sei ganz ruhig.“

Doch das Land antwortete nicht. Wenn überhaupt, so bäumte es sich nur noch mehr auf.

„Es klappt nicht!“, rief Mazik.

Felsen krachten auf den Vorsprung über ihnen und ließen kleine Steinbrocken auf sie herabprasseln. Viel länger würde er nicht halten.

„Nissa, was machen wir denn nun?“ Maziks Stimme war voller Panik.

Nissa schloss die Augen. Sie tat das Einzige, was ihr in den Sinn kam: Sie begann zu summen. Es war ein Animistenlied, jene Melodie, die ihre Mutter ihr so viele Male vorgesummt hatte. Sie verweilte auf jedem Ton und füllte ihn mit Frieden, Trost und Zuversicht.

Als das Lied endete, wurde alles ruhig und still.

Nissa öffnete die Augen. Das Land hatte mitten in einer Welle aufgehört, sich zu bewegen. Entwurzelte Bäume ragten wie Ellenbogen aus dem Boden. Felsen waren auf halbem Weg ihrer Flugbahn in der Luft erstarrt, und Spuren aus Staub hingen wie Sterne am Nachthimmel. Es war, als wäre die Zeit angehalten worden.

Und dort vor ihr war das leuchtende Band.

„Du bist zurück“, flüsterte Nissa. Sie hielt ihm die Hand hin.

Vorsichtig erhob es sich, um sie zu berühren.

Die Vereinigung mit Zendikar bedeutete ihr alles.

Nissa hatte nicht bemerkt, wie leer sie sich ohne es gefühlt hatte, bis es zu ihr zurückgekehrt war. Nun war sie wieder heil. Nun war sie wieder daheim.

„Ich weiß, dass du leidest“, sagte sie. „Doch ich verspreche dir, dass ich dir helfen werde.“

Das Band wurde dankbar wärmer.

„Aber du musst es mir zeigen. Du musst mir zeigen, wohin ich gehen soll.“

Das Band schlängelte sich um ihre Finger und tauchte dann wirbelnd in das Land hinein.

Nissa sorgte sich, dass sie es erneut verscheucht haben könnte, doch einen Herzschlag später begann das Land zu zittern und zu beben. Es rief all die frei umherschwebenden Dinge zu sich: Blätter, Gras, Zweige, Staub und Steine. Sie kamen von überall her und hasteten auf einen bestimmten Punkt zu, als könnten sie es kaum erwarten, ihn zu erreichen.

Zunächst formte sich ein Kopf mit einer langen Schnauze aus Felsen, dann ein Hals, gefolgt von zwei stämmigen Beinen.

Nissa machte einen Schritt nach hinten, als das fertige Elementar aus der Erde heraustrat.

„Nissa?“

Nissa blinzelte beim Klang von Maziks Stimme, und mit diesem Blinzeln setzte die Zeit wieder ein. Nicht jedoch das Chaos. Das Land beruhigte sich, und die Felsen fielen zurück an ihren Platz und der Wind frischte wieder auf.

Das Elementar stand von ihnen. Seine Nase leuchtete, und Nissa erkannte das Leuchten als das Licht des Bandes. Zendikar war zu ihr gekommen. Selbst hier, wo die Dunkelheit so nahe war und wo es solche Angst hatte, kam es zu ihr, um sie zu führen.

„Danke“, sagte sie.


Nissa und Mazik folgten dem Elementar, wie sie zuvor dem Band gefolgt waren. Es führte sie in die Berge und über die hohen, zerklüfteten Gipfel, die als die Zähne von Akoum bekannt waren. Nissa hatte das Gefühl, schon einmal an diesem Ort gewesen zu sein. Bestimmte Felsformationen schienen ihr vertraut, und Bruchstücke ihrer Visionen blitzten vor ihrem inneren Auge auf. Sie kamen näher.

Tagelang zogen sie durch die Berge und hielten nur für das Nötigste an: um zu jagen, Nahrung zu sammeln, zu essen – meist Schnecken –, ihre Wasservorräte aufzufüllen und – selten genug – zu schlafen. Viel Schlaf bekamen sie nicht, und wenn doch, dann wurden sie beide von Albträumen geplagt, Albträumen von einer schmerzhaften, schabenden Dunkelheit.

Nissa machte sich Sorgen um Mazik. Seine Schritte waren langsamer geworden, und sein Atem ging mit jedem Tag schwerer. Sie behielt ihn genau im Auge, denn es schien, als würde der Knoten ihm mehr zusetzen als ihr.

Eines Abends – gerade als die Sonne hinter den höchsten Bergspitzen versank und die Schleierschwanz-Nachtfalken in ihren Nestern zu rascheln begannen – hielt das Elementar an. Es schlug ängstlich auf den Boden und reckte seinen Kopf in Richtung einer hohen Felssäule.

„Was ist los?“, fragte Nissa und bewegte sich ein winziges Stückchen näher an die Kante heran.

Das Elementar wich zurück. Als Nissa um den Felsen herumspähte, stockte ihr der Atem.

Riesige, rautenförmige Steine schwebten in beunruhigender Schwerelosigkeit in der Luft, jeder mit geradezu widernatürlicher Perfektion verziert und von etwas an seinem Platz gehalten, was nur eine gewaltige magische Kraft sein konnte. Die Sonne wurde von den sonderbaren Zeichen auf ihrer flachen Seite zurückgeworfen. Sie bildeten einen Ring um den höchsten Gipfel Akoums.

„Wir sind da“, sagte Nissa. Sie kannte den Gipfel aus ihrer Vision nur zu gut. Dort befand sich der dunkle Knoten.

„Nissa.“ Maziks Stimme war schwach. Sie wandte sich um, nur um ihn straucheln und fallen zu sehen.

„Mazik!“ Sie eilte zu ihm.

„Irgendetwas stimmt nicht. Ich weiß nicht ...“ Er griff mit einer Hand nach seinem Gesicht, als ihm Blut aus der Nase tropfte.

„Es ist der dunkle Knoten.“ Nissa zog Mazik zurück hinter die Ecke. „Wir müssen fort von ihm.“

„Nein.“ Mazik hob eine zitternde Hand. „Nein, Nissa. Du bist endlich hier. Du musst gehen. Du musst helfen.“

Nissas Blick pendelte zwischen Mazik und dem Elementar, das sich krümmte und zitterte, hin und her. Es war klar, dass keiner von ihnen weitergehen können würde. Was auch immer sie als Nächstes tun würde, sie musste es allein tun. Ihr Herz brach bei dem Gedanken, sie zurückzulassen.

„Es ist gut, Nissa“, sagte Mazik in einem Ton, der ihr zeigte, dass er es verstand. „Ich möchte, dass du gehst. Alles wird gut. Wir werden es schaffen.“ Er legte seine Hand auf das dicke, felsige Bein des Elementars und dessen Zittern ließ nach.

„Du wirst es schaffen“, stimmte Nissa zu.

Sie half Mazik auf den Rücken des Elementars und legte ihren beiden Freunden die Hände auf die Schultern. „Passt auf euch auf“, sagte sie und ließ beruhigende Magie in sie hineinströmen.

„Sei stark, Nissa Revane“, flüsterte Mazik.

Die Nase des Elementars leuchtete, als es den Pfad hinuntertapste. Um sich davon abzuhalten, ihnen zu folgen, wandte sich Nissa wieder dem Berg zu und machte den ersten Schritt auf die Dunkelheit zu.

Und nach diesem ersten Schritt hielt sie nicht mehr an. Sie gestattete sich kein Zögern, denn sie fürchtete, dass ihr danach der Mut zum Weitergehen fehlen könnte. Sie näherte sich dem Ring aus leuchtenden Steinen und huschte dann – ihren Schatten ausweichend – unter ihnen hindurch. Sobald sie im Inneren war, wurde sie langsamer und spähte zu dem gewaltigen Berggipfel, dem höchsten Berg Akoums, hinauf.

Sie war da. Sie war angekommen. Hier wartete der dunkle Knoten auf sie.

Er schabte und ächzte, machte Geräusche, die ihr in den Ohren kratzten. Sie hasste ihn. Sie hasste ihn für das, was er Zendikar angetan hatte. Was er den Animisten angetan hatte. Was er Mazik angetan hatte.

Sie umrundete den Gipfel. Jeder Schritt führte sie ein Stückchen höher. Sie spürte nach dem Knoten und plante ihren Angriff. Es gab da allerdings nur wenig zu planen. Vor Tagen schon hatte sie beschlossen, dass sie, wenn die Zeit gekommen war, einfach das tun würde, was die leuchtende Nissa getan hatte. Und das tat sie dann auch.

Sie fand die Stelle – denselben Vorsprung, auf dem die leuchtende Nissa gestanden hatte – und stellte sich breitbeinig hin.

„Ich rufe dich nun, Zendikar“, sagte sie. „Ich bin hier, um dich von dieser Dunkelheit zu befreien.“ Und damit griff sie tief ins Land hinein. Sie wusste, dass das Band hier nicht leicht zu finden sein würde. Es würde nicht dicht an dem Knoten entlangfließen, den es so sehr fürchtete, doch sie wusste auch, dass es ihrem Ruf folgen würde.

Es schien die Bedeutung dieses Augenblicks zu begreifen, denn sie musste nicht so lange nach ihm suchen, wie sie befürchtet hatte. Nachdem sie sich mit Zendikar vereint hatte, zog sie Kraft daraus. Sie sog sie in sich auf. So viel Kraft, wie sie nur konnte ... und dann noch mehr. Sie hörte nicht auf, bevor ihre Brust sich anfühlte, als würde sie jeden Moment bersten.

Dann hob sie die Hände, schwer vor Kraft, und sandte einen Energiestoß aus, der so gewaltig war, dass der gesamte Himmel von der Magie erfüllt war, die sie heraufbeschworen hatte. Sie schrie vor Anstrengung auf, taumelte zurück und zwang sich, die Hände so lange hoch zu halten, bis die Kraft aus ihr herausgeströmt war.

Als der letzte Rest Magie aus ihren Fingerspitzen entwichen war, holte sie tief Atem und blickte zum Berg. Sie hatte erwartet, eine zerrüttete Bergspitze zu sehen. Einen Riss, aus dem die Dunkelheit herauseiterte. Sie hatte erwartet, sich ihrem Feind stellen zu müssen, und darauf war sie vorbereitet. Doch das musste sie gar nicht. Der Berg war makellos, und die Dunkelheit kroch noch immer in seinem Inneren umher. Es war, als hätte ihr Zauber nichts bewirkt.

„Wie?“

Der dunkle Knoten wand sich und knarzte auf eine Weise, die an bösartiges Gelächter erinnerte. Das kratzende Gackern sprang Nissa wie eine Welle aus schierem Wahnsinn an, stach ihr in die Augen und brannte sich ihr durch den Geist. Es zeigte ihr alles. Sie sah, was sich im Inneren des Berges befand. Sie sah, was es wollte, und sie sah, was es getan hatte.

Sie sah das Ungeheuer.

Nissa schrie erneut, diesmal vor Entsetzen, und sank auf die Knie, als Woge um Woge eines ungeheuerlichen Wahns über sie hinwegbrandete.

Gerade als sie dachte, sie würde eine weitere Welle nicht überleben, zerbrach etwas in ihr – einem Ei gleich, aus dem etwas schlüpfte –, und eine warme, zähe, alles verzehrende Macht floss aus dem Riss. Sie durchströmte sie in nie gekannter Heftigkeit, stärker als der Wahn des Ungeheuers. So stark, dass sie sie von innen heraus zerreißen konnte. Stark genug, um Zendikar selbst zerspringen zu lassen.

Dann war es vorüber. Dann kam ihr Ende. Sie hatte die Dunkelheit nicht vernichtet. Sie war von ihr vernichtet worden.

Nissa ließ los.


Was als Nächstes geschah, war ihr unbegreiflich. Ein unerträglicher Schmerz schoss durch sie hindurch, und Nissa wurde in eine Leere hinausgeschleudert. Sie sah Licht und Energie, Wirbel und Löcher. Es gab kein Oben oder Unten. Kein Land und keinen Himmel. Es war schwarz, und dann war es hell. Sie taumelte, doch sie konnte nicht anhalten, denn es gab nichts, woran sie sich hätte klammern können. Falls dies ihr Ende sein sollte, dann wollte sie, dass es einfach nur vorüber war. Sie wollte nicht mehr leiden. Sie kniff die Augen zu und rollte sich zu einer Kugel zusammen, die Knie an die Brust gepresst.

Und dann hatte sie plötzlich wieder festen Boden unter sich. Er war wie aus dem Nichts aufgetaucht. War sie wieder auf dem Berg gelandet?

Als ihr Herzschlag sich ein wenig beruhigt hatte, wagte sie es, ein Auge zu öffnen. Das rechte.

Das linke öffnete sich nur einen Herzschlag später, denn es gab zu viel zu sehen für nur ein Auge. Die Farben waren wild und beispiellos, in Schattierungen, die sie nie zuvor gesehen hatte. Die Formen der Pflanzen und Bäume waren ebenso fremdartig, und sie ließen sich weder an ihren Blättern noch an der Beschaffenheit ihrer Rinde erkennen. Und dann war da der Geruch. Er war süßer und schwerer als alle Gerüche, die sie jemals gekannt hatte.

Sie war nicht auf dem Berg. Sie befand sich in einem Wald, doch es war kein Wald auf Zendikar. Irgendetwas sagte ihr, dass sie sehr, sehr weit von Zendikar entfernt war.

Diese Erkenntnis wurde von einem Hauch Erleichterung begleitet. Sie war nicht am selben Ort wie das Ungeheuer. Sie war dem dunklen, knotigen Wahn entkommen – und dem Schmerz. Doch der Erleichterung folgte gleich darauf ein Gefühl des Versagens. Sie hatte ihr Versprechen an Zendikar gebrochen. Sie hatte sich der Dunkelheit entgegengestellt und das Duell verloren.

„Nein!“ Nissa rammte wütend die Faust in den Boden. Als sie das tat, regte sich das Land. Irgendetwas in seinem Inneren sprang sie an und zog sie zu sich hinunter.

Sie fiel in dieses neue Land. Lorwyn nannte es sich. Es war ganz anders als Zendikar. Das Einzige, was die beiden Welten gemeinsam hatten, war, dass sie beide Welten waren. Doch abgesehen davon waren sie so unterschiedlich wie zwei Schneeflocken, mit ihren eigenen Formen, Eigenheiten und Bewohnern. Wo Zendikar sie willkommen geheißen hatte, war dieses Land hier aufsässig. Wo Zendikar verspielt gewesen war, war dieses Land von einem tiefen Ernst durchdrungen.

Doch beide hatten sie Schmerzen.

Wie?, fragte Nissa sich. Wie kann es so viel Schmerz, so viel Dunkelheit, so viel Böses geben?

Das Böse in diesem Land befand sich dicht unter der Oberfläche. Es brodelte auf, bereit für seine Entfesselung: Tausend Schattenspinnen, die langsam herangewachsen waren und nun die seidenen Fäden ihrer Eier zerkauten.

„Die Große Aurora bringt die Nacht … wenn der Tod sein Tor enthülltwenn Schatten rasch das Licht verhüllt ... und Schattenmoor erwacht”

, zischten die Spinnenwesen.

Nissa schauderte. „Zurück!“ Sie schlug nach den Schatten.

„Wir weichen nicht. Es ist unsere Zeit. Wir kommen. Bald wird alles uns gehören.“

Eine Welle kriechender Finsternis strich über Nissa hinweg.

Sie erwachte in einem Kreis missmutig dreinblickender Gesichter und erkannte, dass sie erneut geschrien hatte. Die Gesichter waren elfengleich, doch die Wesen hatten Hörner, die ihnen aus der Stirn wuchsen und Hufe anstelle von Füßen. Ihre Schwerter und Speere waren auf sie gerichtet.

Bild von Lius Lasahido

Die gesamte Gruppe murmelte, als sie Nissa mit einer Mischung aus Neugier und Misstrauen musterte.

„Keine Hörner?“

„Keine Hufe.“

„Seht euch ihre Augen an!“

„Ihre Augen leuchten!“

„Bleibt zurück.“ Diese Stimme war fest und kam von einer großen, hoch aufgerichteten Frau, bei der es sich eindeutig um die Anführerin handelte. Sie schwang ihr Schwert, dessen Spitze kaum eine Handbreit vor Nissas Nase zum Stehen kam.

Nissa fuhr zusammen. Ein kurzes Quieken entfuhr ihr.

„Genug von diesem Lärm“, sagte die seltsame Elfe. „Willst du uns die Jagd verderben?“

„Eu-eure Jagd?“, fragte Nissa verwirrt?

„Die Fäulnisjagd. Diese schrecklichen Kreaturen werden entwischen, wenn du hier weiter wie eine Banshee herumschreist.“

„Ja!“ Nissa sprang auf. „Ihr wisst von der Fäulnis? Ich habe sie gesehen! Sie kommen! Sie sagten, sie würden alles an sich reißen!“

„Ha! Haben sie das? Sie glauben, sie könnten gegen uns bestehen?“

„Ihr werdet das nicht zulassen?“

„Du kommst nicht aus dieser Gegend, nicht wahr, kleines Elflein? Dies ist unser Land. Mein Land. Und wir werden nicht zulassen, dass diese Abscheulichkeiten seine Schönheit vergiften. Kannst du jagen?“

„Ich ... Ja, kann ich, aber ... ich weiß nicht ...“

„Augenweh zur Rechten!“, rief einer der Elfen hinter der Anführerin.

„Hier ist deine Gelegenheit, du seltsames, schönes, grünäugiges Wesen“, sagte die Anführerin zu Nissa. „Nimm deine Klinge und beweise dich.“ Damit stürmte sie auf das Dickicht der Bäume zur Rechten zu.

„Meine Klinge.“ Nissa zog ihr Schwert. „Ja.“ Es fühlte sich so richtig an. Die Jagd, der Ansturm. Das war es, was geschehen sollte, wenn ein Land bedroht wurde.

Sie rannte hinter den behuften Elfen Lorwyns her in das Dickicht.

Ein Elf, kaum älter als Nissa, bemerkte sie, als sie zwischen die Äste tauchte. Er hob die Hand und bedeutete ihr, sich zum Waldrand hin zu bewegen. Ohne einen Laut tat sie es.

Zusammen krochen sie am Rand des Dickichts entlang. Nissa konnte ein knurrendes, schnappendes Geräusch hören, wie von Wildschweinen oder Goblins.

„Sie sind ganz nahe.“ Der Elf grinste. „Ich bin übrigens Galed.“

„Nissa“, sagte Nissa.

„Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen. Mir scheint, du hast Dwynens Aufmerksamkeit erregt. Sie lädt nicht oft fremde Elfen zu ihrer ach so wichtigen Jagd ein. Doch ich sehe, warum sie dich mitkommen lassen wollte. Du bist eines der schönsten Geschöpfe, das ich je erblickt habe.“ Galed beugte sich vor und nahm Nissas Geruch in sich auf.

Nissa erschauderte ob so viel Nähe. Dieser Augenblick hatte etwas Betörendes: diese Elfen, dieser Ort, diese Jagd nach dem Bösen. In gewisser Weise fühlte sie sich, als wäre sie endlich dort, wie sie hingehörte.

„Da ist es!“, sagte Galed. Einen Wimpernschlag später sprang er aus den Bäumen und stieß mit seinem Speer zu.

Nissa sprang hinter ihm her und landete gerade rechtzeitig neben ihm, um zu sehen, wie er die Kehle einer kleinen Kreatur durchschnitt, die vor Angst aufkreischte.

„Da sind noch mehr! Schnapp sie dir!“ Galed deutete in die Richtung, die er meinte.

Nissa fuhr auf eine weitere kleine Kreatur herab, die Klinge erhoben und zum Schlag bereit ... Doch etwas ließ sie innehalten.

Das war keines der bösen Spinnenwesen aus den Kokons in ihrer Vision. Das war eine zusammengekauerte Kreatur mit grünlich-grauer Haut, ganz knollig und voller Warzen. Zwei Augen wölbten sich wie bei einer Kröte aus dem Schädel vor, und ihr Mund öffnete und schloss sich, als sie versuchte, ein Geräusch von sich zu geben.

Nissa war wie erstarrt. Beim Blick in die Augen der Kreatur erfuhr ihre Jagdleidenschaft einen schweren Dämpfer.

„N-n-n-icht töten“, stotterte das kleine Wesen. „B-b-itte.“

Auf keinen Fall konnte Nissa dieses unschuldige Geschöpf abschlachten. Sie sprang von ihm herunter, und es huschte davon. „Galed!“, rief sie. „Was macht ihr denn? Die sind nicht das Böse!“

Galed hörte sie nicht. Er war wie im Rausch und ließ eine Kreatur nach der anderen zur Ader, bis sie völlig ausgeblutet waren.

„Galed! Hör auf!“ Nissa rannte auf Galed zu, der gerade eine weitere Kreatur in die Enge trieb.

Bild von Igor Kieryluk

Das kleine Geschöpf wimmerte um Gnade.

„Tu ihm nicht weh!“, rief Nissa.

Doch sie kam zu spät. Tief grub sein Speer sich in die Brust des Wesens.

„Nein!“ Nissa sank neben dem kleinen Leib auf die Knie. Das Geschöpf sah zu ihr auf, die Augen nass und gebrochen.

Nissas Hände betasteten es fahrig. Sie wusste nicht, was sie tun oder wohin sie die Hände genau nehmen sollte. Sie konnte nichts tun. Sie legte ihm die Hand auf die Stirn. „Es tut mir leid“, sagte sie. Und in diesem Moment verband sie sich mit dem fremden Wesen. Sie spürte seinen Platz in dem leuchtenden Band, das Lorwyns Seele war. Sie spürte seine Hoffnungen und Träume, sein Leid und seine Schmerzen. Und dann spürte sie seinen Tod.

„Warum?“ Nissa sprang auf die Füße und wirbelte herum. Galed stand so dicht vor ihr, dass sie seinen heißen Atem auf ihren Wangen spürte. Er musste sie beobachtet haben. Gut. „Warum hast du es getötet?“

„Die Boggarts sind eine Plage.“

„Sie sind keine Plage. Sie sind Lebewesen. Sie sind Teil dieses Landes. Du bist ein Elf! Ein Elf!“

„Und du bist wahnsinnig.“ Galed schaute auf seine Brust hinunter.

Nissa folgte seinem Blick und erkannte, dass ihre Klinge ihm genau über dem Herzen gegen die Kleidung stieß. Sie sah es, doch sie senkte die Klinge nicht. „Es gibt so viel Böses“, sagte sie. „So viel Dunkelheit. Ich habe es gesehen. Ich habe alles gesehen. Es ist entsetzlich. Es ist schrecklich.“ Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie an ihr geliebtes Zendikar dachte. „Und dennoch besteht ihr darauf, noch mehr zu verursachen.“

„Lasst ihn in Ruhe!“ Dwynens Stimme schnitt durch die Wälder. Sie stürmte auf Nissa zu. „Was machst du da?“

Bild von Steven Belledin

„Was macht ihr da?”, herrschte Nissa sie an. Sie wandte sich von Galed zu Dwynen. „Ihr könnt diese unschuldigen Geschöpfe nicht töten. Ich werde es nicht zulassen.“

Dwynen spannte den Bogen. „Wie kannst du es wagen?“, sagte sie. „Wie kannst du es wagen, in meinen Wald zu kommen und mir vorschreiben zu wollen, was ich zu tun und zu lassen habe?“ Sie nickte und Galed drang auf Nissa ein.

Nissa wich aus und drehte sich von dem Angriff weg. Sie hob die Klinge, um einen zweiten Schlag zu parieren, doch er kam nie.

Sowohl Galed als auch Dwynen standen wie versteinert da und starrten mit offenem Mund nach vorn.

Nissa wandte sich sehr langsam um, da sie sich vor dem drohenden Anblick fürchtete. Ihre schlimmsten Ängste wurden bestätigt.

Eine hoch aufragende Wand aus brodelnder und sich windender Nacht näherte sich ihnen. Auf ihrem Weg über das Land hinterließ sie eine Schneise dunkler Zerstörung.

„Schattenmoor”, zischte die Dunkelheit.

„Nein!“ Dwynen schnappte nach Luft. „Nicht mein Lorwyn. Nicht mein wunderschönes Lorwyn!“ Sie sammelte ihre Magie und schleuderte der herannahenden Dunkelheit einen Zauber entgegen. Galed tat es ihr gleich.

Nissa trat neben sie und wollte sich ihrer eigenen Magie bedienen.

„Was machst du da?“ Dwynen funkelte Nissa an.

„Ich helfe euch!“

„Du hilfst uns nicht. Das ist alles nur deine Schuld! Hexe!“ In einer fließenden Bewegung warf Dwynen Nissa zu Boden und drückte ihr das Knie auf die Brust.

„Das war nicht ich“, quetschte Nissa hervor. „Lass mich euch helfen. Bitte. Vielleicht können wir gemeinsam ...“

Dwynen presste ihr einen aufgelegten Pfeil gegen die Kehle. „Du hast meine Welt zerstört!“ Sie machte eine Bewegung, die Bogensehne loszulassen, doch in diesem Augenblick berührte sie der Wall aus Dunkelheit.

Dwynen war gelähmt, gefangen in der Großen Aurora von Schattenmoor. Vor Nissas Augen veränderte sie sich: Sie wurde dunkler und härter.

Bevor der dunkle Wall sie ebenfalls berühren konnte, schlüpfte Nissa unter Dwynens Pfeil heraus, sprang auf die Füße und lief los.

„Wo willst du denn hin, hübsche kleine Elfe?”, zischte die Stimme in ihrem Kopf.

Nissa schaute nicht zurück. Sie rannte einfach weiter – sie rannte weiter und dachte an Zendikar.

„Oh, nach Hause willst du also, ja? Doch was willst du dort nur tun? Du bist machtlos gegen das Böse, das Zendikar heimsucht.“

Nissas Schritte wurden langsamer, nur für einen Wimpernschlag. Sie zwang sich, weiterzulaufen, und es gelang ihr mit Müh und Not, dem Wall aus Schatten auszuweichen.

Bild von Sam Burley

„Zendikar, Zendikar, Zendikar”, sang sie.

Sie spürte den Funken in sich, jenen Funken, den sie in Akoum gespürt hatte, bevor sie in die Leere geschleudert worden war. Er hatte sich erneut entfacht und riss sie von innen auseinander.

„Du wirst es bereuen, wenn du gehst”, sagte die Stimme. „Du wirst versagen. Ein weiteres Mal.“

Nein. Sie würde einen Weg finden. Sie musste nur dort hingelangen. Nissa stürmte durch den Schmerz auf den Ort zu, an dem sie spürte, wie sich die Welt öffnete, um sie hinauszulassen.

„Bleib doch hier, kleine Funkenwandlerin, bleib hier und schließ dich mir an. Ich werde dich mächtig machen. Ich werde dir geben, was du brauchst, um Zendikar zu retten.“

Die Leere hatte sich geöffnet. Sie war unmittelbar vor ihr, und Nissa stand an der Schwelle. Sie konnte die wirbelnden Ewigkeiten auf der anderen Seite sehen. Sie musste nur noch hinübertreten. Doch sie zögerte.

„Bleib, Nissa, bleib bei mir. Für immer.“

Darum ging es doch aber, oder? Wenn sie blieb, würde sie nie wieder fortgehen. Sie wäre mächtig, ja, doch sie würde sich selbst verlieren und die Verbindung zu ihrer Welt. Wenn sie blieb, würde sie Zendikar verlieren.

In Nissas Augenblick der Klarheit entspann sich vor ihr ein Faden. Er ähnelte dem leuchtenden Band aus Licht, das ihr so vertraut geworden war, doch er war heller und dicker. Er stieg auf, um sie zu erreichen.

Das war ihr Weg. Das war, wonach sie ihr ganzes Leben gesucht hatte. Mit zitternder Hand griff sie danach und hielt den Faden fest. Er zog sie mit großer Kraft durch den Riss in Lorwyn und hinaus in die Leere.

Als sie in den unendlich weiten Raum hineintaumelte, sah sie, wie sich ihr Pfad durch die Ewigkeiten wand. Er würde sie noch an viele Orte führen, doch fürs Erste würde er sie nach Hause bringen.

Bild von Wesley Burt