Ungeschrieben

Veröffentlicht in Magic Story on 14. Januar 2015

Von Kelly Digges

Kelly Digges has had many roles at Wizards over the years, including creative text writer, R&D editor, website copyeditor, lead website editor, Serious Fun column author, and design/development team member on multiple sets.

Sarkhan Vol ist in Tarkirs Vergangenheit angekommen – mehr als tausend Jahre vor seiner Geburt. Bei seinem Eintreffen sah er zum ersten Mal die in seiner Zeit längst ausgestorbenen Drachen dieser Welt, wie sie einem tosenden, blitzenden Sturm entsprangen.

Und dann sah er sie: eine Menschenfrau, die mit einer leuchtenden Drachenklaue auf ihrem Stab und einem Säbelzahntiger an ihrer Seite kämpfte. Sie tötete einen jungen Drachen mit ihrer mächtigen Magie und scheuchte die anderen davon. Sie ist alles, was er sich in seinem Sehnen nach Tarkirs Drachen erhofft hatte.

Er muss mehr über sie erfahren.


Schnee knirschte unter Sarkhan Vols Stiefeln. Er und seine Führerin stiegen weiter hinauf. Die kalte Bergluft stach ihm in den Lungen. Er genoss das Gefühl. Es war, als würde er das Gegenteil von Drachenfeuer atmen.

Sie mochte nicht ahnen, dass sie ihn führte, doch sie hatte es ihm wahrlich leicht gemacht, ihr zu folgen.

In Abständen von einer oder zwei Meilen hatte sie immer wieder eine bloße Stelle im Fels gesucht oder freigelegt, um mit dem Klauenstab, den sie bei sich trug, zwei geschwungene Linien in den Stein zu ritzen. Als er sie dies das erste Mal tun sah, hatte er gedacht, sie würde den Ort kennzeichnen, an dem sie einen Drachen erschlagen hatte. Nun da der Weg länger wurde, war er nicht mehr sicher, was er darüber denken sollte.

Dornwaldfälle | Bild von Eytan Zana

Womöglich war es Ugins Heroldin, die ihn da weiter voranführte. Womöglich waren diese Zeichen in Wahrheit sehr wohl für seine Augen bestimmt. Und dennoch sagten sie ihm nichts. Jedes glich dem anderen. Mit weiserem Blick hätte er es vielleicht ergründen können ... doch er wagte es nicht, Drachengestalt anzunehmen, solange sie ihn am Ende noch sah. Nicht wenn er sich auch nur einen Funken Hoffnung bewahren wollte, mit ihr zu sprechen.

Dieser Stein war noch warm. Das Zeichen glühte von der roten Hitze ihres Stabes. Er schloss langsam zu ihr auf. Sie war eine Temur. Diese Berge waren ihre Heimat. Er war ein Mardu in einer fremden Zeit und an einem fremden Ort.

Sie wollte, dass er sie einholte.

Hinter ihm erklang ein Pfeifen wie von einem Vogel. Eine weitere Warnung erhielt er nicht.

Irgendetwas rammte ihn von hinten. Riesig, lebendig und warm. Er landete mit dem Gesicht nach unten im kalten Schnee, festgehalten von etwas, das sich wie eine gewaltige Tatze anfühlte. Riesige Reißzähne drückten ihm gegen den Nacken, heißer Atem strich ihm über die Haut. Er wehrte sich nicht.

Ein neuerlicher Pfiff. Diesmal klang er anders. Der Druck der Reißzähne wich, doch das Gewicht auf seinem Rücken hinderte ihn nach wie vor daran, sich zu rühren. Er konnte nicht sehen, was ihn festhielt, doch er ahnte es.

Schnee knirschte. Schwere Stiefel schritten einen weiten Halbkreis um ihn herum ab, bis sie schließlich in sein Blickfeld geriet.

Sie war älter als er – viel älter, flüsterte ein schelmischer Teil von ihm –, kräftig gebaut, mit einem ernsten, aber faltenlosen Gesicht. Die Klaue an der Spitze ihres Stabes glühte rot. Ihre Augen, mit denen sie ihn abschätzig musterte, waren kalt. Drachenklaue, Drachenaugen.

Yasova Drachenklaue | Bild von Winona Nelson

„Du folgst mir“, sagte sie. Ihre Stimme tönte voll und kräftig.

„Du hast eine Spur hinterlassen, der man folgen kann“, sagte er. Seine Worte kamen stoßweise, halb erstickt von wer wusste schon wie vielen Pfund Säbelzahntiger. Er deutete vage auf das Symbol, das sie angefertigt hatte. „Du hast Zeichen hinterlassen.“

„Nicht für deine Augen, du Vagabund“, sagte sie.

Ihre Stimme klang nicht gehetzt, doch sie schaute immer wieder zum Himmel hinauf.

„Du folgst mir“, wiederholte sie. „Warum?“

Kalter Schnee, kalte Augen, heißer Atem. Er wog seine Antwort so lange ab, wie er es nur wagte.

„Ich folge einer ... Stimme. Dem Flüstern eines Geistes“, sagte er. Er zögerte. Dann: „Ich suche den großen Drachen Ugin. Ich glaube ... ich glaube, dass dies vielleicht eine Vision sein könnte und du meine Seelenführerin.“

Sie lachte bitter auf.

„Ich glaube, du hast den Verstand verloren“, sagte sie.

„Das ist gut möglich“, sagte Sarkhan. „Die Zeit wird es weisen.“

Die Frau pfiff, und die Last hob sich von Sarkhans Rücken.

„Steh auf“, sagte sie.

Hatte sein scheinbarer Wahn sie berührt? Oder die Erwähnung Ugins?

Er kroch auf seinen Stab zu. Auf Knien wie ein Bettler. Der Splitter des Polyeders, den er aus dem Auge von Ugin mitgenommen hatte, war noch immer sicher darin eingebettet. Er war in die Nähe des merkwürdigen Symbols der Frau gefallen, und als er den Splitter bewegte, glaubte er, beide für einen Augenblick schimmern zu sehen.

Auf seinen Stab gestützt richtete er sich auf.

Sie war kleiner als er. Man hätte sie sogar fast als sehr klein bezeichnen können. Doch mit diesem Säbelzahntiger, der um sie herumstrich, dem Klauenstab, der voll feuriger Magie leuchtete, und diesen tödlichen Drachenaugen wirkte sie alles andere als das.

„Wer bist du?“, fragte sie.

„Mein Name ist Sarkhan Vol“, sagte er.

Er sah, wie sie seine seltsame Kleidung und sein wirres Haar musterte. Die Klaue an ihrem Stab begann, rot zu leuchten.

Sarkhan Drachensprecher | Bild von Daarken

Sar-Khan. Großer Khan. Hoher Khan, Himmelskhan.. Für jeden anderen auf Tarkir war das eine absurde Behauptung, besonders von einem fremden Wanderer. Er hätte es besser wissen müssen, doch er hatte sich vergessen. In seiner eigenen Vorstellung war dies sein Name. Die Stimme in seinem Kopf hatte ihn Sarkhan genannt, ehe sie verstummt war. Bolas jedoch nannte ihn Vol.

„Sar-Khan“, sagte sie nüchtern. Sie verneigte sich geziert, doch ihre Stimme blieb hart und kalt wie Eisen. „In diesem Fall entbietet Euch Yasova Drachenklaue vom Klan der Temur ihre Hochachtung, o Khan der Khane, und heißt Euch in ihren Landen willkommen.“

Drachenklaue! War dies nicht in seinem Tarkir der Titel des Khans der Temur?

„Und worauf“, fragte sie, wobei sie jedes Wort sorgfältig betonte, „erhebt Ihr einen Herrschaftsanspruch?“

Er hatte bereits zuvor mit Khanen zu tun gehabt. Mit Zurgo. Mit Bolas. Kein Khan, selbst ein Freund, duldete Respektlosigkeit. Sie kannten nur eine Sprache, die süßen Worte der Schmeichelei. Und in seiner Zeit als Bolas‘ Leibeigener hatte er sie bestens gelernt.

Vol ist Euer ergebener Diener, sagte eine Stimme in seinem Kopf. Es war seine Stimme, die sich erbärmlich in der Stille seines Geistes wand. Sie rief eine Erinnerung wach, ein Echo seiner selbst, wie er die Frage eines Khans beantwortete.

„Auf nichts und niemanden“, sagte er eilig und wandte den Blick von ihren Augen ab, um sich zu verbeugen. „Es ist ein Spitzname, der mir im Spaß verliehen wurde, um meinen Hochmut zu verspotten. Ich habe ihn als den meinen angenommen.“

„Und dein Khan sieht das mit Wohlwollen?“

Nein. Aber Ugin ...

„Ich habe keinen Khan“, sagte er. „Ich bin fern der Heimat.“

„Ein Ausgestoßener“, sagte sie voller Verachtung. „Kein Wunder, dass du wie einer gekleidet bist.“

Sie senkte ihren Stab in seine Richtung. Das Leuchten der Klaue wurde stärker.

„Du folgst mir“, sagte sie. „Du beleidigst mich. Und du dringst unerlaubt in mein Land vor. Gib mir einen Grund, dich zu verschonen, Vol, oder ich töte dich auf der Stelle.“

Er sank auf die Knie.

„Bitte verzeiht meine Unhöflichkeit“, sagte er. „Wie ich sagte, bin ich weit gereist, und selbst die mächtige Khanin der Temur ist mir nur durch ihren Ruf bekannt. Ihr seid ganz offenkundig nicht hier, um mich zu führen. Womöglich bin ich stattdessen hier, um Euch zu dienen. Ihr seid eine Khanin. Ich bin nichts ... Ein Bettler ...“

Sie schaute ihn lange an, bis sie schließlich die Schultern zuckte und den Stab senkte.

„Genug“, sagte sie mit offensichtlichem Abscheu. „Steh auf.“

Er erhob sich und klopfte sich den Schnee von der Kleidung.

„Ich danke Euch“, sagte er.

Sie blickte finster drein.

„Ich danke Euch, Khanin“, berichtigte sie ihn. „Deine Wahnvorstellungen seien dir vergeben, doch ich werde keine weiteren Aufsässigkeiten dulden.“

„Danke, Khanin“, sagte er. Eine kleine Rebellion. „Und ich bitte um Vergebung.“

Der Klang seiner eigenen Stimme widerte ihn an, so ekelhaft süß kam sie ihm vor. Die Frau nahm seine Worte mit einem Nicken zur Kenntnis.

„Ich bin Yasova Drachenklaue“, sagte sie. „Khanin des Temur-Grenzlandes, vielfache Drachentöterin und Herrscherin über diese Region.“ Sie breitete die Arme aus. „Vol, Ausgestoßener, Khan von Nichts und Niemandem ... willkommen."

Sein Blick wanderte über die Berge. Er sah sie mit neuen Augen. Ja, dies war Temurland. Er war nicht weit von hier entfernt gewesen, als die Zeit ... zerbrach. Es lag weniger Schnee, als er in Erinnerung hatte, und es gab mehr nackte und rauchende Felsen.

Wildes Hochland | Bild von Eytan Zana

Er drehte sich wieder zu ihr um, nur um zu sehen, wie sie ihm schon den Rücken zugewandt hatte, um sich zu entfernen. Er schickte sich eilig an, ihr zu folgen, doch ein Knurren hinter ihm ließ ihn innehalten. Der faulige Atem der gewaltigen Raubkatze hinter ihm wusch über ihn hinweg.

„Folge mir, wenn du sicher bist, dass dies dein Weg ist“, sagte Yasova, ohne sich dabei umzudrehen. „Doch ich würde einen gewissen Abstand einhalten. Anchin ist sehr beschützerisch, und ein zweites Mal wird er nicht so sanft mit dir umspringen.“

Eine Weile gingen sie schweigend weiter. Sarkhan hatte Mühe, mit ihr Schritt zu halten – mit gebührendem Abstand –, denn Yasova huschte flink über das unebene Gelände, während er beständig um Atem rang. Sie führte ihn an der Seite eines zerklüfteten Berghanges hinauf, der von stämmigen Bäumen gesäumt war. Hinter ihm tapste der Säbelzahntiger, gerade laut genug, dass er ihn hören konnte.

Auf einem weiten Vorsprung hielt sie an. Sarkhan blieb eingedenk der großen Raubkatze hinter ihm auf Abstand. Er atmete schwer. Yasova, der der Aufstieg scheinbar nichts ausgemacht hatte, beachtete sein Keuchen nicht.

Die Drachenklaue auf ihrem Stab begann erneut zu glühen, und Sarkhan fürchtete für einen Augenblick, dass sie ihn nun doch töten wollte. Doch sie brachte das rotglühende Leuchten zum Erlöschen, indem sie den Stab in den Schnee hielt, der den Felsvorsprung bedeckte. Der Schnee zischte und schmolz, und Rinnsale dampfenden Wassers flossen den Hang hinab, bis das bloße Gestein zum Vorschein kam. Sie drehte den Stab um und machte erneut das Zeichen – zwei lange, geschwungene Linien, die sie symmetrisch in den Fels zog.

Sarkhan wartete, bis sie damit fertig war.

„Was bedeutet dieses Symbol?“, fragte er. „Warum zeichnet Ihr es?“

Yasova wandte sich um. Ihre Augen waren reptilienhaft, gleichermaßen kalt und heiß.

„Keine Fragen, Vol“, sagte sie. Sein Geburtsname klang aus ihrem Munde wie ein Fluch. „Nicht, bis du mir von dem Flüstern erzählt hast, dem du folgst.“

Warum war sie so nachsichtig? Wie sollte ihr das Geplapper eines Wahnsinnigen nützlich sein?

„Ich war in ...“ Er zögerte. Wie sollte er seine Geschichte in Worte kleiden, die sie verstehen konnte? „Ich war an einem weit entfernten Ort, fern meiner Heimat und fern von hier. Ich besuchte eine Höhle, die man das Auge von Ugin nennt.“

Auge von Ugin | Bild von James Paick

„Wo?“, fragte sie scharf. Also kannte sie den Namen.

„Wie ich sagte ... weit entfernt. Über dem ...“ Beinahe hätte er „Meer“ gesagt, doch dann fiel ihm ein, dass er dieses Wort auf einer anderen Welt gelernt hatte. „Über einem See, der sich so weit erstreckt, dass man von seinem einen Ufer das andere nicht sehen kann.“

Sie schnaubte.

„Solch einen See gibt es nicht.“

„Und dennoch“, sagte er, „habe ich ihn überquert.“

„Und dann?“

„Nachdem ich das Auge besucht hatte, hörte ich Ugin selbst zu mir sprechen. Er zog mich an diesen Ort. Und dann ... hat sich alles verändert. Ugins Stimme verstummte, und ich war allein ... Kein Flüstern mehr, das mich führte. Ich hielt Euch für eine Gesandte Ugins.“

Quälende Stimme | Bild von Volkan Baga

Yasova blickte mit abgewandtem Rücken ins Tal hinunter.

„Dürfte ich Euch etwas fragen, Khanin Yasova?“, wollte Sarkhan wissen.

„Das darfst du wohl.“

„Dieser Sturm, der die Drachen gebar ... Was war das?"

Sie drehte sich zu ihm um und starrte ihn mit offenem Mund an.

„Vergebt mir meine Unwissenheit, Khanin“, sagte er. „In meiner Heimat kennen wir solcherlei Dinge nicht.“

„Woher kommen denn dann die Drachen?“, fragte sie.

Er dachte lange nach, ehe er antwortete. „In meiner Heimat gibt es keine Drachen.“

„Endlose Seen und ein leerer Himmel“, sagte Yasova. Ihre Augen verengten sich. „Du bist wahrlich wahnsinnig.“

„Ich weiß, wie sich das anhört“, sagte er. „Aber solche Stürme gibt es nicht. Keine dieser ...“

„Drachenstürme“, sagte sie, als müsste sie es einem Kind erklären. „Der Ursprung aller Drachen. Wie kannst du das nicht wissen? Woher kommst du?“

Zweifel wirbelten Phantomen gleich in ihm auf. Ugins Stimme war verstummt und seine Gedanken gehörten wieder ihm, aber dennoch schienen sie ihm verschwommener als je zuvor. War er wahnsinnig? War all dies nur ein Traum gewesen? Träumte er gerade jetzt?

„Ich kannte einst einen Schamanen der Temur“, sagte er, „der mich vieles über die Geister der Drachen lehrte.“

„Du kennst die Temur, doch nicht ihre Khanin? Gibt es in deiner fernen Heimat auch Temur?“

„Habt Geduld mit mir“, sagte er. Er versuchte, sich daran zu erinnern, ob er genau diese Worte jemals zu Bolas gesagt hatte. „Meine Geschichte mag erscheinen, als ergäbe sie keinen Sinn, doch sie ist die einzige, die ich zu erzählen habe. Betrachtet sie als eine einfache Vision, einen Fiebertraum, wenn es Euch hilft.“

Sie nickte ihm zu, dass er fortfahren möge.

„Dieser Schamane und seine Anhänger zeigten mir vielerlei Dinge. Ich hörte die tiefe, stete Stimme eines uralten Drachen, der längst tot war und dessen Geist doch im Diesseits verweilte. Ich sollte diese Stimme viele Jahre später erneut hören, als ich das Auge betrat. Das Auge von Ugin, meine Khanin. Die Stimme von Ugin.“

„Ugin lebt“, sagte sie tonlos. Der Säbelzahntiger, von ihrer Stimme aufgeschreckt, nahm seinen Platz hinter ihr ein.

Vol wich mit ausgebreiteten Armen und nach vorn gerichteten Handflächen zurück.

„Meine Khanin“, sagte er. „All dies ist sehr verwirrend für mich, aber ... meine Heimat ... mein Leben ... Ich glaube, alles davon ist noch ungeschrieben.“

Das ungeschriebene Jetzt – so begriffen die Temur die ungewisse Zukunft. Das Jetzt selbst verschleierte jene möglichen Zukünfte, die es stets umkreisten wie hungrige Bestien.

Schamanische Offenbarung | Bild von Cynthia Sheppard

„Nichts lebt im Ungeschriebenen“, sagte sie. „Es ist kein Ort. Ich weiß nicht, was dieser Schamane dir erzählt hat, doch so ist es einfach nicht.“

„Vielleicht habe ich es dann genau verkehrt herum verstanden“, sagte er. „Vielleicht bin ich Euer Seelenführer – ein Phantom des Ungeschriebenen, der hier ist, Euch einen möglichen Pfad von diesem Jetzt zu einem möglichen anderen zu zeigen. Fragt. Ich werde Euch getreulich antworten.“

Sie ging auf ihn zu. Ihr Stab erwachte knisternd zum Leben.

„Dieser Ort, von dem Ihr sprecht. Der, der Eure Heimat sein soll.“ sagte sie. „Es ist dieser Ort hier, nicht wahr? Tarkir, doch jenseits des Jetzt?“

Er nickte.

„Ja“, sagte er. „Ich war einst ein Mardu, und ich reiste an der Seite der Temur. Doch der Name meines Khans und der des Khans dieser Temur würden Euch nichts sagen. Sie wurden noch nicht geboren.“

„Und es gibt keine Drachen?“, fragte sie. Ihre Augen funkelten begierig. „Keinen einzigen?“

„Auf ganz Tarkir nicht“, sagte er. „Nur Knochen.“

Gefluteter Strand | Bild von Andreas Rocha

„Und Ugin?“

„Längst tot“, sagte er. „Nur das Flüstern ist noch übrig. Das Flüstern, das mich hierherbrachte.“

„Dann ist es also wahr“, sagte sie. „Wenn Ugin stirbt, sterben auch die Stürme. Und die Drachen vergehen.“

Ugin und die Stürme standen in Verbindung zueinander! Kein Wunder, dass er bei seiner Ankunft von einem der Stürme begrüßt worden war! Ugin war noch kein Flüstern und konnte oder wollte nicht so zu ihm sprechen, wie er es einst getan hatte. Doch hatte er einen Sturm geschickt, um Sarkhan zu führen. Um ihn zu ... Yasova zu geleiten?

„Wo hörtet Ihr dies?“, fragte er mit klopfendem Herzen.

„In einer meiner Visionen“, sagte sie ohne Scheu. „Erzähle mir von diesem ungeschriebenen Jetzt. Erzähle mir von seinen Bewohnern. Es muss prächtig sein.“

Nun erkannte er das Funkeln in ihren Augen. Es war Gier. Dieselbe Gier, die er in den Augen eines jeden Khans gesehen hatte, dem er je begegnet war. Zurgo strebte nach Blut und Waffen, Bolas nach Macht jenseits aller Vorstellungskraft, und selbst die sanfte Narset dürstete mehr als alles andere nach Wissen ... Und Yasova, seine geistige Führerin, gierte nach dem Tod aller Drachen.

„Nein, meine Khanin“, sagte er rasch. „Die Menschen und die Khane meines Jetzt sind nicht wie Ihr. Sie sind schwach und töricht und haschen den Schatten der Vergangenheit nach. Sie müssen nicht mehr ums Überleben kämpfen, und deshalb kämpfen sie des Ruhmes und der Gier wegen. Oder auch um gar nichts.

Sie sind nicht wie Ihr“, wiederholte er flehentlich. „Ihr seid besser.“

Sie stieß mit ihrem Stab nach ihm. Eine Woge aus Hitze traf ihn aus der gefährlich nahen Klaue. Er taumelte zurück, verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Er kam auf dem Zeichen ausgestreckt zum Liegen, das sie in den blanken Felsen geritzt hatte. Die Linien im Stein waren selbst durch seine Felle noch immer unangenehm heiß.

„Besser?“, spie sie aus. „Wir sehen hilflos zu, wie unser Zuhause zerstört und unsere Kinder getötet werden. Wir schauen zum Himmel auf wie die eingeschüchterten Hasen, während sich unser jämmerliches Leben nur um eines dreht: im Reich eines anderen ein kümmerliches Dasein zu fristen.“

Belagerung des Grenzlandes | Bild von James Ryman

Sie stand mit zornerfülltem Blick über ihm und hielt die Klaue umklammert, die sie einem Drachen entrissen hatte und die im Feuer ihrer Magie und der Hitze ihrer Wut glühte.

„Und dafür nennst du uns besser?“

„Bitte“, sagte er. „Ich habe das Ungeschriebene gesehen ...“

„Ich weiß nicht, was du bist“, sagte sie. „Ich weiß nicht, wo du herkommst oder was dies alles zu bedeuten hat. Doch auch ich habe das Ungeschriebene gesehen – eine Welt ohne Drachen. Und sie war ein Paradies.“

„Ich habe Euren Seelenführer gespielt“, sagte er. „Ich habe Euch wahrheitsgetreu von allem berichtet, was ich gesehen habe. Bitte, ich flehe Euch an, tut dasselbe für mich. Erzählt mir von der Vision, die Euch führt.“

Sie stützte ihren Stab auf.

„Ich sah Felder voller Drachenknochen“, sagte sie, und ihre Augen blickten wie in weite Ferne. „Die Himmel frei von diesen verfluchten Stürmen. Es gab keine Kämpfe mehr. Keinen Krieg. Die Temur waren frei, ihre eigenen Eroberungen zu machen, und meine Nachfolgerin – eine Tochter, deren Urahnin ich bin – war Sar-Khan und Herrin über ganz Tarkir. Das Land nährte die Menschen durch Jagd und Viehzucht, und es war für jeden reichlich vorhanden. Und ich hörte eine Stimme, sanft und ruhig, die mir verriet, wie ich dies erreichen könne.“

„Das ist nicht, was geschehen wird“, sagte er. Verwirrung machte sich in ihm breit. „Es gibt keinen Sar-Khan. Es gibt keinen Frieden. Ugin zeigte Euch diese Dinge?“

„Nein“, sagte sie, „doch er sprach von Ugin. Er trug mir auf, ich solle die Stürme kartografieren, sie verfolgen und eine Spur hinterlassen.“

Sie deutete auf die Ritzzeichnung im Fels unter ihm.

„Er sagte mir, wenn ich ihm den Weg zum Versteck des Geisterdrachen zeigen würde ... würde er Ugin töten.“

Sarkhan schnürte es die Kehle zu.

„Wer?“, flüsterte er. „Wer sprach zu Euch?“

„Ein großer Drache“, sagte sie, die Stimme erfüllt von Bewunderung. „Der größte von allen, der mit den anderen so viel gemein hatte wie ein Khan mit einem einfachen Lasttier. Er sprach in richtigen Worten statt im Geheul der Drachen, und er thronte über mir, größer als Atarka selbst, mit Schuppen wie poliertes Gold. Über seinem Kopf schwebte zwischen seinen Hörnern ein Ei, und in meinem Fiebertraum glaubte ich, es würde aufbrechen und eine neue Welt aus ihm geboren werden.“

„Nein“, sagte Sarkhan. „Nein.“

Geschwungene Hörner. Wie die geschwungenen Linien in Yasovas Zeichen. Er hätte es sehen müssen. Doch wie hätte er das ahnen können?

Bolas.

Bolas war ihm gefolgt. Nein. Das war unmöglich. Narr! Bolas war bereits hier! Was hatte der Drache gesagt? Ich weiß, wo Ugin ruht. Ich brachte ihn selbst dorthin, vor gar nicht langer Zeit. Vor gar nicht langer Zeit. Verflucht sei er! Was waren schon ein paar Jahrhunderte für eine Kreatur wie Bolas? Oder tausend Jahre? Oder zehntausend?

Hier geschieht es! Jetzt!

Feuer durchflutete ihn. Es brannte sein weiches, rosiges Fleisch hinfort und stahl ihm die Stimme, um einen Schrei zu erzwingen, der den Schnee von den Bäumen fegte. Nun war es an Yasova, vor ihm zurückzutaumeln und kleiner zu werden.

Form des Drachens | Bild von Daarken

Sein Kiefer brannte und wurde länger, als er den Mund öffnete und sich die Lungen mit kalter Bergluft füllte – bereit, einen Strahl reinen, prächtigen Feuers auszustoßen.

Doch Yasova war kein leicht zu verschlingendes Häppchen, so sehr sie auch wie eines aussehen mochte. Ihre Katze wich vor ihm zurück und fauchte, doch sie selbst sprang auf die Füße. Ihr Stab glühte, als sie ihn zum Schlag erhob, und sein Drachengeist erinnerte sich, wie die flammende Klaue durch die Luft gefahren war und einen der Jungdrachen vor seinen Augen getötet hatte.

Ugin war in Gefahr. Bolas war hier – jetzt. Oder bald. Er konnte es sich nicht erlauben, im Kampf mit dieser kleinen Kreatur verwundet zu werden. Nicht so furchtbar kurz vor dem Ziel.

Flammen schossen ihm aus dem Maul, doch es war kein Feuersturm. Sie wich zurück, versengt, doch zweifellos am Leben.

Sarkhan Vol stieß sich mit seinen kraftvollen Beinen ab und schwang sich in die Lüfte.

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