Nissas Entscheidung

Veröffentlicht in Magic Story on 7. Oktober 2015

Von Kimberly J. Kreines

Kimberly J. Kreines is a creative designer new to the Magic team. But neither playing Magic nor writing are new to her. She has a penchant for dragons, the Oxford comma, and chicken tikka masala. In her opinion, all three are equally delightful.

Was bisher geschah: Heimische Gewässer


Seit die junge Nissa ihre Heimat Bala Ged verlassen hat, ist vieles geschehen. Obgleich ihr in der Vergangenheit zahlreiche Fehler unterlaufen waren, hatte Nissa gelernt, ihren Leichtsinn im Zaum zu halten, seit ein enges Band zwischen ihr und der Seele Zendikars geknüpft worden war. Als die starke und verlässliche Macht des Landes noch für sie verfügbar gewesen war, war Nissa nicht auf ihre eigene, wilde Essenz angewiesen gewesen. Nachdem ihr Band zu Zendikar zerrissen war, musste Nissa jedoch ohne die Kraft des Landes und ihren Freund Ashaya, die elementare Manifestation der Seele der Welt, zurechtkommen. Sie konnte sich ihren Verlust nicht erklären und fürchtete um die Zukunft der Welt. Sie suchte den ganzen Kontinent Tazeem nach einer Spur Zendikars ab, bis sie schließlich etwas erkannte: Sie hatte die ganze Zeit über am falschen Ort gesucht. Wenn eine Seele von den Eldrazi bedroht wurde, trat sie doch gewiss die Flucht an, und es gab nur einen einzigen Ort, der mächtig genug war, um etwas derart kostbarem Schutz zu gewähren: jene mächtige Blume, die man das Khalni-Herz nannte. Ohne Zögern weltenwandelte Nissa an jenen Ort, von dem es hieß, dort würde die neue Blume erblühen: Bala Ged. Es war Zeit für eine Heimkehr.


Für Zendikar.

Nicht so, wie Gideon es gemeint hatte. Es war für sie kein Kampfschrei, sondern Ausdruck ihrer Sorge um den innersten Kern des Landes, um die Seele der Welt selbst. Das war der Grund, warum sie all das auf sich nahm. Sie rief sich diesen Umstand ein weiteres Mal ins Gedächtnis und zwang sich, die Augen zu öffnen.

In ihrer Hast, hierher nach Bala Ged weltenzuwandeln, hatte Nissa nicht darüber nachgedacht, was sie bei ihrem Eintreffen vorfinden würde – ihre Gedanken hatten allein dem Khalni-Herzen gegolten, wo ihrem Glauben nach die Seele Zendikars auf sie wartete.

Verheertes Waldland | Bild von Jason Felix

Doch der Anblick, der sich ihr bei ihrer Ankunft bot – eine endlose, weiße Verderbnis –, hatte sie die Augen schließen lassen.

Natürlich hatte sie so etwas Ähnliches schon geahnt. Bala Ged war den Eldrazi zum Opfer gefallen. Die ganze Welt wusste das. Doch in all der Zeit, seit sie davon gehört hatte, hatte sie es sich nie so vorgestellt. Sie hatte ein in Trümmern liegendes Land erwartet, voller Schneisen fahlweißer Verderbnis und toter Bäume. Doch diese Erwartungen hatten auf dem beruht, was sie in Tazeem gesehen hatte – einem Kontinent, der noch nicht gefallen war, sondern sich erst im Begriff dessen befand.

Sie öffnete die Augen.

Auf Bala Ged gab es nichts. Wie konnte alles – alles – nur weiß, leer und fort sein?

Das war unmöglich.

Und dennoch war es so.

Das Land lag nicht in Trümmern. Es war vollständig verzehrt worden.

Zu Staub zerbröckeln | Bild von James Paick

Es gab keine toten Bäume. Es gab nicht einmal die Überreste toter Bäume. Die weiße Landschaft war vollkommen eben. Alle Bäume waren aufgelöst worden. Alles war aufgelöst worden. Und es gab auch keine Schneisen von Verderbnis. Schneisen einer Sache bedeuteten immer, dass es außer den Schneisen noch irgendetwas anderes geben musste. Und hier gab es nichts außer Verderbnis. Außer dem Khalni-Herzen, gemahnte sich Nissa. Es gab hier nichts außer dem Khalni-Herzen.

Wenn die Gerüchte wahr waren – und es durfte einfach nicht anders sein –, dann war das Herz von Zendikars Macht hierhergekommen, um dem Land neues Leben einzuhauchen, indem es irgendwo auf diesem Kontinent zarte Knospen sprießen ließ. Wo auch immer dieses Irgendwo war: Dort würde sie die Seele des Landes finden. Dorthin musste Zendikar sich zurückgezogen haben. Sie zwang sich, einen Schritt nach vorn zu machen. Dann noch einen. Und noch einen. Die fahle Verderbnis knirschte und und knackte unter ihren Sohlen. Ihre Fußspuren wurden zur ersten Veränderung, die dieser staubbedeckte Kontinent seit seinem Untergang erfuhr.

Willkommen daheim, dachte sie, als sie sich anschickte, Bala Ged zu durchqueren.


Es war wider alle Vernunft, dass Nissa irgendeinen Teil dieses eintönigen Ödlands wiedererkannte. Den ganzen Tag war sie gelaufen und hätte dabei ebenso gut auf der Stelle treten können, denn die Landschaft blieb völlig unverändert. Doch Nissa wusste genau, wo sie sich befand, als sie tief im Binnenland des Kontinents anhielt.

Unzählige Male hatten sie ihre Füße hier entlang getragen. Tatsächlich hatte es eine Zeit in ihrem Leben gegeben, als sie der Überzeugung gewesen war, dass es sich hierbei um das einzige Land handelte, das ihre Füße je betreten sollten. Sie hatte sich vorgestellt, dieselben Pfade entlangzuwandern, an denselben Feuern zu sitzen und Obst von denselben Bäumen zu pflücken, bis sie selbst eine der Ältesten der Joraga war. Dies hier war ihr Dorf gewesen. Genau hier hatte der ausladende Jurworrelbaum gestanden. Und dort drüben das Vorratszelt, in dem die Joraga ihr Fleisch, ihr Obst und ihre zarten Waldpilze trockneten. Und hier war die größte Feuerstelle gewesen – jene, in der sie im Herbst die Blutzopfranken mit ihren garstigen Nesseln verbrannten, während Häuptling Numa bei den Riten den Vorsänger gab.

Nissa sah alles vor sich und hörte jedes Geräusch von damals. Sie roch sogar den Eintopf ihrer Mutter. Der Duft weckte ihre Erinnerungen. Es hätte eigentlich eine angenehme Erfahrung sein sollen, und Nissa wünschte, es wäre so gewesen, doch von all den vielen Gelegenheiten, zu denen ihre Mutter ihren Eintopf gekocht hatte, führten ihre Gedanken sie ausgerechnet zu jener einen Nacht. Zur letzten Nacht. Zu der Nacht, an die sie nie wieder hatte denken wollen. Sie war vom Geruch des Eintopfs aus einer Vision erwacht . . . und von den Stimmen. Jenen Stimmen, die sie davon überzeugten, fortzugehen. Und so hatte sie sich nachts davongestohlen.

Nissa sah, wie sie in die Schatten huschte. Sie wandte sich von dem Anblick ab. Von der Elfe, die sie einst gewesen war. An diese Elfe hatte sie schon seit langer Zeit nicht mehr gedacht. Tatsächlich hatte sie sogar alles darangesetzt, sie zu vergessen. Diese Elfe hatte so viele Fehler gemacht – entsetzliche Fehler –, nachdem sie aus diesem Dorf fortgegangen war. Fehler, die Nissa noch immer verfolgten. Fehler, die sie für immer verfolgen würden.

Bild von Izzy

Doch diese Elfe war sie nicht mehr. Und der einzige Grund dafür war die Seele Zendikars. Es war ihre Verbindung zum Land selbst gewesen, die sie von Grund auf verändert und gerettet hatte. Zendikar hatte sie zielstrebig, ausgeglichen und selbstsicher gemacht. Zendikar hatte ihr einen Weg vorgegeben. Sie brauchte Zendikar.

In jenem Augenblick erkannte Nissa, dass sie hierher nach Bala Ged gekommen war, um die Seele der Welt nicht um des Landes, um der Welt, um der Menschen oder auch nur um der Macht willen zu retten, die der Seele innewohnte – sie war hierhergekommen, um die Seele der Welt zu finden und sich damit selbst zu retten. Denn sonst würde sie wieder zu jener Elfe werden, die sie bei ihrem letzten Besuch an diesem Ort gewesen war – wild, leichtsinnig und nur allzu leicht zu Fehltritten zu bewegen.

Diese Elfe würde sie nicht mehr sein. Sie konnte sie nicht mehr sein. Nein. Nissa schwor sich, Bala Ged nicht ohne Zendikar zu verlassen.


Die Entfernung, die Nissa zwischen sich und ihr Dorf brachte, schien keine Rolle zu spielen. Obgleich sie versuchte, die Erinnerungen aus ihren Gedanken zu verbannen, vermochte sie das Aufblitzen von Eindrücken aus der Vergangenheit nicht zu verhindern. Sie fühlte sich, als würde diese unreife, leichtfüßige Elfe sie verfolgen. Schlimmer noch: Sie schien mit ihren Erinnerungen zu verschmelzen.

Alles war plötzlich vertraut. Obwohl das Land eine feste Masse eintöniger, weißer Verderbnis war, wusste sie genau, welchen Weg durch das Wirre Tal sie gerade einschlug, denn schließlich war sie hier unzählige Male auf die Jagd gegangen. Sie wusste, wo sie einen Schritt zur Seite machen musste, um jenen Fallen auszuweichen, die die Menschen für die Knurrer ausgelegt hatten – und das tat sie, obwohl diese Fallen gar nicht mehr existierten und obwohl sie versuchte, ihre Füße davon abzuhalten, auf die unwillkommene Erinnerung anzusprechen. Ihre Knie wappneten sich instinktiv für das Erklimmen eines Hügels, den es nicht mehr gab. Und als sie genug Schritte getan hatte, um oben auf der Hügelkuppe anzukommen, wurde ihr der Mund wässrig und ihr knurrte der Magen in Erwartung der vielen Pilze, die hier oben dicht an dicht wuchsen und an denen sie sich immer gelabt hatte. Dann hörte sie das schrille Kreischen eines Gomazoas und duckte sich, um ihm auszuweichen – dem Geist der Erinnerung an einen tödlichen Jäger.

Gomazoa-Wachposten | Bild von Rob Alexander

Sie schob den Gedanken beiseite, doch der Schrei folgte ihr und spottete ihrem Unvermögen, die Wirklichkeit von unerwünschten Erinnerungen zu unterscheiden. Reflexartig wanderte ihre Hand zu ihrem Schwert. Törichte Elfe. Hier war nichts – Nissa blieb wie vom Donner gerührt stehen.

Das, was sie aus dem Augenwinkel gesehen hatte, war keine Erinnerung. Und auch kein Gomazoa. Doch es war dicht genug dran: Der mittelgroße Eldrazi hatte Tentakel und einen weichen, fleischigen Leib, ganz wie das Raubtier aus ihrer Jugend.

Nissa schlug bereits mit ihrer Klinge nach ihm, noch ehe sie ihr Verstand zu einem bewussten Handeln veranlasste. Sie hatte dies schon zuvor getan. Genau an dieser Stelle. Öfter, als sie zählen konnte. Ein von unter geführter Hieb durch seine Mitte, ein zweiter quer über seine Vorderseite. Sie vierteilte das Ungeheuer so schnell, dass das Echo seines schrillen Schreis noch einen winzigen Augenblick länger andauerte als sein Leben.

Irgendetwas regte sich in Nissa. Sie stand schwer atmend über dem Kadaver des Eldrazi. Es fühlte sich an, als wäre ein ganzes Leben vergangen, seit sie zum letzten Mal auf diese Weise gekämpft hatte. Sie hatte den Rausch vergessen, eine Klinge mit solcher Kraft und solcher Genauigkeit zu schwingen.

Und sie barg noch viel mehr Kraft in sich. Mehr Kraft, als sie je hätte – Nein. Nissa schluckte, um den Drang loszuwerden, der sich in ihr auszubreiten drohte.

Sie war nicht mehr diese Elfe. Hier war nicht mehr dieses Bala Ged. Und das Ding vor ihr war kein Gomazoa. Es war ein Eldrazi.

Eisschwall | Bild von Deruchenko Alexander

Es war ein Eldrazi!

Nissa hatte sich noch nie so sehr gefreut, eines dieser Ungeheuer zu sehen, und sie würde es wahrscheinlich auch nie wieder tun, doch hier – auf diesem verwüsteten Kontinent – konnte seine Anwesenheit nur eines bedeuten: Leben!

Irgendetwas musste es hier geben, wovon es sich ernähren konnte. So musste es sein. Sonst wäre es nicht hier gewesen.

Nissa wusste kaum etwas über die Ungeheuer aus einer anderen Welt, die über Zendikar herfielen. Eines wusste sie jedoch ganz sicher: Sie waren unermesslich hungrig und auf einem nie endenden Pfad alles verschlingender Zerstörung. Sie begaben sich nur dorthin, wo sie etwas verzehren konnten, und in ihrem Fall war ihre Nahrung das Leben selbst.

Irgendwo auf Bala Ged gab es Leben.

Das Khalni-Herz.

Es musste das Khalni-Herz sein.

Ihr Herz pochte ihr gegen die Rippen, und ihr Blick richtete sich auf die Spur, die der Eldrazi hinterlassen hatte. Nissa rannte los. Wo auch immer dieses Ungeheuer hergekommen war, was auch immer es verfolgt hatte, um sich davon zu ernähren – dort würde sie das Leben finden, nach dem sie suchte.

Es bereitete Nissa keine Mühe, der Spur zu folgen – die Waldläuferin, die sie einst gewesen war, hatte Hunderte von Geschöpfen durch genau jenes Gelände verfolgt. Obwohl sich die Spur des Eldrazi für das ungeübte Auge kaum von der pockigen Verderbnis abhob, erschien sie Nissa wie ein leuchtender Wegweiser. Sie folgte ihr jenen fahlen Pfad entlang, auf dem sich der Umung einst durch diese Täler gewunden hatte. Sie rannte durch die Guum-Wildnis. Nie hätte sie es früher gewagt, derart achtlos jenes Gebiet zu durchqueren, das einst der dichteste und giftigste Teil des Dschungels gewesen war. Sie war auf kürzester Strecke zu jenen Höhlen unterwegs, in denen damals die Surrakar genistet hatten.

Als sie erkannte, dass dies offenbar ihr Ziel sein würde, bremste sie ihre Schritte ein klein wenig. Die Erinnerung an die reptilienhaften Bestien, die so eifersüchtig ihr Revier hüteten, jagte ihr einen Schauer über den Rücken.

Marodierender Surrakar | Bild von Kev Walker

Ihre Gedanken weilten in ihrem tiefen Tunnelsystem, das unter Bala Ged verlief. War es auch verderbt? Waren die Eldrazi unter die Oberfläche gelangt? Oder waren die Tunnel von ihnen vernachlässigt worden, damit das, was in ihnen verborgen war, hatte überleben können?

Nissa war nicht sicher, worauf sie hoffte. Was wollte sie lieber sehen? Eine Horde hungriger Surrakar oder noch mehr geschändetes Land?

Sie wusste keine Antwort – zumindest keine, die sie sich hätte eingestehen wollen –, und sie hatte nicht viel Zeit, lange darüber nachzudenken: An einem teilweise eingestürzten und verderbten Eingang eines Tunnels der Surrakar entdeckte sie schließlich das erste Anzeichen von Leben.

Eine zarte Schicht aus fahlgrünem Moos, das sich nur mühevoll gegen alle Widrigkeiten zu behaupten schien, bedeckte den verwittert wirkenden Eingang.

Nissa ließ sich auf die Knie fallen und fuhr mit den Fingern über die grünen Stoppeln. Sie waren weich, zerbrechlich und strahlten eine ganz schwache Wärme aus.

Zendikar.

Ihr Herz machte einen Sprung, und aus dieser freudigen Regung heraus griff sie in das Land hinein und suchte nach irgendeinem Anzeichen für die Anwesenheit der Seele der Welt. Ebenso schnell zog Nissa sich jedoch aus der unermesslichen, widerhallenden Leere zurück, die sie vorfand. Dies musste der richtige Ort sein, doch wo war Zendikar? Sollte sie das Khalni-Herz nicht mittlerweile spüren können? Sie verdrängte die Zweifel und die Besorgnis aus ihren Gedanken. Es würde schon hier sein.

Der feine, grüne Film aus Moos zog sich bis in den Tunnel hinein. Nissa war nicht sicher, ob es nur ein Zusammenspiel aus Dunkelheit und Hoffnung war oder tatsächlich der Wahrheit entsprach, doch sie gewann den Eindruck, als würde das Moos dicker und kräftiger, je tiefer sie in den Tunnel hineinblickte. So oder so war es auf jeden Fall hier. Wie eine Spur, die sie nach Hause führen würde.

Sie konnte sich gar nicht genug beeilen. Sie kroch in den Tunnel hinein und kraxelte voran, so schnell es die Enge erlaubte. Ihre Augen hatten sie nicht getäuscht. Je weiter sie in den Tunnel kam, desto dichter wurde das Moos unter ihren Fingern und Handflächen – dichter, aber auch brüchiger? Erneut begann der allerleiseste Zweifel an ihr zu nagen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Sie fühlte Unruhe in sich aufsteigen.

Während sie weiter vordrang, schärften sich ihre Sinne, um sich auf das Unbekannte vorzubereiten.

Der Tunnel öffnete sich und gab den Blick auf eine Höhle frei, die von einem bläulichen Leuchten erfüllt war. Das war eigenartig. Sie kniff die Augen zusammen, um weiter sehen zu können, und sie spitzte die Ohren, um erst in die eine und dann die andere Richtung zu lauschen. Sie konnte jedoch noch immer keine Quelle für das Leuchten ausmachen, weshalb sie in die hohe Kammer hineinkroch und sich aufrappelte.

Ihr Atem stockte und ihre Gedanken rasten, als sie versuchte, die Teile dessen, was sie sah, zusammenzusetzen. Das blaue Licht stammte von einem eng stehenden Kreis aus Polyedern, die durch ein Netz sich kreuzender und leuchtender Leylinien miteinander verbunden waren. Die Leylinien verliefen in einem Muster, wie sie es noch nie gesehen hatte – es war auf keinen Fall auf natürliche Weise entstanden.

Renaturierende Ranken | Bild von Bastien L. Deharme

Warum gab es das hier? Was – wer – hatte es erschaffen?

Kein Surrakar. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie keinerlei Interesse daran hatten, Polyeder aufzustellen.

Ein Eldrazi?

Sie schauderte und konnte ihre Sorge nicht länger unterdrücken.

Sie schlich langsam um den Kreis herum, während ihr Blick hin und her huschte und die Härchen auf ihren Armen sich aufrichteten. Nichts stimmte hier. Nichts war hier noch richtig gewesen, seit sie die Höhle betreten hatte.

Die Kraft, von deren Regung sie ergriffen worden war, als sie den Eldrazi getötet hatte, wallte erneut in ihr auf. Die Kraft war bereit für das, was auch immer vor ihr liegen mochte, und das bedeutete, dass es an Nissa war, sie im Zaum zu halten. Dies war nicht die rechte Zeit. Zu viel stand auf dem Spiel. Sie besänftigte die Kraft und wandte ihre Aufmerksamkeit den Polyedern zu.

Am Fuße eines jeden Polyeders war Staub aufgetürmt, den jemand – oder etwas – absichtlich mit den Fingern oder den Klauen zusammengeschoben hatte.

Zunächst wirkte es, als wäre der Kreis aus Polyedern vollständig, doch dann stieß Nissa auf eine Lücke, die genau die Größe eines einzelnen Polyeders hatte.

Und durch diese Lücke hindurch sah Nissa es: das Khalni-Herz.

Zendikar.

Ihr Herz machte einen Sprung, nur um gleich beim nächsten Schlag tief herabzusinken. Die junge Blume lag auf einer Steinplatte. Ihre halb verwelkten Blütenblätter hingen zu einer Seite herab und zur anderen ihre Wurzeln, in denen sich trockene Erde festgesetzt hatte.

Der Anblick der frei liegenden Wurzeln rief eine leidvolle Erinnerung in Nissa wach. Der Schmerz, das Gefühl des Zerreißens. Plötzlich befand sie sich wieder auf der Lichtung am Rande des Riesenholzes in Tazeem. Es war, als würde ihr Band zu Zendikar ein weiteres Mal zerfasern.

Zendikars Seele hatte sich nicht freiwillig zum Khalni-Herzen zurückgezogen. Jemand hatte ihr das angetan. Selbst noch angesichts der Eldrazi, die das Land heimsuchten, hatte jemand die Seele der Welt entwurzelt und sie hier zum Sterben eingesperrt. Wer konnte so grausam sein?

Nissas Instinkte waren stärker als das Grauen, das sie zu lähmen drohte, und trieben sie zum Handeln an. Ihre Beine bewegten sich und trugen sie in Richtung der Blume. Ihre Arme streckten sich schützend aus. Ehe sie das Gefängnis aus Polyedern durchbrechen konnte, fuhr ihr jedoch ein Windhauch über die Haut und etwas Hartes rammte sich ihr brennend in die Seite. Sie wurde quer durch die Höhle geschleudert und schlitterte über den Boden.

Nissa rang nach Atem und mühte sich auf Hände und Knie, nur um ein weiteres Mal niedergeworfen zu werden.

Sie rutschte und rollte über den Höhlenboden und landete auf dem Rücken – um zu einem Dämon aufzusehen.

Ob Nixilis der Wiederentflammte | Bild von Chris Rahn

„Warum bist du hier?“ Die tiefe Stimme des Dämons war sowohl gleichzeitig volltönend und hohl. Er ragte über ihr auf. Seine halb ausgebreiteten Schwingen füllten die gesamte Breite der Höhle aus und versperrten ihr den Blick auf das Polyedergefängnis und die Blume. Lange, scharfe Stacheln bedeckten seine Arme und Beine, und sein Kopf war von fünf dicken Hörnern gekrönt. „Wer hat dich geschickt?“

Dieser Dämon war es, der all dies getan hatte. Als sie in seine leuchtenden roten Augen blickte, war sich Nissa dessen sicher. Er war es, der Zendikar entwurzelt hatte. Er hatte ihr ihren Freund genommen, ihr unermessliches Leid zugefügt und die Seele der Welt verwundet. Und dafür hasste sie ihn.

„Antworte mir!“, grollte der Dämon. Ein Netz aus Adern, die mit heißer, lavaartiger Magie gefüllt waren, breitete sich ihm blitzschnell über Arme und Brust aus. „Wie hast du mich gefunden?“

Er sprang auf sie zu. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog Nissa ihr Schwert, doch auch der Dämon war schnell. Er umklammerte mit seiner Faust ihr Handgelenk, verdrehte es und löste so ihre Finger von ihrer Waffe.

Als ihre Klinge klirrend auf den Fels prallte, warf der Dämon sich mit seinem vollen Gewicht auf Nissa und drückte sie nieder, ganz so, als wollte er sie gleich hier an Ort und Stelle begraben. „War es Nahiri?“

Nissa stemmte sich gegen die Last. Er war beinahe dreimal so groß wie sie und daher im Vorteil – oder wenigstens würde er dies glauben. Elfen waren eines der leichtesten Völker Zendikars, doch ein gut ausgebildeter Elf konnte es mit jedem Vertreter eines der schwereren Völker – oder auch allen Kreaturen – dieser Welt aufnehmen. Und Nissa war eine gut ausgebildete Elfe – zumindest war sie das einst gewesen. Jene Elfe, die hier auf Bala Ged gelebt hatte, hatte einst mit einem Stachelbaloth gerungen und den Sieg davongetragen.

Stachelbaloth | Bild von Daarken

Dieser Dämon unterschied sich kaum von dem Baloth. Er war nur eine einzige Kreatur, ein einziges Tier. Und sie konnte ihn zu Boden ringen. Nissa beobachtete seine Bewegungen, während sie miteinander rangen, und bald hatte sie seinen Schwerpunkt ausgemacht. Kaum hatte sie ihn gefunden, arbeitete sie dagegen an und gewann mit jeder Bewegung mehr und mehr an Boden. Als ihr Vorteil groß genug war, riss sie die Füße hoch und trat ihm gegen die Brust, genau an die richtige Stelle, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und von sich wegzustoßen.

Der Dämon taumelte zurück und fing sich mitten im Sturz mit einem kräftigen Schlag seiner Schwingen ab.

Er setzte zu einem neuerlichen Angriff an, aber diesmal war Nissa schneller. Die vertrauten Instinkte und Manöver des Kampfes kehrten nach und nach zu ihr zurück. Sie griff sich ihr Schwert und holte mit der Klinge nach ihm aus. Sie erwischte ihn trotz eines Ausweichversuchs seinerseits seitlich am Bein. Er begann zu bluten.

Seine Augen verengten sich und er brüllte auf. Doch Nissa zuckte nicht zurück.

Er schwebte über ihr, einen Ausdruck im Gesicht, den sie nicht ganz zu deuten wusste. Sie sah Hass – da bestand kein Zweifel –, doch da war auch noch etwas anderes. Etwas Verwirrtes. Er fauchte. „Wenn Nahiri glaubt, mich jetzt aufhalten zu können, dann irrt sie sich gewaltig.“

Nissa wusste nicht, wovon er redete, und es kümmerte sie auch nicht. Sie holte erneut mit dem Schwert aus, wurde aber von seinem Gegenschlag überrumpelt. Der Dämon wirbelte auf sie zu, während die brennende Kraft in ihm hochwogte, um schließlich aus seiner Handfläche hervorzubrechen und sie mitten in der Brust zu erwischen. Es war eine lebensentziehende Kraft, die von Nissas innerstem Wesenskern zehrte und dabei die Dunkelheit des Dämons nährte.

Obgleich Nissa äußerst geschickt darin geworden war, der Kraft in ihr keine weitere Beachtung zu schenken oder sie gar willentlich unterdrücken zu wollen, war diese um keinen Deut geringer geworden. Und nun, da sie bedroht und ihrer Besitzerin Stück für Stück geraubt wurde, brach eine qualvolle Welle eines Schmerzes, der bis ins Mark ging, über Nissa zusammen.

Sie schnappte nach Luft und wankte ob einer üblen Schwäche, die wuchs und wuchs. Wenn sie nicht bald handelte, war dies ihr Ende. Der Dämon würde erst sie aussaugen und danach Zendikar.

Sie wusste, was sie zu tun hatte. Er ließ ihr keine Wahl. Sie würde nur einen Bruchteil verwenden. Nur für einen winzigen Augenblick.

Anfangs war es nicht leicht, die Macht zu beherrschen. Obwohl sie begierig darauf war, entfesselt zu werden, war Nissa damit überfordert, sie zu verwenden. Es war ganz so, als versuchte sie, einen dunklen Raum im Haus eines Fremden zu durchqueren. Nissa stolperte und strauchelte, während sie die Macht aus ihrer Brust in ihren Arm zu leiten versuchte.

Als sie ihr Schwert hob, fühlte es sich an, wie wenn sie den Stamm eines Jaddibaums stemmen wollte, doch sie hielt die Klinge hoch und zwang die Essenz durch sie hindurch. Je stärker die Kraft floss, desto mehr erkannte sie sie wieder. Etwas in ihr erwachte und war hocherfreut, dass endlich der Morgen für es angebrochen war.

Sie brachte die aufgeladene Klinge zwischen ihre Brust und den Strahl der verzehrenden Macht des Dämons, um ihr Schwert dann mit aller Gewalt nach vorn zu stoßen. Plötzlich kehrte Nissas Essenz in voller Stärke zu ihr zurück – und mit ihr all die Erinnerungen, all die Schrecken, all die Irrtümer und all die Fehler. Wie oft hatte sie diese Kraft eingesetzt, nur um damit alles zu zerstören? Wie oft hatte sie mehr Schaden als Nutzen angerichtet? Sie konnte nicht auf sie vertrauen.

Doch dazu war es nun zu spät. Der Angriff des Dämons wurde von der Macht, die Nissas Klinge durchströmte, abgelenkt und geradewegs auf ihn zurückgeworfen. Die Wucht des Aufpralls ließ beide – Nissa wie den Dämon – zurücktaumeln, bis sie gegen gegenüberliegende Wände der Höhle krachten.

Nissa schwirrte der Kopf und die Finger kribbelten ihr vor einer Macht, die immer ungeduldiger wurde. Als der Dämon auf sie zupirschte, rappelte sie sich auf.

„Beeindruckend“, sagte er. „Dein Aussehen trügt. Du trägst die Kluft einer einfachen Joraga.“ Er sog schnüffelnd etwas von der Luft um sie herum ein. „Aber du riechst nach den Blinden Ewigkeiten. Planeswalkerin.“

Nissa spannte sich an. War auch er ein Planeswalker? So musste es sein. Sie lenkte ihre Sinne auf ihn und tastete nach seiner Energie. Da war etwas am Rand seines Seins, doch es kam ihr irgendwie falsch vor, ohne dass sie einen Grund dafür hätte nennen können.

„Ich hätte nichts weniger von Nahiris Abgesandter erwarten sollen“, sagte er. „Aber ich muss einfach fragen: Warum hat sie dich geschickt? Warum kam sie nicht selbst hierher?“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“ Nissa widerstand dem Drang, auf den Dämon zuzustürmen – wenn auch nur mit größter Mühe. Der Quell der Macht in ihrem Inneren war aufgewühlt und würde sich nicht lange bändigen lassen.

„Vielleicht fürchtete Nahiri sich, mir entgegenzutreten. Vielleicht ängstigte sie sich, weil ich, wenn all dies hier vollbracht ist, mehr Macht besitzen werde, als ein einzelner Planeswalker sie seit sehr langer Zeit sein Eigen nennen durfte.“ Der Dämon spähte zurück zu der Blume. Nissas Blick folgte dem seinen mit klopfendem Herzen. „Die Macht einer gesamten Welt wird mir gehören.“

Ob Nixilis der Entfesselte | Bild von Karl Kopinski

„Diese Macht ist nicht für dich bestimmt.“ Nissa sprach ihre Worte mit ruhiger, sicherer Stimme, gestärkt von jener immer weiter anschwellenden Kraft, die ihr nun in den Adern toste. „Das Khalni-Herz gehört dem Land.“

„Sei doch nicht so kleingeistig“, herrschte sie der Dämon an. „Macht gehört dem, der sie sich nimmt. Ich habe sie mir genommen. Deshalb gehört sie mir.“

„Dann werde ich sie zurückholen.“ Nissa konnte sich nicht mehr bändigen: Ihre wilde Essenz stachelte sie nur umso mehr an, als sie auf die Öffnung zwischen den Polyedern zusprang. Sie war hier, um Zendikar zu finden, und sie würde nicht ohne es gehen – doch der Dämon richtete erneut einen Strahl auf sie, sodass sie gezwungen war, auszuweichen.

„Du willst hier nicht sterben, Elfe“, sagte er. „Das ist es nicht wert. Nicht für das, was Nahiri dir auch immer versprochen haben mag.“

„Ich weiß nicht, wer diese Nahiri ist“, gab Nissa zurück. Doch der Dämon hatte recht: Sie wollte hier nicht sterben. Was tat sie da gerade? Sie missachtete ihr eigenes Leben und das Leben des Khalni-Herzens, das gleich dort drüben so verwundbar und dahinschwindend vor ihr lag. Es war die launische Kraft in ihrem Innern, die über ihr Handeln bestimmte. So weit hätte es nie kommen dürfen. Nur einen Augenblick lang hatte sie darauf zugreifen wollen. Das hatte sie sich versprochen. Sie war nicht mehr diese Elfe. Sie war die Elfe, die die Beherrschung über sich behielt. Die Elfe, die die leichtsinnigen und unsteten Einflüsterungen, von denen sie heimgesucht worden war, zum Verstummen gebracht hatte. Die Elfe, die auf ihr besonderes Band mit dem Land angewiesen war, um die Kraft zu erhalten, die sie brauchte. Kraft, der sie vertrauen konnte. Kraft, die keine Fehler machte.

Die Elfe, die sicheren Schrittes hierhergekommen war, um Zendikar zu retten, war die einzige Elfe, der dies auch tatsächlich gelingen konnte. Mit einiger Anstrengung drängte sie ihre in Wallung geratene, gierige Essenz zurück und mit ihr deren Willen, den Dämon erneut anzuspringen. Dieser Plan würde nicht aufgehen. Es gab noch andere Möglichkeiten abgesehen von roher Gewalt, um an ihm vorbeizukommen. Sie musste nachdenken. Sie musste sich konzentrieren.

Das Problem war, dass es nur einen Weg in den Kreis aus Polyedern gab, weshalb er auch immer genau wusste, wohin sie sich als Nächstes wenden würde. Gäbe es jedoch noch eine weitere Lücke in diesem Kreis . . . Ja! Das war die Art von Elfe, die sie war!

„Wenn Nahiri dich nicht geschickt hat, warum bist du dann hier?“ Der Dämon grinste sie an.

Nissa nickte in Richtung des Khalni-Herzens, um so eine günstige Gelegenheit zu schaffen, sich den Kreis genauer anzusehen. „Ich bin hier, um diese Blume zu retten. Ich bin wegen Zendikar hier.“

„Wegen Zendikar?“ Der Dämon stieß ein bellendes Lachen aus. „Entweder lügst du oder du bist des Wahnsinns. Hast du dir Zendikar in jüngster Zeit einmal angeschaut? Es gibt nichts mehr zu retten. Bald werden die Eldrazi alles verzehrt haben.“

„Das werden sie nicht.“ Nissa richtete ihren Blick auf einen Polyeder zur Linken des Dämons.

„Du sagst das mit großer Gewissheit.“

„Ja.“ Nissa machte sich zum Spurt bereit.

„Und wer wird die Eldrazi aufhalten?“, fragte der Dämon. „Du?“

„Ja“, sagte Nissa. „Ich.“ Sie sprang vor.

Nissa Revane | Bild von Jaime Jones

Der Dämon versperrte rasch den Eingang zum Kerker, doch dieser war gar nicht Ziel ihres wilden Laufs.

Sie sprang in die Luft, drehte sich in Richtung des Polyeders links davon und hatte somit einen freien Weg vor sich. Sie hielt die Klinge zum Schlag bereit.

Doch als der Polyeder in Reichweite kam, wusste sie, dass sie scheitern würde. Der Nachhall längst vergangener Erinnerungen erklang in ihrem Geist. Sie hatte schon einmal einen Polyeder zerbrochen. Einen Polyeder in einer Höhle, ähnlich dieser hier. Dies hatte jedoch damals der Kraft ihrer Essenz bedurft. Würde sie den Stein mit nichts als ihrer bloßen Klinge treffen, konnte sie schon von Glück reden, auch nur den kleinsten Kratzer zu hinterlassen.

Sie brauchte mehr Kraft. Mehr von sich selbst.

Sie wusste nicht, ob es eine bewusste Entscheidung war – sie wusste nicht einmal, ob sie überhaupt eine Wahl gehabt hätte –, doch als die Klinge auf den Polyeder niederfuhr, brach die aufgestaute Essenz in Nissa aus ihr heraus. Und dann prallte der Dämon auf sie.

Sie kugelten über den Boden und rangen miteinander, ohne dass einer von ihnen die Oberhand gewinnen konnte. Nissa hielt den Blick auf den Polyeder gerichtet und wartete darauf, dass er zersprang, und auf die Kaskade des Chaos, die zweifellos darauf folgen würde. Sie wartete, um zu sehen, ob sie rechtzeitig gehandelt hatte.

Einen Wimpernschlag später brach eine Fontäne der Macht aus der Oberfläche des Polyeders hervor und strömte an seinen Seiten herunter. Im nächsten Augenblick zersprang der gewaltige Stein. Das Muster der Leylinien, die mit ihm verbunden gewesen waren, begann zu flackern und zu flimmern, um sich schließlich vollends aufzulösen. Die Schwingungen ließen auch die anderen Polyeder erzittern. Der Kerker verlor seine Festigkeit. Bald würde er völlig in sich zusammenstürzen und mit ihm wahrscheinlich der Rest der Höhle.

Jetzt war Nissas einzige Gelegenheit. Sie erkannte, was sie zu tun hatte, und griff erneut auf ihre Kraft zu. Dieses Mal nutzte sie sie, um den Dämon von sich herunterzustoßen. Sie sprang auf die Füße und auf das Khalni-Herz zu.

„Nein!“, brüllte der Dämon. „Das lasse ich nicht zu!“

Er setzte ihr nach, doch zwischen Nissa und den gefährlich schwankenden Polyedern angelangt zögerte er. Sie sah das Zaudern in seinem Blick und dann das Aufblitzen einer Entscheidung, als er auf den nächsten achteckigen Stein zustürmte, die kräftigen Arme darum schlang und ihn am Umstürzen zu hindern versuchte.

Expedition zum Khalni-Herzen | Bild von Jason Chan

Nissa warf sich an ihm vorbei und griff nach dem Khalni-Herzen.

Der Augenblick, in dem ihre Finger die Blume berührten – er umfasste alles.

Zendikar.

Das Wort, die Präsenz, die Seele hallten in ihr wider.

Und dann schloss sich die Hand des Dämons um die ihre und drückte so fest zu, dass sie glaubte, die Pflanze zu zerquetschen. „Das war töricht.“ Das Feuer in ihm wütete. „Mehr als töricht.“

Doch nun stützte er nicht länger die schwankenden Polyeder ab. Die Leylinien fächerten sich immer weiter auf, als die Steine um sie herum einer nach dem anderen umstürzten.

Der Dämon blickte Nissa an. Lodernder Hass sprühte aus seinen Augen. „Dafür wirst du jetzt büßen.“ Seine Wut sprang vom ihm auf Nissa über und hielt sie im Zaum, als trüge sie ein enges Geschirr. Sie versuchte, sich freizukämpfen, doch mit jedem Atemzug entzog er ihr mehr und mehr von ihrer Stärke.

Sein einziges Ziel war es, sie jetzt und hier zu töten. Er wollte sie vernichten. Sie spürte es. Sie sah es in seinen Augen.

„Ganz gleich, wie sehr du das hier willst ...“ Der Dämon deutete auf das Khalni-Herz in ihren Händen. „Ich will es mehr. Und ich werde es bekommen.“

Sein Zorn wurde mit jedem ihrer schwindenden Herzschläge stärker. „Wenn du leben willst, dann ist jetzt die Zeit, diese Welt zu verlassen.“

Nissa geriet in Panik. Die Ränder ihres Blickfelds wurden dunkel. Ihr Blick fiel auf das Khalni-Herz. Ihre schwächer werdende Essenz griff nach der Macht Zendikars. Der Macht, die gleich hier in ihrer Hand ruhte. Mit ihr konnte sie den Dämon zermalmen. Sie konnte gewinnen – sie brauchte sich diese Macht nur zu nehmen.

Nein. Nissa zügelte ihre Verzweiflung. Zendikar hatte keine Kraft, die es ihr schenken konnte. Nicht jetzt. Nicht, wo es entwurzelt war und keine Verbindung zum Land besaß. Wenn sie es jetzt darauf ankommen ließ, würde sie seine Kraft restlos aussaugen, die Blume zerstören und Zendikar auslöschen.

Sie war nicht mehr jene Elfe, die handelte, ohne die Folgen zu bedenken. Sie würde keinen solchen Fehler mehr machen.

Was dann? Dem Dämon zum Opfer fallen?

Nein. Diese Elfe war sie auch nicht.

Sie war ein Geschöpf, das zwischen dem stand, was sie vor langer Zeit einmal gewesen war, und dem, was sie glaubte, geworden zu sein. Sie war nicht länger nur mehr das eine oder das andere. Es war ein Fehler gewesen, die Kraft in ihr so lange zu unterdrücken: Sie war mächtig, viel mächtiger als selbst dieser Dämon, und das war nichts, was sie verbergen sollte. Doch sie hatte recht daran getan, Selbstbeherrschung und Vorsicht zu lernen. Die Fehler waren nie der Kraft selbst wegen entstanden oder aus Nissas Leidenschaft heraus. Sie hatte stets aus den richtigen Gründen und mit den richtigen Absichten gehandelt. Doch sie hatte Fehler gemacht, weil ihr ein klareres Bewusstsein und das tiefere Verständnis dafür gefehlt hatten, die nötig waren, um das passende Maß an Vorsicht und Achtsamkeit walten zu lassen.

Doch nun besaß sie sie.

Sie hatte sie von Zendikar gelernt. Nissa erkannte die Muster und die Verbindungen. Sie spürte das große Ganze. Diese Höhle, diese Polyeder, die Macht des Khalni-Herzens, die verzehrende Essenz des Dämons. Sie konnte Zendikar in seiner Ganzheit sehen, die Eldrazi, die anderen Planeswalker, das Lager der Überlebenden. Und sie sah das Multiversum mit all seinen Myriaden von Welten.

Blinkmotten-Nexus | Bild von Sam Burley

Sie hatte in all dem ihren Platz. Sie besaß eine Macht, die hierhergehörte. Eine Macht, die dazu bestimmt war, eingesetzt zu werden – hier und heute, zur Rettung Zendikars.

Das, was sie vorhatte, war gefährlich. Es war wahrscheinlich das Gefährlichste, was sie je getan hatte. Doch es barg keinerlei Ungewissheit. Sie wusste genau, was geschehen würde. Und sie war darauf vorbereitet.

Nissa nahm sämtliche Kraft zusammen, die sie noch in sich hatte – alles, was ihr noch nicht von dem Dämon ausgesaugt worden war –, und zog sie von ihm weg. Sie konnte seinen Griff am anderen Ende spüren und auch, wie er sich gegen sie stemmte, doch sie zwang die Kraft in ihre Arme, durch ihre Fingerspitzen und in das Khalni-Herz hinein.

Als ihre Essenz in die Blume strömte, erwachte sie zum Leben. Ihre Blüte öffnete sich weiter, ihre Blätter entfalteten sich und sie erstrahlte heller. Und endlich begannen ihre Wurzeln zu wachsen und sich in Richtung des Bodens zu strecken.

„Was machst du da?“ Der Dämon zerrte wieder an ihrer Essenz. Sie sah die Verwirrung in seinem Blick.

Nissa fühlte sich wie eine Weidenrute, die von dem Dämon nach unten und von der Kraft in ihrem Innersten zugleich nach oben durchgebogen wurde. Die Wurzeln des Khalni-Herzens hatten den Boden beinahe erreicht. Sie sandte eine letzte Welle aus Kraft in Zendikars Seele, ehe ihr Blick sich trübte und ihr Körper in sich zusammensank.

Der Dämon entriss ihren schlaffen Fingern die Blume, und Nissa fiel auf die Knie.

„Diese Welt gehört mir!“, knurrte er. „Diese Kraft ist mein!“

Doch das war sie nicht.

Die Wurzeln hatten den Boden erreicht. Die Seele der Welt war in das Land zurückgekehrt. Zendikar gehörte niemandem. Das Land rauschte heran und wirbelte Steinbrocken auf, als es nach dem Khalni-Herzen griff. Es riss die Blume an sich, aus den Händen des Dämons und in die Umarmung der Welt hinein.

„Nein!“ Der Dämon sank auf die Knie und scharrte mit grotesken Krallen über den Boden. Doch es war zu spät. Das Land hatte sich bereits über dem Herzen seiner Macht geschlossen. Die Blume war fort. In Sicherheit.

Die gesamte Höhle begann zu erbeben, als die Kraft Zendikars durch Nissas Handflächen schoss, die Leere in ihr füllte und sich mit dem letzten verbliebenen Tropfen ihrer eigenen Essenz verband.

Der Dämon strauchelte. Er griff nach der Wand, um sich daran festzuhalten, doch sie brach auf. Er schoss in die Höhe, um dem herabstürzenden Geröll auszuweichen. „Was hast du getan?“

Nissa stand auf und drehte sich um, um ihn anzusehen. „Wenn du leben willst, dann ist jetzt die Zeit, diese Welt zu verlassen.“ Sie bediente sich ihres Bandes zu Zendikar und nutzte sowohl ihre eigene Kraft als auch die der Welt, um eine Erweiterung ihres Seins in Form einer Vervollkommnung ihrer Gestalt heraufzubeschwören. Als sie nach dem Dämon ausholte, bewegten sich das Geröll und der Fels mit ihr und stießen ihm eine aus dem Land selbst geschaffene Faust vor die Brust. Er torkelte nach hinten in die einstürzende Felswand.

Nissa sprang von einer zerberstenden Scholle Land zur nächsten. Jeder Splitter Zendikars federte ihre Landung ab und lieh ihr seine Kraft für einen neuen Sprung. Als die Welt auf den Dämon niederfuhr, stieg Nissa in die Höhe auf – ebenso wie die Seele der Welt. Ihr Freund.

Ashaya.

Bei ihrer Ankunft an der Oberfläche landeten Nissas Füße auf einem weichen, üppigen Teppich aus Moos. Sie atmete den Geruch von blühendem Leben ein. Neben ihr tat es ihr das gewaltige Elementar gleich, das sich aus den Überresten des Tunnels und des in sich zusammenbrechenden Landes geformt hatte.

Nissa blickte zu ihrem Freund auf. Ashaya schickte einen Funken seiner Freude zu ihr herab und Nissa sandte ihre eigene Essenz zu ihm zurück. Sie waren eins, und jeder von ihnen gehörte sich selbst, stärker dank der Macht, die sie teilten. Und nun war es an der Zeit, diese Macht zu nutzen, um Zendikar zu retten.

Ashaya, die erwachte Welt | Bild von Raymond Swanland

Nissa und Ashaya würden nach Seetor zurückkehren, sich Gideons Streitmacht anschließen und in den Kampfschrei einstimmen, denn endlich trugen diese Worte wieder eine Bedeutung.

„Für Zendikar!“

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg, den Kontinent zu überqueren, und jeder einzelne ihrer Schritte erfolgte im Gleichtakt mit denen des anderen.


Kampf um Zendikar-Storyarchiv

Planeswalker-Profil: Nissa Revane

Weltenbeschreibung: Zendikar

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