All die Grabmäler von Jund

Veröffentlicht in Magic Story on 4. November 2015

Von Michael Yichao

Yichao is a writer of words for plays, television, theme parks, and—most recently—Magic: The Gathering. He loves Cube Draft and corgis.

Weit entfernt von Zendikar befindet sich die fünfgeteilte Welt Alara. Vor Äonen war Alara in fünf Welten geteilt, von der jede ihre eigenen Gebräuche, Lebensformen und Arten von Magie entwickelt hatte. Auf der Fragmentwelt Jund, auf der Drachen verehrt wurden, trotzten Schamanen und Krieger den Teergruben und Dschungeln in dem Versuch, inmitten eines endlosen Zyklus aus Fressen und Gefressenwerden zu überleben. Nekromagie war auf Jund unbekannt, da sie einzig Teil der Domäne des höllischen Fragments Grixis war.

Mit dem Erscheinen des Conflux und der Vereinigung der Fragmente jedoch änderte sich alles. Die Todesmagie kam nach Jund . . . und sann auf Rache.


Der beißende Geruch von Schwefel brannte ihr in den Nasenlöchern. Unter ihren Füßen griff scharfes, trockenes Gras nach ihren abgetretenen Stiefeln, als eine heiße Windbö durch das Tal fegte. Wild. Instinktiv. Feuer. Die Worte blitzten in ihren Gedanken auf, als sie den Horizont absuchte, um jene ungezähmten Anblicke auf sich wirken zu lassen, die Jund ausmachten. Der wilde Herzschlag dieses Landes pochte donnernd in allem hier. Er grollte unter den Hufen gewaltiger Bestien mit rauer Haut und scharfen Stoßzähnen. Er hallte im Gebrüll ferner Drachen wider. Er schwang im zornigen Zischen der Vulkane mit, die auszubrechen drohten – und mehr als einmal hatten die Feuerberge derlei Drohungen auch bereits wahr gemacht.

Wilde Landschaften | Bild von Vance Kovacs

Ein weiteres Wort versuchte, sich aus ihren verborgensten Erinnerungen hervorzustehlen und in ihre Gedanken zu schleichen. Es fing sich in ihrer Kehle und krallte sich um ihr Herz, und sie riss es aus ihren Gedanken, um es beiseite zu schleudern – der flüchtige Schatten einer einst strahlenden Flamme.

Heimat.

Sie machte einen Schritt nach vorn und ließ das Wort zurück wie einen weggeworfenen Knochen, der von Aasfressern, die sich von düsteren Gedanken nährten, blank gepickt worden war.

Dies war keine Heimat. Jetzt nicht mehr.


Es ist so . . . grün.

Sie schaute zu der Phiole vor sich, deren Inhalt in einem sonderbaren, phosphoreszierenden Leuchten pulsierte. Die hutzlige alte Schamanin, die das Gefäß in der Hand hielt, erwiderte ihren Blick. Ihr spinnwebengleiches, graues Haar tanzte im Wind.

„Wir vom Kreis von Tel Noth salben dich, Meren, Kind von Stein und Blut und Bein, mit dem Trank aus Traumfeuer.“ Die Hand der alten Schamanin zitterte kaum merklich, als sie ihr die Phiole entgegenhielt. Junge Finger trafen auf alte, faltig und voller Flecken, als Meren die Phiole ergriff. Ihr Blick wanderte von dem Trank zu den Schamanen, die um sie herumstanden. Sie musterte die vertrauen Gesichter des Kreises, bis sie ihren Meister Kael fand, der stolz und aufrecht dasaß und alles aufmerksam beobachtete.

Auch sie richtete sich noch ein wenig stolzer auf.

„Trinke und wappne dich.“

Zweifel nagten an ihr. Ihr ganzes Leben hatte zu diesem einen Augenblick geführt, zu dieser Prüfung, die zeigen sollte, ob sie eines Platzes als vollwertige Schamanin würdig war. Und dennoch hatte sie stets kämpfen müssen und war den Schatten ihrer Gefährten hinterhergejagt, die während ihrer gemeinsamen Ausbildung scheinbar mühelos an ihr vorbeizogen. Zauber, die den anderen jungen Schamanen so furchtbar leicht fielen, verwirrten sie. Sie schienen Lebensmagie intuitiv zu wirken, wohingegen sie schon Mühe damit hatte, den Puls auch nur zu erspüren und zu hören, geschweige denn, ihn zu bündeln und seine Gestalt zu formen.

Konzentriere dich.

Die Worte hallten in ihren Gedanken wider, und instinktiv blickte sie erneut zu Kael. Der Gesichtsausdruck des hochgewachsenen Schamanen war nüchtern, doch seine Augen ließen nicht von ihr ab und glänzten vor Stolz und Hoffnung. Kael glaubte an ihre Stärke – ungeachtet ihrer Mühen.

Du bist nicht schwach. Du bist Meren, Schamanenanwärterin der Nel Toth. Du bündelst Lebensmagie, deine Zauber herrschen über Blut und Bein. Du stehst an der Schwelle zu deinem zwölften Lebensjahr und hast noch einen weiten Weg vor dir – doch ich habe dich um dein Überleben kämpfen sehen. Konzentriere dich, Meren. Erblühe. Triumphiere.

Sie holte tief Luft. Sie würde zu den Anwärtern gehören, die die Prüfung beendeten, oder bei dem Versuch starben.

Sie versuchte, nicht an die zahlreichen Anwärter zu denken, die in der Tat bei einem solchen Versuch ihr Leben gelassen hatten.

Nun gab es kein Zurück mehr.

Sie hob die Phiole an die Lippen und leerte sie mit einem Zug.


Es war getan.

Es hatte den ganzen Morgen gedauert. Es ging nur langsam voran, da ihr die erforderliche Magie noch immer fremd war – eine neu hergestellte Obsidianklinge, deren Gewicht der Kriegerin noch immer unvertraut in der Hand lag.

Diese Waffe war jedoch um so vieles tödlicher als ein Schwert.

Sie war ihr Werk bedächtig und sorgsam angegangen. Und obgleich sie noch unerfahren war, floss die Magie, die sie formte, ganz natürlich und in beinahe unbewussten Rhythmen durch sie hindurch. Sie war nicht mehr jenes zaudernde Kind, das unbeholfen nach einer Macht griff, welche ihm dann aus den ungelenken Händen rann. Der Zauber, den sie wirkte, fühlte sich schwer vor lauter Alter und Macht an, so fremd er ihr auch sein mochte. Als sie sich seiner Vollendung näherte, wusste sie bereits, dass sie erfolgreich gewesen war. Um sie herum floss der Schlick des Moores in Rinnsalen davon, von der schieren Kraft des Manas verdrängt, das sich um sie herum zusammenballte. Sumpfwasser und Schlamm wichen, als ihre Klinge Gestalt annahm, neu geformt und herausgearbeitet aus den Äonen, die sich an ihre einst mächtige Gestalt geklammert hatten.

Sie bewunderte ihre Schönheit, ihre uralte Makellosigkeit. Sie wusste, dass auf ganz Jund große Kräfte wie diese schlummerten und nur darauf warteten, neu entdeckt zu werden. Sie musterte ihre Gestalt: ein schlankes Werkzeug des Todes, das zu seiner einstigen Pracht zurückgekehrt – nein, von ihrer Hand noch prachtvoller gemacht worden – war. Mit Sicherheit hatte sie einst einen Namen besessen, der in all den Jahren, die verstrichen waren, in Vergessenheit geraten war. Sie würde ihm neue Bedeutung geben.

Skaal Kesh.“

Ihre Stimme grollte mit einer unheilvollen Schwere, die sie überraschte. Ihr war nicht bewusst gewesen, wie lange es her war, dass sie Worte laut ausgesprochen hatte.

„Du bist Skaal Kesh. Neu erstanden und an mich gebunden.“

Sie wiederholte die Worte. Ihre Stimme wurde kräftiger, ihre Hände vollführten die intuitiven Gesten, um die Waffe an ihre Magie und ihren Willen zu binden. Ein einziges Wort hallte durch die Kammern ihres Geistes:

Rache.


Alles in ihr brannte.

Sofort verstand sie, woher der Trank aus Traumfeuer seinen Namen hatte. Schwindel und Übelkeit ergriffen sie, so heftig, als wäre sie gegen eine Wand geprallt, und sie drohte zusammenzusinken. Ihr Inneres fühlte sich an, als hätte ein Meisterschamane es mit Fluchfeuer gefüllt – ein unbegreiflicher, sengender Schmerz schüttelte ihren Leib. Die Phiole fiel zu Boden. Sie bemerkte es nicht.

Gift.

Das Wort drängte sich in ihren Geist, und sie wusste, dass es wahr war. Es war offenkundig: Der Trank aus Traumfeuer würde sie töten, wenn nichts geschah. Sie versuchte, den Schmerz wegzuatmen und ihre Muskeln unter Kontrolle zu bringen, die sich ob des Gebräus, das sie zu durchströmen schien, zusammenkrampften.

Gleichzeitig hörte sie das Summen von Stimmen anschwellen und abfallen, deren Töne sich in einem pulsierenden Rhythmus überlagerten. Der Kreis sang, erkannte sie, um gemeinsam einen Zauber zu weben.

Dann blickte sie nach vorn.

Vor ihr erhob sich ein gewaltiges Elementar aus dem Erdreich. Schlängelnde Ranken wanden sich um Felsen, die sich knirschend zusammenfügten, um seltsame und dicke Gliedmaßen zu formen. Sie spähte zu der Monstrosität hinauf. Das Wesen ragte sicher fünfzehn Schritt hoch auf. Seine gewaltige Gestalt tauchte sie in Schatten. Mit einem Kratzen teilte sich der große Stein, der seinen Kopf bildete, und entblößte ein gezacktes Maul. Flackernde Blitze tanzten über seine Hauer aus Stein, um dann ein Stück in die Höhe zu springen und zu zwei leuchtenden Augen zu werden.

Das Elementar warf den Kopf zurück, die Unterarme von der Größe ausgewachsener Auerochsen weit ausgestreckt, und seinem klaffenden Maul entwich ein urtümliches Gebrüll. Seine Unterarme fuhren herab, und es sandte rumpelnde Schockwellen durch den Boden, während seine Blitzaugen zu ihr herunterstarrten, wie sie da stand – klein, zerbrechlich, unbedeutend.

Bergsturz-Elementar | Bild von Joshua Hagler

„Sprich zu dem Geist, Kind!“, rief die Schamanenälteste mit erstaunlich klarer Stimme über den nun heulenden Wind. „Unterwirf ihn deinem Willen!“

Richtig. Dies also war ihre Prüfung. Vereinen. Verknüpfen. Binden. Befehlen.

Sie richtete ihre volle Aufmerksamkeit auf das Elementar und hob langsam die Hände, während ihr bereits ein einstudierter Singsang über die Lippen kam. Der Trank aus Traumfeuer brannte ihr nun heiß in den Adern, und ihr wurde klar, dass er nicht einfach nur ein Gift war – der Trank schärfte ihre vorhandenen Sinne und schenkte ihr sogar einige neue. Sie konnte – wenn auch nur ganz schwach – die elementaren Energien sehen, die sich über den Körper des Wesens hinaus erstreckten. Sie spürte das Pulsieren des Manas, das seine Existenz speiste.

Alles, was es sie kostete, war ihre Lebenskraft.

Das war der Schamanismus der Nel Toth – Blut und Fleisch wurden als Rohmaterial für wilde Macht geopfert. Sie wusste, dass sie dieses Elementar an sich binden musste, und zwar rasch. Mit seiner Macht wäre sie vielleicht in der Lage, ihren Körper von dem Gift zu reinigen, ehe es sie von innen heraus verzehrte – oder sie von außen durch das ungebundene, wilde Elementar selbst verzehrt wurde.

Sie begann zu begreifen, warum so wenige neue Schamanen Aufnahme in den Kreis fanden.

Sie streckte eine Faser ihrer Energie nach dem Elementar aus. Ein erster Kontakt. Eine Begrüßung. Sie knirschte mit den Zähnen und hielt sich aufrecht – trotz des Brennens in ihren Adern, trotz des beißenden Windes, trotz des lauten Dröhnens des nicht enden wollenden Singsangs des Kreises.

Hallo.


Sie bemerkte die Jäger der Nel Toth lange, bevor sie sie bemerkten. Zwei Krieger und eine Schamanin, die sich durch das Unterholz kämpften. Sie sah zu, wie sie das Gelände durchquerten und sich ihrem hoch gelegenen Versteck näherten. Die erdfarbene Kleidung. Die vertraute Form ihrer Waffen. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinab. Es war so lange her. Alles war vertraut und doch fremd. Dinge, die einst wie ein Teil von ihr gewesen waren, gehörten nun ob all der ins Land gegangenen Jahre nicht länger ihr. Es schien unglaublich, ja beinahe unwirklich, sie nun hier, in Fleisch und Blut, vor sich zu sehen. Der Stamm war noch nicht ausgelöscht.

Doch dies sollte sich ändern.

Der erste Krieger starb, ehe er überhaupt wusste, wie ihm geschah. Grünes Feuer brach aus seiner Brust hervor, wild und heiß lodernd. Binnen eines Wimpernschlags stand sein gesamter Leib in Flammen und er brach in sich zusammen, bevor sich auch nur ein einziger Ton von seinen Lippen löste. Der zweite Krieger stieß einen Schrei aus, sprang zurück und griff nach seiner Klinge, verzweifelt auf der Suche nach einem Feind. Doch er fand nur einen Knochendolch, der seine Brust durchbohrte. Sie drückte sich gegen die Klinge und den Rücken des Kriegers, um ihm ihre Klinge noch ein Stück weiter durchs Brustbein zu treiben.

Kampfmagier aus Jund | Bild von Vance Kovacs

Eine Woge aus Feuer raste auf sie zu. Sie wich ihr aus und zog den Krieger mit sich, sodass ihn die Wucht des Angriffs traf. Als das Feuer verebbte, zog sie ihren Dolch zurück und stieß die Überreste des Kriegers von sich weg – eine weitere verbrannte Leiche, die zu Boden fiel. Sie blickte auf, als die verbleibende Schamanin auf sie zustürmte und ein wütendes Gebrüll von sich gab. Die Schamanin hob im Laufen ihren Stab, um zwei Dornling-Elementare herbeizurufen – schnelle, bösartige Geschöpfe mit scharfen Stacheln.

Meren beobachtete den Ansturm der Schamanin, während sie einen Schritt nach hinten machte und mit einem Finger das Blut von ihrem Knochendolch wischte. Schnell zeichnete sie sich eine Glyphe auf das Handgelenk, das den Dolch hielt. Gerade, als die Dornlinge sich auf sie stürzten, zog sie den letzten Strich des Zeichens. Mit einer raschen Bewegung ihrer Hände gingen die beiden Elementare in grünen Flammen auf und zerfielen dann zu feiner Asche, die vom Wind davongetragen wurde.

Die herannahende Schamanin schrie qualvoll auf, wurde jedoch nicht langsamer. Sie hob den Stab wie zum Schlag. Feuer tanzte um die Zähne und Knochen, die wild an seinem Ende umherwirbelten, als urplötzlich eine verkohlte Hand nach ihrem Knöchel griff. Sie schlug hart am Boden auf, der Stab flog ihr aus den Händen und fiel mit einem Knacken zu Boden. Ihr Handgelenk knickte unter der unvermittelten Wucht des Aufpralls um.

Die Schamanin schaute voller Entsetzen zurück zu den verbrannten, leeren Augen des Kriegers, die ihren Blick leblos erwiderten und in dem gleichen eitrigen Grün leuchteten wie die Feuer, die ihre Elementare verzehrt hatten. Auch der andere Arm des Kriegers streckte sich nun, um nach dem Bein der Schamanin zu greifen. Wo das Fleisch geschmolzen war, schimmerten die Knochen durch. Die Finger des Toten gruben sich in die Haut der Frau, durchstachen sie und entlockten ihr einen entsetzten Schrei.

Unterdessen kam Meren näher und musterte die verängstigte, um ihr Leben kämpfende Schamanin mit kühler Verachtung. Ein weiteres übles Knacken erklang, als Meren auf das verletzte Handgelenk der Frau trat. Diese heulte vor Schmerz auf und wand sich, um sich zu befreien, bis sich der Knochendolch gegen ihren Hals drückte.

„Wo sind sie?“

Die Schamanin blickte in kalte, graue Augen bar jeden Gefühls auf. „Abscheuliches Ungeheuer!“, zischte sie. „Welche verderbte Magie hast du ...“

Die Worte der Schamanin wurden zu einem Gurgeln, als Blut aus ihrem Mund hervorquoll und in die klaffende Wunde floss, wo der Knochendolch ihr säuberlich die Kehle durchtrennt hatte.

Meren stand auf und wischte erneut mit einem Finger das Blut von ihrer Klinge. Mit einer Geste befahl sie dem toten Krieger, den Knöchel der Schamanin loszulassen und aufzustehen. Mit ihrem blutigen Finger zeichnete sie eine weitere Glyphe, dieses Mal eine wesentlich verschlungenere, auf die Rückseite ihrer Dolchhand. Als ihre Finger das Muster zu Ende gebracht hatten, durchdrang ein grünes Leuchten die Leiche der Schamanin, die sich vom Boden erhob und unsicher dastand. Blicklose, nun grüngefärbte Augen starrten Meren an.

„Wo sind sie?“, fragte sie erneut. „Wo sind die neuen Versammlungshöhlen des Kreises?“

Die Schamanin gab ein Geräusch von sich, das wie der Versuch zu sprechen wirkte, doch alles, was ihr gelang, war ein Zischen. Blut blubberte ihr träge aus der durchtrennten Kehle.

„Zeige es!“, befahl sie.

Die Schamanin starrte sie einen Augenblick an. Dann hob sie quälend langsam die Hand, und ein mit Blut und Erde verkrusteter Finger deutete nach Osten.

„Führ mich hin.“ Schlurfend setzte sich die Schamanin in Bewegung.

„Warte.“ Die Schamanin hielt an.

Meren deutete auf den Stab, der am Boden lag. „Nimm deine Waffe.“

Die Schamanin bückte sich und hatte Schwierigkeiten, den Stab mit nur einer gesunden Hand aufzuheben.

Meren sah ihr einen Augenblick lang belustigt zu und schaute dann zu dem letzten Krieger. Das grüne Feuer hatte einen Großteil seines Fleisches versengt, doch einige Sehnen und Haut klammerten sich noch immer hartnäckig an die Knochen. Sie zuckte mit den Schultern. Sie hasste Verschwendung.

Sie streckte eine Hand aus und beschwor die Magie herauf, die durch ihre Adern floss. Das Erschaffen der Waffe an jenem Morgen und die Blutbünde, die sie gewirkt hatte, machten das Erwecken des Skeletts zu einer vergleichsweise leichten Aufgabe. Sie brauchte nicht einmal richtiges Gekröse für diesen Zauber.

Terminieren | Bild von Wayne Reynolds

Das Skelett erhob sich, als es der Schamanin endlich gelang, nach dem Stab zu greifen. Nach einer kurzen Geste Merens marschierte die Gruppe los, die Schamanin, flankiert von den beiden Kriegern, an der Spitze. Meren folgte ihnen mit ein paar Schritten Abstand und steckte ihre Klinge in die Scheide.

Die Rache nahm ihren Anfang.


Dies ist das Ende.

Sie spie Blut aus und legte schwer atmend eine Hand an die Lippen. Ein Auge war zugeschwollen, und ein Arm hing nutzlos und gebrochen herunter. Ihre Sicht war beinahe fort. Alles war zu verschwommenen Flecken geworden. Ihr Körper befand sich jenseits allen Schmerzes. Ihre Eingeweide fühlten sich wie geschmolzene Sülze an, und sie vermutete, dass der einzige Grund, aus dem sie noch bei Bewusstsein war, das war, was sie von innen heraus tötete.

Das Binden des Elementars war nicht gut verlaufen.

Um es milde auszudrücken.

Ihre Begrüßung – ihre Faser aus Mana, um den ersten Kontakt herzustellen – hatte nicht die erhoffte Wirkung gezeigt. Sicher, sie war noch nie sonderlich gut beim Beschwören oder Binden von Elementaren gewesen. Doch noch nie hatte ein Elementar mit solcher Wut reagiert wie dieses.

Sobald sie den Kontakt hergestellt hatte, war das Elementar brüllend zurückgewichen und hatte sie dann mit einem kräftigen Hieb seines Armes beiseite gefegt – mit einem Felsen von der Größe eines Auerochsen. Die Geschwindigkeit des Angriffs hatte sie völlig überrumpelt, und sie war von ihm zu Boden geschleudert worden. Der Arm, den sie hochgerissen hatte, um sich zu verteidigen, war augenblicklich gebrochen. Das einzig Gute war, dass der neue Schmerz zeitweilig das stetige Brennen des Giftes in ihren Adern gemildert hatte.

Sie hatte sich aufgerappelt, kurzatmig und hustend, und flehentlich zum Kreis geblickt, in der Hoffnung auf einen Hinweis oder einen Rat. Der offene Ausdruck des Schreckens auf so vielen Gesichtern war ihr kein Trost gewesen. Sie schaute zu Kael. Sein Gesicht war so ausdruckslos wie immer, doch seine geballten Fäuste verrieten ihn. Ein lautes Brüllen lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf das Elementar, das sich anschickte, sie anzugreifen. Sie versuchte zu atmen und sich zu erden, doch ein neuerlicher stechender Schmerz verriet ihr, dass auch ein paar Rippen gesplittert, wenn nicht sogar gebrochen waren.

Keine Angst. Konzentriere dich. Wenn keine willentliche Bindung ausgehandelt werden kann, muss eine Kette geschmiedet werden.

Es war nicht wichtig, dass es ihr noch nie gelungen war, ein Elementar gegen seinen Willen zu binden, ganz zu schweigen eines von dieser Größe. Sie musste es schaffen. Sie würde es schaffen. Sie würde hier nicht untergehen.

Doch einige Zeit später schien es, als hätte sie sich geirrt. Sie würde heute doch untergehen. Nur schierer Willenskraft und einer großen Portion Glück verdankte sie es, überhaupt noch am Leben zu sein. Die wenigen Binderituale, die sie kannte, waren nicht einmal annähernd mächtig genug, das wilde Elementar an die Kette zu legen, selbst mit ihren durch den Trank aus Traumfeuer gesteigerten Fähigkeiten. Nun kauerte sie unter einer Kuppel aus Stein, die sie um sich herum errichtet hatte, während das Elementar draußen tobte und wütete. Steinsplitter rieselten bei jedem dröhnenden Schlag auf sie hernieder, und sie wusste, dass ihre Zuflucht nicht mehr lange halten würde. Und selbst wenn . . . Ein weiterer Stich in ihren Eingeweiden erinnerte sie an die andere Frist, gegen die sie ankämpfte. Es sah allerdings so aus, als würde der „Tod durch wütendes Elementar“ eher eintreten als der „Tod durch willentlich eingenommenes Gift“.

Und dennoch war der drohende Tod weit weniger entsetzlich als diese katastrophale Vorstellung vor dem Kreis. Sie hatte nicht nur dabei versagt, das Elementar zu binden, sondern überdies waren all ihre schamanistischen Zauber und Versuche des Bindens schwach und unsauber ausgeführt gewesen. Selbst mit dem Trank aus Traumfeuer, der durch ihre Adern pochte, hatte sie noch immer Mühe, den Puls von Jund zu hören, den Herzschlag des Lebens, den sie doch eigentlich beherrschen sollte. Der steinerne Schild war ihr erfolgreichster Zauber gewesen – und nur deshalb, da sie ihr eigenes vergossenes Blut verwendet hatte, um seine Macht zu verstärken.

Du bist nicht schwach.

Verzweiflung und Zorn wanden sich in ihrer Magengrube. Kael hatte sich ganz offensichtlich geirrt.

Ein weiterer krachender Schlag, und ein Strahl Tageslicht durchdrang die Kuppel. Das Ende war nah.

Aber es war noch nicht gekommen.

Sie atmete, zwang Luft in ihre malträtierten Lungen und schenkte ihren aufbegehrenden Rippen keine Beachtung. Sie atmete und nutzte das wilde Klopfen ihres Herzens als Wegweiser zu einem tiefer gehenden Puls – dem Puls des Lebens, des Feuers, der Welt. Jund. Sie atmete, und die Zeit schien sich zu verlangsamen, während sie sich zwang, zuzuhören, nach dem flüchtigen Rhythmus zu greifen, sich den Puls der Magie zu Eigen zu machen für einen letzten Versuch von . . . irgendetwas. Ganz gleich, was. Sie lauschte angestrengt, suchte nach Macht, suchte nach der Flut.

Ein kurzes Anbranden, dann Schweigen. Ein kurzes Anbranden, dann Schweigen.

Sie runzelte die Stirn. Sie hatte immer Mühe damit gehabt, dieses Anbranden zu erfassen, jene Flut aus Lebenskraft, die alle Schamanen als Grundlage ihrer Macht nutzten. Ihr waren stets Fehler unterlaufen, wenn sie versuchte, ihre Worte und Gesten an den Puls anzupassen, denn sein Rhythmus war ihr fremd und ungreifbar geblieben. Doch nun, als sie so lauschte und wie sie ihr eigenes Leben versiegen spürte, hörte sie die donnernde Stille zwischen dem Anbranden nach ihr rufen. Die Abwesenheit eines jeden Geräuschs, die endlose Leere, zog sie an. Nie hatte sie diesen Raum – diese stumme, allgegenwärtige Dunkelheit – auf jene Weise bemerkt, wie sie es jetzt tat. Ihr fiel auf, dass ihr die Ausdehnung dieses Dunkels größer und noch allumfassender als das Anbranden erschien: Es nahm sämtlichen Raum ein, der nicht dem Puls und damit dem Leben vorbehalten war.

Ein entferntes Wummern und das Knirschen brechenden Steins erinnerten sie daran, dass die Zeit da draußen weiterlief. Das geradezu unwirkliche Gefühl der heißen Luft und der Sonne Junds auf ihrer Haut verriet ihr, dass ihre Zeit abgelaufen war. Sie musste etwas tun. Sofort.

Sie griff in die Dunkelheit hinein und zog.


Der Kreis war sicher, Zeuge einer weiteren gescheiterten Schamanenprüfung zu werden – noch dazu einer äußerst spektakulären. Das junge Mädchen reizte das Elementar, das zu binden ihr aufgetragen worden war, offenbar irgendwie. Das allein war schon ungewöhnlich. Die Prüfung sollte weniger ein Kampf sein als vielmehr ein Wettlauf gegen die Zeit. Stattdessen hatte sie sich dazu entwickelt, dass ein junges Mädchen versuchte, gegen ein vollkommen erzürntes Lawinen-Elementar im Zweikampf zu bestehen.

Als das Mädchen eine steinerne Zuflucht um sich herum errichtet hatte und sein eigenes Blut verwendete, um den Zauber zu verstärken, lehnten sich einige aus dem Kreis gebannt vor. Gemurmel über die Hartnäckigkeit und den Einfallsreichtum dieser Anwärterin wurde laut.

Doch niemand war auf das vorbereitet, was als Nächstes geschehen sollte.

Als das Elementar einen großen Brocken der steinernen Kuppel abriss, blitzte ein grünes Leuchten aus ihrem Inneren auf. Einen Herzschlag später schoss eine smaragdgrüne Flammensäule hoch in die Luft. Die gewaltige Säule aus Feuer flackerte wild – doch es gab keine Hitze, kein feuriges Brennen, kein Tosen, keinen Puls. Der Kreis starrte voller Grauen auf die unnatürlichen Flammen. Das Lawinenelementar taumelte zurück und betrachtete ebenfalls dieses entsetzliche Feuer.

Dann wandte es sich um und wollte fliehen.

Aus den Flammen schälte sich die Gestalt eines Mädchens hervor, verborgen hinter einer Wand aus grünem Feuer. Der Kreis sah, wie sich Hände hoben – und Flammen schossen auf das Elementar zu. Einige Schamanen sollten später behaupten, gesehen zu haben, wie die Flammen sich zu der Gestalt von Totenschädeln formten, während sie durch die Luft schossen und das Elementar einholten.

Meren vom Klan Nel Toth | Bild von Mark Winters

Ein gequälter Schrei erklang, als das Feuer das Elementar einhüllte. Es wand sich in jadegrünes Licht getaucht und verdorrte. Es dauerte nur Sekunden. Felsen und Steine fielen zu einem Haufen Geröll zusammen. Das Feuer hatte die Ranken, die Blitze, das Mana – alles Lebendige – verzehrt. Nichts war mehr übrig außer einem kleinen Berg aus Schutt.

Alle Augen wandten sich zu dem Mädchen, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie seine Knie zitterten und die Beine unter ihm nachgaben.


Gedämpfte Stimmen hallten laut in ihrem Kopf wider, als Wirbel chaotischer Farben an ihr vorbeitrieben. Verzweifelt strampelte sie gegen den Strudel aus Erschöpfung und Wahn an und kämpfte sich zurück an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Sie hatte versucht, einen Feuerzauber zu bündeln, wie Kael es sie gelehrt hatte. Allerdings hatte sie dabei auf die Leere anstatt auf den Puls zugegriffen. Sie hatte keine Ahnung, ob sie erfolgreich gewesen war, doch sie hatte noch immer Gedanken, und das bedeutete, dass sie am Leben war – also musste etwas Gutes geschehen sein.

Konzentriere dich. KONZENTRIERE DICH. Öffne die Augen.

Langsam, ganz langsam gehorchte ihr Körper. Ihre Lider hoben sich flatternd, schwer und müde.

Der Anblick, der sie begrüßte, war . . . verwirrend.

Zwei Schamanen des Kreises standen über ihr. Sie starrten ernst auf sie nieder und hatten die Stäbe auf sie gerichtet. Hinter ihnen konnte sie die verwaschenen Silhouetten anderer Mitglieder des Kreises erkennen, die augenscheinlich miteinander stritten. Ihre Worte klangen noch immer gedämpft, ein verzerrtes Wirrwarr aus Silben. Sie zwang ihren Geist, die Worte aus dem Durcheinander herauszufiltern, und schüttelte in dem Versuch den Kopf, den Schleier des Tranks aus Traumfeuer zu lüften, der noch auf ihrem Denken lag.

Verdorbene Wurzeln | Bild von Mark Hyzer

„Rühr dich nicht.“

Sie blickte verwirrt auf das Ende des Stabes. Der Schamane, der die Waffe in Händen hielt, funkelte sie an. Sie sah das Misstrauen in seinen Augen – und einen Hauch von Furcht.

Der Streit verklang, und sie spürte die Blicke des Kreises schwer auf sich lasten.

„Ich sage, wir töten sie gleich hier.“

Die Worte einer körperlosen Stimme erklangen klar und deutlich und durchstachen den Nebel in ihrem Geist.

„Das war . . . Ich weiß nicht, was das war. Mit Sicherheit jedoch keine Lebensmagie.“

„Ihre Macht ist jedoch unübersehbar“, entgegnete eine weitere Stimme.

„Aber sie hat ein Elementar vernichtet!“ Eine dritte Stimme. „Nicht verbannt. Nicht besiegt. Ausgelöscht.“

„Habt ihr gesehen, wie es sich dem ursprünglichen Binden widersetzt hat?“

„Es wusste es.“

„Sie ist unberechenbar.“

„Gefährlich.“

Die zweite Stimme sprach erneut, diesmal drängender. „Aber dennoch mächtig. Habt ihr jemals etwas Derartiges gesehen? Sie könnte eine große Schamanin werden ...“

„Sie ist keine Schamanin.“

Die letzte Stimme. Sie kannte diese Stimme.

Kael.

„Wir binden Leben. Wir bewahren das Gleichgewicht. Dieses Feuer war nicht von schamanistischer Natur.“

Sie wandte sich um, um ihn anzusehen, doch der Schamane, der sie bewachte, stieß ihr seinen Stab gegen die Kehle und hielt ihre Bewegung auf.

„Sie ist ein wandelnder Gräuel. Sie wird nie eine Schamanin werden. “

Alle anderen waren verstummt. Nur das schrille Heulen des Windes und Kaels donnernde Stimme waren noch zu hören. Sie sah, wie die Schamanen ihm Platz machten, als er an den Umstehenden vorbei in ihr Blickfeld trat. Seine Augen starrten in die ihren. Reglos, unerbittlich, kalt. Feuchte Tropfen fielen ihr auf die Hände, und sie begriff, dass sie weinte.

„Wir müssen sie auf der Stelle töten.“

Ein zustimmendes Raunen ging durch den Kreis.

Kael hob seinen Stab. Sie senkte den Blick. Selbst als sie geglaubt hatte, erfolgreich gewesen zu sein, hatte sie versagt. Und da war sie nun, verraten von dem einen, der an sie geglaubt und der sie für würdig und für stark befunden hatte, als nicht einmal mehr sie selbst an sich geglaubt hatte.

„Du kannst sie nicht töten.“

Alle Köpfe des Kreises wandten sich zu der unerwarteten Sprecherin um. Die Schamanenälteste, die ihr den Trank aus Traumfeuer verabreicht hatte, lehnte auf ihrem Stab. Ihr Haar flatterte so wild wie eh und je.

„Die Prüfung ist noch nicht vorbei.“

„Sie hat ihr Elementar getötet. Die Prüfung ist vorbei“, erwiderte Kael.

„Die Prüfung endet dann, wenn der Prüfling den Trank aus Traumfeuer in sich ausmerzt oder sich dem ewigen Traum ergibt.“ Die Worte der Schamanenältesten waren schlicht, doch das gesamte magische Gewicht eines uralten Ritus hallten in ihnen wider.

„Sie ist eine Anomalie. Gefährlich“, insistierte Kael.

„Wir werden nicht zulassen, dass sie unsere Bräuche missachtet und unsere Eide bricht. Du wirst deine Hände nicht besudeln.“ Die Älteste hielt Kaels Blick stand, bis er ihn schließlich von ihr abwandte.

„Abgesehen davon wird sie nicht mehr lange unter den Lebenden weilen.“

Der Kreis wandte sich um, um sie anzuschauen, und sie starrte auf den steinigen Boden unter sich. Sie hasste ihren rasselnden, unregelmäßigen Atem dafür, dass er sie verraten und die Worte der Ältesten bestätigt hatte.

Die Älteste breitete die Arme aus und wandte sich an den gesamten Kreis. „Lasst sie die Prüfung allein beenden. Möge der Trank ihren Geist und Drachenschlüpflinge ihr Fleisch verzehren, so wie ihr Feuer das Elementar verzehrte.“

Die Älteste hielt ihren Stab hoch in die Luft. Langsam, einer nach dem anderen, schlossen sich die Mitglieder des Kreises ihrer Geste an. Sie waren einverstanden.

Bald war es nur noch Kaels Stab, der an seiner Seite verblieb.

Die Schamanenälteste nickte und nahm seine abweichende Stimme zur Kenntnis, ehe sie sich zum Gehen wandte. Einer nach dem anderen folgten ihr die Schamanen des Kreises, bis nur noch Kael bei Meren war.

Sie blickte erneut zu ihm auf und wartete darauf, dass er ein Lächeln zeigte, wie er es getan hatte, als er sie damals erwählt hatte – vor Äonen, wie es schien. Damals, als er das erste Mal den Funken magischen Potenzials in ihr erblickte hatte. Er erwiderte ihren Blick ungerührt.

„Stirb, Meren. Stirb leise und allein.“

Damit wandte sich Kael zum Gehen.


Sie starb nicht.

Es wäre so leicht gewesen. Ausgebreitet auf diesem flachen Bett aus Stein, mit Gift, das durch ihre Adern floss und ihren letzten Lebensfunken verzehrte. Verstoßen, gebrochen und allein, von allen verlassen, die sie kannte.

Doch irgendetwas in ihr war erwacht. Sie hatte Macht gesehen. Sie hatte Stärke gesehen.

Sie hatte ein klares Ziel gesehen.

In dem stillen Raum dazwischen. In der dunklen, stummen Leere. Sie hatte sie gefunden: eine Macht so natürlich wie das Atmen. Wie die anderen Schamanen, denen das Wirken mit dem Puls leicht fiel, hatte auch sie endlich ihre wahre Berufung gefunden, hier, im Zuge ihrer Prüfung.

Und dafür hatten sie sie dem Tod geweiht.

Nein. Sie starb nicht. Sie kauerte sich nicht gebrochen zusammen. Sie weigerte sich.

An diesem Tag musste sie sich nicht mehr mühen, all die Regeln anderer zu befolgen. Kael hatte sich letztlich geirrt. Sie war eine Schamanin.

Sie war lediglich eine Schamanin, wie die Nel Toth sie noch nie gesehen hatten.

Sie starb nicht, denn an diesem Tag machte sie sich den Tod selbst untertan. Als eine Waffe in Gestalt von Flammen. Dann als Quell ihrer eigenen Lebenskraft, um dem tintenschwarzen Gewebe zwischen den Herzschlägen eine neue Form zu verleihen. An jenem Tag schloss sie die Augen und kehrte erneut an den Ort des unendlichen Schweigens zurück, um sich an dem neu gefundenen Brunnen aus kühler Dunkelheit zu laben und das Brennen des Traumfeuers in ihren Adern zu löschen.

Sie hatte ihren geschundenen und besiegten Leib in eine Zuflucht geschleppt und den langsamen Prozess des Heilens begonnen. Als der Tod seine kalten Hände nach ihr ausstreckte, geriet sie nicht in Panik oder kämpfte, wie es ein Lebensschamane getan hätte. Sie liebkoste die Hände des Todes mit ihren eigenen und machte sich mit seiner Umarmung vertraut. Als vorbeiziehende Bestien sie bedrohten, rief sie nach dem Tod wie nach einem alten Freund und erlegte Wild, das zu jagen sie in ihrem früheren Leben nur hatte träumen können – allein durch die Kraft ihrer Gedanken und eine Geste ihrer Hände.

Und als ihre körperlichen Wunden so weit verheilt waren, dass sie laufen konnte, ging sie fort.

Verließ dieses felsige Hochland und seine feurigen Vulkangipfel. Wanderte durch das dichte Gestrüpp des Flachlands. Trottete durch die sumpfigen Marschen, bis sie sie hinter sich gelassen hatte.

Sie durchquerte das Moor und folgte dem Ruf der Dunkelheit. Und in ihm fand sie ein klares Ziel. Sinn. Stärke. Macht. Und den Wunsch nach Vergeltung.

Jund war zu laut. Der allgegenwärtige Puls – jener Herzschlag, den zu hören sie sich einst so bemüht hatte – war nun ein lauter, hämmernder Schmerz, dessen Kakophonie unablässig die süße, stille Dunkelheit störte. Sie suchte nach einem ruhigeren Ort, einem schattigen Plätzchen auf dieser Welt – einem Ort ohne Leben.

Ihr Marsch war langsam. Nach Jahren der Suche fand sie endlich das leise Flüstern seltsamer Flecken toten Landes – Orte, an denen wilde Todesstürme die heißen Winde Junds ersetzt hatten und an denen keine Bestien überleben konnten. Orte, an denen Leichen wieder auferstanden, aus Teergruben herauskletterten und sich aus den Untiefen der Sümpfe erhoben. Als sie das erste Mal einen solchen Ort fand – ein winziges Fleckchen in einem Sumpf, dessen Boden selbst mehr an verwesendes Fleisch als an natürliche Erde erinnerte –, wusste sie, dass sie ihren Anker gefunden hatte. Dort, an diesem fremdartigen Makel der Welt, fand sie die vertraute Dunkelheit, die ihr ein kurzer Trost der Stille inmitten all des Lärmens von Jund war. Hier erblühten ihre Zauber, und sie suchte weitere solcher Orte wie jenen auf – größere Flecken toter Erde, Orte, an denen Dämonen Drachen als Herren der Welt abgelöst hatten.

Panorama von Grixis | Bild von Nils Hamm

Auf ihren Reisen traf sie andere wie sie, Magier, die die Dunkelheit beherrschten und sich einen anderen Namen gegeben hatten – Nekromagier – und die das Land Grixis nannten. Sie erlernte ihre Zauber und besiegte ihre Untoten, denn sie hatte etwas, was ihnen fehlte: Meren verstand die Lebenden. Während die Nekromagier Leichen lediglich als Krieger und Waffen wiedererweckten, erlernte Meren, die Toten bis zu einem gewissen Grad wiederzubeleben – sie sich gewissermaßen vom Tod selbst auszuborgen.

Und nun, Jahre später, war sie zurückgekehrt. Nun hatte sie sich aus Grixis‘ Griff gewunden, um nach Jund zurückzukehren – mit nur einem Ziel. Nun hatten ihre drei Geborgten sie zum derzeitigen Aufenthaltsort der Schamanen vom Klan Nel Toth geführt.

Nun brachte sie jenen den Tod, die einst versucht hatten, sie ihm auszuliefern.

Diese Rache ist beinahe zu einfach, sinnierte sie, während sie durch das Lager schritt. Die beiden geborgten Krieger hatten den jungen Schamanen erledigt, der Wache gestanden hatte, und so war jeglicher Alarm verhindert worden, während Merens geborgte Schamanin ihre eigenen Elementar-Dornlinge herbeirief, um den Kreis anzugreifen. Das Ergebnis war ein Blutbad. Schamanen der Nel Toth liefen kopflos umher und wurden von ihren toten Freunden und bösartigen Elementaren angegriffen, die sie für Verbündete gehalten hatten. Mit jedem gefallenen Schamanen wuchsen ihre Reihen an – ebenso wie das Chaos und die Panik. Sie hatte Mühe, damit Schritt zu halten, den Leichen neues Leben einzuhauchen.

Inmitten des Irrsinns hielt sie insbesondere nach einem Gesicht Ausschau. Sie wollte sichergehen, dass er nicht durch die fremden Hände eines der Geborgten starb. Sie wollte sein Gesicht sehen, Zeugin seiner Angst sein, ihn Reue verspüren lassen.

Sie hätte sich keine Sorgen machen müssen.

Drei gewaltige Flammensäulen fegten über ihre anwachsenden Reihen hinweg und schmolzen Fleisch und Knochen gleichermaßen. Sie bedeckte die Augen und hüllte sich in schützende Schatten, während sie die Geborgten zum Aufstehen zwang.

Skelettierung | Bild von Karl Kopinski

Als sie sich erhoben, hielten die Flammen jedoch an, schmolzen Sehnen hinfort und reduzierten Knochen zu einer unbeweglichen, verkohlten Masse.

Sie grinste. Nur ein Meisterschamane der Nel Toth konnte solch eine Feuersbrunst aufrechterhalten.

Und tatsächlich traten zwei Schamanenälteste mit Stäben, schwer von Drachenzähnen und Krallen von Thrinaxen, aus den Flammen hervor. Sie flankierten eine hochgewachsene Gestalt mit einer ausdruckslosen, verhärmten Miene. Graue Strähnen durchzogen nun sein Haar, und in sein Gesicht waren mehr Linien eingekerbt, als sie in Erinnerung gehabt hatte, doch abgesehen davon wirkte Kael unverändert.

„Dein Wüten endet hier, Todesmagierin!“, brüllte Kael. „Der Klan von Nel Toth wird nicht durch solcherlei Abschaum aus Grixis fallen! Deinesgleichen kroch schon einmal hierher, nur um in Blut und Asche zu enden!“

„Es enttäuscht mich, dass du mich nicht erkennst, Kael.“ Sie senkte ihren Schattenschild und zeigte ihr Gesicht. Sie sah zu, wie sich seine Stirn in Falten legte. Sie ergötzte sich am Dämmern der Erkenntnis und am Aufflackern von Schrecken in seinen Augen.

Kael hob die Hände zum Zaubern, doch sie war schneller. Zwei kreischende Schädel aus grünem Feuer lösten sich von ihren Handflächen und prallten auf die Ältesten zu beiden Seiten Kaels, um sie in feurigen Tod zu hüllen. Sie grinste, als sie sie brennen sah – ein Grinsen, das sich zu Überraschung wandelte, als die beiden Schamanen dem Feuer keine Beachtung zu schenken schienen und unbeirrt weitergingen, um dann auf sie zuzuspurten. Sie konzentrierte sich auf die beiden und verstärkte das Feuer, das noch immer das Fleisch der Angreifer verbrannte, doch sie blieben weiterhin unbeeindruckt, während sie ihre menschliche Gestalt abstreiften und sich in Bestien verwandelten. Plötzlich fand Meren sich Auge in Auge mit einem gewaltigen Bären und einem langzahnigen Thrinax. Beide standen in Flammen, die sie bei der ersten Berührung hätten töten sollen.

Der Bär holte mit einer mächtigen Pranke aus, während das Thrinax versuchte, nach ihren Beinen zu schnappen. Sie wich dem ersten Angriff aus, doch mächtige Kiefer schlossen sich um ihre Wade. Spitze Zähne gruben sich in ihr Fleisch, und sie schrie vor Schmerz auf.

Narbenland-Thrinax | Bild von Daarken

Ehe das Thrinax zurückweichen konnte, griff sie nach unten und packte mit beiden Händen einen seiner Stoßzähne. Schwarze Verderbnis breitete sich über das Fleisch der Bestie aus, als sich das Thrinax von Merens Bein losriss. Das Zusammenspiel aus Feuer und verzehrendem Sekret brachte es endlich zu Fall.

Meren wirbelte herum, als der Bärenschamane erneut mit seiner mächtigen Pranke ausholte und auf ihre Schulter einschlug. Sie knirschte mit den Zähnen, wich aus und deckte den Bären mit anhaltenden Stößen smaragdgrünen Feuers ein. Schließlich brach er zu einem rauchenden Haufen zu ihren Füßen zusammen.

Das Knistern von Blitzen und das Donnern aufeinanderprallender Steine verrieten ihr, dass sie zu lange gebraucht hatte, um sich der beiden Ältesten zu entledigen. Ein schneller Blick zu Kael bestätigte ihre Befürchtungen: Drei gewaltige Lawinenelementare formten sich um ihn herum. Ihre Augen aus Blitzen richteten sich auf sie, und Gliedmaßen aus Ranken und Stein griffen nach ihr, bereit, sie zu zermalmen. Sturmwolken ballten sich über ihr zusammen, aufgeladen von der rohen Energie der massigen Elementare. Eilig erweckte sie die beiden Schamanen zu ihren Füßen wieder zum Leben, deren Leiber nach den Zaubern, die sie gegen sie eingesetzt hatte, kaum noch zu etwas zu gebrauchen waren.

Sie blickte zu Kael auf, smaragdgrünes Feuer in den Händen, und zögerte. Kael erwiderte ihren Blick, doch anstatt der Wut oder der Entschlossenheit, die sie erwartet hatte, wirkte er nachdenklich und traurig. Die Luft knisterte von den Entladungen der Elementare, doch Kael befahl ihnen nicht, anzugreifen.

„Du hättest sterben sollen, Meren.“

„Du hättest mich töten sollen, Kael“, knurrte sie. „Wie du es vorhattest.“

„Du hast recht. Das hätte ich. Damit du nicht ... hierzu ... geworden wärst.“

Sie lachte. Hohl, bar jeder Heiterkeit. „Du sagtest mir, ich würde über Blut und Bein herrschen. Das tue ich nun – und so vieles mehr.“

Kael schüttelte den Kopf. „Nicht auf diese Weise. Du bündelst kein Leben. Du bist lediglich ein Werkzeug, eine Marionette des Todes.“

„Du irrst dich. Der Tod verneigt sich vor mir.“

Kael seufzte. Einst hätte es vielleicht väterlich in ihren Ohren geklungen. Nun hörte sie nur noch gönnerhafte Herablassung.

„Wenn du darauf bestehst. Kehre in die Erde zurück, Meren Todesbeugerin.“

Kael machte eine Geste, und die drei gewaltigen Elementare stürmten auf sie zu. Donnerndes Gebrüll erfüllte die Luft und bebende Schritte sandten Schockwellen durch den Boden unter Merens Füßen.

Sie lächelte und blickte auf die beiden übel zugerichteten Leichen, die zu ihrer Verteidigung bereitstanden. Das Lächeln wurde zu einem Lachen, manisch und schrill, als die Elementare immer näherkamen.

Mit einer plötzlichen Geste riss sie die Lebensfunken aus den beiden Geborgten. Sie warf die Hände in die Luft und sandte die Funken zum Himmel.

„Schlag zu, Skaal Kesh.“

Bild von Mark Winters

Sie sah nicht, wie ihre perfekte Waffe vom Himmel herabfiel, sondern spürte es vielmehr. Eine gewaltige Schattenform fuhr mit unfassbarer Geschwindigkeit nieder und hinterließ eine Spur aus Wolken, um dort, wo sie landete, einen Windstoß zu entfachen. Die drei Elementare fielen mitten im Lauf auseinander, ihr Anker zu dieser Welt zerbrochen, als Merens Instrument der Rache Kael traf. Sie duckte sich, als riesige Felsbrocken an ihr vorbeigeschleudert wurden, und wich den Splittern aus Stein und den Staubwolken aus, die sie aufwirbelten.

Als die Felsen zur Ruhe kamen, blickte sie dorthin, wo Kael gestanden hatte. Ein gewaltiger Schattendrache hockte an seiner Stelle und hielt die zerbrochene Gestalt Kaels aufgespießt in den Krallen. Seine Augen leuchteten grün, und Wolken übel riechenden Rauchs lösten sich aus seinem Maul. Seine Muskeln bebten, als er sein Gewicht verlagerte, und sein langer Schwanz fegte über den Stein, um kleine Funken in die Luft zu wirbeln. Skaal Kesh. Geißelklaue.

Zu ihrer Überraschung bemerkte sie, dass Kael noch immer bei Bewusstsein war, obwohl die Krallen des Drachen seinen Bauch durchstoßen hatten und ihn in der Luft hielten. Er blickte zu ihr herunter, als sie sich näherte.

„Du hast . . . einen Drachen gezähmt . . . Das ist unmöglich“, murmelte er.

„Ich habe einen Drachen neu geboren“, verbesserte sie ihn.

Ein Keuchen entfuhr Kael. Sie vermutete, es sollte wohl ein Lachen sein.

„Ich hatte am Ende doch recht. Du bist stark, Meren.“

Sie starrte ihn mit versteinertem Gesicht an.

„Verschlinge ihn, Skaal Kesh.“

Das entsetzliche Knirschen von Zähnen auf Fleisch und Knochen hallte über die Steppe. Blut spritzte in hohem Bogen herab, während sie zusah, wie der Drache das, was von ihrer Vergangenheit noch übrig war, mit zwei großen Happen verspeiste. Sie hatte von ihrer Rache gekostet.

Doch sie war noch nicht satt.

Sie wandte sich um, spähte zum Horizont und ließ den Blick über die ungezähmte Wildnis Junds schweifen. Schwach hörte sie den wilden Puls des Landes, einen Puls, den sie einst zu zähmen versucht hatte. Nun wollte sie ihn zerstören.

Ihre Rache war noch nicht beendet. Sie würde den hämmernden Rhythmus dieses Landes zum Verstummen bringen. Sie würde ihm das wunderschöne Dunkel zeigen, den Frieden des Todes.

Sie war Meren, die Letzte vom Klan der Nel Toth.

Und sie würde nicht eher ruhen, bis alle Grabmäler von Jund gestürzt und geschleift waren.


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