Dran sein oder ziehen?

Posted in Level One on February 16, 2016

By Reid Duke

Over the span of the last nineteen years, since he was five years old, Reid has been a player, a deck builder, a collector, and a lover of the Magic world. Today, he’s a full-time professional Magic player and writer.

In Level One erklärt Reid Duke Magics Grundlagen. Diese Kolumne wurde im letzten Jahr auf Englisch veröffentlicht und wird jetzt für euch übersetzt. Viel Spaß beim Lesen!


Zu Beginn jeder Magic-Partie steht die gleiche Frage. Daher ist es nur sinnvoll, wenn jeder Spieler eine fundierte Antwort darauf geben kann.

Der Spieler, der anfängt, überspringt damit sein erstes Ziehsegment, was für den anderen Spieler nicht gilt. Beide Optionen haben ihre Vorteile. Wie sieht es denn nun aus? Möchte man als Erster dran sein oder als Erster ziehen?

Als Erster dran zu sein, ist die beliebtere Entscheidung. Auch wenn man sich in hundert Prozent der Fälle dafür entscheidet, als Erster dran zu sein, wird man damit in der Regel kaum einen Fehler machen. In den seltenen Fällen, in denen es womöglich ein Fehler ist, ist es nur ein sehr, sehr kleiner. Daher spare ich uns allen Zeit und Kopfzerbrechen: Ihr wollt als Erster dran sein.

Lest aber bloß weiter! Es ist wichtig, dass man die Gründe für diese Entscheidung kennt. Und es ist noch wichtiger, dass man versteht, wie es die Dynamik für den Rest der gesamten Partie beeinflussen kann, wenn man als Erster dran ist oder wenn man als Erster zieht.

Lehren der Vergangenheit | Bild von Chase Stone

Die Vorteile, als Erster dran zu sein

Die Vorteile, als Erster dran zu sein, sind oft recht groß: Sind alle anderen Faktoren gleich, liegt die Chance, die Partie zu gewinnen, dann deutlich über 50 %. Als Erster dran zu sein, bietet einem einen beträchtlichen Tempovorteil, für den es sich in aller Regel lohnt, auf das erste Ziehsegment zu verzichten. Kleine Gedächtnisstützen zum Thema Tempo und seinen vielen wichtigen Konsequenzen findet ihr in den Artikeln „Tempo“ und „Tempo und Kartenvorteil: Ein schmaler Grat“.

Der Spieler, der als Erster dran ist, hat es wesentlich leichter, die Initiative zu ergreifen, der Partie eine Richtung vorzugeben und den Gegner zum Reagieren zu zwingen. Der Spieler, der als Zweiter dran ist, muss schon etwas recht Besonderes unternehmen, um die Initiative zurückzugewinnen.

Darüber hinaus gibt es in Magic nichts, was beiden Spielern die gleiche Zahl an Zügen in einer Partie garantieren würde. Ganz im Gegenteil. Die Tatsache, dass der Spieler, der als Erster dran ist, einen erkennbaren Vorteil hat, führt in den meisten Fällen dazu, dass die Partie mit einem seiner Züge endet (und noch dazu zu seinen Gunsten). Wenn man sich eine Partie anschaut, bei der der eine Spieler sechs Züge hat und der andere nur fünf, erkennt man sehr leicht, welche Vorteile es bietet, als Erster dran zu sein.

Diese Vorteile können je nach Tempo und Machtniveau des jeweiligen Formats noch verstärkt werden. Je länger eine Partie dauert, desto mehr werden die Vorteile verwässert, doch wenn eine Partie sehr rasch endet, sind sie ziemlich gewaltig. Bedenkt einfach Folgendes: Je kleiner die Zahl der insgesamt gespielten Züge wird, desto bedeutsamer wird ein zusätzlicher Zug (bei vier Zügen gegenüber dreien fällt der eine Zug beispielsweise mehr ins Gewicht als bei elf Zügen gegenüber zehnen).

Im Limited mag es manchmal nicht so wichtig sein, wer als Erster dran ist, aber in schnellen Formaten wie Modern und Legacy kann es über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Gebirge | Bild von Titus Lunter

Die Vorteile, als Erster ziehen zu können

Im Vergleich betrachtet sind die Vorteile, als Erster ziehen zu können, kleiner und hintergründiger. Vergesst nie: Ihr zieht zwar als Erster, aber nicht notwendigerweise mehr. Wenn man in seinem ersten Zug eine Karte ziehen kann, bedeutet das andererseits jedoch schon, dass einem bei jedem Zug insgesamt mehr Ressourcen zur Verfügung stehen.

Zwei Konsequenzen dieser Entscheidung verdienen besondere Aufmerksamkeit.

Die erste ist, dass man es leichter hat, Länder ins Spiel zu bekommen. (Mehr Karten bedeuten schlicht eine höhere Chance, ein Land zu haben.)

Die zweite Konsequenz macht sich bemerkbar, wenn die Partie sich unter Umständen nur noch darum dreht, dass einer der Spieler darauf wartet, eine bestimmte Karte oder eine besondere Art von Karte zu ziehen. Ein gutes Beispiel hierfür ist, wenn sich zwei gleich gute Kreaturen gegenüberstehen und jeder Spieler nur darauf wartet, etwas zu ziehen, was den entscheidenden Ausschlag gibt. In einem solchen Fall würdet ihr das, was ihr braucht, einen halben Zug früher ziehen, wenn ihr euch am Anfang der Partie dazu entschieden habt, nicht als Erster dran zu sein.

Falls euer Deck für derlei Dinge anfällig ist, kann es durchaus von Vorteil sein, als Erster zu ziehen. Wenn man viele Länder ins Spiel bringen muss, aber keinen großen Kartenvorteil hat, hilft es einem eventuell, als Erster ziehen zu können. Wenn man erst eine bestimmte Karte oder eine Kombination von Karten ziehen muss, ehe das eigene Deck richtig Fahrt aufnimmt, gilt das Gleiche. Mit anderen Worten: Wenn ihr ein langsames Deck habt, ist es unter Umständen hilfreich, als Erster zu ziehen.

Hat man eine schlechte Hand, ist es ebenfalls besser, als Erster zu ziehen. Wenn man per Mulligan bis auf vier Karten runtergeht, möchte man natürlich lieber als Erster ziehen. Wenn man eine Hand mit nur einem einzigen Land behält, verhält es sich genauso. Wenn das eigene Deck das Ziehen von Karten nicht sonderlich begünstigt und man eine Menge Länder ins Spiel bringen muss, bevor man überhaupt etwas Relevantes tun kann, sollte man ebenfalls lieber als Erster ziehen.

Das Problem ist natürlich, dass man nicht weiß, wie die eigene Hand bzw. die des Gegners aussehen wird, wenn man sich dazu entscheidet, ob man als Erster ziehen oder als Erster dran sein will. Hier geht es wieder wie oben erwähnt auch um das Tempo und das Machtniveau des betreffenden Formats. In Formaten, in denen die Decks schneller und konsistenter sind, spielen die Vorteile, als Erster ziehen zu können, voraussichtlich keine große Rolle. In einem Format wie Sealed-Deck allerdings, wo eine wacklige Manabasis und ein niedriges Machtniveau dazu führen können, dass die Spieler etwas langsamer aus den Startlöchern kommen, sind diese Vorteile eventuell durchaus hilfreich.

Insel | Bild von Florian de Gesincourt

Die Manamenge beim Spielen und Ziehen

Eine interessante Frage ist die, wie es sich mit dem Mana verhält, wenn man als Erster dran ist respektive als Erster zieht. Zieht man als Erster, hat man mehr Ressourcen und kann seine Länder leichter ins Ziel bringen. Ist man als Erster dran, kann man seine Karten schneller ausspielen, seine Länder noch vor dem Gegner ins Spiel bringen und vielleicht sogar im Vergleich am Ende einen ganzen Zug mehr rausholen.

Wenn man die Dinge stark vereinfachen und sagen würde, bei einer Partie Magic besteht das Ziel darin, insgesamt so viel Mana wie möglich auszugeben, würdet ihr dann lieber als Erster dran sein oder als Erster ziehen? Schauen wir uns eine Beispielpartie an, die ich mir einzig und allein zur Veranschaulichung dieser Frage ausgedacht habe.

Johnny ist als Erster dran:

In Runde 1 spielt er ein Gebirge und tappt es, um Mana zu bekommen … (Gesamtmana: 1)

In Runde 2 spielt er ein Gebirge und tappt beide, um zwei zusätzliche Mana zu bekommen … (Gesamtmana: 3)

In Runde 3 spielt er ein Gebirge und tappt alle drei, um drei zusätzliche Mana zu bekommen … (Gesamtmana: 6)

In Runde 4 kann er kein Land ausspielen und tappt seine Gebirge, um drei zusätzliche Mana zu bekommen … (Gesamtmana: 9)

In Runde 5 macht er das Gleiche … (Gesamtmana: 12)

Jenny zieht als Erste:

In Runde 1 spielt sie eine Insel … (Gesamtmana: 1)

In Runde 2 spielt sie eine Insel … (Gesamtmana: 3)

In Runde 3 spielt sie eine Insel … (Gesamtmana: 6)

In Runde 4 spielt sie eine Insel … (Gesamtmana: 10)

Außer für einen kurzen Moment in Jennys viertem Zug hat Johnny zu jedem anderen Zeitpunkt der Partie gleich viel oder mehr Mana ausgegeben als sie. Wenn die Partie relativ kurz ist, liegt der Manavorteil bei Johnny. Wenn sich die Partie länger hinzieht, holt Jenny unter Umständen auf, weil die Tatsache, dass sie als Erste gezogen hat, ihre Chancen steigert, mehr Länder ins Spiel zu bringen.

Bei dieser Frage gibt es sehr, sehr viele Variablen zu bedenken. Dazu gehören unter anderem: die Dauer der Partie, die Anzahl an Ländern im Deck jedes Spielers, die Mulliganvorlieben der Kontrahenten und ihre Fähigkeit, in jeder Runde sämtliches verfügbares Mana zum Einsatz zu bringen.

Die Frage ist viel zu komplex, als dass man eine allgemeingültige Antwort auf sie formulieren könnte. Es ist allerdings einigermaßen offensichtlich, dass der Spieler, der als Erster dran ist, zu den meisten Zeitpunkten in der Frühphase der Partie in Sachen Manamenge einen Vorteil haben wird. Wenn die Partie länger dauert, hat der Spieler, der als Erster zieht, die Chance (aber keinesfalls eine Garantie), noch einmal aufzuholen.

Und auch hier spielt es wieder eine Rolle, wie gut die Hand der Spieler ist. Bringen beide Spieler ihre Länder ins Spiel und können jede Runde Zauber wirken, ist es besser, als Erster dran zu sein. Nimmt ein Spieler einen Mulligan oder schafft es nicht, seine Länder ins Spiel zu bringen, ist es womöglich sicherer, als Erster zu ziehen.

Mir ist aufgefallen, dass diese Frage im Limited zu Khane von Tarkir ziemlich relevant ist. Die Schlüsselwortfähigkeiten Morph, Standhaftigkeit und Wühlen – in Kombination mit zahlreichen anderen aktivierten Fähigkeiten und Ländern, die getappt ins Spiel kommen – machen die Decks richtig manahungrig. Selbst langsame Decks, die aufs Late-Game spekulieren (diejenigen, die normalerweise davon profitieren würden, wenn man als Erster zieht), können aus einem Extrazug an Mana einen großen Nutzen ziehen. Man will natürlich die besten Chancen haben, seine Länder ordentlich ins Spiel zu bringen, aber meiner Erfahrung nach ist es ein zu hoher Preis, dafür darauf zu verzichten, als Erster dran zu sein.

Ein Nullsummenspiel

Ein Nullsummenspiel oder auch streng kompetitives Spiel wird von zwei Spielern gespielt und endet mit einem Sieger, der alles gewinnt, und einem Verlierer, der nichts bekommt. Turnier-Magic ist ein Nullsummenspiel.

Was für den einen Spieler gut ist, ist für sein Gegenüber schlecht. Wenn eure Chance, die Partie zu gewinnen, um zehn Prozentpunkte steigt, sinkt sie für euren Gegner um zehn Prozentpunkte. Ein positiver Effekt für die eine Seite bedeutet einen negativen Effekt für die andere Seite, und zusammengenommen müssen sich die beiden Effekte immer aufheben.

Dies mag nun alles ziemlich offensichtlich wirken, aber wenn man mitten in einer Partie Magic steckt, mag sich einem das plötzlich nicht mehr alles so intuitiv erschließen. Wenn man voll darauf konzentriert ist, das eigene Ding durchzuziehen, vergisst man nur allzu leicht, dass es manchmal sogar noch besser sein kann, etwas zu tun, was den Gegner behindert, anstatt sich stur an den eigenen Plan zu halten.

Und das ist auch der Grund, warum man sich in der Regel dazu entscheiden sollte, als Erster dran zu sein, und zwar selbst dann, wenn man ein langsames Deck spielt, dem es gewisse Vorteile verschaffen könnte, wenn man als Erster zieht! Falls euer Gegner ein schnelles Deck spielt, müsst ihr unbedingt die Partie an euch reißen.

Wenn sich Johnny in Partie 2 entscheidet, als Erster dran zu sein, und Jenny in Partie 3 als Erster ziehen möchte, dann hat einer der beiden Spieler mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen Fehler gemacht. Es ist unmöglich, dass beide Spieler gleichwertig davon profitieren, wenn Johnny als Erster dran ist.

Die Entscheidung fürs Ziehen

Das ist der wahre Grund, warum es richtig ist, in einer derart überwältigenden Mehrheit der Fälle als Erster dran sein zu wollen. Als Erster dran zu sein, birgt das Potenzial, einem unter den passenden Umständen einen großen Vorteil zu verschaffen, wohingegen es einem immer nur einen verhältnismäßig geringen Vorteil einbringt, als Erster zu ziehen. Wenn also auch nur einer von beiden Spielern potenziell davon profitieren könnte, als Erster dran zu sein, sollten sich sowohl er selbst als auch sein Gegner stets genau dafür entscheiden. Noch dazu ist es viel, viel sicherer, als Erster dran sein zu wollen, wenn man unschlüssig ist, was man eigentlich machen möchte.

Ungeachtet dessen gibt es sehr wohl eine perfekte Konstellation von Umständen, unter denen es in eurem besten Interesse ist, als Erster zu ziehen. Die folgenden Vorbedingungen müssen dafür gelten:

  • Die Chancen für beide Spieler, sich über einen Tempovorteil in der Frühphase auf lange Sicht gesehen einen größeren Vorsprung herauszuarbeiten, stehen niedrig.
  • Einer oder beide Spieler brauchen eine Menge Ressourcen, um ihre Strategie erfolgreich zu fahren. (Sie könnten zum Beispiel viele Länder für ihre teuren Zaubersprüche oder ihren hohen Bedarf an farbigem Mana brauchen.)
  • Die Gesamtmenge an Mana stellt bei den Strategien beider Spieler keinen relevanten Faktor dar. (Beachtet hier bitte den Unterschied zwischen Mana und Ländern. Als Erster zu ziehen, hilft einem dabei, seine Länder ins Spiel zu bekommen, aber man erhält einen zusätzlichen Zug, in dem man sein Mana ausgeben kann, wenn man als Erster dran ist.)
  • Die Partie wird voraussichtlich lange dauern.

Diese Umstände treten regelmäßig (wenn auch nicht immer und vielleicht nicht einmal in der Mehrzahl der Fälle) im Sealed-Deck ein. Beim Boosterdraft kommen sie nur gelegentlich, im Constructed hingegen so gut wie nie vor. Ich habe mich zwar auch schon im Constructed dazu entschieden, als Erster zu ziehen, aber nur unter den extremsten und unwahrscheinlichsten Bedingungen.

Antizipieren | Bild von Lake Hurwitz

Wenn ihr euch bisher unsicher gewesen seid, ob ihr als Erster dran sein oder als Erster ziehen wollt, dann haltet euch an meinen Rat und entscheidet euch dazu, als Erster dran zu sein. Falls ihr ohnehin schon dazu tendiert habt, als Erster dran sein zu wollen, habe ich euch hoffentlich ein paar gute Begründungen dafür geliefert, warum das die richtige Entscheidung ist. Wenn ihr ein schnelles Deck spielt, dann nutzt den Tempovorteil sofort aus, um eurem Gegner von Anfang an davonzuziehen. Wenn ihr ein langsames Deck spielt, dann nehmt eurem Gegner genau diese Option und zwingt ihm euer Spiel auf!

Je besser ihr im Sealed-Deck und im Boosterdraft werdet, desto mehr solltet ihr auf die Gelegenheiten achten, bei denen es in eurem besten Interesse sein könnte, lieber als Erster ziehen zu wollen. Der Vorteil, der sich daraus gewinnen lässt, mag klein sein, doch bei Magic sind es die kleinen Vorteile, die sich aufaddieren, um eine große Wirkung zu entfalten.

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