Ein neues altes Tarkir

Veröffentlicht in Magic Story on 31. Dezember 2014

Von Kimberly J. Kreines

Kimberly J. Kreines is a creative designer new to the Magic team. But neither playing Magic nor writing are new to her. She has a penchant for dragons, the Oxford comma, and chicken tikka masala. In her opinion, all three are equally delightful.

Viele Jahre folgte Sarkhan Vol der Stimme in seinem Kopf – dem Flüstern Ugins, des Geisterdrachen. Endlich nun führte ihn Ugins Wispern zu etwas wahrhaft Erstaunlichem: einem flammenden Portal an Ugins Grab. Als er durch das Portal trat, ahnte Sarkhan noch nicht, dass er 1280 Jahre in der Zeit zurückreisen würde – in Tarkirs Vergangenheit.

Sarkhan hat ein Tarkir hinter sich gelassen, das ihm vertraut war und auf dem es keine Drachen gab, und er hat auch Narset zurückgelassen, seine Freundin und Seelenverwandte, die durch die Hand seines Feindes Zurgo den Tod fand. Nun hat es ihn ins Tarkir der Vergangenheit verschlagen. Und dort ist er allein.


Finsternis.

Stille.

Wo nun nur ein Herzschlag war, waren zuvor gleißende Flammen und ein donnerndes Brüllen gewesen.

Das Brüllen hatte sich seiner eigenen Kehle entrungen. Noch immer stand ihm der Mund offen, und noch immer strömte sein Atem daraus hervor – wenn auch nur noch als lautloses Ausatmen. Es war, als hätte man ihm die Stimme aus der Brust gerissen und die Welt unter den Füßen weggezogen.

Nur einen Wimpernschlag zuvor war er über Ugins Knochen auf die Flammen zugehetzt. Doch nun stand er reglos in der Dunkelheit einer weiten, verschneiten Temur-Tundra. Unter seinen Sohlen leuchteten keine Knochen mehr. Und das Feuer?

Sarkhan wandte sich um und schaute in die Richtung, aus der er gekommen war.

Kein flammendes Tor.

Zurgo war nicht hier. Sie war nicht hier.

Narset.

Ihm stockte der Atem.

Sie hätte nicht sterben dürfen.

„Warum?“ Dieses Mal war seine Stimme zu hören. Der Schmerz darin verhallte in der stillen Nacht. „Warum musste sie sterben?“

Keine Antwort.

Da war gar nichts. Die Erkenntnis bescherte Sarkhan einen heftigen Schwindel. Überhaupt nichts. Das stete Flüstern, der unaufhaltsame Strom von Ugins Worten in seinem Kopf – die Stimme war fort!

Die unvermittelte Stille war verwirrend. Ohne das Flüstern des Drachen, das ihn vorwärtstrieb, geriet Sarkhan ins Wanken. Er lehnte sich auf seinen Stab, doch dieser vermochte ihn nicht so zu stützen, wie Ugins Worte es getan hatten.

Die Welt schwankte, und Sarkhan stolperte keuchend über den verschneiten Boden.

Bild von Eytan Zana

Die endlose Weite vor ihm und die Leere in ihm waren erdrückend.

„Ugin!“, rief er.

Er wartete auf eine Antwort, doch es kam keine.

„Wo ... bist du?”, brachte er mühsam hervor. „Wo bin ich?“

Nichts.

Alles drehte sich um ihn, und er fiel auf die Knie. Klappernd landete sein Stab auf dem felsigen Untergrund. Der Splitter des Polyeders aus dem Auge Ugins leuchtete selbst in dieser ansonsten so undurchdringlichen Finsternis. Mit zitternden Fingern fuhr er über den Splitter. Ugin war hier. Natürlich. Er war immer hier. „Ugin“, flüsterte Sarkhan. „Bitte.“

Nichts.

Nichts.

„Nein!“ Wie konnte da wirklich nichts sein? Wie konnte der Drache ihn in diesem Augenblick – nach allem, was gewesen war, nach all den Welten, nach all den Jahren, nach all dem – nun einfach so verlassen?

„Sprich mit mir!“, schrie Sarkhan. Er packte sich mit beiden Händen an den Kopf und versuchte flehentlich, die Stimme zu einer Rückkehr zu verlocken. „Ich bin durch das Tor gegangen. War das nicht das, was du wolltest? Das war es doch! Ich weiß es! Warum hast du mich dann verlassen?”

Als Antwort umfing ihn eine ohrenbetäubende Stille, die ihn zu ersticken drohte.

Sein Locken wurde zu einem Zerren, einem verzweifelten Reißen und Ziehen an seinem eigenen Haar. Der Schmerz durchzuckte seinen Schädel, doch noch immer erhielt er keine Antwort. In seinem Kopf herrschte nur friedvolle Stille.

„Ha!“ Ein bellendes Lachen drang aus Sarkhans Kehle und durchbrach die Stille um ihn ebenso wie alle Dämme in ihm: Er verfiel in Hysterie.

Welcher Hohn! So lange hatte er das Wispern fortgewünscht und sich gegen seine Anziehung gesträubt, und nun da es endlich verschwunden war – „Das kannst du nicht tun! Hörst du mich? Du kannst jetzt nicht schweigen!“ Er fuhr sich mit einer nassen Hand über den Mund und zog Fäden mit seinem Speichel. „Sie ist hierfür gestorben.“

Wofür?

Das wusste nur der Drache.

„Warum? Warum hast du mich hierhergeschickt? Wo bin ich? Sprich mit mir!“

Ein plötzliches Donnergrollen – eine Antwort? – zog Sarkhans Blick nach oben. Was er sah, ließ ihn taumeln.

Wuchtige, massive Gebilde aus leuchtenden Wolken türmten sich am Himmel auf. Sie erstreckten sich einer Bergkette gleich von einem Ende des Horizonts zum anderen. Mit einem scharfen Knall schoss ein grüner Blitz von einem der Grate dem Erdboden entgegen. Ihm folgte ein weiterer. Und noch einer. Die Blitze zuckten und zischten, als wollten sie die Nacht selbst in Brand setzen.

Dann brachen die Wolken plötzlich auf. Wie ein Sturzbach ergoss sich gefrorener Regen über Sarkhan, prasselte ihm ins Gesicht und stach ihm in die Augen. Doch er wandte den Blick nicht ab – er konnte ihn nicht abwenden –, denn die Wolken erwachten gerade zu aufgewühltem Leben.

Die Hänge und Gipfel krochen übereinander. Schiebend und drängend rangen sie um Raum. Sie hieben mit langen Schwänzen nacheinander, schnappten mit den Kiefern und rissen mit scharfen Klauen das Firmament entzwei.

Er dachte, er sah da – nein, das konnte nicht sein. Sarkhan blinzelte und nahm schützend eine Hand vors Gesicht. Oh, doch! Doch!

Ein Schwingenpaar!

Die breiten, ledrigen Gliedmaßen peitschten heftiger und heftiger gegen den Sturm an und erzeugten Welle um Welle tiefen, grollenden Donnerns. Sie mühten sich, an Form zu gewinnen, verkrümmt und verzerrt und zerfasert. Die Gestalt fügte sich zusammen, als sie hinter den Schwingen auftauchte. Sie öffnete das Maul und stieß ein gewaltiges, klangvolles Brüllen aus.

Ein Drache!

Bild von Véronique Meignaud

Sarkhan griff nach seinem Stab und zog sich auf die Füße, nur um erneut auf die Knie zu fallen, nach Atem zu ringen und sich an die Brust zu greifen, denn es schien ganz, als wollte sein Herz seine Rippen durchbersten.

Ein zweiter Drache wurde aus dem Sturmwind geboren, und danach ein dritter.

Sie waren wundersam, glanzvoll, majestätisch. Sie waren Drachen, wie er sie noch nie gesehen hatte.

Tränen quollen aus Sarkhans Augenwinkeln, und als sie ihm die Wangen hinabrannen, vermischten sie sich mit dem nachlassenden Regen. Er blinzelte sie fort, da sie ihm die Sicht trübten, und er wollte es doch sehen. Er musste es doch sehen.

Die gewaltigen Bestien tollten am Himmel umher. Gerade erst flügge geworden erprobten sie ihre Kräfte. Sie rasten über den Himmel und verhakten in wilden Kämpfen ihr Gehörn ineinander – sie hatten ein Gehörn! Sarkhan lachte voller Freude auf. Die Drachen auf Tarkir hatten ein Gehörn!

Drachen auf Tarkir.

Das war nicht möglich.

Eine Vision. Ein Traum. So musste es sein.

Und dennoch ...

Sarkhan tastete nach unten, um sich abzustützen, und legte die Hand flach auf den schneebedeckten Felsen. Er griff in die weiße, nasse Masse und quetschte sie zwischen den Fingern, bis ihm die Hand taub wurde.   

Fühlten sich Visionen so kalt an?

Konnten Träume seine Finger so klamm werden lassen?

Ein schrilles Kreischen aus großer Höhe stach ihm in die Trommelfelle. Der Laut war nahezu greifbar. Er war so echt wie der Schnee.

Sarkhan blickte zu den prächtigen Geschöpfen dort droben am Himmel hinauf. Ein Dutzend waren es nun – nein, zwei – mehr.

Ihre Schwingen schlugen gegen die Nacht an und sandten wirbelnde Böen zu jener Stelle hinab, an der Sarkhan kniete. Tief sog er den scharfen, von ihrer Witterung schwangeren Wind ein. Er durchdrang ihn, füllte seine Lungen und umfing seine Seele. Da spürte er die volle Wahrheit. Es gab Drachen. Sie waren echt. Und sie waren hier.

„Wo?“ Er flüsterte die Frage, obgleich er sie nicht der Stimme in seinem Kopf stellte oder gar eine Antwort erwartete. Er kannte die Antwort. Narset hatte sie ihm gegeben. Sie stammte aus den alten Schriften: Schaue in die Vergangenheit und öffne das Tor zu Ugin.

Der flammende Torbogen.

Er hatte das Tor geöffnet.

Dann war er hindurchgegangen.  

Und es hatte ihn in die Vergangenheit geführt. Hierher.

In das alte Tarkir. In das Tarkir der Drachen.

Ihm schwoll die Brust. „Ugin. Ich danke dir.“

Über ihm brüllten die stolzen Himmelsbestien, und Sarkhan stimmte in ihren Chor ein.


Wie lange hatte er ihrem Flug – verspielte, träge Kreise am Himmel – zugesehen? Sarkhan wusste es nicht. Er würde für immer in ihrem Schatten wandeln und dabei nicht die geringste Reue verspüren. Dies war sein Weg, der Weg, den Ugin für ihn bereitet hatte, der Weg der Heilung für seine Welt. Hier. Höre. Heile.

Die Drachen kannten den Weg.

„Zeigt ihn mir.“

Sie mussten ihn gehört haben, denn ihr Flug wurde schneller und zielgerichteter.

Sarkhan eilte ihnen nach und rannte über das verschneite Grenzland, ein hastiges, unbeholfenes Taumeln. Er stolperte über Steine und verfing sich in herabgefallenen Ästen, waren seine Augen doch auf den Himmel und nicht auf den Boden vor sich gerichtet. Er weigerte sich, den Blick von den wunderbaren Kreaturen abzuwenden, die dort schwebten.

Er erkannte, dass die Drachen rastlos und hungrig waren. Sie schnappten gegenseitig nach ihren Hälsen und ihren Schwänzen. Die beiden, die den Schwarm anführten, waren in einen Kampf verwickelt. Sie schlugen Rollen am Himmel, fauchend und spuckend, um ihre Überlegenheit zur Schau zu stellen.

Ihr Flug verzückte Sarkhan, doch gleichzeitig spürte er, wie unbedeutend ihr Treiben war. Er fühlte etwas anderes nahen. Etwas viel Gewaltigeres. Die Macht der Schlüpflinge, die erst kurz auf dieser Welt weilten, war derart begrenzt, dass sie verglichen mit dem, was sie gleich begegnen sollten, im Grunde völlig nichtig war.

Er hockte sich auf den Stumpf eines umgestürzten Baumes, als sie heranschwebte. Aus den dunklen Ranken der Nacht geboren war sie der erstaunlichste Drache, den Sarkhan je gesehen hatte.

Bild von Karl Kopinski

Ihr tierhaftes Gebrüll, ohrenbetäubend und allumfassend, hüllte die gesamte Weite der Tundra Tarkirs ein.

Wie ein einziges Tier wandten die Jungdrachen ihre Aufmerksamkeit jenem majestätischen Wesen zu. Ein Wimpernschlag ihrer riesigen gelben Augen reichte, und jegliche Spur ihrer Raufereien untereinander war verflogen. Die alte Echse umkreiste die Brut schnüffelnd und stieß hin und wieder einen Schlüpfling mit der Schnauze an. Abschätzend. Einladend.

Als sie mit ihrer Musterung zufrieden war, schnaubte sie und setzte sich an die Spitze des Schwarms. Die Jungdrachen reihten sich hinter ihr ein.

Sie brüllte erneut und riss die Nacht entzwei.

Ihre Drachen – und es stand außer Frage, dass dies ihre Drachen waren – antworteten mit lautem Kreischen und Schreien.

Ordnung wurde hergestellt und ein Ziel vermittelt. Sie war gekommen, sie anzuführen. Und nun würden sie auf die Jagd gehen.

Sarkhan schwankte zum Rand eines Steilhangs, von wo aus er die Drachen mit Blicken verfolgte, wie sie geordnet in ein Tal hinabstießen. Er warf sich auf den Bauch und umklammerte die Kante – der perfekte Aussichtspunkt, um den Raubzug zu beobachten.

Dort drunten im Talbecken befand sich ein kleines Lager. Schon liefen aufgebrachte Gestalten wild durcheinander. Sie mussten den Schrei der Anführerin gehört haben – jenen Schrei, der die Nacht verschlungen hatte. Es war jedoch kein Schrei der Warnung gewesen, sondern vielmehr ein Schrei endgültiger Entschlossenheit. Es war unerheblich, wie schnell sie rannten: Den Bestien würden sie nicht entkommen können.

Der Schwarm kam wie ein flammender Pfeilhagel über sie. Der lodernde Odem der Anführerin leitete den Angriff ein. Der Feuer der Jungdrachen folgte in kurzen Stößen, als sie ihre Fertigkeiten auf die Probe stellten und ihr blutiges Handwerk lernten.

Und dann waren sie am Boden. Reißend und zerfetzend. Sie gruben die Zähne in Fleisch, stießen stolz mit dem Gehörn zu und peitschten unbarmherzig mit den Schwänzen. 

Es war ein Tanz, eine eingeübte Vorstellung. Wieder und wieder schwangen sie sich in die Luft, um sogleich wieder auf das Lager herabzustürzen und neue Beute zu schlagen.

Oh, diese Macht!

Sarkhan labte sich an ihr. So sollte die Welt sein! So sollte Tarkir sein.

Glorreich!

Einer der Jungdrachen kam bei einem seiner Aufstiege Sarkhan gefährlich nahe. Dieser hielt dem stechenden Blick aus dem gelben, brennenden Auge stand.

In diesem Moment berührte der Drache Sarkhans innerstes Wesen. Er hieß ihn auf seiner Welt, in seinem Schwarm willkommen.

Seine Verwandlung begann ohne einen bewussten Gedanken oder eine Zustimmung seinerseits, doch er hieß die vertrauten Gefühle willkommen: den Druck von Schwingen auf dem Rücken, die scharfen Zähne seines spitzen Mauls und den Rausch, die Welt durch Drachenaugen zu sehen.

Er stampfte mit seinen Klauenfüßen auf und breitete seine Schwingen aus. Er würde sich ihrem Raubzug anschließen. Hier und jetzt würde Sarkhan Vol endlich mit den Drachen von Tarkir fliegen.

Er schlug mit den Schwingen und wollte sich in den Himmel erheben, doch es kam nicht so weit. Eine magische, leuchtende Klaue zuckte durch die Luft wie ein blauroter Blitz und traf die Flanke des Jungdrachen.

Dieser kreischte vor Schmerz auf, fiel an Sarkhan vorbei nach unten und stürzte zu Boden.

Die rote Klaue schlug erneut zu. Diesmal schlitzte sie den Bauch der Kreatur auf. Und gleich danach verteilte sie die Eingeweide des Drachen unbarmherzig im Schnee.

Es folgte ein dumpfes Knurren, und ein gewaltiges Ungeheuer – ein Säbelzahn von einer Größe, die sich Sarkhan nie hätte träumen lassen – sprang den Drachen an. Der Kampf war zu Ende, ehe er begonnen hatte.

Sarkhans Herz setzte einen Schlag aus.

„Los! Lauft!“ Es war eine menschliche Stimme, die durch den Lärm des Blutbads drang. Sarkhans Drachenohren nahmen sie wahr, doch die Sprache ergab keinen Sinn.

„Ich halte sie auf!“ Dieses Mal zogen ihn die Worte und ihr Klang – stark, fest – näher an sein menschliches Bewusstsein zurück.

Er wandte sich dem Ursprung des Ausrufes zu und bleckte die Zähne.

Bild von James Ryman

 „Schnell!“ Es war eine Frau, die dort sprach, eine menschliche Frau, die in der Mitte der Mulde stand. Sie trug eine Plattenrüstung und das Fell eines Mastodons um den Hals. Ihre Schultern und Arme waren mit Drachenhörnern bewehrt. Sie war es auch, die die blutrote Klaue schwang.

Während sie den anderen zurief, Schutz zu suchen, hieb sie ihre brennende Klaue in die Schwinge eines zweiten Schlüpflings, der sich gerade an einem Menschen gütlich tat.

Der junge Drache fuhr zusammen. Instinktiv wollte er fliehen, doch mit einem gebrochenen Flügel war es ihm unmöglich, sich zum Himmel aufzuschwingen. Er krächzte jämmerlich und zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Die Kriegerin verschwendete keine Zeit. Als sich der gefallene Drache ihr zuwandte, spaltete sie ihm das Gesicht vom Auge bis zum Kiefer. Er brach zu einem zuckenden Haufen zusammen.

„Nein!“ Der Schrei entrang sich Sarkhans Lippen – denn nun besaß er wieder Lippen. Sein Maul war verschwunden, seine Schwingen waren verschwunden, der Augenblick war fort. Diese Frau und ihre Bestie hatten ihn gestohlen.

Sie wandte sich mit ihrer riesigen Raubkatze um, um einen weiteren Drachen zu töten, doch weder sie noch ihr Säbelzahn landeten einen Treffer, denn ein gewaltiger Flammenstoß, der unaufhörlich aus dem Maul des dominanten Drachenweibchens strömte, fuhr durch die verschneite Mulde.

Die Frau floh vor den Flammen.

Die Überlebenden stoben auseinander.

Die Anführerin brüllte dumpf und rief ihre Jungdrachen so zum Himmel hinauf.

Und unter dem Schlagen von Schwingen und kreischendem Geschrei machte sich der Schwarm in die Nacht davon.

Sarkhan taumelte zurück. Finstere Gefühle brodelten in ihm, und ein brennender Hass brachte sein Blut zum Kochen. Er würde sie töten. Er würde sie hierfür vernichten!

Er griff nach seiner Klinge und machte sich daran, von der Klippe zu springen, als etwas ihn aufhielt.

Eine Stimme. Als die Drachen lebten, herrschte Gleichgewicht. Eine ruhige, sanfte Stimme. Die Welt litt keinen Schmerz.  Eine Stimme voller Weisheit. Als die Drachen lebten, waren alle, die Tarkir ihre Heimat nannten, größer.

Die Worte ließen ihn innehalten.

Er blickte zu der Kriegerfrau, die einzige Gestalt, die in der gesamten Mulde noch auf den Beinen stand. Sie verwendete die leuchtende, rote Klaue am Ende ihres Stabes, um ein Symbol in einen großen Felsen zu ritzen.

Sarkhans Wut wurde zu ... ja, wozu? Erstaunen? Begeisterung?

Sie war groß. Größer als irgendein Mensch, den er jemals gekannt hatte. Sie war die Überlebende – nein, die Triumphatorin! – in einem Kampf gegen Drachen. Drachen! Gänsehaut breitete sich auf Sarkhans Armen aus.

Er sah zu, wie sie die Mulde abschritt und weitere Symbole, die ihren Sieg verkündeten, in die Felsen ritzte.

Sie hatte sich das Recht auf dieses Ritual erstritten.

Bild von Winona Nelson

„Es ist so, wie du gesagt hast. Die Klane sind stärker, die Menschen mächtiger.“ Sarkhan wandte sich um, um Narset das zu sagen. „Es ist perfekt.” Doch sie war nicht da.

Er schluckte den neuerlichen Anflug von Schmerz herunter.

Sie hätte nicht sterben sollen.

Sie hätte dies hier sehen sollen. Sie hatte es verdient, dies hier zu sehen.

Und das würde sie auch. In jenem Augenblick beschloss Sarkhan, genau dies herbeizuführen. Er würde wirklich alles in seiner Macht Stehende tun, um dafür zu sorgen, dass Drachen auf sie warteten, wenn ihre Zeit erneut kam und sie wieder auf Tarkir lebte.

Er lächelte bei dem Gedanken an Narsets neues Schicksal. Sie würde mit den Drachen aufblühen, um stark und mächtig zu werden. Und sie würde nicht durch Zurgos Hand den Tod finden. Denn nichts davon war bereits geschehen. Keiner der Fehltritte. Keines der bedauernswerten Ereignisse.

Die Vergangenheit war nicht länger die Vergangenheit. Sie war einfach ... fort.

Für immer. 

Sarkhan spürte, wie die Last all der Jahre ihm von den Schultern abfiel. Hunderte? Tausende? Er wusste es nicht. Doch sie waren dahingeschmolzen, als er durch Ugins Feuer geschritten war.

So vieles lag nun vor ihm.

Dies war ein neuer Anfang. Ein neues Tarkir. Sein Tarkir.


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