Vor langer Zeit wurden die weltenverschlingenden Eldrazi von drei Planeswalkern auf Zendikar eingekerkert: dem Geisterdrachen Ugin, dem Vampir Sorin Markov und einem dritten, den man den Lithomagier nannte. Über ihn ist heute nur wenig bekannt.

Heute blicken wir mehr als 6.000 Jahre in die Vergangenheit auf eine Welt zurück, deren Name längst vergessen ist.

Heute lernen wir den Lithomagier kennen.


Ein Bollwerk aus Stein erhob sich aus der kargen Erde und umschloss das kleine Lager auf der Ebene, die zuvor noch offen und verwundbar gewesen war. Der Wall war leicht geschwungen, und elegante Zinnen ragten aus seiner Krone auf.

Nahiri, die man die Lithomagierin nannte, begutachtete ihr Werk und runzelte die Stirn. Es war gut geraten und würde unter günstigen Bedingungen Jahrhunderte überdauern.

Die Bedingungen waren jedoch nicht günstig.

Es waren vielleicht noch gut hundert Flüchtlinge übrig. Morgen würden sie das Lager erneut verlegen, um nicht von diesen ... Kreaturen überrannt zu werden, was auch immer sie waren. Abscheulichkeiten, Gestalten aus Albträumen. Nahiri machte sich nicht die Mühe, sie zu hassen. Welchen Unterschied hätte das auch schon gemacht?

„Dürfte ich dich sprechen, Nahiri?“

Die gepresste, trockene Stimme kam von unmittelbar hinter, nahe genug, dass sie hätte hören müssen, wie der Mann an sie herantrat, nahe genug, dass sie seinen Atem an ihrem Hals hätte spüren sollen. Doch er ging leichtfüßig wie eine Katze, und er atmete nicht. Und der Gedanke daran, dass sein Mund so dicht an ihrer Kehle war, ließ sie erschaudern. Vampir.

Sie hatte seine Anwesenheit dennoch bemerkt – immerhin lief er auf blankem Stein –, doch er selbst hatte sie gelehrt, nicht jeden in ihre Karten blicken zu lassen. Nicht einmal ihre Freunde, und sie war nicht einmal sicher, ob er überhaupt zu dieser Gruppe zählte.

Sie wandte sich um, um Sorin Markov anzusehen: Vampir, Planeswalker, Beschützer einer Welt namens Innistrad und das, was einem Freund auf dieser so weit von der Stätte ihrer Geburt entfernten Welt am nächsten kam.

Sie gaben ein imposantes Paar ab, und die Flüchtlinge – dunkelhaarige, rotwangige Menschen – ließen ihnen jede Freiheit. Sein Haar war so weiß wie ihres, doch ihre Haut war aschfahl, während die seine Alabaster glich. Es waren allerdings seine Augen, die ihn unzweifelhaft als Fremden auswiesen: schwarz, wo sie hätten weiß sein sollen, mit einer hellen Iris, die einem Unbehagen bereitete.

[autocard]Sorin Markov[/autocard] | Bild von Michael Komarck

Vorbei an den Kochfeuern der Flüchtlinge suchten sie sich einen Weg zum Rand des Lagers, wo Nahiris Mauer einen niedrigen Felsvorsprung umschloss. Sie blieben stehen und blickten über die Mauer. Die Sonne stand tief über den Hügeln vor ihnen, und die grässlichen Schemen im Tal lagen gnädigerweise im Schatten.

„Du hast ihnen ihr Lager bereitet“, sagte Sorin. „Wieder einmal. Ich denke, es ist an der Zeit, sie ihren eigenen Bemühungen zu überlassen.“

„Nein“, sagte Nahiri. „Wir sind hier, um sie zu retten.“

„Du bist hier, um sie zu retten“, sagte Sorin. „Ich bin hier, um diese Kreaturen aufzuhalten, hier auf dieser Welt, bevor sie sich über andere ausbreiten – über meine oder deine.“

Unten im Flusstal wanden sich dunkle Schemen. Die Geräusche aus dem Lager waren gedämpft.

„Ich kann es nicht ertragen, sie leiden zu sehen“, sagte sie.

„Dann wende dich ab“, sagte Sorin, „und betrachte das große Ganze.“

Nahiri warf einen Blick zurück zum Lager. Einige der Flüchtlinge beobachteten die beiden Planeswalker.

„Und was ist das große Ganze?“, fragte sie leise. „Gewinnen wir gerade?“

Sorin starrte hinab in die sich kräuselnde Dunkelheit, bewegungslos wie eine Statue.

„Nein“, sagte er.

Ein Schatten schien sich über seine scharf geschnittenen Gesichtszüge zu legen. War das Schuld ihres Versagens wegen? Oder Verachtung angesichts ihrer Schwäche? Wollte sie das tatsächlich wissen?

„Wir könnten uns zum Kampf stellen“, sagte er. „Gemeinsam vermögen wir das Blatt vielleicht zu wenden. Doch wir können nicht gleichzeitig auch noch diese Leute beschützen.“

„Das steht völlig außer Frage“, sagte Nahiri. „Nach allem, was wir wissen, sind sie die letzten Überlebenden auf dieser Welt. Wir müssen sie retten. Wir müssen es versuchen.“

„Nun gut“, sagte Sorin etwas zu laut. „Setzen wir uns zu ihnen und halten ihnen das Händchen, während sie dem Untergang entgegengehen, und lassen wir diese Monster noch andere Welten verschlingen. Ich bin sicher, sie finden es sehr tröstlich, zu wissen, dass wir es versucht haben.“

Sie blickte zu den Flüchtlingen zurück. Sie beobachteten die Planeswalker nicht länger, sondern ihre Augenpaare waren auf all die kleinen Aufgaben gerichtet, die ihre zitternden Hände beschäftigten. Nur eines nicht.

Das Mädchen war etwa fünfzehn Jahre alt, und seine Augen waren kalt.

Nahiri wollte etwas sagen, irgendetwas, was tröstlich gewesen wäre. Kein Wort kam ihr über die Lippen. Sie konnte keine Erlösung versprechen, keinen Sieg – sie konnte nichts versprechen, außer es zu versuchen. Und nach Sorins Ausbruch fühlte sich selbst das hohl und leer an.

Sie wandte sich von Sorin ab und stieg von dem Felsvorsprung hinunter. Vor der jungen Frau mit den kalten, harten Augen blieb sie stehen.

„Wie heißt du?“, fragte sie.

„Lian“, sagte das Mädchen.

„Kannst du ein Schwert führen, Lian?“

Lian nickte. Sie war unbewaffnet.

Nahiri griff nach einem Stein in der Nähe und ließ einen alten Zauber in ihr erwachen, einen Zauber, den sie gelernt hatte, als sie noch sterblich gewesen war. Sterblich und jung. Es gab Metall im Stein, und dieser Stein war jeder Stein. Sie griff in den lebenden Felsen, der um ihre milchweiße Hand herum schmolz und brodelte.

Einige der Flüchtlinge hielten den Atem an. Sorin runzelte die Stirn. Das Mädchen sah einfach nur zu.

Nahiri rief nach dem Metall im Stein und spürte, wie sich ihre Hand um das Heft eines Schwertes schloss. Sie zog daran, und eine elegante Klinge glitt aus dem geschmolzenen Felsen.

Sie hielt es einen Moment in die Höhe. Das Licht der sinkenden Sonne brach sich an der Klinge. Sie ließ die Hitze aus ihr entweichen, bis sie kalt genug war, um sie gefahrlos berühren zu können. Dann hielt sie sie Lian hin.

„Dies ist eure Welt“, sagte sie. „Dieser Stein, diese Erde ... es ist an euch, dafür zu kämpfen. Wenn ihr glaubt, euch nicht auf uns verlassen zu können, dann tut es auch nicht.“

xLian nahm das Schwert und prüfte sein Gewicht und seinen Schwerpunkt.

„Wir werden alle sterben, nicht wahr?“, fragte sie leise.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Nahiri.

„Doch sollte es so sein, dann sterbt ihr wenigstens im Kampf.“

Lian nickte.

Nahiri wandte sich wieder zu Sorin.

„Entzückend“, sagte er, diesmal leise genug, dass nur sie ihn hören konnte. „Ich schätze, falsche Hoffnung ist besser als gar keine.“

„Jede Hoffnung ist besser als keine“, sagte Nahiri. „Immer.“

Sorin runzelte die Stirn, doch ehe er etwas erwidern konnte, erbebte die Erde. Nahiri stolperte, konnte sich aber auf den Beinen halten. Bereits den ganzen Tag über hatte es kleinere Erschütterungen gegeben, doch keine wie diese.

Die Talsohle lag vollkommen im Schatten. Die sich windenden, sehnigen Leiber des Feindes bewegten sich darin in fahlen Farben und verdrehten Formen. Doch sie waren seltsam ruhig geworden – das erste Mal in den vielen Wochen, in denen Sorin und Nahiri nun schon gegen sie kämpften. Sie wandten sich nach Westen, der untergehenden Sonne zu, und begannen, sich hin und her zu wiegen.

Und dann erhob sich eine Gestalt von schier unvorstellbarer Größe hinter den Hügeln auf der anderen Seite des Tals. Sie war massiv wie ein Berg, fremdartig und mit ihren weißen Knochen und sehnigen Tentakeln ein schrecklicher Anblick.

[autocard]Ulamog, der unendliche Wirbel[/autocard] | Bild von Aleksi Briclot

Erneut bebte die Erde. Die gewaltige Kreatur wandte sich um. Sie kam auf sie zu. Und als sie sich bewegte, brandete die wabernde Masse im Tal vorwärts wie Eisenspäne, die von einem Magneten angezogen wurden.

„Auf eure Gefechtspositionen!“, rief Nahiri.

Die Flüchtlinge rührten sich nicht. Sie alle starrten an ihr vorbei, hinauf zu jener unendlichen Kluft zwischen dem, was sie bislang für möglich gehalten hatten, und dem, was ihre Augen ihnen nun offenbarten. Was nutzten Waffen und Taktiken gegen einen wütenden, missgestalteten Gott?

„Bewegt euch!“, rief Lian.

Die Flüchtlinge verfielen in hektisches Treiben. Sie griffen nach Waffen, bauten das Lager ab und machten sich zum Kämpfen oder Fliehen bereit. Eltern ergriffen ihre Kinder. Ein Mann mit einem gebrochenen Bein zog sich auf die Füße, indem er sich auf einen Speer stützte.

Das Beben hielt nun stetig an, und die Erde grollte. Wolken wirbelten in Spiralen auf die Monstrosität am Horizont zu, und Erdbrocken schwebten um sie herum in die Höhe und begannen, auseinanderzufallen.

Die erste Welle der lärmenden Schrecken erreichte das Lager. Sie quiekten und kreischten, quäkten und heulten, mit schnappenden Kiefern und fegenden Klauen und wirbelnden Tentakeln und augenlosen, knochenweißen Köpfen. Die Kleinsten waren etwa hundegroß. Die Größten, die sich durch die Horde voranwälzten, hatten die Ausmaße von Gebäuden. Die Kleinen häuften sich an der Mauer auf, und ihre Gefährten kletterten über sie hinweg, um den Wall zu erklimmen.

Nahiri zog ihr Schwert. Sorin bezog Stellung zu einer Seite von ihr, Lian zur anderen, und so brach die Welle aus Fleisch und Wahnsinn über sie herein.

Sorin bewegte die Hand, und ein Dutzend der Ungeheuer zerfielen zu Staub. Nahiri bündelte ihren Willen, und Dutzende weitere versanken im felsigen Boden. Doch da waren mehr, immer mehr, und die größte Kreatur dort draußen war ein riesiger Wirbel, der an allem zerrte und riss – an ihrem Leib, an ihrem Geist und selbst an ihrer Magie. Nahiri spürte, wie ihr Mana von ihr fortdriftete, als sie es zu sammeln versuchte.

Der Boden schwankte. Nahiri standen die Haare zu Berge. Die Abendsonne zeichnete die Konturen des Monsters vor ihnen nach – nein, das war nicht nur die Sonne. Da war ein Licht. Ein schreckliches Licht, das nichts ähnelte, was eine Welt je hätte sehen sollen. Eine Kluft, die in demselben unwirklichen Licht schimmerte, tat sich auf und spaltete Nahiris Mauer. Nahiri versuchte, sie mit ihrem Willen zu schließen, doch nichts geschah.

Das war kein Riss im Boden. Das war ein Riss in der Welt.

Die Welt brach auseinander.

„Was ist das?“, rief Lian. Ihr Gesicht war blutig, doch sie hielt noch immer ihr Schwert in der Hand.

„Das“, sagte Sorin mit merkwürdig ruhiger Stimme, „ist das Ende.“

Das Licht wurde unerträglich. Dumpf, wie aus weiter Ferne, hörte sie die Menschen schreien, die sie über viele Wochen beschützt hatte. Dann verstummten ihre Schreie, und sie wurden hinweggefegt. Nahiri fühlte, wie sie in die Höhe gehoben wurde, als die Erde selbst um sie herum aufbrach.

Bild von Jason Felix

„Nahiri!“, sagte Sorin. „Es ist vorbei!“

Neben ihr verschwand Sorin mit einem Blitz im Nichts. Sie griff nach Lians Arm, doch das Mädchen war fort. Die Schatten im Licht hatten es geholt. Sein Schwert war noch da. Es schwebte in der gleißenden Luft.

Nahiri verfluchte sich stumm, griff nach dem Schwert und ließ diese Welt hinter sich zurück.


Zendikar. Heimat.

Auf diesen Treffpunkt hatten sie sich geeinigt, ein sicherer Ort, an dem sich kein anderer Planeswalker einmischen würde. Diese Welt stand unter Nahiris Schutz.

Sorin hatte Innistrad nicht als Treffpunkt angeboten. Wahrscheinlich war er besorgt, dass die Abscheulichkeiten ihm folgen würden. Er war zu vorsichtig, doch vielleicht war Vorsicht auch ein natürlicher Nebeneffekt des Alterns. Er war mindestens tausend Jahre alt. Manchmal fragte sie sich, wie es sich angefühlt hätte, ihn zu kennen, als er noch jung gewesen war.

Schweigend saßen sie am Rand einer provisorischen Kor-Siedlung in den zerklüfteten Hochländern Akoums, um sich auszuruhen und die Bande wiederherzustellen, die sie mit Mana versorgten. Falls Sorin irgendeine Art von Bedauern darüber empfand, was geschehen war, so zeichnete es sich auf seiner Miene jedenfalls nicht ab. Nahiri umklammerte das Schwert, die letzte Spur einer nun toten Welt.

[autocard mvid="204335"]Gebirge[/autocard] | Bild von John Avon

„Nahiri“, sagte Sorin. „Wir haben Gesellschaft.“

Sie spürte es auch, eine Art Druck in der Luft, der verriet, dass etwas im Begriff war, aus dem Äther zu erscheinen. Mit klopfendem Herzen stand sie auf.

„Sind sie ...“

„Nein“, sagte Sorin. „Nicht groß genug. Aber trotzdem groß.“

Dann war er bei ihnen: ein gewaltiger ätherischer Drache, der in blau-weißem Licht schimmerte. Zwei flache Hörner wanden sich um seinen Kopf. Feiner Nebel stieg von ihm auf. Lange Schwingen waren elegant hinter seinem feingliedrigen Leib zusammengefaltet. Er war riesig – er maß gewiss vierzig Schritt –, doch er war in einiger Entfernung von ihnen aufgetaucht, und alles an seinem Gebaren ließ auf friedliche Absichten schließen. Dennoch zog Nahiri ihr Schwert.

„Ihr habt bemerkt“, sagte der leuchtende Drache, „dass wir ein Problem haben.“

„Es gibt hier kein ‚Wir‘, Drache“, sagte Sorin und erhob sich. „Es gibt uns, und es gibt dich. Und Zendikar steht unter ihrem Schutz.“

„Auch ich grüße dich, Sorin von Innistrad“, sagte der Drache. „Und ganz im Gegenteil: Was dieses Problem angeht, meint ‚Wir‘ uns alle und überall.“

Er wandte seinen riesigen Kopf Nahiri zu.

„Ich bin Nahiri, Wächterin Zendikars“, sagte sie. Sie schaute zu den unergründlichen Augen des Neuankömmlings hinauf und versuchte, nicht verängstigt zu wirken. „Wer auch immer du bist, du befindest dich hier unter meiner Duldung.“

„Natürlich“, sagte der Drache und verneigte sich. „Ich bin erfreut, dich kennenzulernen, Nahiri von Zendikar. Ich danke dir für deine Gastfreundschaft.“

Er wandte sich wieder Sorin zu.

Sorins Mine verfinsterte sich zusehends.

„Nahiri, das ist Ugin, genannt der Geisterdrache. Er ist so alt wie die Zeit und mindestens genauso starrsinnig.“

Das klingt wie noch jemand, den ich kenne, dachte Nahiri.

„Ich nehme an, ihr beide kennt euch?“, sagte sie.

“Wir haben bereits früher einvernehmlich zusammengearbeitet“, sagte Ugin.

„Nicht in letzter Zeit“, sagte Sorin. „Ugin, was willst du?“

„Eure Hilfe“, sagte Ugin.

Er hob eine Klaue und erschuf ein kleines, geisterhaftes Bild jener gewaltigen Kreatur, die sie am Horizont der verlorenen Welt erblickt hatten.

„Du hast uns beobachtet“, sagte Nahiri, der eine Erkenntnis dämmerte. „Und du hast uns nicht geholfen.“

„Es gibt ein ganzes Multiversum voller Menschen, die Hilfe benötigen“, sagte Ugin, „und eine Vielzahl von Möglichkeiten, ihnen diese Hilfe zukommen zu lassen. Während ihr versuchtet, eine große Schlacht zu schlagen, habe ich euch zugesehen und viel gelernt, damit diesen Kreaturen letzten Endes Einhalt geboten werden kann. Das ist ein Ziel, das wir drei teilen.“

„Das ist mein Ziel“, sagte Nahiri. „Doch ich stelle das moralische Urteilsvermögen eines jeden in Frage, der die Vernichtung einer ganzen Welt nur als Forschungsgegenstand betrachtet.“

„Was hast du über sie erfahren?“, fragte Sorin, ohne auf Nahiri zu achten.

Wundervoll. Jetzt redeten die Erwachsenen. So hatte er sich ihr gegenüber schon bei früheren Begegnungen mit Planeswalkern verhalten. Doch sie vertraute auf Sorins Urteil. Meistens zumindest. Sie würde den Drachen anhören.

„Sie heißen die Eldrazi“, sagte Ugin, „und sie verschlingen ganze Welten. Sie sind keine wahren Planeswalker, und doch bewegen sie sich ungehindert zwischen den Welten. Sie sind lebende Wesen und stammen offenbar aus den Blinden Ewigkeiten – nur dort kennt man die Existenz solcher Kreaturen. Werden sie nicht aufgehalten, so sind sie eine Bedrohung für jede Welt.“

„Sie können nicht jede Welt bedrohen“, sagte Sorin. „Das Multiversum ist unendlich.“

„Das kannst du niemals glauben“, sagte Ugin. „Wenn es unendlich viele Welten gibt, warum sollte man dann überhaupt eine retten? Warum ziehen wir dann nicht weiter zu anderen Welten, den Eldrazi voraus? Nein. Das Multiversum mag grenzenlos sein, doch seine Bestandteile sind von endlicher Zahl. Etwas anderes zu glauben, hieße, dass rein gar nichts von irgendeiner Bedeutung wäre. Und wenn man so alt ist wie ich, dann begreift man, dass Nihilismus ein Luxus ist, den man sich nicht leisten kann.“

Dorin blickte finster drein, sagte jedoch nichts. Vielleicht glaubte er wirklich all diese Dinge, die er immer sagte, laut denen Weisheit mit dem Alter käme.

„Wie halten wir sie auf?“, fragte Nahiri.

„Das stellt uns vor gewisse Schwierigkeiten“, sagte Ugin. „Sie sind Geschöpfe der Ewigkeiten. Das, was diese Welt verheerte, war nur ein Abbild, ein Schatten lebenden Äthers, der in den dreidimensionalen Raum geworfen wurde.“

Nahiri versuchte, sich lebenden Äther vorzustellen, doch sie sah nur diese Kreatur vor sich, die die Sonne verdunkelt hatte. Sie hatte auf sie wirklich genug gewirkt.

„Daher rührt auch unser Dilemma“, fuhr Ugin fort. „Treten wir ihnen in den Blinden Ewigkeiten entgegen, müssen wir uns ihrer vollen Macht stellen – in einer Umgebung, in der selbst wir kaum überleben können. Besiegen wir jedoch nur ihre Verkörperungen – was, wie ihr bereits gesehen habt, keine leichte Aufgabe ist –, so erreichen wir nichts, denn ihre wahre Gestalt ist im Äther beheimatet.“

„Wir müssen einen Weg finden, sie zu vernichten“, sagte Sorin.

„Das ist unter Umständen gar nicht möglich“, sagte Ugin, „und ganz gewiss nicht weise.“

„Welten sterben“, sagte Nahiri. Sie legte die Hand auf das Heft ihres Schwertes. „Welche Weisheit läge darin, diese Kreaturen am Leben zu lassen?“

„Weißt du, was sie sind, Nahiri von Zendikar?“, fragte der Drache. Er senkte den gewaltigen Kopf, um ihr in die Augen zu blicken. „Weißt du, ob sie eine unbekannte Welt bewohnen, oder was geschieht, wenn sie vernichtet werden? Verdienen sie den Tod? Gilt dein Gerechtigkeitssinn nur für Wesen, die du verstehst? Kannst du eine dieser Fragen beantworten?“

Er blickte Sorin prüfend an.

„Und Sorin, ausgerechnet du solltest doch die Notwendigkeit eines Gleichgewichts verstehen.“

Die Bemerkung erschien ihr sehr gezielt, doch sie wusste nicht genug von Sorins Vergangenheit, um sich dessen sicher sein zu können.

„Du sprichst nur von Vermutungen“, sagte Sorin. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du so scheinheilig zur Vorsicht raten würdest, wäre deine Welt in Gefahr.“

Auch diese Worte wirkten gezielt. Und Ugin hatte den Namen seiner Heimatwelt noch nicht genannt, oder doch?

<ü>„Was also schlägst du vor?“, fragte Nahiri. „Du sagst, du willst sie aufhalten, ohne sie zu vernichten. Du musst einen Plan haben.“

„Wir können sie gefangen setzen“, sagte Ugin. Er beschwor eine weitere Illusion herauf: den Plan eines unfassbar komplexen Netzwerks mit Tausenden von Knoten und Hunderten sanft geschwungener Linien. „Binden wir sie an eine Welt, indem wir ihre körperlichen Formen als Anker verwenden, und zwingen wir sie in einen Schlaf. Im Gegensatz dazum, sie zu töten, wäre dies zumindest möglich. Und ich würde Zeit gewinnen, sie weiter zu studieren, ohne dass weitere Welten fallen.“

„Du glaubst, du kannst alle von ihnen einsperren?“, fragte Nahiri.

„Alle drei, ja“, sagte Ugin.

„Drei?“, fragte Sorin. „Du solltest deine Notizen überprüfen, Drache. Wir haben gegen Tausende von ihnen gekämpft.“

„Ihr habt Abbilder bekämpft“, sagte Ugin mit einer leichten Handbewegung. „Organe einer größeren Wesenheit. Es befinden sich drei wahre Eldrazi im Multiversum. In ihrer Abwesenheit wird ihre Brut verdorren und absterben, wie eine Hand oder ein Fuß. Wir locken diese drei auf eine Welt und halten sie dort fest.“

„Diese Welt würde geopfert werden?“, fragte Sorin.

„Zumindest aufs Spiel gesetzt“, sagte Ugin. „Doch die Mittel, mit denen wir die Eldrazi einkerkern, helfen auch dabei, sie in Starre zu halten. Wenn wir Erfolg haben, würde die Welt, die sie gefangen hält, zwar beschädigt, aber nicht vernichtet. Versagen wir jedoch, dann ist sie sehr wohl dem Untergang geweiht. Doch dies war sie ohnehin.“

„Und welche Welt beabsichtigst du ... aufs Spiel zu setzen?“, fragte Nahiri.

Ugin blickte sich um, und sein gehörnter Kopf schweifte dabei umher, als wolle er den Ausblick auf die Felsen Akoums in seiner Gänze erfassen.

[autocard]Gebirge[/autocard] | Bild von Véronique Meignaud

„Sie sollte groß sein“, sagte er. „Reich an Mana. Schwach bevölkert. Vorzugsweise ein Ort, an dem wir leicht eine Basis errichten können. Eine Welt, die nicht unter dem Schutz eines anderen Planeswalkers steht, und irgendwo, wo einer von uns Wache halten kann, während die Eldrazi schlafen.“

Da war sie. Die hässliche Wahrheit. Nach all dem Gerede darüber, das Richtige zu tun ...

„Innistrad erfüllt diese Anforderungen nicht“, sagte Sorin. „Wie wäre es mit deiner Heimatwelt, wo auch immer diese ist?“

„Sie ist ebenfalls ungeeignet“, sagte Ugin. „Wir könnten nach einer solchen Welt suchen, doch das würde Zeit brauchen. Zeit, in der weitere Welten fallen. Es wäre besser, sofort zu beginnen.“

Die beiden uralten Planeswalker wandten sich zu Nahiri um. Ugin wirkte teilnahmslos. Sorin blinzelte einmal langsam mit seinen hellorangenen Augen wie eine Katze, die ihre Beute taxierte.

Sie griff nach dem steingeschmiedeten Schwert, das sie aus der Erde einer sterbenden Welt geformt hatte.

„Nein.“

„Nahiri!“, sagte Sorin in jenem Tonfall, der für sie immer nach einem überbesorgten Elternteil klang. „Du hast gesehen, was sie diesem Ort angetan haben. Du kannst verhindern, dass es erneut geschieht. Du hast Ugin gehört. Wenn wir Erfolg haben, wird Zendikar überleben.“

„Aufs Spiel gesetzt“, sagte Nahiri. „Beschädigt. Mit welchem Recht kann ich jeden hier in Gefahr bringen?“

„Mit welchem Recht kannst du das nicht?“, fragte Ugin. „Ich sage dir, dass wir eine Welt aufs Spiel setzen müssen, um alle anderen zu retten. Dass alle Welten, einschließlich dieser, bereits in Gefahr sind. Die Entscheidung liegt auf der Hand.“

Er senkte den Kopf, um ihr in die Augen zu blicken.

„Falls du es vorziehst, deine eigene Welt nicht in Gefahr zu bringen, dann können wir uns die Zeit nehmen, eine andere zu finden, die unseren Ansprüchen genügt. Wird sie von einem Planeswalker bewacht, so überzeugen wir diesen Wächter, uns beizustehen – notfalls mit Gewalt. Ist sie unbewacht, so beginnen wir einfach.“

„Und was gibt uns das Recht dazu?“, fragte Nahiri erneut. „Ja, schön. Wir setzen eine Welt aufs Spiel, um alle anderen zu retten. Wenn wir diese Eldrazi aufhalten können, dann bleibt uns ... vielleicht ... keine andere Wahl. Doch was gibt uns das Recht, darüber zu entscheiden, welche Welt diese Bürde auf sich nehmen soll?“

„Welche andere Möglichkeit haben wir denn?“, fragte Sorin. „Sollen wir eine Versammlung einberufen?“

„Aus diesem Grund habe ich Zendikar gewählt“, sagte Ugin ruhig. „Denn diese Welt hat bereits eine Beschützerin, die beschlossen hat, sich ihres Schicksals anzunehmen. Jemand, der das Richtige tun will.“

„Und wenn ich mich weigere?“, fragte Nahiri. „Wirst du mich dann ‚mit Gewalt‘ überzeugen?“

„Nein“, sagte Ugin. „Denn ich brauche zudem deine Hilfe.“

Sorin und Nahiri schauten zu dem leuchtenden Drachen auf.

„Ihr beide besitzt Fähigkeiten, die mir fehlen“, sagte Ugin. „Und die Aufgabe ist zu groß für einen Planeswalker allein, ganz gleich, wie mächtig er ist. Drei von ihnen, drei von uns. Gemeinsam können wir alles retten, was es zu retten gilt.“

Nahiri kniete nieder und presste die Hand auf den Boden. Akoum war stark vulkanisch, und der Boden pulsierte im Herzschlag des sich umherwälzenden Magmas. Sie weitete ihre Wahrnehmung aus – zum grollenden Ondu und dem von Flüssen durchzogenen Tazeem und dem schwefeligen Guul Draz. Sie spürte Zendikar. Alles darauf. Doch seine Bewohner waren ihr ein Rätsel, der Klang ihrer Schritte nur ein Wispern gegenüber dem Rumoren der lebendigen Erde.

Bild von John Avon

Sie dachte an diese Risse in der Erde zurück, an jenes weiße Licht, das aus dem Nichts kam und alles ins Nichts hineinzog.

Wenn man sie nicht aufhielt, würden sie unweigerlich irgendwann hierherkommen. Sie würden kommen, und sobald das geschah, würde sie ihre Welt nicht beschützen können. Und wenn sie sie auf irgendeiner anderen Welt gefangen setzte, um ihre eigene zu retten – könnte sich dann selbst vergeben? Die Luft ihrer geliebten Heimat wäre auf ewig von Schuld vergiftet.

Zendikar war stark. Es würde den Eldrazi lange genug standhalten können, um sie dort einzusperren. Zendikar würde ihr Kerker sein, Nahiri ihre Kerkermeisterin – eine Welt und eine Planeswalkerin, die unerschütterlich alle anderen beschützten.

Sie stand auf und blickte hinaus auf die raue Schönheit Akoums.

„Wie lautet der Plan?“


Ugins Vorbereitungen waren sehr gründlich gewesen. Er hatte eine Möglichkeit ausgearbeitet, die Eldrazi mit Hilfe eines sorgfältig geformten Netzwerks aus Ley-Linien und magischen Knoten einzufangen. Was er brauchte, war jemand, der es baute.

Nahiri war sehr gut darin, Dinge zu bauen.

Vierzig Jahre nahezu ununterbrochener Anstrengungen waren nötig. Eines nach dem anderen zog sie sorgfältig geformte Steingebilde aus der Erde – Polyeder hatte Ugin sie genannt, und der Name blieb haften. Sie füllte den Himmel Zendikars mit Felsen, in die Ugin Drachenrunen ritzte, die sie in der Luft halten und die Eldrazi an diesen Ort binden sollten.

Die Polyeder waren Köder und Falle zugleich. Sie sandten Impulse magischer Energien aus, die die Eldrazi anzogen wie der Geruch frischen Blutes Haie. Langsam, schwerfällig – und, wie Sorin berichtete, andere Welten auf dem Weg ignorierend – näherten die Eldrazi sich Zendikar.

Nahiri verbreitete die Kunde, was kommen würde, über die Welt: Unter dem Meeresvolk, den Kor, den Menschen und den Elfen. Die reptilienhaften Surrakar flüsterten in den sprudelnden Tiefen vom Herannahen ungeheuerlicher Götter, und die Engel Zendikars patrouillierten wachsamen Blicks am Himmel zwischen den Polyedern.

Bild von Eric Deschamps

Als die Eldrazi kamen, war Zendikar so bereit für sie, wie eine Welt es nur sein konnte.

Ein einzelner Titan der Eldrazi aus der Ferne war schon eine ungeheuerliche Abscheulichkeit gewesen. Drei von ihnen, auf einmal, aus nächster Nähe – das war geradezu ein Ding der Unmöglichkeit.

Der eine, den Sorin und Nahiri bereits gesehen hatten – jene gewaltige Kreatur, die Ugin Ulamog nannte –, war tatsächlich der kleinste der drei. Der Titan namens Kozilek bahnte sich seinen Weg durch die Polyeder. Gewaltige schwarze Klingen aus Obsidian wirbelten um das, was sein Kopf hätte sein sollen. Und über ihnen allen erhob sich in jedem nur erdenklichen Sinne dieses Wortes Emrakul, ein entsetzlicher Turm aus wallendem Fleisch und tastenden Tentakeln, der träge über der zersplitterten Erde schwebte.

Ugin stieß seinen Geisterfeuerodem aus und versengte die Brut der Eldrazi mit unsichtbaren Flammen. Sorin begegnete ihrer lebensraubenden Macht mit seiner eigenen und saugte sie aus, ehe sie zu viel von Zendikars Lebenskraft in sich aufnehmen konnten. Die Völker Zendikars kämpften gegen die Heerscharen der Titanenbrut, doch es war deutlich, dass auch sie überrannt werden würden, falls der Ansturm andauern sollte.

Achtlos und ohne jede Rücksicht bahnten sich die Titanen unerbittlich ihren Weg zum Nexus des Polyeder-Netzwerks, der Quelle jenes Rufes, der sie hierhergeführt hatte, dem Auge des Sturms.

Nahiri erwartete sie in der unterirdischen Kammer, die Sorin und sie das Auge von Ugin getauft hatten. Für Sorin sprach wahrscheinlich nur Spott daraus. Für Ugin mochte Stolz darin mitklingen, doch das war schwer zu sagen. Für sie war der Name eine Botschaft: Vergiss niemals, Drache. Dies alles war deine Idee.

Eine Woge von Mana brandete auf, und dann waren Sorin und Ugin bei ihr. Die Erde bebte, die kristallenen Wände des Auges sangen durch die Schwingungen.

„Sie sind in Position“, sagte Ugin.

Die drei Planeswalker bündelten ihre unermessliche Macht an einem einzigen Punkt, einem Nexusstein, der durch unsichtbare Linien aus Kraft und Mana mit allen anderen Polyedern verbunden war.

Bild von Sam Burley

Jeder einzelne Polyeder auf der Welt erglühte, als sie ihre neuen Positionen einnahmen. Das Netzwerk begann, seine endgültige Form zu erlangen. Vom eisigen Sejiri bis zum Silundi-Meer bäumte sich Zendikar vor Anstrengung auf.

Dann war es getan.

Sie versiegelten die Kammer mit einem mystischen Schloss, das nur von allen drei Planeswalkern zusammen geöffnet werden konnte, und machten sich auf den Weg an die halb verwüstete Oberfläche.

Über den Hochländern Akoums standen die drei Eldrazi wie versteinert da, umgeben von einem Netz aus schwebenden Polyedern. Nahiri kannte die Erde hier. Sie reagierte bereits: Sie wuchs über die großen Eldrazi wie Schorf über eine Wunde. Die Zähne Akoums würden sie verschlingen, und die Bewohner Zendikars würden ihre Brut von ihrer Welt tilgen. Zendikar hatte überlebt – geschunden zwar, doch ungebrochen –, und seine Bewohner würden lernen, im Schatten der Polyeder zu leben.

„Gut gemacht, Nahiri“, sagte Sorin. „Dies ist dein Werk. Dein Opfer.“

Die drei würden die Stärke des Schlosses prüfen, um sicherzustellen, dass die Titanen eingeschlossen waren. Vielleicht würden Sorin und Ugin ihr helfen, die Oberfläche von der Brut der Eldrazi zu säubern. Sie hoffte es. Und dann, früher oder später, würden die beiden älteren Planeswalker fortgehen und Nahiri mit den Eldrazi zurücklassen.

Sie blickte auf die stummen, versteinerten Gestalten. Bollwerke aus Stein begannen sich bereits um sie herum zu formen. In ein paar Tausend Jahren würden sie vielleicht vergessen sein, ihre Vernichtung nur eine Legende. Doch Nahiri würde sie nicht vergessen, und ebenso wenig das Land selbst.

„Dies war unser gemeinsames Werk“, sagte sie. „Mein eigenes nimmt gerade erst seinen Anfang.“

Bild von Igor Kieryluk