Stein und Blut

Veröffentlicht in Magic Story on 15. Juni 2016

Von Kelly Digges

Kelly Digges has had many roles at Wizards over the years, including creative text writer, R&D editor, website copyeditor, lead website editor, Serious Fun column author, and design/development team member on multiple sets.

Was bisher geschah: Die Erzmagierin der Goldnacht

Sechstausend Jahre vor den im Handlungsstrang von Düstermond geschilderten Ereignissen arbeiteten drei Planeswalker zusammen, um die monströsen Eldrazi auf der Welt Zendikar einzusperren. Nahiri, eine Kor aus Zendikar, hielt Wacht über die Gefangenen. Ugin – genannt der Geisterdrache – und der Vampir Sorin Markov erklärten sich dazu bereit, zurückzukehren, falls ihre Hilfe gebraucht werden sollte. Doch vor tausend Jahren wären die Eldrazi um ein Haar entkommen, und weder Sorin noch Ugin kamen. Sorin war Nahiris Freund, und sein Fernbleiben besorgte und verwirrte sie. Nachdem sie die ersten Fluchtversuche der Eldrazi vereitelt hatte, machte sich Nahiri auf, ihren Freund zu finden. Wir wissen dank Sorins Erinnerungen, dass ihr Treffen nicht gut verlief. Aber jede Geschichte hat zwei Seiten ...


Wiedervereinigung

Vor tausend Jahren

Nahiri warf sich durch das Chaos der Blinden Ewigkeiten, des Raums zwischen den Welten. Zu lange hatte sie in ihrem steinernen Kokon geschlafen. Sie hatte zugelassen, dass gewisse Dinge an ihrem Bewusstsein vorbeigedriftet waren. Das entsetzlichste Beispiel für ihre Fahrlässigkeit hatte sie bereits wieder ins Lot gebracht: Sie hatte jene Schutzzauber verstärkt, die ihre Gefangenen sicher verwahrten und die deren Diener auch weiterhin in Vergessenheit hielten. Ihre eigene Welt war nicht bedroht, zumindest für den Augenblick.

Nun war es an der Zeit, einem alten Freund einen Besuch abzustatten und etwas weitaus weniger Greifbares wiederherzustellen.

Es dauerte nicht lange, ehe Nahiri seine Präsenz spürte und darauf zusteuerte, indem sie die Welt um sich herum beugte und krümmte, bis sie schließlich neben ihm stehen konnte. Sie waren uralte Freunde, auch wenn ihre Bindung aneinander nur mehr ein verblasstes Relikt war, doch Sorin Markov war ihr erster Verbündeter gewesen und Nahiri hätte ihn überall wiedererkannt.

Sie stand nun auf einer hohen Klippe über einer dunklen und aufgewühlten See. Sie war noch nie zuvor an diesem Ort gewesen, doch nichts an ihm überraschte sie. Innistrad und Sorin hatten einander wechselseitig geformt, und diese Welt schien bestens zu ihm zu passen: düster und gefährlich, beinahe schon aus vollster Absicht heraus unfreundlich. Und der Mond: Der Mond, der sich über den Wassern zeigte, hatte etwas Sonderbares an sich. Etwas, was sanft an all ihren Sinnen zupfte.

Sorin hatte sie nie hierhergebracht, doch er hatte oft in wehmütigen Tönen von dieser Welt gesprochen. Sie wusste, er hatte darauf gehofft, dass sie Innistrad im Notfall verteidigen würde – so wie sie darauf gehofft hatte, dass er es genau so mit Zendikar halten würde. Am Ende hatte keiner von ihnen beiden seinen Willen bekommen.

Sorin war nicht hier.

Am höchsten Punkt der Klippe – dort, wo sie seine Präsenz gespürt hatte – stand an seiner Statt ein massiver, roh behauener Silberklotz, der mindestens zwölf Schritt aufragte. Er wies zahlreiche Seiten auf, doch sie waren grob beschaffen und von ungleichmäßiger Natur, als hätte ein äußerst unerfahrener Lithomagier dieses Ding erst aus dem Boden gezerrt, um sich dann doch nicht die Mühe zu machen, es hübsch blank zu polieren.

Doch vollendet war es – es war für sie unmöglich zu übersehen, dass es sich bei diesem Ding offenkundig um das Endergebnis einer gewaltigen Anstrengung und eben nicht um ein unvollendetes Werk handelte. Es war nicht auf Hochglanz gebracht, weil ein solcher Hochglanz für das, was dieses Ding darstellen sollte, nicht weiter von Belang war. Oder für das, was es anstellen sollte.

Und dieses – dieses Dingeben – war auch das, was sie gespürt hatte. Nicht Sorin. Über die Blinden Ewigkeiten als feines Mittel der Verständigung hinweg hatte dieses Ding seinen Namen gerufen.

Auf der Klippe gab es nichts außer dem Wind und dem silbernen Monolithen, abgesehen von einem kümmerlich gewachsenen Baum mit roten Blättern. Sie überließ den Baum seinen eigenen Angelegenheiten und umrundete den gewaltigen Silberbrocken.

Seiten. Er hatte acht von ihnen. Oder vielleicht auch nur sieben. Das hing ganz davon ab, wie großzügig man mit dem Begriff einer Kante umging. Doch es waren willentlich geformte Flächen, fast wie bei einem ... Aber es gab keine Polyeder in Innistrad, und Sorin besaß auch weder die Mittel noch den Anlass, welche von ihnen anzufertigen.

Und wie auch im Fall eines Polyeders war dieses Ding mehr als seine körperlich fassbaren Bestandteile. Sie tastete es mithilfe ihrer Lithomagie ab, sondierte das reine Metall und versuchte, sich eine Vorstellung von seiner inneren Struktur zu verschaffen.

Nichts. Einfach nur nichts. Sie spürte die Körnigkeit der Felssohle eine halbe Meile unter ihren Füßen und den langsamen, steten Takt jenes ruhigen, aber dennoch unwiderstehlichen Walzers, den die Kontinentalplatten tanzten. Doch sie vermochte nicht, in diesen Silbersplitter hineinzublicken. Sie konnte ihm nicht einmal den winzigsten Kratzer beibringen. Ihre Macht verschwand einfach in ihm wie in einem bodenlosen Brunnen. Fast wie bei einem ... Aber nein. Und nochmals nein. Es war kein Polyeder. Nicht hier.

Sie bückte sich und lugte unter das Ding, halb in der Erwartung, dass es über dem Boden schwebte. Doch es war mit dem Untergrund verwurzelt, und zwar über einen vergleichsweise schlanken Fuß aus Silber, der nicht viel breiter als Nahiri selbst war.

Sie richtete sich auf und setzte ihre gemächliche Umrundung des Dings fort. Anstelle der tiefer gehenden Untersuchung, die sie offenbar nicht zustande bringen konnte, fuhr sie mit den Fingerspitzen an ihm entlang. Sie wusste nicht, wie viel Zeit sie mit der Erforschung des silbernen Monolithen schon zugebracht hatte, doch der Mond stand bereits höher am Himmel, als hinter ihr eine vertraute Stimme erklang.

„Du musst mir meinen unbeholfenen Versuch, Stein zu formen, bitte vergeben, Liebes.“

Sie fuhr auf der Ferse herum. Sorin!

Weißes Haar, schwarzer Mantel, diese unheimlichen gelbroten Augen. Seine Erscheinung war schrecklich und sein Blick nicht minder schauderhaft – und dennoch konnte sie nicht anders, als zu grinsen.

„Mein Freund!“, brachte sie endlich über die Lippen. „Du lebst!“

Er lächelte sie an, ging auf sie zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. Für seine Verhältnisse ging dies als die hellste Freude durch.

„Und warum denn auch nicht?“

Sie fasste nach oben, um ihre Hand auf seine zu legen. Sie war nun vollkommen wach und ihr Körper von der Wärme des Lebens durchzogen. Seine Finger waren so kalt und tot wie eh und je.

„Du bist nicht gekommen,“ sagte sie. „Als ich auf Zendikar das Signal vom Auge Ugins auslöste, hast du nie geantwortet. Ich fürchtete, dass du–“

Sorin zog die Hand zurück und legte die Stirn in Falten.

„Die Eldrazi haben sich aus ihrem Kerker befreit?“

„Das haben sie, ja.“

„Wo ist Ugin?“, fragte er.

„Auch er ist nicht gekommen“, sagte sie und versuchte, ihre Verbitterung nicht in ihrer Stimme aufsteigen zu lassen. „Aber ich habe mich darum gekümmert. Allein. Mit aller Macht, die ich aufbringen konnte, ist es mir gelungen, den Kerker der Titanen wieder zu versiegeln.“

Urplötzlich traf sie die Erkenntnis, dass sie nun weitaus älter war als zum Zeitpunkt ihres letzten Treffens mit Sorin. In ihrer Erinnerung ragte er gewissermaßen als uralter Mentor über ihr auf, der tausend Jahre mehr an Erfahrungen aufzubieten hatte als sie. Doch was waren denn nun eigentlich schon tausend Jahre? Sie waren Gleichgestellte. Endlich.

„Nachdem die Aufgabe erfüllt war, machte ich mich auf die Suche nach dir. Ich musste wissen, ob du noch am Leben bist. Und hier bist du nun.“

Hier bist du nun. Ihre Freude über das Wiedersehen schwand dahin. Sie hatte sich Sorgen um ihn gemacht. So große Sorgen – dass ihm etwas zugestoßen war oder dass er wie sie einer tausend Jahre währenden Niedergeschlagenheit zum Opfer gefallen war. Sie war hierhergekommen, um ihn zu finden. Um ihn zu retten. Doch allem Anschein nach brauchte er gar nicht gerettet zu werden.

„Also? Wo warst du?“, fragte sie. „Sorin, warum hast du nicht auf das Signal geantwortet?“

„Es hat mich nie erreicht“, sagte er.

„Wie kann das sein?“

„Hm“, sagte er. Nur ein Hm ohne größeres Interesse oder jegliche Dringlichkeit.

Er fasste an ihr vorbei und presste eine Hand flach gegen die Oberfläche des Dings.

„Du hattest dich der Aufgabe verschrieben, die eingesperrten Eldrazi zu bewachen, und mir wurde klar, dass meine Welt dringend einen eigenen Schutz brauchte, besonders während meiner Abwesenheit. Dieser Höllenkerker ist die eine Hälfte dessen, was ich als Schutz erschaffen habe.“
 

Höllenkerker. Ihr schauderte. Es war ein Kerker. Was sollte in einem solchen Ding wohl verwahrt werden?

„Es ist nicht undenkbar“, fuhr er fort und klang dabei gelangweilt, „dass dein Signal aus dem Auge die Magie, die diese Welt beschützt, nicht zu durchdringen vermochte.“

Sorins eigene Zauberkunst hatte sie daran gehindert, in Verbindung mit ihm zu treten? Sie fühlte einen jähen Schwindel und wählte ihre nächsten Worte mit Bedacht.

„Wusstest du zu jenem Zeitpunkt, dass das geschehen könnte?“

„Es kam mir nie in den Sinn“, sagte er. „Ich erkenne nun jedoch, dass diese Möglichkeit bestand.“

Fels und Himmel!

Früh in ihrer Bekanntschaft – bevor sie begriffen hatte, was er längst war und wozu auch sie gerade geworden war – hatte er sich bei ihr erkundigt, ob sie gerne lernen wollte, wie man so kämpfte wie er. Sie hatte Ja gesagt – und dann hatte er versucht, sie umzubringen.

Oder zumindest war ihr das damals so vorgekommen. Nur wenig später war ihr klargeworden, dass er sich zurückgehalten hatte: Er hatte sie körperlich angegriffen, obwohl er sie mit einem einzigen Gedanken so mühelos hätte auslöschen können wie eine Kerze. Sie bot ihm kurz die Stirn, bis sein schwerer Zweihänder sie mit einem üblen Knacken am Arm streifte und Schmerz ihre sämtlichen Sinne übermannte.

Gut gemacht, sagte er, während er über ihr stand. Du hast fast sechs Atemzüge durchgehalten. Also natürlich welche von deinen. Und jetzt hoch mit dir.

Hoch mit mir?, rief sie. Du hast mir den Arm gebrochen!

Dann mach ihn wieder heil, sagte er. Er schaute sie dabei nicht einmal an.

Heil machen? Heil machen? Wie bei allen Teufeln –

Erst dann hatte er ihr endlich erklärt, dass sie nicht länger sterblich war. Dass es sich bei ihrem Körper nur um eine reine Zweckdienlichkeit handelte. Um eine Projektion ihres Willens.

Das hättest du mir gleich am Anfang verraten sollen, sagte sie und hielt dabei Tränen der Wut zurück.

Ach, sagte er in seinem gelangweilten, aber wohlmeinenden Tonfall. Es kam mir nie in den Sinn.

Er hatte auch nun wieder diesen Tonfall, der so herablassend ihr gegenüber war. Doch das Mädchen, als dessen Mentor er sich betätigt hatte, war schon lange tot. Begraben in einer Gruft aus Stein. Nur eine Planeswalkerin war noch übrig. Und eine Planeswalkerin würde nicht zulassen, dass man ihr mit Herablassung begegnete.

„Die Möglichkeit? Du hast meine Welt aufs Spiel gesetzt – und mehr!“ Es gelang ihr nicht ganz, die Kränkung aus ihrer Stimme herauszuhalten. „Du hast mich im Stich gelassen!“

Sorin wedelte abschätzig mit einer bleichen Hand.

„Ich habe lediglich die nötigen Maßnahmen zum Schutz meiner Welt ergriffen. Ich glaube kaum –“

Oh, das war genug. Mehr als genug.

„Wir hatten eine Abmachung, du und ich“, sagte sie.

Das konnte er nicht leugnen. Vor fünftausend Jahren hatte sich Nahiri nach einigem Zögern dazu bereit erklärt, die Eldrazi auf ihrer eigenen Heimatwelt Zendikar einzukerkern. Und der Teil der Abmachung für die beiden anderen Planeswalker, die ihr geholfen hatten, bestand darin, dass sie ihr eine Möglichkeit verschafften, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen, falls die Eldrazi sich je zu befreien drohten.

Bild von Igor Kieryluk

Fünftausend Jahre lang hatte Nahiri ihre monströsen Gefangenen bewacht. Sie hatte sich in Stein eingeschlossen und dabei zugesehen, wie die Jahrzehnte und Jahrhunderte an ihr vorüberzogen wie Wolken vor der Sonne. Dann hatten die Eldrazi ihren Kerker auf die Probe gestellt und ihre grässliche Brut in einer Welt entfesselt, die allein durch ihre bloße Präsenz schon Veränderungen unterworfen worden war, die Nahiri nicht in ihrer Gänze begriff. Nahiri war erwacht und hatte sich aus ihrer selbst auferlegten Abgeschiedenheit gelöst, um Alarm zu schlagen.

Niemand war gekommen. Nicht der Drache Ugin, dem sie nie voll vertraut hatte und dessen Ziele und Ursprünge stets rätselhaft blieben. Und auch nicht Sorin – ihr Mentor. Ihr Freund.

Sie hatte die Krise allein bewältigt, wenn auch zu einem hohen Preis für ihre Welt – einem weitaus höheren Preis, als wenn ihre beiden Verbündeten sich an die Abmachung gehalten hätten. Sie hatte das volle Ausmaß des Schadens, den die Eldrazi an ihrer Welt und an deren Bewohnern angerichtet hatten, ehe es ihr gelungen war, ihnen Einhalt zu gebieten, noch immer nicht überblickt. Doch sie hatte ihnen Einhalt geboten, und als es vollbracht war, hatte sie sich auf die Suche nach ihm gemacht, da sie befürchtete, seine Existenz könnte ein Ende gefunden haben.

Und sie war nun damit konfrontiert, dass er Schlimmeres getan hatte, als ihren Hilferuf zu hören und ihn dann einfach nicht weiter zu beachten. Er hatte ihn bewusst übertönt und von sich ferngehalten, um seine eigene Welt vor fremden Einflüssen zu schützen.

Er hatte ihr den Rücken zugekehrt.

„Nimm das nicht auf die leichte Schulter“, sagte sie. „Ich war bereit, meine Heimat aufs Spiel zu setzen, indem wir die Eldrazi dorthin lockten. Ich versprach, mich an Zendikar zu ketten und sie zu bewachen. Ich verbrachte Jahrtausende mit diesen Ungeheuern. Weißt du, wie das ist? Alles, was du zu tun hattest, war, zu kommen, als ich dich rief.“

Der Boden unter ihnen begann, heftig zu erzittern, da die Felssohle unter ihnen in Anteilnahme mit ihrem wachsenden Zorn zu beben begann. Von allen Steinen und Metallen in der näheren Umgebung schien einzig der silberne Höllenkerker sich ihrem Zugriff zu entziehen.

„Maße dir nicht an, über meine Taten bestimmen zu wollen, Kleines. Ich bin zu nichts verpflichtet. Ich schulde dir nichts! Als sich dein Funke entzündete, war ich es, der dich fand. Ich hätte dich damals vernichten können, aber ich habe dich verschont.“

Er wandte sich wieder zu ihr um, und seine von Bosheit erfüllten Augen waren kaum mehr eine Handbreit vor ihrem Gesicht.

„Ich habe dich unter meine Fittiche genommen und dich zu dem gemacht, was du heute bist“, sagte er. Falls du es für nötig hältst, jemandem Vorhaltungen zu machen, dann gehe los und suche nach Ugin. Ich habe keine Geduld für so etwas.“

Keine Geduld. Keine Geduld. Mit einem kurzen Aufflackern einer grässlichen Hitze wandelte sich Schmerz zu Zorn.

Für fünftausend Jahre hatte Nahiri über die Eldrazi gewacht – nicht nur um ihrer eigenen Welt willen, sondern um aller Welten willen. Um Innistrads willen. Und nur einmal – nur ein einziges Mal – hatte sie in diesen fünftausend Jahren nach ihm gerufen, damit er nicht mehr tat, als ein von ihm gegebenes Versprechen einzuhalten. Ein Versprechen, das in erster Linie auch ihm diente und das er einzig und allein deshalb gegeben hatte, weil er dank ihm seine eigene Welt schützen konnte. Und er hatte dieses Versprechen eben nicht eingehalten. Er hatte es einfach ... bleiben lassen.

Ihre eigene Geduld war völlig erschöpft, aufgebraucht in ihrer schier endlosen Wacht über die Eldrazi. Sie war fertig – fertig mit dem Warten, fertig mit dem Betteln und noch vor allem anderen fertig damit, sich wie ein Kind behandeln zu lassen. Wenn Sorin einen Beweis brauchte, dass sie nicht länger seine Schülerin war, musste sie ihm diesen nun wohl liefern.

Sie beschwor eine Felssäule aus den Tiefen unter ihnen herauf – alter, starker Granit. Die Erde bäumte sich auf, und Sorin kämpfte um sein Gleichgewicht. Die Felssäule brach aus dem Boden unter ihr hervor und trug sie hoch über ihn.

„Ich gehe nirgendwohin.“

Sie holte noch mehr Felsen aus dem Boden um sich herum, die zu Pfeilen gespitzt waren und um die beiden Planeswalker umherwirbelten.

Sorin zückte sein Schwert.

„Ich habe dir nie gedroht“, sagte er und sah zu ihr hinauf. „Kein einziges Mal. Wenn wir nun Feinde werden sollten, Kind, dann liegt die Schuld dafür ganz allein bei dir.“

„Ich bin kein Kind“, sagte sie. „Was immer wir auch gewesen sein mögen: Du erkennst nun doch sicher, dass wir inzwischen Gleichgestellte sind.“

Es gab ein kurzes Zögern – und war da nicht auch ein Anflug von Furcht in diesen gelbroten Augen zu sehen? Verwendete er einen Wimpernschlag auf die Abwägung, ob sie womöglich recht hatte und sein Stolz dringend einer krassen Eindämmung bedurfte?

„Ich sehe nur einen Wutanfall“, sagte er. „Wenn du gekommen bist, um dich mit einem Gleichgestellten zu treffen, hättest du dich an die Friedenspflicht halten sollen, die die festen Gepflogenheiten für solche Begegnungen unter Planeswalkern vorsehen.“

„Ich kam, um einen Freund zu treffen“, sagte Nahiri.

„Dann sehe ich keinen Anlass zur Beschwerde für dich“, sagte Sorin. „Freunde sprechen bittere Wahrheiten doch aus ... oder etwa nicht?“

Vor langer Zeit hatte ein törichtes Mädchen diese garstige Kreatur einmal ihren Freund genannt. Während dieses allerletzte Überbleibsel jugendlicher Rührseligkeit verdampfte, schlug Nahiri zu.

Sie fuhr auf einer Faust aus Fels reitend auf Sorin herab. Sie hatte kein Schwert. Sie brauchte keines. Das Erdreich selbst war ihre Waffe.

Sorin entfesselte einen Schub Todesmagie, der sie mitten in der Brust erwischte und nach hinten warf. Die Felssäule folgte ihrer Bewegung ruckartig, damit sie nicht von ihr herunterfiel.

Sorin machte einen Satz vom zerschundenen Boden aus auf sie zu, die Zähne gebleckt, das Schwert im Licht dieses sonderbaren, drohend über ihnen schwebenden Mondes glitzernd. Sie sprang von der Säule und landete geduckt auf dem Boden. Sorin traf die Felssäule mit den Füßen zuerst, sofort bereit, sich erneut an ihr abzustoßen und einen weiteren Angriff zu unternehmen – doch die Säule verschluckte ihn einfach.

Nahiri richtete sich auf und ballte die Fäuste, um Sorin im Fels zu zerquetschen.

Risse zeigten sich. Erst einer, dann mehrere, und aus allen drang das Leuchten der Magie des Vampirs. Die Säule flog in einem Blitz aus Licht und Fels auseinander, als Sorin sich seinen Weg ins Freie erzwang. Anmutig ließ er sich zum Boden hinabfallen.

Sein Gesicht wirkte jedoch schmerzerfüllt.

„Ich strebe nicht nach deiner Feindschaft“, sagte Nahiri. „Alles, was ich je von dir wollte, war deineHilfe, Sorin. Du hast ein Versprechen gegeben. Komm mit mir.“

„Nicht jetzt“, sagte Sorin mit einer Ruhe, die sie noch mehr zur Weißglut trieb. „Später vielleicht. Diese Zeit ist entscheidend für –“

„Diese Zeit ist entscheidend!“, entfuhr es Nahiri. „Die Eldrazi sind beinahe entkommen. Du magst in Äonen denken, doch soweit ich weiß, könnten die Eldrazi just in diesem Augenblick bereits frei sein. Alles, wofür wir gearbeitet haben, wird umsonst gewesen sein und deine eigene Welt in großer Gefahr schweben – macht dir das denn gar nichts aus?“

Da ereilte sie eine Einsicht. Die Einkerkerung der Eldrazi war zu ihrem Lebenswerk geworden. Zu einer beständigen Bemühung, die sie fast ihr gesamtes Dasein über an ihre Heimatwelt gebunden hatte. Doch für ihn war dies alles nur ein winziger Augenblick gewesen: vierzig Jahre überschaubare Anstrengungen vor fünftausend Jahren im Gegenzug für ein Jahrtausend voller Seelenruhe. Und nun schwebte Innistrad dank seiner neuen Vorkehrungen womöglich überhaupt gar nicht in Gefahr. Womöglich hatten Nahiri und Zendikar und hundert Millionen sorgsam platzierter Polyeder in der Vorstellung von Sorin Markov ihren Zweck schon längst erfüllt.

Sie knurrte und schleuderte ihm einen Hagel aus Pfeilen entgegen, jeder so lang wie ihr Unterarm und mit einer schrecklich scharfen Spitze versehen.

Sorin zerschoss einige der Splitter zu Staub, noch ehe sie ihn erreicht hatten, und einige weitere schlug er mit dem Schwert beiseite, sodass sie harmlos davonwirbelten. Drei andere jedoch bohrten sich ihm in den Leib, und er grunzte dumpf.

Seine Augen gleißten weiß und viel zu hell auf. Eine schwere Last legte sich auf Nahiris Schultern und zwang sie in die Knie. Alles war so hell –

Sie schaute nach oben.

Der Mond. Er hatte einen Strahl Mondlicht – schwer wie ein Felsblock, obwohl er über keinerlei Stofflichkeit verfügte – vom Himmel herabbeschworen, um sie an Ort und Stelle zu bannen. Und nun endlich – in sein Licht getaucht und mit seinem Geruch in der Nase – begriff sie, was so sonderbar an Innistrads Mond war.

Nebenmond | Bild von Ryan Yee

Er war aus Silber. Wie der Höllenkerker.

Sorin zog sich die steinernen Pfeile einen nach dem anderen heraus. Die Wunden schlossen sich ohne jeden Blutverlust. Er pirschte sich an sie heran. Doch seine Schritte waren unsicher und die Spitze seines Schwerts nach unten gesackt. War er so gebrechlich geworden?

Seine Magie war jedoch nach wie vor stark. Das Licht legte nicht nur ihrem Körper, sondern auch ihrer eigenen Magie Fesseln an. Solange es Bestand hatte, besaß sie nicht die Macht, irgendetwas außerhalb seines Umkreises zu beeinflussen.

„Geh nach Hause, Nahiri“, sagte er abgekämpft. „Mach dieser Farce ein Ende. Dann lasse ich dich –“

Sie grub die Finger in den Boden und sandte ihren Willen nicht nur nach außen, sondern zugleich nach unten, um so in die Erde selbst hinabzutauchen.

Sie sank in einen steinernen Schoß hinunter, wo sie für einen Augenblick ihren Zorn und Sorins verdammenswerte Arroganz und jenen sonderbaren und unnachgiebigen Brocken aus Silber hinter sich ließ, dessen Zweck sie noch immer nicht zu ergründen vermochte. Es gab nur noch sie und den Fels. Abgesehen vom langsamen und steten Herzschlag der Welt war sie von allem anderen abgeschnitten – so wie es zuvor fünftausend Jahre lang der Fall gewesen war.

Sie hätte jederzeit in eine andere Welt wandeln können. Zurück nach Zendikar. Zurück in die Abgeschiedenheit. Sie brauchte Sorins Hilfe im Grunde gar nicht. Jetzt nicht mehr. Doch es wäre unvorstellbar gefährlich gewesen und hätte zu einem Gegenschlag eingeladen, wenn sie die Dinge hier einfach ungeklärt gelassen hätte. Dann hätte sie sich tatsächlich einen Feind gemacht. Und sie wollte nicht gehen, solange noch irgendeine Aussicht bestand, dass sich das verhindern ließ.

Über ihr hallten Sorins ruhelose Schritte, wie er auf den Höllenkerker zupirschte.

Sie formte den Fels unter sich zu einer weiteren Säule, verdünnte das Gestein über sich, bis es die Konsistenz von Wasser besaß, und brach schlagartig wieder aus dem Boden hervor. Sorin hatte dem Strahl Mondlicht die Freiheit zurückgegeben und stand nun mit dem Rücken zum Höllenkerker, um so wenigstens ein Mindestmaß an Schutz zu haben.

Sie stieg auf ihrer Granitsäule in die Höhe, bis sie über ihm aufragte. Sie holte einen ganzen Schwarm Felsen aus der Erde und ordnete ihn um sich herum an.

Sie wollte Sorin nicht töten. Sie wollte ihm nicht wirklich wehtun. Sie wollte, dass die Dinge zwischen ihnen wieder richtiggestellt wurden. Dass es wieder so wie früher war. Doch damit das geschehen konnte, musste sie sich seinen Respekt verdienen. Und um das zu tun, würde sie ihn schlagen müssen.

Er stützte sich mittlerweile auf sein Schwert. Es schien, als würde sie ihm einen Gefallen tun, falls sie dazu übereinkämen, sich als Gleichgestellte zu behandeln.

Sie waren nämlich keine Gleichgestellten. Er war zu schwach. Schwächer noch, als sie es in jungen Jahren gewesen war. Ihr fiel ein, wie der Höllenkerker Sorins Essenz ausgestrahlt hatte, und sie fragte sich, wie viel von sich selbst er für die Erschaffung des Kerkers wohl aufgegeben haben mochte.

Sie ließ ihre Felssäule auf ihn zugleiten. Als sie an einem der schwebenden Steine vorbeikam, griff sie in ihn hinein. Er erhitzte sich umgehend und schmolz, während die Metalle in seinem Inneren ihrem Willen folgend gerannen.

Sie zog ein vollständig im Stein geschmiedetes Schwert aus dem Fels und rückte weiter vor, bis Sorin unmittelbar unter ihr stand und zur weißglühenden Spitze des Schwerts hinaufblickte.

„Sorin, du wirst dein Versprechen einlösen. Du wirst mit mir nach Zendikar zurückkehren. Du wirst mir dabei helfen, unsere Maßnahmen zur Eindämmung der Eldrazi zu überprüfen, und dich mit mir vergewissern, dass sie auch weiterhin eingesperrt bleiben. Erst dann kannst du dich davonmachen.“

Sorin spuckte aus.

Dann wurde jäh wieder alles hell – gleißender noch als der Mond – und eine Gestalt fuhr schreiend vom Himmel hernieder. Nahiri nahm noch gefiederte Schwingen und einen leuchtenden Speer wahr, ehe die Gestalt sie rammte und von ihrem Podest stieß. Sie taumelten gemeinsam in die Tiefe und landeten krachend auf dem Boden, wo sie eine tiefe Furche in die Erde zogen. Nahiris Konzentration war vollends dahin, und die von ihr angeordneten Felsen stürzten ab.

Schließlich lag sie flach auf dem Rücken da. Nahiri konnte ihre Angreiferin zum ersten Mal betrachten.

Sie war ein überlebensgroßer Engel mit weißem Haar und weißer Haut und dunklen, ausdruckslosen Augen. Nahiri wurde von einem Engel angegriffen.

Nahiri war Engeln schon zuvor begegnet. In Zendikar. Sie waren von einer kühlen Entrücktheit und konnten durchaus furchteinflößend sein, aber sie waren Beschützer. Wesen des Guten und des Gerechten. Und keiner, den sie je getroffen hatte, war dumm genug gewesen, einen Planeswalker anzugreifen.

Bevor Nahiri etwas sagen oder das Geschehen auch nur ganz verarbeiten konnte, hob der Engel seinen Speer. Seine Doppelspitze strahlte hell wie zwei Sonnen und blendete sie.

Sie tauchte wieder in den Fels ab und spürte, wie sich die Spitze des Speers dort in den Boden grub, wo sie eben noch gelegen hatte.

Diesmal war nicht die Zeit für eine kurze Rast. In einem Regen aus Splittern platzte sie aus der Erde hervor, das Schwert nach wie vor in der Hand, und als der Engel sich vor dem umherfliegenden Gestein schützte, griff Nahiri an. Sie schwang das Schwert, das noch immer von der Hitze seiner steinernen Esse glühte.

Der Engel hob den Speer und wehrte die Attacke gerade noch rechtzeitig ab, doch Nahiri ließ Angriff um Angriff folgen und drängte den Engel zurück. Sie spürte ein vages Unbehagen dabei, gegen einen Engel zu kämpfen. Aber nein – der Engel hatte sie angegriffen, ohne jede Provokation ihrerseits. Und warum? Um Sorin zu beschützen? Der Gedanke kam ihr durch und durch abwegig vor.

Der Engel schwang sich mit einem Mal in die Luft – doch nicht, um den Rückzug anzutreten. Stattdessen stürzte er sich nach vorn, um Nahiri von oben anzugehen. Wieder stieg Nahiri auf einer Felssäule in die Höhe, da sie den Engel zwingen wollte, entweder zu fliehen oder auf den Erdboden zurückzukehren.

Der Engel wich nicht weiter zurück. Nahiri setzte ihre Angriffe unbeirrt fort. Der Engel war ohne jede Frage mächtig. Doch er war kein Planeswalker. Nahiri schlug erneut zu –

– und ihr Schwert wurde von Sorins aufgehalten, das er schützend zwischen sie und den Engel hielt.

„Genug“, keuchte er. „Genug.“

Sie starrte an ihm vorbei zu dem Engel mit den pechschwarzen Augen. Der Engel hatte etwas verstörend Vertrautes an sich, obwohl Nahiri sich ganz sicher war, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben.

„Was soll das, Sorin? Wie hast du es geschafft, dir einen Engel untertan zu machen? Wer ist sie?“

„Die andere Hälfte“, gab Sorin zurück.

Seine Hand fuhr blitzschnell nach vorn und die Finger schlossen sich um Nahiris Schwert. Seine Haut zischte und brutzelte, doch er schien es nicht zu bemerken. Nahiris Finger waren taub, ihr Verstand ins Wanken geraten. Sie begriff das alles immer noch nicht. Er hob die Spitze seines Schwerts an ihre Kehle, entrang ihr die Klinge und warf sie beiseite.

Der Engel landete sanft hinter Sorin, doch dieser bedeutete ihm, abzuwarten, und so wartete der Engel ab. Ein Engel wartete auf seinen Befehl!

„Ob du es hören magst oder nicht“, sagte Sorin. „Ich habe das alles nie gewollt, Kleines.“

Dann leuchtete Sorins Schwert, er beschwor ein mattes Licht herauf und stieß zu.

Nahiri wurde nach hinten geschleudert und prallte gegen die silberne Oberfläche des Höllenkerkers. Er war nicht länger hart und kalt, sondern er gab nach. Er hieß sie willkommen. Er zog an ihr.

Bild von Kieran Yanner

Begierig schnürten Silberfäden ihren Leib ein und zerrten sie in den Kerker hinein. Steinerne Splitter wirbelten durch die Luft und die Felssohle unter ihren Füßen regte sich angesichts ihres Zorns, doch dem Höllenkerker war dies völlig gleich.

„Verdammt sollst du sein!“, schrie sie. „Ich habe dir vertraut!“

Nun ragte er über ihr auf, die Schwingen des Engels hinter ihm ausgebreitet, und er sprach ein letztes Mal, ehe ihr geschmolzenes Silber in die Ohren floss. Er klang beinahe traurig. Beinahe.

„Ich habe nie verlangt, dass du mir vertraust, Kind. Nur, dass du mir gehorchst.“

Dann verschlang der Höllenkerker sie und sie verschwand in einer unermesslichen Finsternis.


Ruhe

Zwischenspiel

Sie fiel durch die Finsternis.

Sie kannte keine andere Empfindung mehr – keinen Laut, kein Licht. Nicht einmal einen Hauch von Wind, denn an diesem Ort gab es rein gar nichts – nicht einmal Wind. Nichts außer ihr und das nicht enden wollende Gefühl eines auf ewig unvollendet bleibenden Absturzes. Sie sah die Hand vor Augen nicht – und sie war sich nicht einmal völlig sicher, ob sie an diesem Ort überhaupt einen Körper besaß.

Sie tastete mit ihren Sinnen ihre Umgebung ab und sie schob und zog mit ihren Kräften der Lithomagie – alles in dem Versuch, an der silbernen Außenhaut des Höllenkerkers irgendeinen Halt zu finden. Doch um sie herum war kein Silber. Da war nichts. Sie versuchte, in eine andere Welt zu wandeln, doch selbst die Blinden Ewigkeiten – jener chaotische Un-Ort zwischen den Welten – lag außerhalb ihrer Reichweite.

Hier drin war es nicht wie in ihrem steinernen Kokon in Zendikar, jenem Felsbrocken, in dem sie fünf unruhige Jahrtausende lang geschlummert hatte. In ihrem Kokon hatte sie wie in einem Traum ganz Zendikar spüren und jeden Ort in ihm erreichen können, um dort aufzutauchen, wann immer ihr danach gewesen war.

Dies hier war viel, viel schlimmer: nur Finsternis und das Fallen und der unverkennbare Geruch von Sorin Markov.

Sorin würde für seinen Verrat büßen. Sie würde aus diesem Kerker entkommen und ihn dafür büßen lassen. Sie hatte geglaubt, sie wären Verbündete. Freunde! Nun erkannte sie ihn als das, was er in Wahrheit war: schlicht und ergreifend ein Monstrum.

Ein echtes Ungeheuer. Aber kein Narr. Er hatte damals in Zendikar genau gewusst, was auf dem Spiel stand. Er konnte nicht einfach nur auf seine eigenen Vorkehrungen vertrauen – auf seinen Höllenkerker und auf seinen versklavten Engel –, als dass er den Eldrazi einfach so die Flucht erlauben würde. Er würde Nahiri befreien, sobald er seine Kräfte zurückgewonnen und sich darauf vorbereitet hatte, ihr entgegenzutreten. Er würde sie in eine Falle locken und sie besiegen. Und er würde ihr die Rückkehr nach Hause gestatten. Er konnte sie nicht einfach hier lassen. Das war undenkbar.

Doch sie hatte eine Menge Zeit zum Nachdenken.

Irgendwann gelangte sie zu einer Entscheidung.

„Das reicht“, sagte sie ruhig.

Es kam keine Antwort. Nichts war zu hören. Ihre Worte fanden keinen Nachhall, sondern wurden von unendlicher Schwärze verschluckt.

„Das reicht!“, sagte sie etwas lauter. „Welche Lektion du mir auch immer erteilen willst: Ich habe sie gelernt. Mach dem hier ein Ende. Dann verlasse ich Innistrad und kehre nie mehr wieder. Wir beide haben einander offensichtlich nichts mehr zu sagen.“

Eine Erwiderung blieb aus. Und sie würde sich nicht entschuldigen und noch viel weniger würde sie betteln. Diese Genugtuung würde sie ihm nicht verschaffen.

Sie dachte oft an Zendikar. An seine schroffen Gipfel und seinen weiten Himmel. An das Geschwür, das ihm das Herz zerfraß. An die Vampire, die über seine Oberfläche hinwegschwärmten und Statuen von Göttern errichteten, die monströser waren als alle, die sie je gekannt hatte. Sie hätte Zendikar niemals verlassen dürfen.

Die völlig Einsamkeit begann an den Rändern ihres Verstands zu nagen. Selbst eine Planeswalkerin – und sogar eine, die Jahrtausende in Stein zugebracht hatte – war für diese Form absoluter Abgeschiedenheit nicht gemacht. Selbst eine Planeswalkerin konnte den Verstand verlieren – und für eine Planeswalkerin, die ein Verstand war, wären die Folgen grauenhaft. Sie war einmal einem wahnsinnigen Planeswalker begegnet. Einmal hatte völlig gereicht. Sie würde nicht dem Wahnsinn verfallen.

Anfangs war es der Gedanke an Vergeltung, an dem sie sich festklammerte. Daran, Sorin für das, was er ihr angetan hatte, und das, was sich womöglich gerade in Zendikar abspielte, zu zermalmen. Doch die Möglichkeiten, ihn umzubringen, die sie sich ausmalen konnte, waren begrenzt, und ab einem gewissen Punkt brachte die Vorstellung mehr Sorge und Ermattung als die kühle Befriedigung einer in Aussicht gestellten Rache. Ihr Hass erstarb nie, aber er gerann und wurde träge.

Ihre Erinnerungen an Zendikar wurden ihr zu einem Licht in der Finsternis.

Sie kannte ihre Welt buchstäblich bis auf die einzelnen Knochen, und ihre Erinnerung daran war vollkommen ungetrübt. Sie dachte an einen Ort – an die Gräben in Akoum, durch die ihr Stamm gewandert war, bevor sie ihr sterbliches Leben aufgegeben hatte und in den Fels hinabgesunken war. Sie baute ein Modell dieser Gräben in ihrem Kopf. Sie zeichnete jede Schicht Basalt und jeden Splitter aus rotem Vulkanglas nach, aus dem der Regolith bestand, und jedes Körnchen und jede Falte in der Felssohle.

Es war nicht Zendikar. Es war Zendikar, wie sie sich daran erinnerte – nach den Eldrazi, doch bevor Nahiris Schlummer es der Welt erlaubt hatte, aus dem Ruder zu laufen.

Je mehr ungemessene Zeit verstrich, desto weiter arbeitete sie sich von Akoum nach außen vor. Sie erinnerte sich an die genaue Beschaffenheit jeder Ablagerung und an die Hitze und die Zähigkeit der Magma, die unter der Oberfläche pulsierte. Sie arbeitete sich auch tiefer voran, meilenweit nach unten, und sie drang bis zu jenen Bereichen vor, in die sie sich bei ihren unerschrockensten Erkundungen hinabgewagt hatte – so lange, bis sie die Ränder jener tektonischen Platte nachgebildet hatte, die Akoum auf ihren Schultern trug.

All dies bewahrte sie in ihrem Verstand. Sie ließ Teile davon gefühlt viele Jahre lang unangetastet, nur um sie bei ihrer Rückkehr genau so vorzufinden, wie sie sie zurückgelassen hatte. Ihr Verstand gehörte ihr, so wie Zendikar ihr gehörte, und sie wollte von keinem von beiden je ablassen.

Es war unmöglich zu sagen, wie lange sie schon gefallen war, als ihre Träumerei unterbrochen wurde. Sie war nicht mehr allein in der Finsternis. Zu Anfang waren die anderen noch weit von ihr entfernt – nicht mehr als ein leises Geheul oder das Schaben ledriger Schwingen. Die Geräuschlosigkeit in ihrem Kerker war nicht unveränderlich, sondern nur eine Folge seiner Leere gewesen.

Nach und nach und über zahllose Jahre hinweg wurde der Höllenkerker bevölkert. Sie verstand nun seinen Daseinszweck. Sorin duldete keinerlei Bedrohungen für sein kostbares Innistrad, und er hatte dieses Ding – diesen bodenlosen Abgrund, dieses Nirgendwo – geschaffen, um sie darin zu verwahren.

Bedrohungen wie Dämonen und andere Schrecken. Und sie. Nach dieser Erkenntnis brachte sie ein ganzes Jahr – oder waren es zehn? – damit zu, vor Wut zu schäumen.

Die andere Hälfte, hatte er gesagt. Sie bezweifelte stark, dass er all diese Dämonen selbst einkerkerte. Sie entwickelte nach und nach ein Verständnis für die Rolle des Engels in dieser ganzen Angelegenheit – wie auch immer Sorin ihn hinters Licht geführt oder sich gefügig gemacht hatte.

Irgendwann hatte sie auf ihrer geistigen Landkarte von Zendikar Akoum in seiner Gesamtheit neu erschaffen – von den Bergmassiven der Zähne von Akoum bis zu den stillen Wassern des Glasteichs. Die Gewässer um den Kontinent in ihrer Erinnerung herum waren verglichen damit nur ein grober Entwurf und hastig hingekritzelt. Sie verstand nicht wirklich, wie sich Wasser bewegte, und daher schwappten die Wogen, die gegen die roten Klippen Akoums schlugen, auch nur träge hin und her. Sie schenkte ihnen nie sonderlich viel Aufmerksamkeit, um die Illusion nicht zu gefährden.

Sie musste nur ein bisschen Meeresgrund erschaffen, ehe sie mit Ondu beginnen konnte. Sie freute sich schon besonders auf die Inseln der Krone, deren heißes Juwel Valakut war. Doch sie weigerte sich, die Dinge ungeordnet in Angriff zu nehmen. Sie hatte alle Zeit der Welt.

Die anderen begannen, mit Nahiri zusammenzustoßen und in der endlosen Finsternis von ihr abzuprallen. Sie sah sie nie – daran hatte sich nichts geändert –, doch sie hörte sie im letzten Augenblick vor ihrem Einschlag kreischen. Eine Klaue hier, eine Schwinge da, eine flüchtige Berührung mit einem Stückchen namenlosem, unmenschlichem Fleisch. Und dann waren sie auch schon wieder fort, zurück in der Finsternis.

Anhand dieser Ablenkungen – dieser kurzen und sinnlosen Begegnungen mit den Geschöpfen, die in der Finsternis hausten – maß sie die Zeit. Sie hasste sie nicht. Auch dann nicht, als ihre Zahl anwuchs und die Zusammenstöße mit ihrem nicht ganz körperlich fassbaren Leib häufiger und schmerzvoller wurden. Sie mochte Dämonen nicht sonderlich – und hatte auch mehr als einen ihrer Art zur Strecke gebracht, um sie daran zu hindern, ihre Welt heimzusuchen –, aber sie hasste sie auch nicht. Nicht hier.

Sie bemitleidete sie. Wie sie selbst waren sie Gefangene von Sorin Markov und seiner Vollstreckerin in Engelsgestalt. Und im Gegensatz zu Nahiri hatten sie keinerlei Aussicht auf Rache. Sie waren jämmerliche Gestalten, heulend und vor sich hin faselnd, wahnsinnig oder von nacktem Grauen gepackt oder gar beides – mindere Geister, die unter der Last einer Ewigkeit im Dunkel zerbrachen.

Nahiri war Einsamkeit gewohnt, und ihr Verstand gehörte ihr. Ihre geistige Gesundheit, ihr Zorn, ihre Erinnerungen: Das war alles, was sie in dieser Schwärze hatte ... außer sehr viel Zeit.

Sie brachte Ondu zu Ende und verwendete ganz besondere Sorgfalt auf den heiligen Gipfel von Valakut. Sie verbrachte Jahre damit, im Krater des Vulkans zu meditieren. Ihr Zendikar war ihr Anker, dasjenige, was sie daran erinnerte, wer sie war und woher sie kam. Es musste ihr unbedingt richtig gelingen.

Manchmal kehrte sie in ihrem Kopf zu diesem Krater zurück. Doch sie durfte sich nicht damit zufrieden geben, es sich in ihrem Zendikar häuslich einzurichten. Nicht, solange es noch nicht fertig war.

Murasa war schnell erledigt: ein großer Felsblock, der sich aus der See erhob. Die Wälder dieses Kontinents waren wahrlich bemerkenswert, doch sie scherten sie nicht, und sie unternahm auch keinen Versuch, sie nachzustellen. Bala Ged fesselte ihre Aufmerksamkeit für eine sehr lange Zeit, während sie die wandelbaren Küstenverläufe der Bojukabucht und das verworrene Netz aus Höhlen unter der Guumwildnis nachbaute.

Danach ging es nach Guul Draz – die oberste Schicht mochte öde sein, doch unter der Oberfläche war es hier genauso faszinierend wie in Bala Ged. Sie hatte die unterirdischen Lavaröhren, die den brodelnden Marschen des Kontinents die Hitze lieferten, zur Hälfte fertig, als sich – endlich und nach ungezählten Jahren – eine Änderung vollzog.

Licht – ein kurzes Aufblitzen, blendend grell in der Finsternis, das ihr die Konzentration raubte und für einen von grauenhafter Panik erfüllten Augenblick ihr Zendikar völlig überdeckte. Und dann war da etwas bei ihr. Eine Präsenz, die fassbarer war als diese heulenden Dämonen, die so flüchtig wie Nebelschwaden waren. Sorin?, dachte sie für einen Augenblick – aber nein. Nicht er. Nicht ... ganz. Tief unter Nahiri erwachten zwei Sonnen zum Leben, die nichts zu erhellen hatten, und sie hörte das leise Rascheln von Gefieder.

Der Engel – hier? In ihrem eigenen Gefängnis? Das war spannend.

Die Lichter kamen näher, und nun konnte Nahiri sehen – sehen, zum allerersten Mal seit Jahrhunderten. Der Speer des Engels blitzte auf, und er ächzte vor Anstrengung, als er ihn in weiten Bögen in alle Richtungen schwang. Seine Schwingen waren ausgebreitet, während er nutzlos versuchte, im Nichts Auftrieb zu finden oder sie gegen etwas pressen zu können.

Die Dämonen fielen kreischend und mit den ledrigen Flügeln schlagend in Scharen über den Engel her. Abgesehen von ihren zufälligen Begegnungen, bei denen sie Nahiri kurz gestreift hatten, hatten sie ihr ihre Ruhe gelassen. Doch sie erkannten ihre Kerkermeisterin. Und sie erkannten ihre einzige Gelegenheit zur Vergeltung.

Der Engel stieg zu Nahiri in die Höhe – ganz, ganz langsam in dieser zeitlosen Leere –, bis sie Seite an Seite waren. Der Schwarm aus Dämonen war wieder auseinandergestoben, nachdem Sorins Beschützerin die Oberhand gewonnen hatte. Der Engel schaute zu Nahiri und kurz begegneten sich ihre Blicke – und Nahiri verstand endlich. Sorin hatte keinen Engel versklavt. Er hatte ihn nicht überlistet oder genötigt. Dieser Engel stank nach Sorin, genau wie der Höllenkerker.

Er hatte ihn gemacht. Genau wie den Höllenkerker.

Der Engel erkannte sie von ihrem lange zurückliegenden Kampf wieder. Dunkle Augen füllten sich mit Wut – Wut, die Sorin in sie hineingegeben hatte. Er hatte den Engel in seinem eigenen Abbild erschaffen und ihn von Beginn an absichtlich verdreht. Er hatte ihn mit Hass erfüllt. Er hatte ihn zu seiner Kreatur gemacht. Nahiri schauderte.

Noch ein Wesen, dem von Sorin Markov schlimmes Unrecht angetan worden war. Eines ohne Aussicht auf Vergeltung oder Widergutmachung. Ohne Aussicht auf Freiheit. Eine Porzellanpuppe, um die Schülerin zu ersetzen, die er verloren hatte.

Nahiri vermochte nicht zu sagen, wie lange sie so fielen – gemeinsam und den Blick des anderen erwidernd. Nach all dieser Zeit wirkte Sprechen wie ein Ding der Unmöglichkeit.

Und dann war da Licht. Echtes Licht, als die Leere um sie herum Risse bekam, und endlich ...

war sie ...

frei ...


Verheerung

Vor einem Jahr

Am Ende ihres vermeintlich ewigen Falls landete Nahiri hart auf Händen und Knien. Ihre Augen verweigerten sich der bloßen Vorstellung von Licht, und ihre Ohren wurden von einer Kakophonie von Lärm gemartert. Sie versuchte, etwas in den Fokus zu nehmen, und das blendende Licht löste sich zu Schemen auf. Aus dem lauten Toben wurden Stimmen und aus der rauen Oberfläche unter ihr eine saubere kleine Pflasterstraße. Sie hob den Kopf. Leute schrien und rannten durcheinander. Feuer loderten. Leichen – Leichen? – wankten umher. Und über all dem erhob sich Sorins verdammter Engel auf einem weißen dünnen Lichtstrahl in die Luft.

Und überall in ihrer Nähe regnete es Silbersplitter.

Bild von Todd Lockwood

Ihre Hände fühlten sich merkwürdig an. Etwas zu fühlen ... fühlte sich merkwürdig an. Sie betrachtete ihre Handflächen. Sie waren blutig. Blutig. Sie wollte die Wunden mit der Kraft ihres Willens schließen, doch nichts geschah. Ihr Körper war nicht länger eine reine Ausprägung ihres eigenen Selbstempfindens. Er war wieder das, was er vor langer Zeit einmal gewesen war. Er war ... einfach nur ein Körper. Fleisch und Blut. Sie spürte, wie das Blut pochend durch ihre Adern schoss und wie sie keuchte, um Luft in Lungen zu zwingen, die seit Jahrtausenden keinen Atem gebraucht hatten. Die Welt um sie herum begann, sich zu drehen.

Sie musste fort. Bevor er sie fand. Wenn sie denn fortkonnte. Wenn sie denn überhaupt noch eine Planeswalkerin war.

Sie drückte forschend gegen die Wände der Welt und versuchte, sich in jene unwirkliche Richtung zu bewegen, die nur Planeswalker wahrzunehmen vermochten. Sie spürte die Wände der Welt um sich herum: Sie war immer noch eine Planeswalkerin, ganz gleich, was ihrem Körper auch widerfahren war – doch als sie sie prüfend betastete, erwiesen sich diese Wände als weitaus fester als in ihrer Erinnerung. Früher waren sie wie Seifenblasen gewesen – nun waren sie eine Barriere, die nur mit Zeit und Mühe zu überwinden war. War sie so sehr geschwächt?

Aber nein. Nein. Sie drückte so gegen die Wände, wie sie es immer getan hatte. Es lag nicht an ihrer Kraft. Die Wände waren nun höher und dicker. Die Verbindungen der Blinden Ewigkeiten zu diesem Ort fielen kümmerlicher aus als zu jenem Zeitpunkt, als sie hier ursprünglich eingetroffen war. Die Form des Universums selbst hatte sich während ihres Sturzes geändert. Das konnte sie spüren.

Sie war noch immer eine Planeswalkerin. Was immer das hieß.

Mit einer großen Anstrengung warf sie sich selbst in die Blinden Ewigkeiten. Sie zerrten an ihr und bedrängten sie, genau so, wie es immer gewesen war. In Anbetracht ihrer mangelnden Orientierung gab es wohl nur eine Welt, die sie erreichen konnte – jene, die ihm als ihr wahrscheinlichster Fluchtort in den Sinn kommen würde, falls er denn nach ihr suchen sollte. Doch daran war nichts zu ändern.

Ihre Füße fanden die steinige Erde Zendikars, und zum ersten Mal seit dem Beginn ihrer Gefangenschaft stand sie wieder auf festem Grund. Zendikar. Das echte Zendikar. Heimat. Sie war nicht weit entfernt von jener Stelle, von der aus sie vor so langer Zeit aufgebrochen war. In Akoums schroffem Herzen, unweit dessen, was das Auge von Ugin hätte sein sollen.

Doch das Auge war nur noch eine eingestürzte Ruine. Geröllfelder breiteten sich unter ihr und um sie herum aus. Polyeder und Splitter roten Vulkangesteins drehten sich träge in der Luft. Sein sorgsam angelegter geometrischer Aufbau. Die penibel genau gesetzten Polyeder, die das Auge umringt hatten. Die eigentliche Kammer. Alles war einfach ... fort.

Nein. Nein.

Die drei Eldrazititanen waren entkommen, während Zendikars Beschützerin in Sorin Markovs Höllenkerker geschmachtet hatte. Alles, was sie hier aufgebaut und wofür sie gearbeitet hatte, war in der Zeit ihrer langen Gefangenschaft zunichtegemacht worden.

Nahiri ballte die blutigen Fäuste. Wo? Wo waren sie? Vielleicht hatten die Eldrazi Zendikar verlassen. Vielleicht war ihre Welt endlich von ihnen befreit.

Sie sandte ihre Sinne durch die Steine in ihrer Umgebung, bis sie eine vertraute Erschütterung spürte. Es war nur das leiseste Zittern: die leichten, flinken Schritte anderer Kor. Sie kletterte auf einen Grat, um sie zu erreichen, wobei sie die Steine dazu anhielt, ihr ein aufrechtes Gehen zu ermöglichen, um ihre Hände zu schonen. Die Wunden wollten sich immer noch nicht schließen.

Eine Wache stieß einen Ruf aus, und Nahiri brüllte heiser zurück. Ihre eigene Stimme kam ihr fremd dabei vor. Es war ein Antwortruf – ein wortloses Signal, das einfach nur eines bedeutete: Ich bin eine Kor.

Es dauerte nur eine Handvoll Atemzüge, bis ein Dutzend erschöpft wirkender Kor sich um sie drängte.

„Du bist verletzt“, sagte eine von ihnen, eine groß gewachsene Frau mit einer ungewöhnlichen, höckerigen Narbe auf der nackten Schulter. Die Betonungen waren anders und der Rhythmus der Silben ungewohnt, aber sie sprachen dieselbe Sprache. Die groß gewachsene Frau hob die Hände und brachte sie mit der Kraft heilender Magie zum Leuchten. Nahiri nickte, und die andere Frau berührte ihre Handflächen, um die tiefen Kratzer zu schließen, die Kopfsteinpflaster und Mondscherben auf einer anderen Welt dort hinterlassen hatten.

„Ich bin Tenri“, sagte die Frau, während sich ihre Wunden schlossen.

Nahiri antwortete nicht und versuchte, den Eindruck zu erwecken, als wäre sie in den Heilungsvorgang vertieft. Sie wusste nicht, wie viel man hier noch von ihr wusste – oder genauer gesagt von der unheilbringenden Prophetin Nahiri, deren Statue sie noch vor ihrer Zeit im Höllenkerker gesehen hatte.

„Du bist allein“, sagte der Wächter, ein mit Waffen und Seilen behängter Mann. „Ohne Ausrüstung.“

„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Nahiri. „Ich bin ... eine Einsiedlerin, könnte man wohl sagen. Ich lebte lange sehr zurückgezogen, und die Dinge haben sich geändert. Was ist mit der Welt geschehen?“

Sie starrten sie mit offenen Mündern an.

„Die Eldrazi und ihr Werk sind überall zu sehen“, sagte der Wächter. „Wo bist du bloß gewesen, dass du nichts von ihnen weißt?“

„Still jetzt, Erem“, sagte die groß gewachsene Frau. Tenri. „Sie hat keine Ausrüstung, weil sie eine Steinschmiedin ist, und sie lebte wahrscheinlich sehr zurückgezogen, um ihre Kunst zu verfeinern.“

„So ähnlich“, sagte Nahiri. Sie zupfte das rote Armband zurecht, das sie als Meistersteinschmiedin auswies, ehrlich erstaunt darüber, dass die Gebräuche ihres Volkes so viel Aufruhr und eine so lange Zeit ohne ihre Hege überlebt hatten.

„Letztes Jahr“, sagte Tenri, „erhoben sich drei gewaltige Ungeheuer aus den Zähnen von Akoum. Offenbar hatten sie sehr lange Zeit in der Erde geschlafen. Ihre Brut und ihre Ausgeburten verbreiteten sich überall, doch diese drei – diese Titanen – waren schlimmer. Wo sie hingehen ... bleibt nichts mehr.“

„Es gibt manche“, sagte Erem, „die glauben, sie wären die fleischgewordenen Kamsa, Talib und Mangeni.“

Einige der Kor spien aus. Nahiri kannte nur einen dieser Namen: Talib. Sie hatte ihn unter eine Statue eingeritzt gesehen, die sie selbst als seine Prophetin darstellte. Während ihrer langen Abwesenheit und ihrer noch längeren Zeit der Träumerei davor hatten sich halb überlieferte Geschichten über die Eldrazi – Geschichten, die vielfach das allererste Mal von ihr erzählt worden waren – in jenen Stoff verwandelt, aus dem Legenden sind. Die Monstren, die im Inneren Zendikars lauerten, waren zu seinen Göttern geworden.

Nahiri spie ebenfalls aus.

„Es bleibt nichts mehr“, wiederholte sie dumpf. „Wo? Wo sind sie gewesen? Was haben wir verloren?“

„Bala Ged“, sagte Erem.

Nahiri wartete darauf, dass er mehr sagte, um ihr zu verraten, welche Teile Bala Geds verloren waren. Er schwieg.

Bala Ged. Ein ganzer Kontinent ...

„Das muss ich mit eigenen Augen sehen“, sagte Nahiri.

Erem schnaubte verächtlich. Bala Ged war sehr weit entfernt. Tenri nickte.

„Ich kann euch ausrüsten, bevor ich aufbreche“, sagte Nahiri. „Das ist das Mindeste, was ich tun kann.“

Erem schüttelte den Kopf.

„An Ausrüstung mangelt es uns nicht“, sagte er. „Nicht, wo wir doch so viele verloren haben.“

„Mögen die Götter mit dir sein“, sagte Tenri. „Was für Götter man dieser Tage noch aufbieten kann.“

Nahiri fasste fest nach der Schulter der größeren Frau.

„Danke für deine Hilfe“, sagte Nahiri. „Und verzeih bitte, dass ich nicht mehr tun konnte.“

Sie versank in dem Gestein unter ihren Füßen und ließ die anderen Kor zurück – sie waren ihr nicht minder fremd wie Sorin.

Sie spürte das Ausmaß des Schadens. Die tiefen Orte der Welt waren von neuen Tunneln durchlöchert, die mit einer absonderlichen Substanz verkrustet waren, aus der sie nicht richtig schlau wurde. Überall, wo sie hinsah, gab es Verwüstungen. Überall waren Anzeichen der Eldrazi: Landschaften, die auf Arten und Weisen erodiert und zersetzt worden waren, die sie nicht einmal ansatzweise verstand. Und weit weg auf der anderen Seite der Welt, in Bala Ged –

Sie konzentrierte sich – ihr Vorhaben kostete nun Konzentration – und versetzte sich auf der Suche nach der Wurzel all dieser falschen Dinge auf die andere Seite der Welt. Sie fühlte sich benommen und ihr war übel. Sie sollte warten und sich ausruhen und ihre Kräfte sammeln.

Sie hatte das Warten satt. Sie musste sehen, was da gerade vor sich ging. Sie tauchte in Bala Ged auf, wo sie in einem üppig wuchernden Dschungel hätte stehen sollen. Was sich vor ihr erstreckte, war eine endlos scheinende Weite aus grauem Staub – lebloser als jede Wüste und an die Oberfläche eines Mondes gemahnend.

Ödnis | Bild von Jason Felix

Auf dem Zendikar, das sie sich in ihrem Kopf bewahrt hatte – dem mentalen Modell, das sie in den Jahren ihrer Gefangenschaft in akribischer Genauigkeit angefertigt hatte –, gab es so etwas nicht. Auf ihrem Zendikar war Bala Ged lebendig und wild. Auf diesem Zendikar war es tot. Nichts lebte hier. Selbst die Felsen waren stumm.

Der Boden unter ihren Füßen bebte, ohne dass sie den Ursprung der Erschütterungen hätte spüren können. Der Staub erzitterte.

Sie drehte sich um. Dort am Horizont erhob sich gewaltig und grauenhaft anzuschauen ein Wesen, das sie schon zweimal zuvor gesehen hatte – einmal auf einer Welt, die an die Eldrazi verloren gegangen war, und einmal, als sie es und seine Geschwister auf Zendikar eingekerkert hatte. Der Verschlinger. Derjenige, den Ugin Ulamog genannt hatte.

Nahiri fiel auf die Knie und presste die Hände in diesen leblosen Staub.

Wenn das auf ihrer Welt frei herumlief –

Wenn das, was hier geschehen war, überall geschehen konnte –

Wenn sie keine Vorkehrungen getroffen hatte, ihr nur ein geringer Anteil ihrer Macht zur Verfügung stand und sie auf ein seit Jahrhunderten aus dem Lot geratenes Polyedernetzwerk zurückgreifen musste –

Dann war das Zendikar, das sie einst gekannt hatte, tot. Es gab keine Rettung. Man hätte genauso gut versuchen können, den Lauf der Sonne am Himmel aufzuhalten. Sie schloss die Augen und sah ihr Zendikar. Zendikar, wie es gewesen war. Die Welt, die sie Sorin Markov hatte zerstören lassen. Heiße Tränen des Zorns rannen ihr das Gesicht hinunter und landeten zischend in diesem widerlichen Staub.

„So wie Zendikar blutete, so wird Innistrad bluten.“

Sie schlug die Augen auf und schaute auf ihre Hände hinunter. Hände, die Fels geformt und Titanen gefangen hatten. Sie waren von grauem Staub überzogen.

„So wie ich weinte, wird Sorin weinen.“

Sie blickte zu dem Ding am Horizont hinauf und beobachtete, wie es wie eine Urgewalt über die Landschaft zog.

„Das schwöre ich bei der Asche meiner Welt.“

Nahiri richtete sich auf.

Sie hatte viel Arbeit vor sich.


Düstermond-Storyarchiv

Schatten über Innistrad-Storyarchiv

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Weltenbeschreibung: Innistrad

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