Die Werkzeugkiste der Pandora

Veröffentlicht in Beyond the Basics on 30. Juni 2016

Von Gavin Verhey

When Gavin Verhey was eleven, he dreamt of a job making Magic cards—and now as a Magic designer, he's living his dream! Gavin has been writing about Magic since 2005.

Sagen wir, ihr seid ein Handwerker, der außen am 61. Stock des Empire State Buildings arbeitet.

Ihr müsst die richtigen Werkzeuge in euren Werkzeugkoffer legen, bevor ihr dort hinauffahrt, um etwas zu reparieren. Ihr wollt alles dabeihaben, was ihr braucht, denn ihr werdet sicher nicht einfach so wieder den ganzen Weg nach unten fahren und euch neue Ausrüstung holen wollen.

Gleichzeitig ist aber alles, was ihr mitnehmt, ziemlich schwer. Ihr wollt daher die perfekte Mischung aus benötigtem Werkzeug zusammenstellen, ohne dass ihr irgendwelchen überflüssigen Ballast mitschleppt. Wie gelingt euch das?

Keine Sorge: Das ist keine Matheaufgabe aus der Oberstufe. Willkommen zum Bau einer Werkzeugkiste in Magic!

Was ist denn nun aber eine Werkzeugkiste in Magic überhaupt? Gute Frage!

Eine Werkzeugkiste ist in aller Regel um eine Karte herum aufgebaut, die andere Karten suchen kann. Oft als „Lehrmeister“ bezeichnet – nach dem Erleuchteten Lehrmeister, dem Blutsaugenden Lehrmeister und ähnlichen Vertretern ihrer Art – sind diese Karten deshalb so mächtig, weil sie dafür sorgen können, dass ihr genau die richtige Antwort zur rechten Zeit findet.

Stellen wir uns diese Karten als die Hülle der Werkzeugkiste vor, dann sind die Karten, nach denen ihr sucht, die Werkzeuge. Dabei handelt es sich in der Regel um flexible Einzelkarten, die ihr in ganz bestimmten Situationen finden wollt. Habt ihr beispielsweise den Irdischen Lehrmeister in eurem Deck, spielt ihr womöglich genau einen Weisen der Renaturierung, damit ihr ihn finden und ein Ärgernis zerstören könnt, falls euer Gegner ein lästiges Artefakt oder eine fiese Verzauberung haben sollte.

Gibt es im Deck des Gegners jedoch keine Artefakte oder Verzauberungen und zieht ihr den Weisen einfach so, ist er frustrierend schwach. Und das ist die große Frage: Welche und wie viele Ziele für den Lehrmeister soll ich in mein Deck nehmen?

Heute möchte ich euch einige Tipps geben und euch Beispiele dafür zeigen, wie man eine Werkzeugkiste baut. Wenn es doch nur eine mächtige neue Karte gäbe, die euch dazu animieren könnte, eine Werkzeugkiste zu bauen ...

Nun, seid unbesorgt, denn die gibt es tatsächlich. Und sie ist ganz schön krass! Macht euch bereit!

Darf ich euch meine neue Freundin vorstellen? Hier ist die Unheimliche Evolution:

Karten suchen. Sie direkt ins Spiel bringen. Drei Mana. Nichts ist je dabei schiefgegangen, wenn man Manakosten umgeht, indem Kram direkt aus der Bibliothek ins Spiel kommt, oder?

Sehe ich eine Karte wie diese, beginnen sich die Zahnräder in meiner eigenen Werkzeugkiste in meinem Schädel sofort zu drehen. Das Erste, was einem einfällt, ist natürlich, ein Deck zu bauen, bei dem man für jede Runde die perfekte Antwort oder Bedrohung bekommt. Vor euch liegen eine Menge Permutationen und Möglichkeiten.

Ihr wollt also nun die Unheimliche Evolution als Werkzeugkisten-Karte in euer Deck integrieren. Wie aber wählt ihr aus, welche Karten in eure Werkzeugkiste wanden?

Schauen wir uns doch ein paar Möglichkeiten an – und bauen wir zuallererst einmal ein Deck!

Die Kombo-Werkzeugkiste

Werkzeugkisten und Kombos gehen Hand in Hand. Wenn ihr nach einer bestimmten Karte sucht, sorgen Lehrmeister dafür, dass ihr sie auch findet. Sind die Teile eurer Kombo sperrig und wollt ihr nicht allzu viele davon ziehen, könnt ihr auch weniger Exemplare der einzelnen Teile spielen und euch die fehlenden mit dem Lehrmeister heraussuchen.

Zusätzlich ist es oft auch so, dass die Leute Hasskarten gegen bestimmte Kombos verwenden. Lehrmeister helfen dann dabei, dass ihr die richtigen Antworten auf diese Hasskarten findet.

Übertragen wir das nun auf die Unheimliche Evolution.

Ein Kombodeck, das gerade im Standard umgeht, basiert rein zufällig auch auf Kreaturen. Die Kombo aus Eldrazi-Verdränger und Brutüberwacher sorgt dafür, unendliche Mengen an „Kommt-ins-Spiel-und-stirbt“-Auslösern zu erzeugen, indem sie die Spielsteine des Brutmonitors dazu verwendet, den Brutüberwacher wiederholt rein- und rausflackern zu lassen. Das macht für sich genommen noch nicht allzu viel. Kommt aber noch so etwas wie der Zulaport-Mordgeselle hinzu, ist der Gegner ziemlich sofort tot.

Dieses Deck ist bereits ziemlich erfolgreich – und mit der Unheimlichen Evolution als Lehrmeisterin, die die Kreatur direkt ins Spiel bringt, wird es stärker als je zuvor werden.

Schaut euch beispielsweise diese Deckliste an:

Gavin Verheys Unheimlicher Verdränger

Download Arena Decklist

Hier passieren einige spannende Dinge.

Schaut euch zunächst an, wie knapp die Kombo hier bemessen ist. Mit nur einem Zulaport-Mordgesellen (den ihr auch mit dem Katakomben-Durchkämmer finden könnt) und zwei Brutüberwachern spart ihr euch paar erforderliche Slots.

Beachtet bitte, dass ihr eine Reihe von Karten für vier Mana braucht, um sicherzugehen, dass ihr mit der Entwicklung den Brutüberwacher auch findet. Glücklicherweise passt der Seher der Gedankenleere hier perfekt! Er lässt sich prima mit der Evolution heraussuchen, um die Hand des Gegners leer zu räumen, bevor ihr mit der Kombo anfangt – oder auch, um einfach nur gezogen und gespielt zu werden.

Werft zudem einen Blick auf den einen Kalitas. Obwohl seine Fähigkeit keine Spielsteine betrifft, kann er in einem Spiegelspiel für den Gegner recht unbequem werden. Solltet ihr so etwas wie dem schwarz-grünen Kryptolith-Ritus-Deck gegenüberstehen, kann das verheerende Auswirkungen zeigen – bis zu dem Punkt, an dem die Suche danach euch einiges an Zeit verschafft, um euren eigenen Sieg vorzubereiten.

Ihr könntet außerdem leicht verschiedenste einzelne Karten für Spiegelspiele ins Feld führen. Die Erleuchtete Asketin beispielsweise, um den gegnerischen Kryptolith-Ritus loszuwerden. Nehmt ihr weitere Reflexionsmagier mit dazu – was durchaus klug wäre –, dann könntet ihr auch nach einem Realitätsbrecher suchen. Wie auch immer euer Metagame aussieht: Es gibt mit Sicherheit eine Karte, die ihr gern heraussuchen möchtet.

Auf welche Weise könnt ihr nun eure Werkzeugkiste bauen? Also ...

Die geteilte Werkzeugkiste

Es gibt manche Karten, die man ziemlich einfach als Ziele für die Werkzeuge spielen kann, da sie ohnehin gut ins Deck passen!

Nehmen wir die zuvor erwähnte Erleuchtete Asketin. Für sich genommen ist sie ziemlich schwach und nur für bestimmte Situationen geeignet. Das ist nicht die Art von Karte, die man normalerweise im Hauptdeck spielen würde – es sei denn, man hat eine Werkzeugkiste und das Metagame verlangt danach.

Vergleichen wir das nun mit Kalitas, Verräter von Ghet. Kalitas ist für sich genommen schon ziemlich stark. Man würde ihn zwar wahrscheinlich normalerweise nicht in diesem Deck spielen, doch wenn man ihn zieht, ist er selten falsch. Dadurch wird er zu einer guten Wahl für eine Werkzeugkisten-Karte, denn manchmal zieht man einfach nur seine Einzelkarten – und die sollen doch lieber Einfluss die Partie haben, anstatt tot auf der Hand zu liegen.

Etwas, was ich bei einer Menge Werkzeugkisten-Decks sehe, ist der Ansatz, die Kiste einfach zu teilen.

Sagen wir, ihr spielt normalerweise vier Exemplare einer Karte. Nehmen wir zusätzlich an, ihr spielt in der Regel vier Seher der Gedankenleere. Das ist absolut vernünftig, denn er ist ja auch eine starke Karte. Ihr wollt jedoch außerdem Kalitas als situative Karte für das Metagame spielen. Kalitas kostet ebenfalls vier Mana. Beide sind ziemlich stark. Der Seher ist die universeller einsetzbare Karte, aber Kalitas kann in einigen Paarungen wesentlich stärker glänzen.

Was also tun?

Was ihr tun könnt, ist, die beiden drei zu eins aufzuteilen.

Dadurch habt ihr die meiste Zeit über eine Karte, von der ihr im Grunde glaubt, dass sie die bessere von beiden ist – aber ein Kalitas im Deck sorgt dafür, dass ihr nach ihm suchen könnt, wenn ihr ihn wirklich braucht. Und wie schon zuvor angemerkt ist es völlig in Ordnung, Kalitas einfach nur so zu ziehen. Manchmal ist er dann sogar besser als der Seher.

Dieses Verhältnis von drei zu eins (oder manchmal auch zwei zu zwei oder eins zu eins) ist die geteilte Methode im Einsatz.

In einem Deck mit einer Werkzeugkiste ist der Unterschied zwischen null und eins gewaltig. Wenn es etwas gibt, worauf ihr unbedingt Zugriff haben wollt, dann zieht diese Methode in Erwägung, um euren Plan zum Laufen zu bringen.

Merzt eure Schwächen aus

Eine besondere Stärke von Werkzeugkisten-Decks ist ihre Fähigkeit, situative Schwächen mithilfe einzelner Karten auszugleichen.

Sagen wir zum Beispiel, ein Wiederbelebungs-Friedhofsdeck mit Dann leben sie noch heute wird beliebt. Es wirft eine Reihe starker Kreaturen auf den Friedhof und hat dann vor, diese wiederzubeleben. Ihr stellt fest, dass diese Paarung für euch ungünstig ist.

Es wird jedoch bei Weitem nicht jeder Gegner dieses Dann leben sie noch heute-Deck spielen. In den Partien dagegen habt ihr jedoch wirklich schlechte Karten. Das Dann leben sie noch heute-Deck taucht immer häufiger auf.

Was sollt ihr nun machen?

Nun, es ist an der Zeit, eine Kreatur ins Hauptdeck zu nehmen, um dagegen anzukämpfen.

Diese Art von „Silberkugeln“ richten sich gegen ein ganz bestimmtes Deck oder eine ganz konkrete Strategie. Eine Hasskreatur gegen den Friedhof zu spielen, kostet euch nur einen Slot in eurem Deck und kann die Partie komplett drehen, wenn ihr sie mit der Evolution findet. Es lohnt sich, sie zu spielen, denn dieser eine Slot verschafft euch in dieser Paarung einen Vorteil.

Häufiger als in Kombo- oder Aggrodecks werdet ihr die Werkzeugkiste in Kontrolldecks antreffen.

Die Strategie von Kontrolldecks ist es, die Partie in die Länge zu ziehen. Sie brauchen daher die richtige Antwort auf eine Unmenge von Decks. Spielt ihr beispielsweise Mystische Lehren und ein Wiederbelebungsdeck ist gerade beliebt, dann lohnt es sich absolut, eine Karte zu spielen, die genau dagegen angeht, falls ihr nicht glaubt, es irgendwie anders schlagen zu können.

Das ist immer eine wichtige Taktik, die man stets im Hinterkopf behalten sollte. Nicht minder wichtig jedoch ist es, sich hierbei zu zügeln. Ich habe nämlich noch einen geradezu überlebenswichtigen Rat.

Überladene Werkzeugkisten

Der häufigste Fehler, den ich bei Werkzeugkisten-Decks sehe, ist es, zu viele einzelne Werkzeuge hineinzutun.

Jedes Werkzeug fühlt sich so leicht und einfach in der Handhabung an. Es ist ja nur eine Karte. Macht ihr das aber zehn Mal, habt ihr plötzlich zehn suboptimale situative Karten in eurem Deck!

Die entscheidende Frage beim Hinzufügen eines jeden Werkzeugs lautet: „Brauche ich das wirklich?“

Es ist zum Beispiel ein verlockender Reflex, so etwas wie die Ätzende Raupe ins Deck zu nehmen, um Artefakte oder Verzauberungen loszuwerden. Schließlich sind bestimmte Artefakte und Verzauberungen prototypische „Muss situativ entfernt werden“-Karten. Hat aber niemand viele Artefakte im Hauptdeck, die unbedingt wegmüssen, verschwendet ihr einfach nur einen Slot in eurem Deck, ohne wirklich etwas davon zu haben!

Fünf ähnliche, häufige Fehler mit Einzelkarten im Hauptdeck, betreffen heraussuchbare Karten, die:

  • Ein Deck bekämpfen, das eigentlich niemand spielt
  • In Situationen gut sind, die eigentlich nie eintreten
  • Gegen ein Deck helfen, gegen das ihr sowieso die meiste Zeit gewinnt
  • Man in den allermeisten Fällen erst nach etwas ganz anderem findet
  • Stark gegen eine Karte sind, die nie im Hauptdeck der Gegner auftaucht, sondern nur nach dem Sideboarden

Achtet bei euren Testpartien darauf, wonach ihr sucht und wie oft. Wenn es Karten gibt, die ihr nie heraussucht, ist das ein ziemlich gutes Zeichen dafür, dass ihr sie rausnehmen solltet.

Habt ihr im Allgemeinen vier oder mehr Einzelkarten in eurem Deck, würde ich anfangen, mir die Gründe für das Vorhandensein jeder von ihnen ganz genau anzuschauen. An diesem Punkt nehmen sie euch den Platz für einen kompletten Satz aus anderen Karten – sie sollten das also besser auch unbedingt wert sein. (Oder es ist für euch in Ordnung, sie nur ab und an ganz normal zu ziehen.)

Das richtige Werkzeug für jede Aufgabe

Einige meiner Lieblingsdecks in Magic sind Werkzeugkisten-Decks. Es ist schon ein tolles Gefühl, das eigene Deck zu durchkämmen und nach der einen, perfekten Antwort auf den Zug des Gegners zu suchen.

Diese Decks müssen jedoch sorgfältig gebaut werden. Macht man das ordentlich, können sie ziemlich mächtig werden. Hoffentlich habt ihr jetzt die nötigen Mittel von mir erhalten, damit ihr euch daranmachen könnt, euer eigenes Werkzeugkisten-Deck zu bauen! Ich freue mich darauf, endlich zu sehen, was ihr mit der Unheimlichen Evolution alles anstellen werdet. Sie ist eine mächtige Karte, durch die ihr genau das finden werdet, wonach ihr sucht.

Anmerkungen, Fragen, Spielsituationen oder tolle Ideen zur Unheimlichen Evolution? Dann immer her damit!

Ihr findet mich für gewöhnlich auf Twitter oder Tumblr. Falls ihr jedoch lieber E-Mails schreibt, dann tut das doch einfach – und zwar an beyondbasicsmagic@gmail.com.

Nächste Woche bin ich mit weiteren Preview-Karten zu Düstermond zurück. Dann sprechen wir über Stammesdecks. Habt bis dahin viel Freude an der Vorschau auf Düstermond – möget ihr immer das richtige Werkzeug zur Hand haben!

Gavin
@GavinVerhey
GavInsight

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