Erinnerungen an Blut

Veröffentlicht in Magic Story on 16. September 2015

Von Ken Troop

Ken Troop is a designer and writer at Wizards of the Coast. He has written the short story "Five Brothers" for the Shadowmoor anthology and has written "Talrand, Sky Summoner" and "The Consequences of Attraction" for Uncharted Realms.

Was bisher geschah: Die Überlebenden vom Himmelsfelsen

Als Kalitas und die Ghet damit drohten, alle Vampire aus Malakir zu Untertanen der Eldrazi zu machen, schlug Drana zurück, übernahm die Herrschaft über Malakir und jagte Kalitas und seine Verräter aus der Stadt. Doch Dranas Sieg war nur von kurzer Dauer, und sie und ihr Volk wurden von den stetig wachsenden Schwärmen der Eldrazi aus der Stadt vertrieben.

Die Zahl der Flüchtenden wurde ständig größer, da Abertausende von Sterblichen keine andere Wahl hatten, als sich ihnen anzuschließen oder angesichts des Vormarschs der Eldrazi unterzugehen. Sie sind die letzte verbleibende Bastion der Zivilisation auf Guul Draz, und so durchstreifen sie den nun verwüsteten Kontinent auf der Suche nach Hoffnung oder Beistand auf einer Welt, auf der beides kaum mehr zu finden ist.


Aus einem Himmel von der Farbe toter Bäume fiel ein Schwarm Vögel. Nichts hielt sie auf, kein Pfeil oder Zauber unterbrach ihren Flug. Sie schlugen schlicht nicht mehr mit den Schwingen und starben, als ihre leblosen Körper den Dienst verweigerten. Drana hielt es durchaus für denkbar, dass sie einfach aufgegeben hatten. Vielleicht war das die vernünftigste Entscheidung.

Um sie herum ächzten gewaltige Schlitten unter der Last Tausender von Menschen auf der Flucht – Vampire wie Sterbliche gleichermaßen. Jeder der Schlitten war an Hunderte der geifernden, schnatternden Nullen gebunden, die die Gefährte vorwärtszogen, immer weiter vorwärts. Sie bewegten sich nicht länger auf ein bestimmtes Ziel zu. Nur noch fort. Fort von den Eldrazi, fort vom sicheren Untergang. Doch mit jedem Tag gab es weniger Orte, an die man noch gehen konnte. Das Fort hier auf Guul Draz wurde durch die Anwesenheit von mehr und mehr Eldrazi verdrängt.

Drana erhob sich zu einem Aufklärungsflug in die Luft, von dem sie wusste, dass er kaum Hoffnung bringen würde, doch sie unternahm ihn dennoch. Sechs riesige Schlitten, versprengte Grüppchen vampirischer Kundschafter und berittener Späher sowie die wenigen Sterblichen, die noch kampftüchtig waren. Fünfzehntausend Seelen. Höchstens. Und vielleicht gerade mal ein Fünftel von ihnen besaß im Kampf einen größerem Wert als das köstliche Blut, das in seinen Adern floss. Damals, als sie Malakir von den verräterischen Vampiren befreit hatten, die dem Ruf der Eldrazi erlegen waren – damals, als sie noch daran geglaubt hatten, diesen Krieg gewinnen zu können –, waren sie mehr als dreimal so viele gewesen und ein Großteil davon kampferprobte Vampirkrieger.

Drana stieg höher hinauf, um den riesigen Eldrazischwarm hinter ihnen in den Blick zu nehmen. Sie hätte gerne sagen wollen, dass es Tausende von ihnen waren, doch sie wollte sich nicht belügen. Es waren viel mehr als Tausende – eine Zahl, die um so vieles größer war, dass es nichts brachte, ihr einen Namen zu geben. Dort, inmitten des Schwarms, überragte der gewaltige Eldrazierzeuger die umliegenden Hügel. Der unumstrittene Herrscher seines Reiches. Der Erzeuger war zwar kaum so groß und schrecklich wie Ulamog selbst, aber dennoch war er beeindruckend und mächtig genug, um den Kontinent Guul Draz in Schutt und Asche zu legen. Seine Vielzahl an Gliedmaßen waren hoch am Himmel in ständiger Bewegung. Die Vampire hatten bei Luftangriffen viele von ihresgleichen an die umherpeitschenden Arme verloren, bis die Aussichtslosigkeit von derlei Attacken nicht mehr zu bestreiten gewesen war.

Bild von Tyler Jacobson

Der Schwarm war gewaltig und der Schwarm war unersättlich und der Schwarm war tödlich  . . .  aber wenigstens war der Schwarm langsam. Manchmal waren ihm die Schlitten viele Meilen davongefahren, sodass die Verfolger nicht länger zu sehen waren. Doch es hatte kleinere Eldrazischwärme gegeben, die von links oder rechts gekommen waren, und da sie diesen hatten aus dem Weg gehen müssen, hatten Dranas Krieger den Verfolgern erlaubt, wieder aufzuholen. Nun waren sie nur wenige Meilen hinter ihnen, und den Vampiren blieb kaum noch Platz zum Ausweichen. Bald würden sie die Küste erreicht haben, und dann wäre ihre einzige Hoffnung, umzukehren und  . . .  für heute der Vernichtung zu entgehen, gemahnte sich Drana. Das war das neue Ziel. Das einzige Ziel. Für heute der Vernichtung zu entgehen.

Mit jedem Tag wurde dies schwieriger.

Überall waren die Eldrazi, und das Land, das Drana seit Jahrtausenden vertraut war, zerfiel unter ihnen. Weder Fels noch Holz noch Leben widerstand der Verwandlung in jenen fahlen Staub, der nach jedem Angriff der Eldrazi zurückblieb. Drana dachte an den Leichnam des Landes, dem Leben und Blut ausgesaugt wurden, um den nie enden wollenden Hunger eines gnadenlosen Räubers zu stillen. Wir wurden im Schatten unserer Schöpfer erschaffen, dachte sie nicht zum ersten Mal. Nicht in ihrem Ebenbild, sondern nach ihrem Tun. Die schmerzliche Wahrheit – die unausweichliche Wahrheit – war, dass die Eldrazi bessere Vampire als die Vampire selbst waren.

Sie wandte sich um und blickte zur Küste, ihrem augenblicklichen Ziel. Dort, jenseits des schmalen Streifen Wassers, lag Tazeem. Manche der Vampire glaubten, es gäbe dort eine Zuflucht, doch weitaus mehr, unter ihnen Drana, sahen keinen Grund, weshalb es dort anders sein sollte als hier. Wenn Vampire, das mächtigste Volk auf Zendikar, die Eldrazi nicht besiegen konnten, wie sollte dies dann geringeren Wesen gelingen? Doch jeden Tag machten sich ein paar mehr Vampire in der trügerischen Hoffnung davon, dass irgendwo eine Zuflucht existierte.

Sie erspähte einen Punkt am Horizont, aus dem rasch fünf, zehn, mehr wurden. Sie kamen aus Richtung Tazeem. Mehrere Vampirkundschafter flogen davon, um einen genaueren Blick darauf zu werfen. Ein Aufseher gesellte sich an ihre Seite. Die Punkte nahmen Gestalt an. Es waren vielleicht einhundert von ihnen. „Das sind Drachenflieger. Kor.“

„Willkommen heißen oder töten?“ Kan war schon seit Jahrhunderten einer ihrer persönlichen Aufseher. Er wusste, wie sie dachte, und sie schätzte seine lakonische Effizienz. Und dennoch klang er müde. Sie war müde. Sie war bereits seit Tausenden von Jahren auf der Welt, und obwohl sie sich nur an Bruchstücke dieses Daseins erinnerte, glaubte sie, noch nie so müde gewesen zu sein. Eine neue Erfahrung. Sie lächelte zaghaft. Ich sollte dankbar sein.

„Willkommen heißen. Sie kamen, um beim Weltuntergang an unserer Seite zu sein. Wir müssen uns erkenntlich zeigen.“


Bild von Dan Scott

Der Anführer der Kor war groß und dürr, aber mit einer ordentlichen Portion sehniger Muskeln ausgestattet. Ein Krieger, so wie die anderen. Drana konnte das Blut riechen, den köstlichen Duft der Unversehrten. Sie hatte schon seit einigen Tagen nichts mehr zu sich genommen, und selbst davor war es nur das Blut der Sterbenden und Verwundeten gewesen. Diese Kor rochen unwiderstehlich. Sie lächelte breit und nahm zufrieden zur Kenntnis, dass der Kor nicht zurückwich oder gar nach seinem Schwert griff. Das Blut der Kühnen schmeckte am besten.

Sie fügte das Bedauern darüber, es nicht kosten zu können, der Liste mit all den anderen Dingen hinzu, die sie bedauerte, seit der Aufstieg der Eldrazi begonnen hatte. Die Liste war inzwischen sehr lang geworden. Der Name des Anführers war Enkindi. Er und der Rest seiner Leute waren von Gideon aus Seetor ausgesandt worden, um andere Überlebende auf Guul Draz zu finden und sie zurück zu Gideons Streitmacht zu schicken. Drana hatte erst kürzlich von ein paar verirrten Nachzüglern, die zu ihrem Zug gestoßen waren, von Gideon gehört. Den Gerüchte zufolge war Gideon ein mächtiger menschlicher Magier, doch als Drana fragte, ob er die Eldrazi auf Tazeem besiegt hatte, konnten sie nur antworten: „Nein, aber er ist noch da.“ Drana konnte nichts Besonderes an diesem Gideon finden. Das waren sie schließlich alle. Noch da. So lange, bis sie es nicht mehr waren. Doch heute ist es noch nicht so weit. Aber morgen vielleicht schon.

Und dennoch: Wenn dieser Gideon es sich erlauben konnte, einhundert kräftige Streiter auszusenden, um auf anderen Kontinenten nach Überlebenden zu suchen, dann schlug er sich besser als sie selbst. Doch das war letzten Endes nicht weiter wichtig. Dass diese Kor fliegen konnten hingegen schon eher.

Die gewaltigen Schlitten hatten angehalten. Vampirische Aufseher liefen zwischen den an ihre Zuggestänge geketteten Nullen umher und verteilten Hände voll verwesendem Fleisch aus großen Eimern. Verglichen mit dem Rest ihrer Gefolgschaft waren die Nullen noch am leichtesten zu füttern. Sterbliche kletterten zittrig von den Schlitten herunter und erhielten Nahrung in etwas besserem Zustand als das, was die Nullen fraßen. An diesem Punkt gab es kein Gerangel und Gezänke der Sterblichen um Nahrung mehr. Sie waren zu erschöpft zum Kämpfen, aber nicht zu erschöpft, um auf den Schlitten auszuharren. Jeder, der konnte, bewegte sich von ihnen weg. Sie hatten dazugelernt.

Bild von Anthony Palumbo

Als ihre Vampire sich um die Schlitten drängten, um sich ein winziges bisschen Stärkung von den Sterbenden und Verwundeten zu holen, führte Drana die Kor durch die Tausenden von Überlebenden. Es gab noch immer ein paar Sterbliche, die sowohl letzte Kraftreserven als auch Mitleid in sich trugen. Magier, Heiler, Krieger – sie wanderten von einem der zusammengekauerten Grüppchen zum nächsten, um so viel Hoffnung zu spenden, wie es ihnen nur irgendwie möglich war. Doch jeder wusste, dass es die Vampire waren, die sie am Leben erhielten. Jäger und Kundschafter waren beständig in einem weiten Umkreis unterwegs und brachten alles zurück, was auch nur entfernt an Nahrung erinnerte. Doch die Vorräte in Guul Draz schwanden. Wenn die Kundschafter nun zurückkehrten, brachten sie nur wenig mit. Oftmals kamen sie überhaupt nicht wieder.

„Ihr sterbt hier.“ Enkindis Stimme war rau und kehlig.

Es war kein Urteil, lediglich eine Feststellung. Ungeachtet dessen wurde Dranas Tonfall schneidend. „Heute sind wir noch da.“ Als sie in die schmutzigen Gesichter um sich herum blickte – Gesichter bar jeder Hoffnung oder Tatkraft –, fühlte sie sich, als würden ihre zuversichtlichen Worte Lügen gestraft.

„Ja. Heute. Und dann? Wo wird dies enden? Gideon glaubt, wir könnten uns behaupten. Wenn wir alle zusammenstehen, können wir . . .“

„Gemeinsam untergehen?“

„Siegen. Wir können siegen. Viele der euren sind noch stark. Wir wissen, wozu ihr im Kampf fähig seid. Schließt euch uns an.“

„Und was sollen wir mit denen anfangen?“ Sie deutete auf eine Reihe von Sterblichen, die sich aneinanderklammerten, den Blick zu Boden gerichtet, bis sie den Ruf hörten, wieder auf die Schlitten zu klettern. Niemand schaute auf. Die Sterblichen hatten kein Verlangen danach, die Aufmerksamkeit eines Vampirs zu erregen. Drana verstand das. Sich nur von den Sterbenden zu ernähren: Das war der letzte Kompromiss, zu dem sie ihre Leute hatte überreden können, und auch wenn die Sterblichen dies grausam fanden, so brachte es Drana keine Sympathien unter ihrer Gefolgschaft ein.

„Ich . . .“ Enkindis Stimme bebte. „Ich weiß es nicht. Aber sterben werden sie in jedem Fall, es sei denn, wir bezwingen die Eldrazi.“ Drana führte sie zu einer großen Gruppe kleiner Menschen am Rand der Schlittenburg. Es waren Hunderte, wenn nicht gar mehr. Hier und da gab es Anzeichen für Bewegungen, die nicht allein dem nackten Überleben dienten. Viele der kleinen Leute hockten nur reglos da, doch manche von ihnen rannten und spielten und riefen.

Nur hier hatte Drana einige Wachen aus ihren besten und vertrauenswürdigsten Leuten aufgestellt, die die Gruppe umringten und nach Gefahren Ausschau hielten. Die Eldrazi waren nicht die einzige Bedrohung. Obwohl die Vampire noch keine gesunden Sterblichen unter ihrer Obhut angegriffen hatten – zumindest nicht, seit gleich die ersten Übergriffe mit endgültiger Härte bestraft worden waren –, hatte Drana sich dennoch dazu entschieden, sie bewachen zu lassen.

„Kinder. „Sie sind . . .“ Zuvor hatte Enkindis Stimme nur gebebt, doch nun brach sie. Perfekt.

„Nein, keine Kinder. Krieger. Wie ihr.“ Dranas Stimme klang schläfrig, sanft und samtig, genau so, als würde sie gleich die Zähne in ein Stück Beute versenken. Wenn sie schon kein Blut haben konnte, dann würde sie sich wenigstens an der Jagd erfreuen. „Melindra, komm her.“ Sie musste ihre Stimme nicht erheben, denn sie trug weit genug.

Eines der kleineren Kinder hörte auf, umherzutollen, und kam zu ihnen herüber. Sein Haar war kurz geschnitten – wahrscheinlich mit einem Dolch, entweder durch es selbst oder eines der anderen Kinder. Es hatte dieselben hohen Wangenknochen und dieselbe bleiche Haut wie Enkindi, was das Mädchen als Kor auswies, doch dort endeten die Gemeinsamkeiten. Das Gesicht der Kleinen war schmutzig, ihre Kleidung zerlumpt und zerrissen. Drana holte ein kleines Stück Fleisch hervor und steckte es dem Kind zu, das es herunterschlang und lächelte. Melindra hatte ein schönes Lächeln.

„Seid ihr Kinder, Melindra?“ Dranas Stimme behielt die sanfte Melodie bei.

„Nein. Wir sind Kämpfer. Wir sind eine Einheit, hast du gesagt. Wir sind die Waisenbrigade. Du hast gesagt, wir dürfen uns den Namen selbst aussuchen, und das haben wir gemacht.“ Während sie sprach, zog Melindra einen Dolch aus einer selbst gebastelten Scheide aus zerfranstem Seil und Tierhaut. Doch der Dolch war geölt und scharf. „Du hast es gesagt. Wir dürfen es uns aussuchen. Wir sind die Waisenbrigade.“

„Das habe ich, Melindra, und das seid ihr. Die Waisenbrigade.“ Sie tätschelte Melindras Kopf. Sie blickte zu ihr auf und lächelte erneut.

Enkindi sah das Kind an und dann – mit Zorn und Tränen in den Augen – wieder zu Drana. „Es sind Kinder! Kinder der Kor . . .“

„Und der Menschen und des Meervolks und der Elfen. Alle Sterblichen sind sterblich. Sich fortzupflanzen scheint keinen ausreichenden Schutz gegen den Tod zu gewähren.“

„Schickt ihr sie tatsächlich in den Kampf? Wie böse seid ihr eigentlich? „Sie sind . . .“

Bild von Karl Kopinski

„Kinder, ja.“ Sie strich noch immer über Melindras grob geschnittenes Haar. „Ein Kind zu sein scheint ebenso wenig vor dem Tod zu schützen wie eine Elternschaft. Es herrscht Krieg. Meiner Erfahrung nach sind Kriege bestens dazu geeignet, Kinder zu töten. Vielleicht ist das der Sinn von Kriegen: Kinder zu töten.“

Enkindis Hand begann zu zucken und zu zittern, nur ein ganz klein wenig. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als seine Tränen versiegten. Drana musste nun sehr vorsichtig sein. Sie durfte ihn nicht zu sehr reizen.

„Nur dass wir in diesem Krieg gegen die Eldrazi alle Kinder sind, Enkindi.“

Enkindis Schultern sackten in sich zusammen, und seine Hand zuckte nicht mehr. Er blickte sie offenkundig ratlos an. Wie rettet man die Unrettbaren?

„Ich werde sie nicht den Eldrazi überlassen. Keinen von ihnen. Du bittest mich, den schmalen Ozean zu überqueren, um an der Seite dieses Gideons zu kämpfen und dort anstatt hier Eldrazi zu töten. Jene Kinder zu retten, doch nicht diese. Ich habe einen anderen Vorschlag. Ich werde euch nach Seetor begleiten, um an Gideons Seite zu kämpfen, wenn du und deine Krieger zuvor an der meinen kämpfen. Helft mir, die hungrigen Eldrazi hinter uns zu töten, die just in diesem Augenblick näher und näher kommen. Helft mir, meinen Kampf zu gewinnen, und ich helfe euch bei dem eurem.“

Sie streckte die Hand aus, wie es die Sterblichen taten, und widerstand erfolgreich dem Drang, seinen Hals zu sich heranzuziehen und hineinzubeißen, als er ihr die Hand reichte. Es war besonders zauberhaft von Melindra, den Dolch wegzustecken und die Hand auf die gleiche Weise auszustrecken, und Drana liebte das Kind noch ein wenig mehr dafür.

Drana sandte ihre Leutnants aus, um Vorbereitungen zu treffen, und arrangierte eine Unterredung mit Enkindi in der Luft. Sie hatten eine Schlacht zu planen.


Am frühen Nachmittag wagte es die Sonne, sich in mattem, fahlem Licht zu zeigen. Die Eldrazi schienen die Energie aus allem zu saugen, selbst aus dem Licht. Der Schlachtplan war schnell gefasst. Einer der wenigen Vorteile, den man hatte, wenn man gegen unzählige Widerstände und einen scheinbar geistlosen, unersättlichen Feind kämpfte, war, dass die eigenen Strategien stets sehr simpel ausfielen. Tag um Tag, Stunde um Stunde wurde ihre Streitmacht schwächer. Es war besser, jetzt gleich zuzuschlagen. Ein Raunen ging durch die Massen. Nach so vielen Tagen der Flucht und des Todes bot sich hier nun die Gelegenheit für eine Lösung. Wie auch immer alles ausgehen mochte, die morgige Wirklichkeit würde anders sein als die heutige Angst.

Drana war nicht dafür bekannt, aufmerksam in sich hineinzulauschen, doch es war schwerlich zu leugnen, dass dies sehr wohl der letzte Tag ihres Daseins sein konnte. Sie war schon seit vielen tausend Jahren auf der Welt. Doch bereits nach nur wenigen Jahrhunderten hatte sie begriffen, dass sie eine Wahl hatte. Sie konnte sich der Erinnerung an ihre Vergangenheit widmen und jeden Tag zu einer Anstrengung machen, Aberhunderte von Jahren im Gedächtnis zu bewahren, oder sie konnte  . . .  loslassen. Sie hatte sich fürs Loslassen entschieden.

Erinnerungen waren für Geschöpfe, die über so unvorstellbar lange Zeiträume existierten, nur wie ein wackliges Gebilde, das man aus kleinen Steinchen errichtet hatte. Steinchen um Steinchen um Steinchen, eines über das andere geschichtet. Sie konnte die größten Steinchen grob erkennen, doch nach so vielen Jahren waren alle ihre frühesten Erinnerungen gleichsam im Fundament dieses Gebildes vergraben. Sie wollte diese frühen Erinnerungen, da sie wusste, dass sie für diejenigen Vampire, die diesen Krieg überstehen sollten, von entscheidender Bedeutung sein würden. Heute würde sie diese Erinnerungen zurückerlangen oder untergehen. Sie hieß die Aussicht auf Klarheit willkommen, ganz unabhängig von der Gestalt, in der sie sich ihr offenbaren würde.

Ihre Gelegenheiten für diese Klarheit näherten sich von drei Seiten. Der Hauptschwarm der Eldrazi um den gewaltigen Erzeuger herum kam aus dem Osten. Die kleineren Schwärme näherten sich von Norden und Süden. Sie hatte einen Großteil ihrer Streitmacht dem großen Schwarm entgegenstellt. Diese Abteilung ihrer Armee bestand hauptsächlich aus Vampiren, die von Sterblichen unterstützt wurden, denen sie vertrauen konnte. Die Sterblichen, die zu störrisch waren, ihren Befehlen bedingungslos Folge zu leisten, trugen die Verantwortung für die Verwundeten und Gebrechlichen. Sie machte sich nicht die Mühe, Anweisungen zu geben, was zu tun wäre, sollte die Streitmacht scheitern. Das würden sie in der kurzen Zeit, die ihnen dann noch bleiben würde, schon selbst herausfinden.

Dranas beste Aufseher kümmerten sich um die wenigen verbleibenden Flieger. Sie, gemeinsam mit Enkindi und seinen zusätzlichen hundert Kämpfern, würden der Schlüssel sein. Drana behielt den Erzeuger der Eldrazi im Blick. Er war sowohl die wichtigste Herausforderung als auch die größte Gelegenheit in diesem Kampf. Sie konnten so viele andere Eldrazi töten, wie sie nur wollten, doch wenn sie keine Möglichkeit fanden, den Erzeuger zur Strecke zu bringen, war das völlig bedeutungslos. Und ohne Flieger hatten sie keine Chance, den Erzeuger zu töten.

Die Eldrazi waren nahe. Es waren Tausende, Zehntausende, mehr: In unterschiedlichsten Formen und Größen rannten, krochen und schlängelten sie sich schmatzend über den felsigen Boden hier am Rande von Guul Draz. Einige flogen sogar. Ihre missgestalteten, grotesken Leiber stellten einen Affront gegen alle Regeln dar, die in Dranas Reich galten. Ab und an lief ein Kräuseln durch die Menge, und Eldrazi wurden wie von Explosionen in die Luft geschleudert oder in den Boden hinabgesaugt. Das war Zendikar selbst, das sich der Invasoren entledigte und seinen Tumult dazu einsetzte, seinen eigenen Krieg zu führen.

Bild von Raymond Swanland

Doch die Waffen der Eldrazi waren deutlich furchteinflößender. Überall dort, wo sie etwas Lebendiges berührten, starb dieses Leben. Überall dort, wo sie Materie berührten, zerfiel diese Materie. Überall dort, wo sie die Welt berührten, bäumte sich die Welt auf. Sie sind das Ende aller Dinge. Die Eldrazi kamen über sie.

Sterbliche wie Vampire stellten sich dem ersten Ansturm mit kämpferischer Wildheit entgegen. Sie schossen, hieben und rissen sich ihren Weg durch die tumben Auswüchse eines ewigen Hungers in gallertartiger, tentakelbewehrter Gestalt. Sämtliche Furcht und Verzweiflung der letzten Wochen verwandelte sich in rohe Wut und Kraft. Wenn dies ihre letzten Augenblicke sein sollten, dann würden sie episch sein: Augenblicke, die zu erzählen und zu besingen Tausende von Jahren dauern würde.

Die Eldrazi kümmerte das nicht. Sie kamen einfach weiter.

Eine Eldrazidrohne schlug mit einem stacheligen Tentakel nach Dranas Kopf. Sie biss den Tentakel ab, packte ihn und schlug damit wie mit einer Peitsche hinter sich, um einen weiteren Eldrazi zu enthaupten. Der kopflose Eldrazi wusste nicht, dass er tot war, und zerfleischte einen Sterblichen, der einfach nur mit offenem Mund dastand. Der Mann wurde in einer einzigen, geschmeidigen Bewegung eingesaugt und ausgeweidet. Zwei andere Sterbliche flohen vor Entsetzen ein paar Schritte, bis sie von weiteren herannahenden Eldrazi getötet wurden. Drana hieb einen Eldrazi mit ihrem Schwert entzwei und wirbelte dann herum, um einem anderen einen Schlag zu versetzen. Sie knurrte dabei, ein wildes, manisches Grinsen im Gesicht. Doch kein Eldrazi fürchtete sie. So viel hing im Kampf davon ab, Angst und Schrecken unter den Feinden zu verbreiten: Hatte man den Geist erst übermannt, folgte bald darauf der Körper. Doch gegen die Eldrazi war dies sinnlos. Die einzig nutzbare Taktik war das Töten.

Die Eldrazi durchbrachen die Frontlinien und stießen tiefer zum Herzen ihrer Streitmacht vor. Weitere Eldrazi folgten ihnen, und dahinter kamen noch mehr Wellen, die allesamt vorwärts strebten. Es waren zu viele. Das Töten allein würde nicht ausreichen. Drana musste ihren anderen Weg zum Sieg einschlagen.

Bild von Todd Lockwood

Sie stieg hoch in die Luft auf, wo Enkindi und seine Leute umherglitten und fliegende Eldrazi mit ihren scharfen Haken und Schwertern in Stücke schlugen. Drana bewunderte die Effizienz und die Effektivität der Lenkdrachen der Kor. Sie hatten ganz offenkundig viel Übung darin, Eldrazi zu töten. Drana hoffte, dass sie sich als wacker genug erweisen würden.

„Kan!“, rief Drana ihrem Aufseher zu, den sie in der Nähe von Enkindis Leuten postiert hatte. „Ruf die Waisenbrigade zusammen! Schick sie in Richtung des Erzeugers!“ Kan flog wortlos hinab. Enkindi war ebenfalls nahe genug, um sie zu hören. Er wendete seinen Lenkdrachen in einem weiten Bogen, um Drana anzusehen. „Du Ungeheuer!“ Sein Gesicht war vor Wut und Unglauben verzerrt. Er hieb sein Schwert durch einen angreifenden Eldrazi, dessen schleimige Form zerteilt wurde und zu Boden tropfte, doch sein Blick blieb dabei die ganze Zeit auf Drana geheftet.

„Du schickst diese Kinder in den Tod!“ Seine Schreie wollten sie auseinanderreißen, doch keine Hand der Gerechtigkeit fuhr vom Himmel herab, um seinem Wunsch Nachdruck zu verleihen. Drana hätte eine solche Hand willkommen geheißen, solange sie auch die Eldrazi tötete.

„Wir alle werden sterben. Es ist besser zu sterben, während man zu siegen versucht. Wir müssen diesen Erzeuger töten, denn sonst haben wir keine Chance. Die Kinder dienen als wichtiger Köder, um ihn dorthin zu locken, wo ich ihn haben will.“ Sie war ruhig, friedlich. Jedes Wort, das sie sprach, war wahr. Die einfachsten Lügen waren stets die Wahrheit.

Fünfzig Schritt unter ihnen bewegte sich die Kinderschar näher zur Frontlinie, abgeschirmt von ihren vampirischen Wächtern. Sie waren bislang noch nie willentlich in die Schlacht gezogen, obwohl jedes dieser Kinder schon Kämpfe erlebt hatte, so wie es allen Überlebenden inzwischen ergangen war. Die Eldrazi scherten sich nicht, ob jemand willentlich oder unwillentlich in eine Schlacht verwickelt wurde.

Enkindis Drachen schwankte in der Luft hin und her. Die meisten seiner Leute hatten sich um ihren Anführer geschart und teilten seinen Abscheu, seinen Hass und seine Furcht. Er blickte zu dem Erzeuger der Eldrazi. Einhundert Schritt groß, Gliedmaßen, die aus Gliedmaßen wuchsen, die aus Gliedmaßen wuchsen – eine uneinnehmbare Festung in Gestalt eines einzigen, gewaltigen Eldrazi. Drana stellte sich die Gedanken vor, die durch Enkindis Kopf schossen. Sicherlich wusste er, welche Chance sie gegen solch ein Wesen hatten. Sie alle wussten es.

Hass und Verzweiflung stritten in Enkindis Gesicht, während er seine Entscheidung fällte. Sie beglückwünschte ihn zu seinem Hass. Er verdiente etwas Besseres. Seine knurrende Stimme hing in der Luft. „Möge dein Tod lang und schmerzhaft sein. Möge dein Tod weder Frieden noch Vergebung bringen.“ Er wandte sich zu seiner Gruppe um. „Zu mir! Wir müssen diesen Erzeuger zur Strecke bringen!“ Sie schwärmten aus und richteten die Spitzen ihrer Drachen nach oben zur Sonne aus, um den Kampf mit dem Eldrazierzeuger aufzunehmen.

Drana folgte ihnen in gebührendem Abstand und bereitete sich vor. Sie hatte sich nur die leiseste Hoffnung erlaubt, als sie vorhin die Segel der Drachen am Horizont gesehen hatte. Es gab eine Möglichkeit, eine Hoffnung – eine, die sie bereits vor Wochen nach dem ersten großen Kampf mit den Eldrazi in den Außenbezirken von Malakir vollkommen verloren geglaubt hatte. Ihre Vampire waren furchtlos, stark, unnachgiebig und wild im Kampf. Doch tausend Vampire konnten nie das auch nur in Erwägung ziehen, wozu hundert Kor in der Lage waren: sich zum Wohle anderer zu opfern.

Enkindi führte den Ansturm geradewegs auf den Eldrazierzeuger an. Drana verstand den Plan. Der Kopf und Hals der Kreatur – oder zumindest jene Gliedmaßen, die am ehesten an diese Körperteile erinnerten – schienen am verwundbarsten gegenüber Schnitten und Rissen. Enkindi und seine Leute waren zwar schnell, doch der Eldrazi war schneller. Ein riesiger Tentakel vom Kopf des Eldrazi schlang sich um Enkindi, während ein daraus hervorwuchernder kleinerer Tentakel sich ihm um die Stirn legte und zudrückte. Enkindis enthaupteter Leichnam hing noch immer an seinem Lenkdrachen, während er nutzlos zu Boden taumelte. Die Kor wurden von den zahlreichen umherwirbelnden Gliedmaßen des Erzeugers vom Himmel geschlagen und dahingemetzelt.

Bild von Karl Kopinski

Drana griff sich einen der herabstürzenden Kor, ehe er auf seinem tödlichen Ziel aufschlug. Er war noch am Leben, wenngleich auch bewusstlos und dem Tode nahe. Sie biss ihm tief in den Hals. Er riss die Augen auf und schloss sie sofort wieder. Der Geschmack war einer der erlesensten, den sie je gekostet hatte. Nur passend für ihre Henkersmahlzeit. Sie sog ihn vollkommen leer, bevor sie seine ausgedörrte Haut sanft zu Boden sinken ließ. Für das, was nun kommen sollte, brauchte sie sämtliche Kraft, derer sie habhaft werden konnte. Sie sammelte ihre letzten Kraftreserven und sprach einen Zauber, während sie immer schneller auf den Eldrazi zusteuerte. Nur noch wenige Kor flogen frei am Himmel umher. Der Rest war tot oder wurde von Tentakeln festgehalten. Der gewaltige Eldrazi bewegte sich trotz der Ablenkung durch die vielen Kor noch immer überraschend schnell. Doch dieses Mal war Drana schneller.

Sie flog geradewegs auf die Körpermitte der Kreatur zu und stieß durch Gallert, Fleisch und Muskeln mitten in ihr Herz vor. Dranas Welt explodierte.


Ihr Zauber ließ sie mehr sehen: Energie und Muster, die sonst verborgen waren, selbst vor jemandem wie ihr. Die Energie war seltsam, fremdartig, mit einem kränklichen Stich ins Rotbläuliche, doch sie war überall. Ich bin der Jäger. Ich bin der Räuber. Alles ist Beute. Alles ist mein. Sie war so durstig gewesen. Sie presste den Mund auf das pochende, violette Herz des Ungeheuers. Und sie trank. Sie trank viel. Ihr Blick wurde klar.

Am Anfang – ganz am Anfang – war der Hunger. Das war alles, was existierte. Der Hunger. Das Wollen. Das Brauchen. Unser Ziel war es, zu verzehren. Wir brauchten Beine und Augen, um Beute zu finden. Arme und Zähne, um Beute zu greifen. Zielgerichtete Gedanken und Kraft, um Beute zu überwältigen. Wir verzehrten, und wir nutzten die Kraft, die wir erhielten, um noch mehr zu verzehren.

Die Aufgabe war klar. Nicht in Worten. Die Worte folgten erst später, als schlechte Übertragung aus einer Wahrheit heraus in ein Gehirn und von dort erst in Worte, jene unvollkommenen Boten des Verlangens. Sie spürte es bis in Mark. Du wirst verzehren. Du wirst alles reinigen. Die Überreste des Zerbrochenen müssen verzehrt und gesäubert werden.

Sie wusste nicht, was mit dem Zerbrochenen gemeint war. Was die Eldrazi als heil verstanden, um einen Vergleich zu haben und etwas als zerbrochen erkennen zu können. Vielleicht war für diese Monstrositäten alles, was echt war – alles, was die Welt war – zerbrochen.

Sie trank mehr, immer mehr. Die Kraft des gewaltigen Eldrazi floss in sie hinein, durchdrang jede ausgehungerte Pore ihres zum Zerreißen gespannten Fleisches. Der Eldrazierzeuger hatte dort, wo sie sich in ihn hineingewühlt hatte, ein großes Loch in der Brust, doch er stand noch immer aufrecht, tötete und marschierte auf ihre Leute zu. Sie brauchte mehr.

Es brauchte Jahre, um ein Bewusstsein und ein Gefühl des eigenen Ichs zu entwickeln, das sich vom Hunger unterschied. Vielleicht sogar Hunderte von Jahren, doch woher sollte ich das wissen? Die Erkenntnis, ein Bewusstsein zu besitzen, kam in Wellen, als kurzes Aufblitzen von Erkenntnissen, die mich von meinem Hunger und meinem Meister trennten. Ich war nicht mehr nur ein Auswuchs jener alles verzehrenden Macht namens Ulamog. Ich war ich. Drana.

Doch vor der Trennung hatte es ein  . . .  Unbehagen gegeben. Ein Unbehagen, das nur deshalb ein Teil von ihr war, weil es sie gar nicht mehr gab, sondern nur noch die Totalität Ulamogs in all seinen vielen Gestalten. Ein Unbehagen, das sie erst später – in jenen dämmernden Augenblicken zwischen dem Eldrazi-Sein und dem Drana-Sein, ehe sie es wieder vollkommen vergaß – als einen Blick auf eine Facette eines Traums erkannte.

Sie sollten nicht hier sein. Sie sollten fort sein. Irgendwie gab es ein Fort von Zendikar. Es gab viele Forts von Zendikar, und die Eldrazi wussten – insofern sie dazu in der Lage waren, etwas zu wissen –, dass sie dort sein sollten und nicht hier.

Doch sie waren hier, und ihre Aufgabe war es, alles zu verzehren, und genau das taten sie.

Einen Wimpernschlag lang erinnerte sie sich an jene Augenblicke des Dämmerns, an jenes verwirrende Zerrbild eines erwachenden Selbst und daran, wie klar und drängend ihre Aufgabe damals gewesen war – damals, vor Tausenden von Jahren. Die Schwere dieser Aufgabe spülte über sie hinweg wie eine gewaltige Woge, die über sie hereinbrach und sie gänzlich umhüllte.

Du wirst verzehren. Du wirst alles reinigen.

Sie erinnerte sich nicht mehr. Sie verwandelte sich. Die fremdartige violette Energie, die sie dem Eldrazi aussaugte, pulsierte in ihren Adern und war nicht länger ihrem Willen unterworfen. Sie verschlang ihn nicht. Er verschlang sie.

Bild von Clint Cearley

Du wirst verzehren. Du wirst alles reinigen.

Tentakeln schossen ihr aus Hals und Schultern, lebende Materie, die augenblicklich in Gestalt ihrer Herren und ihrer Schöpfer Form gewann. Wir wurden im Schatten unserer Schöpfer erschaffen.

Du wirst verzehren. Du wirst alles reinigen.

Jenes absonderliche Wesen, das im Herzen des Eldrazi geborgen war – eine missgestaltete Form am Rande einer allumfassenden Verwandlung –, stieß einen Schrei aus. Es war ein Schrei bar von Frieden und Vergebung. Es war ein Schrei, der vom Ende einer Welt kündete.

Irgendwo im Schatten eines Gedanken kürzer als ein Herzschlag klammerte sich das Wesen, das sich einst Drana genannt hatte, an eines der Steinchen ihrer Erinnerungen. Ich diene niemandem, sagte das Steinchen.

Das Steinchen leuchtete schwarz, ein stolzes Leuchten, ein Leuchten voller Anziehung, das weitere Steinchen herbeirief.

Du wirst verzehren. Du wirst alles reinigen.

Die Steinchen wurden von einem Energieschlag getroffen und stoben auseinander.

Ich diene niemandem. Die Steinchen ordneten sich neu an und nahmen Gestalt an. Und diese Gestalt erhob sich aus der Schlacht zwischen dem violetten Licht und dem schwarzen Licht. Die Stimme hallte in allem wider.

Ich diene niemandem.

Du wirst verz–

Ich diene niemandem! Ich werde frei sein! Drana formte sich im Inneren des Bauchs des Eldrazi neu.

Sie trank alles, jeden winzigen Schluck der Energie des Eldrazi um sich herum. Sie merzte sie aus, verzehrte sie, badete darin. Das leere Fleisch um sie herum zerplatzte und ließ nichts weiter übrig als Drana, die frei in der Luft schwebte und das Blutbad unter ihr betrachtete. Ihre Streitmacht wurde aufgerieben, und trotz des Verlusts des Erzeugers schien der Sieg der Eldrazi unvermeidlich.

So fühlt es sich an, ein Gott zu sein. Energie durchströmte jede Faser ihres Seins. Sie könnte ganze Armeen vernichten, die Sonne selbst auslöschen. Mit dieser Macht könnte ich alles tun. Ihr Blick war um ein Zehnfaches schärfer als gewöhnlich. Sie konnte jedes Gesicht, jede Einzelheit unter sich ausmachen. Sie sah die Waisenbrigade, den äußeren Ring der Kinder, der von Eldrazi angegriffen wurde, und schaute zu, wie einige von ihnen kämpften und einige von ihnen flohen und einige von ihnen starben.

Sie sollte sie alle zurücklassen. Sie konnten ihr nicht helfen. Sie konnte geradewegs zu Ulamog gehen, ihn herausfordern, ihn vernichten. Oder sie konnte dieses Fort von Zendikar finden. Warum sich mit der Herrschaft über eine Welt begnügen, wenn es unzählige zu beherrschen gab? Die Energie in ihr bäumte sich auf und wand sich wie ein wildes Tier. Adern platzten auf, barsten vor einer Kraft, die zu stark war, um von einer körperlichen Hülle im Zaum gehalten zu werden.

Ihr Volk wurde vernichtet. Sollte sie es retten? Was waren schon diese Sterblichen oder gar ihre Vampire, wenn Welten und Götter auf sie warteten?

Ich gehöre zu niemandem.

Sie sah Melindra auf eine Ausgeburt der Eldrazi zurennen und ihr schreiend den Dolch in den Kopf stoßen. Die Ausgeburt bäumte sich auf und schüttelte sich, konnte jedoch noch mit einem Tentakel ausholen. Drana sah, dass der Hieb dazu gedacht war, der Angreiferin den Kopf von den Schultern zu trennen.

Ich gehöre zu niemandem. Melindra bemerkte die Reaktion der Ausgeburt nicht, bemerkte nicht jenen Tentakel, der auf sie zuraste, um ihr Leben zu beenden.

Ich gehöre zu niemandem  . . .  doch sie gehören zu mir.

Drana schrie auf, als sie die in ihrem Körper aufgestaute Energie entfesselte und zu einer leuchtenden violetten Sonne am Himmel wurde. Strahlen violetten Lichts berührten ihr Volk – die Vampire ebenso wie die Sterblichen –, heilten seine Wunden, machten es stärker, schneller, unverwundbar.

Bild von Mike Bierek

Der Tentakel des Eldrazi traf Melindra an der Schulter und zersprang. Melindra lachte, als sie dem Eldrazi den Kopf vom Leib riss. Sie rannte los, um den nächsten Eldrazi zu töten. Innerhalb eines Wimpernschlags veränderte sich der Kampf. Das, was von Dranas Streitmacht noch übrig war, begann, die Eldrazi auszuradieren.

Die Energie strömte noch immer aus Drana heraus. Sie hatte bereits mehr als die Hälfte verbraucht, und dennoch war niemand auf dieser Welt ihr ebenbürtig. Doch ihr Volk brauchte mehr, und sie gab es ihm. Wunden schlossen sich, Krankheiten verschwanden, Stärke wurde zurückgewonnen.

Die Energie schwand dahin, Ströme wurden zu Rinnsalen, und jeder neue Impuls, der nun von ihr ausging, war schwächer als der vorangegangene. Und jeder neue Impuls brachte sie dem Boden näher, da sie unfreiwillig den Geboten der Erschöpfung folgen musste, die stärker waren als ihr Flugvermögen. Kein Eldrazi war mehr zu sehen – sie alle waren von ihrer gestärkten Streitmacht vernichtet worden. Die ausgedörrten, fahlen Muster am Boden kamen näher. Sie sind wunderschön. Sie sind entsetzlich. Und dann traf sie auf dem Boden auf und fand Vergessen.

Bild von Jonas De Ro


„Wir können Guul Draz zurückerobern.“ In den Jahrhunderten, die sie ihn kannte, hatte Kan nie aufgeregt geklungen, doch nun tat er es. Aufregung war das, was sich unter den verbleibenden zweitausend Überlebenden breitgemacht hatte. Sie waren gesund und erfrischt, eine Kombination aus Dranas Magie und dem ersten Geschmack des Triumphs nach so vielen Wochen. Drana wollte ihre Euphorie nicht dämpfen, doch sie wusste, dass die Mittel, die diesen Sieg ermöglicht hatten, einzigartig gewesen waren. Sie würde es weder in nächster Zeit noch sonst jemals wieder wagen, auf dieselbe Weise gegen einen Eldrazi vorzugehen. Dieses Mal war es ihr gelungen, ihr Wesen – ihr innerstes Selbst – zu bewahren. Beim nächsten Mal konnte das Ergebnis völlig anders aussehen.

„Ist noch einer der Gesandten am Leben?“ Kan schüttelte den Kopf. Enkindi und der Rest der Abgesandten hatten ihren Zweck erfüllt. Sie weder das Verlangen, ihr Opfer zu ehren, noch verspürte sie Schuld ob ihrer Hinterlist. So ging man mit Beute um. Und dennoch . . .

„Bereitet euch darauf vor, nach Tazeem überzusetzen. Wir gehen nach Seetor.“ Kan hob eine Augenbraue, ehe er sich umdrehte und Befehle brüllte. Eine Reihe der anderen Aufseher tat es ihm gleich. Es gab keinen Widerspruch. Jegliches Verlangen, Guul Draz zurückzuerobern, wurde von ihrem unbedingten Gehorsam gegenüber Drana erstickt. Sie hatte sie in der Stunde ihrer schlimmsten Not gerettet.

Drana wandelte unter ihrem Volk und alle – Vampire und Sterbliche – verneigten sich vor ihr, als sie an ihnen vorüberging. Doch danach nahmen sie die Köpfe wieder hoch, um ihren Blick zu erhaschen. Ihre Dankbarkeit und ihre Freude waren offensichtlich. Sie erwiderte die Blicke und ging weiter, bis sie gefunden hatte, wonach sie suchte.

Melindra befand sich unter den anderen überlebenden Kindern der Brigade und schärfte ihren Dolch an einem Wetzstein. Das noch immer in Lumpen gekleidete Kind sah nicht mehr wie das halb verhungerte und verwahrloste Geschöpf aus, das es zuvor gewesen war. Es wirkte stark und in bester Verfassung, wie eine wahre Kriegerin.

Melindra blickte auf. Ihr Gesicht war frei von Furcht. Was auch immer sie in Dranas Gesicht erblickte, brachte sie zum Lächeln. Sie wandte sich wieder ihrem Wetzstein und dem Dolch zu.

Drana hatte die Entscheidung getroffen, noch bevor sie im Nachgang der Schlacht das Bewusstsein verloren hatte. Sie hatte den Erzeuger der Eldrazi aufgesucht und seine Energie darauf verwendet, ihre eigenen uralten Erinnerungen wieder lebendig werden zu lassen. Und sie hatte gefunden, wonach sie gesucht hatte. Die Eldrazi waren nicht von hier. Wahrscheinlich wollten sie nicht einmal hier sein, was auch immer wollen für sie genau bedeutete. Doch viel wichtiger noch: Es gab ein Dort, zu dem sie zurückkehren konnten.

Sie dachte darüber nach, was sie in Seetor wohl vorfinden würde. Sie freute sich darauf, diesem sonderbaren, magischen Krieger namens Gideon zu begegnen, einem seltsamen Mann in seltsamer Kleidung, von dem niemand auf Zendikar bis jetzt jemals etwas gehört hatte. Vielleicht kam er auch von diesem Dort.

Sie hatten einen Ort, an den sie gehen konnten. Wir können sie dort hinschicken. Oder wir können selbst dort hingehen.

Drana strich über den Kopf des Kindes und lächelte.

Bild von James Paick


Kampf um Zendikar-Storyarchiv

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