Lineare Strategien

Posted in Level One on November 10, 2015

By Reid Duke

Over the span of the last nineteen years, since he was five years old, Reid has been a player, a deck builder, a collector, and a lover of the Magic world. Today, he’s a full-time professional Magic player and writer.

In Level One erklärt Reid Duke Magics Grundlagen. Diese Kolumne wurde im letzten Jahr auf Englisch veröffentlicht und wird jetzt für euch übersetzt. Viel Spaß beim Lesen!


Woran denkt ihr, wenn ihr über Magic nachdenkt? Wahrscheinlich an so etwas wie angreifende und blockende Kreaturen, Entfernungszauber und einige der anderen typischen Elemente einer knappen Partie, bei der er es hin und her geht, oder? Nun, Magic kann eine Vielzahl von Gestalten annehmen. Heute sprechen wir über Decks, die nicht darauf aus sind, knappe Partien zu spielen, bei denen es hin und her geht.

Wir sprechen stattdessen über lineare Strategien und schauen uns an, wie sie aussehen und welche Stärken und Schwächen sie haben. Am Ende stelle ich euch dann noch eine Karte aus Schmiede des Schicksals vor, die zumindest im Standard für eine lineare Strategie sehr wertvoll sein dürfte.

Das Umsetzen einer linearen Strategie bedeutet, sich vollkommen auf ein Ziel oder ein Thema zu konzentrieren. Jede Karte trägt etwas zum Erreichen dieses einen Ziels bei, und man hat kaum Interesse daran, irgendwie von seinem Plan abzuweichen. Jeder Gedanke daran, was der Gegner so anstellt, ist nur eine Ablenkung. Kurz gesagt: Lineare Strategien folgen einer „geraden Linie“ von Punkt A nach Punkt B.

Zu jener Zeit, als ich noch eher ein Casual-Gamer war, habe ich mal ein Deck gebaut, das eine lineare Strategie verfolgte. Ich sah die Karte Champion der Elfen und dachte: „Hm, ich mag diese Karte. Und ich mag Elfen.“ Das war es dann allerdings auch schon, bis etwas später ein Gebieterischer Perfekter mein Interesse weckte. Und als dann die Karten Elfischer Erzdruide und Kriegssänger aus Joraga gedruckt wurden, wusste ich genau, was ich zu tun hatte.

Ich baute ein Deck mit jeder Menge Elfen und einem Haufen Kreaturen, die ihnen Boni verliehen. Genial, oder?

Nun, nicht alle grünen Kreaturendecks verfolgen so eine lineare Strategie. Man kann sogar ein Deck mit Gebieterischer Perfekter und jeder Menge Elfen bauen, ohne eine solche verfolgen zu wollen. In meinem Deck erreichte ich jedoch schließlich irgendwann eine Art entscheidenden Punkt. Ich fügte dem Deck so viele Karten hinzu, die mir Vorteile durch das Spielen von Elfen brachten, dass ich nun keine Karten mehr dabeihaben wollte, die keine Elfen waren. Ich wollte meinen Riesenwuchs nicht mehr ziehen, ich wollte die Kreaturen des Gegners nicht mehr in meine Klinge des Schicksals laufen lassen – ich wollte einfach immer nur mehr und mehr Elfen ziehen. Ich habe diese ganzen zusätzlich beigemengten Karten rausgeworfen und nur noch mit Ländern und Elfen gespielt. Ich hatte eine lineare Strategie.

Die Stärken linearer Strategien

Lineare Strategien haben das Potenzial, extrem explosiv und mächtig zu sein. Ihr Ziel ist es, eben keine faire Partie Magic zu spielen. Oft gelingt ihnen das auch: Sie überrennen die meisten Gegner, deren Decks langsamer, weniger mächtig und weniger klar auf ein einziges Ziel ausgerichtet sind.

In der Phase, in der ich mein Elfendeck spielte, war eine der besten Kreaturen in diesem Format die Küchenhutzel. Im direkten Vergleich schlägt die Küchenhutzel den Champion der Elfen um Längen. Wie aber schlagen sich vier Küchenhutzeln gegen vier Exemplare vom Champion der Elfen? Was, wenn ich dann fünf Mana ausgebe und den Kriegssänger aus Joraga noch dazuhole? Lineare Strategien sind oft darauf ausgelegt, völlig außer Kontrolle zu geraten. Wenn mein lineares Deck es schafft, „sein Ding durchzuziehen“, und euer normales Deck ebenfalls „sein Ding durchzieht“, dann wird das lineare Deck immer – und oftmals auch in sehr imposanter Manier – gewinnen.

Hier ist eine weitere lineare Strategie, auf die wir in dieser Kolumne bereits am Rande eingegangen sind.

Lee Shi Tians Vormacht der Jeskai-Kombo: Pro Tour Khane von Tarkir

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Kombodecks sind tolle Beispiele für lineare Strategien. In Li Shi Tians Deck fällt euch sicher ein Mangel an kampfbereiten Kreaturen und Entfernungszaubern auf. Im Grunde scheint irgendwie alles zu fehlen, was überhaupt irgendwas macht! Zumindest etwas anderes, als zu seiner Kombo beizutragen.

Eine kurze Zusammenfassung vom letzten Mal, als ich dieses Deck vorgestellt habe: „Lee Shi Tians Deck ist um Vormacht der Jeskai herum aufgebaut. Neben einer Reihe weiterer mächtiger Interaktionen ist er darauf aus, Vormacht der Jeskai, Helix des Rückrufs und Geldbeutel des Bestechers zusammen im Spiel zu haben. Er spielt Helix des Rückrufs auf eine Kreatur – sagen wir mal den Ratterklauenmystiker –, tappt diese, um den Geldbeutel des Bestechers zurück auf die Hand zu nehmen, spielt danach den Geldbeutel des Bestechers für null, enttappt seinen Mystiker mit Vormacht der Jeskai und wiederholt das Ganze so lange, bis sein Ratterklauenmystiker durch seine Vormacht der Jeskai +1000/+1000 bekommen hat, um dann mit ihm anzugreifen und zu gewinnen.“

Li Shi Tian gelang es, diese Kombo mit tödlicher Präzision herbeizuführen. Er brauchte keine Entfernungszauber oder irgendeine Verteidigung, denn er war einfach schneller und mächtiger als seine Gegner. Er gewann die Partie in Runde Vier, und oft gab es nichts, was sein Gegner hätte dagegen tun können.

Die Schwächen linearer Strategien

Wenn alles gezwungen ist, zu einer einzigen linearen Strategie beizutragen, dann kann die Qualität der einzelnen Karten eines Decks darunter leiden. Immerhin habe ich selbst gerade die Küchenhutzel als eine der besten Kreaturen ihrer Zeit bezeichnet, und dennoch zwang die Einseitigkeit meines Decks mich dazu, die Gelegenheit verstreichen zu lassen, sie tatsächlich zu spielen. Wenn alles gut lief, vermisste ich die Küchenhutzel auch kein Stück und war glücklich damit, noch mehr Elfen zu haben. Wenn es jedoch mal nicht gut lief, bereute ich meine Entscheidung ab und zu schon.

Eins gegen eins schlägt die Küchenhutzel den Champion der Elfen. Bei vier gegen vier hingegen schlägt der Champion der Elfen die Küchenhutzel. Das Ziel des normalen Decks ist es also, alles zu versuchen, dass es bei einem Kampf eins gegen eins bleibt. Das Ziel des linearen Decks ist es, die Dinge so zu drehen, dass seine Karten auch ja auf den absoluten Gipfel ihrer Macht gelangen. Wir nennen dies auch „die kritische Masse erreichen“.

Eine Möglichkeit, gegen lineare Strategien anzukämpfen, besteht folglich darin, sie daran zu hindern, ihre kritische Masse zu erreichen. Ich spielte mit meinem Elfendeck gern gegen die Küchenhutzel. Wisst ihr, wogegen ich wirklich ungern spielte? Blitzschlag. Schock. Klinge des Schicksals.

Wenn es meinem Gegner gelang, viele meiner Kreaturen zu töten, sodass ich nur noch eine oder zwei von ihnen im Spiel hatte, waren meine Elfen schlicht schwächer als alle Kreaturen, die sich im normalen Deck befanden. Wenn ich meine kritische Masse nicht erreichen konnte, funktionierte mein Deck nicht so, wie ich es gern wollte.

Lineare Strategien tauschen Flexibilität gegen Macht ein. Und daraus erwachsen zwei weitere Schwächen.

Erstens bieten lineare Strategien oft nur sehr wenige Möglichkeiten, mit dem Gegner zu interagieren. Sie sind nicht darauf vorbereitet, den Plan des Gegners zu untergraben, sondern ruhen sich auf der Tatsache aus, dass ihr eigener Plan viel mächtiger sein wird.

Was passiert aber, wenn mein Elfendeck gegen die Vormacht der Jeskai-Kombo antritt? Nun, ich habe keine Möglichkeit, eine gegnerische Kreatur zu töten, kann keine einzige Verzauberung zerstören und meinen Gegner keine Karten abwerfen lassen. Und das ist eben genau deshalb der Fall, weil jede Karte, die kein Elf ist, meine Strategie geschwächt hätte. Jetzt muss ich diese Entscheidung bereuen, denn ich trete gegen ein Deck an, das schneller ist als mein eigenes – und ich kann nichts dagegen tun. Ich kann nichts anderes machen, als einige Elfen auszuspielen und darauf zu warten, dass mein Gegner mich in Runde Vier tötet. Ich komme im Grunde gar nicht dazu, eine richtige Partie Magic zu spielen!

Zweitens sind lineare Strategien oft sehr leicht angreifbar. Als wir über das Sideboard gesprochen haben, sagte ich Folgendes: „Als Faustregel gilt: Je extremer eine Strategie ist, desto leichter kann man dagegen sideboarden.“ Und etwas Extremeres als lineare Strategien gibt es nicht.

Ich erwähnte bereits die Schwäche meines Elfendecks gegenüber Blitzschlag und Klinge des Schicksals. Nun stellt euch vor, gegen folgende Karten antreten zu müssen:

Meine Strategie ist extrem und stützt sich allein auf eine einzige Sache. Mein Gegner kann daher mühelos Karten sideboarden, die mir verheerenden Schaden zufügen. Das Problem wird dadurch verschlimmert, dass ich nicht flexibel genug bin, Gegenmaßnahmen zu ergreifen oder Schadensbegrenzung zu betreiben.

Weiß-Blau Heroisch

Es ist immer alles nur eine Frage des Abwägens von Pro und Kontra. Lineare Strategien können angreifbar sein und jede Flexibilität vermissen lassen. Ihre schiere Macht ist dieses Opfer jedoch oftmals wert. Falls ihr vor dem Sideboarden gern der große Favorit seid, dann könnt ihr es vielleicht auch besser akzeptieren, nach dem Sideboarden plötzlich nur noch als der kleine Underdog dazustehen.

Es gibt noch eine weitere lineare Strategie im Standard, die sehr erfolgreich ist:

Tom Ross‘ WU Heroisch

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Weiß-Blau (WU) Heroisch versucht schnell und effizient, eine einzige, riesige Kreatur zu erschaffen. Diese Kreatur ist oft unblockbar und hat manchmal sogar Lebensverknüpfung! Das ganze Deck ist darauf ausgelegt, diese Bedrohung zu unterstützen und zu beschützen.

Wie es für lineare Strategien typisch ist, fällt euch sicher das Fehlen von Entfernungszaubern in Tom Ross‘ Deck auf – außer einem Schlag der singenden Glocke, der mit der Pilgerin des Heliod im Handumdrehen herausgesucht werden kann. Es wäre ein Fehler, mit mehr Entfernungszaubern zu spielen, denn jede Karte, die nicht zur primären Strategie beiträgt, sorgt nur dafür, dass das Deck geschwächt wird. Denkt daran: Wir gehen direkt von Punkt A nach Punkt B – und für Abstecher haben wir keine Zeit.

Zumindest war das so, bis diese Karte gedruckt wurde:

Tapfere Haltung ist eine spannende und vielseitige Karte aus Schmiede des Schicksals, die bestimmt perfekt in ein WU Heroisch-Deck passt.

Ein Großteil des WU Heroisch-Decks muss dazu dienen, seine mächtige Kreatur zu beschützen. Andernfalls reicht ein einfacher Entfernungszauber aus, um den gesamten Plan zu vereiteln. Tapfere Haltung beschützt eine Kreatur auf direkte, effiziente und zuverlässige Art und Weise. Sie trägt direkt zur Strategie des WU Heroisch-Decks bei und erfüllt eine wichtige Aufgabe.

Außerdem sorgt sie dafür, dass man einen Entfernungszauber unterbringen kann und gibt dem Deck so ein wenig dringend gebrauchte Flexibilität. Denn ein Wu Heroisch-Deck kann es sich nicht leisten, mit Spannungsfeld, Revolte oder irgendeinem anderen speziellen Entfernungszauber zu spielen, da diese nichts zur eigentlichen linearen Strategie beitragen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ihr euch nie wünschen würdet, einen Entfernungszauber zu haben!

Tapfere Haltung wird mit Rennerin des Kruphix, Belagerungsnashorn, Schlächter der Horde, Stachelfaust und vielen der Dutzenden von anderen typischen Kreaturen im Standard fertig. Für WU Heroisch-Decks bedeutet das, einen gegnerischen Blocker loszuwerden, ein Wettrennen zu euren Gunsten zu wenden oder schlicht ein bisschen mehr Zeit zu gewinnen, um eure Strategie umzusetzen.

All das ist möglich dank der Vielseitigkeit einer Karte, die zwei verschiedene Rollen übernehmen kann. Ein Entfernungszauber allein wäre nicht gut genug und Tapferer Widerstand dem Unzerstörbar-Effekt womöglich vorzuziehen. Beide Fähigkeiten zusammen sorgen jedoch für eine Karte, die in einer ganzen Reihe von Partien ausgesprochen wertvoll sein wird.

Tapfere Haltung | Bild von Willian Murai

Tapfere Haltung ist eine ausgezeichnete Karte, deren Einsatz nicht nur auf ein WU Heroisch-Deck beschränkt ist. Sie könnte gut in jedes weiße Kreaturendeck passen.

Besonders großen Nutzen könnt ihr aus ihr ziehen, wenn ihr dank ihr eure beste Kreatur vor einem Ende der Feindseligkeiten bewahrt.

Auch im Kampf hat sie ihre Anwendungsmöglichkeiten. So erlaubt sie beispielsweise eurem Mantis-Reiter, den Mantis-Reiter eures Gegners im Kampf zu besiegen.

Tapfere Haltung hat das Potenzial, das gesamte Standardformat gehörig aufzumischen. Selbst wenn ihr diese Karte nicht in euer eigenes Deck einbaut, solltet ihr euch unbedingt bewusst sein, dass sie existiert. Überlegt es euch also lieber gut, ob ihr euren Rakshasa-Todbringer oder euren Sucher des Weges zu einer 4/4-Kreatur machen wollt. Denkt daran, Des Helden Untergang in eurem eigenen Zug einzusetzen, bevor euer Gegner sein weißes Mana enttappt ...

Das Hinzufügen von Tapfere Haltung zu einem WU Heroisch-Deck könnte für eine besonders tödliche lineare Strategie im Standard sorgen. Seid besser unter denjenigen, die von ihrer Macht profitieren – oder macht euch bereit, diese Strategie mit euren eigenen Mitteln auseinanderzunehmen.

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