Die Wallfahrt der Gläubigen

Veröffentlicht in Magic Story on 2. September 2015

Von Doug Beyer

Senior creative designer on Magic's creative team and lover of writing and worldbuilding. Doug blogs about Magic flavor and story at http://dougbeyermtg.tumblr.com/

Was bisher geschah: Nissa Revane – Stumme Schreie

Gideon Jura brachte Jace Beleren nach Zendikar in der Hoffnung, der Gedankenmagier könnte das entschlüsseln, was die Gelehrten aus Seetor das „Rätsel der Leylinien“ nannten: das Geheimnis des Netzwerks aus steinernen Polyedern, die am Himmel Zendikars schweben. Die Polyeder sind eng mit den Eldrazi verbunden und dienen in diesem Zusammenhang als Köder und Fesseln und – wie die Gelehrten hoffen – auch als Waffen.

Doch da Seetor nun gefallen ist und die Aufzeichnungen der Gelehrten verloren sind, gibt es wohl nur einen einzigen Ort auf Zendikar, an dem Jace das finden kann, was er zur Lösung des Rätsels braucht  . . .  und nur einen, der gewillt ist, ihn dort hinzuführen.


Jace presste die Stirn gegen einen Polyeder und strich mit der Hand über dessen Runen. Das Gebilde ragte schief aus dem Gras hervor und war größtenteils von Erde bedeckt wie ein buckliger Eisberg aus Stein. Überall auf den felsigen Ebenen von hier bis zum Lager und von dort aus bis nach Seetor lagen die Kadaver getöteter Eldrazi wie gestrandete Quallen verstreut, die das Meer an Land gespült hatte.

Er spürte, dass sich jemand hinter ihm aus Richtung des Lagers näherte. „Jori En, nicht wahr?“ Er wandte sich zu ihr um.

„Und du bist Jace“, sagte die hochgewachsene Meerfrau, die passend für die Wildnis gekleidet war. Sie bewegte sich mit der Selbstsicherheit einer Wanderin, die ihr ganzes Leben lang Zendikar bereist hatte, doch sie hatte den angespannten, wachsamen Blick einer Person, die erst vor sehr kurzer Zeit zur Zeugin eines großen Unglücks geworden war. „Ich bin hier, um dir zu erzählen, was ich weiß.“

„Gut.“ Jace stieß mit dem Fuß einen toten Eldrazi an. Dessen fleischiges Gewebe nahm sofort schillernde Farben zwischen einem strahlenden Weißrot und dem tiefen Grün des Meeres an. Er blickte zu Jori En auf. „Die Menschen hier haben sie als Götter verehrt, nicht wahr?“

„Einige tun das noch immer. Ich kann es ihnen nicht verdenken.“

„Wir müssen dieses Übel an seiner Wurzel packen.“

Jori nickte. „Das ist es, was die Forscher in Seetor zu tun versuchten. Sie auszulöschen.“

„Mit dem Polyedernetzwerk.“

„Ja.“

„Und konntet ihr die Polyeder erfolgreich einsetzen?“

„Ich habe nur Teile ihrer Forschungen gesehen. Doch ich erzähle dir alles, woran ich mich erinnern kann.“

Jace richtete den Blick auf eine Stelle genau zwischen Joris Augen. „Ich habe eine bessere Idee, sofern du dafür aufgeschlossen bist.“


Jaces Bewusstsein durchstreifte Joris Geist, schwamm durch Bilder von Goblins, die kleine Polyeder an Stöcken befestigten, von Korkriegern, die ihre Gesichter mit Runen in Form der Polyeder bemalten, und von Forschern des Meervolks aus Seetor, die ihre Magie auf die Polyeder wirkten. Eine Erinnerung interessierte ihn ganz besonders: eine Gruppe von Zendikari, die von einer Menschenfrau angeführt wurde und die Magie der Polyeder dazu einsetzte, die Bewegungen der Eldrazikreaturen zu lenken. Das Rätsel der Leylinien. Diese Frau – Kendrin – hatte kurz vor einer entscheidenden Erkenntnis darüber gestanden, wie sich die Magie der Polyeder als Waffe gegen die Eldrazi nutzen ließ.

Unglücklicherweise sah Jace auch Joris Erinnerung daran, wie sie die Hand auf Kendrins Stirn gelegt hatte, als die Tote zu feinen Flocken fahlen Staubs zerfiel. Sie war im Massaker der Eldrazi umgekommen, ehe sie ihr Wissen hatte weitergeben können.

Bild von Cynthia Sheppard

Jace öffnete die Augen und holte bei seiner Rückkehr aus Joris Geist tief Luft, als würde er nach einem langen Tauchgang die Oberfläche eines Ozeans durchbrechen.

Jori hockte über ihm auf dem Polyeder und blickte zu ihm herunter. „Das war faszinierend“, sagte sie und grinste mit einem leichten Zucken ihres geschuppten Kiefers. „Ich konnte die zweite Präsenz in meinem Geist beinahe spüren.“

„Manchmal fühle ich, wenn jemand wahrnimmt, wie ich ihn gerade wahrnehme. Es ist, als würde ich einen kurzen Blick auf mein eigenes Spiegelbild erhaschen. Zumindest so ähnlich.“

„Du kennst nun also all meine dunklen Geheimnisse?“

„Ich weiß, dass Kendrin kurz vor einer Entdeckung stand.“ Doch Jace wusste auch, dass er das Rätsel, weswegen er hierhergebracht worden war, noch nicht würde lösen können. Er brauchte mehr – und er wusste, wohin er dafür gehen musste.

Bevor er das erklären konnte, erklangen hinter ihnen knirschende Schritte. „Hallo, Gideon“, sagte Jace.

Jace und Jori wandten sich um, um Gideon herannahen zu sehen. Sonnenstrahlen spiegelten sich in der Rüstung des Kriegers wie flüssiges Licht. „Bitte sag mir, dass dir ein entscheidender Durchbruch gelungen ist“, sagte Gideon unwirsch.

„Wir stehen kurz davor“, sagte Jace. „Wir müssen zum Auge gehen.“

Joris spreizte überrascht den Flossenkranz, der ihr Gesicht umspannte. „Das Auge von Ugin? Du willst bis nach Akoum gehen?“

„Es bildet das Zentrum des Polyedernetzerks. Dort werden wir unsere Antwort finden.“

„Nein“, sagte Gideon. „Auf keinen Fall. Wir haben gerade erst dieses Lager hier aufgeschlagen. Wir haben Verwundete. Wir können die Gruppe nicht aufteilen.“

„Das haben wir doch bereits“, sagte Jace. „Nissa hat uns heute Nacht verlassen.“

Gideon war bestürzt. „Was? Warum?“

„Ich habe nicht mit ihr gesprochen. Ich fing nur ihre oberflächlichen Gedanken ein, als sie fortging. Nach dem, was ich aus ihnen entnehmen konnte, hat sie eine Aufgabe, die ihr wichtig ist.“

„Wichtiger, als das Geheimnis der Polyeder zu entschlüsseln?“, fragte Jori bissig. „Wir sollten uns hier doch wohl dringend auf die Fragen konzentrieren, die über Leben und Tod entscheiden.“

„Das sehe ich ähnlich“, sagte Jace. „Komm mit uns, Gideon.“

Ich konzentriere mich hier auf die Fragen, die über Leben und Tod entscheiden“, sagte Gideon eisig. „An diesem Ort hier geht es um Leben und Tod. In jedem einzelnen Augenblick. Ich ... Wir können uns keinen weiteren toten Flüchtling mehr leisten. Ich gehe hier nicht fort, um dich auf einer Reise quer durch diese Lande zu beschützen.“ Gideon nickte in Richtung der Meerfrau. „Du hast Joris Erkenntnisse. Könnt ihr das Rätsel nicht hier lösen? Gemeinsam?“

Bild von Eric Deschamps

„Ich weiß nur, was sie erreicht haben. Nicht, warum es geklappt hat“, sagte Jace. „Schau mal. Du übersiehst hier das große Ganze. Deswegen bin ich doch überhaupt hierhergekommen. Dann lass es mich also auch tun.“

„Wenn du das Lager verlässt, werden diese Leute sterben. Und du auch.“

Jace breitete die Arme aus und umfasste den gesamten Horizont. „Wenn ich nicht zum Auge gelange, dann wird jeder auf dieser Welt sterben.“


„Hast du jemals Dinge ... verändert?“, fragte Jori, die Zügel in der Hand. „Während du auf dieser Welt warst?“

Jace saß neben ihr auf einem kleinen Karren, der von einer einzelnen Hurda gezogen wurde. Das war das Beste, was die Überlebenden von Seetor entbehren konnten. Sie zogen vom Lager aus los – ohne Gideon.

Jace hielt inne. „Manchmal wird so etwas nötig.“

„Du hättest zum Beispiel meine Erinnerung an sie auslöschen können. An Kendrin. An ihren Tod.“

Jace dachte an Joris Hand, wie sie die Stirn der toten Frau berührte. Es fühlte sich wie seine eigene Hand und seine eigene Erinnerung an. Er spürte Kendrins Haut und wie sie schon viel zu kalt und zu brüchig und zu trocken war, als dass man sie noch hätte berühren wollen. „Das wolltest du nicht.“

„Aber du hättest es tun können.“

„Ja.“

„Woher weiß ich, dass du nichts anderes verändert hast?“, fragte Jori. Dann fügte sie hinzu: „Es gibt nichts, was du sagen könntest, um es zu beweisen, oder?“

„Ich habe schon oft zu hören bekommen, es sei nicht leicht, mit mir befreundet zu sein.“

„Hattest du darüber nachgedacht – du weißt schon –, seine Meinung zu ändern?“, fragte Jori. „Du hättest ihn dazu bringen können, an diese Aufgabe zu glauben, nicht wahr?“

Er hatte darüber nachgedacht, ja. Ein rascher Zauber, und er hätte Gideon davon „überzeugen“ können, sie zu begleiten. „Ich durchdenke jede Möglichkeit“, sagte Jace.

„Ich weiß nicht, ob ich so viel Selbstbeherrschung aufbringen könnte wie du“, sagte Jori. „Anscheinend gibt es immer Möglichkeiten, die er nie auch nur in Betracht ziehen würde.“

Gedankenformung | Bild von Michael C. Hayes

„Er ist schwer umzustimmen – auf mehr als nur eine Weise. Das unterscheidet uns beide, nehme ich an.“

„Und doch hast du beschlossen, dich nicht in seine Gedanken einzumischen. Vielleicht seid ihr euch ähnlicher, als du meinst.“

Jace blickte über das Lasttier, das den Karren zog, zum Horizont. „Wären wir uns ähnlich, dann würde er die Bedeutung des Auges erkennen. Er hätte all seine Ressourcen zur Verfügung gestellt, um dafür Sorge zu tragen, dass wir die Polyeder verstehen. Er wäre hier bei uns.“

Jori ließ die Zügel schnalzen, während die Landschaft an ihnen vorüberzog. „Hast du dich je gefragt, was Ihr alles erreichen könntet, wenn es mehr von Eurer Sorte hier gäbe?“

Jace schüttelte den Gedanken an Gideon ab und gestattete sich ein Kichern. Er wirkte einen raschen Illusionszauber und drei weitere Jaces erschienen. Die Doppelgänger, die in ihren blauen Mänteln alle genau gleich aussahen, ließen sich in abstrusen Positionen auf dem Rücken der Hurda nieder. „Das fragen wir uns regelmäßig“, sagten sie gemeinsam, ehe sie wieder verschwanden.

Jori schenkte ihm ein skeptisches Lächeln und schüttelte den Kopf.


Tage vergingen, bis sie einem Eldrazi begegneten. Von Polyedern übersäte Wiesen ratterten an ihnen vorbei, während schroffe, steinerne Inseln am Himmel ihnen Schatten spendeten. Sie sprachen nur wenig, und Jace mühte sich darum, jene Teile des Rätsels zusammenzufügen, die er bereits kannte. Er versuchte, einen Grund zur Umkehr zu finden, einen Grund, warum ihr Wissen über die Polyeder bereits auch so schon ausreichte. Er war mit Seetor vermutlich sogar hinlänglich vertraut, dass er sicher dorthin hätte zurückreisen können, indem er einen Weg über eine andere Welt einschlug. Doch dann wäre Jori hier draußen gestrandet.

Als der Schwarm Eldrazi die Hügelkuppe erklomm und auf die beiden Reisenden zuhuschte, stand die Sonne hinter den Kreaturen. Das helle Licht wurde von ihren verwinkelten Gliedmaßen gebrochen und umflorte ihre scharfkantigen, leeren Gesichter.

Bild von Todd Lockwood

„Fahr schneller!“, sagte Jace.

Jori sah sie, doch es gab keinen Ort, um sich zu verstecken. „Wohin?“

„Egal wohin!“

Jori zerrte die Zügel schräg zu sich heran – zu schnell, zu heftig. Die Hurda protestierte schnaubend, warf ihr volles Gewicht in die genau entgegengesetzte Richtung und riss Jori die Zügel aus der Hand. Jace und Jori klammerten sich fest, als der Karren ausbrach und ins Kippen geriet. Irgendetwas knackte unten an den Rädern. Der Karren richtete sich wieder auf, wurde nun jedoch vom Willen der Hurda gelenkt.

„Neuer Plan!“, sagte Jace. „Halt an!“

„Bring du sie doch zum Anhalten!“

Bevor Jace erklären konnte, weshalb es töricht gewesen wäre, einen Versuch zu unternehmen, die Gedanken des Tieres zu beeinflussen, hämmerte die Hurda mit ihren Pranken auf den Boden. Sie verlagerte erneut ihr Gewicht, sodass sie nun geradewegs in Richtung der Horde näherkommender Eldrazi blickte.

Das ließ sie ruckartig anhalten. Jace und Jori wurden auf dem plötzlich bremsenden Karren durcheinandergewirbelt.

Als das Tier den herannahenden Schwarm sah, begann die Hurda, langsam rückwärts zu gehen. Sie stemmte sich gegen ihr Zaumzeug und drückte gegen den Karren. Dieser drohte erneut zu kippen, und irgendetwas Hölzernes an ihm zerbrach –

Eine Kor huschte an dem Karren vorbei. Sie schien wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein und hielt scharfe, geschwungene Greifhaken in den Händen. Sie sprang über das Zaumzeug auf den Rücken der Hurda und von dort zwischen das Lasttier und die herbeieilenden Eldrazi. Jace konnte erkennen, dass ihre Haut über und über mit Symbolen aus schwarzem Fett bedeckt war, die den Runen auf den Polyedern ähnelten.

Jori war misstrauisch. „Wo zum Teufel kommt die denn her?“

Die Kor sah zu Jace und Jori, und ohne den Blick abzuwenden, stieß sie einen der scharfen Haken in den Rücken der Hurda. Brüllend fiel das Tier zu Boden. Sie stand nur da und sah sie an, während Blut von ihrem Haken tropfte.

Jace blickte zu Jori und sah auf ihrem Gesicht, was er selbst gerade verspürte: höchste Beunruhigung.

„Kommt mit mir“, sagte die Frau barsch. „Schnell! Sie werden zuerst das Tier fressen.“

Und damit eilte sie an an ihnen vorbei auf einen flachen Hügel zu.

Jace und Jori sprangen von dem Karren herunter und rannten ihr nach. Jori griff sich eine Hellebarde und Jace ... nichts, wie immer. Die Kor verschwand hinter der Hügelkuppe und sie folgten ihr zum Rand einer engen Kluft.

Die Kor hatte bereits ihre Seile festgezurrt und ließ sich in die Erdspalte hinunter. „Hier runter! Schnell!“

Bild von Eric Deschamps

Jace blickte zurück. Ganz offenkundig wurde die Hurda von den Eldrazi bereits in Fetzen gerissen.

„Ich gehe mit ihr“, sagte Jori En. Sie schlang sich die Hellebarde an einem Riemen über die Schulter und ließ sich an den Seilen in den Abgrund hinunter.

Jace hatte bei der Sache acht oder neun eindeutig sehr schlechte Gefühle. Er griff nach einem der Seile und machte sich an den Abstieg. Ihn befiel der seltsame Gedanke, was wäre, wenn er Illusionen seiner selbst erschuf, die neben ihm in die Kluft hinunterkletterten. Er stellte sich vor, wie sie den Halt verloren und fielen, und aus irgendeinem Grund war diese Vorstellung sonderbar tröstlich. Besser sie als er.

Die Kor half ihm, vom Seil auf den Boden zu gelangen, während Jori sich den Staub von der Gewandung klopfte. „Ich bin Ayli“, sagte die Kor. „Wir müssen euch in das Heiligtum bringen. Schnell! Sputet euch bitte!“

Jace und Jori En wechselten einen weiteren Blick, der nichts anderem als einem resignierten Schulterzucken entsprach. Ayli huschte durch die enge Kluft davon, und sie folgten ihr. Sie quetschten sich durch schmale Stellen, wo die Wände teils die glatten Oberflächen großer Polyeder, teils nur nackter Fels waren. Sie versuchten, sich zu beeilen, was zunehmend schwieriger wurde, je tiefer sie in die Schatten hinabstiegen. Jace bemühte sich, dicht hinter Jori zu bleiben, während seine Gedanken um etwaige Rückzugsmöglichkeiten kreisten, als sie sich weiter und weiter von ihrem Karren entfernten.

Die Kluft weitete sich, und über ihnen wurde der Himmel sichtbar.

Jaces Blick glitt von Jori, die wie vom Donner gerührt angehalten hatte, über die Kor Ayli, die ganz ruhig und mit gefalteten Händen dastand, und über die breite Schneise, die in das Land vor ihnen gehauen worden und von feinem, weißen Staub bedeckt war, bis hinauf zu einem hoch aufragenden Schrecken: Der Titan ruhte auf einem wahren Meer sehniger Tentakel, eine Gottheit mit einem augenlosen Knochenschädel und gewaltigen, gegabelten Gliedmaßen.

Ulamog.

Bild von Michael Komarck

Jede Bewegung fiel Jace unfassbar schwer. Die Luft selbst fühlte sich verkehrt an. Er spürte, wie ihn irgendetwas nach vorn zog, als hätte sich die Schwerkraft vom Boden wegverlagert und würde nun auf dieses Ding zustreben. Er fühlte sich wie ein winziger Krebs, der zum Maul eines Wals und damit unweigerlich zu seinen alles verschlingenden Barten gesogen wurde.

„Willkommen im Heiligtum, ihr Opfergaben“, sagte Ayli und hob die Arme. „In der Gegenwart des Gottes Mangeni, dessen zweiter Name Ula lautet und dessen Stimme das Lied des Verzehrens singt, sollt ihr zum letzten Mal einer Heiligkeit ansichtig werden.“

Jace wandte sich zum Rückzug, doch er und Jori waren eingekreist. Ein Dutzend weiterer Priester stand zwischen ihnen und dem Ausgang der Kluft. Sie waren alle gleich gekleidet und mit denselben Symbolen aus Fett bemalt wie Ayli. Und sie waren allesamt bewaffnet. Zwei von ihnen trugen lange, schwere Eisenketten.

„Wir sind die Ewigen Pilger“, intonierte Ayli. „Wir sollen für immer wandeln!“

„WIR SOLLEN FÜR IMMER WANDELN!“, fielen die anderen Priester ein.

„Wir reichen diese Weltengaben in Ulas Namen dar!“

„IN ULAS NAMEN!“

Ulamog streckte die massigen Tentakel aus, griff nach einem Flecken Erde und begann sich dann auf entsetzliche Weise daran vorwärtszuziehen. Das Geräusch seiner Bewegung traf Jace bis ins Mark – es war der Klang lebendiger Erde, der man sämtliche Essenz aussaugte, der Laut gierigen, wilden Manas, das für immer zum Schweigen gebracht wurde, die Klage fruchtbaren Bodens, der sich in ausgetrocknetes Gebein verwandelte.

Der Eindruck währte nur einen Augenblick, doch Jace sah vor seinem geistigen Auge, wie sich sein Körper unter Ulamogs Masse auflöste, wie sich sein Gewebe in seine Bestandteile zersetzte, wie sein Fleisch von ihm wegdriftete wie die schwebenden Inseln Zendikars ...

Das war es, was dieser gesamten Welt widerfahren sollte. Der Eldrazititan verzehrte jeden Funken Kraft auf dieser Welt, vom Mana des Landes bis zu jedem einzelnen Lebewesen – langsam und unersättlich.

Wie in einer kurzen Vision sah Jace das Muster, das sich daraus entwickeln würde. Die Menschen Zendikars würden aus den verwüsteten Landstrichen fliehen und sich um Orte scharen, an denen noch Leben möglich war – um Verteidigungsanlagen oder bedeutende Landmarken herum. Und dann würde Ulamog seine riesige Gestalt zu diesen Versammlungsorten schleifen und sie in Grabstätten verwandeln.

Seetor.

Deshalb war Seetor von der Brut der Eldrazi angegriffen worden. Die Brut war der entfernteste Ausläufer von Ulamogs Einfluss, und sie suchte nach Ansammlungen von Lebewesen und nach Konzentrationen von Macht.

Bild von Slawomir Maniak

Nein, sie sucht sie nicht, dachte er. Sie wittert sie.

Ayli und der Kreis der Ewigen Pilger schlossen sich enger um sie. Sie hoben die eisernen Ketten und traten näher an Jace und Jori heran. Jori hielt die Hellebarde vor sich und schwang sie drohend hin und her.

Jetzt war nicht die Zeit für Zurückhaltung. Jace ging geradewegs auf einen der Pilger zu, einen Menschen mit grauen Bartstoppeln, der ihm im Weg stand.

„In Ulas Namen ...“, setzte der Mann an und wollte Jace in Ketten legen.

„Halt“, sagte Jace. Der Mann ging in Flammen auf.

Er schrie und ließ wild um sich schlagend die Ketten fallen. Wild drosch er auf sich selbst ein, um die Flammen zu ersticken, die ihn so plötzlich einhüllten. Sie wollten nicht verlöschen. Er warf sich zu Boden und rollte sich im Gras umher, doch es war vergebens. Er stöhnte vor Todesqualen.

Jace blickte all die anderen Ewigen Pilger an, und auch sie gingen in Flammen auf.

Wie aus einer Kehle kreischten sie auf und packten sich an die eigenen Leiber, wollten ihre brennenden Roben abwerfen, wanden sich am Boden oder rannten ziellos umeinander.

Jori und Jace waren nun nicht mehr eingekreist.

„Wie kommen wir hier raus?“, fragte Jace.

Joris Mund stand offen. „Äh – zurück in die Kluft. Wir können auf der anderen Seite wieder nach oben klettern.“

Als sie durch den engen Spalt eilten, flüsterte Jori ihm zu: „Wie ... ? Du bist kein Pyromagier.“

„Das Entscheidende daran ist“, sagte Jace, „dass sie das nicht wissen.“

Jori blickte zurück. Die Pilger hinter ihr standen mitnichten in Flammen. Sie klopften mit flachen Händen verzweifelt auf ihre gänzlich unversehrten Haut ein und rollten sich völlig ohne jeden Grund wie irr im Gras herum. Jace sah, wie sie ihm einen Blick zuwarf, und sie rannten weiter.


Jori und Jace rangen um Atem. In der Ferne zog Ulamog selbst sich in Richtung Seetor voran und wälzte sich über die Landschaft hinweg. Die Pilger hatten sich nicht weit von dem Objekt ihrer Verehrung entfernt.

„Ich habe noch nie zuvor einen Titanen gesehen“, sagte Jori.

„Ich auch nicht.“

Jace war klar geworden, was geschehen musste, und es gefiel ihm nicht. Nun musste er es Jori sagen und hoffen, dass sie es genauso sah.

„Nun gut. Wir haben unsere gesamten Vorräte auf dem Karren verloren . . .“, sagte Jori.

„Jori“, sagte Jace sanft.

„. . . Ich kann in den nächsten Tagen für uns jagen. Ich sollte in der Lage sein, uns zu Fuß zum Auge zu bringen. Wir werden um Hilfe bei der Überfahrt bitten müssen, und dann sind da noch die Zähne von Akoum. Aber ich habe Freunde unter den Tuktuk-Goblins, die uns vielleicht helfen können. . .“

„Jori, jemand muss sie warnen.“

„Wen warnen?“

„Die anderen in Seetor. Ulamog ist auf dem Weg zu ihnen. Gideon muss wissen, was auf ihn zukommt.“

„Und unsere Expedition zum Auge sollen wir abbrechen? Kannst du es ihm nicht einfach  . . .  sagen? Von hier aus?“

„Es ist zu weit für Telepathie.“

„Du könntest einfach  . . .  zurückgehen. Sofort. Du bist doch so jemand.“

„Das werde ich nicht tun.“

„Also was dann? Wir ... kehren einfach um?“ Die Flossen an Joris Hals legten sich in Falten. Einen Augenblick lang wandte sie sich ab und blickte zum Horizont, ehe sie sich wieder umdrehte, um ihn anzuschauen. „Na schön. Ja. Wir kehren um. Wir gehen so schnell wie möglich zurück. Und wir bereiten uns auf einen Kampf am Lager vor.“

„Du gehst“, sagte Jace.

„Was?“

„Du gehst zurück und warnst sie. Ich gehe zum Auge.“

„Du willst allein weitergehen? Jace, nein.“

„So muss es sein.“

„Aber das wirst du doch niemals schaffen!“

„Ich muss es schaffen.“

„Aber dann bist du ganz allein! Ich lasse dich nicht allein, unvorbereitet und ohne jedweden Proviant davonziehen.“

„Meine Illusionen werden mir Gesellschaft leisten.“

„Das ist nicht witzig. Komm. Du kehrst mit mir nach Seetor zurück.“

Jace fragte sich, ob sie überhaupt bemerkte, dass ihre Hand auf ihrer Hellebarde lag. „Hast du vor, mich dorthin zurückzuschleifen?“

„Wenn es nötig ist!“

„Ich dachte mir schon, dass du so etwas in der Art sagen würdest.“ Jace trat einen Schritt zurück. Er musste jede Möglichkeit bedenken. „Auf Wiedersehen, Jori.“


„Warte“, entfuhr es ihr. „Jace. Warte. Nein . . .“ Ihre Stimme verklang.

Jori schüttelte den Kopf und sah sich um. Das Lager war nun nicht mehr weit entfernt – noch ein Tagesmarsch, und sie würde dort eintreffen, um die anderen zu warnen. Sie war zügig vorangekommen, seit der Gedankenmagier sie nicht mehr aufhielt. Es war gerade erst ein paar Tage her, seit sie Jace überzeugt hatte

... Oder? ... Ja?

Sie runzelte die Stirn

. . . Ja.

Es war erst ein paar Tage her, seit sie Jace überzeugt hatte, ohne sie zum Auge aufzubrechen. Es war die klügste Lösung gewesen. Er musste einfach nur das große Ganze betrachten.

Sie hielt inne. Was hatte sie gerade zu sich selbst gesagt?

„Warte mal, Jace. Nein, oder?“

Bild von Adam Paquette

Sie blickte sich um und versuchte, sich zurechtzufinden. Der Himmel über ihr war so, wie er auch in den vergangenen Tagen gewesen war – weit und blau und voller Wolken und dem einen oder anderen schwebenden Polyeder. Der Himmel war so grenzenlos und doch auf ganz eigene Weise sonderbar wie eh und je. Sie spürte ein Unbehagen, so als hätte sich die Himmelskuppel gerade außerhalb ihres Blickfeldes irgendwie in eine neue Form gebogen. Sie drehte sich einmal um die eigene Achse. Das Gras und die Steine und die Bäume in der Ferne sahen so aus, wie sie aussehen sollten. Sie bemerkte ein Steinchen zu ihren Füßen. Sie trat danach.

Verdammt, Jace.“

Sie holte tief Luft und schüttelte den Kopf.

Sie rückte einen Riemen ihrer Rüstung zurecht und setzte ihren Weg nach Seetor fort.


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