Eindrücke

Veröffentlicht in Magic Story on März 29, 2017

Von Michael Yichao

Yichao is a writer of words for plays, television, theme parks, and—most recently—Magic: The Gathering. He loves Cube Draft and corgis.

Was bisher geschah: Neubeginn

Nachdem man zu dem Schluss gekommen ist, sich für ein proaktives Vorgehen zu entscheiden, hat sich ein Großteil der Wächter nach Amonkhet begeben, um sich Nicol Bolas entgegenzustellen, ehe er noch mehr von seinen Ränkespielen in die Tat umsetzen kann. Ohne einen Plan und ohne nähere Informationen machen sich fünf Planeswalker auf, einem alten Drachen auf einer geheimnisvollen und fremden Welt die Stirn zu bieten.


Ein glühend heißer Wind tanzte über die Dünen. Seine unsichtbaren Krallen zogen verworrene Linien in den endlosen Sand. Von den Zwillingssonnen am Himmel in brennende Wut versetzt, blies er in sinnlosen Wutanfällen Sand und Staub in die Luft. Als die Dämmerung zum Morgen wurde, begann die erste Sonne gleißend ihren Pfad über den Himmel, während die zweite an ihrem Platz am Horizont verharrte. Darunter peitschte der Wind über die endlose Weite der Wüste, gewann an Geschwindigkeit und Wildheit und wurde letztlich zu einem fauchenden, wirbelnden Sandsturm. Bald verschluckte sein Geheul alle anderen Geräusche und er bleckte die Fänge, während beißender Sand auf alles in seinem Weg einprasselte. Er nagte an steinernen Vorsprüngen ebenso wie an den Überresten natürlich wie künstlich geschaffener Monumente und verbiss sich in das verwundbare Fleisch wilder Tiere, die zu langsam waren, um ihm zu entfliehen.

Auf dem Höhepunkt seines Wütens tanzten urplötzlich nahe seines wilden und aufbrausenden Herzens ein Lichtschimmer, ein Flirren, ein kräuselnder Schatten und ein grünes Leuchten in der Luft. Fünf Gestalten standen dort, wo gerade eben noch Leere gewesen war, überrascht von den blendenden Winden.

Der Wind heulte weiter, ihrer Gegenwart gänzlich unbewusst.

Bild von Noah Bradley
Bild von Noah Bradley

Zuvor auf Kaladesh ...

JACE

Ich sah zu, wie Ajani von uns wegschlich, den Umhang enger um sich zog und in einem Lichtblitz verschwand. Meine Gedanken folgten ihm noch kurz nach, bis er außerhalb meiner Reichweite war und seine Gedanken in den undurchdringlichen Blinden Ewigkeiten verklangen. Hinter mir räusperte sich Gideon, und ich drehte mich zu ihm um und schenkte ihm ein knappes Nicken. „Alles klar.“

„Dann lasst uns schnell handeln“, erwiderte Gideon. „Und du bist dir sicher, dass du den Ort kennst, an dem wir ihn anschließend treffen sollen, Liliana?“

Liliana hob eine Augenbraue. Träge nahm sie eine Hand hoch, um sich eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. „Mein lieber Gideon, in den Jahrhunderten, bevor du überhaupt geboren warst, bereiste ich bereits unzählige Welten im Multiversum. Ich kenne viele Orte, und der Ort, von dem Ajani gesprochen hat, ist mir ganz besonders gut vertraut.“

„Dann wirst du uns dort hinführen müssen. Sowohl nach Amonkhet als auch zu unserem Treffen danach.“ Gideon warf Liliana etwas zu, was ein gewiss genau so beabsichtigtes warmes Lächeln sein sollte.

Liliana erwiderte es mit einer übertriebenen Verbeugung. „Dann fühle ich mich durch dein Vertrauen geehrt und geschmeichelt.“

Ich zuckte zusammen. Er gibt sich Mühe, Liliana. Du könntest etwas nachsichtiger sein. Lilianas Blick fuhr in meine Richtung, und sie zwinkerte mir zu. Ich unterdrückte den Drang, die Augen zu verdrehen.

„Wie ist unser Plan, sobald wir Amonkhet erreicht haben?“, durchbrach Nissas Frage das drückende Schweigen.

„Reingehen. Den Drachen finden. Den Drachen grillen.“ Chandra saß auf der niedrigen Mauer an der Dachkante und richtete ihre Handschuhe. Gideon runzelte die Stirn, nickte jedoch.

„Mehr oder weniger. Liliana führt uns dorthin. Wir gehen nach Amonkhet und erfahren so viel über Nicol Bolas‘ Pläne, wie wir können. Danach neutralisieren wir die Bedrohung, die er darstellt – entweder indem wir seine Pläne vereiteln oder indem wir ihn nötigenfalls ausschalten.“

„Rechnet nicht damit, dass das allzu leicht wird“, warnte ich. „Wir wissen nicht, ob Tezzeret ihn bereits gefunden und vor uns gewarnt hat oder wie viel er weiß oder ob er auf mögliche interplanare Bedrohungen eingestellt ist oder ...“

„Bla, bla, bla.“ Chandra wedelte mit den Händen, als wollte sie meinen Gedankengang in der Luft zerstreuen. Sie sprang von ihrem Sitzplatz und lief auf uns zu. „Wir verschwenden hier nur Tageslicht und unsere Chance auf ein Überraschungsmoment. Bringen wir‘s hinter uns.“

Wir fünf versammelten uns im Kreis. Ich blickte mich unter meinen Gefährten um und staunte nicht zum ersten Mal über die Absonderlichkeit unserer kleinen Schar. Unter uns erwachte Ghirapur zum Leben. Die Geräusche der Straße und der Einheimischen stiegen mit der Sonne gen Himmel auf. Die Leute ahnten nicht, dass sich unmittelbar über ihnen ein unverwundbarer Kämpfer, eine Nekromagierin, eine elfische Druidin, eine Pyromagierin und ein Gedankenmagier auf eine Reise zu einer anderen Existenzebene vorbereiteten.

Was für seltsame Freunde ich doch gefunden habe ...

Ein zweiter Gedanke stahl sich aus einem Winkel meines Verstandes hervor – einer, den ich beiseitezuschieben versuchte.

Wie seltsam es doch ist, Freunde zu haben.

„Wir sehen uns auf Amonkhet.“ Liliana begann zu schimmern, als sie das Weltenwandern begann.

Ich sah zu, wie auch die anderen um mich herum aufbrachen. Jede Gestalt verschwamm auf eine leicht andere Art und Weise. Es hatte mich schon immer interessiert, wie andere Magier Zauber wirkten – und besonders, wie sie über Welten reisten. Vielleicht würde ich sie einmal danach fragen, sobald wir mehr Zeit hatten.

Wann auch immer das sein sollte.

Ich hob die Hände, konzentrierte mich auf die unsichtbaren Manastränge um mich herum und zog sie sanft an mich heran.

Die Welt Kaladesh verschwamm wabernd, ehe sie zu einem Gewirr aus Farben zerfloss – wie eine Illusion, die weggewischt wurde, weil man ihre magischen Fäden entwirrte. Ich spürte den inzwischen vertrauten (und doch stets fremdartigen) Sog der Blinden Ewigkeiten um mich herum und das Knistern von Energie und Äther, die den Geschmack und das Kribbeln von frisch gefallenem Regen und wütenden Blitzen auf meiner Zunge hervorriefen. Wir reisten unendlich weit und doch nicht einmal ein winziges Stück. Wir standen still und bewegten uns dennoch mit atemberaubender Geschwindigkeit. Zeit und Raum und Dimensionen falteten und entfalteten sich wieder, und ich folgte Liliana (Oder war ich unter ihr? In ihr?), während wir das Nichts zwischen den Welten durchquerten und dabei seltsame Spuren und invertierte Energiewellen hinter uns zurückließen. Ich spürte ihr Ankommen, und mit einem letzten sachten Ruck glitten die Farben um mich herum wieder an ihren Platz und der vage elektrische Geschmack von Illusionen und Träumen verfestigte sich zur Wirklichkeit.

Zu einer sengenden, sandigen Wirklichkeit.

Ich hustete, als der Wind mir eine Handvoll Sand in den Mund wehte. Die Hitze lastete drückend auf mir, ein erstickendes und jähes Gewicht auf meinen Schultern. Ein beißender Geruch nach Verwesung kroch mir in die Nase und blieb dort – so heftig, dass ich ihn beinahe schmecken konnte. Ich kniff die Augen vor dem beißenden Sand um mich herum zusammen. Neben mir kräuselte sich goldenes Licht um Gideon, als der peitschende Sturm seinen magischen Schild auslöste. Nissa kauerte sich mit gesenktem Kopf zusammen und taumelte in den Sand. Selbst Liliana wirkte ein wenig matt, wie sie ein Stück entfernt dastand, eine Hand zum Schutz vor den unerbittlichen Winden erhoben, ihre sonstige Makellosigkeit besudelt. Nur Chandra wirkte größtenteils unbeeindruckt: Ihr Haar wehte wild und sie kratzte sich an der Schulterpanzerung.

Ich beneidete diejenigen unter uns, die Plattenrüstung trugen, kein bisschen.

Als wäre er auf einer heiligen Mission rieselte mir unablässig Sand in die Stiefel und in die Hemdfalten. Eine Bö schleuderte mir meinen Mantel ins Gesicht. Ich schob den Stoff so gut es ging beiseite und machte ein paar unbeholfene Schritte auf der Düne. Gideon rief irgendetwas darüber, Schutz finden zu wollen. Durch den Sturm sah ich, wie Nissa zu zaubern versuchte. Auch ich tastete nach Mana und fand doch nur den staubigen Geschmack von Sand und Ödnis an den Fingerspitzen. Schutz würde wohl nicht so ohne Weiteres zu finden sein ...

Ein Stoß weiß glühender Flammen jagte über den Sand. Chandra ging los und konzentrierte ihr Feuer auf die Düne vor sich. Ich trat einen Schritt zurück, als noch stärkere Hitzewellen von ihr und ihrem Ziel auszugehen begannen. „Ich mache das schon“, rief sie über das Grollen des Sturms hinweg.

CHANDRA

Wer hätte gedacht, dass Amonkhet nur ein riesiges Höllenloch aus Ödnis, Sand und Sonne sein würde? Augenblick, das muss Sonnen heißen. Es gibt nämlich zwei davon. Was zum Henker? Kein Wunder, dass es so heiß ist. Na ja, ich meine heiß ist relativ: Auf Kaladesh war es manchmal drückend schwül, und nach den Lavagruben auf Regatha ist es eigentlich nirgendwo so richtig heiß, aber herrje, die anderen sehen alle so aus, als würden sie in dieser trockenen, sandigen Hitze jeden Moment zu wässrigem Reispudding zerfließen. Wie grässlich kann es denn noch werden?

Andererseits schätze ich, das hier ist nun mal die Heimat eines riesigen bösen Drachen, der fiese Handlanger ausschickt, damit sie alles Gute auf anderen Welten mit ihrer ... Bosheit vernichten. Also drauf gepfiffen. Dieser Ort macht schon richtig viel Sinn so, wie er ist.

Bild von Volkan Baga
Bild von Volkan Baga

Ich drehe die Hitze höher und konzentriere mein Feuer zu einem weiß glühenden Strahl. Ich habe Handwerker in Ghirapur so was machen sehen, als ich noch ein Kind war, wobei die einen Ätherbrennofen und bestimmte besondere Pulver und dergleichen mehr hatten. Ich glaube aber, der Grundgedanke ist derselbe. Ich spüre, wie der Sand schmilzt – und ich greife mit der Hand nach der Luft, während ich den Rinnsalen aus geschmolzener Schlacke Befehle erteile, um ihnen eine neue Gestalt zu verleihen. Diese Handwerker aus Ghirapur haben auf diese Weise elegante Figürchen und schicke Schiffsteile mit zierlichen, komplexen und fein gedrechselten Enden gemacht. Mein Ziel hier ist wesentlich einfacher. Ich mache einen Schritt nach vorn und forme das nach wie vor flüssige Glas zu einer einfachen, groben Kuppel. Gerade groß genug, dass vier normalgroße und eine gideongroße Person darin Platz finden. Das Glas nimmt Form an und härtet nach und nach zu einer halb durchsichtigen Blase aus, während Sandkörnchen sich in seine noch immer weiche Oberfläche graben. Ich fahre mit der Hand über einen Teil der Kuppel, ohne sie ganz zu berühren, und erschaffe einen kleinen Durchgang.

„Kommt rein. Es ist kühl. Na ja, es wird kühler. Also, äh, das Glas sollte eure Kleidung nicht in Brand stecken, falls ihr es aus Versehen berührt“, rufe ich.

Liliana geht voran und der Rest schließt sich ihr an. Bald stehen wir alle in der Kuppel und blicken auf das Wirbeln von Sand und Staub hinaus, das ein ständiges Geräusch erzeugt – wie tausend Mütter, die an irgendeinem seltsamen Ort, an dem es tausend Mütter und tausend Kinder gibt, alle gleichzeitig ihre Kinder beruhigen. Nur dass die tausend Mütter in Wahrheit zehntausende Sandkörner sind, die in diesem irren Sturm über unsere kleine Kuppel fegen. Wir alle schauen eine Weile einfach nur zu. Ich bin mir nicht sicher, ob die anderen es tun, weil das in der Luft tanzende Gewühl eine urtümliche und ehrfurchtgebietende Schönheit besitzt oder ob sie einfach nur jeglichen Blickkontakt vermeiden wollen, nachdem wir hier eigentlich einen Drachen erlegen wollten und nun stattdessen beinahe im Sand ertrunken sind.

„Alles klar. Also. Was jetzt?“, frage ich.

Irgendwie schauen wir alle zu Gideon, aber Jace ist es, der etwas sagt. „Liliana, bist du dir sicher, dass das hier der richtige Ort ist?“

Liliana wirkt leicht beleidigt. Doch irgendwie wirkt sie immer so. So oder gelangweilt oder – wenn sie glaubt, dass gerade niemand hinsieht – nachdenklich und ein bisschen traurig. „Natürlich. Ich vergesse nie, wie ich an einen Ort gelange, sobald ich einmal dort gewesen bin.“

„Wo auf dieser Welt finden wir dann Bolas?“ Gideon steht vor dem Durchgang und blockiert den Großteil an Sand und Wind, der sich hineinstehlen will. Liliana zuckt die Schultern.

„Ich bin mir nicht sicher. Mein letzter Besuch hier war ... kurz. Und vor langer Zeit. Ich habe nicht unbedingt eine Führung über die Welt mitgemacht. Vieles könnte sich verändert haben.“

„Nissa. Jace. Könnt ihr irgendetwas spüren, was uns in die richtige Richtung lenken könnte?“

Nissa schließt die Augen und Jaces leuchten blau. Ein kurzer Moment vergeht, und Jace schüttelt den Kopf. „Es ist nichts mit Bewusstsein in der Nähe.“

Nissa braucht länger. Ihre Augenbrauen ziehen sich zu einem angestrengten Knoten zusammen. Schließlich schüttelt auch sie den Kopf, während sie die Augen öffnet. „Das Mana auf dieser Welt fühlt sich ... seltsam an. Ich habe Schwierigkeiten, die Leylinien zu finden. Sie sind vorhanden, aber schwach – wie der Pulsschlag eines kranken Tieres.“

Jace nickt. „Wenn Bolas diese Welt erschaffen hat, ergibt das wohl nur Sinn.“

„Oder wenn er eine lebendige Welt getötet hat, um sie für sich zu beanspruchen“, wirft Liliana fröhlich ein.

„Hat niemand eine Ahnung, wo wir ihn finden können, und gibt es keinen Hinweis darauf, ob Leben auf dieser Welt existiert? Gar nichts?“ Gideon zieht einfach sein übliches Ding durch, bei dem er sich voll auf die vor ihm liegende Aufgabe konzentriert. Ich ziehe mein übliches Ding durch, bei dem ich mit halbem Ohr zuhöre, aber meistens gleichzeitig aus dem nächsten Fenster schaue. In diesem Fall ist das die gesamte Kuppel, weil: Glas.

Dann sehe ich es.

„Ich glaube, ich weiß, wohin wir gehen müssen.“

Alle drehen sich um und schauen mich an. Ich deute nach draußen.

„Ah“, sagt Nissa.

„Na bitte“, sagt Jace.

„Es ist nicht sonderlich subtil“, sinniert Liliana.

„Wie konnten wir das ... übersehen?“, fragt Gideon.

Selbst durch den Sturm ist vor dem trüben Gelbrot des Horizonts der gewaltige Schatten zweier Hörner zu erkennen, die in den Himmel aufragen – sie passen genau zu jenem Bild von Bolas, das Jace mit uns in der Nacht zuvor auf Kaladesh geteilt hat.

„Zumindest sieht es so aus, als wären wir tatsächlich am richtigen Ort“, sage ich.

Bild von Noah Bradley
Bild von Noah Bradley

NISSA

Wir beschlossen, den Sturm abzuwarten. Gideon blieb am Eingang – ein menschlicher Schutzschild gegen die Elemente. Ihm gegenüber saß Chandra mit überschlagenen Beinen und in stiller Meditation geschlossenen Augen. Einen Moment lang folgte ich dem Rhythmus ihres Atems und suchte nach etwas geborgtem Trost in ihrer Reise. Ob der Fortschritte, die sie machte, erwachte ein stiller Stolz in meiner Brust – ein warmes Glücksgefühl darüber, dass die wenigen Hilfsmittel, die ich ihr hatte zukommen lassen, ihr tatsächlich dabei halfen, innerlich zur Ruhe zu kommen. Genauer gesagt schien sie sogar die Einzige zu sein, die sich hier einigermaßen wohlfühlte. Die drückende Hitze raubte mir sämtliche Tatkraft, und der Rest von uns wirkte bereits jetzt ermattet. Ich fragte mich – nicht zum ersten Mal –, wie wir einen alten Drachen vernichten oder seine Pläne durchkreuzen wollten. Jace und Liliana sprachen ständig von Nicol Bolas‘ Macht und Tücke. Wenn wir uns ihm stellen wollten, brauchten wir dafür all unsere Kraft. Und da waren wir nun ...

Ich schloss die Augen und verlangsamte meinen Atem. Ich schob die Wüste und den Sand von mir fort. Ich muss meinen Gefährten vertrauen. Meinen Freunden. Ich atmete ein und schickte meine Gedanken durch meinen Körper, um Spannungen aufzuspüren und zu lösen, wo ich nur konnte. Ich zögerte einen Augenblick und stellte mir dann einen strömenden Fluss vor. Ich lieh mir jenes Bild aus, das ich Chandra bei ihrer Meditation auf Kaladesh mitgegeben hatte. Vielleicht half ja eine Reise flussabwärts dabei, jene endlose Hitze zu lindern, die mir den Schädel brummen ließ.

Es fühlte sich sonderbar an, mich auf andere zu verlassen, meine Last zu teilen und die derer zu schultern, die nicht ich waren. Bei manchen aus der Gruppe fiel es mir leichter als bei anderen – doch es blieb eine fremdartige Empfindung. Und dennoch waren wir gemeinsam zweifellos stärker. Womöglich sind die Bande des Vertrauens ebenso belastbar wie die Verbindung eines Animisten zum Land. Vertrauen. Verständnis. Ich arbeite an beidem.

Ich atmete ein, sog Luft und Mana in gleichem Maße in mich ein, während mein Herz nach dieser fremden Welt und nach Ranken aus Leben und Lebendigkeit tastete – den vertrauten Strängen aus Leylinien, die alle Welten durchzogen.

Erneut war zunächst alles, was ich spürte, eine gähnende Finsternis, ein endloses Maul aus Verwesung und Verfall.

Ich hatte in der Vergangenheit bereits Welten gesehen, die von Ungeheuern verheert worden waren. Auf Zendikar jene unnatürliche, kreidige Leere, die die Titanen der Eldrazi hinterließen. Auf Innistrad die wilden und giftigen verderbten Leylinien, die unmöglich zu bündeln oder zu kontrollieren waren. Und dennoch fühlte sich dies hier anders an. In den meisten Welten herrschte – unabhängig von äußerer Verderbnis oder Einflussnahme – ein Gleichgewicht aus Lebens- und Todesmagie, das durch ein filigranes Geflecht aus Leylinien miteinander verwoben war und das zu einer komplexen Spiralform aus verflochtenen Machtknoten zulief. Doch hier auf Amonkhet beherrschte der Schatten des Todes alles, was in meiner Reichweite lag – ganz so, als bevorzugte diese Welt selbst die Stille der Toten.

Ich konzentrierte mich auf die schwachen Stränge aus Lebensmagie, die ich finden konnte – eher Geister von Leylinien als echte. Ich folgte ihren dünnen Strängen und mein Bewusstsein verließ meinen Körper. Mein Atem fiel in den Klang des schwachen Pulsschlages dieser Welt ein und wurde schneller, als ich über die Dünen flog und endlich auf der anderen Seite des Sturms aus selbigem hervorbrach, um zu sehen, wie ...

„Nissa. Wir gehen.“

Ich öffnete die Augen und Chandra kam in Sicht. Sie kniete neben mir, das Gesicht von leichten Sorgenfalten durchzogen. Hinter ihr hatten Gideon, Jace und Liliana die Glaskuppel bereits verlassen und warteten auf dem Grat einer Düne. Der Sturm schien vorübergezogen zu sein und bestand nun nur noch aus vereinzelten Windböen, die Sand in weitem Bogen vor sich her fegten.

„Ich glaube, ich habe etwas gefunden. In Richtung der Hörner.“

Chandras Stirnrunzeln wurde zu einem Grinsen, und ihre Sommersprossen spiegelten den gerade abgeflauten Sturm wider. „Oh gut. Schön, dass mein ‚Laufen wir doch einfach auf das große Ding in der Ferne zu‘-Plan etwas Unterstützung bekommt.“

Sie stand auf und streckte die Hand aus. Ich zögerte einen Wimpernschlag lang, ehe ich sie ergriff. Vertrauen. Verständnis.

„Gehen wir los und treten wir einem Drachen in den Hintern.“ Chandra marschierte auf die anderen zu, und ich folgte ihr nach.

Und dann wurde die Düne lebendig

.

LILIANA

Die ersten griffen Jace an. Dieser Junge hat einfach so viel Glück. Im einen Augenblick standen wir noch da und warteten auf Chandra und Nissa. Im nächsten brachen verwesende Hände aus dem Sand hervor, griffen nach Jaces Beinen und zerrten ihn nach unten. Jace stieß einen würdelosen kleinen Schrei aus, als er bis zur Hüfte einsank. Nur die Reflexe des Fleischklopses retteten Jace, als der große Mann sich umdrehte und mit einer Hand nach seinem Arm griff, um ihn am völligen Versinken zu hindern. Ich entfesselte eine Salve nekrotischer Energie, um die bereits geschändeten Gliedmaßen, die nach Jace griffen, zu Staub zerfallen zu lassen. Zu meinen Füßen brodelte der Sand, als weitere Hände aus ihm herausfuhren und hungrig in die Luft griffen. Ich trat zurück und hüllte mich in eine Aura aus Verfall, die alles Fleisch, das in meine Nähe kam, verdorren ließ.

Bild von Daarken
Bild von Daarken

Panische Schreie und der ekelerregende Geruch verkohlten Fleisches drangen vom Fuß der Düne zu mir herauf. Ich blickte hinüber und sah Chandra und Nissa gerade außerhalb der kleinen Glaskuppel, umgeben von einer schier endlosen Masse an Untoten, die von Hitze und Sand ausgedörrt und vertrocknet waren. Weitere entstiegen dem in Bewegung geratenen Boden in ihrer Nähe. Nissa hatte ein Schwert aus ihrem Stab gezogen (ein hübscher kleiner Trick) und hieb auf die anstürmenden Zombies in ihrer Nähe ein, während Chandra Feuerstöße aussandte, um kurzzeitige Lücken in der Horde zu erzeugen. So schnell sie sie jedoch verbrannte, so schnell erhoben sich weitere mumifizierte Tote aus dem Sand, um die Reihen wieder aufzufüllen.

Ich lächelte.

Das Multiversum war voller Welten, jede mit ihren ganz eigenen Wundern und Schrecken und Merkwürdigkeiten. Doch eines war ihnen allen gemein: Dinge starben.

Und die Toten gehörten mir.

Ich hob die Hände und dunkle Tentakel schossen vorwärts, um die untoten Leiber in meiner Nähe zu umfangen. Ich spürte, wie meine Magie sie berührte und sich mit ihrem Kern verband, und ich sprach ein einziges Wort:

Gehorcht.

Einer nach dem anderen hielten die Toten, die ich für mich beanspruchte, in ihrem Ansturm inne. Ich ließ meine Aura aus Verfall fallen und konzentrierte meine Macht darauf, die Kontrolle über die sich erhebenden Toten zu erlangen. Sand stob nur wenige Schritte vor meinen Füßen auf, als plötzlich eine schakalsgesichtige Gestalt aus dem Boden hervorbrach, nach vorn sprang und wild ein Krummschwert schwang. Ich taumelte zurück und verfluchte meine Unachtsamkeit – gerade als das nasse Geräusch von Stahl, der durch Fleisch fuhr, an meine Ohren drang und ein Schauer aus widerlichem Schleim auf den Sand niederging. Ich sah zu, wie die obere Hälfte der Schakalsgestalt vom Rest des Körpers glitt, als die seltsamen, biegsamen Klingen von Gideons Sural zurück an seine Seite tanzten. Jace stand Rücken an Rücken mit ihm und erzeugte Illusionen, die wenig taten, um die anstürmende Horde an Untoten abzulenken, die auf die beiden eindrang.

„Alles klar?“, rief Gideon.

„Den hätte ich noch brauchen können, Fleischklops“, rief ich zurück und ließ gelangweilte Enttäuschung in meine Stimme triefen. Seine Miene verfinsterte sich und ich unterdrückte ein Grinsen. Es ist so einfach, Gideons Verdruss hervorzurufen. Ja, sein Eingreifen deckte einen Moment der Verwundbarkeit meinerseits. Ja, seine Nützlichkeit ist unbestreitbar. Nein, das würde ich ihn niemals wissen lassen.

Ich sollte ihm und Jace aber trotzdem helfen. Die Rolle der hilfreichen Kameradin spielen und all das. Ich zwang meine kleine Schwadron Untoter vorwärts.

Helft!

Sie warfen sich den Untoten entgegen, die Gideon attackierten, und ich sah dabei zu, wie er seine eigenen Angriffe verlagerte, um meine Schergen zu unterstützen. Sein Sural schlug mit chirurgischer Präzision zu, um die verwundbaren Flanken meiner Untoten zu decken und Gegner niederzumähen, die sie zu überwältigen drohten. Seine Effizienz hatte sich zweifellos verbessert, selbst seit dem letzten Mal, da er an der Seite meiner Auferweckten in die Schlacht gezogen war – damals in Innistrad.

Ja. Er ist ganz gewiss nützlich.

Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder den Horden zu, die auf Chandra und Nissa eindrangen – gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie eine Mumie einen Treffer an Nissas Schulter landete und eine andere in Chandras gepanzerten Unterarm biss, ehe sie zu verkohlter Glut verbrannt wurde. Keine Zeit, sie unter Kontrolle zu bekommen. Stattdessen wirkte ich eine wesentlich schwächere Verbindung zu einer weitaus größeren Anzahl von ihnen, um so viele wie möglich von ihnen zu erreichen, ehe ich ihnen einen einfachen Befehl erteilte:

Flieht.

Bild von Kieran Yanner
Bild von Kieran Yanner

Horden von Untoten wandten sich ab und schlurften in verschiedene Richtungen davon. Manche rannten verloren über die Dünen, andere vergruben sich wieder im Sand. Die ausgedünnte Zahl der Angreifer fiel schnell unter Schwert und Flamme, als Nissa und Chandra in einer beeindruckend abgestimmten Gleichzeitigkeit auf sie einhieben.

Während ich zusah, wie sie die kleiner werdende Menge an Gegnern erledigten, strichen meine Finger über den Kettenschleier, der an meiner Seite hing. Welch ein Luxus, nicht auf seine Kraft zugreifen zu müssen – jetzt da ich andere Planeswalker hatte, die die schweren Aufgaben für mich übernahmen! Sicherlich, deren Ausrichtung war deutlich ... anspruchsvoller, als den Schleier zu verwenden oder meine untoten Diener zu befehligen. Doch ich hatte sie dazu gebracht, nach Amonkhet zu kommen. Und wenn ich es richtig anstellte, würden sie mir wahrscheinlich helfen, den wahren Grund meines Besuches zu erledigen – und das Beste daran war, dass sie es aus völlig freien Stücken tun würden.

Ich blickte mich um. Gideon beäugte misstrauisch die Überbleibsel meiner Schwadron, nachdem er den Rest der Untoten erledigt hatte. Chandra und Nissa kamen nun den Hügel hinauf und schöpften Atem nach dem Kampf. Jace ... war verdächtig abwesend.

Ich runzelte die Stirn. Wie ich ihn kannte, war er während des Kampfes wahrscheinlich verschwunden, um sich zu einem „besseren Aussichtspunkt“ zu begeben. Oder auch: Um sich unsichtbar zu machen, wenn es brenzlig wurde. Er war geschickt darin, rasch zu verschwinden, wenn eine Situation heikel zu werden drohte, und ich wusste, dass er in diesem Kampf keine große Hilfe war. Für einen Gedankenmagier sind Untote ein Nachteil. Kein Gehirn bedeutet, dass es nichts gibt, was man beeinflussen kann. Wie wir beide während unserer zahlreichen ... Begegnungen schon viele Male festgestellt hatten.

Vielleicht aber war er auch verschwunden, weil es letztlich doch einem Zombie gelungen war, ihn unter den Sand zu ziehen.

Ich seufzte und begann, nach den Leichen unter dem Sand zu tasten, nur um sicherzugehen, keinen zappelnden und sich windenden Jace in der Umklammerung eines Wüstentoten aufzuspüren. Ich war abgelenkt und konnte nicht hören, was genau Nissa rief, als sie plötzlich auf uns zustürmte.

Dann wurde alles schwarz.

JACE

Ich hasse diese Welt.

Über meine Schulter sah ich, wie Gideon seine Faust gegen einen weiteren Untoten rammte und dessen Schädel mit einem entsetzlichen Knirschen zerschmetterte. Ein weiterer Zombie (es musste wohl einer von Lilianas sein) sprang vor den, der auf mich zustürmte, und riss ihn zu Boden. Die beiden traten Sandwolken los, während sie wechselseitig an ihren Gliedmaßen zerrten. Ich nutzte die Gelegenheit, um zu verschwinden: Ich wirkte einen raschen Unsichtbarkeitszauber und rannte zur Spitze der Düne.

Finde einen guten Aussichtspunkt. Fasse einen Plan in diesem Chaos.

Ich hatte bereits genug von Nicol Bolas‘ Höllenlandschaft aus Sand und Hitze und endlosen Toten. Wir mussten aus dieser Wüste heraus und eine bessere Herangehensweise finden. Selbst Nissa – die stille, scheue Nissa – hatte vor unserer Abreise um einen Plan gebeten. Ich wusste, dass ich in diesem Kampf keine Hilfe war, aber ich konnte versuchen, vorauszudenken.

Oben auf der Düne angekommen wandte ich mich um, um das Getümmel zu betrachten. Chandra und Nissa erwehrten sich verzweifelt einer Übermacht von Untoten, doch Liliana schien bereits die Oberhand zu gewinnen und die Kontrolle über ganze Scharen von ihnen zu übernehmen, die sie in Wellen fliehend in die Wüste schickte. Mittlerweile war Gideon ... Gideon. Ein stumpfes, wenngleich effektives Instrument, das mit den Zombies, die bereits unter Lilianas Kontrolle standen, geübt zusammenarbeitete.

Es war seltsam, die beiden kooperieren zu sehen, und seltsam, beobachten zu dürfen, wie Liliana mit jemand anderem im Kampf harmonierte. Vielleicht änderte sie sich wirklich. Vielleicht hatte sie ihren Eid ernst gemeint und glaubte an das Ziel der Wächter, und vielleicht lag ihr – trotz ihrer Feindseligkeit gegenüber Gideon – unsere Mission wirklich am Herzen.

Vielleicht sollte ich es wirklich besser wissen.

Trotz meiner Jahre der ... Verbundenheit mit Liliana fühlte ich mich, als würde ich sie nun noch weniger kennen als am Anfang. Je mehr ich erfuhr, desto unergründlicher wurde sie. Beinahe so unergründlich wie ihre Zombies. Sie schaffte es immer wieder, mich zu überraschen – zum Besseren oder häufiger zum viel, viel Schlechteren. Und dennoch zog sie mich sogar jetzt noch an. Aus irgendeinem Grund verteidigte ich sie gegenüber den anderen, auch wenn ich mich selbst gemahnen musste, in ihrer Gegenwart vorsichtig zu sein.

Ich schüttelte den Kopf. Ich würde Lilianas Geheimnis nicht hier auf der Spitze dieses Sandhaufens enträtseln. Stattdessen wandte ich meine Aufmerksamkeit den Hörnern in der Ferne zu.

Was wissen wir? Was ist Nicol Bolas‘ Plan? Was ist unser nächster Schritt?

Dies war eine unwirtliche Welt. Nissa hatte erwähnt, dass sie sich mehr tot als lebendig anfühlte. Zombies lauerten einfach nur scheinbar ganz beiläufig in den Hügeln und warteten darauf, hervorzuspringen und alle Vorbeigehenden zu verschlingen.

Warum sollte Bolas eine Welt wie diese zu seinem Machtzentrum machen?

Welche Geheimnisse verbargen sich unter all dem Sand? War dies wirklich eine tote Welt? Und welchem Zweck dienten diese gewaltigen Hörner dort in der Ferne? Sicher, es war einfach zu glauben, dass Nicol Bolas‘ Ego groß genug war, um sich selbst ein riesiges Denkmal zu setzen – einfach nur deshalb, weil er es konnte. Doch Bolas war keine Kreatur der großen, selbstverliebten und verschwenderischen Gesten. Nein, seine Gesten dienten stets geheimen Zwecken, die hinter mehreren Schichten verborgen lagen und die stets ausgesprochen selbstverliebt und groß waren.

Ich zog in Erwägung, wegzureisen und gleich danach zu versuchen, zurückzukehren und etwas näher an den Hörnern anzukommen, verwarf diesen Gedanken aber sofort wieder. Zu bestimmten Orten zu reisen – selbst auf einer vertrauten Welt –, erforderte eine gewaltige Anstrengung. Dies auf einer fremden Welt zu schaffen, setzte wahrhaft immenses Glück voraus. Zumal: Sollte Bolas Wachen oder Alarme gegen interplanare Interventionen auf seiner Welt errichtet haben, so wollte ich sie nicht noch ein weiteres Mal auslösen, um ihm nicht noch mehr Gelegenheit zu geben, endgültig zu bemerken, dass wir ihn gefunden hatten.

Nein. Wir mussten weitergehen. Unsere Ankunft auf dieser Welt hatte bislang jedoch lediglich dazu geführt, dass wir in einem Sandsturm gelandet und in einen Hinterhalt von Zombies geraten waren. Unser nächster Schritt musste es sein, dem Zufall zuvorzukommen und unsere Stärken auszuspielen. Wir mussten hier Fuß fassen und vorsichtig zu den Hörnern vordringen. Keine Überraschungen mehr ...

Nissas Schrei riss mich aus meinen Gedanken und zurück auf das Schlachtfeld unter mir.

Was hatte sie gerade gesagt?!

NISSA

„SANDWURM!“

Bild von Steve Belledin
Bild von Steve Belledin

Ich rief nach Liliana , doch meine Warnung kam zu spät. Das Beben, das ich unter mir spürte, brach als Geysir aus Sand gleich hinter ihr hervor, und voller Schrecken musste ich mit ansehen, wie sie im Schlund eines gewaltigen Wurms verschwand. Ein kurzes Stück entfernt erhob sich ein zweiter Wurm mit einem grollenden Gebrüll, das die stickige Wüstenluft erzittern ließ, aus dem Boden. Ich griff nach dem wenigen Mana, das ich finden konnte, und sog verzweifelt nicht vorhandene Energien in mich auf, um Zaubersprüche vorzubereiten, von denen ich tief im Inneren bereits wusste, dass ich sie in dieser trockenen Ödnis nicht wirken konnte.

„Erledigt ihn!“, brüllte Gideon und stürmte vor. Die Untoten jedoch, die eben noch unter Lilianas Kontrolle gestanden hatten, wandten sich nun gegen ihn und er verschwand unter einer Lawine aus Monstren.

Ihre Zombies wandten sich gegen ihn ... Liliana ist tot.

Der Gedanke krallte sich hartnäckig an meinem Verstand fest, selbst als ich verzweifelt versuchte, ihn wieder loszureißen, um etwas Nützlicherem – einem Plan, einer Idee, irgendetwas in dieser Richtung – Platz zu machen.

Das Beben unter mir pflanzte sich bis in meine Wirbelsäule fort. Weitere grollende Geräusche kamen näher. Furcht und Zweifel stahlen sich in mein Herz und fluteten mir bitter und beißend über die Zunge.

Atme. Handle.

Zeige Vertrauen.

„Chandra, halte diesen Wurm auf! Da kommen noch mehr!“ Ich stürmte vorwärts, die Klinge fest in der Hand. Ich konnte zwar das Mana, das ich für den Zauber, den ich wirken wollte, nicht aus der Umgebung ziehen, doch ich konnte die Untoten niederschlagen, die gerade Gideon belagerten. Ich konnte darauf vertrauen, dass Chandra mit dem Wurm fertigwurde. Ich konnte glauben, dass Jace – wo auch immer er war – einen Plan fassen würde. Mit einem Schrei schlüpfte ich unter dem Wurm, der nun auf mich zuraste, hindurch, sprang in einem Aufstieben aus Sand in die Höhe und setzte im Flug zu einer Rolle an. Meine Füße landeten unter mir und ich machte einen weiteren Satz, um die Entfernung zwischen mir und der Horde an Untoten zu überwinden, während meine Klinge sich in verwesendes Fleisch grub und ich mir meinen Weg zu Gideon bahnte.

CHANDRA

HEILIGE FLAMMENFLÜSSE REGATHAS, WAS UM ALLES IN DER WELT IST DIESES DING UND HAT ES GERADE LILIANA GEFRESSEN? WAS ZUR HÖLLE? AUF KEINEN FALL! STIRB IN EINER FLAMMENSÄULE, DU FETTES DUMMES ... AUGENBLICK MAL! HAT NISSA GERADE GESAGT, DASS DA NOCH MEHR KOMMEN? OH, VERDAMMT, JA! DA SIND SIE! AUS DEM WEG! ICH GRILLE SIE ALLE. RÜCKT LILIANA WIEDER RAUS, IHR DUMMEN SÖHNE INZÜCHTIGER BANDAREN –

GIDEON

Endlos viele Zähne. Hände, die in krallenartigen Klauen endeten. Der Druck fauligen Fleisches um mich herum. Ich mühte mich, mein Sural einzusetzen, aber ihre schiere Menge hielt mich am Boden fest. Meine Verteidigung schimmerte, und der vertraute goldene Schein tanzte vor meinen Augen, als sie an mir nagten und nach mir griffen, mein Gesicht in den Sand drückten und an meinen Gliedmaßen zerrten, um mich in Stücke zu reißen.

Bild von Seb McKinnon
Bild von Seb McKinnon

Mit großer Mühe gelang es mir, mein linkes Bein unter meinen Körper zu ziehen und mich mit aller Macht nach oben zu drücken, um einige von ihnen wegzustoßen und mich halb aufzurichten. Im gleichen Augenblick drang das Sirren von durch die Luft schneidendem Metall an mein Ohr. Ich drehte mich um und sah den schwirrenden Schemen von Nissas Schwert. Plötzlich waren die Gliedmaßen des Zombies, der meinen rechten Arm festhielt, nicht länger mit seinem Torso verbunden. Ein triumphierendes Lachen entfloh meinen Lippen, und ich zwang Mana in mein Sural. Mit einer raschen Handbewegung ließ ich die dünnen, bänderartigen Klingen umherpeitschen. Ihre geschwungenen, leuchtenden Bögen hieben eine breite Schneise in die Zombies. Binnen weniger Augenblicke hatten Nissa und ich unseren tödlichen Klingentanz beendet. Ihre eleganten Schwünge und präzisen Schnitte fügten sich makellos in die konzentrischen Kreise ein, die mein Sural beschrieb. Wir rannten von der Stelle fort, auf der nun überall die abgetrennten Gliedmaßen jener mumifizierten Toten verstreut lagen, die jetzt ein weiteres Mal Ruhe gefunden hatten, und eilten auf Chandra zu, die die Würmer mit ihren Feuerstößen abgelenkt hatte.

„Vier?“, rief ich Nissa im Laufen zu.

„Sechs. Zwei weitere sind auf dem Weg“, korrigierte mich Nissa.

Mein Innerstes krampfte sich zusammen, doch ich lief weiter. Meine nächste Frage war drängender als das Verdauen dieser Zahlen.

„Liliana ... Ist sie ... ?“

Nissa deutete auf einen der Würmer, der versuchte, Chandra von der Seite anzugreifen. Ich rannte schneller.

Nicol Bolas‘ Reich hielt viel mehr Schrecken für uns bereit, als wir uns je ausgemalt hatten.

LILIANA

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Bild von Slawomir Maniak
Bild von Slawomir Maniak

CHANDRA

„Raaaaaargh!“ Der Schrei zerrt an meiner Kehle, als ich Macht in das Inferno leite und einen der Würmer in brausendes Feuer tauche. Endlich fällt er, versengt und verkohlt. Sand spritzt in alle Richtungen auf.

Mein Atem geht schwer und abgehackt. „Wer ist der nächste?“, rufe ich, mehr für mich selbst als an die Würmer gerichtet, weil sie ja Würmer sind und wahrscheinlich gar nicht sprechen können und was wissen die denn außerdem schon. Eine verschwommene Bewegung neben mir und ein lautes Brüllen – ich springe aus dem Weg, als einer der Würmer auf mich zukommt. Wie zur Hölle schleicht sich ein riesiger Wurm an einen Menschen an?

Ich fahre beinahe aus der Haut, als ich mich umdrehe und einen riesigen, blau leuchtenden Skorpion wie aus dem Nichts vor mir auftauchen sehe. Ich schrecke erneut zusammen, als einen Wimperschlag später Jace an meiner Seite erscheint. Er greift nach meiner Hand und legt einen Finger an die Lippen, und wir beide verschwinden just in dem Moment, als die Illusion des Skorpions über den Sand huscht und einer der Würmer ihr nachjagt. Der Skorpion taucht durch die Dünen, als wären sie sich hoch auftürmende Wogen aus Wasser und nicht, na ja, ziemlich fester Sand.

„Ihr Lieblingsessen“, murmelt Jace und hält noch immer meine Hand fest umklammert. Ich kann seinen raschen, wilden Pulsschlag spüren und widerstehe der Versuchung, bei ihm nachzuhorchen, worüber riesige Wurmmonster noch so nachdenken.

Ich sehe Gideon und Nissa auf uns zurennen. Gideon wedelt mit seinem Sural und schreit, um die Aufmerksamkeit der Würmer auf sich zu lenken. Die beiden verbleibenden (Augenblick! Vier? Wann sind denn noch zwei aufgetaucht?) drehen sich um und schlängeln sich mit überraschender Geschwindigkeit auf Gideon zu. Das Geräusch von Schuppen auf Sand durchschneidet die trockene, tote Luft. Mein Blick folgt einem von ihnen und ich entwinde mich aus Jaces Griff, um ihm nachzusetzen. Ich werfe Zwillingskugeln aus Feuer nach ihm, und sie prallen einfach von ihm ab. Er löst sich jedoch von den anderen, um zu mir zurückzuhuschen. Hinter mir ruft Jace etwas vermutlich sehr Dummes. Ich balle die Fäuste und erschaffe Kugeln aus weiß glühenden Flammen zwischen meinen Fingern.

Bild von Slawomir Maniak
Bild von Slawomir Maniak

Ehe ich jedoch meinen Feuerstoß entfesseln kann, kommt der Wurm schliddernd zum Stehen. Ich werde überrascht und die Flammen in meinen Händen flackern, als ich die Konzentration verliere. Ich sehe zu, wie der Wurm sich aufbäumt und zu zucken beginnt. Ich weiche zurück, denn wenn ich sehe, wie Menschen so etwas machen, folgt darauf meistens ein ausgiebiges Kotzen und ich will keine Wurmkotze auf mir haben – nein danke!

Dieser Wurm kotzt nicht. Stattdessen wird seine Brust nach innen gedrückt, ehe sie zu Staub zerfällt. Ich sehe entsetzt zu, wie Liliana aus dem Wurm tritt, während Eingeweide, Magensäure und Innereien zischend von ihr abtropfen und ein seltsames Kettending vor ihrem Gesicht schwebt, das purpurn leuchtet. Sie tritt in den Sand und der Wurm wabert, bevor er neben ihr auf die Seite fällt und seine Innereien aus dem klaffenden, lilianagroßen Loch quellen. Seine äußere Hülle sieht derweil inzwischen grau und tot aus. Liliana macht wie in Trance ein paar weitere Schritte über den Sand. Die Zeichen auf ihrer Haut leuchten in dem gleichen purpurnen Licht wie die Kette, und ihre Augen sind leer und ausdruckslos. Ich starre sie an, während die Wunden auf ihrem Körper sich schließen und Wurmschleim sich auflöst, als würde er von irgendeiner Hitze versengt werden, doch ich spüre keine von ihr ausgehen. Wenn überhaupt, so wirkt sie kälter und noch abwesender als sonst, ein in sich gekehrter Stern, der über den Sand schwebt.

„Liliana?“ Ich mache einen Schritt auf sie zu und das violette Leuchten an allem an ihr verglimmt, ehe sie in sich zusammensinkt.

JACE

Das ist schlecht. Das ist so richtig, richtig schlecht.

GIDEON

Der erste Sandwurm stieß mit weit offenem Maul auf mich herab, bereit, mich zu verschlingen.

Perfekt.

Ich rannte vor und sprang in sein offenes Maul, stieß meine Hand vor und schickte mein Sural wirbelnd und reißend in seine Kehle. Die Klingen schnitten durch sein weiches Inneres, und der brennende und erstickende Druck seiner Schluckmuskeln wich dem Licht des Tages, als ich mir in einem Nebel aus Blut und Flüssigkeit meinen Weg aus seinem Hals freischlug.

Einer erledigt.

Mit einem dumpfen Aufprall fiel der Wurm in den Sand, und ich landete hart auf der Seite. Kaum hatte ich mich aufgerappelt, als der Schwanz des zweiten Wurms mich mit der Wucht eines anstürmenden Rhox an der Brust traf und ich zurückgeschleudert wurde, um gegen eine weitere Düne zu prallen und von ihr herunterzupurzeln.

Ich lag auf dem Rücken, kniff die Augen zusammen und versuchte, zu Atem zu kommen.

Für die übrigen Würmer brauchte ich vermutlich eine andere Idee.

Gideon. Wir müssen hier weg und uns neu sammeln. Ruckartig setzte ich mich auf. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, dass Jaces Worte einfach so in meinem Kopf auftauchen. Ich schaute mich rasch um und sprang gerade noch rechtzeitig wieder auf die Beine, als einer der verbleibenden Würmer auf mich zudonnerte.

Ich glaube, wir schaffen das, Jace. Ich machte mein Sural bereit und versuchte, meine Aufmerksamkeit zwischen dem Wurm und Jaces Stimme in meinem Kopf aufzuteilen. Ist Liliana ... ?

Am Leben. Aber in schlechter Verfassung.

Ich zog eine Grimasse. Der Wurm schoss auf mich zu, das Maul geschlossen, der Kopf ein wuchtiger Rammbock. Ich rollte aus dem Weg und spürte eine Lawine aus Sand über mich hinwegrieseln, die der mächtige Hieb des Wurms aufgewirbelt hatte. Ich sah zu, wie der zerwühlte Sand zu brodeln schien, als der Wurm unter der Oberfläche wendete und sich für einen weiteren Angriff auf mich zugrub.

Halte durch. Nissa und ich kommen. Ich duckte mich und sprang nach hinten, als der Wurm angriff, während ich mein Sural über dem Kopf schwang, um es ihm über den Unterbauch zu ziehen, als er sich in die Luft erhob. Metall durchschnitt weichere Schuppen, bis der Wurm ein zorniges Kreischen ausstieß. Ich rollte mich nach rechts, als er zu Boden ging und im Sand zuckte – verwundet, aber noch nicht ganz tot.

Ein kurzes Stück entfernt sah ich, wie Nissa auf einen Wurm zustürmte, der aus dem Sand auftauchte, und geschickt auf seinem Kopf landete. Der Wurm wand sich, um sie abzuwerfen, doch sie bewegte sich zu schnell – binnen eines Wimpernschlags stieß sie ihm ihr Schwert mit beiden Händen nach unten in den Schädel und ritt auf ihm, bis er wieder auf dem Boden aufschlug.

„Nissa!“, rief ich laut. „Liliana braucht –“

„Jace hat es mir gesagt.“ Nissa zog ihr Schwert aus dem Schädel des Wurms, und in einem grünen Lichtblitz nahm es wieder die Form ihres Stabes an. Wir verfielen in Gleichschritt, als wir auf Jace und Chandra zurannten, die über einer zusammengesunkenen Gestalt kauerten. Hinter ihnen lag die reglose Leiche eines Wurms.

Jace blickte mit leuchtenden Augen in unsere Richtung. Wir sollten uns zurückziehen. Zurück nach Kaladesh. Einen besseren Plan ersinnen. Ein anderes Vorgehen.

Einen Augenblick, Jace. Ich runzelte angesichts der Sorge in seinen Gedanken die Stirn und versuchte, die Lage einzuschätzen. Die überraschenden Angriffe hatten uns zweifellos unvorbereitet erwischt, doch wir hatten überlebt und die Bedrohungen ausgeschaltet. Liliana war schwer verwundet, aber am Leben. Nissa konnte sich um ihre Wunden kümmern und wir konnten weitergehen. Wären wir jetzt wieder von hier fortgegangen, wären wir bei unserer Rückkehr wahrscheinlich nur auf noch mehr Schwierigkeiten stoßen, und das schien kaum der richtige Ansatz, um –

Da bemerkte ich, dass der Wurm hinter Jace sich rührte.

NISSA

Ich spürte es, bevor ich begriff, was es war – eine plötzliche Veränderung in der Luft, wie der sanfte Druck, ehe ein Regenschauer einsetzte. Diese Veränderung jedoch war magischer Natur: ein Aufwallen ätherischer Spannungen, ein Zerren am Puls und am Schatten der Leylinien dieser Welt. Eine uralte Macht tief in ihr regte sich. Ich verlangsamte meinen Schritt, verwirrt und neugierig, und blickte mich nach dem um, was sich verändert hatte. Gideons warnende Rufe lenkten meine Aufmerksamkeit zurück zu Jace, und dann bemerkte ich es endlich – doch zu spät.

Bild von Jose Cabrera
Bild von Jose Cabrera

Der tote Wurm hinter ihnen richtete sich ruckartig auf. Er hatte noch immer ein gewaltiges Loch in der Brust. Mit unnatürlicher Geschwindigkeit peitschte er mit dem Schwanz und schleuderte Jace und Chandra in die Luft. Entsetzt sah ich zu, wie sie beide wie Kieselsteine, die man mit Schnitt auf einem See springen ließ, über den Sand hüpften und zusammengesunken liegen blieben.

Die Toten sind zum Untod verdammt.

Die Wahrheit des Landes schien der Welt selbst zu entspringen – ein donnerndes Echo kranker Leylinien und der siechen Seele der Welt. Die sonderbare Krankheit. Die beständige Gegenwart von Fäulnis und Verwesung, die ich schon seit unserer Ankunft gespürt hatte.

Diese Welt litt unter einem alten, mächtigen Fluch. Einem Fluch, der den Kreislauf aus Leben und Tod selbst umkehrte.

Grauen spülte über mich hinweg, ein jäher, eisiger Schauer meinen Rücken hinunter, als ich mich zu den anderen getöteten Würmern umwandte.

GIDEON

Ich verdoppelte meine Geschwindigkeit und stürmte auf den untoten Wurm zu, der sich nun an der bewusstlosen Gestalt Lilianas zu schaffen machte, als das entsetzliche Brüllen und Grollen des Sandes hinter mir meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Zwei zombifizierte Würmer brachen aus dem Sand hervor. Ich sah zu, wie es Nissa gelang, aus dem Weg des ersten zu springen, nur um vom massiven Leib des zweiten umfangen zu werden. „Nein!“, rief ich, als Nissa aus meinem Blickfeld verschwand und sich die Schuppen des Wurms spannten, als er zudrückte.

Die Zeit verlangsamte sich.

Grauen ergriff von mir Besitz.

Mein Blick huschte zwischen zwei möglichen Entscheidungen hin und her.

Nissa aus der erdrückenden Umklammerung retten.

Liliana vor dem Tod bewahren.

Was auch immer ich tue: Meines Hochmuts wegen wird eine weitere Freundin von mir sterben.

Den Bruchteil einer Sekunde stand ich wie gelähmt da und wusste, dass ich beide zum Tod verdammte, wenn ich gar keine Entscheidung traf.

Ich machte einen Schritt – mehr aus Instinkt denn aus einer bewussten Absicht heraus.

Plötzlich erstrahlte ein gleißendes Licht am Horizont.

Ich riss einen Arm hoch und schützte reflexartig meine Augen, als mich etwas nach hinten durch die Luft schleuderte. Im nächsten Wimpernschlag versuchte mein Verstand, mit dem, was ich da sah, Schritt zu halten.

Ein gewaltiger, in gleißendes Licht getauchter Pfeil durchbohrte den Wurm, der über Lilianas bewusstlosem Körper aufragte. Ich sah wie betäubt zu, wie der Wurm verdorrte und sein Körper zu Asche wurde. Der Pfeil verschwand, als würde ein Sonnenstrahl über den spiegelnden Sand huschen, und die Überreste des Wurms wurden vom Wind verweht.

Die beiden verbleibenden Würmer – sowohl der untote als auch der lebendige – heulten auf und setzten zur Flucht an. Derjenige, der Nissa umklammert hatte, ließ ihren Körper achtlos zurück, und ich rannte auf sie zu. Noch bevor ich bei ihr ankam, jagte ein riesiger Schemen aus Gold und Rot über den Sand und bewegte sich mit einer derartigen Geschwindigkeit und Zielgerichtetheit, dass ich ihm kaum zu folgen vermochte. Erst als er die Würmer erreicht hatte, erkannte ich seine Gestalt.

Bild von Chase Stone
Bild von Chase Stone

Sie ragte über mir auf, so groß wie ein Dutzend Männer. Ein goldener Kopfschmuck glänzte in der Sonne, und ein gewaltiger, zweizackiger Stab durchbohrte einen der Würmer. Ihr Körper leuchtete vor Macht. Er glich dem eines Menschen, ihr Gesicht jedoch ähnelte einem Schakal. Silberne, unergründliche Augen musterten mich, und ich spürte, wie ihr Blick mich durchbohrte. Sie zog ihre Waffe aus dem Wurm, und wie der von dem unsichtbaren Bogenschützen erlegte Wurm zerfiel auch dieser zu Staub. Der verbleibende untote Wurm grub sich in den Sand ein, doch mit übernatürlicher Geschwindigkeit setzte sie ihm nach und trieb ihren Stab in den Sand. Der Boden erbebte, ein gedämpftes Todesröcheln hallte durch die Dünen – und dann war alles still.

Das einsame Heulen des Windes war das einzige Geräusch, als die Gestalt sich aufrichtete. Ich begann, auf sie zuzugehen, und sie wandte ihren Blick nun ganz in meine Richtung. Ich spürte, wie ein goldenes Feuer mein Herz erfüllte und meine Schritte unsicher wurden, als ihre Präsenz über mich hinwegspülte und mir den Atem raubte. Dann, mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken, wandte sie sich ab und schoss in Richtung des Horizonts davon, hin zu den drohend aufragenden Hörnern, bevor sie hinter einem gewaltigen Grat aus Sand in der Ferne verschwand.

Ich fiel auf die Knie, umringt von meinen bewusstlosen, versprengten Freunden. Mein Verstand war so müde wie mein Körper.

Es gibt Götter auf Amonkhet.

Von allem, was ich auf dieser Welt gesehen habe – unerbittliche Sandstürme, untote Horden, riesige Sandwürmer und Tote, die zum Leben erwachen – war dies das, was ich am wenigsten erwartet hätte. Und das seltsamste.

Mein Verstand und mein Herz wurden in unendlich viele verschiedene Richtungen gerissen. Ich war wieder ein kleiner Junge auf Theros, der Sagen und Legenden über mächtige Götter und rachsüchtige Unsterbliche lauschte. Ein rebellischer Jugendlicher im Angesicht jenes Chaos, das die furchteinflößende Kraft und die grausame Eitelkeit dieser Götter gestiftet hatte. Ein junger Mann, der in ihrem Schatten stand und ihre ungnädige Wut zu erdulden hatte und Zeuge ihres beiläufigen Einmischens in menschliche Angelegenheiten und ihrer sorglosen Vernachlässigung sterblichen Lebens wurde. Mein Glaube und meine Furcht und meine Hoffnung auf sie verwoben sich zu einem immer enger werdenden Knoten, an den ich aus Nachlässigkeit und absichtlicher Vermeidung seit Jahren nicht mehr gedacht hatte.

Und da waren sie nun – auf Amonkhet.

Da waren sie – auf der Welt von Nicol Bolas.

Und meine Freundinnen waren ihretwegen noch am Leben.

Und sie brannte mit einer unleugbaren Rechtschaffenheit. Mit ihrem goldenem Licht, einem alles zerschmetternden Stab und unterstützt durch die Pfeile einer weiteren, unsichtbaren Präsenz brannte sie den Untod und die Dunkelheit aus.

Ich weiß nicht, wie lange ich im Sand kniete. Langsam kehrten meine Gedanken in meinen Körper und zu meinen verletzten Freunden zurück, und ich zwang mich, aufzustehen. Langsam erhob ich mich und versammelte meine Freunde. Langsam versorgten wir unsere Wunden und heilten uns, so gut es ging.

Ich versuchte zu erklären, was geschehen war. Wessen ich Zeuge geworden war. Sie verstanden es nicht ganz. Ich konnte Jaces Skepsis, Lilianas Verachtung und Chandras Verwirrung spüren. Allein Nissa bekannte, dass sie geglaubt hatte, eine Gegenwart zu spüren, bevor sie das Bewusstsein verloren hatte, aber ihr Glaube an meine Worte entsprang mehr Neugier als echter Überzeugung.

Streit entbrannte über unsere nächsten Schritte, doch ich wusste, dass wir weitergehen mussten.

Wir, die Wächter, hatten noch immer eine Aufgabe zu erfüllen.

Und ich musste es wissen.

Wie kann eine Welt, die angeblich von einem uralten bösen Drachen beherrscht wird, gleichzeitig die Heimat von Göttern sein?

Nachdem wir uns so gut wie möglich ausgeruht hatten, sammelten wir uns und setzten unseren Marsch in Richtung der Hörner fort – wachsam und auf der Hut. Wir begegneten ein paar weiteren umherstreunenden Untoten, aber Liliana wurde ihrer mit Leichtigkeit Herr. Wilde Bestien und Hyänen flohen meist vor uns, spätestens dann, wenn man sie mit Chandras Feuer zur Flucht ermunterte. Bald zogen wir den Grat hinauf, auf dem ich Sie hatte verschwinden sehen. Und als wir oben angekommen waren, schnappten wir alle vor Verwunderung nach Luft.

Bild von Jonas De Ro
Bild von Jonas De Ro

Vor uns wich der endlose Sand einem schimmernden, fruchtbaren Land. Sattes Grün säumte einen mächtigen Fluss, der in der Ferne verschwand. Die erste Sonne stand brennend hoch am Himmel. Ihr Licht spiegelte sich im Wasser, während die zweite Sonne sich seit unserer Ankunft nicht bewegt zu haben schien und von ihrer Position in der Nähe der gewaltigen Hörner aus loderte.

Viel näher als diese Hörner waren andere glänzende Monumente und hoch aufragende Bauwerke, die eine ausufernde Stadt bildeten, welche sich so weit erstreckte, wie das Auge reichte. Die geraden Linien von Obelisken und Türmen verliefen senkrecht zu denen großzügig und in klaren geometrischen Formen angelegter Tempel. Boote trieben auf dem Fluss, und das Rufen der Vögel und die Geräusche einer florierenden Metropole drangen zu uns herauf.

Dort unten waren Menschen.

Jace war der Erste, der auf das Schimmern von Magie rund um die Stadt herum deutete. Bei genauerem Hinsehen war eine durchscheinende Barriere zu erkennen, die das ganze Gebiet bedeckte und den Sand der ungezähmten Wüste an ihren Rändern aufhielt, ja sogar die Wolken über sich zerteilte. Vögel innerhalb der Kuppel änderten ihre Flugbahn, unwillig oder unfähig, die Barriere zu passieren.

Nissa fand als Erste die Sprache wieder, Staunen in der Stimme: „Was ist das für ein Ort?“

Ich räusperte mich. „Liliana, weißt du das?“

Liliana schüttelte den Kopf. „Als ich das letzte Mal hier war, habe ich wenig von Amonkhet gesehen. Ich wusste nicht, dass hier so etwas existiert.“

Jace runzelte die Stirn. „Was ist das für ein Ort? Was geht hier vor?“

Niemand von uns wusste eine Antwort. Schließlich zuckte Chandra die Schultern. „Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.“ Damit begann sie, den Hügel in Richtung der Stadt und der Barriere hinabzusteigen.

Wir alle folgten ihr. Unsere Schädel dröhnten mehr vor Fragen als vor Antworten.


Als die fünf sich zur Stadt aufmachten, strich das Wispern des einsamen Windes über ihre Spuren, verwehte den Sand hinter ihnen und formte neue Dünen und weite Ebenen. Über ihnen stieg die erste Sonne ihrem Zenit am Himmel entgegen, während die zweite an ihrem Platz am Horizont verharrte und ihr loderndes Starren auf die Welt unter ihr gerichtet hielt. Innerhalb von Minuten war die Wüste wieder, wie sie schon immer gewesen war, und nur zwei Sonnen waren Zeugen ihrer ewigen Stille.

Der Wind wehte weiter und wusste nichts von alldem, was sich eben noch zugetragen hatte.

Bild von Min Yum
Bild von Min Yum

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Planeswalker-Profil: Chandra Nalaar
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