Wie Cosplay die Community verändert hat

Veröffentlicht in Feature on 19. Dezember 2016

Von Marc Calderaro

„Diese Klauen gehen immer ab“, sagt Christine Sprankle, während sie sich müht, ihren Speer aufzuheben. Sie ist dabei besonders vorsichtig – nicht nur wegen der Klauen, sondern auch deshalb, weil sie mit ihren pechschwarzen Kontaktlinsen nicht gerade über die beste Sicht verfügt. „Sachen in der Nähe kann ich noch ziemlich gut erkennen, aber bei allem, was weiter weg ist, wird es echt schwer. Und ich hasse es, mit den Dingern zu lesen.“

Beim Grand Prix Albuquerque macht Sprankle das, was sie oft auf GPs macht: teure und aufwendige Cosplays von Figuren aus dem Magic-Universum. An diesem Wochenende ist sie Avacyn die Läuterin. Sie ist also der Erzengel Avacyn, nachdem dieser dem Wahnsinn verfallen ist. Ihre Flügel sind in Rot getaucht, ihre Kleidung wirkt bedrohlich und selbst ihr Speer hat sich verändert.

Sprankle selbst durchläuft eine ähnliche Verwandlung, wann immer sie eines dieser Events besucht. Die attraktive Frau wird zu einem Racheengel – wenn schon nicht direkt vor unseren Augen, dann doch schon ziemlich nahe dran. Das ist das Leben als Cosplayer. Man macht sich bereit und legt seine „Kriegsbemalung“ an, wie Sprankle es nennt, um zu seiner Lieblingsfigur zu werden.

Hier beim Grand Prix Albuquerque ist Sprankle nicht die einzige Cosplayerin. Simone Mularkey, A. E. Marling und Arielle Lien sind allesamt hier, um in Verkleidung zu spielen – als Sorin, Geralf der Leichenflicker und Arlinn Kord. Es gibt sogar ein kleines Kind, das wie Jace gekleidet ist (Liens Nichte nämlich).

Jeder dieser vier ist zu einer Figur geworden, die er liebt, um für Fotos zu posieren, Autogramme zu geben, mit der Community zu interagieren (oft in Rolle, was besonders für Marling gilt) und viel zum Ambiente der Veranstaltung beizutragen.

Cosplay war zwar schon lange Teil solcher Conventions, ist in der Magic-Szene jedoch noch relativ neu. Und die drei anderen verweisen auf Sprankle als einen der wichtigsten Gründe, weshalb sie heute gekommen sind.

„Ich möchte sie nicht zwingend als Mentorin bezeichnen“, sagt Mularkey. „Sie hat durch ihre Arbeit und ihren Einsatz die Messlatte einfach nur sehr hoch gelegt – sie ist toll.“ Auch Marling sagt, dass Sprankles Anblick auf der Weltmeisterschaft 20011 ihn dazu veranlasst hat, das mit dem Cosplay ebenfalls auszuprobieren.

Sprankle, die schon seit 2007 und damit seit ihrer Highschool-Zeit Cosplayerin ist, fing in dem Moment an, ein Magic-Cosplay zu planen, als sie einen bestimmten Booster öffnete. „In meinem Draft zog ich Elspeth Tirel, und die Cosplayerin in mir dachte sofort: ‚Oh, das muss ich nachstellen.‘“ Und das tat sie.

Die Weltmeisterschaft 2011 stand kurz bevor – also legte sie ihre Kriegsbemalung an und bereitete sich auf die Show vor. Die Leute sagten ihr jedoch, dass Magic-Spieler das so nicht machen würden. Cosplay war hier noch keine „Sache“. „Ich meinte: ‚Aber das klingt doch nach einer Convention, oder? Tja, und das ist es, was ich auf Conventions eben so tue‘.“ Also machte sie Cosplay zu einer Sache.

Anfangs bereute sie ihre Entscheidung. „Ganz ehrlich? Es war beängstigend.“ Die Reaktionen waren zunächst zwiespältig. „Ich dachte, ich würde etwas falsch machen.“ Doch das war nur Reaktion der Community vor ihrer eigenen Verwandlung.

Und so wurde letztlich nicht nur alles gut, sondern es gelang ihr auch, eine Nische in der Magic-Community zu schaffen, die vorher noch nicht dagewesen war. Sie half der Community dabei, weiter zu wachsen, und trug zudem dazu bei, dass Magic auch weiterhin für alle Arten von Magic-Liebhabern offen bleibt. Es erfordert viel Mut, das zu tun, was sie getan hat. Und das ist wenig überraschend, denn Sprankle ist in Rolle sehr selbstbewusst (auch wenn sie es selbst nicht ist).

„Bevor ich das Kostüm anziehe, habe ich nur wenig Selbstvertrauen, aber als Liliana kann ich eine gewaltige [Zicke] sein und die Leute finden das toll. Denn so soll Liliana ja sein.“ Durch ihre Kostüme drückt sie sich auf eine Weise aus, wie sie es sonst nicht könnte. Und damit ist sie nicht allein.

Mularkey sagt: „Man fühlt sich ziemlich cool, aber man kann dennoch eigene, verborgene Aspekte seiner selbst ausleben.“ Jene verborgenen Aspekte, die man sonst nur ungern zeigt. „Natürlich fühlt man sich auch anders – normalerweise werde ich ja nicht andauernd gefragt, ob ich mit jemandem für ein Foto posieren möchte.“

Auch Lien empfindet so für ihr Cosplay, und es hat ihr durch einige schwere Zeiten in ihrem Leben geholfen. „Selbst wenn ich bis dahin einen wirklich schlechten Tag hatte – sobald das Kostüm angezogen ist: Wusch! Schon fühlt sich alles völlig anders an.“ Vor die Menge zu treten und das Lächeln zu sehen, kann das gesamte Auftreten verändern. „Ich liebe es, Menschen glücklich zu machen, besonders Kinder. Wenn Kinder zu mir kommen, ist das einfach das Größte.“

Das Selbstvertrauen durch dieses andere Ich kann sich auf das Leben jenseits der Maske übertragen. „Mein Umgang mit Menschen bei der Arbeit hat sich deutlich verbessert“, sagt Sprankle. Sie arbeitet mit Kindern und kann sich nicht nur deshalb in sie hineinversetzen, weil sie selbst ein „großes Kind“ ist, sondern weil die ständigen Interaktionen auf Conventions ihr dabei beträchtlich helfen.

Obwohl in der Cosplay-Community viele auf die „völlige Verwandlung“ in die Figur schwören, kann es viel bewirken, wenn man einen Teil von sich mit einbringt. „Cosplay ist da sehr viel flexibler“, fügt Mularkey hinzu. „Man kann zu der Figur werden, aber der echte Sorin wäre wahrscheinlich nicht freundlich. Er würde all diese Leute einfach nur runterputzen.“

Auch Marling hat hierzu etwas zu sagen: „Die Leute fürchten sich vor dem, was sie nicht kennen, selbst wenn es etwas Gutes ist. Ich belebe Leichen. In diesem Fall dient das allen, denn Leichen sind eine erneuerbare Ressource.“

Wie auch immer Cosplayer sich mit ihren Figuren auseinandersetzen, so gibt es doch keine klare Trennung zwischen Cosplayer und Figur – und das macht einen Teil des Reizes aus. Es ist keine Verwandlung, sondern vielmehr eine Verschmelzung.

Ohne das Cosplay trägt Sprankle zwar keine „Kriegsbemalung“, aber sie ist immer teils Avacyn, Elspeth und Liliana. Und dieses auf diese Weise gewonnene Selbstvertrauen verschwindet nicht einfach so. Sprankle hat es sich jedoch nicht nur durch das Cosplay erarbeitet, sondern auch dadurch, der Magic-Community einen neuen Weg zu zeigen, sich auszudrücken. Fünf Jahre nach ihrem Debüt auf der Weltmeisterschaft 2011 gehört Cosplay nun zu jedem Grand Prix dazu.

Diese Figuren, mit denen ihr euch verbunden fühlt? Ihr könnt nun zu ihnen werden und mit ihnen interagieren. Das ist es, was Cosplay tut – und das ist schon ziemlich klasse. „Es wird immer ein Teil von mir sein“, sagt Sprankle. „Ich habe bereits alte Figuren für später in Planung.“

„Cosplay hat mich so sehr inspiriert. Und jetzt will ich andere inspirieren.“ Und wie es scheint, ist ihr das bereits mehr als gelungen.

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