Teysa Karlov ist eine der treibenden Kräfte an den Höfen der Stadtwelt Ravnica. Doch sie will mehr. Dank ihrer ausgezeichneten Kenntnis der Rechtsmagie Ravnicas und der Unterstützung eines Boros-Soldaten ist sie nun endlich bereit, nach der Macht zu greifen. Doch zunächst muss sie ihren Frieden mit ihrem verräterischen und herrischen Ahnen Karlov machen, der sich von der Tatsache, dass er tot ist, noch nie hat aufhalten lassen ...


Teysa Karlov hatte einen weiteren ganzen Tag damit zugebracht, sich von den Toten anschreien zu lassen.

Dieses Mal hatte der Rat der Geister der Orzhov nicht einsehen wollen, warum es rein rechtlich betrachtet schwierig sein sollte, einen Schuldner zu fünfhundert Jahren Knechtschaft zu verurteilen. Teysa hatte geredet, bis sie heiser war.

Die Große Gesandte der Orzhov ließ sich mit ihrem Gehstock in der Hand in ihren Lieblingssessel fallen. Einer der Grugg-Brüder hatte ihren Schreibtisch aufgeräumt – gesegnet sollte er sein! – und einen Stapel Papiere hinterlassen, den sie durchgehen musste. Teysa Karlov sortierte und las ihre alte Post sorgfältig, ehe sie sie in die knisternde Feuerstelle in ihrem Arbeitszimmer warf.

Ein Fortschrittsbericht bezüglich der Tunnelarbeiten von Tajic.

Eine Prüfanforderung seitens des Obzedat.

Eine mehrere Wochen alte Bestätigung eines Termins mit dem Lebenden Gildenbund. Teysa grinste. Welch ein Treffen das gewesen war.

„Würdet Ihr mir zustimmen, dass der Inhalt der Regelungen und Vorschriften zur Sicherheit, insbesondere Artikel 14, existiert und geltendem Recht entspricht?“

„Ja? Fräulein Karlov, ich bin außerordentlich beschäftigt und muss jetzt gehen“, hatte Jace insistiert, während er mit schweißnasser Stirn einen Greifhaken und einen Reisemantel in eine Tasche stopfte.

„Würdet Ihr mir des Weiteren zustimmen, dass Diebstahl gesetzeswidrig ist?“

„Ja. Bitte geht.“

Nachdem sie ihn gebeten hatte, nicht weniger als zwanzig Gesetze und Gesetzesvorgaben zu bestätigen, hatte es sich sehr wohl gelohnt, vom Lebenden Gildenbund persönlich vor die Tür gesetzt zu werden. Dieses Treffen war Wochen her, doch Teysa freute sich noch immer diebisch über seine entzückende Gereiztheit.

Sie warf den Stapel Briefe ins Feuer, das sie mit der Spitze ihres Gehstocks anfachte. Sie ging eine gedankliche Liste durch, während sie in der Behaglichkeit ihres Arbeitszimmers zu lesen begann. Das Feuer flackerte zu ihren Füßen und wärmte ihr die schweren Beine.

Teysa, Gesandte der Geister | Bild von Karla Ortiz

Sie hatte Das offizielle Abkommen und Ziel der Gilden Ravnicas lange vor dem Labyrinth geschrieben. Lange bevor der Gildenbund einen Körper hatte und schlafen, essen, sich erleichtern und sterben konnte wie der Rest der Welt. Besagtes Gesetzbuch lag nun auf ihrem Schoß. Teysa musste es nicht aufschlagen, um seinen Inhalt zu prüfen. Morgen würde der Tag sein, an dem sie handelte. Teysa suchte einfach nur Trost in ihrem stolzesten Werk.

Endlich hatte sie die Mittel, ihre Gilde neu zu formen, die Verbündeten, ihr zu helfen, und das Schlupfloch, um einen Weg aus der Knechtschaft der grausamen Toten zu finden.

Das Beste an dieser ganzen Sache mit dem Labyrinth war tatsächlich die Niederlage gewesen. Während sie ihr Blut am Feuer wärmte, erinnerte sich Teysa daran, wie aufregend das Heraufdämmern ihrer heimlichen Erkenntnis gewesen war, als sie dabei zugesehen hatte, wie der Lebende Gildenbund nach seinem Sieg über die Auserwählten der Gilden von Niv-Mizzet geprüft worden war.

Nun da der Gildenpakt einen Körper hatte, hatte er auch eine Stimme. Und das, was diese Stimme sprach, war Gesetz. Sie konnte diese Formalität zu ihren Gunsten manipulieren, um die Vorherrschaft des Obzedat anzufechten.

Welch wunderbares Schlupfloch.

Noch vor allem anderen war Teysa eine Advokistin. Sie liebte Schlupflöcher.

„Wie ich sehe, bist du selbst in deiner Freizeit noch höchst selbstverliebt, meine teure Enkelin.“

Teysa fuhr aus ihrem Sessel auf. Die vor Fettwülsten strotzende Gestalt ihres verstorbenen Großvaters Karlov geisterte durch das geschlossene Fenster ihres Arbeitszimmers. Sie runzelte die Stirn.

„Es kümmert mich nicht, dass du nicht in der Klage bist, anzuklopfen, aber ich möchte während meiner Freizeit nicht gestört werden!“, fuhr sie ihn an. Mit einer Geschmeidigkeit, die er zu Lebzeiten mit Sicherheit nicht besessen hatte, ließ Karlov sich in einen Sessel gegenüber von Teysa nieder und beäugte das Werk auf dem Schoß seiner Enkelin, das aus ihrer eigenen Feder stammte.

„Warum liest du einen Text, den du selbst geschrieben hast, mein liebes Kind?“ Wäre er so schwer wie zu Lebzeiten gewesen, hätte Karlov die Tragfähigkeit des Sessels zweifellos überstrapaziert, doch der Tod hatte eben auch seine Vorteile. „Es sei denn natürlich, du liest lieber deine eigenen Worte, als dem Rat deiner Familie zu lauschen.“

Teysa ging im Geiste die schier endlose Liste an Streitigkeiten durch, die sie in letzter Zeit mit dem Obzedat gehabt hatte. Anstatt herausfinden zu wollen, worauf ihr Großvater da genau anspielte, stellte Teysa fest, dass es ihr im Grunde völlig gleich war.

Stattdessen richtete sie sich gemächlich in ihrem Sessel auf. „Und welchen Rat hast du wohl für mich, Großvater Karlov?“

„Hör auf damit, dich in Eitelkeiten zu ergehen“, gurrte der Geist und legte eine gewaltige Hand auf ihre Ausgabe von Das offizielle Abkommen und Ziel der Gilden Ravnicas. Er hob die andere Hand und strich seiner Enkelin mit einer großen, eigentümlich geformten Klaue über die Wange. „Denke doch lieber einmal an dein Blut. Dein sterbliches Leben wird wesentlich schneller vorübergehen, wenn du aufhörst, über Fehler der Vergangenheit nachzugrübeln.“

Teysa schluckte ihren Ekel herunter. Sie konnte die Berührung auf ihrer Wange zwar nicht körperlich spüren, aber dennoch kroch eine Woge von Übelkeit in ihren Eingeweiden hoch.

Teysa glättete ihre Gesichtszüge. „Ich lese dies, um mich an vergangene Fehler zu erinnern. Der Rat bat darum, von meinen Gesetzen ausgenommen zu sein. Ich schenkte seiner Empfehlung törichterweise keine Beachtung. Meine Position als Große Gesandte steht stets hinter den Wünschen des Obzedat zurück“, versicherte sie ihm mit säuselnder Stimme. „Meine Pflichten als Advokistin verlangen jedoch, dass ich vielerlei Texte lese. Nichts davon geschieht aus Eitelkeit.“

Der Geist blickte missbilligend drein. „Du beanspruchst noch immer den Titel Advokistin vor dem der Großen Gesandten?“

„Ich beanspruche sowohl die Titel, die man mir verliehen hat, als auch jene, die ich mir verdient habe. Ich habe hart gearbeitet, um zu einer Advokistin des Gesetzes zu werden.“

„Es gibt wichtigere Gesetze als diejenigen in deinen Büchern.“

Teysas Geduld neigte sich dem Ende zu. „Das ist nicht richtig ...“

„So ist unser Brauch! Ich habe es schon zu Lebzeiten gespürt, und umso stärker spüre ich es im Tod.“

„Du spürst im Tod doch gar nichts“, zischte sie.

Karlov versteifte sich.

„Was du spürst, ist eine nie enden wollende Wiederholung dessen, was du zu Lebzeiten gespürt hast. Schon damals warst du ein raffgieriger Drecksack von einem Mann, und im Tod bist du nur noch widerwärtiger geworden“, grollte Teysa mit einer Giftigkeit, die sie für gewöhnlich nur im Gerichtssaal an den Tag legte, doch sie konnte einfach nicht verhindern, dass ihr all diese Wahrheiten entfuhren.

Karlov hob die Augenbrauen. Seine Lippen kräuselten sich, während er sich langsam zurücklehnte. „Ich sehe nicht, was daran falsch sein sollte, mein Kind.“

Karlov vom Rat der Geister | Bild von Volkan Baga

Karlov stand auf und streckte eine durchscheinende Hand aus. Teysa wollte darauf spucken.

Gezwungen durch Jahrhunderte des Gehorsams, den die Lebenden den Toten gegenüber zeigten, beugte sich die Große Gesandte der Orzhov vor und küsste unterwürfig die Silhouette des hauchfeinen Rings des Ratsherrn. In jenem Augenblick stellte sie sich vor, ihm bis auf den Knochen in den fetten Finger zu beißen, ihn mit bloßen Händen zu würgen und sein fleischiges Gesicht zu ohrfeigen, bis er um Gnade winselte. Sie wusste, dass sie ihn in Ermangelung eines stofflichen Leibs nicht verletzen konnte.

Unter Aufbietung größter innerer Entschlossenheit löste Teysa die Lippen von dem Ring.

„Albernes Kind“, lachte Karlov. „Suche morgen meinen Thrull auf“, sagte er im Gehen beiläufig. „Bitte ihn um ein oder zwei Münzen. Kauf dir etwas Schönes.“


Teysa kaufte sich mit dieser Münze ein Messer.

Im Augenblick war es verborgen an ihre Seite geschnürt, während ihr Verbündeter – Tajic von der Boros-Gilde – sie in Ketten voranführte. Er lotste sie, die sie mit einem Schleier verhüllt und noch dazu verkleidet war, eine geschäftige Straße hinunter, vorbei an der Orzhov-Basilika. Scharen verzweifelter Besucher huschten nervös und eilig an ihnen vorüber. Eine Gruppe Geister schwebte traurig an Teysa und Tajic vorbei, während sie an einem aufgebrachten Trio Gläubiger vorbeischlurften. Es gab weder Marktplätze in Orzhova noch Händler, die ihre Waren feilboten. Es gab nichts, was die Bewohner hier hätten kaufen können – nur die Geschenke der Kirche. Orzhova war ein beängstigender Ort, wenn man kein Mitglied seiner dazugehörigen Gilde war, und die allgemeine Anspannung in den Straßen verbarg Teysa bestens vor neugierigen Blicken.

„Los doch, altes Weib!“, herrschte Tajic sie an, als sie sich gestattete, über ihr lahmes Bein zu stolpern. Ihre Verkleidung war für den Plan von entscheidender Bedeutung. Die Aufzeichnungen, die sie brauchte, befanden sich zwar in der Basilika selbst, doch sie selbst wäre viel zu auffällig gewesen, um sie dort herauszuholen. Sie brauchte ihren Freund Tajic, um sie hineinzuschmuggeln, und sie hoffte, dass dieser Vertrauensbeweis zukünftig zu einer Allianz ihrer Gilden führen würde.

Unweit des Hauptgebäudes der Kirche befand sich ein Gefängnisaußenposten der Boros. Tajic führte sie hinein und vorbei an einer Reihe von Wachen, die dem Ritter der Boros zunickten. Tajic erwiderte ihr Nicken und schon Teysa hurtig einen langen Gang voller Gefängniszellen entlang. Die leeren Blicke einiger Verbrecher, die auf ihre Verlegung ins Hauptgefängnis warteten, verfolgten Teysa durch ihren Schleier. Sie verdrehte nur die Augen.

Tajic führte sie eine gewundene Treppe in einen feuchten, unterirdischen Zellenblock hinab. Hier gab es keine Gefangenen und kein Licht, das ihnen den Weg wies. Tajic ließ sie los und Teysa lüftete ihren Schleier. Er entzündete eine Fackel, hütete Teysa in eine der Zellen und schloss hinter ihnen die Tür.

„Verzeiht, dass ich Euch vorhin ein altes Weib genannt habe“, sagte der Ritter und begann mit rauen, aber sanften Händen, Teysa von ihren Ketten zu befreien.

„Ach, das macht nichts. Ich bin alt. Rein den Zahlen nach zumindest.“

Tajic lächelte seltsam und schloss die Ketten um Teysas Handgelenke auf. Sie reckte und streckte die nunmehr freien Arme und musterte die kahle Zelle, in der sie sich befand.

Sie seufzte leise. „Gibt es hier irgendetwas, was ich als Gehstock verwenden kann?“

Tajic zog sein Schwert aus der Scheide und reichte es ihr. Der Ritter grinste. „Das hilft Euch nicht nur beim Gehen, sondern man kann damit auch hervorragend Gläser öffnen und gelegentlich ein, zwei Leute töten.“ Teysa griff nach dem Heft und probierte ihren behelfsmäßigen Gehstock aus. Sie ging zur Wand hinüber und stieß einen Stein ganz am Ende der Zelle an.

„Ich glaube, ich habe hier unten ein gutes Versteck ausgesucht. Keine der anderen Wachen hat jemals den Eingang gefunden“, sagte Tajic stolz und deutete auf jenen Teil der Wand, der die Tür verborgen halten musste. Unzählige schlaflose Nächte hatte es gedauert, die Strecke von dreihundert Schritt, die die Zelle der Boros vom Archiv des Obzedat trennte, mit einem auf magische Weise gegrabenen Tunnel zu überwinden.

Tajic, Schwert der Legion | Bild von James Ryman

Tajic klopfte gegen einen Stein, der aus der Wand der spärlich beleuchteten Zelle hervorragte. „Ich kann sie selbst öffnen, aber vielleicht möchtet Ihr zuerst sehen, ob Eure Methode Wirkung zeigt?“

„Jedes vom Lebenden Gildenbund mündlich bestätigte Gesetz ist durch denjenigen, gegenüber dem diese Bestätigung geäußert wurde, nicht zu brechen“, sagte sie, während sie die Verkleidung ablegte, die sie auf der Straße getragen hatte. „Alles, was ich tun muss, ist, mich unmittelbar auf ein von ihm bestätigtes Gesetz berufen, und dann wird mein Wille sich manifestieren. Ich habe ihn etwa zwanzig unwichtigere Gesetze bestätigen lassen. Er wirkte noch nie so geplagt.“ Teysa lächelte. „Es war köstlich.“

Tajic erwiderte ihr Lächeln und tippte die Wand an, um Teysa durch eine Öffnung zu führen, die er geschaffen hatte. Die Decke war niedrig – verständlich angesichts der Tatsache, dass der Gang schnell und heimlich ausgehoben worden war –, und das Licht der Fackel vermochte kaum die Wand am anderen Ende des Tunnels zu erleuchten.

Teysa duckte sich und stützte sich mit einer Hand an der Wand ab, während sie auf dem dunklen Pfad voranschritt. Ihr neuer Gehstock klackte auf dem steinernen Boden und sandte Echos in die Finsternis vor ihnen. Tajic schloss noch die Wand hinter ihnen, ehe er durch den engen Durchgang rasch zurück an Teysas Seite eilte.

Schleichweg der Diebe | Bild von Christine Choi

„Ihr müsstet nichts von all dem hier tun“, sagte Teysa. „Der Rat der Geister hat Euch doch im Grunde nichts getan.“

„Ihr seid eine starke Anführerin und Verbündete. Eure Talente sind verschwendet, solange Ihr unter der Knute des Obzedat steht.“

„Wie schmeichelhaft, Tajic.“

„Zudem kann ich Geister nicht leiden“, vertraute er ihr an. „Nichts für ungut.“

„Grämt Euch nicht.“ Teysa strich mit der Hand über die Wand des Tunnels. „Diese toten Männer haben Euren Abscheu verdient.“

Sie erreichten das Ende des Gangs. Teysa sammelte sich und deklamierte aus dem Gedächtnis: „Grundsätze und Vorgehensweisen, Paragraf 12, Absatz 4.“ Ihr Herz machte einen Sprung, als geliehene Gesetzesmagie durch ihre Stimme strömte. „Offiziellen Vertretern einer Gilde ist die Durchquerung eines durch eine andere Gilde kontrollierten Wohn- oder Geschäftssitzes bei Vorliegen eines offiziellen Schreibens gestattet.“

Tajic reichte ihr ein Schriftstück, das er im Vorgang angefertigt hatte. Es wirkte klein in seinen Händen. Teysa hielt das Schreiben gegen den Stein und spürte, wie die Wand leicht erzitterte.

Sie trat zurück, als die Wand sich drehte und Steine sich nach innen falteten, um den Blick auf eine schier undurchdringliche Finsternis preiszugeben. Grober Staub rieselte zu Boden, und die beiden Eindringlinge fanden sich vor einem dunklen Raum voller Akten und Aufzeichnungen wieder. Teysa wand sich.

„Igitt“, keuchte sie. „Gesetzesmagie fühlt sich eigenartig an.“

„Wie denn?“, fragte der Ritter. Teysa verzog das Gesicht.

„Mehlig. Lauwarm. Wie ein Abendessen mit der Familie, dem man sich nicht entziehen konnte.“ Sie schüttelte ein Schaudern ab.

Tajic gab ein teilnahmsloses Geräusch von sich. „Eine präzise Beschreibung einer jeder meiner Begegnungen mit den Azorius.“

Teysa stieß ein kurzes Lachen aus und reichte Tajic sein Schwert. „Haltet Euch bereit. Vielleicht gibt es hier Zauber, die Alarm auslösen“, warnte die Abgesandte. Beim Eintreten musterte sie die Wände voller Bücherregale, während sich das Portal hinter ihr und dem Ritter wieder von selbst versiegelte.

Bis auf den warmen Schein ihrer Fackel auf den unzähligen Bücherstapeln war es im Archiv stockdunkel. Teysa stand still und deklamierte: „Regelungen und Vorschriften zur Sicherheit, Artikel 14: Alle angewendeten Sicherheitsmaßnahmen müssen vom Büro für Bibliotheks- und Informationsangelegenheiten des Azorius-Senats vor Inspektion und Inbetriebnahme genehmigt werden. Bei Zuwiderhandlung droht eine Untersuchung.“

Kleine Fäden erschienen in der Luft, und das Licht der Fackel traf auf ein Netz silbrigen Schimmerns.

„Dort. Berührt sie nicht und folgt mir“, wies sie ihn an. Tajic gab ihr das Schwert zurück, als sie an den Bücherreihen entlangschritt, und duckte sich vorsichtig unter dem Wirrwarr funkelnder Magie hinweg.

Als sie das Knäuel von Fäden hinter sich gelassen hatten, fiel das Licht ihrer Fackel auf eine rußgeschwärzte Kristalltür, in die Tausende von Edelsteinen eingelassen waren. Welcher Handwerker sie auch immer angefertigt haben mochte, hatte mehr Wert auf die Größe der Edelsteine als auf die Ästhetik seiner Arbeit gelegt. Das, was als große Zurschaustellung von Reichtum angelegt war, wirkte nun wie ein verzweifelter Versuch, einen leeren Raum zu beeindrucken.

Gottloser Schrein | Bild von Cliff Childs

„Das ist das Protzigste, was ich je in meinem Leben gesehen habe“, merkte der Soldat nüchtern an.

„Wir betreten das Allerheiligste des Obzedat. Glaubt mir: Drinnen ist es noch schlimmer“, sagte Teysa und nahm mit einem Lächeln ihr neues Messer zur Hand. „Dieser nächste Teil ist etwas, was ich geschrieben habe.“

Ohne eine Regung schnitt sie sich in den Unterarm, während sie deklamierte: „Artikel 12 der Orzhovniha: Einem Regierungsvertreter der Orzhov ist nach Feststellung der Identität Einlass in die Kammern des Obzedat zu gewähren.“

Teysa kniete sich nieder und schmierte ihr Blut diskret an eine der unteren Ecken der Tür.

„Warum dort unten?“, fragte Tajic.

Teysa zuckte die Schultern. „Es ist eine teure Tür.“

Das Blut wurde schnell aufgesogen, als ein Schloss tief im Inneren der Konstruktion aufsprang. Teysa machte sich daran, die edelsteinbeladene Tür zu öffnen.

„Als könnten diese toten Elstern wirklich irgendetwas wegwerfen, was ihnen gehört“, sagte Teysa, während sie keuchend die Tür aufzustemmen versuchte. Tajic wollte ihr helfen, doch Teysa fuhr gedankenverloren fort: „Kaum zu glauben: Mein Onkel sagte mir, die Leichen wären verbrannt worden. Ha!“

Die Tür schwang auf, und der Ritter ächzte voller Erstaunen.

Dutzende von glitzernden, ledrigen Leichen, die mit Gold und Samt behängt waren, saßen auf an den Wänden des Raums aufgereihten Thronen. Schweigend und für die Ewigkeit bewahrt ruhten hier die sterblichen, mumifizierten Gefäße aller Patriarchen und Matriarchinnen des Obzedat. Alle waren von Kopf bis Fuß mit scheinbar sämtlichen Schmuckstücken behängt, die sie zu Lebzeiten ihr Eigen genannt hatten. Ausgestellte, weite Kleidung bedeckte dürre Skelette, in deren Augenhöhlen und orzhovischen Missbildungen – an einigen offensichtlicher als an anderen – man Diamanten und Gagate gelegt hatte. Schwarze Samtroben glänzten schwach auf der alten, gespannten Haut der Leichen, und Aberdutzende von Ringen waren auf knochige, fleischlose Finger gesteckt worden. Die Throne, auf denen die Leichname arrangiert waren, schimmerten von Ebenholz und Obsidian auf einem polierten Fußboden, in den glitzernde Diamanten eingelassen waren.

Tajic hielt an und starrte nach oben auf die Scharen weiterer Leichen, die auf verzierten Regalen entlang der Wände der Kammer des Obzedat aufgebahrt lagen. Das Alter der Leichen und ihrer Habseligkeiten stieg an, je näher sie der Decke kamen, die von einem imposanten Mosaik aus Diamanten bedeckt war. Das Licht von Tajics Fackel brach sich unendlich oft, während Teysa voller Zuversicht zur Mitte der leeren Halle schritt. Ihre Augen musterten den Boden. Die schmalen Fugen zwischen den Edelsteinen waren mit Gold und Platin aufgefüllt worden. Außer den grausigen Thronen gab es keine Sitzmöbel, und die Luft roch beißend nach Essig und Einbalsamierungsmitteln.

Orzhov-Basilika | Bild von John Avon

Eine etwas frischere Leiche am hinteren Ende des Raums stank nach Chemikalien, Körperflüssigkeiten und dunkler Magie. Teysa hielt neben ihr kurz inne. „Hallo, Onkel“, murmelte sie.

Tajic stöhnte. „Ihr Engel im Himmel. Eine Familienzusammenkunft.“

„Ich habe Euch gewarnt, dass es drinnen noch schlimmer ist“, spöttelte Teysa, während sie das Schwert ablegte und an einem Griff zog, der in den Boden eingelassen war. Sie zerrte eine juwelenbesetzte Truhe unter ihren Füßen hervor.

Tajics Gesicht verzog sich vor Abscheu. „Bitte sagt mir, dass sie nicht durch die Gegend laufen.“

„Seid doch nicht so unkultiviert.“

„Ihr habt eure Angehörigen als Elstern bezeichnet, weil sie auf magische Weise ihre Leichen konservieren.

„Nun, ich weiß die Idee durchaus zu würdigen, aber die Umsetzung ist ein bisschen übertrieben.“ Teysa wischte mit der Hand etwas Staub von der Klappe auf der Vorderseite der Truhe, die sie aus dem Boden gezogen hatte.

„Die Aufzeichnungen sind sich dort drin?“, fragte Tajic. Teysa nickte, öffnete die Truhe und legte ein brüchiges Buch auf den protzigen Fußboden. Vorsichtig blätterte sie die Seiten um, bis sie vor entzücktem Wiedererkennen lächelte. Teysa trat zurück.

„Wagen wir es“, flüsterte sie. Teysa hob das Kinn und deklamierte, mit auf die spärlich beleuchtete Truhe vor sich gerichtetem Blick, aus dem Gedächtnis:

„Auf Geheiß der vereinten Gilden Ravnicas sei beschlossen, dass die Verbesserung und der Fortschritt einer Gilde gegenüber jedweder anderen als kriegerischer Akt verstanden und aufgefasst wird. Sollte einem Vertreter einer anderen Gilde ein Beweis für derlei subversives Treiben vorliegen, so soll dieser konfisziert und dem Lebenden Gildenbund zur Untersuchung vorgelegt werden. Tajic von der Gilde der Boros, was seht Ihr hier vor Euch?“

„Ihr meint, außer den Skeletten, die noch immer ihre Haut besitzen?“

Teysa sah ihn gereizt an. „Ich meinte den Inhalt des Buchs dort auf dem Boden.“

„Verzeihung. Die Skelette haben mich abgelenkt.“ Tajic kniete sich nieder und überflog die Seite am Boden, während er versuchte, die Fackel nicht allzu dicht an das Buch zu halten. Die Seite schien eine Auflistung des Einkommens der Orzhov zu sein. Vorsichtig blätterte er ein paar Seiten weiter. Sie waren alle voller durchgestrichener Zahlen, Aufzählungen von Geschäften, bekannter Namen und Standorte von Tresoren.

„Es handelt sich um eine sehr alte Auflistung, die augenscheinlich mehrfach verändert wurde. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass dies der Beweis ist, nach dem Ihr gesucht habt. “

Teysa lächelte ergriffen.

„Im Einklang mit der Neuen Übereinkunft der Gilden Ravnicasgewähre ich Euch das Recht, dies kundzutun. Ihr seid verpflichtet, Euren Beweis für diese Korruption dem Lebenden Gildenbund vorzulegen“, sagte Teysa unter Freudentränen. Sie spürte, wie ein Hauch Magie durch das Gesetz in ihren Worte streifte, und ihr Herz machte einen Sprung.

Tajic versuchte, das Buch vom Boden aufzuheben.

Er versuchte es erneut.

Teysas Lächeln erstarb.

Brüchige Seiten schienen nun so unzerstörbar und widerspenstig geworden zu sein, als wären sie mit dem Boden selbst verwachsen. Tajic legte die Fackel beiseite und schloss die Finger um den Rücken des Buchs, um dann all seine Kraft und all seine Willensstärke in dem Versuch aufzuwenden, es irgendwie zu bewegen. Teysas Herz setzte einen Schlag aus. Sie spürte, wie er eisenharte Borosmagie heraufbeschwor, während er sich darum mühte, die Chronik aufzuheben. Doch so sehr er sich auch anstrengte, es gelang ihm nicht.

Teysa schüttelte den Kopf.

„Ich verstehe das nicht. Es sollte klappen. Ich habe dieses Gesetz verfasst. Es wurde vom Gildenbund bestätigt. Es sollte klappen.“

Tajic blickte mit verzweifelter Unsicherheit zur Abgesandten. Teysa spürte, wie sich Furcht in ihrer Brust aufstaute. Sie schloss die Augen und legte sich eine Hand an die Stirn, während sie ihr Wissen über die Gesetze mit aller Konzentration durchstöberte, die sie aufzubringen vermochte. Sie öffnete die Augen, als eine plötzliche Erkenntnis ihre Miene vor Grauen verzerrte. Sie schlug ihre Robe zurück, um den Blick auf das Messer an ihrer Hüfte freizugeben.

„Versucht, mir dies hier zu stehlen“, sagte sie. Tajic starrte verwirrt auf das Messer. Ihre Stirn legte sich in Falten. „Bagatelldiebstähle sind eine Verletzung des persönlichen Eigentums, deren Strafe von einem Gericht festgesetzt wird“, rief Teysa und wob so viel Macht in ihre Worte, wie sie nur konnte.

Tajic stand auf und ging mit hallenden Schritten zu ihr herüber. Er griff mühelos nach dem Heft des Messers, und Teysa hielt den Atem an. Er zog es aus ihrem Gürtel. Die Große Gesandte der Orzhov erstarrte vor Schreck.

„In diesem Raum kann das Gesetz gebrochen werden“, stieß sie hervor. Ihre grauen Augen weiteten sich, als sie sich entsetzt in der leeren, prunkvollen Kammer umblickte.

„Was meint Ihr damit‚ dass das Gesetz in diesem Raum gebrochen werden kann?“, wollte Tajic wissen. „Der Gildenbund findet in diesem Raum keine Anwendung!“, erwiderte Teysa keuchend. „Etwas an diesem Ort greift unmittelbar in das Gesetz Ravnicas ein.“

„Wie hat das Obzedat das geschafft?! Sie sind tot! Sie können keine Magie mehr wirken!“

„Es ist alt! Älter als ich. Wahrscheinlich älter als jedes andere Ratsmitglied! Es ist alt, und ich kenne es nicht!“

„Nun, dann bist du ein törichtes Kind.“

Teysa schnappte nach Luft. Tajic hob instinktiv das gestohlene Messer. Die Stimme kam aus dem Nichts. Der heftig gehende Atem des Boros und der Orzhov hallte in der Kammer wider. Die Stille wurde urplötzlich durchbrochen, als Teysa „Großvater!“ in die Leere knurrte.

Die Gestalt des Geistes leuchtete eigentümlich im Licht der Fackel. Still schwebte er mit vorwurfsvollem Blick und einem Zug von elterlichem Zorn auf dem Gesicht auf seine Enkelin zu.

„Das Gesetz ist für unsereins wertlos, Kleines. Das erzähle ich dir bereits seit Jahrhunderten.“

„Alles am Obzedat – alles daran, wie unsere Gilde arbeitet – ist in den Augen des Gesetzes falsch.“

Sie zitterte vor Verdruss. Jede Faser ihres Leibes wollte kämpfen, stechen, häuten, töten – doch sie wusste, dass es vergebens gewesen wäre. Karlov heuchelte ein herablassendes Seufzen. Der Geist hatte offenkundig schon seit geraumer Zeit keinen Atem mehr holen müssen – es war daher nicht mehr als die traurige Nachahmung eines Seufzens.

„Ich fürchte, ich muss dich für deinen Wutanfall bestrafen, Teysa. Ich bin sehr enttäuscht von dir.“

„Ich bin kein kleines Kind!“

„Du hast meinem Wunsch nicht gehorcht.“

„In diesem Raum kann man nichts und niemandem gehorchen!“, protestierte Teysa und fing mit einer einzigen raschen Geste die gesamte Kammer ein.

„Uns kann man in diesem Raum gehorchen“, übertrumpfte Karlov sie mit eiserner Überzeugung. „Ich veranlasse eine sofortige Einberufung des Obzedat.“

Tajic schrie überrascht auf, als sich ein Dutzend Geister flugs aus dem Boden lösten. Korpulente, entstellte Körper längst toter Orzhov erhoben sich unter Tajics Füßen und streiften eisig seine Haut. Er zuckte zusammen und ließ die Fackel zu Boden fallen. Teysa rührte sich während dieser Herbeirufung nicht. Sie war mit den Gebräuchen der Toten nur allzu gut vertraut. Die Temperatur im Raum sank schnell, und Teysas eben noch vergossene Freudentränen gefroren ihr auf den Wangen.

Karlov stieg ein klein wenig auf, um ein Stückchen über den anderen Geistern des Obzedat zu schweben.

„Die Große Gesandte der Orzhov wünscht, diesen Rat zu stürzen. Was haben wir zu ihrer Anmaßung zu sagen?“

Die Geister kreischten wütend auf – ein fremdartiges, schauerliches Geräusch, das Teysa und Tajic bis ins Mark fuhr.

Obzedat, der Rat der Geister | Bild von Svetlin Velinov

„Ruft einen Thrull, um den Boros in unser Verlies zu begleiten“, befahl Karlov. Rasch schlurfte ein Thrull durch die zuvor geöffnete Tür und packte Tajic an den Handgelenken. Der Soldat blickte zu Teysa, unschlüssig, ob er kämpfen sollte oder nicht. Teysa schüttelte sachte den Kopf. Der Boros verließ gemeinsam mit seinem Wärter den Raum, und die gewaltige Tür schloss sich hinter ihnen.

Teysa wurde nur schwach von der am Boden liegenden Fackel beleuchtet. Dutzende Geister starrten sie aus jedem Winkel der Kammer an. Karlov näherte sich ihr. Sein Ärger ließ die Falten auf seinem Gesicht noch tiefer erscheinen.

„Auf Geheiß des Obzedat ist dir der Titel Advokistin hiermit entzogen.“

Teysas Herz krampfte sich zusammen. „Das kannst du nicht tun!“

„Hier kann ich es. Der Rat untersagt dir das Praktizieren der Rechtsprechung für den Rest deines Daseins“, erklärte Karlov.

In Teysas Kopf drehte sich alles. „Ich praktiziere doch ohnehin kaum noch! Nur der Azorius-Senat kann mir meinen Titel als Advokistin entziehen ...“

„Wir tun, was uns gefällt. So wie es schon immer gewesen ist.“

Ihr Leben. Ihr Werk. Es war aus und vorbei. Teysa sank zu Boden und stützte sich auf die Arme. „Du hast das geplant ...“

„Dir deinen Titel als Advokistin zu entziehen? Natürlich, du eitle kleine Närrin. Und wenn du ihn zurückhaben willst, benimmst du dich besser und erinnerst dich lieber deines Blutes.“

Karlov krümmte einmal kurz seine fetten, durchscheinenden Finger.

„Wir werden sogleich auf deinen verbleibenden Titel als Große Gesandte zu sprechen kommen. Wir treffen uns im Turm der Orzhov, ja?“ Karlov lächelte und bewegte sich auf die Tür des Archivs am anderen Ende der Kammer zu.

Ihr Atem ging schwer, während sie die Hände auf dem diamantenen Boden zu Fäusten ballte. „Du kannst mir nichts nehmen, was ich mir selbst erarbeitet habe.“

Karlov lächelte. „Das kann ich, wenn du das Obzedat nicht über alles andere stellst. Wir gaben dir einen Titel. Du schuldest uns bedingungslosen Gehorsam.“ Er streckte die Hand aus und zeigte seinen geisterhaften Ring vor.

Teysa schaute durch ihn hindurch auf den juwelenbesetzten Fußboden.

„Ts, ts, ts“, machte Karlov.

„Unverschämtes kleines Mädchen.“

„Ich bin einhundertzwölf Jahre alt“, schnaubte die Große Gesandte.

Karlov kniete sich langsam nieder, bis sein Gesicht genau vor dem ihren war.

Er tat, als würde er mühsam und zittrig Luft holen, und zischte anschließend durch die Zähne:

„Du bist klein.“

Das war sie.

„Der Turm liegt, wie du weißt, kaum sieben Stockwerke über diesem. Lass mich nicht warten“, trug ihr der Geist auf, ehe er durch die Decke davonschwebte.

Teysa war allein. Die erlöschende Glut der Fackel erhellte Tajics Schwert. Sie seufzte. Der Titel der Großen Gesandten war nie ein Geschenk gewesen. Er diente nur dazu, sie weiter zu knechten.

Sie, Teysa Karlov von der Gilde der Orzhov, hatte Schulden.

Sie griff nach dem Schwert.

Sie stand hoch aufgerichtet da, auf die Klinge gestützt, die ihr als Gehstock diente.

Und so begann sie, auf die Stufen zuzugehen.