Ich erinnere mich noch gut an ein bestimmtes Ereignis, als ich vierzehn war. Meister von Kamigawa kam raus und mit ihm diese kleine Karte hier:

Kaum hatte die Nachricht von der Schädelentfernung das Internet erreicht, setzte die große Aufregung ein. Die Leute begannen, über die Decks zu sprechen, in denen sie wahrscheinlich gespielt werden würde, sowie über all die Strategien, die ihretwegen nun nicht mehr richtig aufgehen konnten. Und über die vielen starken Möglichkeiten, diese Karte einzusetzen – sowohl offensiv als auch defensiv. Sie wurde zu einer der gefragtesten Karten im gesamten Set.

Einen Großteil des darauffolgenden Jahres brachte ich damit zu, Decks zu spielen, die auf irgendeine Weise Schädelentfernungen vorsahen. Ob nun in einem schwarzen Kontrolldeck oder in einem grünen Deck, das einen einzelnen Sumpf einstreute, um sie spielen zu können: Die Schädelentfernung wich nur höchst selten von meiner Seite.

Ich habe eine Menge Erfahrung mit der Durchführung von Schädelentfernungen.

Seither haben wir einige Variationen von ihr gesehen. Ausrupfen. Erinnerungstötung. Endlose Auslöschung. Und selbst vor der Schädelentfernung gab es Karten wie Ausrotten, Lobotomie und Narrenkappe. Jede hat ihre eigenen Vor- und Nachteile. Die Grundidee ist jedoch immer die gleiche: dem Gegner eine bestimmte Karte zu entziehen.

Seit damals habe ich mich als Spieler weiterentwickelt und vieles gelernt. War es rückblickend richtig, immer mit der Schädelentfernung zu spielen? Nein! War es falsch, so lange mit ihr zu spielen? Ebenfalls: Nein! Wenn sie richtig gespielt wird, ist sie eine extrem mächtige Karte – und andernfalls genau das Gegenteil.

Kaladesh führt die nächste Karte dieser Abstammungslinie ein. Und auch die ist eine mächtige Waffe – wenn sie denn richtig geführt wird.

Lasst mich euch also nun den neuesten Spross dieser Kartenfamilie vorstellen:

Hmmm, was passiert denn da auf der Illustration und im Anekdotentext? Ist das eine Anspielung auf Kiran Nalaar, die ich da sehe? Das überlasse ich lieber dem wundervollen Storyteam ...

Verlorenes Vermächtnis
Verlorenes Vermächtnis | Bild von Greg Opalinski

Sprechen wir also über diese Karte.

Verlorenes Vermächtnis ist ein Mana günstiger, als es diese Art von Effekt normalerweise ist, was einen großen Unterschied ausmachen kann, falls ihr versuchen wollt, eurem Gegner überraschend in die Frühphase der Partie hineinzugrätschen. Man kann zwar keine Artefakte damit erwischen, doch obwohl es jede Menge von ihnen in Kaladesh gibt, sind sie ohnehin nicht das Erste, was ihr damit benennen wollt.

Der Ausgleich besteht darin, dass der Gegner eine andere Karte dazubekommt, falls ihr eine aus seiner Hand erwischt. Und das ist im Allgemeinen auch schon okay so. Und warum? Ganz einfach: Wenn ihr diese Sache richtig anstellt, sollte die Strategie des Gegners so sehr darunter leiden, dass diese eine zusätzliche Karte keine Rolle mehr spielt.

Was genau meine ich damit? Nun, schauen wir uns diesen Effekt mal etwas genauer an.

Eine verlorene Schlacht

Diese Art von Effekt kann sehr verlockend aussehen.

Für drei Mana werdet ihr die Karte des Gegners los, die euch gerade am meisten nervt. Gideon, Verbündeter von Zendikar vermiest euch den Tag? Weg mit ihm!

Das hat allerdings seinen Preis: einen Kartennachteil.

Sagen wir, euer Gegner hat keine dieser Karten auf der Hand oder auf dem Friedhof. Dann habt ihr gerade Mana ausgegeben, ohne den Zustand der Partie auch nur irgendwie zu beeinflussen. Ihr habt euch um nichts auf dem Board gekümmert. Sicher, ihr kennt nun den Inhalt der Bibliothek eures Gegners und euer Gegner zieht für den Rest der Partie etwas schlechter, aber es gibt keine Garantie dafür, dass das überhaupt eine Rolle spielt. Euer Gegner könnte ganz einfach statt dieses Gideons etwas anderes Gutes ziehen.

Und für einen derart minimalen Einfluss auf die Partie lohnt es sich schlichtweg nicht, eine Karte auszugeben. Ihr könnt nur eine bestimmte Anzahl an Karten in eurem Deck haben, und das Ergebnis des Ausspielens dieser einen Karte ist gegen die meisten Decks den Slot nicht wert. Es gibt viele, viele Karten, die ähnlich stark sind wie Gideon, welche der Gegner stattdessen ziehen könnte.

Außerdem gibt das Verlorene Vermächtnis dem Gegner oft eine Karte zurück: Selbst wenn er die fragliche Karte auf der Hand hat, zieht er eine andere Karte nach. Mit einem Verlorenen Vermächtnis allein könnt ihr in aller Regel noch nicht mit ihm gleichziehen, wenn es drauf ankommt.

Und dennoch sagte ich gerade eben, dass diese Art von Effekt extrem mächtig sein kann – so mächtig sogar, dass ich damit rechne, ihn im Standard zu sehen.

Wie kann das sein? Lest weiter!

Vermächtnis des Sieges

Das Wirken von Karten wie Verlorenes Vermächtnis, um mit ihnen eine bestimmte Bedrohung unter vielen aus dem Deck des Gegners zu entfernen, stellt nicht die optimale Einsatzmöglichkeit für diese Karte dar. Um die Tatsache, dass ihr nichts zum Board beitragt, wieder wettzumachen, müsst ihr mehr tun, als dem Gegner nur das Ziehen zu erschweren: Ihr müsst seine gesamte Strategie unterlaufen.

Glücklicherweise gibt es einige Decks im Standard, bei denen das Verlorene Vermächtnis genau das tut.

Dieser Effekt glänzt besonders dann, wenn die Strategie des Gegners auf einer bestimmten Karte beruht und seine gesamte Strategie in sich zusammenbricht, sobald sämtliche Exemplare dieser Karte ins Exil geschickt werden. Nicht nur eine bestimmte Strategie von vielen, die potenziell zum Sieg führen können, sondern genau die, die das Deck immer und immer wieder einsetzt.

Das klassische Beispiel hierfür ist ein Kombodeck. Stellt euch vor, ihr spielt gegen jemanden, der versucht, euch im Modern per Kombo zu besiegen, indem er auf ein Lebendiges Lebensende hinarbeitet.

Seine gesamte Strategie besteht darin, Karten wie den Todeswurf-Minotaurus und den Monströsen Karabiden umzuwandeln, um dann durch das Lebendige Lebensende einen gut gefüllten Friedhof zurückzubringen.

Wirkt ihr nun euer Verlorenes Vermächtnis gegen das Lebendige Lebensende, funktioniert dieses Deck plötzlich nicht mehr. Und es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass ein paar Monströse Karabiden euch im Modern gefährlich werden können.

In diesem Fall sind alle Karten, die ihr dem Gegner durch das Verlorene Vermächtnis zurückgebt, irrelevant. Die Tatsache, dass ihr keinen Karten- oder Boardvorteil erzeugt habt, ist ebenfalls irrelevant. Ihr habt einfach die komplette Strategie des Gegners zunichtegemacht, und nun hat er euch nur noch sehr wenig entgegenzusetzen. Ihr habt also den wichtigsten aller Vorteile erzeugt: einen Spielvorteil!

In genau solchen Fällen ist Verlorenes Vermächtnis absolut verheerend.

Das mag ein Beispiel aus dem Modern sein, doch es ist überall anwendbar. So gibt es beispielsweise eine Menge Standarddecks, die um das Wirken und das Ausnutzen einer bestimmten Karte herum aufgebaut sind. Ich bin sicher, dass ihr diese Karte hier wiedererkennt:

Das ist zwar nicht ganz das Gleiche, wie sämtliche Bausteine einer Kombo aus einem Deck zu entfernen, doch für manche Decks kann es schon verheerend sein, alle Emrakuls zu verlieren. Das kann sich also durchaus lohnen. Aus einem Deck wie Ken Yukuhiros rot-grünem Delirium von der Pro Tour zu Düstermond lassen sich sicher eine Menge anderer Bedrohungen herausnehmen, sobald Emrakul erst mal vom Tisch ist. Und dabei sprechen wir noch nicht mal davon, dass ihr das Verlorene Vermächtnis mehr als einmal ziehen und dadurch tatsächlich alle Bedrohungen loswerden könnt, denen ihr euch gegenüberseht. Bedenkt bitte auch, dass das Verlorene Vermächtnis Karten vom Friedhof ins Exil schickt und so auch gegen Karten wie den Weltenbrecher wirkt, die ja wiederholt aus dem Friedhof heraus agieren!

Diese Präzision ist der Grund, weshalb diese Art von Karten sich üblicherweise toll im Sideboard machen, um dann ins Spiel zu kommen, wenn man gegen Decks antritt, gegen die sie am stärksten sind. Umgekehrt liegen sie auf diese Weise gegen Decks, deren Strategie nicht auf einzelnen Karten beruht, nicht nur tot auf eurer Hand. Und das Verlorene Vermächtnis passt exakt zu dieser Beschreibung. Ich kann mir vorstellen, dass es in vielen Sideboards von Decks mit Schwarz auftauchen wird. Im Modern kann es mit drei Mana gegen Kombos effektiv sein, und im Standard ist es eine gute Option, wenn irgendein Deck sich allzu sehr darauf versteift, unbedingt eine ganz bestimmte Karte spielen zu wollen.

Gefundenes Vermächtnis

Wir schützt man sich denn aber überhaupt gegen Karten wie Verlorenes Vermächtnis? Nun, die beste Methode besteht darin, die eigenen Bedrohungen möglichst breit zu streuen. Die wichtigen Bedrohungen (zumindest nach dem Sideboarden) zu splitten, indem man zwei mal zwei Exemplare verschiedener Karten anstatt vier Exemplare von nur einer spielt, ist eine gute Möglichkeit.

Ist dies die Art von Gegenmaßnahme, die ihr ergreifen müsst? Das wird wohl davon abhängen, wie sich das Standard entwickelt. Schaut euch die weiteren Previews zu Kaladesh an, beginnt damit, Decks zu bauen, und wir werden sehen, was passiert. Ich wäre jedenfalls nicht überrascht, wenn das Verlorene Vermächtnis zu einer Sideboard-Karte wird, die man beim Deckbau wirklich im Hinterkopf behalten sollte.

Und das war es auch schon mit meiner Vorschau auf das Verlorene Vermächtnis. Ich hoffe, ich konnte euch eine bessere Vorstellung davon verschaffen, wie man es sinnvoll einsetzt. Wirkt es weise!

Falls ihr Fragen oder Anmerkungen habt, dann schickt sie mir gern über Twitter oder Tumblr. Und natürlich könnt ihr mir auch eine E-Mail an BeyondBasicsMagic@gmail.com schreiben.

Nächste Woche bin ich wieder zurück und zeige euch eine weitere Preview-Karte aus Kaladesh. Bis dann!

Gavin
@GavinVerhey
GavInsight